Von Gabenreichtum und Alltagswahnsinn

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Helena Velheyn

Von Gabenreichtum und Alltagswahnsinn

Beitrag von Helena Velheyn »

Dumpfes, rhythmisches Pferdegetrampel und das beharrliche Knarren alter Holzräder begleiteten die Reise seit gut einer Stunde. Zwar war die Burg nah beim Dorfe Lameriasts gelegen und somit nicht all zu weit entfernt, doch brauchte es ob vieler unbefestigter Wege eine Weile bis die Kutsche aus schwarzem Holz sich ihren Weg gebahnt hatte.
Helena legte ihren Kopf in das weiche Polster des Sitzes. Ein wohliges Gefühl stieg in ihr auf, als die Seide sich förmlich anschmiegte und die blasse Haut mit jeder Faser liebkoste. In Gedanken war sie schon lange fort, dorthin entflohen, wo sie die nächsten Tage in Ruhe verbringen würde. Tatsächlich waren die letzten Tage ganz anders gelaufen, als es in der Zeit davor der Fall gewesen war. Sie war, im Gegensatz zu sonst, unkonzentriert und nachlässig gewesen. Nicht, dass es unüblich war, wenn man einer kurzen Zeit entgegenfieberte, in der man nicht jeden Tag arbeiten und dienen musste, und stattdessen massenhaft Zeit für sich selbst haben würde. Aber die Art, auf die sie unkonzentriert war, schien an sich schon über das Normale hinauszugehen.
„Das muss aufhören…“, dachte sie sich und seufzte. Sie selber wusste nicht, was mit ihr passierte. Es schien, als kehre sich manchmal vor ihren Augen alles um. Dinge verschwammen, Geräusche brachen über sie herein und obwohl sie sich sicher war, gerade noch etwas gesagt zu haben, verstummten ihre Wörter augenblicklich sodass sie nicht ankamen. Bis zu ihrer Abreise war alles noch viel schlimmer geworden. Jahrelang war ihr Benehmen ohne Tadel, geradezu vorbildlich. Und nun dämmerte sie hinweg während man zu ihr sprach und war gänzlich unfähig geworden einzelnen Weisungen zu folgen. Besonders in Gesprächen mit Legionären hatte sich dies zum Kritischen gewandelt. Es war ihnen aufgefallen, dass sich etwas an ihr verändert hatte. Womöglich lag es daran, dass sie sie schon geraume Zeit kannten, aber es wollte ihr nicht behagen. Denn wenn sie es sahen, dann würden es eines Tages alle bemerken, inklusive des Burgherren, und was wäre dann? Mit einem Seufzen schob sie den Vorhang zur Seite und schaute aus dem Fenster. Es würde nicht mehr lange dauern, dann wäre sie endlich da. Und als es ihr deutlich bewusst wurde, ließ sie den Vorhang kraftlos zurückgleiten: Sie würde es bis zu ihrer Ankunft nicht mehr schaffen, Ordnung in ihren Kopf zu bringen. Aber darauf kam es nicht an. Es galt, die anstehende Zeit bei ihrem künftigen Schwager in Varuna zu genießen.

„Fräulein Velheyn?“
Es war kalt als sie die Tür langsam öffnete, das Kleid in Ordnung brachte und vorsichtig die ihr dargebotene Hand ergriff um sich die Stufen des Kutscherwagens heruntergeleiten zu lassen. Mit einer höflichen Geste neigte sie ihren Kopf und knickste.
„Sehr wohl, Uruvis. Ich danke dir.“
Der alte Kutscher nickte und zog seinen Hut.
„Haben Fräulein noch einen Wunsch? Etwas, das ich noch erledigen könnte?“
Helena blickte auf. Sicher, konnte er noch etwas tun. Am Besten er trommelte alle Exorzisten des Kontinents zusammen, um ihr den Dämon auszutreiben der sich ihrer Wahrnehmung bediente. Oder einen Priester für die letzte Salbung. Dann schüttelte sie den Kopf. Es war besser diese Worte unausgesprochen zu lassen, ohnehin ziemte sich Sarkasmus nicht sonderlich.
„Nein, mein guter alter Uruvis. Fahr du nur zurück und berichte, mich unversehrt zur Fähre gebracht zu haben, ich werde meine Angelegenheiten selber regeln können. Mein Gepäck hatte ich ja bereits vorgeschickt. Ebene Wege!“
Mit der ihm üblichen Gutmütigkeit schaute der alte Mann sie an.
„Wie Ihr wünscht – Ist derweil noch etwas anderes auszurichten?“
Kräftig griffen die Hände in den Stoff ihres Kleides und hoben es an, sodass der Saum den schmutzigen Boden der Straße nicht berührte. Sie tat wenige Schritte vorwärts, ehe sie sich zur Seite drehte.
„Nein, nein, geh du nur, ich bin zufrieden.“
Helena rang sich ein Lächeln ab und blickte dann wieder zum Hafen. Langsam begann die hartnäckige Freundlichkeit und Bereitwilligkeit sie zu stören. Aber es war besser nichts zu sagen und die Sache auf sich beruhen zu lassen. Und das Einfachste war, zu gehen.
Wenige Schritte führten über den veralteten, nicht sehr vertrauenswürdigen, Holzsteg zur Fähre, die selbst nicht unbedingt den Anschein erweckte als würde sie die Überfahrt von Lameriast nach Bajard ohne Weiteres überstehen. Noch ein paar Stufen, dann hatte die Dunkelheit sie verschlungen.
[…]
Zuletzt geändert von Helena Velheyn am Donnerstag 16. Oktober 2008, 16:12, insgesamt 1-mal geändert.
Helena Velheyn

Beitrag von Helena Velheyn »

Oh Varuna, du Schöne
Du Stolze

Sollt’ ich es wagen,
was in meiner Brust sich regt
dir anzutragen?


In der Tat, die Lobpreisung die sie einst einmal gelesen hatte, schien nicht übertrieben zu haben. Majestätisch und stolz ragten die Stadtmauern empor und erstreckten sich in den Himmel. Die einheitlich blauen Ziegeldächer warfen einen seltsamen Glanz umher, als das rote Abendlicht sich daran brach. Verheißungsvoll glitzerten sie vom Regen, der hier in dem Umlanden gefallen war, und dicke Wölkchen ließen sich vom Abendrot bepinseln, ehe sie eilig wieder hinfort zogen. Wenn die Maler und Künstler heute nicht hinausgingen um sich inspirieren zu lassen, dann mussten sie wahrlich Narren sein. Denn was sich Helena bot, lies jedes Landschaftsgemälde erblassen.

Eine Weile stand sie vor den Toren der großen Stadt und lies den Eindruck auf sich wirken. Sie war das letzte mal hier gewesen, bevor man sie auf der Eisenwart angestellt hatte. In der Zeit, die sie dort verbracht hatte, war es nicht möglich gewesen die Stadt selbst zu betreten, zumindest nicht in den Farben der Burg. Erst kürzlich hatten diplomatische Annäherungen dazu geführt, dass man sich einigte Vergangenes auf sich beruhen zu lassen. Platt ausgedrückt, fand sie, aber im Ergebnis war es richtig.
Etwas fehlte. Sie schaute sich um. Musik! Mit wachem Blick musterte sie die Personen, die in der Stadt geschäftig ein und aus gingen. Nirgendwo war ein Barde oder eine Gruppe von Musikanten ausfindig zu machen. So blieb ihr nichts anderes, als den Weg nun doch fortzusetzen. Ohnehin hatte sie nun langsam genug getrödelt, und es würde ganz sicher nicht mehr wärmer werden.
In der Stadt herrschte nach wie vor reges Treiben. Aus allen Gassen und Ecken strömten Menschen herbei, wie Blut in den Adern. Von allen Seiten her brachen Eindrücke, Geräusche und Gerüche über Helena herein, die in ihrer Menge beinahe beängstigend wirkten.

Es fiel ihr letztlich nicht schwer, sich zu entscheiden, wohin sie gehen würde. Ein Besuch bei der künftigen Verwandschaft würde noch Zeit haben. War es nicht ohnehin unhöflich, Tage zu früh und darüber hinaus unangekündigt zu erscheinen?
Mit etwas Eile schritt sie die Hauptstraße entlang und bog dann ostwärts ein, um wenig später die Gaststätte zu erreichen. Mit Freude stellte sie fest, dass sowohl ihr Gepäck bereits angekommen, als auch die Kosten für die Unterkunft bereits beglichen waren. Der Empfang war entsprechend gebührlich, wenn auch kurz und schlicht, sodass sie nach wenig Zeit zu entschließen hatte, wie der Abend zu verbringen sei. An ihrem Entschluss sollte sich nicht viel ändern, ein heißes Bad sollte genügen, ohne jemanden durch Anwesenheit zu belästigen, oder durch Anwesenheit belästigt zu werden.

[…]

Die aus groben, stabilen Balken zusammengeschlagene Holztreppe führte geradewegs unter das Dach. Hier war ihr Zimmer, über den Dächern der Stadt. Da es nun dunkel war, bot sich ihr ein wahres Lichtermeer. Überall hatte man mit Laternen und Fackeln die Straßen beleuchtet, selbst die Brunnen warfen den gespiegelten Lichterschein wider. Heute würde sie im Gasthaus bleiben und sich ausruhen. Unfassbar, dass nach so langer Zeit des Nichtstuns in einer Kutsche eine solch enorme Müdigkeit hervorbrach.
Fern jeglicher Blicke ließ sie sich auf den gepolsterten Hocker vor ihrer Kommode fallen. Hier störte es nicht, wenn es an Haltung mangelte. Es war Zeit aus dem viel zu steifen Kleid zu schlüpfen und sich bequemer zu gewanden. Gerade als sie die Häckchen löste, die ihr Korsett hielten, geschah es.
„Hoffentlich sieht das keiner.“
Helena schaute sich erschrocken um. Hier war niemand. Oder doch? Hatte sich jemand versteckt? Irgendwo her musste die Stimme gekommen sein.
„Schlüpfst du gleich wieder in diesen groben Mehlsack, den du als Nachtgewand bezeichnest?“
Panisch erhob sie sich und leuchtete mit der Laterne im Raum umher. Das Zimmer mochte zwar recht groß sein, mit vielerlei verzierten Holzmöbeln, feinen Decken und Tischläufern, aber nirgendwo hatte sich jemand versteckt. Schlimmer noch, Helena kannte diese Stimme. Aber woher? Sie kam ihr so verwand vor…
„Eigentlich solltest du selbst bei so etwas über mehr Geschmack verfügen. Was meinst du ist wohl, wenn der Gastwirt heute noch einmal an deine Türe klopft? Willst du ihm so die Türe öffnen?“
Mit einem leisen Poltern lies sie die Laterne fallen. Das war ihre eigene Stimme. Und sie kam aus dem Spiegel der Kommode.
Es hatte einiges an Zeit und ziemlich alles an Mut und Überwindung gebraucht, sich dem Spiegel zu nähern. Ihr Ebenbild schaute zurück, weigerte sich aber, wie es den Spiegeln eigen ist, die gleichen Bewegungen zu vollführen wie das Original. Stattdessen verschränkte es die Arme und schaute sie spöttisch an.
„Du…“, meinte Helena verschrocken.
„Du…?“, wiederholte der Spiegel, „Du meinst wohl „Ich“, oder?“
Das war zu viel. Halb entkleidet (aber noch genug bedeckt, denn die wohlerzogenen Damen tragen ja ohnehin zehn Lagen Kleidung) sprintete sie die Stufen herunter und rannte in Panik bis hin zum Empfangsraum, in dem Gastwirt und Gastwirtin bei einem Bier und einer Partie Schach saßen.
„In meinem Zimmer spukt es!“, gab sie entsetzt von sich und deutete bebenden Körpers die Holztreppe hoch, „ Ihr müsst sofort einen Priester rufen – oder etwas anderes in dieser Richtung!“
Der Gastwirt, der gerade noch einen Turm in der Hand hielt, stand perplex auf.
„Gude Frau, seid’s versichert: hia hat’s no nie gespukt.“, meinte er in einem Tonfall, der schon ruhiger gar nicht mehr sein konnte. Trotzdem griff er bereitwillig nach seiner Kerze und folgte mit seiner Frau der Verängstigten in ihr Zimmer.
Dort angekommen versammelte man sich um den Spiegel. Was Helena nicht ahnte: der Spiegel weigerte sich mitzuspielen. So schaute ihr Gegenüber zwar aus dem Spiegel heraus, aber außer ihr war niemand im Stande es zu sehen.
„Was hatten gnädige Dame g’sagt? Der Spiegel spukt?“
Helena deutete auf ihr Ebenbild, welches im Gegensatz zu ihr mit verschränkten Armen da stand, und sich die Lippen leckte.
„Also wirklich…“, sprach das Spiegelbild, „ das wäre ja nun auch etwas zu leicht gewesen, findest du nicht? Als wenn die mich hören oder sehen.“
„Aber Ihr müsst es doch auch sehen!“, herrschte Helena den Wirt an und deutete immer wieder auf den Spiegel.
„Gude Frau… na, ich seh nichts.“
„Ich ebenso wenig, meine Dame.“, bestätigte die Wirtin und nickte bekräftigend. „Sicher, dass die Reise Euch nicht mitgenommen hat? War ein weiter Weg heute, von Bajard nach Varuna, und zuvor die lange Überfahrt von Lameriast? Wie lange hat die noch gleich gedauert?“
„Du siehst wirklich müde aus, Helena.“, kommentierte das Spiegelbild die Erklärung und lehnte sich genüsslich zurück, um bequem die Beine übereinander zu schlagen. Nachdem Helena einige Zeit umhergestarrt und nur den Kopf geschüttelt hatte, ließ sie sich auf die Récamière fallen. Es war wieder der Gastwirt, der sich zu Wort meldete, ehe beide hinausgingen und die Tür schlossen um sie alleine in ihrem Zimmer zurück zu lassen: „Junge Dame, ruht’s Euch ersteinmal aus. Morgen sieht alles wieder anders aus, wenn das Tageslicht erst wieder zurück ist, mh?“
Seufzend gab sie nach und nickte. Der Schlaf weigerte sich sie zu übermannen, und es brauchte wahrlich einige Anläufe bis sie in der Nacht Frieden fand, aus jenem wieder herausgerissen zu werden, war allerdings weniger schwer.
Helena Velheyn

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Es wollte nicht aufhören zu plaudern.
Beide Hände an die Ohren pressend kauerte sich Helena in einer Ecke des Zimmers zusammen. Stundenlang ging es so, als wolle es nie aufhören. Die ganze Nacht hatte ihr Ebenbild damit zugebracht ununterbrochen zu reden, über sie, über die Reise, über die Welt, über alles.
Helena war kurzzeitig rausgegangen, aber als sie zurückkam, redete es immer noch.
Helena hatte den Spiegel mit einer Tischdecke zugehangen, aber es redete weiter.
Helena hatte den Spiegel von der Wand genommen und umgedreht gegen die Kommode gelehnt, aber es wollte nicht aufhören.

„Jetzt sei still!“, schrie sie ihr Spiegelbild an und raufte sich die Haare. Ihr war zum Heulen zumute. Keine Wahrnehmungsstörung der letzten Tage hatte es mit dieser hier aufnehmen können, mit einer die redete und sie die ganze Nacht lang wach hielt. Was sollte das? Womit hatte sie das verdient? Gewisse Dinge hatte sie schon sehen können, als sie noch klein gewesen war. Manchmal züngelten Farbenfeuer an alten Gegenständen, als seien diese von etwas beseelt. Auch der Brunnen in den ihr Kaleidoskop gefallen war, hatte damals mit seinen Wassertropfen eine Melodie gespielt, die ihrer Spieluhr ähnelte. Und ganz ganz selten hatte sie an Menschen etwas gesehen, etwas das sie umgab und durchströmte, aber scheinbar für niemanden sonst zu sehen gewesen war. All’ diese Dinge waren – wenn auch manchmal erschreckend und ganz und gar widernatürlich – noch immer im Rahmen dessen gewesen, was sie ertragen konnte. Zumindest war ihr gelungen, diese Wahrnehmung auf Erschöpfung, Fieber oder Migräne zu schieben. Aber nun war sie mit einem Phänomen gestraft, welches sie nicht nur zutiefst verwirrte und im Innersten verängstigte, nein, es war auch noch unheimlich nervtötend.
Einen Moment unterbrach der Spiegel, der ihr mittlerweile gegenüber stand und an die Balkontür gelehnt war, seinen Vortrag über ihre Art sich anderen gegenüber zu verhalten. Endlich.

Wie nutzt man einen Moment der Stille, wenn man ihn nur hat, weil etwas eingetreten ist, das so nicht sein dürfte?
Helena lies sich auf das floral bestickte Polstersofa nieder und lehnte sich zurück. Es standen einige große Fragen im Raum, die einer Antwort bedurften. Wo kam es her, was sollte das, was war es eigentlich… Nicht, dass sie nicht längst schon danach gefragt hatte. Selbstverständlich hatte sie dies nicht versäumt. Nur hatte sie einfach keine brauchbare Antwort erhalten können, zumal ihre Aufnahmefähigkeit schon nach wenigen Stunden fast gänzlich aufgezehrt worden war. Ratlos schaute sie zum Spiegel herüber und die andere Helena schaute aufmerksam zurück. Dass sie seit mehr als fünf Minuten den Mund hielt war bereits allein schon ein kleines Wunder. Die echte Helena indes, nutzte die Gelegenheit ihr Äußeres in der Reflektion der Fensterscheibe zu überprüfen. Anders als sonst sah sie ungepflegt und abgeschlafft aus, haltungslos und gänzlich gesellschaftsuntauglich.
„Du solltest dein Auftreten überdenken. Was meinst du, wie lange du das das penible Auftreten aufrechterhalten kannst?“
Schon wieder, das wäre ja auch zu schön gewesen.
„Es reicht!“, brüllte Helena den lamentierenden Quälgeist an und riss den Spiegel empor. Zielstrebig und bis aufs Blut gereizt stapfte sie über den kalten Holzdielenboden in Richtung des Balkongeländers.
„Letzte Worte?“
„Du solltest das wirklich nicht tun, Helena.“
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Fragend, ein wenig vorwurfsvoll vielleicht, schaute das Ehepaar sie an. Es schien wohl eher selten vorzukommen, dass jemand einen Spiegel erst aus der Kommode löste, um ihn dann aus dem vierten Stock zu werfen. Nungut, in gewisser Weise tat ihr es Leid, aber es war, wie sie eindrucksvoll schilderte, immerhin Notwehr. Und eigentlich auch ihre Schuld, da sie ja am Abend zuvor weder Priester noch sonst wen riefen, der das Malheur hätte verhindern können. Sie würde natürlich für den Schaden aufkommen, versicherte sie, und außerdem brachten Scherben ja bekanntlich Glück. Ob sich das mit den sieben Jahren Pech, dafür, dass es ein zerbrochener Spiegel war, wohl verrechnen lies?

Womöglich hatte die Wirtin Recht gehabt, und die frische Luft tat ihr wirklich gut. Auch wenn sie nur schwerlich verkraften konnten, dass alle Gäste der Herberge sie nun für vollkommen verrückt hielten, fühlte sie sich ein wenig befreit. Sie musste den Tag einfach nutzen, um zu vergessen, was geschehen war. Und morgen sollte sie lieber einen Heiler aufsuchen, der das alles wieder in Ordnung brachte. Was jetzt wichtiger war, war ein Geschenk für das Brautpaar zu finden, welches sie für den heutigen Abend erwartete.
Im Grunde genommen mochte sie ihren künftigen Schwager nicht, aber das war in Ordnung, weil sie ihre kleine Schwester ebenso wenig mochte. Die beiden verdienten einander, und sie passten zusammen wie Pest und Cholera. Es wäre unter Umständen eine gute Idee gewesen ihnen einfach diesen verfluchten Spiegel zu schenken, aber sie war ja kein Unmensch (und der Spiegel kaputt).
Auch wenn Ramsch und Trödel für gewöhnlich nicht ihr Interesse weckten, so führte ihr Weg doch in den entsprechenden Laden. Denn nichts war ihr für das liebe Paar zu teuer – nagut, eigentlich war nichts billig und hässlich genug – und sie wollte schließlich sicher gehen, dass es den beiden gefiele. Einige der Porzellanwaren schienen so derart kitschig zu sein, dass es Kopfschmerzen verursachte, aber damit konnte Helena immerhin sicher gehen, dass es ihrer geschmacklosen Schwester gefiel. Geschmackloser Kitsch für die geschmacklose Braut und den dazu passenden Ehegatten…Helena musste über diesen Gedanken schmunzeln. Zumindest solange, bis eine gewisse Stimme, die sie seit mindestens vier Stunden nichtmehr gehört hatte, sich leise hinter ihr bemerkbar machte.
„Soll ich dir helfen? Ich meine, das will ich ja die ganze Zeit schon, aber du lässt mich nicht.“
Sie war hergekommen um sich abzuregen, um zur Ruhe zu kommen…
Zu spät.

Als Helena das Porzellan, einige Messingteller, diverse Holzkisten und eine Wanduhr in Schutt und Asche legte, bekam sie es nicht einmal richtig mit. Es war, als würde in ihrem Innersten etwas zerbersten, zu vielen kleinen Teilen, die alles in ihrem näheren Umfeld zersäbelten. Sie wusste nicht ganz was mit ihr geschah, alles was sie dachte war:
„Jetzt werde ich wahnsinnig.“
Und sie war zornig. Verdammt zornig sogar, allerdings auch nicht weniger verzweifelt. Etwas in ihr riss intuitiv alles auseinander, was sich in der Richtung befand, aus der schon wieder die Stimme gekommen war.
‚Hör auf, hör auf, hör auf!’
In ihrem Inneren schrie sie, bis sie nicht mehr konnte. Diese Stimme sollte endlich aufhören, die Verwirrung sollte verschwinden. Sie wollte nicht mehr diese abnormen Gefühle haben, die sie an ihrem Verstand zweifeln ließen. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, in Wirklichkeit aber war es kurz genug gewesen, dass es niemand bemerkt hatte. Abgesehen von dem Krach natürlich, der bei der Zerstörung zwangsläufig entstanden war. Als die Stille sie umhüllte, und sie sich vorsichtig einen Weg durch den kleinen Trümmerhaufen bahnte, war ihr, als würde ihr jemand ins Ohr flüstern. Es war wieder die Stimme, aber auf eine seltsame Art fühlte es sich an, als sei alles in Ordnung.
„Na siehst du, Helena. Es geht doch. Das hast du gut gemacht.“
Leise knirschten einige Scherben unter ihren Stiefeln. Die beiden Händler kamen mit einer absurden Mischung aus Verwirrung, Verärgerung und Fassungslosigkeit auf sie zu gerannt. Man versäumte nicht eine Rechnung für den entstandenen Schaden nach Lameriast zu schicken, bevor einer der Gesellen sie zurück in die Herberge brachte.
Der Rest des Tages blieb nachhaltig nur verschwommen in ihrer Erinnerung. Wann immer sie versuchte sich zu erinnern, kam es ihr vor als habe sie Watte auf der Zunge oder als schaue sie durch milchiges Glas. Später am Abend war sie noch mit einem lieblosen Geschenk, gekauft in letzter Sekunde, bei ihrer Schwester erschienen. Alles in allem schien der Abend gelaufen zu sein wie man es erwartet, gähnend langweilig aber wenigstens frei von Katastrophen. Sie wusste nicht ganz genau wie sie zurück in das Gasthaus gekommen war, aber dort wachte sie am nächsten Morgen auf.

Seitdem die Stimme der Spiegelbild-Helena sie gelobt hatte, war Ruhe gewesen. Noch immer fühlte sie sich zerknautscht, aber eine langsame Besserung bahnte sich an. Nichtsdestotrotz war der Zeitpunkt gekommen, herauszufinden was geschehen war. Nicht unbedingt was geschehen war, sondern was sie getan hatte. Die Frage, was sie getan hatte, lies sich anhand des Trümmerhaufens beim Händler noch recht gut erklären. Sie hatte binnen Sekundenbruchteils alles in ihrem näheren Umfeld komplett auseinandergebrochen. Die Frage war nur: wie?
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Wie immer, wenn man etwas nicht wusste, oder derweil etwas suchte das andere ebenfalls nicht wussten, empfahl sich der Gang in die Bibliothek. Nun war es Helenas Glück, dass sie sich in einer der größten Städte aufhielt, da sollte es doch einige Schriften über Phänomene geben.
Tatsächlich gab es eine Menge Schriften, wider Erwarten allerdings auch eine Menge Unsinn. Im Laufe der Zeit schien so ziemlich jedes Werk seinen Weg in die Regale gefunden zu haben, so reihten sich in der Sparte, in der Helena zwischen den Reihen hin und her huschte, Geistergeschichten an Erfahrungsberichte mit Dämonen und vermeintliche – hoffentlich nicht ernst gemeinte – Bücher über Exorzismus. Helena beschloss es entspannt anzugehen und erstmal nur eines der Bücher über Dämonen mitzunehmen. Sie machte es sich in einer ruhigen, da im abgeschiedensten Teil der Bibliothek liegenden, Ecke auf der Fensterbank bequem und blätterte. Viele Bilder, das war immer gut. Das Werk war definitiv ein älteres Semester, so musste sie mehrmals den hartnäckigen Staub abwischen, den der Einband an ihre Finger geschmiert hatte, und den diese wiederum auf das vergilbte Pergament übertrugen. Teilweise musste sie schmunzeln und den Kopf schütteln. Nein, ernsthafte Werke zu einem solchen Thema waren in dieser Bibliothek wohl eher nicht zu erwarten. Vielleicht sollte sie selbst einfach mal ein Buch über Dämonologie schreiben, kreativ genug war sie und schlimmer, oder abenteuerlicher, als das, was sie in den Händen hielt, würde es schon nicht werden.
So schön die Bilder auch gestaltet waren, mit Eindrucksvollen Holzschnitten von Dämonen und Folterszenen, die in der Art ihrer Gestaltung viel harmloser, gar niedlicher, erschienen, als sie in Wirklichkeit waren, so sehr fehlte es auch an Systematik. Letztlich blieb ihr nichts anderes übrig, als das Stichwortverzeichnis zu bemühen. Langsam und bedächtig fuhr sie mit dem Zeigefinger die Seite entlang.


Endgültige Verbannung
Entdeckung der schwarzen Ströme
Erwachen Agareriels
Erwachen (Dämon)
Erwachen (Lied Eluives)
Erweckung der Toten


Einen Moment stutzte sie und schob den Finger wieder ein Stück hoch. Bei Totenerweckung war sie wohl etwas reichlich weit, aber vielleicht war ein Dämon in ihr erwacht? Aufmerksam blätterte sie das entsprechende Kapitel durch. Roch sie nach Schwefel? Prüfend hob sie einen Arm und schnupperte. Nein, eher nicht. Hörner waren ihr keine Gewachsen, Feuer spuckte sie auch nicht, sie hatte keine roten Augen und sie konnte sich auch nicht daran erinnern, irgendwann in der letzten Zeit das Bedürfnis verspürt zu haben, in Jungfrauenblut zu baden. Ob dies seriöse Anhaltspunkte waren, lies sie soweit dahingestellt.
Mit einem Seufzer wurde die letzte Seite umgeblättert.


Erwachen, II.

Lied Eluives

Erwachen im Sinne der Liedweber und Melodienschmiede Eluives ist ein Ereignis, bei dem die Befähigung zu eben diesem ausbricht. In Zusammenhang hiermit wurden oft starke Reaktionen und heftige Einwirkungen auf die nähere Umwelt festgestellt. Sinnestrübungen im Zeitraum des Erwachens sind keine Seltenheit. Wie das Erwachen funktioniert ist noch nicht erforscht.


Baff klappte Helena das Buch mit einem dumpfen Ploppen zu. Könnte es…? Langsam schüttelte sie den Kopf. Das war ihr gar nicht in den Sinn gekommen. Und wenn es das war? Vorsichtig lies sie sich von der Fensterbank gleiten und stopfte das seltsame Buch zurück in das überfüllte Regal. Sie konnte nicht auf so etwas hier vertrauen, sie musste anderweitig herausfinden, ob es im Bereich der Möglichkeiten lag. Wenn ja, dann war das gar nicht das Ende. Das war der Anfang. Langsam schlenderte sie die Steingassen entlang. Sie würde es drauf ankommen lassen und jemanden suchen, von dem auszugehen war, dass er es besser wusste als sie. Und Fragen kostete ja schließlich nichts.
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Das aus schweren Eisenstäben bestehende Tor fiel leise hinter ihr zu. Sie hatte es geschafft, oder eher, einen Teil dessen, was sie erreichen wollte.

Seit sich für sie herausgestellt hatte, dass es zwingend die Gabe war, die sie beherrschte, hatte sie nach einem Weg gesucht sich die Fähigkeit eigen zu machen, mit jener auch umgehen zu können. Das war eher von weniger Erfolg gekrönt, teils weil sie Angst hatte, teils weil es ihr an Ahnung fehlte. Die einzige Übung, die sie sich selbst zugetraut und zugemutet hatte, war dem Lied zu lauschen. Mit verbundenen Augen schlich sie nachts, wenn keiner es mitbekam, umher und versuchte sich zurecht zu finden. Am Anfang war es schwieriger, unter anderem davon zeugten auch die vielen Schrammen und blauen Flecken, die sie sich eingezogen hatte als sie gegen Kanten und Schränke lief, oder über Teppichfalten stolperte. Doch nach und nach war alles besser geworden, sodass es ihr fortan möglich war Lebewesen untereinander und von Gegenständen zu unterscheiden.
Problematisch war nach wie vor trotzdem gewesen, er erkennen, wie sie weiter zu verfahren hatte. Tatsächlich schärfte sie zwar ihre Sinne, aber im Vergleich zu anderen, die sie gesehen hatte, war sie geradezu plump und unfähig. Sie konnte nicht wie Herr Aethra Dämonen wegsperren oder wie der Elfenmagier durch einen Handwink Untote bis auf die Knochen verbrennen. Sie konnte nur lauschen und verstehen. Wie damals, als sie zeitweilig stumm war.

Der Schritt, den sie getan hatte, war einzusehen, dass sie Hilfe benötigte. Und es gab nachweislich nur einen Ort, an dem sie erwarten konnte jene Hilfe zu erlangen, das war die Arcana. Hier hatte sie sich an die Rektorin gewandt, mit der Bitte doch lernen zu dürfen. Helena atmete tief durch und schaute hinter sich. Das Gebäude ragte hoch in den Abendhimmel, sodass das Dach den Mond verdeckte und sie im Schatten stehen lies. Ja, sie hatte eine kleine Strecke zurückgelegt, auf dem Weg den sie gehen wollte. Nur war sie nicht ganz zufrieden, zumindest nicht so sehr, wie sie eigentlich sein sollte.

„Die haben mich angenommen, damit ich keine Katastrophe verursache…“
Leise sprach sie den Gedanken aus. Katastrophe hin oder her, sie war angenommen, doch trotzdem…offenbar teilten die Arco Venefica und Herr Aethra die gleichen Zweifel, die sie auch schon immer gehabt hatte. Nur wahrscheinlich noch viel stärker – und zwar berechtigt.
Helena Velheyn

Beitrag von Helena Velheyn »

Gewohnte Räume, gewohnte Abläufe. Hier, in Valgar, war sie daheim. Ihres Vaters Haus lag hier, ein wenig abgelegen von der Stadt selbst, deren Bürgermeister er kürzlich geworden war. Von jenen Geschäften hatte sie nicht viel mitbekommen, alleine schon da man ihn hierzu zu einer Zeit erwählte, als sie gerade in die Eisenwart aufgenommen worden war. Horatius Velheyn, Kaufmann und Bürgermeister zu Valgar. Auch das Schild das diesen Schriftzug trug war neu. Aber ansonsten hatte sich daheim so gut wie nichts geändert. Der Bach gluckerte zufrieden unter den Rädern der Mühle, die nicht unweit des Velheynschen Hauses auf einem Hügel lag. Qualm zog seine Bahnen über dem Schornstein, und es roch verheißungsvoll nach dem Essen das ihre Mutter für gewöhnlich zubereitete. Abseits der ganzen Spiele, welche die Mächte dieser Welt miteinander trieben, änderte sich in Valgar nie etwas. Die Zeit stand meistens still.

Helena betrat ihr altes Zimmer und warf die Tasche auf das Bett. Es war ein seltsames Gefühl heimzukehren, nachdem sie lange Zeit auf Lameriast verbracht hatte. Doch war sie nicht ohne Grund gekommen – das hatte sich im Übrigen auch schon in der Familie herumgesprochen. In langgezogenen Schritten ging sie zum Fenster und öffnete es einen Spalt breit. Als das Licht den Raum erhellte, musste sie sich etwas wundern. So lange war sie nichtmehr hier gewesen, doch kein Krümelchen Staub hatte sich hergewagt. Man musste annehmen dass ihre Mutter sich noch immer um das Zimmer kümmerte, obwohl sie eine halbe Ewigkeit nicht hiergewesen war.

[…]

Kurz nach ihrer Aufnahme an der Akademie hatten schwere Sorgen sie heimgesucht. Die Gabe einerseits und die Eisenwart andererseits. Beide waren für sich genommen kein Problem, nur die Kombination aus beidem bereitete ihr Magenschmerzen. Nach all den erfreulichen Stunden in der Burg, nach all den netten Gesprächen mit Khazkal, musste sie trotzdem eines feststellen: Die Burg machte im allgemeinen Ernst und war von ihrer Grundausrichtung her vor allem eines: gefährlich. Sie hatte es, dank mangelnder Körperkraft und Kampffähigkeit, und vielleicht auch durch die Zuneigung Armorans, geschafft, den Dienst an der Waffe zu umgehen. Das hatte zwar dazu geführt dass sie fortan auf dem Hof im Dreck des Kräutergartens herumwühlte, aber immerhin, damit hatte sie nie jemandem geschadet. Nun war die Gabe etwas, womit man verantwortungsvoll umgehen musste, da das Lied an sich dazu neigte gewaltige Wirkungen zu zeigen. Wäre es ihr möglich gewesen die Gabe zu verheimlichen? Und wenn nicht, hätte sie verweigern können die Gabe zum Wohle der Eisenwart und zum Leid vieler anderer einsetzen zu müssen? Helena schüttelte den Kopf. Nein und Nein. Erstens nicht, da man nur zu bald herausgefunden hätte, dass sie die Akademie aufsuchte. Zweitens nicht, weil das eine viel zu große Chance für die Eisenwart gewesen wäre ihren Feinden mit mächtigen Mitteln Steine in den Weg zu legen. Gut, der Fürst legte es nicht darauf an jeden zu erniedrigen den er traf. Aber es würde nicht auf sich warten lassen bis ihn mal wieder jemand provozierte. Und dann hätte sich Helena an der Spitze der Front wiedergefunden – unfreiwillig.

Helena hatte das nötigste zusammengepackt, genug um fortzukommen, wenig genug um vorerst keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Sie musste erst nach Hause und sich absichern, bevor sie versuchte die Burg zu verlassen.

[…]

Sogar Alrana war heute angekommen, obwohl es vielleicht nicht einmal nötig gewesen wäre. Alles was sie wollte war, dass man absicherte Horatius sei krank geworden und Helena müsse sich kümmern. Mehr als einen handfesten, wenngleich vorgetäuschten, Grund, der Khazkal besänftigen könnte, wollte sie nicht. Das würde zunächst reichen müssen. Mit nicht wenig Sorge betrachteten die Anwesenden Helena, wie sie beim Abendessen saß. Die Eisenwart. Hätte sie sich nicht einen anderen potentiellen Feind machen können? Es war ja nicht ihre Absicht gewesen, antwortete sie. Betroffenes Schweigen, bevor man sich einigte. Ihr Vater sicherte zu, wenn und soweit sein Amt nicht beeinflusst würde. Und wenn sie versprach, auf sich Acht zu geben.
Helena Velheyn

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„Ich habe dir sofort gesagt, du sollst da nicht hingehen.“
„Nun lass sie, Vater. Sie hat das damals doch alles ganz anders gesehen.“
Alrana und Horatius hatten sich schon eine ganze Weile über Sinn und Zweck ihres damaligen Daseins in der Eisenwart gestritten. Obwohl man sich hier am Rande Gerimors befand, war der Ruf ihr vorausgeeilt. Teilweise waren es nur antiquierte Vorurteile aus der Zeit, in der die Eisenwart die Stadtmauern Varunas niedergerissen hatte. Die Art von Ruf, vor der Adrian Khazkal damals eindringlichst gewarnt hatte, als man beschloss den Reichsbann ruhen zu lassen. Andere Dinge, die man sich hier erzählte, wurzelten hingegen in tiefster Wahrheit. Diese waren nicht ganz so unangenehm, aber brachten noch immer den bitteren Nachgeschmack, der Helena zeitweise ein schlechtes Gewissen bereitete.

Ihre Sorgen hingegen waren ganz andere. Sie hatte bereits das Schreiben für Khazkal bereit, in dem sie einen der Gründe erklärte, wieso sie die Burg verlassen wollte. Oder eher, den, von dem sie wollte dass Khazkal ihn wusste. Sie war sich nicht ganz sicher ob die anderen ihn grundsätzlich nichts angingen oder ob sie bereuen sollte sie zu verschweigen, aber tief in ihr wisperte die Stimme der Vernunft, dass es nicht an der Zeit war ihm alles zu sagen. Er konnte es verstehen wenn er wollte, aber die Frage des Wollens war immer eine schwierige wenn er den Eid brach. Tatsächlich war er nicht so blutrünstig wie man sagte, und der schmale Silberfaden der Hoffnung am Horizont war derjenige, dass sie bis dato bedingungslos treu gedient hatte, aber eine Garantie für Einsicht war dies nicht.
Langsam schabte sie mit der Gabel einige Fleischstücke über den Teller, die sie nicht mehr zu essen gedachte. Sie kam kaum umher sich in den väterlichen Hallen umzuschauen. Ringsumher zeugte alles von Wohlstand und Ausgeglichenheit, und zwar in einer solchen Form, dass sie rückblickend nicht mehr verstand, was sie damals zum harten Leben auf der Burg getrieben hatte. Sie hätte auch hier bleiben können, in der warmen Stube, und sich von ihrem einstigen privaten Lehrmeister die Welt erklären lassen können. Sie hätte wahrscheinlich irgendeinen Sohn eines Kaufmanns geheiratet, dessen Vater ein ähnlich reicher Kaufmann war, wie der Helenas. Sie hätte, sie hätte, sie hätte. Hat sie aber nicht. Angestrengt versuchte sie, sich an den Tag zu erinnern an dem sie in der Eisenwart aufgenommen worden war. Sie brauchte eine Weile, bis sie sich dunkel an ihre Beweggründe erinnerte. Aber das waren ganz andere Zeiten und Umstände gewesen. Sie musste damals noch nicht fürchten etwas zu besitzen, womit sie mannigfaches Leid anrichten konnte. Beharrlich schüttelte sie sich. Alles war schief gelaufen.

Da war noch etwas, und es schien ihr schmerzlicher als der Zorn Khazkals. Armoran.
Wenn sie die Burg verlies, dann verlies sie auch den Mann, der ihr in letzter Zeit nie von der Seite gewichen war. Ihr gefiel, wie er sich bemühte sich nicht von der groben, rauen Seite zu zeigen, die ihm eigentlich als Tribun der Legion Eisenwart oblag. Auch, wie geduldig er war, und dass ihn nicht zu stören schien, dass es Dinge gab, die man sich nach alter Sitte für die Ehe aufsparte. Wenn sie sich so recht erinnerte, hatte es nur einmal einen Konflikt zwischen ihnen gegeben, das war damals, als er sie einer Anderen wegen abgewiesen hatte. Sie musste schmunzeln, als sie daran dachte, wie sie danach barfuß und bei schwerem Gewitter durch den Wald gelaufen war, um von ihm wegzukommen. Wenn man das mal mit etwas Abstand betrachtete, war das verdammt kindisch gewesen.
Später einmal, in der Taverne, als sie temporär verstummt war und er sich um sie kümmerte, waren sich beide irgendwann näher gekommen. Wie genau, wusste sie leider nicht mehr – Armoran hatte versucht ihr die Stummheit mit angurischem Weinbrand auszutreiben. Aber immerhin, beide waren sich noch zugetan, als sie wieder nüchtern waren. Das können insgesamt nur die wenigsten behaupten, denen so etwas passiert.
Zwei Dinge würden passieren können, wenn sie die Eisenwart nun verlies. Er würde zu ihr halten und man würde einen Weg finden sich zu sehen. Oder er würde sie verlassen und ihr das Herz brechen. Sie war sich noch nicht ganz sicher, wie sie damit dann umgehen würde. Sie wollte diesen Mann nicht verlieren, um Nichts in der Welt.
Helena Velheyn

Beitrag von Helena Velheyn »

Sie lies sich einfach vom eintönigen Schaukeln ihres Rosses mitschwingen, als sie wieder auf dem Rückweg war. Man hatte sie nicht so einfach gehen lassen wollen, aber allgemein war es nicht ganz einfach Helena aufzuhalten, jedenfalls dann nicht wenn es an entsprechenden Mitteln fehlte. Und da niemand in ihrer Familie zu Gewalt neigte, war man hier weitgehend machtlos. Man ergab sich schließlich und füllte ihre Taschen mit Wegzehrung, damit die Reise nicht so beschwerlich war.
Irgendwo hatten sie auch verstanden, dass sie nicht bleiben konnte. Vor allem die Gabe, und dass sie lernen musste mit jener umzugehen, hatten einen Beitrag zur Einsicht geleistet.

Sorgenschwer von der Angst wie es mit Armoran weitergehen sollte ritt sie über den Trampelpfad, der von Varuna nach Bajard führte. Sie hatte die „schöne blaue“, wie man Varuna oft zu nennen pflegte, bereits hinter sich gelassen, die Heimat selbst schon vor einem Tag. Wobei dies wiederum sie zum grübeln brachte. Denn obwohl Valgar, ihr Heimatort, so weit weg war, fühlte sie sich auch hier heimisch. Es musste daran liegen, dass sie unglaublich oft diesen Weg entlanggeritten war. Nur dieses Mal war sie vermummt, um vorerst nicht erkannt zu werden. Sie blieb es auch, bis sie Bajard erreicht, mehr noch, selbst im inneren der schäbigsten Stadt an die sie sich, von Rahal einmal abgesehen, erinnern konnte, erhöhte sie die Blickdichtheit durch ein Kopftuch. Es war im ersten Moment unangenehm, auch, da sie es nicht gewohnt war. Kurz verbrachte sie damit, nachzudenken. Gab es noch das Vermummungsverbot in Bajard? Schließlich schüttelte sie den Kopf. Nein, Saldor hatte damals Leandros Gesetze wieder abgelöst und durch solche ersetzt, die mehr dem Willen der Eisenwart entsprochen haben.
Erst im Gasthaus gab sie die Maskerade auf und entledigte sich der kratzigen Ledermaske, die ihr Teile der Haut an Wange und Hals aufgescheuert hatte. Beizeiten würde sie sich eine zulegen müssen, die innen gepolstert war, oder wenigstens richtig saß. Seufzend wischte sie Gesicht und Hals mit einem feuchten Tuch ab, während der Gastwirt an der Eingangstür stand und auf den Dienstjungen wartete, nach dem Helena hatte schicken lassen. Immer wieder strich sie mit den Fingerspitzen über das blassblaue Pergament und befühlte das frische Siegel. In diesem Schreiben lagen Zukunft und Vergangenheit beieinander und ließen offen, wie sich ihr Leben ab nun entwickeln würde. Sie konnte alles verlieren. Andererseits aber musste sie alles aufgeben, wenn sie ihr Leben neu beginnen wollte.
Der Botenjunge kam, und sie ließ das Schreiben an Khazkal langsam aus den Händen gleiten, in einen unscheinbaren Baumwollbeutel. Es mutete seltsam an, sein Leben in einen unbedeutenden Beutel zu geben, wie es sie tausendfach in jedem Dorf und in jeder Stadt gab, ein Beutel wie jeder ihn mit sich herumführte. Offenbar waren es tatsächlich die kleinen Dinge, die große Veränderungen in die Welt trugen.

Eine Weile schaute sie dem Jungen hinterher, dann verließ sie das Gasthaus in Richtung des schwach beleuchteten Hafens. Jetzt fing sie von vorne an.




Der Wind zerreisst die Wolken
Und treibt sie vor sich her
In die Farben von Blut und Hoffnung
Taucht ein dramatischer Sonnenuntergang
Melancholie und Tatendrang

Die Wellen, sie wispern
Sie wissen von mir
Stöhnend brechen sie sich an den Klippen
Und verstummen im seichten Rauschen
Ich fühle wie das Leben mich ruft

Die Zeit liegt in Scherben
Die Splitter sind scharf
Sie glänzen bedrohlich
Und türmen sich mahnend vor mir auf
Angst fühlte sich nie so lebendig an


Zuletzt geändert von Helena Velheyn am Donnerstag 23. Oktober 2008, 16:00, insgesamt 1-mal geändert.
Helena Velheyn

Beitrag von Helena Velheyn »

Wenn man die Zeit daheim wegließ, so hatte sie nun zwei Tage lang nichts von ihm gehört. Auch nichts von der Burg, wenngleich Khazkal unlängst Kenntnis von dem Schreiben haben musste. Der Bote hatte bestätigt, dass das Schreiben dort war. Sie mochte Bajard nicht, und mied die Öffentlichkeit meistens. Erst bei Anbruch der Dunkelheit verließ sie die Herberge und zog durch die Straßen, immer darauf bedacht keinen Legionär anzutreffen. Oder anders, keinen anderen als Armoran. Ob er sie wohl verstehen würde? Oder suchte er nach ihr um sie festzunehmen? Unsicher setzte sie den Tonkrug mit dem heißen Tee auf dem Fensterbrett ab und schaute hinaus in die Dunkelheit. Sie war sich nicht mehr ganz sicher, wie lange sie nun schon zusammen waren. Zwar zweifelte sie nicht an ihrer Zuneigung, aber es war nicht zu unterschätzen dass auch er den Eid geleistet hatte, und Khazkal für ihn mehr war, als seine Brüder es je sein könnten. Wenn er sich zwischen zwei Dingen entscheiden musste, was würde er wählen? Seinen treuen Freund, dem er seit Jahren diente, oder die Frau, die nicht einmal ein Jahr an seiner Seite gewesen war? Entkräftet schob sie die Gardinen zusammen und drehte sich herum. Armoran hatte viele Frauen gehabt. Und er war Vater. Nein, sie bedeutete ihm ganz sicher nichts. Absolut nichts.
Trotzdem. Würde er sie festnehmen?

Sie lief ihm in die Arme, als sie am wenigsten damit rechnete. Oder eher, sie lief ihm ins Pferd. Gerade noch wollte sie sich bei dem Reiterbeschweren, der da so rüpelhaft dahergeprescht kam, da hellten sich ihre Züge auf. Er hatte wirklich auf sich warten lassen. Dann allerdings war die Freude doch nur von kurzer Dauer, denn seine Züge verrieten etwas, das ihr deutlich missfiel. Er sah mitgenommen aus und so, als sei er besorgt und in Eile. Er wusste es also, dachte sie. Trotzdem verharrte sie einen Moment in seinen Armen. Er trug kein Siegel der Eisenwart, also war zunächst davon auszugehen, dass er ihr nichts tun wollte. Nur langsam löste sie sich.
„Du bist nicht gekommen um mich zu holen, oder?“
Stirnrunzelnd sah er sie an, bar jeden Verständnisses. Sie musste etwas stutzen. Er wusste es doch, oder nicht?
„Holen? Wozu? Wohin? Helena hör zu, ich bin in Eile…“
„Na, zur Eisenwart. Ich habe doch das Schreiben an Khazkal…“
„Ich habe die Eisenwart verlassen.“ Unterbrach er sie hastig und schaute sich um wie ein gescheuchtes Tier. Helena wurde heiss und kalt. Er auch? Wieso? Der Eid…
„Hör mir zu, Helena, ich bin in Eile. Ich werde bei einem alten Freund unterkommen, bis sie mich nicht mehr suchen. Wir können uns später noch einmal treffen, bei der Bank, warte auf mich.“
Und schon war er weg. Helena blieb ratlos stehen und schaute ihm nach, wie er auf dem Rappen langsam verschwand. Auch er hatte die Burg verlassen, das hätte sie nie gedacht. Sie war ja, scheinbar, nicht einmal der Anlass dazu gewesen.

Es war eine seltsame Mischung aus Betroffenheit und Heiterkeit die sie erfüllte. Voranging aber war die Frage, wie es nun weitergehen sollte. Man würde sie nun beide suchen und sie wollte nicht wissen, was passieren würde, sollte man sie finden. Wenn der Tribun die Burg verließ, dann musste irgendetwas geschehen sein.
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