Mit verschränkten Armen blickte die noch recht junge Bäuerin ihrem frisch anvertrauten Schützling nach und entließ keine drei Augenblicke später wieder die Luft um ein brummeliges Seufzen hervorzubringen.
Was in aller Welt hatte Herr Ravenor sich dabei gedacht ihr diesen Studenten zu senden? Sicher, der junge Mann war zwar schlank und rank, doch beim besten Willen kein dürres, kraftloses Männchen. Sie hatte unweigerlich größere Augen gemacht als er, bevor die Mistgabel gepackt wurde, das langärmliche Hemd achtlos über den Kopf gezogen hatte. Die Tatsache, dass er danach wohl erklären wollte, dass es im Stall auch trotz der winterlichen Temperaturen lieber mit bloßem Oberkörper arbeite, da das feine Wollhemd zu teuer und die Luft da drin eh zu stickig warm wäre, war ihr nur schwammig im Kopf geblieben, hatte sie doch nun die matt sichtbaren und fein durchtrainierten Muskeln genauer studiert.
Allerdings hatte sie wohl schon in diesen ihren ersten Minuten das untrügliche Gefühl gehabt, dass ihr werter Arbeiter nicht ganz richtig im Kopfe war.
Damit meinte sie nun nicht den Punkt, dass er ein Schüler des Ordens war und ihr Magie ab und an noch etwas fern erschien, sondern seine äußerliche Erscheinung. Aüsserst hübsch war das feine Gesicht, die langen Wimpern der hellgrünen Augen, der sinnliche Mund und die gerade Nase, oder auch die nun wohlgeformte Statur anzusehen, doch stockte sie im ersten Moment als sie das Haar sah.
Der Schnitt, welcher die leicht widerspenstigen Haare in Stufen zwischen Ohr- und Kinnhöhe hielt, verlieh ihm etwas sinnlich wildes und hätte ihr betrachtendes Auge nun gar nicht gestört, aber DIESE FARBE!
Eine bizarre Mischung aus einem eher weisslichen Tone mit einem beinahe bläulichem Schimmer. So etwas konnte sie, selbst wenn dies nun ein neuer modischer Streich der Magier sein solle, alles andere als gutheißen!
Mit Argusaugen überwachte sie nun diesen Hilfsarbeiter, auch wenn ihr die ruhigen Stunden gut getan hätten, und siehe da, keine halbe Stunde war mit dem Mistschaufeln vergangen als sie ihn dabei erwischte wie er stumm zu Boden blickte und wohl irgendetwas mit den Augen verfolgte. Seufzend trat sie hinzu und hatte den Unruhestifter kurz danach entdeckt.
"Mistkäfer und der ist tot!" murmelte sie knapp "Also weiter, so spannend ist das nun nicht, junger Mann."
"Ah, ein Geotrupes vernalis." säuselte ihr Nebenmann nun etwas entrückt "wenn ihr wüsstet was man aus denen alles machen kann."
Stirnrunzelnd hatte sie ihn weiter an die Arbeit geschoben. All diese ihr völlig neuen Wörter und das Fachgerede verliehen ihr einfachen Frau noch immer eine unbehagliche Gänsehaut.
Es schien so als wäre das Ganze nun Zwischenfall-frei und schon freundete sie sich mit dem Gedanken an, dass sie dank seiner doch kraftvollen Arbeit heute zumindest früh in den verdienten Feierabend kommen würde, als er kurz vor Ende des Tages, als er das Feld auf Winterfestigkeit überprüft hatte, einen kindlichen Laut der Begeisterung ausstieß und in mitten des Feldes irgendetwas aus dem Boden zog.
Fluchend nahm sie den Weg quer über ihren heiligen Boden auf sich und stapfte ihm nun sichtlich genervt entgegen.
"WAS ist nun wieder, Junge!?"
Strahlend hielt ihr der junge Mann ihr eine verdorrte, fast tote Pflanze unter die Nase und mit einem Lächeln fügte er weise an.
"Cannabis indica. Zumindest eine kleine Probe, vielleicht kann man noch einige Samen retten."
"Unkraut!" fuhr sie ihn an und als sie an seinem verwirrten Blicke erkannte, dass er nicht so recht verstand, war sie es auch leid diese Diskussion so fortzusetzen.
"Schon gut, nimm das Zeug mit. Ich hoffe eher es wächst nächstes Jahr nicht wieder auf meinem Feld... und nun geh, der Herr Ravenor wird erfahren, dass du die Arbeit gemacht hast und dafür dank ich dir auch."
Nur wenige Momente später sah sie nicht ganz ohne Erleichterung seine Rückenansicht, welche mit etwas federnden Schritten scheinbar zufrieden den Hof verließ. Nochmals schüttelte sie den Kopf, wenn sie nun so an einen ganzen Unterrichtsraum voll solcher seltsamer Erwachsener denken musste und rief sich dann lieber in Erinnerung, dass er doch zumindest seine Arbeit schnell, sauber und gewissenhaft erledigt hatte. Eine heisse Suppe würde ihren Abend nun noch angenehm abrunden.