Sommer

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Luca
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Sommer

Beitrag von Luca »

„Wo ihr hinkönnt, kann ich erst recht hin!“ Immerhin waren sie Mädchen und Anney war mindestens ein Jahr jünger als er... drei, wenn man sein großzügiges Aufrunden des eigenen Alters ebenso ernst nahm wie ihres.

„So? Das woll mer erstma seh'n. Der Schupp'n steht im alt'n Haf'n von Rahal.“

Ein durch und durch unerwarteter Schlag in die Magengrube, der ihm einen heißen Schauer durch den Kopf jagte und zugleich die Luft abschnürte. Wann es ging, vermied er die Erinnerungen an die Entführung, solch unverhofften Attacken gegenüber war er jedoch noch immer machtlos.
Die Mädchen hatten nicht eingesehen, warum es so wichtig war, von dort fern zu bleiben und er hatte es nicht aussprechen können. Stattdessen war die Diskussion schon bald vom Thema abgeglitten, um eine absurde Wendung anzunehmen. Warum verteidigte er auf einmal die Welt der feinen Leute, in die er kaum weniger gehörte als die beiden? Weshalb glaubten die zwei, er sei wie die, die nichts anderes zu tun hatten, als ihm ständig zu bekunden, wie verkehrt und befremdlich alles an ihm sei?

„Luca s'is gut, dass es solche Leute gibt aber wir pass'n nich“

Er gehörte eindeutig eher zu dem vertrauten „wir“ als zu „solchen Leuten“... gewusst und gespürt hatte er das in den letzten Monaten oft genug, allerdings war es eben jene piekfeine Gegenseite gewesen, die darauf beharrt hatte. Und nun... kämpfte er darum, den Mädchen klar zu machen, wie wenig auch er in die Welt passte, in der er nun lebte und sich die ganze Zeit über mühsam einzufügen versuchte? Zum Verrücktwerden! Tat es so weh, weil ihm klar wurde, wie wenig er in sein neues Zuhause gehörte, oder weil die beiden nicht glaubten, dass er einer von ihnen war... sein könnte? Was sollte denn noch übrig bleiben?

„Mach's gut... und werd ja n feiner Ritter..“

Auch wenn er die folgenden Tage und Nächte ausnahmsweise weiterhin wartend und ausschauhaltend am Anwesen der Lady und nicht in der Stadt bei Bo verbracht hatte, war ihm klar, dass es ein Abschied gewesen war.

Warum hatte er sie nicht früher treffen können? Wenig hatte er sich in den Monaten ohne Bo, Sehd und die alten Freunde mehr gewünscht, als wieder Teil einer Bande zu sein... Raufen, Toben, Saufen, Teilen und Streiten, Kriege um Schrott und Straßenzüge führen, zotige Lieder gröhlen, Lachen und kein bisschen auf das lose Mundwerk achten...
Sicher war er inzwischen wieder Menschen nahe gekommen, doch sie blieben in erster Linie Grafen, Hochgeborene oder einfach Erwachsene. Hielten in erster Linie zu Verlobten, Etikette oder noch Hochgeboreneren. Drohten, sich bei den ersten Nichtigkeiten wieder abzuwenden...

Er konnte verstehen, wenn Anney und Kara trotz all dem Essen nicht mit ihm tauschen wollten. Das hatte er allerdings auch nicht verlangt... was war so falsch daran, hier normal zu sein? Dort, wo es sicher war, niemand hungerte, gefoltert oder brutal bestraft wurde? Hatte sie Recht, war es unmöglich, hier so zu leben, wie er es von früher kannte? Im Haus der Lady – sicher. In Varuna – vielleicht. Aber es musste doch nicht ausgerechnet die Hexenstadt sein!
Luca
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Beitrag von Luca »

Es war eine Sache, etwas zu vermissen, weil es verloren war. Eine ganz andere, zu wissen, dass es sich in greifbarer Nähe befand...
Zurück nachhause zu reisen hatte er in den düstersten Stunden tatsächlich erwogen, allerdings war einfach nicht denkbar, die Insel zu verlassen, auf der Bo – zumindest hin und wieder – lebte. Außerdem war Winter gewesen und er hatte genau gewusst, dass er auf der Straße erfrieren würde, sollte Tante sich weigern, ihn wieder aufzunehmen. Und eben das lag nahe.. immerhin war er „freiwillig“ gegangen... außerdem hatten die Brüder sich die Taschen zum Abschied gut gefüllt. Vielleicht war sie auch längst aus der Hütte vertrieben worden oder bei der Geburt seines unbekannten Cousins gestorben. Ebensogut konnte sie wieder einen garstigen Kerl haben, der ihn nicht dulden würde... Darüber hinaus scheute er sich vor dem Gedanken, wieder regelmäßig zu hungern, zu frieren oder schlimme Prügel befürchten zu müssen. Hier gab es andere Gefahren, aber denen war beizukommen, wenn er nur in der Stadt blieb und sich gut genug mit denen stellte, auf die es ankam.
Nein, seine Vergangenheit lag eindeutig hinter ihm, sosehr er sie hin und wieder vermissen mochte.

Nicht einmal ansatzweise so unerreichbar schien hingegen... ja was eigentlich? Der Schuppen...
Ob das mysteriöse Versteck und die unbekannten Kindern all den Erwartungen standhalten konnten, die seine Phantasie ausspuckte, wusste er nicht. Genaugenommen dachte er nicht einmal darüber nach. Bande… Versteck… damit schien bereits genug gehört.
Jedes Mal, wenn seine Gedanken das Thema anstießen und sehnsüchtig neuerliche Erinnerungen lebendig machten, war er überzeugter, sich das verheißungsvolle Ungewisse nicht entgehen zu lassen. Und jedes Mal war es das gleiche Wissen, was ihn davon abhielt, aufzuspringen und loszulaufen.

Hexenstadt...

"Ist nicht schlechter als anderwo." Genaugenommen waren die engen, schmutzigen Gassen und all die einfachen Hütten im ärmlicheren Teil der Stadt heimeliger, als alles, was die Insel sonst an Städten aufbot. Vertrauer, weniger riesig, ohne Wiesen und Bäume mitten zwischen den Häusern...

"Und he... ich hab noch nie n Hexer geseh'n." Das war ein Argument. Unfug. Er hatte sie immerhin gesehen... Gesehen, was für eine Untertreibung! Allerdings hatten sie ihn vor Bajard mitgenommen... Aber ausgespuckt hatte das Hexentor sie in Rahal, ohne Zweifel...

"Sin alle nich normal im Kopf. Aber, Luca, die interessier'n sich so viel für uns wie für... für... wie für Ratten." Passiert war ihm in Rahel in der Tat auch noch nichts... wenn man davon absah, dass der verrückte Kerl ihm aufgelauert hatte... ihn auch hätte erschlagen können... es aber nicht getan hatte.. tat man aber mit Ratten... schlechter Punkt, Anney...


Das stärkste Argument lieferten noch immer seine eigenen Worte -
„Wo ihr hinkönnt, kann ich erst recht hin!“
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