Schneeweiße Zwillingsrosen (Lir und Mio)

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Lir Llastobhar

Schneeweiße Zwillingsrosen (Lir und Mio)

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Prologue:

Es gibt sie, Momente, in denen alles richtig erscheint, in welchen man merkt, dass man auf dem rechten Pfad ist und etwas Größeres, Wunderbares geschehen kann. Wir haben einen solchen traumhaften Zeitpunkt gefunden, kurz nachdem Geist, Seele und unsere Lieder nicht nur für uns eins waren, sondern durch die Hochzeitszeremonie auch vor dem Antlitz der Götter als gültige Verschmelzung gewertet wurde. Phanodains sanftes Wispern beglückwünschte uns, Temoras wachsames Auge behütete uns, doch war es die Mutter aller Schöpfung, Eluive, welche uns in jener Nacht, die vollkommende Verschmelzung zelebrierte, segnete... mit einem Wunder!

Una Kirisae Llastobhar y Tiaresh
Mio Llastobhar

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Kapitel 1 : Neues Leben

„Was ihr beide vorhabt ist Wahnsinn! Hört ihr? Wahnsinn!“, immer wieder schüttelte die schöne Dame ihr schneeweißes Haupt und warf funkelnde, wütende aber ebenso verzweifelte Blicke umher. Meist trafen sie einen jungen Mann, der etwas linkisch den rechten Fuß eingedreht, die Schultern zunächst fast schützend etwas nach oben gezogen und das Augenmerk gesenkt hatte. Als könne sie nicht mehr von ihm erwarten, entfuhr der Schönen nur ein unterdrückter Wutschrei, ehe sie die zweite Person im Raume fixierte.
Es handelte sich dabei um ein sehr junges, blasses Mädchen, welches auf einem prächtigen Himmelbett lag und dessen langes, gewelltes Haar ebenfalls die Farbe von frischem Schnee trug. Ihr puppenhaftes Gesichtchen, welches so sehr an milchiges Porzellan erinnerte, und der beinahe noch kindliche, schmale Körper standen in wildem Kontrast zu dem stark gewölbten Bauch, welcher warm und behütet, wie ein Berg unter dem Federbett lag. Erst ein Blick in ihre nebelgrauen Augen, welche einen Hauch von verträumter Weisheit bargen, gab ausreichend Auskunft darüber, dass das Mädchen wohl doch etwas älter sein müsste, als man im ersten Moment glauben mochte.

„Una, seid doch vernünftig... gibt es denn keinen anderen Weg?“, sprach die ältere Dame das liegende Fräulein an. Jene allerdings erwiderte die Frage mit einem ungläubigem Blinzeln, dann strahlten die Nebelaugen harte Entschlossenheit aus, welche die Dame einen kleinen Schritt zurückweichen ließ.

„Nein, für alle anderen Wege ist es längst zu spät...“, antwortete die Jüngere mit einer hellen, aber dennoch leicht rauchigen Stimme und fügte grimmig hinzu, „... und ich hätte niemals einen davon gewählt!“

Stumm sahen sie einander an, die beiden Frauen mit der bleichen Haut und der seltsamen Haarfarbe, doch das stumme Duell wurde bald beendet und eine Träne, die über die blasse Wange der Älteren lief, besiegelte den Ausgang.

„Du... du bist doch so ein kleines, zerbrechliches Wesen...“, begann sie mit zitternder Stimme und diesmal drückte der Blick, den sie dem jungen Mann zuwarf, eher hilfesuchend.
Aber auch er enttäuschte sie, denn einzig ein sehr nachsichtiges Schmunzeln umspielte die schmalen Lippen und als er den Kopf nun hob, glänzten die beiden verschiedenfarbene Augen, das Linke haselnussbraun, das Rechte olivgrün, fast verklärt und mit angenehmer Stimme sprach er beruhigend:

„Ione, sei unbesorgt. Sie ist nicht gerade ein Riese aber so zerbrechlich wie Una scheint, ist sie bei weitem nicht... außerdem ist sie nicht alleine.“

„Aber Cinnia war auch nicht alleine, sie hatte Eoin.“, brach es nun aus der Angesprochenen hervor und der Tränenfluss fand seinen freien Pfad.
„Es war doch die gleiche Situation... die gleiche und... Zwillinge und...uuhuuu..“, nun ging das Weinen in hemmungsloses Schluchzen über, „Uunnaa, ich will.. d... dich nicht au.. auch so verlieren, Ki... Kind.“

Sorgen, welche beharrlich all die letzten Jahre an ihrem Herzen genagt hatten, spülten nun die Tränen aus den Augen. Angst um den eigenen, geliebten Sohn, der in der Ferne einer nicht ungefährlichen Berufung, als Ritter eines ihr fremden Reiches, nachging. Sehnsucht nach dem jüngeren Bruder, welcher vor knapp einem Jahr verstarb und Panik vor den Machenschaften des Allerjüngsten, dem Verstoßenen. Unwissenheit im Bezug auf den Verbleib ihres Neffen, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Welt zu bereisen und nur selten von sich hören ließ. Im Grunde blieb ihr hier vor Ort nur seine Zwillingsschwester, ihre Nichte Una, die sie mit ihrem eigenen Kinde groß gezogen hatte und deshalb so einen tragenden Platz in ihrem Herzen hatte.

Eine weiße, zarte Hand legte sich auf ihren bebenden Arm und als sie den Kopf hob, hatten sie die nebelfarbenen Augen längst wieder fixiert. Erneut glomm Zuversicht und Überzeugung in ihren auf, als das Mädchen ernst, beinahe feierlich, sprach:

„Tante Io, ich verspreche dir, dass ich weder dich, noch meinen Mann mit zwei schreienden Kindern alleine lassen werde. Nun hör' mir gut zu, denn Feoras' und mein Vorhaben ist nicht ungefährlich aber gut durchdacht. Ich selbst habe nicht die Kraft um eine Geburt zu überstehen, nicht einmal die Macht unser beider Lied reicht aus, doch habe ich gelernt im wahrsten Sinne des Wortes nach den Sternen zu greifen. Macht und Kraft kann man auch woanders noch schöpfen und die Quellen mögen verborgen, bewacht oder gar beides sein, doch kann ich es schaffen. Feoras wird mein Anker und meine Stütze hier sein doch werde ich nach der Geburt so erschöpft und ausgelaugt sein, dass ich tief schlafen muss um wieder zu Kräften zu kommen... und dann, dann brauche ich jemand der sich sowohl um meine Kinder, als auch das Nervenbündel Feoras kümmert.“

Sie schmunzelte, er lachte, hob tadelnd den Finger und Ione gab entkräftet nach.

***

Er bebte noch vor Angst um sie und seine Kinder und spürte, wie auch die Knie unter der seelischen, geistigen und körperlichen Belastung des Unterfangens weich wurden. Langsam glitt er zurück in den Sessel neben dem Bette, betrachtete nochmals Unas schlafende Gestalt und murmelte ihr leise zu:

„Wir haben zwei wunderbare, gesunde Kinder... und wir werden sie gemeinsam aufwachsen sehen können.“ Sanft fuhr seine Hand nochmals über ihre Stirn und strich einige weiße Haarsträhnen aus dem bleichen Gesicht. Im Schlaf sah sie wirklich so unschuldig und verletzlich wie ein junges Mädchen aus.
Seufzend und müde drehte er den Kopf und blickte Ione entgegen. Sie hatte es irgendwie geschafft, beide Knirpse in weiches Leinentuch zu wickeln und winkte ihn energisch näher.

„Sie sind gesund, ja... und sie sind unglaublich laut. Die Kleine plärrt fast noch vehementer als ihr Bruder. Wenn Una irgendwie im Schlaf Kraft schöpfen können soll, dann hilfst du mir nun die beiden ins Kinderzimmer zu bringen.“
Artig folgte er und brachte die Säuglinge dort in die Wiege, als er plötzlich erstarrte.
Eine Störung im Lied! Ein schmerzlicher Riss... Una!

Er ließ Ione stehen, drehte auf dem Absatz um und rannte zurück zum Zimmer, in welchem seine Frau schlief. Als er die Türe öffnete, war Una noch immer schlafend und alleine im Raum, doch bemerkte er mit Grauen, dass das Fenster nun geöffnet worden war und der kalte Schnee dieser Winternacht ins warme Zimmer wehte. Hastig schloss er es wieder und wandte sich ein weiteres Mal seiner Liebsten zu und merkte, wie ein neuer Schreck ihm die Kehle zuschnürte.
Ihr Haar war nun vollends fast liebevoll zur Seite gestrichen, die linke Wange glänzte feucht und unter ihre Hand hatte man einen kleinen Pergamentbrief geschoben.

Mit fahrigen Bewegungen nahm er diesen an sich und öffnete ihn fast hastig.

Geliebte Nichte,
es hätten MEINE Kinder sein sollen.


Er brauchte die Worte kein zweites Mal lesen, die Handschrift nicht identifizieren oder mit Ione darüber reden, um zu wissen WER diesen Brief hinterlassen hatte.
„Kailen...“ flüsterte Feoras, dann ging ein Ruck durch seinen Körper und noch während er den Brief mit hasserfüllten, zornigen Blicken durchbohrte, ging dieser in den Händen des Elementaristen in Flammen auf. Nichts als Asche würde zurückbleiben und weder Una, noch Ione je etwas von diesem Vorfall erfahren.

Als Letztere nur wenige Momente später ins Zimmer trat, um sich nach seiner plötzlichen Hast zu erkundigen, fand sie Feoras am Boden des Raumes, in der Hand feinen, weißen Staub, mehrere Beutelchen voller seltsamer Kräuter, Steine und Apparaturen. Er zeichnete etwas unterhalb Unas Bette und auf ihre Frage, welchen Hokuspokus er da vollbrachte, kam die Antwort geradezu bissig:

„Meine Familie beschützen!“
Zuletzt geändert von Mio Llastobhar am Freitag 5. Dezember 2008, 11:11, insgesamt 1-mal geändert.
Lir Llastobhar

Beitrag von Lir Llastobhar »

Kapitel 2: Der Kindheit schönes Spiel

Meine beiden Rabauken wuchsen auf, mit dem Wissen, dass wir beide sie unendlich liebten, mit der Ahnung, dass sie ein Wunder für uns beide darstellten und vielleicht mag das auch erklären, warum sie selten den Drang verspürten mit Gleichaltrigen, sei es innerhalb der Stadt oder auch Kindern, die zu Besuch auf die kleine Burg kamen, zu spielen. Selbst als ihre Base Niia mit ihrer Frohnatur das Anwesen verzauberte, kapselten sich die Zwillinge regelrecht vom Geschehen ab. Am meisten enttäuscht von dieser Entwicklung zeigte sich Ione, die doch sehr gehofft hatte, den beiden und natürlich Niia, die nur wenige Jahre älter war, gute Spielgefährten bieten zu können, doch manches tritt wohl gerade dann nicht ein, wenn man es erzwingen will. Die Kinder selbst schienen sich keines Affronts bewusst und Niia war über den Unmut ihrer Großmutter wohl eher erstaunt, ließ sie die beiden doch handeln und gewähren, ganz wie sie wollten.

Vielleicht lag diese Art Abkapselung jedoch auch darin, dass Mio und Lir das Band der Zwillinge vereint und noch dazu, dass beide wohl angehende Magier sind, denn die erste Begabung zeigte sich im Erwachen.
Es mag fast amüsant klingen, wenn ich nun gestehe, dass Una und ich hier das Klischee getroffen haben, ist Lir doch eine Art Muttersöhnchen, der nun anfängt über „Sphären“ und Illusionen zu reden, also ganz klar seiner Mutter folgt, während Mio sich selbst schon einmal lachend „Daris Liebling“ genannt hat, das Tiareshi Äquivalent für „Vaters Sonnenschein“. Wenn meine Kleine wütend wird, dann kann ein kühlen Windchen durch die alten Bäume vor dem Anwesen pfeifen. Noch ist ihre Magie unbewusst, ungezähmt und schwach, doch wird sie das Lied mal auf meine Weise erkennen. Überhaupt wusste ich, dass beide mir und Una so unsagbar ähnlich sein würden, als ich in ihre Augen sah. Das zarte Puppengesicht der Mutter, ja, doch Lir hat haselnussbraune Augen, wie die Farbe meines linken Auges und Mios strahlen in der unergründlichen Mischung von olivbraun und grün, die Farbe meines Rechten.


Feoras de Jagotin-Llastobhar


Wenn man jung ist, so gibt es des Öfteren Phasen im Leben, in denen man Dinge tut, von denen man weiß, dass man sie auf keinen Fall machen sollte … und meistens sind es gerade diese Verbote, die alles doch irgendwie schmackhafter machen. Die zwei kleinen Gestalten, welche durch das große Haus schlichen, gaben sich die allergrößte Mühe nicht aufzufallen, man konnte fast schon von einer gewissen Übervorsicht sprechen und die war mit Sicherheit auch angebracht. Denn am heutigen Tage würden die beiden Geschwister etwas tun, was an die Grenze allen Erlaubten ging, etwas was ihnen mehrmals scharf ermahnt wurde, und jene Ermahnungen waren es die ihren Reiz hatten. Natürlich wären Lir und Mio irgendwann einmal von selbst auf diese waghalsige und mehr als turbulente Idee gekommen, aber waren es gerade die strengen Blicke ihres Vaters und die … nunja, mehr oder weniger, strengen Blicke ihrer Mutter, die dieses Vorhaben nur weiter anstachelten... und in den letzten Tagen fand diese Ungeduld und Neugier ihren endgültigen Ausbruch, als ihr Vater Feoras mehr als deutlich sagte; „Die Bibliothek ist für euch beide absolut tabu! Ihr dürft dort rein wenn ihr älter seid, aber jetzt ist das einfach noch kein Ort für euch!“.

Anfangs waren natürlich bedeutende Zweifel dagewesen, beide Geschwister hatten mehrmals darüber nachgedacht, ob es nicht wirklich gefährlich sein konnte, aber dann war Mio es, die den Stein ins Rollen gebracht hatte, als sie sagte; „Aber da sind doch nur Bücher drin, die können gar nicht gefährlich sein!“ und Lir war es gewesen, der dem ganzen noch überflüssigerweise die Krone aufsetzte, indem er anmerkte „Da muss irgendetwas drin sein was Mama und Papa nur für sich haben wollen und sicher eine Menge Spaß macht!“ und so – als ob es nicht eh schon längst beschlossen gewesen wäre – war der Plan gefestigt; die beiden würden in die Bibliothek gehen und sich dort einmal genauer umsehen.

Das Kinder sehr ehrgeizig werden können, wenn es um eine bestimmte Sache geht, die ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht, ist bekannt, doch die beiden Zwillinge schienen in dieser Hinsicht ihre Neugier förmlich zu verdoppeln und anzuheizen, indem sie die Eltern und vor allem Großtante Ione immer wieder heimlich beobachteten, den richtigen Moment abpassten. Erst schien es unumgänglich zu sein in der Nacht aus den Betten zu schlüpfen, um in den verbotenen Raum zu kommen aber dann hatten die beiden einen perfekten Zeitpunkt gefunden, in dem es ihnen sogar möglich war bei Tageslicht in die Bibliothek zu gelangen; sie mussten nur schnell und geschickt sein.

Und hier waren sie nun, sie schlichen beinahe auffällig durch die Gänge des Hauses, das schneeweiße Haar der beiden schaute ab und an aus einigen provisorischen Verstecken, wie einer kleinen Nische oder einem Dekorationsgegenstand, aber für die beiden Kinder reichte das vollkommen aus; sie fühlten sich beinahe unsichtbar und ein enormes Hochgefühl kam aus, als ihre Schritte sie letztendlich nahe an das Ziel ihrer Begierde brachte; die Bibliothekstür.
Ihr Ziel war jetzt nur noch einen Handgriff weit entfernt, Mio war schon dabei die Tür öffnen zu wollen als Lir kurz innehielt; die ruhigenn Worte seiner Mutter spukten ihm noch einmal durch den Kopf, bohrten sich fast schon mahnend in seinen Geist. Er mochte seine Mutter sehr, sie war der tollste Mensch auf der ganzen Welt, und er wollte sie sicher nicht enttäuschen, war das hier also am Ende richtig? Ein kurzer Blick in die glänzenden Augen seiner Schwester wischte letztendlich alle Zweifel weg; es war definitiv richtig, und ihre Mutter würde es ja so oder so niemals mitkriegen.
Die Tür zur Bibliothek wurde mit einem beinah charakteristischen „alte Tür-Knarzen“ geöffnet und schnell huschten die beiden Gestalten in die sichere Obhut der Verborgenheit. Hier drin würde man sie niemals suchen, denn sie durften ja gar nicht hier sein, also käme auch niemals jemand auf die Idee hier nach den Zwillingen zu suchen. Ein unglaubliches Hochgefühl begann sich in Lir breit zu machen, er warf seiner Schwester einen kurzen Blick zu und ohne auch nur zu fragen wusste er, dass es ihr ebenso ging. Die Augen der beiden begannen umherzuwandern, die großen Regale voll mit staubigen Büchern, ein Quell von Wissen, wieso durften sie denn nicht hier sein? Vorsichtig tapsten sie auf nackten Füssen, denn sie hatten sich dazu entschieden alles Schuhwerk wegzulassen, das würde ja Lärm machen, durch die Bibliothek, entlang der großen Regale die viel höher und breiter waren als beide zusammen.

„Wieso haben Mama und Papa immer gesagt wir dürfen hier nicht rein? Das sieht gar nicht so spannend aus …“ warf Mio ein und für einen Moment konnte man fast ein wenig Enttäuschung in dem Gesicht des jungen Mädchens lesen... aber genau die gleiche Frage geisterte auch Lir durch den Kopf; wenn dieser Ort so verboten war, wieso waren dann hier nur Bücher? Kurzzeitig trennten sich die beiden voneinander, strichen zwischen einzelnen Regalen hindurch und Lir ließ seinen Blick über die einzelnen Buchrücken wandern, die meisten mit einer gewissen Unverständnis betrachtend, da ihr Name ihm nichts auf Anhieb sagten, eher er zusammenzuckte als er seine Schwester glucksen hörte und sie aufgeregt seinen Namen flüsterte.

Schnell machte er sich daran an ihre Seite zu kommen und dann stand sie vor einem Tisch, auf dem einige Bücher lagen aber Lir musste nicht lange suchen um zu erkennen, was genau Mios Aufmerksamkeit geweckt hatte, er war sich sicher dass sie es genauso spürte; es war ein einfaches Buch in einem dunkelroten, ledernen Einband, ohne jeglichen Titel. Es wirkte schlicht und doch strahlte dieses Buch etwas aus, etwas das so enorm auf die Zwillinge einwirkte, dass sie die Augen nicht von dem Einband nehmen konnten und es war Lir der anfing die Hand danach auszustrecken, es war ein vertrautes Gefühl, dass von diesem Buch ausging, er musste es einfach anfassen und öffnen, sehen was darin war … und dann zuckten beiden zusammen; die Tür!

Man konnte über Großtante Ione sagen was man wollte, eines war aber sicher: sie konnte sehr laut werden. Als sie die Tür zur Bibliothek geöffnet hatte und die beiden Kinder darin gefunden hatte war eine Explosion sicher noch das geringere Übel, dessen war sich Lir sicher. Ein Arm packte jeweils ein Kind und zerrte sie raus und kaum hatten sie die Bibliothek hinter sich, öffnete sich Iones Mund und ihre laute und wütende Stimme drang daraus hervor.

„Was fällt euch beiden eigentlich ein?! Ihr wisst ganz genau dass ihr nicht in die Bibliothek dürft! Eure Eltern haben es euch mehrmals verboten, verflucht das ist kein Ort für euch beide! Wartet nur ab bis eure Eltern das erfahren …“ ihre Stimme schien sich manchmal beinahe zu überschlagen, ihr ganzer Oberkörper bebte und ein wütender Blick lag in den Augen der älteren Frau, wenn man aber auch deutlich die Sorge darin lesen konnte.

„Wieso müsst ihr andauernd solch einen Schabernack treiben?! Wieso könnt ihr nicht so lieb sein wie eure Cousine Niaa?! Das ist ein herzensgutes Mädchen und sie würde NIE (und dies betonte sie sehr gerne) so einen völlig unüberdachten, gefährlichen Unsinn anstellen wie ihr! Ich bin enttäuscht, von euch beiden!“

...und kaum hatte sie ihre Strafpredigt von sich gegeben, zerrte sie die beiden Kinder mit sich, beide wussten wo es hin ging und die einzige Frage die Lir noch durch den Kopf geisterte war, ob seine Mutter sehr sauer mit ihm sein würde … und Mio schien sich dieselbe Frage in diesem Moment über ihren Vater zu stellen. Beide wussten aber eines sehr gut; das würde Folgen mit sich bringen … Folgen die es aber mehr als wert waren.
Mio Llastobhar

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Kapitel 3: Wildrose in der Nacht

Ich bin kein Mensch, der seine Umwelt unnötig mit Unkenrufen schreckt und aufwühlt, doch war ich mir sicher, dass ich in den Zwillingen, was ihre rabiate Art gesetzte Ziele zu erreichen, ohne Rücksicht auf Andere, eine Verwandtschaft mit dem sah, den ich vergessen wollte.

Mein Gespür sollte sich nicht als falsch herausstellen, auch wenn es zu einer Zeit war, in der doch endlich wieder Harmonie herrschen sollte: Eoineth ward geboren,ein Kind, welches schon in seinen ersten Tagen Unas verträumte, kluge Ruhe ausströmte, wenngleich er einen etwas kräftigeren, an seinen Vater erinnernden Körperbau aufweisen konnte. Die größte Nähe zu seiner Mutter verdeutlichten die Augen, welche grau und nebelig verschleiert von Träumen, ganz denen Unas gleichend, in die Welt blickten. Ein wunderbares, sanftes Kind, welches die Zwillinge beinahe in dem Moment liebten, in dem sie es sahen.

Ich hatte gehofft, dass nun alles bergauf gehen würde, doch in genau dieser Nacht meiner Hoffnung, als Feoras mit mir den Kleinen im neuen Kinderzimmer bewachte und Una entkräftet in einem so tiefen Schlaf gefallen war, der Tage anhalten konnte, da passierte etwas, was uns erst Jahre später gebeichtet werden sollte. Eine Gefahr, welche die Zwillinge verschwiegen hatten, um erneut ihr Ziel, befriedigte Neugierde, zu erlangen...


Ione Llastobhar


Es war so einfach gewesen.
Der aufgeblasene, junge Narr, der sich „ihr Mann“ nannte, hatte das Anwesen, die kleine Burg, welche einst seine Heimat gewesen war, sehr dilletantisch mit magischen Spielereien und Taschenzauberertricks gesichert, dass es ihm wenig Mühe gekostet hatte, unbemerkt ins Innere der Festung zu dringen. Er kannte seine Wege. Die leicht federnden, doch unendlich leisen, Schritte trugen ihn unbemerkt, vorbei an lächerlichen Fallen und beinahe belustigenden Sicherungsalarmen, näher an sein Ziel und diese fast spürbare Nähe malte ein wölfisches Lächeln auf seine zeitlosen Züge. Ein wenig schien es ihm, als könne er den frischen Duft, der so an Gänseblümchen im Lenz erinnerte, den ihr Haar verströmte, schon riechen, sah die schmale, mädchenhafte Gestalt schon vor sich und fühlte Angst, die zum greifen nah war.

Zumindest Letztere war echt, denn hielt er seinen Geist trotz all der Handlungen im Diesseits wacker so sehr in Konzentration, dass es ihm möglich war, auch noch die Traumebene zu überblicken und hier hatte er sie längst entdeckt. Mit wenigen Schritten würde er auch außerhalb ihrer Alpträume die Tür erreicht haben, welche ihren Körper noch von ihm trennte und der Narr, dieser Jagotin, diese verdammte, schäbige, dumme Made, hatte sich mit den Bälgern und seiner ach-so-geliebten Schwester in ferne Räumlichkeiten verzogen. Bis der Elementartropf die Gegenwart seines Feindes spüren konnte, war dieser längst über alle Berge und diesmal mit der Frau, die ihm, nur ihm als Braut zustand und der Andere schutzlos gelassen hatte.

Wie konnte man nur so dämlich sein und zweimal hintereinander den selben Fehler begehen?

Er unterdrückte ein triumphierendes, dunkles Lachen, als er die Klinke zu ihrem Schlafgemach ohne Mühe herabdrückte und sich gewandt in das Zimmer dahinter stahl. Ihm war dieser Fehler nur recht, war seinen Plänen zugute gekommen und belohnten ihn nun mit dem Preis:

Die großen Fenster des Zimmers warfen das Licht der milden Frühlingsnacht in die Mitte des Raumes und auch wenn dieser trotz alledem noch recht dunkel und schattig wirkte, als habe man die Enden der Kemenate ausgeblendet, so befand sich ihr Bett doch direkt unterhalb des Fensters und somit waren weiße Daunenkissen und Federdecken, sowie die schlafende Gestalt in silbriges Mondlicht getaucht.

Seine Beine bewegten sich nun fast wie von selbst und mit einem Satz war er an ihrem Bette.
Das Grinsen wurde breiter.
Sie schlief unruhig, bewegte den Kopf schaudernd und verzog das unschuldige Mädchengesicht gequält im Traume, während sich ihre Brust bebend hob und senkte, als sie die von ihm gesponnene Nachtmär gekämpfte. Oh, keine Frage, sie war nicht mehr das verängstigte, kleine Ding, welches er vor kaum fünfzehn Jahren so mit Blicken verwirrte und den Zwist zwischen ihm und seinen Bruder auflodern ließ, als er um ihre Hand anhielt. Um sie warb, um seine Nichte.
Es war mehr daraus geworden, als er zu Beginn im Sinne hatte. Ihre Scheu, ihre Angst, die sich dann in den nebelfarbenen Augen spiegelte, und nicht zuletzt ihr plötzlicher Kampfeswille ihm gegenüber hatten ein Spiel eröffnet, das auch jetzt nicht ruhte, als sie schon verheiratet war und einen Anderen mit Kindern gesegnet hatte, die hohes Potential in sich trugen. Dieses Spiel würde erst enden, wenn er seinen Willen bekommen hatte... oder einer von beiden nicht mehr war.

Unbeherrscht, von seinen heftigen Gedankengängen und grober Begierde gerissen, packte er zu, wollte sie an sich reißen, mit sich nehmen... und prallte jäh am Rand des Bettes zurück.

Als habe man ihn geschlagen zuckte er zusammen und die eisblauen, kalten Augen weiteten sich voller Irritation. Ein weiteres Mal griff er, nun zögernd und vorsichtig, nach seinem Wunschtraum, nur um erneut kurz vor der Berührung abgewiesen zu werden, als befände sie sich aus einer Kuppel unsichtbaren Glases...unsichtbar?!
Er keuchte und begab sich beinahe augenblicklich auf die Knie um unter das Bett zu sehen.
Was er dort erblickte ließ seine Augen nochmals aufblitzen und ein erniedrigtes Stöhnen entfuhr den schmalen Lippen, ehe sein blasses Gesicht noch etwas fahler wurde.
Fast erwartete er, dass dieser feurig lodernde, magische Schutzkreis, welcher ihm hier entgegenflackerte noch meckernd und höhnend lachen würde, so wie dieser vermalledeite Elementarknabe nun spotten würde, wenn er ihn so sehen konnte. Kurz vor dem Ziel, kurz vor dem endlichen Sieg und doch just diesem schönen Ziel unendlich fern. Es würde Stunden dauern einen Gegenzauber zu einem derart mächtigen Schutzkreis zu weben. Stunden, die er nicht hatte!

Wütend kam er wieder auf die Beine, fühlte wie der Hass über den Trick und seinen Erbauer ihn übermannte und den Körper durchspülte. Ehe er sich versah, hatte er schon zornig ausgeholt und mit geballten Fäusten gegen das unsichtbare Hindernis geschlagen. So sinnlos und unvorsichtig, doch tat es der erniedrigten Seele ein wenig besser. Ächzend presste er sich an die Barriere und betrachtete sie, sein „Eigen“, die ihm nun fast weniger ängstlich und beunruhigt vorkam.

„Was machst du da?“

Jäh fuhr er herum, als die wispernde Stimme von hinten an ihn herandrang. Er hatte damit gerechnet, dass sie ihn nun erwischen und jagen wollten und schon hatte er den passenden Zauber parat, griff hastig nach dem Lied, um dann zu erstarren. Unglauben und Erstaunen mischten sich zu einem Gefühl, als hätte man ihm ein Brett vor den Kopf geschlagen.
Klein, schmal und zierlich der Körper.
Blasse, fast weiße Haut, wie der Teint eines zarten Porzellanpüppchens.
Haar in der Farbe von frisch gefallenem, reinem Schnee, welches in langen, gepflegten Strähnen bis fast zur Taille fällt.
Ein kindliches, feingeschnittenes Gesichtchen, welches vor Unschuld und Naivität strotzt.

„Una...“

Der Name war ihm irgendwie aus dem Munde gerutscht, doch berichtigte ihn sein wachsamer Blick und der scharfe Verstand, dass irgendetwas an der kleinen Doppelgängerin nicht recht stimmte. Mühsam beherrscht kniff er die Augen zusammen und ertastete das unwirklich anmutende Geschöpf blicklich. Das Haar war genauso lang, dieselbe Farbe der Winterflocken, doch fehlten die sanften Wellen und so fiel es glatt und eben über die Schulter und eine einzige Strähne glänzte eher goldblond. Das Antlitz war bis zur feinsten Erhebung der Wangenknochen und dem eher runden Kinn Unas und doch... die Augen stachen aus dem Trugbild heraus, hielten seinem Blick unerschrocken Stand und funkelten in einem kräftigen olivgrün statt nebelig grau. Und auch wenn Una in der Zeit körperlich gefangen war und noch immer nicht älter als etwa sechzehn Sommer aussah, so war dieses Wesen nochmals etwas jünger, unreifer, kindlicher!

Als er begriff, wer da vor ihm stand und arglos zu ihm aufblickte, zuckte es um die Mundwinkel und das lauernde Lächeln des Jägers kam schleichend zurück. Vielleicht war die Nacht noch nicht vollends verdorben.

„Ich bin nur...“, begann er mit tiefer, doch einnehmender Stimme volltönend und hielt erstaunt inne, als das Püppchen einen zarten Finger an die elfenbeinfarbenen Mädchenlippen legte und ihm bedeutete zu schweigen.

„Ich weiß wer du bist.“, begann sie und der Blick flackerte zu ihrem schlafenden, älteren Ebenbild, ihrer Mutter. „Du bist die Wildrose, mein Großonkel Kailen, nicht wahr?“

Er schürzte die Lippen und wusste nicht recht, ob er nun lachen oder ihre Antwort verfluchen sollte. Wieviel einfacher hätte es sein können, wenn sie dem Kinde gegenüber nur aus dummer Vorsicht geschwiegen hätten. Doch so...

„Ah, also haben sie dir von mir erzählt, Kleines, hm?“, er bemühte sich bitter und betrübt zu klingen, während ihn die Augen des Mädchens nicht aus dem Blick ließen.
„Dann hoffe ich, dass sie dir alles erzählt haben. Nicht nur, die Schattenseite, in welcher ich schon als dunkler Verfolger deiner Frau Mama gelte,...“, wie albern und unwirklich kam es ihm vor Una als Mutter zu benennen, war sie für ihn doch selbst noch immer nicht mehr als ein junges Mädchen, die weiße Rose des Hauses Llastobhar, seine Una, „... sondern auch, dass ich derjenige bin, der sie mehr als alles andere verehrt und liebt?“

Zärtlich waren ihm diese Worte, wie ein klarer, süßer Quell entsprungen, doch das Kind zeigte sich eher nachdenklich und unbeeindruckt von diesem Liebesgeständnis, ehe sie ihm langsam zuflüsterte:

„Sie... fürchtet und hasst dich.“

Ach nein.
Wie gerne hätte er ihr nun erklärt, dass ihre Beziehung doch genau aus diesen Gefühlen ihm gegenüber geboren ward und sie ihn nicht kränkten, sondern Macht und Freude bedeuteten. Stattdessen aber setzt er eine gespielt trübe Miene auf, sonnte sich kurz in Melancholie, ehe er sich näher zu der kleinen Llastobhar beugte und eine unschuldige Kinderfrage mit einem verdorbenen, bösen Lächeln stellte:

„Und du... hasst du mich auch, Kleines?“

Für einen Moment befürchtete er, dass sie nun schreien würde und das halbe Haus zusammentrommeln wolle, doch starrte sie ihn nur länger mit weit aufgerissenen Augen an, ehe wieder ein Wispern an sein Ohr drang.

„Nein. Wie könnte ich das? Ich kenne dich doch gar nicht...“

Zack! Eine Falle, wenngleich längst keine all jener, die er in Planung hatte, schnappte in genau diesem Moment zu und mit katzenhaft geschmeidiger Bewegung beugte er sich nochmals etwas herab, um sein Gesicht dem der Kleinen näher zu bringen.

„Mein Kleines... wie war denn nochmal dein Name?“

Er sah begierig das Beben, welches durch den zarten Körper fuhr, doch musterte sie ihn tapfer und ließ nun auch das Stimmchen, hell und dennoch rauchig, wie die von Una, hören.

„Mio, Mio Asheera Llastobhar ist mein Name.“

Zufrieden nickte er und kam nicht umhin mit Begeisterung zu realisieren, dass sie ihm sogar ihren zweiten, den vertrauten Namen, genannt hatte.

„Also möchtest du mich kennenlernen, kleine Mio?“

Sie blickten einander an und zufrieden sog er innerlich den gesamten, chaotischen Gefühlsschwall auf, welchen sie so vorbildlich in der ausdruckslosen Mimik vor ihm zu verstecken versuchte, sich doch dafür in ihren olivgrünen Augen deutlich abzeichnete. Dann nickte sie stumm und er erhob sich aufatmend.
Sieg, ein winziger zwar nur, doch würde er mächtige Früchte tragen.
Sieg... und es war längst Zeit zu gehen, denn nun wäre es vernichtend, entdeckt zu werden.

„Ich erinnere mich daran, kleine Mio und deine Chance mich kennen zu lernen soll kommen... versprochen.“

Er glitt trotz großer Schritte beinahe lautlos, raubtierartig an dem kleinen Mädchen vorbei und doch konnte er es sich nicht verkneifen, ihr noch in der Bewegung mit falscher Zärtlichkeit über die Wange zu streichen.
Dann hatte er den Raum hinter sich gelassen, hastete durch die kleine Burg, dem Ausgang entgegen und ahnte nicht, dass Mio ihm nicht nachblickte sondern in das Gesicht ihres Bruders starrte, welcher am anderen Ende des Raumes, in einer der dunkleren Ecken auf dem Rand seines Bettes saß.

„Mio... Mio...“, flüsterte er fröstelnd, „... bist du sicher, dass das klug war?“
Doch sie antwortete nicht und zitterte nur.
Zuletzt geändert von Mio Llastobhar am Freitag 5. Dezember 2008, 11:07, insgesamt 2-mal geändert.
Lir Llastobhar

Beitrag von Lir Llastobhar »

Kapitel 4: Die verlorenen Kinder

Die kurze Suche nach Unas kleiner Tochter Mio hatte sich binnen weniger Minuten zu einem wahren Spürhundeinsatz entwickelt, da nun nicht nur Una und ich, sondern auch Feoras, Ione und das gesamte Personal das Haus auf den Kopf stellten. Die Angst der Eltern und Freunde wurde spürbar, schlug sogar auf mich um und steigerte sich dennoch um ein Vielfaches, als Ione den seltsamen Brief aus Mios Bett zupfte. Mit zitternden Fingern öffnete ihn Una und wir, die drei Mitsucher, blickten über ihre Schulter, auf die wenigen Worte, die dort geschrieben waren:

Geliebte Nichte,
sie hätte MEINE Tochter sein sollen.


Danach brach das Chaos aus.
Una sackte in die Knie und schluchzte herzzerreissend, Feoras tobte durch das ganze Anwesen und Ione versuchte auf den anderen Zwilling, Lir, einzureden, da sie glaubte er könne etwas wissen. Doch der Junge blieb verängstigt und stumm, weshalb ihn Una kurz darauf in Schutz nahm und die Gemüter zu explodieren drohten. Feoras schaffte es dennoch auch hier Brennstaub ins Feuer zu werfen, als er gestand, dass bei der Geburt der beiden ein ganz ähnlicher Zettel zurückgelassen wurde, er ihn jedoch vernichtet habe um seine Familie zu schützen.

Erst als Una ihren aufbrausenden Wutanfall unter Kontrolle bekommen hatte und wieder dazu überging zu weinen, begannen wir unsere Suche auszuweiten.
Ich glaube, im Laufe der Stunden haben wir bestimmt ein Viertel der Insel durchsucht, doch nicht einmal im Lied eine Spur gefunden. Keiner schlief in dieser Nacht... und auch nicht in der Nächsten.

Doch trug es sich zu, dass am frühen Morgen, sowohl Una, als auch Feoras und ich einen heftigen Ruck im Lied spürten und nur wenige Augenblicke später kam der Junge ins Zimmer gestürzt. Kerzenfahl und schaudernd gestand er, mit seiner Schwester durch das magische Erwachen in Gedankensprache zu stehen und er wüsste, wo sie zu finden sei.

Vielleicht hätte Feoras ihn geschlagen, hätte Una den Knaben nicht fest gepackt und hastig gesprochen:
„Bring uns hin, Lir, los... es eilt. Holen wir Mio zurück!“

Demoar Llastobhar-Zarach



Selten hatte er seine Mutter so aufgelöst und verweint gesehen. Den ganzen Tag über war sie ruhelos, sie irrte durch das gesamte Haus, die Tränen schienen gar nicht versiegen zu wollen und für so eine kleine und zierliche Frau war es schon beinahe etwas beängstigend, wie viel Lirs Mutter die letzten Tage geweint hatte. Weniger verheult, dafür umso wilder schien sein Vater zu sein, eines hatte er mit seiner Mutter soweit gemeinsam: er war auch ruhelos, aber eher auf eine recht gefährliche Art. Mio war schon immer ein wenig sein Liebling gewesen und nun war sie weg, und sein Vater war selbst bei den kleinsten Anzeichen kurz davor zu explodieren.

Seufzend hatte er seine Mutter immer wieder betrachtet, hatte die Augen qualvoll zusammengekniffen, wenn sie ihn schluchzend in den Arm genommen hatte und ihm wimmernd versuchte klarzumachen, alles würde gut werden … und oh, wie bitter die Tatsache war, dass Lir wusste, dass dem wirklich so war. Immerhin hatte Mio es ihm gesagt, und dieser Umstand war es auch, der ihn davon abhielt, seiner Mutter direkt ins Gesicht zu sagen, wo seine Schwester war. Doch wie oft jenes Versprechen nichts zu erzählen sich zu einer wahren Prüfung entwickelte, war beinahe grausam. Einverstanden war er mit dieser Situation nicht, dieser Kerl, Kailen, war nicht das, was Mio sich von ihm vorstellte und er wünschte sich sehnlichst, sie würde das auch begreifen, würde verstehen, dass dieser Mann eine Gefahr war aber Lir musste seiner Schwester vertrauen, jedenfalls noch eine Weile. Schließlich hatte sie fast drei Jahre auf diese komische „Chance“ gewartet.

Die große Wende kam dann jedoch in absehbarer Zeit. Nervös hatte er auf seinem Bett gelegen, seit Stunden wartete er nun schon auf eine Nachricht von seiner Schwester, auf die Bestätigung alles sei in Ordnung und ihr ginge es gut. Doch es kam nichts, es erklang keine beruhigende Stimme in seinem Kopf, keine Worte die ihm wenigstens kurzzeitig etwas Ruhe gönnten. Doch dann, nach einer halben Ewigkeit ertönte etwas in seinem Kopf... und ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Es war Mio, aber sie schrie, sie schrie laut auf und mit einem Satz war Lir losgesprungen. Er mobilisierte all seine Kräfte, holte tief Luft und brüllte nach seinen Eltern … es war an der Zeit das zu tun, was er schon länger hätte tun sollen.

***

Hastig folgte er dem Schritt seiner Frau und versuchte an ihr, die ihm Licht und Liebe ins Leben gebracht hatte, die dunklen Gedanken zu vergessen, fortzuschieben, die sein Gemüt beschatteten und ihn quälte. Er hätte die Sache mit dem Brief besprechen sollen, schon damals, als sie nach der Geburt der Zwillinge endlich wieder bei Kräften war.
Nie hatte er die ganze, grässliche Angelegenheit vergessen und doch... doch hatte er angefangen sich und die Seinen in Sicherheit zu wiegen, hatte gehofft und geglaubt, dass dieser Wahnsinnige endlich aufgehört hatte ihr nachzustellen, vielleicht, so hatte er boshaft gebetet, aufgehört zu atmen.

Seine Hoffnungen schienen erfüllt, als sich all die Jahre, abgesehen von Unas Alpträumen, über welche sie schon lange nicht mehr mit ihm sprach, nichts mehr zugetragen hatte. Kein Übergriff, keine Drohungen, kein Hauch Kailen, noch nicht einmal, als Una und ihm ein weiteres Kind geboren war. Die Sorge schien so weit weg und Kailen wie ein sprichwörtlich böser Traum vollends verschwunden.

Ein Stich fuhr durch sein Herz, als er den Gedanken beendet hatte.

Verschwunden? Verschwunden war nun nur seine Tochter, das Mädchen, welches der Mutter äußerlich fast glich wie ein Ei dem Anderen und doch innerlich ganz sein Temperament, seine Neugierde und Lebhaftigkeit spiegelte. Man hatte ihm seine Tochter geraubt und nur die Götter wussten, wo Mio zu finden war... und ob sie am Leben...

Er schüttelte den Kopf um weitere, schreckliche Bilder zu verscheuchen. Dann wanderte sein Blick von der schmalen Gestalt seiner Frau fort und glitt über das mittlerweile karge Land. Lir hatte sie an die warme, windige Südküste geführt. Nichts als Klippen und graubraunes, langes Dünengras. Wenn Mio hier wäre, so hätten sie seine Tochter doch schon längst gefunden. Hilfesuchend blickte er nun auch zu Demoar, dem dritten der Erwachsenen hier im Bunde, doch dieser schien den Blick nicht zu bemerken und starrte stumm auf seinen Weg, als füchte er, so nahe an den Klippen plötzlich in die Leere zu treten und unschöne Bekanntschaft mit den Felsen unterhalb der Anhöhe zu machen.
Ein Sturzgebet an Phanodain bildete sich in seinem Kopf und doch sprach er es nicht aus, hoffte, dass der mächtige, weise Fuchs ihn auch so erhören würde. Hoffte, noch immer, das man ihm das Stück seines Herzens bringen würde, das man geraubt hatte.

Plötzlich blieb Una stehen und ein Keuchen war deutlich aus ihrer Richtung zu hören.

Mit wenigen Schritten stand er neben ihr und auch in seiner Brust machte etwas einen Satz, als er ihrem Blick folgte. Vor ihnen tat sich ein, vom Fels zunächst verborgener, mit Moos bewachsener Pfad, direkt an den Klippen entlang, auf. Ein solcher Pfad konnte zu versteckten Felsnischen führen... oder aber einer Höhle, die man dann nur noch magisch absichern musste um sich gänzlich vor den Augen anderer Magier zu verbergen.

Sie stürzten beinahe den holprigen, glitschigen Pfad herab.
Lir hastete voraus und begann seit seiner Verkündung das erste Mal wieder zu sprechen. Eifrig feuerte er seine Eltern und Demoar an ihm zu folgen.

„Es ist nicht mehr weit... gleich...“, dann hielt er inne, verlangsamte den Schritt um kam schließlich zum stehen.Wie erstarrt blickte er auf das Bild, welches sich ihm und kurz darauf auch seinen Eltern bot.

Eine majestätische Höhle hatte sich in den Fels gefressen, als habe eine riesige Faust einen mächtigen Schlag in das Gestein vollführt und dabei einen tieferen, halbrunden Abdruck hinterlassen. Einzig der Boden war beinahe flach, ja konnte schon fast als eben bezeichnet werden. Er ragte etwas länger als die Höhlendecke aus dem Fels, streckte sich wie ein Stück Zunge dem Himmel entgegen, während unmittelbar unter diesem Stück Stein der Abgrund wartete, in dessen Tiefe das Meer spielte und sich rauschend, brausend gen Klippen warf.

Auf dieser Höhlenzunge, nur wenige Fingerbreit von der jähen Kluft entfernt, kauerte Mio und starrte auf das Meer hinaus.
Sie schien die Kälte nicht zu spüren, die der beginnende Winter und der schneidende Wind versprühten, als würde der viel zu große, rabenschwarze Kittel, den sie als einziges Kleidungsstück am Leib trug, sie vor jeglichen Natureinflüssen schützen.
Doch nicht nur dieser Anblick wirkte beängstigend auf ihren Vater.
Als der Wind ein weiteres Mal mit dem Haar des Mädchens spielte, da spürte er, wie eine Gänsehaut über seine Arme und das Rückgrat entlang kroch, nicht etwa aus Kälte, nein:
Mios ehemals lange Haarpracht reichte ihr nur noch knapp bis zu den schmalen Schultern.

„Mio...“, erklang von irgendwoher Lirs Stimme und als sie den Kopf unendlich langsam drehte um sie mit großen Augen anzustarren, da entdeckte Feoras die glitzernden Tränen an ihren Wangen.
Mit wenigen, hastigen Sätzen war er bei seiner Tochter, griff nach dem kleinen Körper, riss sie regelrecht hoch und drückte sich an sich. Jetzt, erst jetzt entwichen ihm die Schluchzer.

Kalte, zitternde Ärmchen umklammerten seinen Nacken, als sie den Kopf an seine Schulter presste und nur ihm galten die geflüsterten, stockenden Worte:

„Dari, er hat mir nicht weh getan...“
Mio Llastobhar

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Epilogue:

Wie lange Dari und Nanna miteinander schimpften, verzweifelt grübelten und weinten, wissen wir nicht. Doch am Ende lagen wir vier einander in den Armen und Nanna verkündete, dass wir beide zu den Verwandten nach Gerimor geschickt werden sollten. Schließlich, so hatte Dari streng hinzugefügt, müsste man sich eh schon nach einer geeigneten Akademie umsehen und auch wenn der Studienbeginn noch in der Ferne lag, so wäre sie ja schon greifbar.
Nur wenige der Verwandten sollten überhaupt wissen, was sich wirklich zugetragen hatte. Die „Erwachsenen“ und „Erfahrenen“, so wurde geraunt und auch, wenn wir uns zuerst nicht viel darunter vorstellen konnten, so erfuhren wir doch, dass Dari und Nanna beide einstimmig das Familienoberhaupt, Cathal, als rechtlicher Vormund für uns gewählt hatten. Ebenso war da wohl auch noch Shanna, die uns zur Seite stehen sollten. Die Sache mit der Erziehung hinsichtlich der Magie würde in Onkel Demoas Händen liegen und auch Tante Sorcha bekam eine spezielle Aufgabe zugewiesen. Angeblich alles im Namen der Bildung und guten Erziehung.

Wir verstanden den wahren Grund dahinter, hatten wir doch gehört wie Nanna zu Dari sagte, dass Mio Zuhause vorerst nicht sicher wäre und auseinander gerissen hätte sie uns nie. Vielleicht, weil sie selber einen Zwilling hat und weiß, was es bedeutet, wenn man lange von seinem Gegenstück getrennt ist. Tante Sorcha soll auch herausfinden, ob es eine Art heiligen Schutz für die Sache gibt, doch klang Dari da wenig überzeugt und gab erst nach, als Nanna aufführte, wie sicher die 'Dornenfeste' sei und dass Onkel Cathal sich so gut mit dem 'Mistkerl' auskennen würde. Wir ahnen auch, wen sie damit gemeint hat.

Morgen soll es dann losgehen, morgen früh werden wir vor dem ersten Hahenschrei geweckt und sollen mit Onkel Demoar das erste Schiff zum Festland nehmen.
Beide wollen wir nicht weg, wollen weder Dari noch Nanna alleine lassen, doch sagen sie es müsse sein. Es liegt nun also ganz an dir, hörst du... auch wenn du fast noch ein Baby bist.

Du musst nun für Dari und Nanna da sein, Eoineth, und sie wieder zum lachen bringen.

Mio Asheera Llastobhar und Lir Valorean Llastobhar
Zuletzt geändert von Mio Llastobhar am Donnerstag 4. Dezember 2008, 14:50, insgesamt 1-mal geändert.
Mio Llastobhar

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Lauf, Mädchen, lauf!

Und wie sie rannte, als wäre der nachtschwarze Panther samt Seelenfresser und Konsorten hinter ihr her. Manchmal war es glorreich tapfer und standhalt zu sein, doch in diesem Falle lebensmüde und mehr als verflucht dumm! Außerdem gellten die entsetzten Schreie der jungen Frau hinter ihr her, welche in diese bizarre, so verdrehte und erschreckende Situation hineingeraten war. Zum Glück für Mio, so realisierte diese selbst, denn sie hatte mehr Verstand gezeigt, als das überforderte Mädchen.

Mit Klirren und Rattern fiel das Burgtor hinter ihr herab und obwohl sie nun doch eigentlich in Sicherheit war, hastete und stolperte Mio keuchend weiter.

Wer verdammt und zugenäht war dieser... dieser... Kerl?!


Da fand die Sohle ihrer feinen Wildlederstiefel keinen Halt mehr im Schnee- und Eismatsch und das Beste, was das Mädchen noch aus dem Fall machen konnte, war die Schulter etwas einzudrehen, um nicht mit dem Gesicht voran den Boden zu küssen. Ein hässliches Schmatzgeräusch kündete das Ende der Schlitterpartie an und gluckste gleich nochmals glitschig auf, als die 'Gefallene' sich jappsend auf den Rücken drehte und mit weitaufgerissenen Augen in die beinahe schwarze Dunkelheit über sich starrte. Es störte sie diesmal nicht, dass kein einziger Stern am Firmament zu sehen war, denn sie fixierte nichts und ließ den Blick nur ziellos hastig wandern, während sie krampfhaft versuchte ihre Gedanken bezüglich diesen überwältigenden Erlebnissen zu sortieren.

Was war nur mit diesem irrsinnigem Land und seinen Bewohnern los?

Zunächst war es dauernd düster und unangenehm. Seit ihrer beider Ankunft war kein Tag vergangen, an welchem die Zwillinge nicht über die trostlose Finsternis schimpfen und klagen konnten. Dann wurde der erste Versuch das Städtchen Berchgard zu erkunden zum reinsten Fiasko, als ihnen plötzlich ein wandelndes Skelett entgegentorkelte. Bei all dem, was sie heimlich gelesen und sich über schwarze Magie ausgemalt hatte, siegte hier jedoch ihre Angst vor der Neugierde und Lirs Vorschlag wieder abzuhauen wurde schon fast mit Kusshand angenommen. Diesmal, endlich, war es ihr geglückt und obwohl es ihr leid tat ihre bessere Hälfte, den mit Fieber niederliegenden Bruder, zurück zu lassen, hatte sie den Ausflug und das Stadtluftschnuppern genossen.
Nicht nur war es ihr geglückt ein Schachspiel zu ersteigern und den Wirt so dreist zu belügen, dass er ihr einen Schlauch voll Wein verkaufte (ein besonderes Souvenir für Lir, welches man heimlich gemeinsam vernichten würde), sie hatte auch noch eine wundersame Entdeckung gemacht: ein bläulich glimmender, rießiger Stein, über und über mit keilartigen Runen gezeichnet, war in einer Höhle inmitten der Stadt zu finden. Das beste daran wiederum war, dass offensichtlich keine Wachmannen vor dem Stein postiert waren und man damit auch für längere Untersuchungen ungestört hineinschleichen konnte.

Ohja, endlich ein erfolgreicher Tag mit wundersamen Neuigkeiten, hätte der Kerl sie nicht kurz nach der Brücke, wenige Schritt vom Burggraben entfernt, erwischt. Sie kannte ihn nicht, doch wühlte sein Wesen im Lied sie innerlich schon auf, als er noch nicht so nahe bei ihr stand, wie wenige Augenblicke später... und all dies ging so verfluchtnocheins schnell!

Er hatte sie rasch als Mitglied einer schier ewig großen, ihr selbst manchmal noch fremden Familie identifiziert und kühn hielt sie sich an Daris und Nannas Worte, welche nach dem Vorfall mit der Wildrose immer und immer wieder, wie winzige Hämmer, auf sie eingeprasselt waren:

- Vertraue keinem Fremden mehr
- Nennen niemals deinen zweiten Namen, den nur die Kernfamilie wissen soll
- Bleib ruhig, lass dir Angst nicht anmerken
- Halte dein Temperament im Zaum

... und so vieles, vieles mehr.

Doch was hatte es gebracht? Im Endeffekt genau nichts!
Der Kerl, ganz offenbar ein Verwandter, der nicht nur blanken Hass gegenüber Onkel Cathal und die Einwohner der Dornenfeste versprühte, sondern auch ein Opfer des tosenden Wahnsinns war, tobte alsbald, dass dem Mädchen hören und sehen verging. Er warf ihr Fluch, Leid und den perversen Wunsch sich am Schmerz Anderer ergötzen zu wollen, vor, beharrte mehrfach darauf, dass sie lügen würde und zog letztendlich einen blitzenden Dolch aus dem Gürtel.
Da war es um all die guten Vorsätze geschehen und Mio spürte noch, wie ihre eigene Panik im Lied riss und der Wind zu heulen begann... mehr brachte die unkontrollierte Magie des Mädchens jedoch nicht zustande. Ja, sie war noch nicht einmal selbst in der Lage an die enge Verbindung zu ihrem Bruder zu denken und starrte nur die unheilvolle Klinge an.

Die Dame, welche, einem Engel der Lichtgöttin gleich, auf sie und den 'Kerl' zuritt, rettete ihr vielleicht das Leben, ganz sicher aber ein Ohr oder sonst einen Teil ihrer Selbst, welchen der Wahnsinnige drohte abzuschneiden.
"Lauf, Mädchen, lauf!" und sie stellte sich kühn zwischen den Mann mit dem Dolch und dem Kind, welches sich nun endlich umdrehte und rannte, rannte, rannte...

Steif, wie eine Marionette, an deren Fäden man riss und so ins Leben zurückrief, stand sie auf und stackste auf das Gebäude zu. Hölzern erklimmte sie dann die Treppen zum "Kinderzimmer", riss die Türe auf, stapfte hinein, schloss wieder und lehnte sich an das warme Holz.
Lir schlief tief, die Medizin schien zu helfen.
Gut so... sie hatte eine Nachricht an Cathal zu schreiben, der Irre hatte es ihr aufgetragen und irgendwie schien es ihr richtig, dass ihr Onkel davon erfahren sollte.
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