Der unbekannte Tote
I. Lameriast
Gemeinsam mit der jungen Akoluthin Rabeya Travier und den den vier Gardisten trat Crean von der schwankenden Planke hinunter auf die Insel. Am Mast hinter ihnen wehte die Reichsflagge und flatterte lustig im Wind. Vor ihnen lagen die wilden Wälder Lameriasts, von der tief stehenden Sonne in orangegoldenes Licht getaucht. Zwischen den Bäumen könnte man die dunklen Dächer Neuhavens erkennen.
Ein verwildertes Land voller Heiden. Die Kirche hatte es nie geschafft hier Fuß zu fassen, dachte Crean. Dennoch hatte eine der Inselbewohnerinnen nach ihnen geschickt, als sie den beinahe zur Unkenntlichkeit verkommenen Brief bei dem Toten gefunden hatte, der ihn als Bürger Varunas auswies. Eine noble Geste für eine Heidin, dachte Crean, den Glauben des Toten, den sie selbst ablehnte, zu respektieren und sich die Mühe zu machen ihm eine kirchliche Bestattung in heimatlicher Erde zu ermöglichen.
Am Steg wurde die kleine Gruppe bereits von einer Dame mit auffällig blau schimmerndem Haar und wehendem violettem Kleid erwartet. Eine ansehnliche Frau, befand Crean. Er schätzte sie auf nicht älter als Ende zwanzig. Es war die Heilerin Samira Aspeen, die nach ihnen geschickt hatte und sie nun auf Lameriast willkommen hieß. Crean und Rabeya begrüßten sie höflich, dann ließen sie sich, begleitet von den vier Gardisten zu ihrem Haus führen.
Der Weg führte sie durch das Dorf Neuhaven und jene wenigen Bewohner die den kleinen Trupp vorbeimarschieren sahen, betrachteten die uniformierten des Reiches mit Argwohn, und manch einer versuchte nicht einmal, seine Abscheu gegenüber den Priestern und den Gardisten des Reiches zu verbergen.
Weiter ging es auf einem schmalen holprigen Wegen durch den dichte Wald und als auch die abgeernteten Kornfelder hinter ihnen lagen, berührte die Abendsonne bereits die Kronen der Bäume und versah den Wald mit einer hellen Krone aus Licht. An einer Kreuzung fanden sie abgebaute Marktstände und von dort aus konnte man endlich das Haus der Heilerin sehen.
Das Haus war, wie die Häuser im Dorf, ganz aus Holz gebaut. Ein kleiner Stall war angebaut und vorne vor hatte die Heilerin einen kleinen Garten angelegt. Die Gardisten unter Führung Oberstleutnant Kabos bezogen vor dem Haus Position und Frau Aspeer bat die beiden Priester hinein. Crean hatte fast sein ganzes bisheriges Leben als Soldat verbracht ließ sich von der Warnung der Heilerin was ihnen nun bevorstand nicht beeindrucken. Doch als sie die Tür zu dem Raum öffnete, in dem der Tote aufgebart lag, raubte der Geruch dem Diakon den Atem und er presste reflexartig den Ärmel seiner Robe auf Mund und Nase. Die Luft war schwanger vom süßlichen Geruch nach Tod und Verwesung, vermischt mit dem würzigen Duft unzähliger Kräuter, die auch in ihrer Vielzahl den Geruch der einsetzenden Verwesung nicht überdeckten, sondern noch skurriler und unangenehmer wirken ließen. Nachdem Crean den ersten Würgreiz unterdrückt hatte, gewöhnte er sich ein wenig und vermochte langsam den Ärmel sinken zu lassen. Nun konnte er den Blick auf den Leichnam richten, der auf einem mit straffen Leinen bezogenen Tisch vor ihnen lag. Die Augen des Toten waren geschlossen und die Haut war von einem blassen Grau ein sicheres Zeichen für sein ableben. Noch sicherer aber war der geöffnete Brustkorb. Crean riskierte einen kurzen Blick auf die freigelegten Organe. Er hielt nicht viel von dieser Art der medizinischen, die in seinen Augen jeden Respekt vor dem Toten vermissen ließ. Aber er wollte die Heilerin, in diesem Moment nicht mit seiner Ideologie behelligen und so schwieg er darüber. Statt dessen hörte er sich ihre Vermutungen über den Tod des Mannes an.
Der Priester hatte ein weißes Leinentuch mitgebracht. Samira drehte den Leichnam auf die Seite und Crean schob das Tuch zu einem viertel darunter. Dann wurde der Tote auf die andere Seite gedreht, sodass der Priester das Tuch gegenüber wieder hervorziehen und den Verstorbenen sorgfältig und fest von Kopf bis Fuß in das Tuch kleiden konnte. Gemeinsam hoben sie ihn auf eine Bare. Die Heilerin fixierte den eingetuchten Leib mit Lederriemen während Crean zwei kräftige Gardisten, die der Oberstleutnant dafür abstellt hatte, hereinführte. Sie sollten die Bare zurück in die Heimat tragen.
Auch der Rückweg verlief ohne Zwischenfälle. Samira Aspeer führte die kleine Gruppe zurück zum Hafen und in dem Moment als sie an Bord gingen, berührte die Sonne das Meer und machte es zu flüssigem Gold. Plötzlich frischte der Wind auf und die bei ihrer Ankunft so ruhige und friedliche See schlug in spritzenden Wellen auf den Steg. Mit bloßem Auge konnte man erkennen, wie sich in der Ferne Wolken zusammenschoben. Eilig wurden die Segel gesetzt. Der Wind griff hinein, blähte sie auf. Dann segelten sie Richtung Heimat. Von Deck aus konnte man beobachten, wie sich über ihnen die Wolken auftürmten. Doch als sich das Schiff gefährlich in den Wellen neigte, überließen sie das Deck den Matrosen und zogen sich unter in die Passagierräume zurück. Die Rufe der Seemänner drangen einem fröhlichen Jauchzen gleich hinunter und Crean hatte das Gefühl, die Männer liebten den rauen Wind, wie ein Prediger eine gefüllte Kirche.
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Weiteres zu der Geschichte findet ihr dort:
[url=http://www.alathair.de/forum/viewtopic.php?t=34577]Der Brief[/url], [url=http://www.alathair.de/forum/viewtopic.php?p=242721#242721]Was man in Varuna weiß.[/url]
Der unbekannte Tote
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Crean Laskelin
Der unbekannte Tote
Zuletzt geändert von Crean Laskelin am Mittwoch 3. September 2008, 11:34, insgesamt 1-mal geändert.