„Erinnert Ihr Euch noch an jenes, was ich Euch damals auf dem Turnier sagte, Sir?“ Er nickte: „Ich erinnere mich.“ „Ihr fragtet, nach einem langen Gespräch, ob ich auf der Suche nach einem Lehrmeister, nach einem Ritter sei. Und ich sagte, dass jene Verbindung nicht gesucht werden könne. Ritter, wie Schüler, würden einander finden, zum selben und zum rechten Moment.“
Mara drehte sich abermals im Bett um. Trotz des anstrengenden und ereignisreichen Tages fand sie keinen Schlaf. Seufzend drehte sie sich auf den Rücken, sich der Schlaflosigkeit ergebend, kreuzte die Hände hinter ihrem Kopf und sah zum kleinen Fenster hinaus. „Dieser Vollmond ist schuld.“
Lange Zeit war seit jenem Gespräch vergangen und dennoch erinnerte sie sich, als wäre es gestern gewesen. Auf der einen Seite war alles so schnell gegangen, auf der anderen hingegen, erschien es manchmal wie längst vergangene Zeiten.
War an jenem Tag schon der Pfad betreten worden? Damals, als sie in ihrem Herzen spürte, dass Cathal der einzig wahre und richtige Mentor für sie war? Hatte sie bis hier her alles richtig gemacht?
Der Wasserfall- Cathal ließ sie zum Wasserfall, nahe der Dornenfeste, bringen. Dort wartete er auf sie. Sein Gesicht war ernst und die Züge verrieten eine gewisse Strenge. Zuvor war sie ihm als Baroness und Freundin des Hauses gegenüber getreten, doch es brauchte nicht lange, um zu verstehen, dass jene Ära vorbei sein würde. Seine Worte waren klar, wie ein Bergsee und seine Ziele präzise formuliert. Der rituelle Akt. Als er sein glänzendes Schwert vor ihr in die Erde rammte und ihr den Eid und Schwur abnahm, auf Treue, Loyalität, Gehorsam und den Verzicht auf jedweden Besitz und Titel. Nein, es gab keinen Grund auch nur einen Moment zu hadern. Sie spürte, wie sich eine Welt eröffnete, die zuvor wie ein Märchen nur gelesen werden konnte. Nun tauchte sie selbst in jenes Märchen ein.
Mara musste beinahe auflachen. Märchen… Jeder, der ihre Gedanken nun lesen könnte, würde sich lustig machen. Etwas märchenhafte hatte es vermutlich für viele Betrachter nicht.
Die letzten Tage bei Meister Thancred waren wundervoll. Gewiss, die schwere körperliche Arbeit war nicht ihr täglich Brot. Doch der unsägliche Durst nach Wissen trieb sie immer weiter voran. Meister Thancred war ein solch geduldiger Lehrmeister. Er nahm sich Zeit, Mara wirklich alles im Detail zu erklären. Es begann mit der Bedeutung der Waffe. Und Mara wurde dort erst bewusst, dass sie Sicherheit und Vertrauten bietet, wie ein starker Ritter an der Seite. Weiter ging es mit Erzkunde. Mara war das erste Mal in einer Mine und Meister Thancred übte sich auch dort nicht in Zurückhaltung bezüglich der Details. Alles, was vorher viel selbstverständlicher war, wurde Mara nun bewusster. Die Ehrung dessen, was zuvor einfach vorhanden war. Der Kreislauf, aus dem alles bestand. Der Schreiner, der den Stil der Pike fertigte, der Schmied, der die Erze schürfte, sie formte und daraus Waffen und Rüstungen herzustellen wusste. Alles ging ineinander über und konnte ohne dies nicht existieren.
Sie seufzte wohlig auf und dreht sich auf die Seite, roch das frisch duftende Haar und schloss die Augen. Ihre Gedanken schweiften ab.
Alles ging ineinander über… Man musste aufpassen, dass es sich nicht vermischte. Und was sollte man tun, wenn es das doch tat… Sie pustete sich einige Strähnen aus dem Gesicht und zog die Decke höher.
Im Rausch der Gedanken fielen ihr irgendwann die Augen zu. Und das war von Nöten, da noch vor Morgengrauen eine junge Knappin durch den Schnee zum Stall gehen würde, die Pferde versorgen und zu Meister Thancred aufbrechen würde…
Zum ersten Hahnenschrei stand sie vor dem Kontor. Etwas müde, aber doch abermals bereit, das großartige Geschenk und die Güte entgegen zu nehmen.