Götter und Freunde - damals und heute

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Theor Rastan

Götter und Freunde - damals und heute

Beitrag von Theor Rastan »

Eins
Wir stehen und lauschen. Das leise flackern der Fackel um die Biegung, ein regelmäßiges tropfen, sonst nichts.
Die Luft ist feucht und modrig, kaum Licht, um etwas zu erkennen.
Wir sind sehr erfahren was das gemeinsame herumschleichen angeht, nicht jedoch, wenn es darum geht, fremde Höhlen, in denen seltsame Wesen hausen sollen, zu erkunden.
Ich frage mich, ob mein Herzklopfen zu hören ist, als Leor mir wortlos deutet, einen Blick zu wagen. Wir standen beide noch nie etwas gegenüber, das uns wirklich töten wollte. Leor scheint es kaum erwarten zu können. Er ist ein wenig anders denke ich kurz, als ich mich vorbeuge. Nichts zu sehen, nirgendwo. Ich nicke Leor zu und wir gehen weiter.
Wir haben erst kurz zuvor bei einem örtlichen Schmied unsere kupfernen Kettenrüstungen erworben. Sie sind schlecht verarbeitet, rasseln, reiben - ich hasse sie. Natürlich, bin ich doch weitaus besseres gewohnt.
Die nächste Biegung. Als wir ein Grunzen hören verharren wir augenblicklich und schauen uns an. In seinem Gesicht zeichnet sich ein erfreutes Grinsen ab, meine Miene bleibt ernst. Ich spüre die Angst in mir hochsteigen. Ich war schon immer glücklich darüber, Angst zu kennen. Sie hält einen Wach und konzentriert, man nimmt alles besser war, der ganze Körper stellt sich darauf ein, zu reagieren. Wir wissen es nicht besser, also zählen wir still bis drei und springen dann Schreiend und mit gezogenen Schwertern um die Biegung, auf das verwirrte Wesen zu.
Ein Monster ohne Kopf? Ich bin verwirrt, als ich es sehe. Soll ich stehen bleiben und es auslachen? Glücklicherweise tue ich es nicht - seine Empfindsamkeit ist hoch und gleich nach der Überraschung verteidigt es sich brutal. Doch sind wir gut aufeinander eingespielt und es liegt bald tot am Boden. Jetzt grinse auch ich und knie mich neben das Wesen, um einen Blick auf seinen Gürtel zu werfen. Der Gestank ist furchtbar, aber es hat Gold bei sich. Gerade als ich aufschaue kommt noch eines dieser Wesen aus einem tiefen Schatten und greift Leor an. Ich habe kaum Zeit, aufzustehen und mein Schwert zu ziehen, bis ich Leor höre. "Alatar gebe mir kraft!" brüllt er und hiebt sein Schwert in die Seite des Wesens. Alatar? Nachdenklich mustere ich Leor, wie er sein Opfer durchsucht.
Sicher habe ich mich nur verhört.

Zwei
"Verdammt, er war doch gerade noch hier" dachte ich, als ich hinter den großen Busch rannte, bereit dazu, Leor zu überwältigen. Ich schaute mich lange um und schlich dann etwas tiefer zwischen die Bäume. Keinen Laut gab ich von mir, meine Augen waren überall, dennoch konnte ich nichts entdecken. Dann plötzlich hinter mir ein Knacken, blitzartig drehte ich mich um, aber wieder nichts, und dann wurde ich auf einmal von einem Schlag auf den Boden gerissen. Der hysterisch lachende Leor kniete halb auf mir. Ich biss die Zähne zusammen und wuchtete ihn von mir runter, um dann seine Arme packen zu können. Jedoch war er schnell genug, um mir auszuweichen und versuchte dann, aufzustehen. Ich packte seine Beine und er kippte wie ein gefällter Baum in den Dreck.
Erst der Ruf meiner Mutter unterbrach unsere Rauferei. Das Essen war fertig, und der Gedanke ans Essen entfachte einen wettlauf zum Haus.
Unsere Väter waren Kaufmänner und Handelspartner. Oft mussten sie gemeinsam in ferne Städte reisen, um Verträge zu schließen, und dann aßen wir und unsere Mütter immer gemeinsam in unserem Haus.
Ich kann mich nicht erinnern, Leor nicht gekannt zu haben. Wahrscheinlich trugen unsere Mütter uns schon gemeinsam spazieren, als ich ein neugeborenes und er 3 Jahre alt war..
Während mein Vater und ich uns wundervoll verstanden, hatten Leor und sein Vater ein sehr gespanntes Verhältnis. Es kam nicht selten vor, dass er plötzlich aufgelöst oder mit einem blauen Auge bei uns auftauchte. Ich fragte dann nie, was geschehen war und er erzählte es nicht. Er wusste einfach, dass ich bescheid weiß. Wenn ich ihm vom letzten Ausritt berichtete, sah ich oft, wie sich sein Blick verdunkelte. Sicher dachte er dann an seinen Vater. Wenn das passierte lenkte ich immer schnell ab und gab ihm so viel ich konnte von dem weiter, was ich gelernt hatte.
Unsere tiefe Freundschaft löste sich erst ein wenig, als ich mit 12 zu Verwandten in der Stadt geschickt wurde. Ich sollte dort das Stadtleben kennenlernen und bei verschiedenen Meistern, die mein Vater bewunderte, Unterricht nehmen. Fast zwei Jahre blieb ich weg, und als ich wieder nach Hause kam, hatten wir uns beide sehr verändert. Leor war auf einmal so überheblich und dunkel, dass es für mich auf eine gewisse Art schwer wurde, bei ihm zu sein. Ich war erwachsener geworden, hatte zwar kaum neues über das Kämpfen, aber viel über Manieren, Höflichkeit, Tanz und Warenhandel gelernt, und ich war einem Paladin begegnet. Noch nie war ich von nur einem Mann so beeindruckt. Selbst mein Vater wirkte gegen den Paladin klein, schwach und dumm. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, als er zusammen mit dem Grafen der Stadt die Hauptstraße entlang wanderte. Ich fragte nach dem seltsamen Wappen, das er trug, da ich es noch nie zuvor gesehen hatte, und ein älterer Mann erklärte mir, dass der Paladin von weit her kam, von der Insel Gerimor, und dort dem Orden Temoras angehörte.
Jedes mal, wenn ich von dem Paladin erzählte, schaute mich Leor bitter an. Es dauerte nicht lange, bis wir uns fast vollkommen aus den Augen verloren.

Drei
Als ich mich kurz zu ihm drehe, sehe ich die Verachtung in seinem Blick. Mein Kampfstil war ihm schon immer zu technisch, einfach nicht brutal genug.
Mit einem gezielten Hieb erlöse ich das Wesen von seinem Elend, und seinem Kopf. Natürlich weiß ich, wie Leor das klatschen, das er danach kurz erschallen lässt, eigentlich meint, doch interessiert es mich nicht. Nicht, weil ich die "Kritik" eines Freundes nicht zu schätzen weiß, sondern weil ich den Unterschied zwischen konstruktiv und destruktiv kenne. Also erwidere ich es mit meinem Lächeln.
Als Leor dann ein sauberes Stück Stoff hervorholt bemerke ich erst die blutende Wunde an meinem Hals.
Es wird still in der Höhle, wir lauschen ob ein Geräusch diese Stille trübt, doch als wir nichts bemerken, tritt Leor lächelnd auf mich zu. "Sag, Theor, alter Freund. Wer versorgt eigentlich deine Wunden? Temora sicherlich nicht. Bisher ist es nur ein Diener Alatars, der dir beisteht.". Mitleid regt sich in mir, wie jedes mal. Als ich meinen Mund öffne und antworten will, verhindert er das sofort. "Stets suchst du nach etwas, das sich Ehre nennt." - die Verachtung in seiner Stimme ist bei dem Wort "Ehre" über-deutlich - "Ehre und anderen sinnlosen Idealen, welche dir eher den Tod bringen, anstatt auch nur ein Ziel zu vermitteln. Verwirrt rennst du für den Rest deines Lebens im Namen eines Gottes umher, um dann noch nicht einmal ein erfülltes Leben zu finden. Schau, Theor, es ist ganz einfach..."
Wie immer höre ich ihm Geduldig und Mitleidig zu. Die Höhle ist jetzt so still, dass ich Leors Atem hören kann, und beim Ausatmen bildet sich weißer Nebel. Ich ziehe meinen Umhang fester um mich, als mein verschwitzter Körper langsam auskühlt.
"Alatar ist derjenige, der mein Herz erfüllt, der mir Hoffnung gibt. Alles was ich getan habe und tun werde liegt in seinen Händen, und all meine Fehler werden mir vergeben. Temora dagegen... Alter Freund, du brauchst nur einen falschen Schritt zu tun und schon wird deine Seele für alle Ewigkeit verdammt. Ist es das wirklich Wert, für einen solchen Gott zu leben?"
Ich lächle ihn an. Ich weiß, dass Temora immer bei mir ist, doch wie kann ich es ihm nur zeigen? Bevor ich meine Worte gewählt habe ertönt auf einmal Geschrei. Ruckartig drehen wir uns in die Richtung, aus der es kam und sehen noch eines dieser Wesen. Bevor es reagieren kann, hat Leor sein Schwert gezogen und das Wesen rennt direkt in sein Klinge und stirbt qualvoll.
Der Wahn in Leors Augen macht mich unruhig. Seine Stimme bebt leicht, als er mich ansieht. "Siehst du es, Theor? Siehst du, was es bedeutet, wahre Macht zu haben?".
Er stemmt seinen Fuß auf die Brust des Wesens und zieht mit einem Ruck sein Schwert aus dem eklen Leib, wobei ich das leise murmeln "Entdecken..." höre.

Vier
Mein Vater ritt regelmäßig mit mir aus, und ich liebte es. Ich liebte es zu reiten, meinem Vater zuzuhören, während er vom Leben in der Wildnis berichtete, über Metalle sinnierte, mir von einer neuen Kampftechnik erzählte, die er irgendwo gesehen hatte, dabei die wundervolle Landschaft und das Leben in den Wäldern zu beobachten, abends ein Feuer zu machen und darüber unsere Jagdbeute zu braten, unter freiem Himmel zu schlafen. Der Wald ist einfach ein wunderbarer Ort, seine Sinne zu erkunden. Man hört das leise Knistern und Stampfen unter seinen Stiefeln, Vögel in den Bäumen und Insekten zwischen ihnen, den Wind, der durch das Blätterdach weht. Der Duft von Holz und Erde steigt einem in die Nase. Man spürt die Konturen der Rinde das Baumes, über den man seine Finger gleiten lässt. Man schaut auf und sieht, wie die Sonne zwischen den immer bewegten Blättern zu flackern scheint. Und neben mir immer mein Vater.
Jeder Ausritt wurde bei ihm zum Unterricht. Vogelkunde, Schmiedekunst, Holzarten, Schlachttaktik - er schien einfach alles zu wissen. Oft prüfte er mein Wissen der bisherigen Ausritte, und es waren strenge Tests. Erfüllte ich nicht seine Erwartungen, musste ich den Rest des Tages sein Gepäck tragen oder etwas in der Art, und mir dabei seine Witze anhören. Mit manchen brachte er aber sogar mich zum lachen.
Manchmal musste er für lange Zeit fort, und in diesen Zeiten vermisste ich unsere Ausritte sehr. Dann saß ich oft in seinem großen Arbeitsraum in einem seiner teuren Sessel und las seine Bücher, um wenigsten selber etwas neues herauszufinden, mit dem ich ihn dann später beeindrucken konnte.
Mein Vater wusste zwar alles über Schwertkampf, was man theoretisch wissen konnte, aber praktisch war er nie sonderlich begabt. Er wartete lange, bis er auch darin mit dem Unterricht anfing - ein scharfer Verstand ist wertvoller als das schärfste Schwert sagte er mir immer, wenn ich statt Sprachunterricht zu machen lieber rausgehen und kämpfen üben wollte - und als wir dann endlich regelmäßig mit dem Schwert trainierten, war ich schnell besser als er.

Fünf
Es war ein langer, schwerer Tag und wir entschließen uns, unsere müden Glieder bei einem guten Krug Bier und alten Geschichten zu entspannen. Als wir die Taverne Bajards betreten, ist es uns unmöglich, den riesigen Mann, ganz in Felle gehüllt und das Gesicht mit einem Wolfskopf verborgen, der an einem der Tische sitzt, zu übersehen. Und natürlich Erinna. Ich war ihr immer noch sehr dankbar. Wenige Tage zuvor hatte sie noch Leor und mir eine große Hilfe erwiesen, als sie mit einem gekonnten Schuss mit ihrem Bogen eines der riesigen Spinnenwesen, die in den Wäldern vor Bajard hausen, niederstreckte, nachdem es Leor bewusstlos gestochen und mich schwer verwundet hatte. Gleich danach brach der Brand aus und das seltsame, geflügelte Wesen erschien. Jetzt stand sie da und lächelte uns fröhlich an.
Während ich sie herzlich begrüße, da ich mich herzlich freue, sie wieder zu sehen, sind Leors Worte nicht freundlich, oder vielleicht auch nur schlecht gewählt - ich sehe wie er verkrampft. Irgendetwas beschäftigt ihn wegen Erinna, er kann nicht ohne Grund so sein. Der große Mann und seine Begleiterin sind mit Erinna hier, sogar ihre Eltern, doch erfahren wir das erst, als Erinna die Taverne verlässt und die Dame Leor fragt, wie er dazu kommt, so mit Erinna zu sprechen und eine Entschuldigung fordert. Sie ist Caillean Hinrah, Clansführerin und Ziehmutter Erinnas. Was ich dann alles höre kann ich nur schwer glauben. Leor war schon immer, nunja, forsch, doch dieses Maß an Unhöflichkeit... Ich mische mich mit freundlichen Worten ein gebe Leor, als ich meine Hand auf seine Schulter lege und fest zupacke, meinen Missmut zu verstehen, doch es nützt nichts.
Ich bin kurz davor, ihn in der Taverne zurück zu lassen, als sich der Riese erhebt und in den Streit einmischt. Die Situation droht ernst zu werden und ich kann ein kleines Seufzen nicht unterdrücken, als ich mich zwischen Leor und den Mann stelle. Gewiss, er ist gut zwei oder drei Hand breit größer als ich und fast doppelt so breit, doch kann ich, trotz meiner Enttäuschung, einen Freund nicht seinem, in diesem Augenblick scheinbar sicheren, Schicksal überlassen. Und auch jetzt noch ist Leor ungewillt, seine Schuld einzugestehen. Wie überheblich er mittlerweile ist...
Es ist unser Glück, dass Falk Hinrahs, so ist der Name des Riesen, Sinn nicht nach Kampf strebt und ich entschuldige mich, als wir endlich die Taverne verlassen.
Draußen spüre ich wirkliche Wut auf Leor, etwas, das ich nur sehr selten spüre, daher marschiere ich wortlos davon.



Sechs
Das letzte mal, das ich meine Vater sah, war bei einem kleinen Kampftraining, gleich bevor er wieder für einige Wochen verreisen musste. Ich brauchte nicht lange, um die Überlegenheit zu gewinnen und ihn dann zu schlagen, und mein Vater lachte stolz. Von dieser Reise kam er niemals zurück. Am Tag, als wir ihn zu Hause erwarteten, erschien er nicht. Die Woche darauf auch nicht. Gegen den Willen meiner Mutter ritt ich los, um nach ihm zu suchen. Ich wusste, wo er hinreisen wollte, und kannte den Weg, also ritt ich langsam unter den Bäumen her. Ich musste gleich an die Ausritte mit meinem Vater denken.
Ich fand ihn nie. Alles, was ich mit nach Hause brachte, war sein Pferd, das mich während einer Rast fand.
Meine Mutter reagierte überraschend. Ich bereitete mich darauf vor, sie lange Zeit weinen zu sehen, doch alles was sie tat, als ich wieder kam, war beten. Sie betete schon immer viel, doch jetzt...
Während mein Vater der war, der mir alles "Irdische" zeigte und lehrte, fühlte meine Mutter sich zuständig, mir alles über den Glauben zu zeigen. Sie erzählte mir die Geschichte unserer Welt, beschrieb mir die Götter, und wofür sie standen. Besonders am herzen lag ihr Phanodain, und sie hasste Alathar. Als Kind konnte ich es nie verstehen, Panther sind doch wunderbare Wesen, ihr Fell so wunderschön. Hätte meine Mutter nicht meinen Vater kennen gelernt, dann wäre sie Templerin geworden.
Sie brachte mir lesen und schreiben bei, damit ich mit ihr zusammen die alten Bücher studieren konnte. Ich denke mir ist nie etwas Langweiligeres aufgedrängt worden. Doch als ich auf das Pferd meines Vaters sah und mir bewusst wurde, dass er Tot ist, war ich unglaublich dankbar für all diese Stunden, in denen sich ein unerschütterlicher Glaube an die Götter in mir gebildet hatte, denn es gab nichts, das mich auf dem langen Ritt nach Hause so hätte beruhigen können, wie meine einseitigen Gespräche mit Getares und das wissen, dass Temora über mich und meine Mutter wachte.

Sieben
Ich beginne langsam Zweifel zu empfinden. Seine Höflichkeit war nie die Ausgeprägteste, doch dieses Verhalten… Und dieses Gerede von Alathar. Ich kann nicht verstehen, wie mein Jugendfreund sich so dem schlechten zuzuwenden vermag. Leor gibt es schnell auf mir zu folgen und ich verlangsame meinen Schritt. Ich schlendere durch das Stadttor Bajards und dann in den Wald. Meine ausgestreckten Hände streichen langsam über die Rinden der Bäume, ich benenne jeden und lausche dem leisen knistern und schaben unter meinen Füßen. Es ist Nacht, und nichts ist zu hören oder zu sehen. In der Dunkelheit setze ich mich auf einen alten Baumstumpf. Ein Luftzug scheint den ganzen Wald lebendig werden zu lassen, überall raschelt es, fast, als würden sich die Bäume unterhalten. Alathar hat eine schreckliche Wirkung auf Leor, denke ich. Von Tag zu Tag wird er gehässiger und unzugänglicher. Doch spüre ich ein sehr starkes Gefühl dagegen, ihn einfach Alathar zu überlassen. Ich schlinge meinen Umhang um meinen Körper und denke kurz an die Wärme in der Taverne, bei Erinna und ihren Verwandten, doch dann schweifen meine Gedanken zu meiner Mutter. Hätte sie doch bloß die Möglichkeit gehabt, Leor beizustehen, seinen Glauben auf die gleiche Weise in seine Gedanken zu brennen, wie sie es bei mir tat.

Acht
Nach dem Tod meines Vaters sah ich es als meine Aufgabe an, auf meine Mutter zu achten und für sie zu sorgen, so gut es mir möglich war. Natürlich fehlte das Einkommen meines Vaters, doch gab es viele Verwandte und Freunde, die versuchten uns dabei zu helfen, das Haus zu behalten. Ich musste verschiedene Arbeiten annehmen, als Garcon bei verschiedenen Feiern unserer Freunde, als Hilfe wo immer Hilfe gebraucht wurde. Wir hielten uns über Wasser. Meine Mutter verschrieb sich mehr und mehr ihren Studien, wodurch ich sie nur noch selten sah, und so bemerkte ich auch erst spät ihre Krankheit.
Im 2. Sommer nach dem Tod meines Vaters, ich war gerade 17, starb sie. Sie war so ruhig, so gefasst in ihrem Sterbebett, ihre Kraft, die sie aus ihrem Glauben schöpfte, beeindruckte mich ähnlich wie die Ausstrahlung des Paladins, dem ich begegnet war. Ich denke meine Angst war um vieles Größer als ihre.
In der Nacht, in der sie starb, hielt ich es einfach nicht mehr in unserem Haus aus. Es war so groß und leer, und überall etwas, das mich an Mutter und Vater erinnerte. Ich sattelte mein Pferd und ritt in die Dunkelheit.
Eine ganze Woche war ich schon unterwegs. Ich machte gerade Rast an einem kleinen Wasserfall, der aus einem Felsvorsprung quoll. Mein Pferd bediente sich am saftigen Gras und ich kniete am Wasser, um die Schläuche aufzufüllen, als ich auf einmal, das 1. mal in dieser Woche, an meine Eltern denken musste. Meine Hände fingen an zu zittern, ich lies die Schläuche fallen. Von einem löste sich der Gurt und ich versuchte ihn wieder zu befestigen, doch war das es mit meinen zitternden Händen kaum möglich. Tränen stiegen mir in die Augen und mein Gesicht verzog sich verzweifelt, ich stieß ein „Komm schon“ hervor und als ich das Lederband wieder nicht in die Halterung kriegt, lies ich den Schlauch fallen, sank auf den Boden und fing an zu weinen. In diesem Moment fühlte ich mich so hilflos und allein wie noch nie zuvor.
Ich weiß nicht, wie lange ich zusammengekauert im Gras gesessen habe, doch irgendwann begann sich ein seltsames, warmes Gefühl in mir zu verbreiten. Es gab mir einen starken neuen Mut, Zuversicht, und Glauben. Mit einem kaum bemerkbaren Lächeln stand ich endlich auf und ritt davon. Ich wusste nun, was ich tun würde.

Neun
Zurück in unserem Haus schritt ich langsam, die Hände auf meinem Rücken verschränkt, durch die Gänge. Auf dem Weg in mein Zimmer betrachtete ich alles aufmerksam, jede Kleinigkeit. Das Lächeln meiner Eltern auf dem Familienporträt, das verbrannte Holz im Kamin, den ich noch für meine Mutter angezündet hatte, die Art, auf die das Licht durch das Zimmer tanzte, wenn man, wie ich es früher so oft getan hatte, den Kronleuchter rotieren lässt, und die vielen Bücher meiner Mutter und meines Vaters, von denen ich je eins mitnahm. Ich legte sie zu den Kleidern in meinem Rucksack, zu meinem alten Langschwert, meinem Holzschild, den ich immer beim Üben benutzt hatte. Dann klopfte es auf einmal und ich war ein wenig Überrascht, als Leor mich ins Haus drängte um meine Habseligkeiten zu packen und mit ihm auf ein Abenteuer zu kommen, doch lächelte ich nur und sagte „Wir gehen nach Gerimor“.
Zuletzt geändert von Theor Rastan am Freitag 16. Dezember 2005, 16:13, insgesamt 2-mal geändert.
Leor Teslan

Beitrag von Leor Teslan »

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„Was kann er überhaupt?“
Schrie sein Vater voller Wut in den Wald hinein.
Neben dem Mann stand noch eine andere, älterer Gestalt, welche leicht lächelte und deren Blick von Weisheit zeugte.
Einige Meter vor ihnen versuchte sich ein kleiner Junge, Leor Teslan gerufen, mit dem Schwert.

„Seine Zeit wird kommen“
sagte der ältere von den beiden Männern und legte beruhigend eine Hand auf die Schulter von Leor´s Vater.
„Gib ihm Zeit und gebe ihm eine gute Erziehung, er braucht jemanden den er sich anvertrauen kann“.

Der junge Leor erhob wieder sein Schwert und schlug zum Missmut seines Vaters unglücklich mit dem Schwert zu.
„Das Holz nimmt weniger Schaden als der Junge selbst. Was soll nur aus ihm werden.
Er sollte sich nach seinem Freund, wie heisst es noch gleich, Theor ? Ja ich glaube Theor!
Was ich sagen wollte, er sollte sich mehr an Theor orientieren, der kleine weiss wenigstens wo seine Fähigkeiten liegen.“

Der alte Mann schenkte Leors Vater ein gutmütiges Lächeln.
„Manche Menschen brauchen eben etwas länger um ihre Fähigkeiten zu entdecken….“

„Entdecken….“ flüsterte Leor leise, als er mit leerem Blick auf das Meer hinausblickte.
Der Wind peitsche in sein Gesicht und der salzige Geschmack der See war auf seiner Zunge zu spüren. Er wusste, dass sein alter Freund ganz in der Nähe war, unter Deck, vielleicht genau neben ihn, doch es war uninteressant.
Sein Blick war dem baldigen Hafen zugewandt, welches das Schiff in kürze erreichen sollte.
Ein Hafen, welcher die Vergangenheit vergessen lies und Hoffnung auf die Zukunft versprach

Sein Vater saß wie immer noch spät in seinem Zimmer und schärfte das Schwert.
Er war so auf seine Arbeit konzentriert, dass er nicht bemerkte, wie sein Sohn den Raum betrat. Erst als er zwei Schritte von ihm entfernt stand schaute er zu ihm auf und sprach mit einer gewissen Gleichgültigkeit
„Was willst du Nichtsnutz zu dieser späten Stunde noch hier?“

„Ich entdecke meine Fähigkeiten Vater….“
Erklang die Antwort nur wenige Sekunden später.
Der Schrei des alten Mannes ging schnell in ein gurgelnden Geräusch unter, welches auftrat als Blut die Lungen füllte und sich die Augen von Leors Vater zu einer erschreckten Bild weiteten.

Es war kein schneller und sauberer Tod.
Leor verlor vollkommen die Kontrolle über sich.
Die Welt bestand für ihn nur noch aus Blut und Hass.
Erst als der Durst der Wut gestillt war, der Hass seinen Schleier von Leors Geiste nahm, wurde er wieder ein Teil der Wirklichkeit.
Selbst angeekelt von seiner Tat rannte er in den Wald hinaus.

Die Äste peitschten in seinem Gesicht und hinterließen leicht blutende Schrammen.
Leor rannte weiter, die Erschöpfung und die leichten Schmerzen vergessen, wurde er von seinem eigenen Alptraum getrieben.
Seine Beine trugen ihn bis zum Haus von Theor.
Schnell und hart hämmerten seine Hände auf das fein gearbeitete Holz der Tür.
Es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, bis Theor eine Kerze angezündet hatte und langsam die Tür öffnete.

Der Hafen war schon am Horizont zu erkennen, die Schemen der Häuser wirkten wie bizarre Wesen die sie willkommen heissen wollten.
Theor trat an seine Seite und folgte dem Blick von Leor.
„Ich hoffe unser eiliger Aufbruch wird von dem Abenteuer welches wir erleben sollen, gerechtfertigt.“
Der Satz wurde von einem freundlichen, warmen Lächeln begleitet.
Für Theor stand es schon fest, dass sich die Reise gelohnt hat, er war schon immer ein Freund des Reisens, des neuem, des Entdeckens gewesen. Jedenfalls war Leor bisher immer davon überzeugt.

„Lass uns fortgehen Theor….alter….Freund.
Lass uns diesen Ort verlassen noch heute Nacht…“
Bei den Worten packte er seinen Freund bei den leichten Kleidern
die er trug und drückte ihn in das Haus hinein.
„Beeile dich, wir haben doch schon immer auf ein Abenteuer gewartet, warum die Zeit absitzen bis es uns findet?!“
Leor wusste, dass sein Freund ihn begleiten würde und dass es nicht viel Überzeugungskunst bedurfte.

„Nimm nur das mit was du am nötigsten brauchst, heute Nacht soll unser Abenteuer beginnen.“

Jener Tag war der erste, an dem der Junge, Leor Teslan genannt, den Namen Alatars in seinem Herzen hörte, jener Tag war der erste, an dem er anfing zu entdecken.

Theor Rastan

Beitrag von Theor Rastan »

Hass, rohe Gewalt, Gehässigkeit... Langsam schwinden meine Hoffnungen, Leor von dem Pfad abzudrängen, den er beginnt einzuschlagen.
Unser Weg führt uns nach Varuna und dann mich, ohne Leor, in die Kirche der Stadt. Langsam schreite ich durch das mir fremde Gotteshaus, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Sehr lange ist es her, dass ich zuletzt in einer Kirche wie dieser war - es muss damals, in meiner zweijährigen Lehrzeit als Städter, in der Heimat, gewesen sein. Diese Wärme, die der Ort ausstrahlt, schenkt mir langsam neuen Mut. Es ist spät am Abend, die Menschen sitzen in ihrem warmen Stuben, überall sind die Fenster erhellt und knistern die Kamine, Ich bin ganz allein. Meine schweren, langen Schritte hallen durch das Gebälk, die Kerzen werfen ein schwaches, tanzendes Licht auf die Wände.
Als ich den Althar erreiche, knie ich mich nieder und fange an zu beten. Auch seit ich das zuletzt getan habe ist einige Zeit vergangen, wahrscheinlich war es nach dem Tod meiner Mutter. Ich kann es nicht genau sagen.
Lange Zeit vergeht, die nur an mir vorrüberfliegt. Käme ein Fremder in die Kirche, so wäre er sicher verwundert. Während er langsam im Halbdunkel auf den vor dem Althar knienden Mann zugeschritten wäre, hätte er ein leises, hastiges Murmeln gehört, das sich durch die hallende Bauart, die so typisch ist für Gottehäuser, zu einem Wispern steigert, das von überall zu kommen scheint.
Mein Gedankengespräch mit den Göttern wird erst unterbrochen, als ich die Stimme Leors höre. Draußen auf der Straße ruft er nach mir. Mein Blick wandert zum Kreuz über dem Althar, und stumm starre ich es einige Sekunden an, bevor ich dann aufstehe und mich meiner Hoffnung widme.
Leor Teslan

Beitrag von Leor Teslan »

Ich wurde nachdenklich.
Ich wurde nachdenklich, obwohl mein Geist stets geschärft war.
Ich wurde nachdenklich, obwohl ich in Alatar endlich etwas gefunden
hatte, was mir ein Ziel gab.
Nach all den letzten Wochen war er derjenige der mir mich hielt,
mich nicht fallen liess, er und Theor.
„Alter Freund….“ Hörte ich mich leise sagen.
Es wurde Kalt, dass Feuer gab nur spärlich Wärme von sich und tauchte die dunkle Landschaft in ein bizarres Licht.

Theor wandte sich immer mehr Temora zu.
Der Gedanke widerstrebte mir, er widerstrebte mir so stark, dass ich merkte wie ich langsam die Kontrolle über mich verlor.
Tief ging der Atem in und aus meine Brust, es war schwer mich zu beruhigen.
Bisher ergab ich mich dieser Ohnmacht in dem Glauben, Alatar würde mich fangen.

Doch bisher fand ich keinen Verbündeten, keinen der meine Absichten teilte.
Rahal, die wunderbare Stadt Rahal, sie war unglaublich, jedoch war der Glaube jener Bewohner stärker als meiner.
Niemals könnte ich mich ganz Alatar hingeben, solange ich fürchten muss, dass Theor sich Varuna und Temora anschließt.
Wenn es denn nun so ist, dass je mehr ich Kraft in Alatar suche, Theor sich Temora zuwendet, so werden meine Bemühungen stets vergebens sein.

Mit jedem Tag wurde mir mehr bewusst, dass ich mich ändern musste um Theor zu verändern. Jedenfalls solange ändern bis Theor mir bedingungslos folgt.

Es war klar, dass ich niemals die Freundlichkeit und die Begeisterung anderen Menschen entgegenbringen werde, wie es Theor tut.
Niemals würde ich Varuna, Temora oder einen Paladin mit Ehrfurcht entgegentreten.
Ich dachte an Erinna, die meines Erachtens zu schwach, zu Freundlich war.
Theor würde es bereuen, noch mehr würde sie es bereuen, wenn ich merken sollte, dass Theor sich wegen ihr verändert.

„Ein Gott kann warten….“
ich erhob mich langsam, wobei die Rüstung, welche ich trug, ein leises scheppern von sich gab und ein leichtes lächeln umspielte meine Lippen, als der letzte Gedanke vom Schatten eines neuen Planes überdeckt wurde.
„Ein Gott kann warten…“
erklang es noch einmal in meinem Kopf
„…doch meinen Freund auf den rechten Weg zu führen nicht…“
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