Endlose Nächte

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Sephira von Tecklenstein

Endlose Nächte

Beitrag von Sephira von Tecklenstein »

Ein schriller Schrei hallt durch die Nacht
Die Angst durch meine Glieder zieht
So schrecklich das ich aufgewacht
Sehe den Mut der auf dem Nebel flieht

Die kalte Hand die meine Schulter greift
Lässt mich noch schneller rennen
Der heiße Atem, meinen Nacken streift
Von hinter mir, höre ich es brennen


[anonymer Autor]

Das Feld schien endlos sich vor ihr aufzutun und wurde in ein blutrotes Licht getaucht, als die Sonne in ein unnatürliches Abendlicht unterging. Das Klirren von Schwertern drang hautnah an ihr Ohr, laute Befehle, einem Orkan gleich, peitschen durch die Luft, begleitet von den Schreien der Schmerzen und des Todes. Langsam durchschritt sie das Feld, ließ den Blick weit schweifen. Sie sah nichts und doch hörte sie immer wieder diese Schreie, das Geräusch von kämpfenden Massen.
Irritiert zogen sich die Brauen zusammen, die Hand huschte automatisch gen des Griffes ihres Rapiers, welches sie stets bei sich trug. Der Feind...er musste doch irgendwo sein. Sie spürte doch die Gegenwart, spürte, dass sie nicht alleine war. Langsam tastete sie sich weiter voran, schritt über Unebenheiten und knackende Äste hinweg.
Sie verstand nicht, wo die Männer waren, warum man sie so weit hinten zurückgelassen hatte. Wollte Gillian sie nur schützen? Oder hatte man sie mit Absicht so weit nach hinten fallen lassen? Der Schritt verschnellerte sich langsam, der Atem ging einen Deut rascher als gewohnt und ein Unbehagen schoss durch die Fasern ihres Körpers.
Die Stimmen schienen sich zu nähern, der Geruch von Blut und Schweiß stieg ihr in die Nase, als sie auf einmal das Gleichgewicht verlor und zu Boden fiel. Sie war doch nur an einer Wurzel hängen geblieben....oder? Der Blick ging ruckartig nach hinten, gen des eigenen Knöchels, verharrte dort voll Schrecken und Ekel. Eine Hand...eine Hand umfasste den Knöchel, fest und eisern. Der Körper des Mannes war voller Blut, die Augen glasig und entrückt von dieser Welt. Und doch war da dieses Flehen in seinem Blick. Helft mir....
Ruckartig trat sie nach ihm, wollte nicht mehr diese Kälte spüren, die er verströmte und die geifernd und gierend ihren Körper durchdrang. Sie stolperte ein paar Schritte weiter vor, fiel wieder und wurde erst jetzt der Umgebung gewahr, die sie die ganze Zeit durchschritten hatte. Menschen...ein Feld voller Menschen. Voller Krieger, die ihr Leben gelassen hatten, die Siechtum, Krankheit und Tod mit sich bringen würden. Eure Schuld....eure Schuld....
Sie spürte wieder die Hände, diese eiskalten Hände, die nach ihr griffen. Es schienen mehr und mehr zu werden, sie drängten auf sie, ließen kein Aufstehen, kein Entkommen zu. Sie biss die Zähne aufeinander, wehrte sich mit aller Kraft, bis...

Die Augen wurden aufgeschlagen, der Körper richtete sich kerzengerade auf. Schnell und unregelmäßig ging ihr Atem, während die Schweißperlen auf ihrer Stirn hinunterrannen und das Gesicht umrahmten. Zitternd fuhr sie sich durch das Haar, versuchte, den Blick auf etwas zu richten, dass sie beruhigen würde. Ein Traum, es war nur ein Traum...
Immer und immer wieder murmelte sie die Worte vor sich her, während sie aufstand und im Zelt auf und abging. Die Bilder mussten aus ihrem Kopf. Nicht schon wieder diese Kälte, diese ausdruckslosen Gesichter...nein. Nicht schon wieder...
Sephira von Tecklenstein

Beitrag von Sephira von Tecklenstein »

Mörder.....Mörder...

Ein Flüstern nur in ihrem Kopf, leise Stimmen, deren Ursprung sie nicht zuordnen konnte. Sie hallten durch das Umfeld. Versteckt in Nebel und Raum. Nur die Bäume schienen in der Nähe zu sein...und die Kälte.

Seht ihr das Blut an euren Händen Milady? Es wird ständig an euch kleben...eine Erinnerung an eure Schuld!

Es klebte. Der Stoff ihrer Kleidung klebte an ihrer Haut und sie spürte das fremde Blut geradezu an sich. Ungewohnt fühlte es sich an den Fingern an, benetzte die Handflächen und die Ansätze der Handgelenke. Sie wollte es loswerden, wollte es keine Sekunde mehr länger an sich behalten. Ein See, ein Flußlauf! Irgend etwas götterverdammtes würde es doch hier geben!

Ihr könnt eine Schuld nicht einfach abwaschen, Milady...
Ihr tragt das Blut von Unschuldigen...


„Es reicht!“, ihre Stimme klang ungewohnt kraftlos und schwach gegen das Flüstern, das von nahezu allen Seiten zu kommen schien. Sie wollte diese Lügen nicht hören, keinen Moment länger.
„Ihr lügt! Frevler!“

Lüge? Nein Milady...seht...seht in euch selbst und erkennt...das reine Blut Gläubiger Alatars klebt an euch, weil ihr an ihnen zweifelte. Ihr nahmt dem Herrn Diener, ihr stahlt gute Kräfte im Dienste unseres Herrn...

Mörder...


„Nein!!! Nein!!!“ Sie rannte, wollte den Stimmen entfliehen. Es war dunkel, die Zweige peitschten in ihr Gesicht, während sie stolpernd durch den Nebel irrte. Sie konnte ihnen nicht entfliehen, konnte nicht davon laufen.

Wir werden die Schuld nicht von euch nehmen...erfahrt Schmerz, wie wir ihn erfahren mussten, erfahrt Leid...


Sie fiel und spürte im nächsten Moment einen unsagbaren Schmerz in Nacken und Stirn, als sie am Haar hochgerissen wurde. Zwei kristallgrüne Augen fixierten sie. Nach und nach offenbarte sich das dreckige Gesicht eines Soldaten...die Farben seines Wappenrockes wiesen eindeutig die Farben des Reiches Alumenas auf. Keine Gnade...nur ein dreckiges Grinsen, als er mit dem Schwert ausholte und es in ihren Bauch rammte...

Ein lautloser Schrei und das Aufbäumen ließ sie wieder kerzengerade aufsetzen, als sie erwachte. Wieder ein Traum, wieder einer der Sorte, die sie so hasste. Vorsichtig suchten die Füße den Boden, um sich aus dem behelfsmäßigem Bett zu erheben und auf und ab zu gehen. Sie würde bald zurück sein, bald in Rahal...dort würde sie Ruhe finden. Sie musste es sich geradezu einreden, um nicht den Verstand zu verlieren. Viel zu viele Variationen schienen ihr derzeit den Schlaf zu rauben. Manchmal verfluchte sie geradezu die Gunst ihrer Muse. Kreativität schuf nicht immer nur etwas Gutes, sondern konnte auch, in den dunklen Zeiten, etwas Schlechtes erschaffen.

Am schönsten ist es Zuhause...am schönsten ist es Zuhause....

Sie wäre bald zurück in Rahal. Dort gäbe es dann Ruhe. Die Alpträume würden ihr nicht folgen, würden dort sein, wo auch die Schlachtfelder verweilten.
Oder?
Zuletzt geändert von Sephira von Tecklenstein am Montag 25. August 2008, 16:06, insgesamt 1-mal geändert.
Sephira von Tecklenstein

Beitrag von Sephira von Tecklenstein »

Ringel ringel reihe,
wir sind schon der Kinder dreie,
sitzen unter dem Hollerbusch,
schreien alle: Husch, husch, husch!

Ringel, ringel reihe...


Immer und immer wieder drang das Lachen an ihr Ohr, dieses unschuldige, glockenhelle Lachen. Verschwommen flackerten bunte Farben vor ihren Augen, farbige Kleckse huschten hin und her; und immer wieder dieses Lachen, welches kristallklar an ihr Ohr drang. Unschuld, Reinheit, Sorglosigkeit...vielmehr mochte dieses Lachen bedeuten. Es war ein Garant für eine bessere Zukunft, für das Bewusstsein, dass die Welt eine bessere sein würde, wenn dieser Krieg endlich beendet war.

Ringel ringel reihe,
wir sind schon der Kinder dreie...


Unbeschwert konnte sie die Luft einziehen, genoß die fröhlichen Stimmen, das klare Lachen. Ein lauer Wind wog auf, spielte mit den Strähnen, die ihr in die Stirn hingen. Langsam klarte die Welt um sie herum auf, die Landschaft gewann an Konturen, Figuren wurden scharf und klar. Ein Dorf...es glich einem der Weiler in Tecklenstein, durch das sie hindurchgeritten waren. Die Strassen waren ruhig, kein Mensch war zu sehen, der Gesang, das Lachen verebbt. Sie versuchte sich zu erinnern, wie sie hier hergekommen war, warum sie sich das Dorf ansehen wollte. Kontrolle? Mussten Güter beaufsichtigt, transportiert werden? Die Rechte wanderte hinauf gen der Stirn, wischte sich ruhig die Strähne aus dem Gesicht, ehe sie den Blick des dunklen Augenpaares weiter schweifen ließ. Es schien, als wären die Hütten geisterhaft leer, die Felder lagen brach. Ein kleines Rinnsal an Nässe durchzog das Erdreich neben ihr, wies wohl einen der Flüsse auf, die trocken gelegt wurden, um den Notstand der Bewohner zu fördern, bis die „Retter“ des Einen einschreiten würden. Der Plan hatte doch perfekt funktioniert...was wollte man mehr?

Etwas umschloss ihre Hand. Langsam glitt das Augenpaar hinab, fasste ein Mädchen in den Blick, welches mit wirren, schwarzen Locken in der Stirn zu ihr aufsah. Ein intensives grün fixierte sie, so klar und rein, wie sie es selten gesehen hatte. Tränen standen in ihren Augen, einige hatten sich bereits den weg die Wangen hinunter gebahnt. Lange sah sie das Kind so an, ohne ein Wort...ließ wirken, welch Furcht und Not von diesem kleinen Wesen ausging. Nur langsam, vorsichtig, ging sie in die Hocke, begegnete dem grünen Augenpaar.

„Warum hast du das getan? Warum hast du uns weh getan? Waren wir nicht lieb?“


Die Stimme dieses Kindes durchfuhr Mark und Bein, die Nervenbahnen spannten sich an und ein Schauer durchfuhr jede Faser des Körpers. Als hätten tausend stimmen zugleich gesprochen, dröhnte ein Hall in ihrem Kopf und ließ sie auf die Knie sacken. Angestrengt sog sie die Luft ein, wollte die Hand zurück ziehen, die von dem Kind jedoch eisern umfasst wurde.

„Wir haben nichts getan...warum hast du das getan?“

Verwirrt blickte sie auf, versuchte, den Blick des Kindes einzufangen, ohne Erfolg. Die Augen waren ausdruckslos leer, fixierten eine ferne Zukunft, einen fernen Gedanken. Langsam streckte das Kind die andere Hand aus, zur Seite weisend. Nur langsam löste sie den Blick, folgte dem Deut, um wieder die Strasse des Dorfes zu sehen.

Brennende Dächer, Schreie, die schrill erklangen. Staub wirbelte durch die Luft, während die berittenen Söldner wütend ihre Befehle verteilten und die Menschen aus dem Haus trieben. Männer, Frauen, Kinder...die nackte, wilde Angst lag in ihren Blicken. Keine Möglichkeit, sich anzuziehen, kein Flehen, kein Erbarmen. Sie erinnerte sich an den Befehl, den sie damals gegeben hatte: „Jede Siedlung wird aufs strengste gereinigt und abgesichert!“ Die Männer hielten sich nur zu gut an ihre Befehle...und reinigten, bis die Strassen vor Blut nur so trieften.

Es ist nachts, als ein stummer Schrei aus der Kehle des jungen Mädchens dringt. Wild wirft sich der zierliche Körper im Bett hin und her, angespannt scheint jede Faser des Körpers. Bleich und bleicher wird die Miene, ein innerer Kampf um das Aufwachen aus einem Alptraum beginnt. Der Kampf wird lange dauern, länger, als sie es sonst gewohnt ist...während in den unteren Räumlichkeiten ein zerknülltes Papier von der Tischplatte kuller.
Wilde Kohlestriche bargen wohl ein kleines Kunstwerk, eine Malerei von solcher Unschuld und Reinheit, wie sie jedes Herz berühren würde. Auf die eine...oder andere Art.
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