Homo Lucien

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Aykira von Vynterstein

Homo Lucien

Beitrag von Aykira von Vynterstein »

Werter Gildenmeister,

Es ist noch keine ganze Woche vergangen, seitdem ich Khorfu verlassen habe, um in Varuna ein neues Leben zu beginnen und schon verspüre ich den starken Drang, euch zu schreiben. Es sind soviel neue Eindrücke und Erfahrungen die ich nicht einzuordnen vermag, geschweige denn, fähig bin, sie hier niederzuschreiben. Mit jedem Tag, den ich in Varuna verbringe, steigt die Ungewissheit, steigt das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Mittlerweile frage ich mich… ob es richtig ist, was ich tue.

Vor wenigen Tagen habe ich eine Frau getroffen. Sie war in roten, orientalischen Gewändern gekleidet, ein üppiger Schleier verdeckte die Hälfte ihres dunkelhäutigen Gesichts. Ich habe mich mit ihr unterhalten, einfach nur unterhalten. Dann stellte ich mich vor, und plötzlich begann sie sich tief vor mir zu verneigen, einfach so, mitten in der großen Bankhalle. Versteht ihr? Sie hat sich vor mir verneigt… es ist so…
Nach all den Jahren in Khorfu… bin ich etwas. Plötzlich ein Mensch, kein Mensch der vor sich hin lebt, vielmehr ein Mensch, der verehrt wird. Und obgleich man denken mag, mir könne nichts Besseres widerfahren, habe ich Angst… unendlich große Angst.

Dann geschah es. Ein unbeschreiblich schöner Moment der an einer unscheinbareren Gegend nicht hätte stattfinden können. Gestern Abend wollte ich in der Taverne von Bajard einen letzten Rotwein genießen, bevor ich zu Bett ging. Da traf ich ihn, unbedeutend, ganz in Rot gekleidet. Nur durch einen Zufall kamen wir ins Gespräch, doch seine Worte bereiten mir noch heute eine Gänsehaut. Er hatte sich selbst als Freigeist bezeichnet, und nur für dieses Wort hätte ich ihn küssen können.
Alles was er erzählte war so ehrlich und wahr… er sprach mir aus der Seele. Doch je länger er aus seinem Leben erzählte, desto schäbiger fühlte ich mich. Seht, sein Leben ist einfach und trotzdem unfassbar interessant. Er ist sich seines eigenen Wesens bewusst, er leugnet seine Identität nicht. Er ist ein Freigeist. Bin ich ein Freigeist?

Ich werde ihn wieder sehen… ich muss ihn wieder sehen, selbst wenn er nur dazu geeignet ist, mich auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.

Aykira von Vynterstein
Aykira von Vynterstein

Beitrag von Aykira von Vynterstein »

Werter Gildenmeister,

Was sich einst als Segen offenbarte, wird nun zur Qual für mich.
Ich habe ihn, Lucien, wieder gesehen, wahrlich… doch je mehr ich über ihn erfahre, desto schneller wird mir bewusst, dass es falsch ist.
Er ist ein Weiberheld, ich weiß nicht ob ich die Nächste in einer nicht enden wollenden Ketten von leichtsinnigen Frauen bin, oder ob er wirklich etwas an mir findet, das ihm gefällt. Ich wünschte mir Letzteres, doch die Vernunft sagt mir, dass wohl Ersteres zutrifft.

Bei meiner Abreise habt ihr mir zwei Ratschläge erteilt. Ich habe eure Worte noch im Ohr, als wäre es erst gestern gewesen. Ihr sagtet, dass sich nur die Schwachen ihrer eigenen Lust hingeben, sich von Emotionen versklaven lassen und sich der Gier ergeben. Ferner habt ihr mir auf die Schulter geklopft und gemeint, es sei nur eine Rolle von vielen Rollen, die wir uns um des eigenen Wesens willen aneignen müssen. Ich fühlte mich stark, dachte, eure Ratschläge verinnerlicht zu haben und plötzlich stellt sich heraus das ein einziger, frevelhafter Tunichtgut mein Leben derart auf den Kopf zu stellen vermag.

Er sagte, er möge mein edles Wesen, meine Galanterie. Mag er Aykira oder mich? Mag er mich als Aykira… bin ich Aykira?
Ich konnte beide Ratschläge nicht befolgen, da ich zu schwach bin. Ich habe versagt, und dennoch habe ich einen entscheidenden Vorteil: Ich kenne die Gründe meines Scheiterns und es gibt nur zwei Möglichkeit, sie zu beseitigen: Eine würde seinen Tod bedeuten, die Andere, dass wir uns nie mehr wieder sehen.

Ich habe mich für die Zweite entschieden und werde daher in das nächste Schiff steigen, um Varuna zu verlassen und auf direktem Kurse nach Khorfu zurückzukehren. Seht mich als neues altes Mitglied des Zirkels an…

In treuster Ergebenheit
Schwarzkling
Aykira von Vynterstein

Beitrag von Aykira von Vynterstein »

Der Abschied


Es war Mittag, die Sonne stand hoch oben am Himmel und warf ihre prallen Sonnenstrahlen auf die Brigg, die soeben in den Hafen Bajards eingelaufen war. Reges Treiben an den Docks – rasch waren die Ausstiegsbretter vorbereitet, Dutzende von Passagieren drängten sich über die Holzlatten, hinaus auf den Steg um ihre Angehörigen um den Hals zu fallen. Derweil hatten die Matrosen damit begonnen, die zahlreichen Frachtkisten auszuladen und das Gepäck neuer Passagiere einzuladen.
Aykira mochte es nicht, wenn sie sich in der Masse verlor und nie im Leben hätte sie sich sagen lassen, dass so viele Menschen gleichzeitig in einen Zweimaster passen würden, doch ein größeres Schiff, oder gar ein Schiff für sie alleine hätte sie sich nicht leisten können. Warum auch? Schon als sie in die Nähe des Hafens gekommen war, hatte sie bereits mit ihrem neuen, prunkvollen, edlen und ehrbaren Leben abgeschlossen und sich geistig auf ein ewiges Leben im Zirkel vorbereitet. Vielleicht ist es wohl besser so, dachte sie.
„Freiin Aykira von Vynterstein? Wir sind nun soweit, euer Gepäck einladen zu können“, riss sie ein Matrose aus den Gedanken. Sein Geruch verriet, wie lange er schon auf hoher See gewesen sein musste und dort wohl auch keinerlei Gelegenheit zum Waschen gehabt hatte.
Aykira deutet auf die Kisten, die unmittelbar neben ihr standen und beließ es bei einem beiläufigen: „Das ist alles, mehr habe ich nicht bei mir…“
Die Adlige verschränkte die Arme vor der Brust und beäugte die Seefahrer genau, wie sie eine Kiste nach der anderen in den Hohlkörper des Schiffes schafften.
Mittlerweile hatten sich die Docks geleert, augenscheinlich gab es nur wenige Bürger, die Richtung Khorfu reisen wollten und allmähliche machte sich nun auch bei ihr ein bedrückendes Gefühl breit – auch wenn sie es nicht für möglich gehalten hätte. Was würde sie dafür geben, Lucien ein letztes Mal umarmen zu können, seine Wärme zu spüren, seinen Atem auf ihrer Haut zu fühlen…
Die letzten Gepäckstücke waren eingeladen und auch die Matrosen versammelten sich an Deck um die Segel zu hissen. „Nun heißt es also Abschied nehmen…“, murmelte sie leise und ging tief durchatmend auf die Luke des Zweimasters zu. Vorsichtig huschte sie über die Holzlatten, unter ihr die ruhige, aquamarinblaue See. Sie wollte gerade die Luke passieren, als ein lauter Ausruf von hinten an ihr Ohr drang: „TAAAAARRRIIIIIII! Bleib stehen, Tari!“
Aykira hielt inne – dann ein Grinsen auf ihren Lippen.
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