Erzählungen und Begebenheiten

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Rilas Avaryn

Erzählungen und Begebenheiten

Beitrag von Rilas Avaryn »

Der Bader und der Drache

Prolog

Aufgeregt saß der Junge Rilas am Feuer des Heimischen Kaminofens, denn es war der letzte Tag der Woche, und Rast galt für alle, so auch für die Familie der Bader, die an solchen Abenden meist nur zu echten Fällen der Not gerufen wurden, nur selten der eher Mundahnen Vorfälle, und wie an jedem Abend des Ruhetages wusste der Junge, das der alte Großvater ihm wieder eine Geschichte erzählen würde, von den Abenteuern, die er als junger Bader erlebte, als er in seinem Wagen durch das Herzogtum reiste und den Menschen überall Heilung brachte, von den Tagen, als die Orkischen Kriege im Land tobten, lange vor seiner eigenen Geburt, von den Flügelechsen, die er Drachen nannte und den Helden, die er begleitete, und so war es an jenem Tag wieder, das der alte Meister des Hauses langsam und gemächlich an die Wohlige Wärme des heimeligen Kamins trat um sich mit einer dünnen Wolldecke und einem Glas der bitterlichen Flüssigkeit, die er stets die gute alte Medizin nannte, und deren Duft aus Kräutern und Alkohol sich mit seiner Atemluft mischte, und so den Raum in einen ungewöhnlichen Duft tauchte, und doch für den kleinen so dazu gehörte, wie die Glocke zum Mittagsmahl.

So rückte der kleine Badersohn näher an den Großvater heran und seine grünen Augen schienen den Alten, wie es jedes Mal war, zu durchbohren, und mit einem wohlwollenden Lächeln strich der alte über das goldenblonde Haar seines Enkels, dasselbe Haar, das auch er trug, wenn auch in seinen Tagen sich zu dem edlen güldenen Schimmer vieles zu Silber gewandelt hatte, so erblickte man selbst in seinen Jahren noch den Glanz seiner Jugend im Schein seines Haars, und wie inspiriert dadurch, ließ er seine Hand ruhen, und blickte auf den jungen Sohn des Sohnes, der schon mit erwartungsvoll geöffnetem Mund seinen Großvater anstarrte, ehe der Blick glasig wurde, und er auf das flackernde Feuer des Kamins blickte, und seine Stimme in wohlig warmen Worten auch
das Ohr des jungen Enkels drang, und die Erzählstunde begann, versetzte sich Rilas, wie jedes Mal mit geschlossenen Augen in die Geschichte, die ihm der Großvater erzählte, und stellte sich das Treiben und Handeln der Abenteuer vor, und so verschwamm langsam die Realität vor dem geistigen Auge des Jungen und die von den Wörtern erzählte Geschichte spielte sich davor ab.

Kapitel 1 – Unter der Goldenen Scheibe

Staub lag auf den Strassen, die der junge Merewyn Isadril auf seinem schäbigen Kutschenbock verbrachte, und die sommerliche Sonne brannte vom Himmel unerbittlich auf alles, was unter dem Licht des Grossen Feuers wandelte, der treue Esel die Pritsche widerwillig zerrend, über den endlos erscheinenden Weg zwischen der Kernprovinz Anrienas und der ländlichen Schwertmark, durch die flache Ebene zwischen den Hügellanden, die beiderlei trennten, führend, wie er seit Jahren umherzog und in jedem Ort die Künste der niederen Heilkunst anbot, Linderung schaffend, Krankheiten behandelnd - ganz seines Standes und seiner Zunft gerecht, ein einsames Leben führend, wenn man von den brausenden Abenden, in denen er in einem weichen Gästebett ruhen mochte, so er in einer
Stadt halt machend, doch dazu angehalten, ein Reisender zu sein, und zu bleiben.

So zog sich die Ebene, in der alles Getier unter der Sonne zu ächzen schien, und nach zwei Tagen der Reise, nach wenig spektakulären Ereignissen, wie eines Wildschweins, das den Weg Merewyn's kreuzte und einem blutroten Sonnenuntergang, traf der Reisende Bader mit seinem bunt bemalten Wagen auf eine Gruppe Humanoider, die er schon von weitem auszumachen wusste, wie jedes Ding, das auf der Pläne schritt, und seinem Wesen seichte Unruhe einspielte, wusste er doch darum, das die Kriege viele Hinterlassen hatten, deren Weg auf schlechten Pfaden lief, und mit einem eher verzweifelten Ruck an seinem Hüftgurt rückte er die dortigen Phiolen und die zierreich punzierte Lederscheide seines Dolches zu Recht, zumindest sein Leben so teuer, wie es nur eben möglich war, zu verkaufen, wenn es denn von Not wäre.

Den Gruß der Wandernden und Reisenden erbietend, war der, schon von weitem erkannte Baderwagen auf die Gruppe zugereist, die den Schatten einiger Eichen nutzte, um ein wenig Rast während der Mittagsstunden zu finden, und so wurde er erwidert, und aus der nähe betrachtet, war es eine gar, des Merkens würdige Gruppierung, auf die er dort gestoßen war:

In speckige Lederkleider gewandete, schien der Staub von tausend Jahren an ihnen zu haften, doch Jung waren sie, kaum viel älter als er selbst, ungepflegt und doch höflich in ihrem Auftreten, stellte sich die Gruppe ihm vor, als er ein Fässchen mit Wasser als Gastgeschenk am Lager dieser Gruppe erbrachte. Mächte Speere führten sie, wie Saufedern, mit gemeinen Haken und scharfen Spitzen sahen sie aus, als suchten sie die legendären Olifanten zu bejagen, wenn man die, einer Festungsarmbrust ähnelnde Waffe betrachtete, die der einäugige am Baum gelehnt zu pflegen schien, und so kamen sie in das Gespräch, während ein Fallensteller - und sie führten Fallen mit sich, die
beinahe eines Drachens würdig gewesen wären, was sonderliche Stille unter den Männern aufkommen lies - einige gefangene Echsen zum Abendmahl präparierte, wurde er sich mehr und mehr bewusst, das das Leder in das sie sich wandten kaum normales sein konnte, erkannte er erst im späteren, tieferen Sonnenstand den matten Glanz und die Schuppenhafte Struktur der Lagen, aus denen ihre Kleider gefertigt waren, doch für nun wollte er noch schweigen, undankbarer ist der, der zu viele Fragen stellt, hatte man ihn gelehrt, und so wollte er diese Frage einen anderen Tag stellen.

Sie verbrachten den Abend gemeinsam am Feuer und labten sich bei Echsenfleisch, einem guten Schuss Bader-Rum und frischem Brot, die Rast von den Strapazen des Tages zu genießen, und nutzte die Zeit, sich gegenseitig über Ereignisse zu informieren, wie es unter den Wandernden Ständen üblich war, und Abenteurer zählten nun mal zu jenen. Eine Schnapslaune musste es sein, die seine zügellose Zunge dazu brachte, die Worte zu formen, die er sprechen wollte, doch kaum hatte er seine Echse verspeist, glitt keck die Frage danach, ob dies die einzigen Echsen wären, die sie bejagen würden, doch zu seinem Verwundern trat keine abermalige Stille ein, mehr doch, rief der Anführer dieser Bunten Gruppe, halb lachend heraus, wohl angetan von der Komposition seiner Rumsorte, das es auch die Großen Echsen wären, die man hier suche, und ob er den Güldenen Schimmer
am Himmel beachtet hätte, und vielerlei mehr, ging es darauf hinüber, das ein jeder dieser wackeren Jäger ihre Narben und Erfolge präsentierten, die ihnen sonst wohl kaum Ruhm
einzubringen schienen.

Es stellte sich also heraus, das der gute Merewyn an eine Gruppe Drachenjäger geraten war, die ihn über den ganzen Abend bis in die ganze Nacht damit beschäftigten, die Grundlagen der Drachenjagd, deren Erläuterungen es ihm sehr deutlich vor Augen führte, weshalb es so wenige gealterte Drachenjäger gab, die ihr Wissen weitergeben konnten – Sie wurden in den meisten Fällen schlicht und ergreifend nicht alt genug um ihr Wissen zu vererben, doch auf eine gewisse Weise fand der asketische Badergeselle den Gedanken, diese Gruppe zu begleiten und ein Abenteuer zu erleben, das ihn doch noch aus seinem eher eintönigen Alltag reißen würde, sehr, um nicht zu sagen unwiderstehlich, attraktiv und so waren es schnelle Worte, die gewechselt wurden, und ein kurzes Nicken zwischen den Jägern, die sich umso wohler wussten, wenn sie einen Bader mit sich hätten, der ihre Wunden versorgen und ihre Krankheiten behandeln könnten.

Kapitel 2 – Die Goldjäger

So verging der Abend in Verbrüderung mit Speis’ und Trank unter, und es war bereits im Begriff Mittag zu werden, als die Gruppe bereit war, weiter zu ziehen, auch wenn sie die Dinge nun etwas gemächlicher angehen lassen würden, zehrten sie doch noch von den Erlebnissen des letzten Abends.

Sie konnten dem Weg noch einige Tage weiter folgen, ehe sie den Rand der Pfannenartigen Ebene erreichten, die sie in vielen Tagen durchschritten hatten und langsam das Land um sie herum begann, hügeliger zu werden, als ihre Waldläuferähnlichen Beobachter, die stets einen, wenn nicht zwei Stunden vor ihnen Schritten, sich mit dem hellen, beinahe absurd klingenden Ton ihrer Hörner bemerkbar machten, als der Weg der Zeichen, die der Drache hinterließ, von dem Wegelauf des Pfades abließ und sie sich durch das unangenehmer werdende Gelände schlängeln mussten, so das sie schon früh überein kamen, ein festes Lager aufzuschlagen, und dort den Esel und den Wagen, der mittlerweile auch die Ausrüstung der Jäger trug, zurück zu lassen.

In kleinen Gruppen, die sich um die erfahrenen Späher sammelten, stießen sie weiter in das Gelände vor, das sich in seiner Art der bewachsenen Hügellandschaft nicht ganz einfach zeigte und folgten den Spuren des Drachens:

Hier und dort umgeknickte Baumkronen, niedergedrücktes Gras an einer Bachfurt und gerissenes Getier des Waldes waren seine Zeichen, und die freudige Ruhe der Jagenden schlug langsam um in ein Jagdfieber, das sie töricht hatte werden ließen, ein jeder, auch Merewyn, hatte der Goldrausch erfasst, das sie es wagten sich offener auf dem Gelände zu bewegen, doch blieb ihre Suche für einen weiteren Tag erfolglos.

Man lagerte wieder, und beriet, doch waren sich die Späher sicher, hier, und nirgendwo anders musste der Hort des Drachen sein, zu frisch die Spuren, zu ideal die topographischen Eigenheiten der Region, das er nicht anderenorts zu finden sei, und mit der frische des morgens wagten die Jäger einen weiteren Zug, endlich des Verstecks des Drachen, den die Jäger ehrfürchtig „Goldschuppe“ nannten, zu finden und sich seiner Habhaft zu werden, in den Augen die Sucht nach Ruhm und Reichtum tragend, die der Drache versprach zu bieten, sollten sie ihn erlegen, sollten sie ihn bezwingen, ungeachtet der tödlichen Gefahren, die sie von diesem Augenblick trennten.

So zogen sie abermals aus, und Merewyn zog mit ihnen, über Stunden führten die drei Späher drei kleine Grüppchen durch die bewaldete Natur und das Gebiet um sie nahm an Schärfe und Gefahr an, steiler waren die Klippen nun, die sich in schmale Täler stürzten, weniger weit wurde der Blick möglich, als der Bewuchs dichter wurde, doch fanden sie die Spur, und der Späher, mit dem Merewyn zog, begann Lauf aufzunehmen, ebenso wie seine Gefährten, ungeachtet des ungeübten und des Laufes nicht gewohnten Baderchirurgen, der schon rasch an Abstand zu den anderen gewann, und den Anschluss an sie beinahe verlor, bis er einen Fuß an die falsche stelle setzte, und sich überwarf, nicht in der Lage, sich zu fangen und an einer eher weniger steilen Niederung herunterstürzte, dabei in rollender Weise über Stock und Stein – wie durch ein Wunder – nicht gegen einen der Bäume und Felsen hie prallend, in das Tal abzustürzen.

Kapitel 3 – Die Goldhöhle


Ächzend und stöhnend rappelte sich Merewyn auf, und prüfte die Kratzer und Prellungen die seine unfreiwillige Abfahrt ihm beschert hatte, ehe er seine Kleider zurecht rückte und er seine Waffe, eine Drachenfeder, wie die Jäger sie riefen, wieder an sich nahm, im Instinkt diese von sich gestoßen, als er fiel und fand, das es an der Rechten wäre, nun nach Hilfe zu rufen, doch blieben alle Rufe ungehört, als wenn die Felswände und ihr Bewuchs allen Klang zu verschlingen schienen, war es, und er schritt weiter, in der Hoffnung einen besseren Aufgang zu finden, als jene, die sich ihm hier boten.

Es vergingen einige Stunden, und schon begann die Sonne, nicht mehr in die zu einem kleinen Tal geöffnete Felsspalte zu fallen, und Dunkelheit begann ihn zu umringen, doch genug, um den Weg weiter zu beschreiten, den er aus der Not heraus geschlagen hatte. Er wusste nicht mehr, wie lange er nun schon durch dieses steinerne Gefängnis wandelte, doch als die Dunkelheit drohte, sich schlussendlich über ihm zu verschließen, und der Blaue Tageshimmel sich langsam in das nächtliche Schwarz verfärbte, sah er sich bereits in der Talschaft rastend, ja währe er nicht in jenem verzweifelten Augenblick auf das dunkle Loch gestoßen, beinahe einem in den Fels getriebenen Stollen gleichenden Weg, der sich dunkler, als die Umgebung ihm offenbarte.

Die Möglichkeit einer überdachten Rast ließ ihn, von Erschöpfung, Schmerz und der aufkommenden Kälte der Nacht getrieben, einen verzweifelten Griff an seine Hüfte machen, in der Hoffnung, doch nicht alle Phiolen an seinem Gurt seinen zerschellt, so Prüfte er die Täschen an seinem Gurt, und mit Schicksals Fügung fand er eine, die nicht zerbrochen war, und deren Inhalt er als Bader nur zu gut kannte, sich selbst zu einem kleinen Jubelschrei bewegend, den er mit der eigenen, freien Hand zu unterdrücken suchte, ehe er den Inhalt mit geschlossenen Augen seinen Rachen hinabschüttete, und sich die Welt, wie er sie gewöhnlich sah, beim Öffnen seiner Augenlider in einem anderen Bild zeichnete:

Grau in Grau wirkte die Welt nun, doch sah er, weiter als ein Mensch sehen sollte, doch die Wirkung der Kräuter in seinem Leib taten das ihre, jene Fähigkeiten zutage zu bringen, die der Leib beherrschte, doch nur wenige Legendäre Figuren imstande waren zu nutzen, seine Blicke schnitten also die Nacht, und zielstrebig, die Drachenfeder vor sich führend auf der Hut vor Wildem Getier, schritt er in die Höhle, deren Struktur sich ihm langsam offenbarte.

Doch etwas mehr musste es gewesen sein, das ihn ablenkte, war dies der Duft von Getier, den er vernahm? Er wusste es nicht zu deuten, doch seine Neugier trieb ihn weiter, und als er schon viele Schritte um eine Biegung getan hatte, wurde er sich bewusst, welch Tor er war, den Drachen und die Geschichten um ihn vergessen zu haben, doch war es dieser Moment, während dem seine Füße ihn wie in Trance weiter trugen bereits einer, aus dem er nicht mehr zu entfliehen vermochte, als er sich des Lösens der Wand von seiner Seite klar wurde, und feststellte, das er in eine weite, unterirdische Halle getreten war, die von sumpfartigen Feuern beleuchtet wurde, und in einer Weise Taghell erschien, strahlte das Licht doch gegen…War es das wirklich was er dachte?

Nicht in der Lage einen Schritt zu tun, war es ein aufkeuchen, das seine Kehle vor Schreck ausstieß, als ihn die Drachenangst lähmte, und er den rastenden Drachen zwischen den Güldenen Bergen, die sich an den Seiten der Felswand türmten, und sein Laut hatte den Bewohner dieser gar Reichen Halle dazu veranlasst, abrupt sein Haupt zu heben und einen Blick zu werfen, dahin, woher die Quelle der Unrast kam. Sich streckend und die Flügel bis zur Decke der Halle aufschlagend – er war unfähig, die Maße der Halle auch nur im geringsten zu bestimmen – brüllte der Drache auf, in einer Weise, von der er niemals zuvor und niemals danach einen Laut eines lebenden Wesens erleben sollte, doch Merewyn war gebannt und konnte nicht anders, als gegen seinen eigenen Willen auf den Drachen zuschreiten, statt, wie sein Geist es ihm Befahl, und mit ihm alle Dinge die das Überleben seines Wesens sicherten.

Magie! Schoss es ihm durch den Kopf, doch weiter musste er gehorchen und so trat er auf die Fläche vor den majestätischen Drachen, der im Lichte wie aus tausend Lichtern beleuchtet schien, und richtete sein Augenmerk auf den herabblickenden Drachenkopf, der nur allzu lebendig erschien, mit seinem Leben bereits abschließend.

Kapitel 4 – Das goldene Rätsel

Doch nicht der Tod durch den Odem der Drachen kam, weder wurde er gefressen noch würde eine Pranke ihn nun entzwei schlagen, nein, er vernahm den Luftzug des Drachen und als jener endete, erbebte eine Stimme, die uralt und weise in seinem Klang die Halle nicht nur akustisch zu erfüllen schien:

„Wagst du es, Mensch, Hytholoth den Goldenen zu stören?“

Doch Unfähig er Antwort erstarrte der junge Bader, statt einer Antwort zu geben, von der er Spürte, das sie bereits von dem Drachen selbst gesucht, und auch gefunden wurde, ehe ein höhnisches Lachen erklang, und die Stimme aus dem Korpus des Drachens abermals erklang:

“Dafür bist du gekommen, Merewyn Isadril, der Badersohn? Törichter Wicht, mit diesem Sinnen in meinen Hort zu treten, ungebetener Gast und ein Mörder dazu will
er sein?“
,

führte der Drache sein Selbstgespräch weiter, in der Menschlichen Hochsprache sprechend, obwohl es auch Elfisch hätte sein können, er würde es nicht zu unterscheiden wissen, denn Macht und Klang der Stimme waren derart gewaltig in ihrer puren Existenz, das der Sinn der Worte nicht verloren gehen würde, gleich welcher Sprache sich der Goldene Drache bedienen würde.

“Lange schon hat Hytholoth nicht gesprochen, lange vergangen sind die Menschen,
die ihn aufsuchten, in Zeiten, die anders sind als die heurigen, will ich meinen, und nun
trittst du Menschlein heran dich mit mir zu messen, mir meine Schätze zu rauben?“


Und es erschien Merewyn als würde der Drache ihn tatsächlich auslachen, während eben er selbst sich der Situation begann bewusst zu werden, und nicht mehr vollkommen unterscheiden konnte ob ihn der Bann des Drachens hielt, oder ob seine eigene Furcht ihn an den Ort fesselte, doch kurz darauf ließ der Drache wieder verlauten:

„Keine Gefahr bist du, solltest dort sein, wo dein Platz ist, Bader, und nicht darum suchen, einen Drachen wie mich zu suchen und zu finden, wenn du keine Waffe besitzt, mich zu fechten, drum hör', junges Zweibein, und sei gescheit!"[/b]

Sprach der glänzende Drache mit einer Stimme, die selbst den Stein der Gebirgswand erzittern ließ,

"Mit steht der Sinn nicht nach Tod in meinem Hort, und will dich gehen lassen“,

fuhr dieser fort und zischelte dabei, dass es für das menschliche Ohr verhöhnend klang.

"Doch zuerst will ich dir ein Rätsel stellen, eh du mein Haus verlässt ; Will dir das Haupt mit Gold überschütten, löst du's und noch deiner Söhne Kinder und ihrer Kindeskinder sollen davon zehren, bis der Welten Ende, doch hör' junger Bader, will dir die rechten Antwort nicht einfallen, so bleibst du hier und wachst mit mir....",

dröhnte die Stimme und klang aus, dabei ein hämisches spitzen der Nüstern des Lindwurms formend, wurde sich der Bader bewusst, das die güldenen Statuen, die sich in diesem Hort fanden gar zu gut waren, um aus Menschenhand erschaffen zu sein, und ein eiskalter Schauer jagte seinen Rücken hinab, während der Drache bereits wieder schwermütig Luft einzog um fort zu fahren:

"Er, der es macht, der will es nicht.
Er, der es trägt, der behält es nicht.
Er, der es kauft, der braucht es nicht.
Er, der es braucht, der weiß es nicht.

Das ist das Rätsel von Hytholoth, dem Goldenen, denke und sprich Weis', junger Bader"


Und die Worte des Drachen, der seine frage zu Ende gestellt hatte, hallten noch ein, zwei mal an den Wänden des Hortes, ehe sie verklangen, und mit ihnen wich langsam die Farbe aus dem Jungen, der bereits vergessen hatte, zu schlottern, und stattdessen alleine zum Antlitz des Drachen hinauf starrte, in den grünen Augen die Helle Panik geschrieben, doch sollte dieser Moment nur einen kurzen Augenblick währen, nahm der Gefangene Rater einen Platz auf einem Stein, das Gewand ein wenig gelupft, ein, und stützte sein Haupt auf die Hand, die Stirn in Falten geschlagen.

Die Zeit schritt voran, doch der Güldene Lindwurm allein legte sich nieder, sein Haupt geduldsam abwartend, wie er die Äonen zuvor überstanden hatte, so würde er nicht in jenem Moment der Köstlichkeit Ungeduld an sein Vergnügen lassen, und so triumphierte weiter die Stille, die nur vom tiefen Atem des Drachens monoton unterbrochen wurde, während im Haupt des Befragten wahnsinnige Gedankensprünge von sich gingen.

Schon, als der Alte Drache befürchtete, der Mensch sei ihm eingeschlafen und sich das Haupt des Flügelwesens neigte um dem nachzugehen, zuckte der alte zurück als der Mensch aufsprang und in die Hände klatschte, und sich beinahe feixend der Junge der vermeintlichen Lösung erfreute, die er, seinem Verhalten nach zu urteilen dem Drachen wohl jeden Augenblick um die Ohren pfeffern würde.

Und so geschah es, das der Mensch, der vielleicht einen Augenblick des Lebens des Drachen existierte, beinahe wahnsinnig vor Angst und Verzweiflung dem Lindwurm, der seinerseits für eine Flügelechse sehr würdevoll verharrte, mit ausgestrecktem Arm und auf ihn deutenden Finger rief:

„Hier steh’ ich, hier sprech’ ich, also hör, Lindwurm Rätselherr, was ich antworten mag!“

Der Drache senkte in einer nur zu menschlichen Geste sein Haupt, doch schwieg er weiter und ließ den Menschen gewähren, derselbe im Nächsten, beinahe wilden Atemzug zu sprechen sich anschickte fortzusetzen:

„Hättest mich gefoppt, Goldschuppe, währ’ ich ein anderer Gewesen, doch kenn’ ich was du suchst, weiß ich was du sprichst…Aus Holz ist es, was du nennst und doch nicht sagst,
Holz das niemand will, der es bearbeitet, niemand behält der es einmal trägt und der es
braucht obwohl er es kauft und von keinem der braucht, gewusst wird!“


Klang es höhnend aus der Stimme des Jünglings, und ehe er sich versah, führte er fort:

„Den Sarg suchst du, denn keiner will ihn, der ihn macht, und keiner behält, der ihn trägt den keiner braucht der ihn kauft und um dessen Not keiner weiß, der ihn brauch!“

Merewyn verharrte in dieser Pose, doch seine Worte verklangen, und ehe er sich versehen hatte, wusste er nicht, wie er reagieren sollte, als der goldschuppige tief Luft zog, und Merewyn beinahe vor Schreck in eine sichere Deckung vor dem Odem springen wollte, ertönte doch statt des gleißenden Feuers ein erschütterndes, lautes Lachen, das viele male im Hort sich wiederschlug an den felsigen Wänden, und lange, ewig lange anzudauern schien, ehe der Rätselsteller sich wieder fasste und mit amüsierter Stimme zu sprechen begann:

[/b]„Recht hast du gehabt, mein Wesen erfreut, junger Mensch, ein guter Gefährte
warst’, auch wenn du nun scheiden musst. Hast des Hytholoth Rätsel gelöst, und will kein
schlechter sein, du hast mich erfreut und du wirst nicht um mich vergessen, hinfort, kleiner
Menschenwicht, Lebe!“,[/b]

donnerte es in einer Mischung aus Verzückung über die gefundene Unterhaltung und den Ärger über den Verlorenen Wettstreit, doch ehe sich Merewyn versah, fand er sich in einer immer dichter werdenden Staubwolke, die um seinen Leib herum vom gülden schimmernden Boden herauf wie eine Windhose sich um ihn formte, und noch ehe er sich in der Lage sah, zum Protest Zeter und Mordio zu schreien, entsank der Sieger in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Kapitel 5 – Ein güldener Morgen

Er wusste nicht wie ihm, oder was im Grunde geschehen war, doch er tat es als Alptraum bei, als er sich in seinem Strohbett auf der Pritsche seines Wagens reckte, die einzelnen Sonnenstrahlen auf seiner Haut wie einen weckenden Kuss der Natur spürend, aufnahm und sich nur widerwillig aus dem Bett rollte, und noch kein wenig wirklich erwacht, sprang bereits die Hintertür seines Wagens auf, während er sich kaltes Wasser auf sein Antlitz schöpfte, und kampfeswillige Gesichter ihn erblickten, und schon bald erblassten, als sie sahen, das der der Bader, den sie in den Hügeln verloren hatten, zurück war.

„Sprich, Bader, was ist geschehen? Niemand sag dein kommen, schon als Opfer der
Goldschuppe sahen wir dich, einen ganzen Tag und eine Nacht warst du fort, sprich,
Weggefährte!“


Verdutzt wirkte Merewyn als er den ersten Ansatz dazu machte, sich wieder mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen, und schritt, mürrisch murmelnd aus dem Wagen heraus, mit deutlichen Gesten die Gruppe der Abenteurer aus dem Durchgang fortscheuchen, war es ein Moment, den alle beteiligten, die diesen Anblick erlebten, noch bis an ihr Lebensende in Erinnerung behalten sollten, als der junge Merewyn Isadril aus seinem grotesk bunt bemalten Baderwaggon stieg und sein Haupt in den strahlen der Morgensonne schüttelte, und sie alle ein sanfter Schimmer güldenen Staubes umfing, und der erste Lichtstrahl des Morgens das Haar des Baders in strahlendes Gold tauchte.

Stille war da, und nur langsam fanden sie sie wieder, und darum feierten sie den Tag, als Merewyn Goldhaar, wie sie ihn fortan nennen wollten, zu ihnen zurückkehrte mit dem Beweis, Hytholoth Goldschuppe besiegt zu haben, wenn auch auf eine eigentümliche Weise.

Epilog

Nur langsam erwachte auch der kleine Rilas aus der Trance, in die er sich versetzte, wann immer der Alte Großvater die Geschichten und Märchen erzählte, die er in seinem Leben kennen gelernt hatte und so rieb sich der kleine die Augen und zieh lautlos gähnend Luft ein, um seinem Großvater einen verträumten, wohl aber auch erfreuten Blick zu schenken und sprach still:

„Das war eine schöne Geschichte, doch was hast du daraus gelernt, Großvater?“

Klang neugierig und bohrend seine Stimme, während er sich noch etwas ungläubig durch die Haare fuhr und an ihnen zupfte, als still sich der Alte schüttelte und mit einem gutmütigen Blick und warmer Stimme eine passende Antwort auf diese frage seines jungen Enkels hatte:

„Ich habe gelernt, mein lieber Rilas, meinen Kopf zu benutzen, ehe ich das Schwert nehme…
und die Moral von der Geschicht’ ? Traue alten Drachen nicht…“


Und mit diesen Worten lachte der alte abermals auf und erhob sich langsam, den Jungen in seine Arme fassend und ihn an seine Schlafkoje bringend, wo Rilas noch viele Stunden seiner kindlichen Zeit darin schwelgte, über diese Geschichte nachzudenken, während der gealterte Merewyn beinahe ein wenig melancholisch ein abgetragenes Lederband unter dem Leibhemd hervorholte und eine durchbohrte Schuppe goldener Farbe an diesem Band im Schein des Kerzenlichtes hin und her wand und noch einmal leise auflachte, in seiner brummigen Weise, ehe er noch einmal die Stimme von Goldschuppe in seinem Kopf hörte und mit einem Seeligen Lächeln auf dem Sessel am Kamin in den Schlaf sank.

Ende
Zuletzt geändert von Rilas Avaryn am Sonntag 13. Juli 2008, 14:39, insgesamt 1-mal geändert.
Rilas Avaryn

Beitrag von Rilas Avaryn »

Aus der Zeit der Grenzkriege in Nharam, im Jahre 250

Die Sonne brannte auf die weißen Linnen der Zeltdecke und die Baderjungen rollten die Zeltwände hinauf, um den Genesenden Erleichterung zu schaffen, die hier auf sackähnlichen Strohbetten ruhten, die mit sauberen Leinenlaken bedeckt waren.

“Der Herr Rilas achtet sehr darauf“, war oft das, was man von den Badergehilfen und –söhnen zu hören bekamen, die ihren Frondienst unter seiner Aufsicht verrichteten, wohlwahr, der junge Arzt ließ es nicht darauf ankommen, Krankheiten und Unreinheit in seinem Lazarett eine Grundlage zu geben, und so hörte man durch die Zeltwände auf der Schattenseite einiger alter Eichen das ächzen anderer Gehilfen und das klingen von Grabwerkzeugen, die sich einen Weg in das Erdreich bahnten, nicht zu tief, doch tief genug um die Feuer, die darin geschürt würden, vor er Sicht der Späher zu verdecken, die man hier vermutete.

Es würde jede sechste Stunde die Laken gewechselt, in kochendem Wasser gereinigt und zum trocknen an die Windabgewandte Seite des Lagers gehangen, jeden Tag sollte das Stroh der Betten getauscht sein, und alleine für die persönliche Reinheit seiner Patienten ließ der Jungarzt sieben Badergehilfen kommen, die diese aufrecht erhalten sollten.

Doch Ruhe kehrte in den letzten Wochen ein, und ließen ihn eben solche, genau bedachten Winkelzüge machen, von denen er selbst wüsste, das, wenn die Hölle an den Grenzen wieder ausbräche, nicht in dieser Form zu halten wäre, doch erhoffte er sich darin, das seine Weisungen in die Vorgehensweise seiner Bediensteten übergehen würden, zu denen er selbst noch vor wenigen Jahren gehört hatte, als der Kruste des Friedens aufbrach und die Höllenhunde des Krieges entfesselten.

Das alles waren Gedanken, die er oft in seinem persönlichen Zelt hegte und überdachte, wenn er gedankenverloren getrocknete und frische Kräuter in den aus Messing gefertigten zerstieß und gewissenhaft das Ergebnis des Auskochens der Schweineschwarten begutachtete, aus denen er die Grundlage für seine Salben zog, sie mit ätherischen Essenzen und Kräuterstaub vermengte um die Heilung der grässlichen Wunden, die die Kämpfer sich zufügten, anregen zu können.

Er hatte viel gelernt, und vieles in sein Wesen übernommen, was der Meister ihn schalt: „Achte auf deinen Geruchssinn, lass dein Auge nicht täuschen, und koche alles, was einmal auf einer Wunde lag“, das waren die Grundsätze, die er zuerst verinnerlichte, die er zuerst erlernte und anwandte. Er vergaß die Schläge nicht, nicht die Wörtlichen und nicht die der Hand seines Herren, sie hatten ihn hart gemacht gegen den Wahnsinn, den er in den letzten Jahren sehen musste, an Orten, die selbst gestandenen Metzgermeistern die Luft nehmen würden, hatte er die vielzähligen Epidemien überstanden, ja war kaum von ihnen betroffen, vom Brechdurchfall bis zur Beulenkrankheit, einer leichten form der Pestilenz, wie ihm sein Meister erklärte.

Doch nun war er hier, und die Tage vergingen, seine genesenden Patienten kamen und gingen, und erstaunlich wenige Todesfälle hatte es in den vergangenen Wochen gegeben, als ein Bote die unheilvolle Kunde brachte, der Sohn des Herzogs und seine Hauskarls sei während eines Wachritts durch die Grenzmark von einer Gruppe feindlicher Späher in einen Hinterhalt gelockt worden, es würde schlecht um den jungen Adeligen stehen.

„Heilige Mutter aller beseelten Dinge….wieso ich, wieso jetzt…“, waren die ersten Gedanken, die zwischen dem ersten und zweiten Augenblick durch seinen Geist rasten, ehe er, eines Infanteriehauptmannes würdig, begann die Herbeigescharten Gehilfen mit Aufgaben zu betrauen.

Verbände, Instrumente, das Operationstuch nicht zu vergessen, einer Gabe seiner Fakultät bei der Gradierung zum Medikus Minor vor etwa einem halben Jahreslauf, das in ziervollen Stickereien Segenssprüche und heilige Insignien der Erdenmutter zeigten, erinnerte ihn dies daran, den Geistlichen zu rufen, in solchen Dingen konnte man nur auf jede Erdenkliche Hilfe bauen, und er würde diese bitter nötig haben.

Kaum einen Stundenlauf darauf, inmitten der Vorbereitungen, traf der Konvoi der schwer gerüsteten Hauskarls ein, an ihrer Seite den jungen, bereits in Ohnmacht gefallenen Herzogssohn bringend, der noch von weitem eine gewisse Majestät besaß, trotz seiner Umstände und doch bei der Annäherung zu einem elendigen Anblick aus Schmutz, Blut, Erbrochenem und unergründlichen Resten anderer Dinge an seinen Gewändern nur an der Machart dieser seines Standes kundig werden konnte, und scharf zog Rilas’ die Luft zwischen den Zähnen ein, als er auch den Grund für die Eile, den Grund für gerade diesen Ort: inmitten des Jungen Antlitzes trug der Sohn seines Landherren einen, vorsorglich abgeschnittenen Pfeilschaft zwischen dem Linken Auge und dem Nasenbein, das man auf den ersten Blick vermuten mochte, seine herzogliche Hoheit hätte den letzten gang durch diesen Meisterschuss bereits hinter sich gebracht, doch bezeugten seine Wachleute, das er noch am Leben war, wenn auch die schwärzliche Verfärbung herum um die Eintrittswunde sich nach und nach entlang der Haut und ihrer Adern schwärzlich zu Verfärben begann, so war es Gift, das wusste ein jeder, der zumindest auf einem Auge ungetrübt sehen mochte, und es war wahre Eile geboten.

Seine Hochedle Herrschaft wurde sodann auf den Operationstisch gewuchtet, mithilfe seiner Hauskrieger, die auch nach wiederholter Aufforderung das Zelt nicht verlassen wollten, und so wurde er sich bewusst, welche Verantwortung, und vor allem welche Konsequenz darin lag, würde er hier und heuer versagen.

Ein stilles Stossgebet an die Erdenmutter richtend, begann er also, die drei ältesten Gehilfen zu sich zu rufen, und als auch der druidenähnliche Geistliche, von dem niemand wahrlich wusste, woher er kam, und wieso er am Orte war, sein Einverständnis gab, begannen die Vorbereitungen, der Kampf um das Leben des Adeligen hatte begonnen.

Sorgsam legte er das heilige Tuch bereit, eine der wenigen, beinahe uniformen Insignien ihres Handwerkes, als er den gealterten Badergesellen mit einem ruhigen, bedachten Ton dazu aufforderte, das Haupt des Herzogssohn zu fixieren und wies einen anderen in derselben Tonlage an: „Bereitet das Äthericum purum vor, und reinigt hiermit sein Antlitz“.

Doch die Ruhe in seiner Stimme verriet nicht, dass sie ihre Quelle nicht aus Hoffnung oder Mut bezog, sondern daraus, das Furcht und Ratlosigkeit ihn lähmten, und das ihm diese Vorbereitenden Maßnahmen eine letzte Gnadenfrist geben würden, sich darüber Gedanken zu machen, welche der vielzähligen Methoden ihn sein Herr gelehrt hatte, und welche dieser sich auch nur im Entferntesten für diesen Fall nutzen ließ.

Der Gehilfe meldete ihm die vollendete Reinigung des Antlitzes, und Rilas merkte nur einen Schatten aus dem Zelt huschen, ein jüngerer Gehilfe, denn er verachtete es, eine unordentliche Behandlung zu führen, doch nun war seine Zeit dabei, abzulaufen, und auch jene des Adeligen schien nicht mehr fern, und so trat er an den Tisch, selbst seine Hände und sein Antlitz mit dem hochbrennbaren Äther zu benetzen und die Wunde selbst, die ein groteskes Loch, gestopft von Spitze und Schaft des Pfeils, zwischen der Augenhöhle und dem Nasenbein des jungen Mannes regelrecht stanzte.

Er begann leise zu reden, mehr um selbst zu stärken, wäre seine Stimme über den klingenden Singsang des Geweihten nicht sonderlich vernehmen zu wesen, begann er die Situation auseinander zunehmen:

Er hatte schon viele, unangenehme Pfeilwunden behandeln müssen, doch anders als die Spitzen, die man zur Jagd nutzte, fielen die Spitzen der Schützen eher massiv aus, ohne Widerhaken, die an den Kettenhemden der Krieger ohnehin nur zerschellen würden, meist in Pyramidenform, um die Ringe der Kettenhemden zu sprengen und den Weg an die weiche Leibesmasse unter dem ehernen Harnisch freigebend.

Er betrachtete das nunmehr schwärzliche, ergussartige Eintrittsloch am Schädel seines Patienten, und in diesem Moment waren die Regeln der Gesellschaft ohne Wirkung und auch ein König nur ein Patient, und schlussfolgerte daraus, das es sich um eine solche Spitze handeln musste, die wohl auch den Helm des Kämpfers durchschlagen, oder aber durch den Sehschlitz des Helmes getroffen haben musste, ein Unterfangen mit grotesk niedriger Erfolgschance, wie er sich hatte sagen lassen.

Er stand vor dem Problem nun, überhaupt festzustellen, wie lang der Schaft des Pfeils wahrlich war, und befrugt dazu die Leibwächter, die nur grobe Deutungen imstande waren, wohl aber grimm ihren Herrn bewachten, was ihn abermals ermahnte, nicht nur sauber, sondern auch so schnell zu behandeln, das sein Patient die Operation auch lebendig überstand.

„Lancettus, maximo, setzt einen Stich in die Linke Vene am Handgelenk, lasst für einen lauf fließen“, orderte er an, in seinen Gedanken abermals ein Stossgebet entsendend, bereitete der Gehilfe den Aderlass vor und eine Niederenschale aus Hornartigem Stoff wurde unter bereitet, das Blut zu Sichtung aufzufangen.

Den Duft, die Konsistenz und den Geschmack dieses prüfend, nickte er selbstsicher einige Male, ehe er einen weiteren Gehilfen entsandt „Einen Fingerhut Calendula in Aqua“, eine Heilpflanze, die sich in weiten Teilen der angehörigen der Fakultät großer Beliebtheit erfreute. Er würde dem Jungen Hochadeligen eben diese bei der Besichtigung des Mundraumes, einen Durchschlag des Pfeils in die Mundhöhle ausschließend, zwischen Zahnfleisch und Lippen legen, es würde ihnen etwas Zeit verschaffen, Zeit, die sie bitter nötig hatten.

Gesagt, so getan, folgte ein Inbrünstiger Wunsch, laut, wie der Geweihte, zu beten, doch er nötigte all seine Konzentration auf die Operation, die er nun anberaumte, und wies seinen Gehilfen an: „Pincetta Medium“, und erhielt damit eine mittelgroße Zange, und erreichte somit den Kritischen Zenit seiner Behandlung.

Doch noch ehe er diese Ansetzte, legte er sie in die Schale zur Bereitstellung und wieso noch einmal, diesmal die beiden anderen „Zweimal Intestinium Felis und Scalpellum Minima, sofort!“, in einem Tonfall, der nur Gehorsam als Folge haben konnte. Nur wenige Augenblicke später erhielt er ein Skalpell und zwei Katzendärme, deren Enden man verödete um sie als Schläuche für allerhand zu nutzen, in den Lazaretten oftmals um das Blut abzuschnüren, zeichneten sich die Katzendärme vor allem durch ihre Dehnbarkeit und doch beinahe minimale Erscheinungsweise im ungedehnten Zustand aus und der Ritt zum Erfolg oder auf dem direkten Wege in die Hölle begann nun, als er das Skalpell in die eine Hand, seine Rechte nahm, und zu einem feinen Schnitt ansetzte.

Der Sohn des Herzogs, betäubt von den Dämpfen des Äthers, spürte von alledem nichts, doch wusste Rilas, das es keinen Sinn hätte, den Pfeil stumpf herauszuziehen und dabei vielleicht das Leben des Adeligen zu retten, doch das eigene zu verlieren, war doch Verkrüppelung das einzige Schicksal das noch schwerer als Versagen wiegte, für den Patienten wie für den Arzt.

„Vaselinum“ sprach er, und tupfte die nur mäßigen Blutvorkommen in der angeschnittenen Region , vom Krater des Schaftes aus, ab, das Gewebe war im Begriff zu sterben, heilige Erdenmutter! Und so vertiefte er den Schnitt und zog ihn langsam etwas weiter, wobei hierin kaum von Strecken der Größe eines kleinen Fingernagels die Sprache ist, gen des Auges und setzte das Skalpell ab, den Gehilfen weisend, den Schnitt abzutupfen, präparierte er den Katzendarm mit Vaseline und schlang die verödete, verschlossene Seite um das Stumpfe, filigrane ende seines Skalpells und beugte sich wieder über seinen Patienten, das zu wagen, was er unter anderen Umständen niemals getraut hätte:

Kaum ein Zittern ging durch seine Hände, als er langsam mit dem Ende des Skalpells den Katzendarm in die frische, offene Kaverne des Schnittes einführte und dann mit einer Entgegengesetzten Drehung das Skalpell wieder aus der Wunde führte, den Darm aber einen Daumennagel tief in der Wunde versenkte, ehe er sich zurücklehnte und tief durchatmete, daraufhin langsam mit neuem, beruhigtem Atem mit de Vorsicht einer Mutter, die um ihre Kinder sorgt, als wären sie gläsern und zerbrechlich, den Darm aufzublähen, und so einen Puffer zwischen der Spitze und dem Schaft und der Augenhöhle des Adeligen zu schaffen, und erst nun, da er dieses vollzog, wagte er es erst wieder eine Zange zu nutzen und die Pfeilreste aus der Wunde zu entfernen, worauf ein dunkler Blutschwall folgte, der sich aus dem Loch ergoss, doch schon rasch gestillt wurde, durch die Hilfe seiner Badergesellen.

„Antidoticum, zwei Ampullae“, waren die letzten Worte, an sie sich Rilas erinnerte.

Ende
Zuletzt geändert von Rilas Avaryn am Sonntag 13. Juli 2008, 14:42, insgesamt 1-mal geändert.
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