- ~~ Selbst im Geist eines Biestes gibt es einen Rückzugsort, ein Sanktum. Dort schlummern Regungen, die das Biest in Dekaden begraben und vergessen hat. Ein Wesen das imstande ist, mehr zu sein als nur sein Existenzzweck. Das imstande ist zu fühlen und zu lachen. Willens, nicht nur ein Werkzeug zu sein, alleine der Zerstörung gewidmet. Doch nur in Ammenmärchen wird dieses Sanktum einst geöffnet und das Biest verwandelt sich. ~~
Ein Flüstern ließ sie hochschrecken. Vibrierte in ihrem Geist in tausendfachem Echo, dissonant und eindringlich. Instinktiv spannte sich ihr Körper, nicht mehr als ein Gebrauchswerkzeug, einzig den ästhetischen Normen des Pragmatismus unterworfen.
Nichts. Die Höhle war leer, ein muffiger Raum vollgeräumt mit Stapeln aus alten Pergamenten, Truhen voll Kriegswerkzeug. Eine Zelle, an deren Gitter sie lehnte. Zertrümmerte Steinbänke. Kein Lebewesen außer ihr. Ein keuchender Atemzug trieb Luft in ihren Lungen, und verspätet forderte die hastige Bewegung ihren Tribut. Feuer kroch durch ihre Nervenbahnen, ließ sie die Kiefer knirschend aufeinander pressen. Die beiden Wunden an ihren Schultern brannten, unversorgt und gegen die unbequeme Haltung protestierend. Der Schmerz brachte Normalität mit sich, sorgte paradoxerweise für Ruhe. Er war vertraut und willkommen, selbst in dieser Intensität. Lange Momente lehnte sie kurzatmig, mit hängendem Kopf an jenem Gitter, ließ den Schmerz anbranden, wandelte ihn in Kraft. Das Flüstern, sie hatte es schon einmal gehört.
Das Bild des Letharfen, dessen mandelförmige Augen zusehends schmäler wurden, überlagerte sich mit einem zweiten. Derselbe Lethar, doch nun von einem Gesteinsbrocken zermalmt, selbst das ekelerregende Geräusch des Aufpralls hallte in ihrem Geist wider, vermischte sich mit jenem eindringlichen Flüstern das nie fassbar wurde, immer am Rande des Bewusstseins blieb. Die Reaktion war instinktiv, ein Befehl.
„Fort!“
Der Letharf starrte sie an, regte sich nicht. Zorn kroch in seine Augen, die sie mit Abscheu fixierten. Ihre kleinen Anmaßungen, ihre Spiele, mit denen sie sich ihren winzigen Freiraum in einer starren Gesellschaft bewahrte, hatten ihn aufgebracht und bereits an den Rand der knapp bemessenen Geduld getrieben. Doch dies hier war kein Spiel.
„Fort!“
Sie fauchte ihn an, drückte sich hoch, plötzlich aus der Starre dieses eigenartig vertrauten Flüsterns gelöst. Und nun endlich erhob er sich, kam wie eine zornige Lawine auf sie zu, während hinter ihm ein Gesteinsbrocken die Bank zertrümmerte. Stille folgte.
Er hatte ihr unterstellt, ihn beseitigen zu wollen. Ein Narr, der sie nicht kannte, ihre Dolche nie erlebt hatte. Hätte der Vater seinen Tod gewollt, hätte er ihn nicht nahen sehen. Effizient, schnell und ohne Bedauern. So war sie, sollte sie sein, nicht mehr als ein Werkzeug in den Händen derer, die den Willen des Panthers formulierten. Und doch...jenes Flüstern, war es Warnung oder Aufforderung gewesen? Es wäre möglich gewesen zu schweigen, der Vernichtung eines Bruders beizuwohnen der seinen Wert noch nicht bewiesen hatte. Er war nur ein weiterer Lethar der befahl, der trat ohne selbst jemals die Grenzen zu sprengen und groß zu werden. So wie sie selbst.
„Velvyr droht nur noch Fleisch zu sein. Langweilig, tot.“
Sie sah in dieses Gesicht, das kaum mehr als eine Trümmerlandschaft aus Narben und roten, harten Augen war. Etwas in ihr brach, öffnete eine Tür die sie verzweifelt geschlossen halten musste. Niemanden hatte sie je hindurch gelassen, gleichgültig, was man von ihr verlangte. Es war einfacher, sicherer nur ein Werkzeug zu sein. Eines das Loyalität gab, effizienten Dienst. Das seinen Meister hasste, und doch einen Platz hatte. Aber niemals seinen letzten Schutz opferte.
Der buckelige Lethar hatte sie unterbrochen, in jenem Kampf der ihr nach der Konfrontation mit Jar'dolox so gelegen kam. Ein guter Kampf, eine Beute die ihren Wert kannte, Herausforderung und doch Sieg versprach. Sie musste, sie würde gewinnen. Es gab keine andere Option, nicht hier. Nicht nachdem sie das Flüstern vernommen hatte, dem ein Teil ihres Wesens immer noch nachgierte, wie ein hungriges Tier. Das Schwert ihres Kontrahenten traf, zugleich mit ihrem Rapier. Köstlicher Schmerz, wilder Rausch in ihren Adern. Und dann ein Laut, kaum mehr als ein Klicken. Sie kannte es, wusste was es bedeutete.
Die Axt schlug hinter ihr in den Boden, als sie auswich. Trieb sie vorwärts, weiter und weiter. Und traf. Ihre Welt explodierte in Schwärze, als die stumpfe Seite der Waffe ihre Schulter mit voller Wucht erreichte. Für lange Momente war nichts als Dunkelheit. Keine Erde unter ihr, keine Gefahr hinter ihr. Dann keuchte sie, sog unter qualvollem Brennen Luft in ihre Lungen. Sie musste fort von hier. Er würde sie töten, hier und jetzt. Vor Menschen..vor Würmern.
Sie kam nicht weit, ehe ein weiterer Schlag sie an der Schulter traf, zu Boden warf. Ein gepanzerter Arm unter ihrem Kinn, ein Knie das sie fixierte. Und Zorn, die eigene, drohende Vernichtung die ihr aus diesen roten Augen entgegen sah, in denen der Wahnsinn flackerte.
Etwas brach, geborsten unter dem Druck aus Schmerz, Hass und Verzweiflung. Flucht war eine Illusion, er würde sie nicht gehen lassen. Nicht hier, nicht jetzt. Hier waren Tod und Leben einander auf absurde Weise nahe, vermischten sich und brannten letzte Schutzbastionen nieder. Hinterließen verbrannte Erde, stießen vertraute Tatsachen beiseite. Wo war ihr Platz? Sie wusste es nicht mehr.