Der Tag neigte sich seinem Ende zu und im Westen versank die Sonne hinter einem herbstlichen Schleier von Dunst und Wolken mattrot in Richtung Horizont. Schiffe landeten am Hafen Rahals an, fuhren wieder ab. Bürger und Besucher der Stadt wie auch neue Einwohner betraten die Planken und wendeten sogleich ihre Schritte ins Innere Rahals, stets beobachtet von einer schwarzhaarigen Frau, die still und sich kaum rührend in einer Ecke am Hafen stand, die Arme vor sich verschränkt und sich an einer Hauswand anlehnend. Die Miene verzog sich kaum, als würde sie auf die Leute, die an ihr vorübergingen nicht achten, doch ihr Blick sprach Bände. Unstet huschten die grünen Augen über die Gesichter jedes Einzelnen, dessen Anblick sie habhaft werden konnte. Immer noch glimmte in ihr schwach die Hoffnung bekannte und vor allem geliebte Gesichter wieder zu erblicken, doch es war zwecklos. Erst als die Sonne untergegangen und der späte Abend angebrochen war, löste sie sich mit einem dünnen, kaum hörbaren Seufzen von der Hauswand und ging langsam, eher schleppend in Richtung der Hafentaverne. Ein paar Münzen und ein Schlüssel wechselten den Besitzer, ehe sie ihre Schritte die Stufen hinauflenkte ins Obergeschoß und dort in eines der schmalen, einfachen Zimmer verschwand. Kein Licht entfachte sie, sondern liess sich einfach leise auspustend auf das Bett fallen, was bedrohlich knarrte und starrte still die Decke über sich an.
Fort.
Vorbei.
Und wieder heimatlos.
Beständig zogen sich diese Worte durch Mors Geist. Vermutlich, so dachte sie bitter, war es ihr Schicksal nie wirklich lange eine Heimat und eine Familie haben zu dürfen. Nie lange lieben zu dürfen.
Ihre Familie waren die Greifen gewesen. Von Anfang an hatte sie sich unter ihnen wohlgefühlt - einem kleinen Haufen von Kämpfern, welche Idealen folgten, mit denen sie rasch sympathisieren konnte. Sie waren ein wenig anders als die übrigen Rahaler gewesen und doch standen sie treu auf deren Seite, selbst als sie vor dem Grafen von Hohenfels gesprochen hatten und er einen anderen Weg anbot. Es war vor allem seine Heiligkeit, der Alka, gewesen, der großen Eindruck auf diese verschworenen Gruppe von Streitern gemacht hatte und auch auf sie.
Großes hatten sie vorgehabt - eine eigene Festung an der Grenze, um dort Wache zu halten und das Reich zu schützen, doch hatte sich in den vergangenen Monden mehr und mehr eine gewisse Lethargie unter ihnen breitgemacht. Immer seltener rafften sie sich auf und mit dem Tod zweier Brüder durch die Hand der Bruderschaft der Streiter Temoras erfuhr das Banner einen schweren Schlag.
Dann, vor einigen Wochen, als sie wieder einmal im Obergeschoß von Ivans Haus, dem provisorischen Heim der Greifen bis zur Fertigstellung der Festung, erwachte, fand sie einige Schlafstätten leer vor. Den ganzen Tag über gab es kein Anzeichen davon, wo Jonath, Bronn, Cregan und Rothen sein mochten und auch die Tage darauf war nichts zu hören oder zu sehen. Von einem Tag zum anderen waren sie fort, lediglich die Vermutung, dass sie weitere Brüder von einst suchen würden, machte die Runde. Die Zeit ging ins Land, manches Mal war sie zum Hafen gegangen und hatte dort wartend aufs Meer hinausgeblickt, doch nichts geschah.
Dann fielen schleichend Angst und Zweifel über sie her. Die Greifen waren ohne einen Hauptmann, ein Großteil derer, die den Kern gebildet hatten, waren fort und vor allem jener Mann, den sie liebte, hatte sie verlassen. Es war klar, dass das Banner damit nicht existieren konnte.
Sie hatten versagt und so etwas wog schwer im Reiche Alatars.
Eines frühen Morgens raffte sie einige Habseligkeiten zusammen und verschwand still und heimlich aus Ivans Haus. Sie passierte das Tor und wanderte einfach nur ziellos der Nase nach. Manches Mal stand sie unschlüssig vor einer Weggabelung, doch letztlich landete sie in Bajard, wo sie sich einige Tage über orientierungslos in den Gassen aufhielt. Manches Mal bestellte sie sich schweren Wein in der Taverne und trank die gesamte Flasche an einem Abend - nichts, was sie gewohnt war, aber es betäubte sie für eine Weile auf kurzzeitig angenehme Weise.
Eines Abends traf sie auf einen Mann, offenkundig ein Angehöriger der Bruderschaft der Streiter Temoras. Sie schwankte nur im ersten Moment innerlich, denn vergessen war jene Tat von einst nicht und doch schien es, als wenn in ihr ein Damm zu brechen drohte. Sie sprach mit ihm, ruhig und vernünftig. Kein Zeichen von Bedrohung. Eher hatte sie sogar das Bedürfnis, ihr Herz ausschütten zu wollen. Er sprach von Hilfe, doch er musste weiter und auch in ihr war ein Teil noch immer am Leben, der sie zum Weiterreisen drängen wollte.
Tagelang irrte sie durch den Osten Gerimors, einer zumeist noch einsamen, wilden Landschaft - wieder ohne Ziel vor Augen, doch hier hatte sie genug Ruhe zum Nachdenken. Sie war nicht für Bajard geschaffen oder Lameriast. Sie war eine Kämpferin und sie war vor allem für den Krieg geschaffen. Nach Rahal, so glaubte sie, könnte sie nach dieser Schmach nicht mehr zurück.
Was wäre, wenn sie sich doch die Worte des Streiters der Bruderschaft anhören würde? Was wäre...?
Gewissensbisse plagten sie schon bei dem Gedanken und ihre Erinnerung kehrte zurück zu jenen Tagen, die sie als ihre ersten, wirklich glücklichen Tage in ihrem Leben angesehen hatte. Als sie das erste Mal Liebe gespürt hatte, aber auch die strenge Hand ihres Ausbilders und Schwertmeisters. Das erste Mal, dass sie Ordnung gelernt hatte und das erste Mal, das sich jemand die Mühe machte und ihr einen Glauben näherbrachte.
Es dauerte noch einige Tage, währenddessen sie wieder ziellos herumstreunte, wieder in Bajard landete und sogar auf einen recht opulenten Priester des Horteras traf, der sich bereit erklärte, mit ihr zu sprechen, wenn er Zeit hat. Einen Moment hatte sie in der kleinen Kapelle des Horteras sogar gesessen, doch nie war sie sich deplazierter vorgekommen, als dort. Kaum einen Blick wagte sie zum Altar. Verräterisch erschien ihr ihre Anwesenheit in diesem Raum und schon bald verliess sie ihn wieder, um ihre Schritte - einmal noch zumindest - nach Nordwesten zu lenken. Zurück nach Rahal.
Hier hatte sie das Haus von Tharon aufgesucht. Er war einst ebenso ein Teil der Greifen gewesen und auch wenn sie ihn länger nicht mehr gesehen hatte, so vertraute sie ihm. Sie schnappte sich ein Stück Pergament, schrieb mit einem Kohlestift einige Zeilen rasch nieder und warf ihn bei ihm ein. Sie wollte mit ihm sprechen und vielleicht tat sich doch noch ein Weg auf. Vielleicht war es besser, wenn sie in Rahal blieb und alles tun würde, um diese Schande des Versagens wieder tilgen zu können.
Doch mit Rahal kamen auch wieder die Erinnerungen an einst zurück. War es am Ende gar eine Prüfung, fragte sie sich bitter, während sie Orte besuchte, wo sie mit Jonath gebetet, gesprochen, getrunken oder geliebt hatte. Sie begann sich mehr und mehr zu verschließen und ihre Art und ihre Miene, schon immer eher ernst und distanziert, zeigten mehr und mehr eine kalte Mauer. Sie wollte sich nicht von diesem Schmerz übermannen lassen. Sie wollte diese Prüfung schaffen.
Und doch...
Mor verzog ihre Miene und rollte sich auf dem knarrenden Bett zusammen.
So wirklich unberührt liess es sie nicht, sonst würde sie nicht immer mal wieder am Hafen stehen und warten...
Jedes Ende birgt in sich einen Anfang
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Morgen Duester
Morgen fühlte sich wohl. Als er eines Morgens wie schon zu vor einfach seine Sachen genommen hatte um das Banner zu verlassen. Doch diesmal sollte es für länger oder gar immer sein.Er hatte die anderen ohnehin schon lange nicht mehr gesehen. Sein Weg führte ihn nach Bajard, dort wo für ihn vor vielen vielen Monden alles angefangen hatte. Hier fühlte er sich wohl, wusste er doch das niemand Anstoss an ihm nehmen würde und wer es doch tat würde auf die Kauleiste bekommen. Morgen grinste einfältig vor sich hin. In den letzten Wochen hatte er ab und zu einen Gedanken an die Freunde verschwendet wie er so in seiner nun neu eingerichteten Hütte in Bajard hockte und das tat was er am besten konnte, er trank. Ansich war er froh wieder ungebunden zu sein. Er wusste das er nicht gerade der Schnellste war wenn es darum ging Befehlen nachzukommen und viele verstand er erst garnicht. Dennoch waren seine Freunde immer fair zu ihm gewesen. Wenngleich er auch immer noch sauer war das sie ihn nicht mit zum Alka nehmen wollten und er statt dessen das Lager bewachen durfte. Wie so oft die Hundswache habend. Er hätte diesen Anfüherfritzen gerne mal kennen gelernt von dem alle ständig faselten. Morgen zuckte mit den Schulter, ihm war es egal. Er hatte sich längst damit abgefunden das er zu nichts Höherem bestimmt war. Aber er taugte immerhin zu einem guten Raufbold. Und als jener hatte er ein hübsches Auskommen in Bajard gefunden. Der Warzenkorn war zwar ein schmächtiger Hund der nicht ansatzweise Kraft in den Flügeln hatte. Aber der Mann verstand es Bajard so zu machen wie Morgen das gerne hatte. Er grinste....ja es war schön endlich wieder das tun zu dürfen was man will. Mit diesen Gedanken stand er auf , packte seinen grossen Hammer der auf dem Schrank lag und verliess seine Hütte. Es galt wieder Geld eintreiben zu gehen und eine Wohnung neu zu möblieren. Ja er war wieder ganz der Alte.
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Mor Varnos
Dunkelheit hatte sich bleiern wie ein schweres, schwarzes Tuch über das gesamte Land gelegt. Ein Blick in den Hafen Rahals genügte, um um diesen einen Bogen zu machen oder sich kämpfend ins Getümmel zu stürzen. Mor jedoch war, bis auf den letzten Grund, dort nicht mehr zu sehen, ebenso wie sie auch die dortige Taverne die letzte Zeit gemieden hatte.
Stattdessen verharrte sie kniend im Tempel, direkt vor einer kleine Senke im Boden, in der knisternd Flammen loderten.
Zugegeben - es spukten in ihrem Kopf noch allerlei Fragen herum, doch die Zeit würde nun nahen, dass sie ihre Antworten finden würde. Mehr noch - nach diesem Abend, an dem Ivan und Karina geheiratet hatten, glaubte sie doch langsam vor sich einen Weg zu finden. Der Ruf der Greifen war besser, als sie gedacht hatte, ungeachtet der Tatsache, dass sie nicht selten auch leicht den Ruf weg hatten, es mit dem Glauben nicht ganz so ernst zu meinen. Aber das war vor dem Übergriff der Bruderschaft Temoras...
Die Gerichtsverhandlung des Stephan Naidez und die Aufführung der Taten seiner einstigen Bruderschaft führte es ihr wieder vor Augen. Es gab etwas, wofür man kämpfen konnte und wenn sie zurück an Karina dachte, gewandet in ihrem Brautkleid, der kleine Bauch, der verräterisch den Nachwuchs ankündigte, aber auch das kleine Mädchen, was sie auf der Feier herumlaufen sah - das waren Gründe, ihren Glauben und die Stadt zu verteidigen. Es schien sogar ein wenig wie von Alatar selbst gefügt, dass der Hauptmann der Garde neben ihr am Tisch saß. Er schien eine recht hohe Meinung schon von ihr zu haben und das machte ihr wahrlich Mut.
Der Weg lag nun klarer vor ihr - die Garde Rahals sollte es nun werden und damit die Verteidigung des Reiches und damit des Glaubens. Nie wieder wollte sie es zulassen, dass wahre Gläubige durch die Hand der Ketzer fallen würden und niemals wieder würde sie mit Tatenlosigkeit und verlorenen Mut darauf reagieren. Alleine mochte sie nicht stark genug sein, aber in einer Garde, gemeinsam mit Ritterschaft und Tempel, würde sie irgendwann gewiss Rache nehmen können.
Ihr Blick hob sich an, fort von den Flammen, die im Boden des Tempels loderten und hinüber zu den Pantherstatuen. Doch zuvor galt es noch mit jemanden zu reden, noch ein paar Antworten zu erhalten, ehe sie sich ihrem Dienst mit vollstem Eifer widmen konnte.
Rasch zog Mor ihren Dolch durch die ungeschützte, linke Handinnenfläche und ließ ein paar Tropfen Blut in die Flammen fallen, wo sie zischend vergingen.
Mein Blut für dich, Einziger.
Stattdessen verharrte sie kniend im Tempel, direkt vor einer kleine Senke im Boden, in der knisternd Flammen loderten.
Zugegeben - es spukten in ihrem Kopf noch allerlei Fragen herum, doch die Zeit würde nun nahen, dass sie ihre Antworten finden würde. Mehr noch - nach diesem Abend, an dem Ivan und Karina geheiratet hatten, glaubte sie doch langsam vor sich einen Weg zu finden. Der Ruf der Greifen war besser, als sie gedacht hatte, ungeachtet der Tatsache, dass sie nicht selten auch leicht den Ruf weg hatten, es mit dem Glauben nicht ganz so ernst zu meinen. Aber das war vor dem Übergriff der Bruderschaft Temoras...
Die Gerichtsverhandlung des Stephan Naidez und die Aufführung der Taten seiner einstigen Bruderschaft führte es ihr wieder vor Augen. Es gab etwas, wofür man kämpfen konnte und wenn sie zurück an Karina dachte, gewandet in ihrem Brautkleid, der kleine Bauch, der verräterisch den Nachwuchs ankündigte, aber auch das kleine Mädchen, was sie auf der Feier herumlaufen sah - das waren Gründe, ihren Glauben und die Stadt zu verteidigen. Es schien sogar ein wenig wie von Alatar selbst gefügt, dass der Hauptmann der Garde neben ihr am Tisch saß. Er schien eine recht hohe Meinung schon von ihr zu haben und das machte ihr wahrlich Mut.
Der Weg lag nun klarer vor ihr - die Garde Rahals sollte es nun werden und damit die Verteidigung des Reiches und damit des Glaubens. Nie wieder wollte sie es zulassen, dass wahre Gläubige durch die Hand der Ketzer fallen würden und niemals wieder würde sie mit Tatenlosigkeit und verlorenen Mut darauf reagieren. Alleine mochte sie nicht stark genug sein, aber in einer Garde, gemeinsam mit Ritterschaft und Tempel, würde sie irgendwann gewiss Rache nehmen können.
Ihr Blick hob sich an, fort von den Flammen, die im Boden des Tempels loderten und hinüber zu den Pantherstatuen. Doch zuvor galt es noch mit jemanden zu reden, noch ein paar Antworten zu erhalten, ehe sie sich ihrem Dienst mit vollstem Eifer widmen konnte.
Rasch zog Mor ihren Dolch durch die ungeschützte, linke Handinnenfläche und ließ ein paar Tropfen Blut in die Flammen fallen, wo sie zischend vergingen.
Mein Blut für dich, Einziger.
Zuletzt geändert von Mor Varnos am Samstag 13. Dezember 2008, 01:59, insgesamt 2-mal geändert.
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Mor Varnos
Vor gut acht Jahren...
Es war wohl das Zwitschern der Vögel und die Sonnenstrahlen der Mittagsstunde, die sie weckten. Ein ungewohnt sauberer Duft umgab sie, vornehmlich nach Seife, aber auch ganz dezent nach Blumen und edlen Hölzern. Als sie die Augen aufschlug, kam es ihr eher wie ein seltsamer Traum vor - weißes, sauberes Bettzeug umgab sie, statt dreckiges Stroh. Anstatt von rauen Gefängniswänden aus grobem Stein sah sie ordentlich verputzte Wände, an denen verzierte Möbel lehnten. Ein Tisch, auf dem eine Vase mit allerlei Blumen stand. Ein großes, weiches, hellbraunes Fell lag vor ihrem Bett, darunter wiederum farbige Fliesen, die ein verschlungenes Ornament bildeten.
Sie wollte sich langsam auf den Rücken drehen, doch zog sie hörbar zischend die Luft ein, als ein entsetzlicher Schmerz durch ihren mageren Körper raste. Vorsichtig drückte sie sich auf, bemerkte, dass sie sogar ein richtiges, langes Nachthemd trug. Kurz zupfte sie stirnrunzelnd an dem leichten Leinenstoff, denn so etwas war sie nicht gewohnt und hatte sie auch noch nie in ihrem Leben getragen. Dann ging ihre Hand an ihren Rücken, tastete ihren Torso verwundert ab, denn sie spürte nun auch einige Bandagen, die die Peitschenwunden am Rücken verdeckten. Sie wandte langsam einen Blick hinaus aus dem Fenster, unter dem das schmale Bett stand und glaubte sich einen kurzen Moment lang fern ihrer Heimatstadt - das Haus, in dem sie sich befand, musste auf einem Hügel stehen oder zumindest an dessen Hang, denn es ging weit hinab und unten sah sie allerlei Dächer, rauchende Schornsteine und vereinzelt in diesem Gewirr die wenigen etwas breiteren Straßen. Lediglich andere Häuser, die ebenso an diesem Hügel standen, waren etwas größer und weniger eng aneinander geschmiegt, wie die Häuser im Tal. Weit zog sich diese gewaltige Stadt dahin und allein an dem Palast der Patrizier mit seinen weithin sichtbaren Türmen konnte sie erkennen, dass es noch immer ihre Heimat war - Dracis. Ihr Blick schweifte noch einen Moment länger über die Stadt, bis hin zum Hafen und dem dort im Sonnenlicht glitzernden Wasser, durch das die Schiffe, groß wie klein, segelten oder mittels Ruder angetrieben wurden.
Aber was tat sie hier?
Die Stirn in Falten legend wandte sie sich herum und rutschte vom Bett hinab. Die Beine waren noch schwach und müde von dem langen Aufenthalt in ihrer Zelle und langsam, im ersten Moment fast wie ein neugeborenes Fohlen, wagte sie die ersten unsicheren Schritte.
Müsste sie nicht eigentlich tot sein, kam es ihr in den Sinn. Vielleicht war das die Antwort - sie war nun tot und man kam nach dem Tod in ein schickes Haus, in dem es sauber war und man schaute nur noch auf das ganze Elend hinab. Eigentlich gar nicht mal so schlecht...
Leise tappte sie über den Flur, der sich ihr nach dem leisen Öffnen der mit allerlei Intarsien geschmückten Tür offenbarte. Ruhe herrschte in dem Haus und nur weit in der Ferne hörte sie die Geräusche von der Stadt draußen. Allerlei Türen gingen von dem Flur ab und Stück für Stück, sich mit einer Hand an eine Wand leicht stützend, ging sie weiter, hier und dort in manchen Raum reinblickend, der sich ihr offenbarte, bis sie stockte.
Ein Raum, der der Möblierung nach zu urteilen wohl so eine Art Salon war, gab den Blick frei auf einen Balkon, auf dessen Brüstung jemand saß. Leise ging sie nun auch in diesen Raum rein. Dem Körperbau nach zu urteilen, denn der Fremde hatte dem Salon und damit ihr den Rücken zugedreht, schien es ein Mann zu sein. Helles, fast weißes Haar floss über die Schultern hinab und wurde vom leichten Wind zerzaust. Dann jedoch, als sie auf den Balkon trat, sah er herum, ein leichtes Lächeln auf den Lippen tragend und musterte sie kurz aus dunkelblauen Augen.
"Hast du gut geschlafen?"
***
Das hatte Mor. Sie rekelte sich langsam in dem weichen Bett, strich mit einer Hand über das weiße Laken und schloß nochmals ihre Augen, als sie ihre Nase leicht ins Kissen vergrub und den Duft einatmete. Es roch nach ihm und allein das reichte, um in ihr ein eigentümliches Glücksgefühl auszulösen. Eigentümlich, denn sie war unsicher. Jonath konnte sie nicht mit einem Schlag vergessen, auch wenn sie ihm das abrupte und wohl willentliche Verlassen des Banners übelnahm.
Und dann war da noch der Punkt, den sie ihm gegenüber am vorherigen Abend offenbart hatte - er erinnerte sie an jemanden und irgendwo war da die Angst, dass sie nur deshalb was für ihn empfinden würde, was ihm gegenüber nicht gerecht wäre.
Doch andererseits liess er ihr Zeit. Kein Kuss bisher und auch die Nacht hatte sie allein in seinem Bett verbracht. So wie damals in diesem herrschaftlichen Haus, ging sie auch jetzt nur behutsam Schritt für Schritt und er überliess ihr das Tempo, auch wenn er bei ihrem kleinen Spielchen am vorherigen Abend durchaus ihre wahren Beweggründe bezüglich mancher Entscheidungen auf listige Art und Weise hervorzukitzeln versuchte. Unweigerlich zog sich ein Lächeln über ihre Züge, die sogleich sanfter wurden bei den Gedanken an diesen besonderen Abend.
Mühsam nur konnte sie sich von dem weichen, warmen Bett losreissen, erhob sich und zog sich ihre Kleidung über. Leise ging sie die Stufen hinauf und sah unschlüssig herum zur nächsten Treppe. Es zog sie in diesem Moment durchaus zu ihm hinauf, aber da war noch etwas anderes, was sie unbedingt erledigen wollte, ehe sie weitere Schritt gehen würde. Sie griff zu ihrem Schwertgurt, drückte die Tür auf und verliess das Haus an diesem nebligen Morgen.
Rahal lag noch ruhig da, nur in wenigen Häusern brannte bereits Licht, während sie sich auf den Weg zum Tor machte. Ein Nicken zu den Wachen, dann verliess sie die heilige Stadt und bog nach Osten, zum See hinüber, über den an diesem Morgen ein nebliger Dunst grau und schwer hing. Dort, an dessen Ufer, suchte sie sich etwas Holz, was halbwegs trocken war und setzte es mit ordentlich Zunder in Brand. Rauch stieg auf und sie sah einen Moment hinab zu den heißen, gierigen Flammen, die am Holz entlangleckten und es mehr und mehr verschlangen. Eine Hand wanderte derweil langsam zum Schwertgurt, strich dort über das Lederband und die schwarze Haarsträhne.
Es ist vorbei.
Einen Stich gab es in ihrem Herzen, als sie das Band vom Gurt löste, dann erst warf sie einen Blick auf die Strähne, atmete tief durch und gab sich letztlich einen Ruck - sie warf die Strähne samt Lederband in das Feuer und unter streng riechenden Rauch verbrannte beides.
Mor wiederum verschränkte ihre Arme vor sich fest und sah noch eine Weile in das Feuer hinab, die Miene steinern, die Augen für einen winzigen Moment verräterisch schimmernd, als sie so Gedanken an vergangene Tage nachhing und mit diesen allmählich abschloß.
Es war wohl das Zwitschern der Vögel und die Sonnenstrahlen der Mittagsstunde, die sie weckten. Ein ungewohnt sauberer Duft umgab sie, vornehmlich nach Seife, aber auch ganz dezent nach Blumen und edlen Hölzern. Als sie die Augen aufschlug, kam es ihr eher wie ein seltsamer Traum vor - weißes, sauberes Bettzeug umgab sie, statt dreckiges Stroh. Anstatt von rauen Gefängniswänden aus grobem Stein sah sie ordentlich verputzte Wände, an denen verzierte Möbel lehnten. Ein Tisch, auf dem eine Vase mit allerlei Blumen stand. Ein großes, weiches, hellbraunes Fell lag vor ihrem Bett, darunter wiederum farbige Fliesen, die ein verschlungenes Ornament bildeten.
Sie wollte sich langsam auf den Rücken drehen, doch zog sie hörbar zischend die Luft ein, als ein entsetzlicher Schmerz durch ihren mageren Körper raste. Vorsichtig drückte sie sich auf, bemerkte, dass sie sogar ein richtiges, langes Nachthemd trug. Kurz zupfte sie stirnrunzelnd an dem leichten Leinenstoff, denn so etwas war sie nicht gewohnt und hatte sie auch noch nie in ihrem Leben getragen. Dann ging ihre Hand an ihren Rücken, tastete ihren Torso verwundert ab, denn sie spürte nun auch einige Bandagen, die die Peitschenwunden am Rücken verdeckten. Sie wandte langsam einen Blick hinaus aus dem Fenster, unter dem das schmale Bett stand und glaubte sich einen kurzen Moment lang fern ihrer Heimatstadt - das Haus, in dem sie sich befand, musste auf einem Hügel stehen oder zumindest an dessen Hang, denn es ging weit hinab und unten sah sie allerlei Dächer, rauchende Schornsteine und vereinzelt in diesem Gewirr die wenigen etwas breiteren Straßen. Lediglich andere Häuser, die ebenso an diesem Hügel standen, waren etwas größer und weniger eng aneinander geschmiegt, wie die Häuser im Tal. Weit zog sich diese gewaltige Stadt dahin und allein an dem Palast der Patrizier mit seinen weithin sichtbaren Türmen konnte sie erkennen, dass es noch immer ihre Heimat war - Dracis. Ihr Blick schweifte noch einen Moment länger über die Stadt, bis hin zum Hafen und dem dort im Sonnenlicht glitzernden Wasser, durch das die Schiffe, groß wie klein, segelten oder mittels Ruder angetrieben wurden.
Aber was tat sie hier?
Die Stirn in Falten legend wandte sie sich herum und rutschte vom Bett hinab. Die Beine waren noch schwach und müde von dem langen Aufenthalt in ihrer Zelle und langsam, im ersten Moment fast wie ein neugeborenes Fohlen, wagte sie die ersten unsicheren Schritte.
Müsste sie nicht eigentlich tot sein, kam es ihr in den Sinn. Vielleicht war das die Antwort - sie war nun tot und man kam nach dem Tod in ein schickes Haus, in dem es sauber war und man schaute nur noch auf das ganze Elend hinab. Eigentlich gar nicht mal so schlecht...
Leise tappte sie über den Flur, der sich ihr nach dem leisen Öffnen der mit allerlei Intarsien geschmückten Tür offenbarte. Ruhe herrschte in dem Haus und nur weit in der Ferne hörte sie die Geräusche von der Stadt draußen. Allerlei Türen gingen von dem Flur ab und Stück für Stück, sich mit einer Hand an eine Wand leicht stützend, ging sie weiter, hier und dort in manchen Raum reinblickend, der sich ihr offenbarte, bis sie stockte.
Ein Raum, der der Möblierung nach zu urteilen wohl so eine Art Salon war, gab den Blick frei auf einen Balkon, auf dessen Brüstung jemand saß. Leise ging sie nun auch in diesen Raum rein. Dem Körperbau nach zu urteilen, denn der Fremde hatte dem Salon und damit ihr den Rücken zugedreht, schien es ein Mann zu sein. Helles, fast weißes Haar floss über die Schultern hinab und wurde vom leichten Wind zerzaust. Dann jedoch, als sie auf den Balkon trat, sah er herum, ein leichtes Lächeln auf den Lippen tragend und musterte sie kurz aus dunkelblauen Augen.
"Hast du gut geschlafen?"
***
Das hatte Mor. Sie rekelte sich langsam in dem weichen Bett, strich mit einer Hand über das weiße Laken und schloß nochmals ihre Augen, als sie ihre Nase leicht ins Kissen vergrub und den Duft einatmete. Es roch nach ihm und allein das reichte, um in ihr ein eigentümliches Glücksgefühl auszulösen. Eigentümlich, denn sie war unsicher. Jonath konnte sie nicht mit einem Schlag vergessen, auch wenn sie ihm das abrupte und wohl willentliche Verlassen des Banners übelnahm.
Und dann war da noch der Punkt, den sie ihm gegenüber am vorherigen Abend offenbart hatte - er erinnerte sie an jemanden und irgendwo war da die Angst, dass sie nur deshalb was für ihn empfinden würde, was ihm gegenüber nicht gerecht wäre.
Doch andererseits liess er ihr Zeit. Kein Kuss bisher und auch die Nacht hatte sie allein in seinem Bett verbracht. So wie damals in diesem herrschaftlichen Haus, ging sie auch jetzt nur behutsam Schritt für Schritt und er überliess ihr das Tempo, auch wenn er bei ihrem kleinen Spielchen am vorherigen Abend durchaus ihre wahren Beweggründe bezüglich mancher Entscheidungen auf listige Art und Weise hervorzukitzeln versuchte. Unweigerlich zog sich ein Lächeln über ihre Züge, die sogleich sanfter wurden bei den Gedanken an diesen besonderen Abend.
Mühsam nur konnte sie sich von dem weichen, warmen Bett losreissen, erhob sich und zog sich ihre Kleidung über. Leise ging sie die Stufen hinauf und sah unschlüssig herum zur nächsten Treppe. Es zog sie in diesem Moment durchaus zu ihm hinauf, aber da war noch etwas anderes, was sie unbedingt erledigen wollte, ehe sie weitere Schritt gehen würde. Sie griff zu ihrem Schwertgurt, drückte die Tür auf und verliess das Haus an diesem nebligen Morgen.
Rahal lag noch ruhig da, nur in wenigen Häusern brannte bereits Licht, während sie sich auf den Weg zum Tor machte. Ein Nicken zu den Wachen, dann verliess sie die heilige Stadt und bog nach Osten, zum See hinüber, über den an diesem Morgen ein nebliger Dunst grau und schwer hing. Dort, an dessen Ufer, suchte sie sich etwas Holz, was halbwegs trocken war und setzte es mit ordentlich Zunder in Brand. Rauch stieg auf und sie sah einen Moment hinab zu den heißen, gierigen Flammen, die am Holz entlangleckten und es mehr und mehr verschlangen. Eine Hand wanderte derweil langsam zum Schwertgurt, strich dort über das Lederband und die schwarze Haarsträhne.
Es ist vorbei.
Einen Stich gab es in ihrem Herzen, als sie das Band vom Gurt löste, dann erst warf sie einen Blick auf die Strähne, atmete tief durch und gab sich letztlich einen Ruck - sie warf die Strähne samt Lederband in das Feuer und unter streng riechenden Rauch verbrannte beides.
Mor wiederum verschränkte ihre Arme vor sich fest und sah noch eine Weile in das Feuer hinab, die Miene steinern, die Augen für einen winzigen Moment verräterisch schimmernd, als sie so Gedanken an vergangene Tage nachhing und mit diesen allmählich abschloß.