Schweigend griff sie nach der groben Leinenwäsche, speckige Hemden und alte Hosen, um diese mit zitternden Fingerchen auf die gespannte Schnur zu hängen. Schweigend, weil Hanna lauschte, zitternd, weil sie Angst hatte den Krach gleich wieder zu hören. Muffig roch es auf dem kleinen Dachstuhl der einfachen Hütte, in welcher das dreizehnjährige Mädchen mit ihrem Stiefvater wohnte. Es stank geradezu nach fauligem Holz und grober Kernseife. Eine abartige Mischung, die an solchen Tagen wie dem heutigen, an welchem man die schwüle Sommerluft im Hausinneren beinahe schneiden konnte, Hanna manchmal zum würgen brachte. Heute allerdings hatte die Angst ihre Sinne so streng unter Kontrolle, dass sie dem Geruch wenig Beachtung schenke und stattdessen auf das drohende Unheil wartete. Da, ein Blitz und Hanna hielt den Atem an. Als das grässliche Echo, der tobende Donner, das Hüttchen erreicht hatte, entfuhr dem Kind ein kläglicher Wimmerlaut. Aus irgendeinem Grund fürchtete sie den Donnerschlag mehr als das gleißende Licht des Blitzes. Sie war vor wenigen Wochen erst dreizehn geworden und ersetzte seit dem Tod ihrer Mutter, vor beinahe vier Jahren, dem Stiefvater die Hausfrau an seiner Seite. Himmel, Zwirn und Fadenspule, sie war kein kleines Dummchen, sondern ein sehr stilles, nachdenkliches Mädchen.
Insofern wusste sie genau, dass der Blitz sehr viel tödlicher war, als sein krachender Nachhall und dennoch... dennoch.
"Ach, Hannerl", flüsterte diese süßlich-lockende Stimme, welche sie in solchen Momenten heimsuchte, "was soll schon groß passieren? Selbst wenn der Blitz einschlägt, Hannerl, selbst wenn. Dann steht das Dach in Flammen und wenn dich das Gebälk nicht erschlagen hat, so wirst du in Rauch und Feuer verenden. Doch, Hannerl, es gibt Schlimmeres, nicht? Ja und so hättest du deine Ruhe!"
Sie schüttelte heftig den Kopf, dass das weizenblonde, lange Haar in fadigen Strähnen um ihr Haupt flog. Warum solch schreckliche Gedanken? Richtig, es war viel geschehen, viel zu viel für das junge Gemüt, doch Hanna war von einem robusten Geist beseelt und wusste, dass sie auch weiterhin stoisch alles erdulden konnte. Es gab Kinder, denen es schlechter ging. Ohne Dache über den Kopf, ohne warme Decken des Nachts und ohne ausreichend Nahrung. Es ging ihr doch eigentlich gut bei Vat... bei Jareck.
"Hannerl!"
Wenn man vom Ungeheuer redet, dann kommt es aus der Höhle gekrochen.
Als sie nicht sofort auf den Ruf des Stiefvaters antwortete, wurde dieser nur polternder und übertönte damit beinahe sogar den Donnerklang.
"HANNERL!"
Mit wenigen Sätzen flog sie die enge Stiege zum Dach herab, beinahe froh darüber den scheußlichen Ort verlassen zu können und wurde erst auf den letzten, knarrenden Treppenbrettern langsamer. Jareck wartete direkt vor der Treppe und wässrig blaue Augen starrten das herbeieilende Mädchen sinnierend an. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und wartete so, stumm und still, bis seine Tochter vor ihm stand und den Kopf in den Nacken legen musste, um zu ihm aufzublicken.
"Was gibt es... Vater?", fragte sie leise und mit gewählter Vorsicht.
"Der Regen lässt nach und da ist's genau die rechte Zeit, um noch ein paar Besorgungen zu machen."
Sie nickte wortlos und griff nur einen kurzen Augenblick später nach Mutters altem Wollmantel und dem geflochtenen Weidenkorb, welchen sie für die Warengänge nutzte.
"Was brauchst du alles?" Wieder kaum ein Wispern, doch ohne verschüchtertes Hauchen.
"Bier, ruhig ein größere Flasche und lass dir den Weinschlauch beim alten Herrbing mit Schnaps auffüllen. Besorg' auch ein Kümmelbrot und einen Tiegel Schmalzbutter."
Sie quittierte wieder alles mit einem Nicken und streckte dann sorgsam die Hand aus um artig die Kupfermünzen für diese, größere Besorgung von ihm zu erhalten. Allerdings keuchte sie kurz darauf erstaunt auf, als er ihr einen silbrigen Taler in die Hand drückte.
"Was...?"
"Kauf dir ein neues Hemd. Ein Weißes, am besten mit ein paar Spitzen und einen neuen Kamm."
Als ihre Verwirrung kein Ende nehmen wollte und sie schon beinahe an das Gute im Menschen glauben wollte, lächelte er plötzlich voller falscher Vaterliebe und tätschelte ihr den Kopf, dass sich alles in Hannas Innerem versteifte.
"Mein gutes Hannerl... ", begann er und nur mühsam unterdrückte sie einen Würgelaut, als die nun süßliche Stimmlage, die an ihr Ohr drang, die Kehle verschnürte, "... du musst doch glänzen, wie ein kleiner Edelstein, wenn heute Abend die Jungs kommen."
Benommen griff sie nach dem Geldstück, hörte seine fadenscheinigen Erklärungen nicht länger und trat aus der Türe in den Regen, der nunmehr schwach tröpfelte. Die "Jungs", das waren seine Freunde. Die Art Freunde, welche man durch Falschspiel, Hehlerei und den Alkohol bekam und welche man irgendwie nicht wieder loswerden konnte. Der Gedanke an jene Gruppe ließ Erinnerungen kurz, wie die Blitze, vor ihrem Auge aufflackern und erneut brach die Übelkeit über sie herein. Kurz wurde es nebelig vor dem Blicke und Hanna vermochte auch später nicht zu sagen, ob sie geweint hatte, oder der Regen sich seinen Weg über ihre Wangen gebahnt hatte.
Der abgekühlte, feuchte Boden trug einen erdigen Duft zu ihr und tapfer begann sie weiterzulaufen... zu laufen und zu laufen. Es war ein guter Tag um nimmermehr umzukehren!
Hannas Märchen oder Auf der Flucht vor dem bösen Wolf
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Hanna Erlenbach
Hanna griff nach der einfachen, doch mollig warmen Wolldecke, warf sie mit etwas Schwung über die schmalen Schultern und kauerte sich auf den kleinen Schemel in der Nähe des Fensters. Vorsichtig öffnete sie die Hand und holte ergriffen Luft, als die Sonnenstrahlen sich vielfach in den winzigen Facetten des kleinen Saphirs brachen. Der wunderschöne Stein, ein Geschenk, welches ausschließlich ihr gemacht wurde, kam ihr immernoch unwirklich wie ein süßer Traum vor.
Bravan, der Mann welcher ihr dieses kostbare Kleinod zugesteckt hatte, begründete die Wohltat mit den Worten:
"Du bist ein fleißiges, kleines Ding..." und irgendwie gab ihr dies noch mehr zu denken.
War sie wirklich so überragend fleißig?
Ihr Vater hatte sie oft gescholten und bemängelt, dass der Haushalt sehr viel besser und ordentlicher lief, als ihre Mutter noch am Leben war. Erst im letzten Jahr hatte sei langsam erreicht, dass er ab und an ein lobendes Wort brummelte oder ein paar gute Haare an ihr ließ. Das Essen schmeckte ihm nun "ganz recht" und nicht mehr "ekelhaft", ihre Näharbeiten besserten sich von "abscheulich" zu "ansehnlich". Auch wenn er sich nie mit Lob überschlug und mit freundlichen Worten geizte, so gab es doch auch lichte Momente.
Nun war sie davongelaufen, hatte ihn, die Hütte und seine widerlichen Freunde zurückgelassen. Zuerst hatte sie Angst gehabt, in der neuen Freiheit nicht zurecht zu kommen, befürchtete, dass dieser kurze Traum rasch zuende sein würde und sie bald wieder, geknickt und gebrochen, zum Haus ihres Vaters zurückkriechen müsste.
Doch weit gefehlt!
Zunächst hatte sie Botengänge für die Gastwirtin des kleinen Hofes in Bajard erledigt und da sie sich freundlich, aufgeschlossen und klug anstellte, wurde ihr nicht nur ein winziges Zimmer in der Dachkammer zugewiesen, sondern bald noch Arbeit als Hilfe für Florina, die Tavernenbesitzerin, vermittelt. Zwar half sie nur mit Putz- und Reinigungsarbeiten, bediente keine Gäste und half auch nicht in der Küche, doch hatte sie dennoch viel Freude daran und ihre Fleißigkeit brachte ihr viel Lob, genug Essen und etwas Zubrot ein... nun sogar so ein wunderbares Geschenk vom Untotenjäger Bravan, der sie doch noch gar nicht recht kannte.
Ein besonders kräftiger, herbstlicher Sonnenstrahl traf auf den Saphir und erhellter mit seiner Reinheit das glücklich-lächelnde Gesicht des Mädchens.
Die Zeit des Zweifels war vorbei. Sie hatte den rechten Weg zur rechten Zeit gefunden...
Bravan, der Mann welcher ihr dieses kostbare Kleinod zugesteckt hatte, begründete die Wohltat mit den Worten:
"Du bist ein fleißiges, kleines Ding..." und irgendwie gab ihr dies noch mehr zu denken.
War sie wirklich so überragend fleißig?
Ihr Vater hatte sie oft gescholten und bemängelt, dass der Haushalt sehr viel besser und ordentlicher lief, als ihre Mutter noch am Leben war. Erst im letzten Jahr hatte sei langsam erreicht, dass er ab und an ein lobendes Wort brummelte oder ein paar gute Haare an ihr ließ. Das Essen schmeckte ihm nun "ganz recht" und nicht mehr "ekelhaft", ihre Näharbeiten besserten sich von "abscheulich" zu "ansehnlich". Auch wenn er sich nie mit Lob überschlug und mit freundlichen Worten geizte, so gab es doch auch lichte Momente.
Nun war sie davongelaufen, hatte ihn, die Hütte und seine widerlichen Freunde zurückgelassen. Zuerst hatte sie Angst gehabt, in der neuen Freiheit nicht zurecht zu kommen, befürchtete, dass dieser kurze Traum rasch zuende sein würde und sie bald wieder, geknickt und gebrochen, zum Haus ihres Vaters zurückkriechen müsste.
Doch weit gefehlt!
Zunächst hatte sie Botengänge für die Gastwirtin des kleinen Hofes in Bajard erledigt und da sie sich freundlich, aufgeschlossen und klug anstellte, wurde ihr nicht nur ein winziges Zimmer in der Dachkammer zugewiesen, sondern bald noch Arbeit als Hilfe für Florina, die Tavernenbesitzerin, vermittelt. Zwar half sie nur mit Putz- und Reinigungsarbeiten, bediente keine Gäste und half auch nicht in der Küche, doch hatte sie dennoch viel Freude daran und ihre Fleißigkeit brachte ihr viel Lob, genug Essen und etwas Zubrot ein... nun sogar so ein wunderbares Geschenk vom Untotenjäger Bravan, der sie doch noch gar nicht recht kannte.
Ein besonders kräftiger, herbstlicher Sonnenstrahl traf auf den Saphir und erhellter mit seiner Reinheit das glücklich-lächelnde Gesicht des Mädchens.
Die Zeit des Zweifels war vorbei. Sie hatte den rechten Weg zur rechten Zeit gefunden...
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Hanna Erlenbach
In den frühen Morgenstunden (... nunja, es war dunkel und düster, wie eh und je, doch immerhin hoffte sie sehr, dass es tatsächlich die frühen Morgenstunden waren...) verließ sie den kleinen Gasthof in Bajard. Weder Selenus, noch seine Frau waren bereit mit ihr zu gehen und für ein paar Minuten hatte sie selbst überlegt, warum sie Anneys Anweisungen so ohne Weiteres einfach gefolgt war. Sicher, die Bedrohung durch eine Flut wäre gerade hier in Bajard eine Katastrophe, doch kam die Warnung von Anney und, sofern sie die hastig gewisperte Botschaft recht verstand, von Luca. Beide waren noch Halbwüchsige, wie eben sie auch. Konnte man sich da wirklich auf solche Aussagen verlassen?
Oder spielten sie?
Waren sie selbst Opfer von wüster Panikverbreitung?
Seufzend blickte Hanna sich in der Finsternis, die scheinbar ewig währte, um und begann zu laufen. Wohin, das war ihr unklar, doch gestand sie sich ein, dass etwas in Anneys Stimme, eine Art Dringlichkeit, sie dazu veranlasst hatte nun doch dem Dörfchen den Rücken zu kehren. Man konnte ja nun erst einmal weg und dann, nachdem die Krise überstanden war, wieder zurück und beim Neuanfang helfen. Sie hoffte nur Selenus, seine Frau und auch Florina würden nicht zu Schaden kommen. Das würde sie bitter treffen, wenn nun diese Personen, die ihr Arbeit, Lohn und Unterkunft geboten hatten, litten, während sie in Seelenruhe irgendwo in Sicherheit saß.
Ja, das war das Nächste: irgendwo. Wohin sollte sie nur gehen? Sie hatte Anney angelogen, ihr gesagt, dass sie zu einer Freundin in die Berge gehen würde, doch in den Bergen lag ihr Dorf und die einzigen Menschen, die sie nicht nur sofort aufnehmen, sondern sonstwas anstellen würden, waren ihr Vater und dessen abartige Freunde. Ihr wurde schlecht bei dem Gedanken und zitternd wankte sie weiter... sie konnte nicht zu ihrem Vater zurück! Wohin also?
"Et Schiff jeht in paar Aujenblicken lous. Kommse nach Lameriast wou dey Fisch noh frey sin. Heut nur hunnert Kupferstacken für de Überfooht!"
Da war sie, die Antwort und gedankenverloren fühlte Hanna unter ihrem Mäntelchen nach dem kleinen Beutel, in dem ihr erspartes schlummerte. Immerhin eine Krone... die Überfahrt kostete ein Zehntel davon.
Mit etwas taumeldem Schritt ging sie über die Anlegeplanke auf den Matrosen zu, der das Angebot ausgerufen hatte.
Nach Lameriast also.
Oder spielten sie?
Waren sie selbst Opfer von wüster Panikverbreitung?
Seufzend blickte Hanna sich in der Finsternis, die scheinbar ewig währte, um und begann zu laufen. Wohin, das war ihr unklar, doch gestand sie sich ein, dass etwas in Anneys Stimme, eine Art Dringlichkeit, sie dazu veranlasst hatte nun doch dem Dörfchen den Rücken zu kehren. Man konnte ja nun erst einmal weg und dann, nachdem die Krise überstanden war, wieder zurück und beim Neuanfang helfen. Sie hoffte nur Selenus, seine Frau und auch Florina würden nicht zu Schaden kommen. Das würde sie bitter treffen, wenn nun diese Personen, die ihr Arbeit, Lohn und Unterkunft geboten hatten, litten, während sie in Seelenruhe irgendwo in Sicherheit saß.
Ja, das war das Nächste: irgendwo. Wohin sollte sie nur gehen? Sie hatte Anney angelogen, ihr gesagt, dass sie zu einer Freundin in die Berge gehen würde, doch in den Bergen lag ihr Dorf und die einzigen Menschen, die sie nicht nur sofort aufnehmen, sondern sonstwas anstellen würden, waren ihr Vater und dessen abartige Freunde. Ihr wurde schlecht bei dem Gedanken und zitternd wankte sie weiter... sie konnte nicht zu ihrem Vater zurück! Wohin also?
"Et Schiff jeht in paar Aujenblicken lous. Kommse nach Lameriast wou dey Fisch noh frey sin. Heut nur hunnert Kupferstacken für de Überfooht!"
Da war sie, die Antwort und gedankenverloren fühlte Hanna unter ihrem Mäntelchen nach dem kleinen Beutel, in dem ihr erspartes schlummerte. Immerhin eine Krone... die Überfahrt kostete ein Zehntel davon.
Mit etwas taumeldem Schritt ging sie über die Anlegeplanke auf den Matrosen zu, der das Angebot ausgerufen hatte.
Nach Lameriast also.