Regel Nr.3: Nicht nachdenken, sondern einfach handeln...
Ein neuer Reiz durchströmte jede Nervenbahn, jede Faser ihres Körpers. Eine neue Herausforderung, ein neuer Weg eröffnete sich so schlicht und harmlos vor ihr, dass es fast zu einfach schien: Die Welt mit neuem Blickwinkel, neuen Augen sehen und... verstehen.
Wie fühlt sich der Regen in lauer Sommernacht an?
Wie lange braucht es, bis man die Melodie des Windes versteht?
Wann endlich.... wann wird sie den Händler verstehen?
Es war ein merkwürdiges Spiel, obwohl... nein, kein Spiel, solch Worte wollte er nicht aus ihrem Munde hören. Doch war nicht das Spiel das reizvolle, das gefährliche, das sie zu gerne einging?
Es war wie ein Rausch, eine Sucht, der sie kaum entkommen konnte.
Die ersten Würfel waren gefallen, die ersten Karten aufgedeckt. Sie hatte ihren Einsatz gebracht, hatte begonnen, größere Risiken einzugehen. Kein Nachdenken, kein Abwägen von Gut und Schlecht, von Vor- oder Nachteil. Der Händler hatte ihr vielleicht mehr mitgegeben, als er erwartete hatte.
Noch immer musste sie schmunzeln, als sie an ihre Entscheidung dachte. Sie traute kaum einem Menschen, hatte nie einen Hehl aus jenem gemacht und man wusste nur zu gut von der Unnahbarkeit ihrer Person. Und dann, an jenem Abend in der Taverne, fiel ihr die Regel wieder ein: Nicht nachdenken, sondern einfach handeln...
Zugegeben, sie hatte kaum erwartet, jemanden einen Schlüssel an dem Abend in die Hand zu drücken...aber genau jenes Nicht-Wissen sorgte für ein angenehm entspanntes Gefühl in ihr.
Das Adrenalin, absolute Erwartungen und Faszination standen im stetigen Wechselspiel und durchdrangen ihren Leib. Zufrieden konnte sie vor sich blicken, konnte festen Standes ruhen.
Angenehm klang das Lachen, nicht mehr befremdlich, welches sie mehr und mehr genoß. Warm und mit einer gewissen Sanftheit erklang der Klang des ansteckenden Tones. Wann hatte sie das letzte Mal so gelacht? Sicher noch zu Kinderzeiten, als die Welt noch so einfach, noch ohne Politik war. Und... als die Welt noch eine Lüge war. Doch ein Lachen... nein, das konnte keine Lüge sein, es klang zu gut, tat zu wohl, als dass sie es wieder verdrängen konnte. Immer noch verwunderte, erstaunte sie es gar, dass er, ein einfacher Mann, es geschafft hatte. Das Locken hatte funktioniert, hatte das Mädchen aus ihrer Reserve gelockt. Dort, an jenem Nachmittag war sie keine Baronin, kein Vertreter der Stadt oder des Adels...sie war sie.
Regel Nr.1: Lachen ist oberste Pflicht! Dreimal am Tage sollte gelacht werden!
Ein Brechen der Regeln? Ein Überqueren jener oder ausreizen? Der Reiz war da, doch umso abstruser, umso unglaubwürdiger die Worte schienen, reizte sie es doch, genau jenes auszuprobieren. Das Scheitern war sicher mit einkalkuliert, vor allem an Tagen, wo die Pergamente im Rathaus wieder Stapel kreiierten und die Gedanken sich mit der Frage überschlugen, wie die Gesetze des Lehens umgesetzt werden sollten. Und doch, zumindest der Gedanke an seine Grimasse ließ ein leises Kichern aufkommen und ein gewisser Strom von Zufriedenheit durchzog sie.
Willkommen in einer neuen Welt!
Neue Perspektiven
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Sephira von Tecklenstein
Die schlanken Finger fuhren sich durch die Strähnen des Schopfes, ließen jene verspielt in die Stirn fallen, während die Augen Zeile für Zeile erfassten und sie durch den Raum schritt. Unwillkürlich blitzte das Augenpaar auf und ein leichtes Lächeln bildete sich. Das Herz schlug einen Deut schneller und unbeholfen fuhr sie sich mit der Zungenspitze über die Lippen.Suchet ihr im Turm die Tür,
um zu treten dann herfür,
hab ich drüber nachgedacht
und Euch etwas mitgebracht.
Es ist ein Turm, ein kleiner,
der Schlüssel um so feiner.
Zum Üben ist er grade recht,
am Anfang geht es sicher schlecht,
doch dürft ihr nicht verzagen,
mag auch Zweifel an euch nagen.
Lasst das Innerste Euch führen,
es ist wie bei ewig Blinden,
auch sie suchen oftmals Türen,
sie wie Ihr werdet sie finden.
Denn besser ist das Hoffen,
bald ist die Tür dann offen,
lässt sie herein hell` Sonnenlicht,
was sich in Euren Augen bricht
und wird Euch ins Freie leiten,
wie auch ich Euch zu begleiten.
Sie kam sich ungewohnt angreifbar vor mit diesem Gefühl der Leichtigkeit, mit der Erkenntnis, dass auch ihre Züge wieder deutbar, wieder klarer wurden. Langsam löste sich die Maske, es tat einerseits gut und doch....war es überaus gefährlich.
Gefahr...ja, jene reizte, forderte und lockte sie. Hatte sie nicht erst gestern die halbe Insel abgeritten, war durch die Wälder gestriffen und hatte nicht Halt gemacht, bis die Stute schnaubend protestiert und sie zu einem leichten Schritt gezwungen hatte? Sie hatte gesucht, den Blick stets wachsam durch das Blattwerk wandern lassen. Sie hatte nicht gewusst, wonach, doch es hatte etwas zu tun mit ihm, jenem Händler, der sie mehr als einmal am Tag beschäftigte.
Leise trat sie nach oben, um sich vor den Kamin zu setzen, der eher unnötigerweise für solche Nächte noch Wärme spendete. Die Zeilen des Briefes schwirrten durch ihren Kopf, während sie das Flammenspiel vor sich fixierte. Ein Begleiter, ja.... sie hatte nach einem gesucht, Ausschau gehalten und wie so oft hatten sich...Komplikationen eingeschlichen. Für Momente tauchten graue Augen vor ihrem Inneren auf und sie schloss automatisch die Augen. Sie hatte ihm ein Versprechen abgenommen, welches ihm mehr als schaden könnte; hatte Erwartungen an ihn gestellt und gefordert, gefordert, gefordert. War es dann überhaupt sinnvoll, weitere Begleiter zuzulassen? War es gerecht, die eigene Karte zu erweitern und sich führen zu lassen. Sie hatte ihn lange nicht mehr gesehen...
Wieder glitten die Hände durch den Stirnansatz und verharrten für Momente in dem Haar, welches ihr mehr und mehr ins Gesicht fiel. Wo war die Ruhe, wo das eigene Gleichgewicht? Der Händler hatte einen neuen Stein auf ihre Waage gelegt und für ein Ungleichgewicht gesorgt. Nun war es an ihr, für neues Gewicht zu sorgen und mit sich wieder in einen Einklang zu kommen.
Leise ließ sie die Luft aus der Lunge gleiten, sich umsehend. Es war ein langer Tag gewesen, viele Blicke hatten sich getroffen, viele Worte wurden gewechselt.
Die Erinnerung an den Ausritt mit der Ahad ließen ihre Sinne wieder scharf und klar werden. Sie hatte Aufgaben, hatte ein Ansehen zu wahren. Briefe mussten geschrieben, neue Richtlinien aufgesetzt werden. Der Händler hatte Recht, sie brach zu oft noch die Regeln...in seiner Welt.
Langsam stand sie auf und begab sich in das Schlafgemach. Viele Gefühle durchwühlten die zierliche Figur, schienen eine Woge, eine Welle zu werden und über sie hereinzubrechen: Verwirrung, Vertrauen,...Hass, Zorn, Unverrückbarer Wille, Stolz...und....Wärme. Gegensätze versuchten sich zu vereinen zu einem Ganzen, zu einer Einheit. Irgendwann müsste es doch scheitern, oder?
Wieder ging ein Lächeln über ihre Lippen, als sie in ihr Nachthemd geschlüpft war. Irgendein Wandel durchzog sie...er hatte begonnen, auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollte. Der Blick in den Spiegel belehrt jedoch den äußeren Beobachter: Das rote Haar, dass sanft die Miene eines jungen Mädchens umspielte. Sanft scheinen die Züge und ihr Lächeln undeutbar.
Schon morgen würde es wieder vergessen sein und der Anblick von ihr nicht mehr der gleiche. Sie brauchte die Tarnung nicht mehr, würde wieder die Paste zum Färben des Haares nehmen und wieder ihre Kleider mit dem Wappen tragen. Sie war Baronin....und ein Mädchen auf der Suche nach einem Stück Weg. Und....einem Begleiter.
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Sephira von Tecklenstein
Rückkehr von Traumbildern
Der Wind tänzelte durch die Strassen, ließ das wenige Laub auf den Strassen tänzeln; ein ständiges Auf und Ab, wilde Drehungen, die mit dem Abflauen der Windböe auf einmal innehielten und die Blätter zu Boden fallen ließ. Man spürte bereits den Winter, bald würden die ersten Flocken wohl ihren Weg zum Boden finden. An solchen Abenden dachte sie meist an die Baronie, an Tecklenstein, die Heimat. Weit oben im Norden, wo man bereits jetzt schon tiefen Winter haben würde. Sicher würde man noch mit Verlusten rechnen müssen. Man konnte nach dem Kampf, der Reinigung der Baronie die Ressourcen nicht gut genug aufstocken. Der Krieg war noch nicht vorbei...er würde erst enden, wenn alles wie erfordert laufen würde, ein Alltag bei den Bewohnern eingekehrt war.
Krieg...ein hässliches Wort. Eines, dass sie nicht mehr ruhig werden ließ. Noch immer dominierten die Träume ihre Nächte. Doch jedes Bild wurde langsam zur Gewohnheit, zu einer bitteren Erkenntnis, dass sie ihr Leben damit verbringen müsste. Äußerlich hatte sie sich gefasst, hatte wieder die steife Haltung, die korrekten Worte als Maske aufgelegt. Nur das Flackern im Blick, die dunklen Augen, die unstet immer wieder die Räume abtasteten, blieben verräterisch auf ihrer Miene. Es war schon erschreckend, wie sehr man sich an etwas gewöhnen konnte. Selbst die Einsamkeit nahm sie hin, begnügte sich mehr und mehr mit Büchern und Schriften. Die Bibliothek in ihrem Heim begann, größer und größer zu werden. Alte Lieder, Verse....sie wollte keine historischen Schriften, keine abgekühlt wissenschaftliche Deklarationen. Etwas, was sie sich bewahrt hatte...die Affinität zu Sagenbildern und alten Geschichten.
Sanft strichen die Finger einmal über die Harfe, als der Schritt sie vor den Kamin und der Kissen dort führte. Die schlanken Finger gingen zur Weste, holten das abgegriffene, schwarze Büchlein hervor. Viele Verse hatte sie schon dort hineingeschrieben. Eines ihrer Schwächen, dass sie es stets bei sich trug. Ein Gedicht enthielt mehr Wahrheit als manche Aussage vor Gericht, als jede wissenschaftliche Untersuchung. Verse zeigten die Schwäche des Menschen, seine Sehnsüchte, seine Träume. Langsam klappte sie den Buchdeckel auf, zückte den dünnen, feinen Stift, der mit darin gebettet war, um dann weiterzublättern. Ein kurzes Innehalten, als ihr Blick einige Zeilen auffing.
Sag, was wiegt ein Wort, was eine Silbe,
willst du sie heischen, willst du verhandeln?
Sag, was wiegt ein Traum, ein Wortgebilde,
kannst du es erfassen, darauf wandeln?
Es schien, als hätte diese Zeit niemals stattgefunden; ein Traum wars und sie darin gefangen. Täuschung, Irrglaube? Der Händler...hatte er kein gutes Geschäft mehr gefunden und suchte sich andere Wege? Seine Spur war verloren gegangen, keiner hatte ihn mehr gesehen oder etwas von ihm gehört. Verschollen...in den Tiefen der Welt, der Erde. Verloren, beraubt...es gab eine Zeit, in der sie es fast hätte einbrechen lassen. Verluste...überall um sie herum Verluste. Sie hatte es satt; satt jemanden zu vertrauen, sich jemanden ganz zu öffnen. Es bedeutete letztendlich nur Verlust.
Darian, Gillian...auch ihnen hatte sie vertraut, hatte sich geöffnet; nur, um im nächsten Moment sie zu verlieren, den einen durch den Tod, den anderen...durch seine Studien.
Tief sog sie die Luft ein, verdrängte den Gedanken. Nein, ein Nachtrauern war schon lange vorbei. Sie hatte sich damit arrangiert und kam gut alleine zurecht. Es war besser so; besser, dass sie nur so viel preis gab, wie nötig. Rasch wurde weiter geblättert, bis eine der leeren Seiten auftauchte. Kurz schloss sie die Augen, suchte, sortierte, bis sie die Augen öffnete und in ihrer gewohnt akribisch korrekten Schrift die Wörter auf das Papier brachte:
Meint ihr der Eine weilt unter meinen...
Der Eine durchweht der menschlichen Gebeine?
Der alles sieht und hört, niemals wird gestört?
Verweilt ewig und bringt lebend doch auch
Die Gier des Lebens und des Seins?
Die Stirn furchte sich nachdenklich, als sie innehielt und die Wörter sich ein weiteres Mal betrachtete. Noch immer verstand sie den Sinn des Ganzen nicht. Kaum hatte sie sich damit abgefunden, dass man ihr eine „neue“ Welt verschloss, drehte der Wind sich und das Schicksal zog ihr einen Strich durch eine Rechnung. Kurz ging ihr Blick zu den Bücherregalen, auf die Weite erfolglos die Buchrücken abtastend. Sie wusste dennoch, wo welches Werk stand. Wenn nachts der Traum erwacht...Sagengestalten und ihre Herkunft. Irgendein Buch, dass sie von irgendwo her aufgetrieben hatte; vielleicht sogar noch aus der eigenen Bibliothek in der Heimat.
Nymphen...Wesen, die in Meeren und Seen lebten. Man sagte, sie seien für männliche Wesen betörend und könnten jene mit einem einzigen Gesang ganz für sich gewinnen. Die Stimme hatte wirklich etwas melodienhaftes und einen Moment versuchte sie mit einem Summen, den Sprachtonus des Wesens nachzuahmen, das sie vor sich gesehen hatte.
Die Geister der Elemente...
Die Notiz wurde noch mit unter dem Rätsel hinzugesetzt, dann schloss sie das Büchlein, weitersummend. Die harmonischen Töne schmiegten sich fast in den Raum, erfüllten in mit einer ganz neuen Atmosphäre. Vielleicht steckte in all diesen Märchen, in all den Sagen wirklich eine viel tiefere Wahrheit, als sie es sich eingestehen wollte. Langsam richtete sie sich auf, wendete sich zu dem Regal und griff ohne groß Suchen das Werk heraus. Auch wenn der Händler nicht mehr in ihren Kreisen war, sie ihn nicht mehr gesehen hatte, so waren noch immer sein Denken, seine Worte präsent.
Der Tag am Meer...seine Worte.
Sehen, was andere nicht sehen...glauben, was andere nicht glauben.
Die Schritte führten sie wieder zum Kamin; lautlos sie in eine sitzende Position gleiten lassend, das Buch auf den Schoß. Legere konnte man wohl kaum die Haltung betrachten, selbst hier wirkte sie, als würde man sie beobachten oder kontrollieren, dass sie sich auch ja nicht gehen ließ. Der Rücken druchgedrückt, der streng geflochtene Zopf im Nacken, schlug sie das Buch auf und ließ kurz die ganzen Betitelungen auf sich wirken:
Berggeister, Dryaden, Feen, Gnome, Kobolde, Luftgeister, Poltergeist, Nixen, Wechselbälger...
Sie würde die Augen aufhalten. Wer weiß, was sie noch alles entdecken konnte...
Der Wind tänzelte durch die Strassen, ließ das wenige Laub auf den Strassen tänzeln; ein ständiges Auf und Ab, wilde Drehungen, die mit dem Abflauen der Windböe auf einmal innehielten und die Blätter zu Boden fallen ließ. Man spürte bereits den Winter, bald würden die ersten Flocken wohl ihren Weg zum Boden finden. An solchen Abenden dachte sie meist an die Baronie, an Tecklenstein, die Heimat. Weit oben im Norden, wo man bereits jetzt schon tiefen Winter haben würde. Sicher würde man noch mit Verlusten rechnen müssen. Man konnte nach dem Kampf, der Reinigung der Baronie die Ressourcen nicht gut genug aufstocken. Der Krieg war noch nicht vorbei...er würde erst enden, wenn alles wie erfordert laufen würde, ein Alltag bei den Bewohnern eingekehrt war.
Krieg...ein hässliches Wort. Eines, dass sie nicht mehr ruhig werden ließ. Noch immer dominierten die Träume ihre Nächte. Doch jedes Bild wurde langsam zur Gewohnheit, zu einer bitteren Erkenntnis, dass sie ihr Leben damit verbringen müsste. Äußerlich hatte sie sich gefasst, hatte wieder die steife Haltung, die korrekten Worte als Maske aufgelegt. Nur das Flackern im Blick, die dunklen Augen, die unstet immer wieder die Räume abtasteten, blieben verräterisch auf ihrer Miene. Es war schon erschreckend, wie sehr man sich an etwas gewöhnen konnte. Selbst die Einsamkeit nahm sie hin, begnügte sich mehr und mehr mit Büchern und Schriften. Die Bibliothek in ihrem Heim begann, größer und größer zu werden. Alte Lieder, Verse....sie wollte keine historischen Schriften, keine abgekühlt wissenschaftliche Deklarationen. Etwas, was sie sich bewahrt hatte...die Affinität zu Sagenbildern und alten Geschichten.
Sanft strichen die Finger einmal über die Harfe, als der Schritt sie vor den Kamin und der Kissen dort führte. Die schlanken Finger gingen zur Weste, holten das abgegriffene, schwarze Büchlein hervor. Viele Verse hatte sie schon dort hineingeschrieben. Eines ihrer Schwächen, dass sie es stets bei sich trug. Ein Gedicht enthielt mehr Wahrheit als manche Aussage vor Gericht, als jede wissenschaftliche Untersuchung. Verse zeigten die Schwäche des Menschen, seine Sehnsüchte, seine Träume. Langsam klappte sie den Buchdeckel auf, zückte den dünnen, feinen Stift, der mit darin gebettet war, um dann weiterzublättern. Ein kurzes Innehalten, als ihr Blick einige Zeilen auffing.
Sag, was wiegt ein Wort, was eine Silbe,
willst du sie heischen, willst du verhandeln?
Sag, was wiegt ein Traum, ein Wortgebilde,
kannst du es erfassen, darauf wandeln?
Es schien, als hätte diese Zeit niemals stattgefunden; ein Traum wars und sie darin gefangen. Täuschung, Irrglaube? Der Händler...hatte er kein gutes Geschäft mehr gefunden und suchte sich andere Wege? Seine Spur war verloren gegangen, keiner hatte ihn mehr gesehen oder etwas von ihm gehört. Verschollen...in den Tiefen der Welt, der Erde. Verloren, beraubt...es gab eine Zeit, in der sie es fast hätte einbrechen lassen. Verluste...überall um sie herum Verluste. Sie hatte es satt; satt jemanden zu vertrauen, sich jemanden ganz zu öffnen. Es bedeutete letztendlich nur Verlust.
Darian, Gillian...auch ihnen hatte sie vertraut, hatte sich geöffnet; nur, um im nächsten Moment sie zu verlieren, den einen durch den Tod, den anderen...durch seine Studien.
Tief sog sie die Luft ein, verdrängte den Gedanken. Nein, ein Nachtrauern war schon lange vorbei. Sie hatte sich damit arrangiert und kam gut alleine zurecht. Es war besser so; besser, dass sie nur so viel preis gab, wie nötig. Rasch wurde weiter geblättert, bis eine der leeren Seiten auftauchte. Kurz schloss sie die Augen, suchte, sortierte, bis sie die Augen öffnete und in ihrer gewohnt akribisch korrekten Schrift die Wörter auf das Papier brachte:
Meint ihr der Eine weilt unter meinen...
Der Eine durchweht der menschlichen Gebeine?
Der alles sieht und hört, niemals wird gestört?
Verweilt ewig und bringt lebend doch auch
Die Gier des Lebens und des Seins?
Die Stirn furchte sich nachdenklich, als sie innehielt und die Wörter sich ein weiteres Mal betrachtete. Noch immer verstand sie den Sinn des Ganzen nicht. Kaum hatte sie sich damit abgefunden, dass man ihr eine „neue“ Welt verschloss, drehte der Wind sich und das Schicksal zog ihr einen Strich durch eine Rechnung. Kurz ging ihr Blick zu den Bücherregalen, auf die Weite erfolglos die Buchrücken abtastend. Sie wusste dennoch, wo welches Werk stand. Wenn nachts der Traum erwacht...Sagengestalten und ihre Herkunft. Irgendein Buch, dass sie von irgendwo her aufgetrieben hatte; vielleicht sogar noch aus der eigenen Bibliothek in der Heimat.
Nymphen...Wesen, die in Meeren und Seen lebten. Man sagte, sie seien für männliche Wesen betörend und könnten jene mit einem einzigen Gesang ganz für sich gewinnen. Die Stimme hatte wirklich etwas melodienhaftes und einen Moment versuchte sie mit einem Summen, den Sprachtonus des Wesens nachzuahmen, das sie vor sich gesehen hatte.
Die Geister der Elemente...
Die Notiz wurde noch mit unter dem Rätsel hinzugesetzt, dann schloss sie das Büchlein, weitersummend. Die harmonischen Töne schmiegten sich fast in den Raum, erfüllten in mit einer ganz neuen Atmosphäre. Vielleicht steckte in all diesen Märchen, in all den Sagen wirklich eine viel tiefere Wahrheit, als sie es sich eingestehen wollte. Langsam richtete sie sich auf, wendete sich zu dem Regal und griff ohne groß Suchen das Werk heraus. Auch wenn der Händler nicht mehr in ihren Kreisen war, sie ihn nicht mehr gesehen hatte, so waren noch immer sein Denken, seine Worte präsent.
Der Tag am Meer...seine Worte.
Sehen, was andere nicht sehen...glauben, was andere nicht glauben.
Die Schritte führten sie wieder zum Kamin; lautlos sie in eine sitzende Position gleiten lassend, das Buch auf den Schoß. Legere konnte man wohl kaum die Haltung betrachten, selbst hier wirkte sie, als würde man sie beobachten oder kontrollieren, dass sie sich auch ja nicht gehen ließ. Der Rücken druchgedrückt, der streng geflochtene Zopf im Nacken, schlug sie das Buch auf und ließ kurz die ganzen Betitelungen auf sich wirken:
Berggeister, Dryaden, Feen, Gnome, Kobolde, Luftgeister, Poltergeist, Nixen, Wechselbälger...
Sie würde die Augen aufhalten. Wer weiß, was sie noch alles entdecken konnte...