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Milya-Renyla Menuette

Beitrag von Milya-Renyla Menuette »

Hätte mich dieser ältere Fischer auf seinem winzigen Boot nicht mit hinaus genommen, würde ich nun niemals an diesem sagenhaften Ort stehen. Eine kleine Sandbank mitten im Meer, umspült von seichten Wellen und umgeben von verschiedenen, schillernden Fischen. Meine nackten Zehen gruben sich wie selbstverständlich in den feuchten Sand und sogleich umgab sie eine angenehme Kühle. Eine halbe Stunde würde ich hier stehen können, die Ruhe genießen und hätte vermutlich genug Zeit die letzten Erlebnisse Revue passieren zu lassen. Erst dann würde der Herr wiederkommen um mich zurück auf das Festland zu nehmen und vor den am Abend zunehmenden Wellen schützen. Selbst jetzt spürte ich die salzige Gischt auf den bloßen Armen, feurig brannten meine Auge und es kostete mich jede Menge Überwindung nicht bei jedem weiteren Windstoß zu blinzeln. Doch mein Wille war es jeden noch so kleinen, möglicherweise unbedeutenden Eindruck in mir aufzunehmen, zu speichern und immer wieder in Erinnerung zu rufen. So machte das Gedächtnis es doch mit schönen Erfahrungen, nicht wahr? Unschöne Erlebnisse werden verdrängt und kommen nur selten zum Vorschein, während all' die nennenswerten Dinge im Leben wieder und wieder aufgerufen werden, bewusst wie auch unbewusst. So war es der unbewusste Gedankengang, der sich langsam in mein Gedächtnis schlich: Der Mann, der meine Neugierde weckte.

Lange hatte ich ihn nicht mehr gesehen, vermutlich auch bewusst umgangen. Ich vermied es all' die Orte aufzusuchen, an denen das Schicksal es damals stets gut mit uns meinte. Orte an denen ich so viel erfuhr, dass ich ein ganzes Buch mit Impressionen hätte füllen können. Seite für Seite mehr Auffälligkeiten an diesem Mann, mehr Wesenszüge und Eigenarten. Doch mir fiel mehr und mehr auf, dass die einstige Faszination wich. Begann es doch schon bei dem mir unerklärlichen Verhalten seiner Freundin Frau Green. Eifersucht, der Grund mir weiterhin verschlossen. Die Treffen verminderten sich und auch sein Interesse an meiner Person schien nachzulassen. Ja, möglicherweise wurde er sogar von dieser Frau aus dem Hintergrund heraus beeinflusst. Mir ist es gleich, doch sollte sich mir der Mythos um das Abebben der Faszination bald eröffnen. Bald.

Ein kleiner roter Krebs grub sich vor meinen Zehen in den beinahe weißen Sand, der nur doch einige Spritzer des Meeres dunkel gefärbt wurde. Die Fühler schwankten aufgeregt von einer zur anderen Seite, während die kleinen Beinchen eilig den Sand bei Seite schaufelten. Ein Versteck, oder lediglich ein Ort der Geborgenheit spendet? Was er wohl durch diese Grube bezwecken wollte?

Jasmin hatte den Disput zwischen Therben und mir teilweise mitbekommen. Tatsächlich ging einmal mehr mein Gemüt mit mir durch und spielte mir einen Streich. Ich warf ihm alles an den Kopf was sich mir in den letzten Tagen ohne seine Gegenwart nicht eröffnen wollte. Wieso log er? Wieso hatte er sich so verhalten, obwohl er bereits diese Frau an seiner Seite wusste? Und wieso begann er mich zu meiden und wie eine Unbekannte zu behandeln? Ich warf ihm alles entgegen, ohne eine konkrete Erklärung abzuliefern. Bereits als er sich in die Kutsche wendete, begann es mir Leid zu tun. Es war nicht meine Art, doch war es seine? Ich weiß nicht was Jasmin mitbekommen hatte, hatte ich mich doch noch so sehr unter Kontrolle, dass ich die ein oder andere Anklage leise von mir geben konnte. In der Öffentlichkeit an den Pranger stellen wollte ich ihn nicht, nicht Therben. Oder hatte er es durch sein Spielchen verdient?

Die rötliche Sonne verschmolz langsam mit dem 'Rand' des Meeres am Horizont und sie bildeten eine schier unzertrennbare Linie, die all' den Lebewesen auf dieser Erde eine Grenze aufweisen wollte. Bis hierhin und nicht weiter. Warum drängte sich gerade dieser Gedanke in meinen Sinn, wenn ich an Therben dachte? Er hatte meine Neugierde nicht mehr verdient, noch weniger wollte ich Frau Green noch weiter verärgern. Mit oder ohne Grund, ohne des Rätsels Lösung um diese Verhaltensweisen, konnte ich wenig machen. Genauso wenig konnte ich die neugierigen, beinahe lästigen Fragen von Jasmin nicht beantworten. Wie auch? Ich wusste es doch selber nicht. Ich schenkte ihm meine Zeit, meine Neugierde, meine Aufmerksamkeit, meine Faszination und schließlich auch noch ein Gedicht. Eine Floskel der Höflichkeit oder mehr? Wenn es mehr wäre, was wäre 'mehr'? Fragen über Fragen die sich mir niemals erschließen würden. Nicht am Beispiel von Therben, nicht mit seiner Hilfe.

Bereits jetzt sah ich in der Ferne auf dem sich spiegelnden Meer das Fischerboot. Eine kleine Gestalt saß in der Mitte und mühte sich deutlich mit den Paddeln ab. Die Zeit rieselte wie Sand zwischen meinen Fingern hindurch, nur um sich vor meinen Füßen zu sammeln. Wüssten die Menschen die Zeit zu schätzen? Zeit, die dargereicht vor ihren Füßen lag und nur darauf wartete genutzt zu werden um ein weiteres Schloß aus Sand zu erbauen? Man würde sehen was sowohl Jasmin, als auch Therben samt seiner Freundin mit dieser Zeit machen würden. Ob er sich meldet oder nicht? Vielleicht würde der Krebs in seinem Loch die Antwort wissen.
Therben Masard

Beitrag von Therben Masard »

Ich stürzte mich in Arbeit. Sie wollte für einige Tage fort, mich oder auch uns beide auf die Probe stellen. Würde sie mir fehlen? Eine Frage, die mir unsinnig und überflüssig vorkam. Glaubte sie wirklich, wenn wir einige Zeit getrennt wären, würde das Gefühl weniger? Das Begehren schwächer? Die Entscheidung ins Wanken geraten?
Jetzt, nachdem die Schlacht mit Fräulein Myriel geschlagen war? Zugegeben, Fräulein Myriel war mir wohlwollend entgegen getreten. Kein Blick der Mißbilligung ob meines Ansinnens, aber sie hatte deutlich gezeigt, dass ihr Fräulein Ellinore lieb und teuer war. Sie war eine gerissene junge Person, wußte mich zu beschäftigen, gleichzeitig das Auskommen, bei einem frühen Ableben meinerseits, für Fräulein Ellinore zu sichern.
Mondumläufe werden wohl vergehen, bis ich ihre Forderungen erfüllt haben werde, aber ich will nicht klagen, alles hat seinen Preis.


Haben auch Wegbegleiter ihren Preis? Oder würden sie selbst zahlen müssen? Vielleicht kommt es darauf an, wer wen begleitet und wer wen führt. Im Moment sah es so aus, als würde sich das junge Mädchen führen lassen. In eine Welt, die sie vor langer Zeit verlassen hatte, wenn es ihr überhaupt vergönnt gewesen war, sie ausreichend zu betreten. Die Welt der fröhlichen Ausgelassenheit, die Welt des ungekünstelten Lachens, die Welt wo die einfachsten Dinge zu den schönsten werden konnten, wenn man bereit war zu sehen, zu hören und zu fühlen.
Sie ist zu blaß, zu ernst und zu reif. Viel mehr mußte ich eigentlich nicht über sie wissen, um zu verstehen, dass sie ein kleines Stück von meiner Welt brauchte. Der Vorteil einer eigenen Welt ist der, dass man die Gesetze selbst bestimmt. Gerade wie sie einem in den Sinn kommen, unerheblich wie sinnvoll, oder sinnfrei sie scheinen mögen.
Ich sehe sie noch vor mir, wie sie mit spitzen Fingern den Halm zwischen ihre Lippen schob, weil ich ihr sagte, es sei Gesetz zu wissen, wie sich ein Halm _so_ anfühlt. Vielleicht kam es ihr albern vor, aber sie tat es. Bis ich bekannte, dass dies eigentlich nur für Knaben und Kerle galt. Es sind zumeist die einfachen, unkomplizierten Dinge, die uns zum Lachen bringen und das ist es was sie wieder lernen muß und offenbar auch gewillt ist, sich darauf einzulassen.
Es erfreute mich, sie lachen zu hören und zu sehen. Zu sehen, wie ihre herben Züge weich wurden, ihre Wangen rosige Farbe annahmen, die Augen in Heiterkeit funkelten.


Zu den einfachen und unkomplizierten Dingen gehört Fräulein Milya sicher nicht. Wieder sorgte zu einem guten Teil das Schicksal dafür, dass wir uns erneut begegneten. Diesmal jedoch war jedes Wort auch von ihr klar und deutlich, ihr Geständnis schmeichelnd schön und gleichsam fühlte ich Bedauern. All ihre Wut, ihre zuvor mir entgegen geschleuderten Worte bekamen einen Sinn. Ich hatte ihr nicht weh tun wollen.. nie.
Ich hätte nicht sagen können, was geschehen wäre, wenn nicht Fräulein Ellinore in mein Leben getreten wäre.. ich bin mir sehr deutlich bewußt, dass Mann eine Frau wie Fräulein Milya kaum abweisen kann.
Die nahezu kindliche Unschuld und die Natürlichkeit mit der sie ihre Reize zur Schau trug, waren in Kombination ein leicht entflammbar wirkender Cocktail, vor dem ich mich hüten mußte, zu kosten.
Milya-Renyla Menuette

Beitrag von Milya-Renyla Menuette »

Obwohl die Dunkelheit die gesamte Insel bereits in ihren Schoß gebettet hatte, schritt die junge Rothaarige doch ein weiteres Mal zurück zu dem Platz, an dem ihre direkte Ehrlichkeit ein weiteres Mal viele Probleme für sie und ihr größtes Kapitel im neuen Leben aufwarf: Therben.

Die kleine Bucht auf Lameriast, ausgeschmückt mit Blumen aller Art und hohen Gräsern war an diesem Nachmittag ihre Zufluchtsstätte gewesen. Sie wollte ihn einweihen in ihr Geheimniss, harmlos wie es schien und vollkommen unschuldig. So unschuldig wie das segelnde Blatt im Wind, beschritt auch sie die kommenden Wege. Wohin sie sie führen würden? Das weiß wohl nur das Schicksal. Und so bot sie ihm die fruchtige Kreation an, eine Mischung aus süßem und saftigem Frisch. Oder beeinhaltete diese Mischung noch mehr? Direktheit, Ehrlichkeit und Nähe? Vermutlich war es lediglich der Frohsinn der sie, die Rothaarige, antrieb und zu neuen, gemeinsamen Erlebnissen lockte. Wochen kamen ihr wie Ewigkeiten vor und endlich stand er wieder vor ihr, er lachte mit ihr und hörte ihr zu. Ja, es schien sogar so als würde er versuchen sie zu verstehen.

Auch sie hatte verstanden: Er hatte sein Herz verschenkt, oder vielleicht gar verloren? Aufjeden Fall hielt Frau Green sein Herz in beiden Händen, ob sicher und liebevoll? Das wußte sie nicht, doch war gerade Therben der Mann, dem sie es gönnte. Dennoch bat er Milya um Ehrlichkeit und die sowieso von ihr schon gewohnte Direktheit. Warum also nicht? So erzählte sie, sie redete und redete. Zwei Tage, verbunden mit wunderschönen Momenten, denen eine weitere Seite im Buch des Lebens gewidmet werden sollte. Die neue Facette an ihm, Kreativität und Ideenreichtum, weckten ein weiteres Mal Interesse in ihr. Unschuldiges Interesse, welches es zu stillen galt. Bald, ehe die Neugierde überhand nahm und Frau Green ein weiteres Mal der Ansicht wäre, Milya würde sich in Dinge einmischen, von denen sie sowieso keine Ahnung hatte. Ahnung hatte sie tatsächlich nicht, und einmischen? Nein, doch war dieses Kapitel der Missverständnisse zwischen Frau Green und ihr bereits abgeschlossen und verschlossen. Nie wieder würde dererlei passieren, verstanden nun doch alle Beteiligten.

Und plötzlich stand er dort wieder, schweigend und in Hast. Er wolle sie nach Hause bringen und wann sie sich wiedersehen, wisse er nicht. Wo war die Ehrlichkeit geblieben? Galt in diesem Fall nicht das gleiche Recht für alle? Allein dieses Verhalten ließ in Milya ein weiteres Mal die kleinen Alarmglöckchen im Hinterkopf klingen: Neben der Neugierde, aus welchem Grund er so reagierte, mische sich ein undeutbares Gefühl darunter. Ein Gefühl aus dem Element des Unbehagens und einer schwachen Art der Trauer. Er verstand es doch nicht, vielleicht wollte er es sogar gar nicht verstehen. Aufjeden Fall ging er von dannen und ließ sich seither nicht mehr in der Nähe des Herbstblatthofes blicken.

Die Gischt, welche von der Dunkelheit noch angetrieben wurde, benetze ein weiteres Mal ihr Gesicht mit der salzigen Feuchtigkeit. Immer wieder glitt die Zunge über die Lippen hinweg, um diesen so bekannten Geschmack in sich aufzunehmen. Doch was blieb, war etwas anderes: Der salzige Beigeschmack des letzten Aufeinandertreffens, neben dem angenehmen Geruch seiner Person. In der puren Dunkelheit waren selbst ihre feuerroten Haare schwarz, so dass sie ihr nun ohne Nachsicht dunkel in die Züge peitschten und weitere Impressionen der weichen Gesichtszüge für diesen Tag im Verborgenen hielten. Das Kapitel war noch lange nicht beendet.
Milya-Renyla Menuette

Beitrag von Milya-Renyla Menuette »

Mit großen Augen tastete sie über das Bild in ihren Händen. Feine Kohlestriche ergaben in ihrer Gesamtheit eine Person, deren einzigartiges Abbild sie mehrere Abende Zeit gekostet hatte. Das Ebenbild war dermaßen detailliert und liebevoll mit einigen Kleinigkeiten geschmückt, dass man der Annahme sein musste die Zeichnerin dieses einmaligen Werkes kannte die Person auswendig und wüsste sie mit geschlossenen Augen zu beschreiben. Hellbraune Strähnen, welche schwer und nass in den Gesichtszügen hingen gaben den männlichen Konturen einen verwegenen Beigeschmack. Die Augen waren geschlossen, genießerisch schien der Ausdruck in dem Gesicht des unbekannten Mannes zu wirken. Seine Haut war glatt und rein, wenn gleich man bei dieser Zeichnung das Detail einer feinen Feuchtigkeit, die sich über die gebräunte Haut zieht, erkennen wird. In Höhe des Jochbeins schien die Haut einen rötlichen Schimmer anzunehmen, was der Personen einen müden, etwas matten Eindruck verlieh. Um das Lippenpaar haben sich einige feine Fältchen gebildet, die den Rückschluss auf einen sehr humoristischen Menschen anstellen lassen. Doch noch lange nicht lassen diese Falten eine Schätzung des Alters dieser männlichen Person zu, vermutlich war es auch die Absicht der Zeichnerin den Mann genau so darzustellen und ihn schier unsterblich wirken zu lassen. Des weiteren schimmerten kleine Wasserperlen realistisch an dem langen Hals, einige rinnen in stetiger, doch langsamer Geschwindigkeit herab um am Schlüsselbein ihr Ziel zu finden. Der nackte Oberkörper ist geprägt von einigen Muskeln, nicht zu ausgeprägt und doch deutlich in ihrer Machart. Auch hier findet sich der feuchte Film, welches die dezente Brustbehaarung am Oberkörper kleben lässt und Unebenheiten wie Knochen- oder Muskelstrukturen ein weiteres Mal etwas in den Vordergrund hebt. Einige, kristallartige Formen, haben sich zusammengeschlossen um komplexe Gebilde darzustellen die in faszinierender Art und Weise durch Form und Farbe dargestellt wurden. Kaum wird man einschätzen können was diese kleinen Kristalle auf dem Körper zu bedeuten haben und der Zeichnerin scheinbar so viel Zeit kosteten um jeden noch so kleinen Kristall schimmern und glänzen zu lassen. Die dunkle Stoffhose an den ebenso sportlichen Beinen des Mannes, liegt eng an und scheint voll gesogen von irgendeiner Flüssigkeit zu sein. Auch hier kann man erkennen, dass es der Zeichnerin wohl wichtig war die Person entspannt und voller Ruhe darzustellen. Die Beine liegen ruhig und zur Gänze ausgestreckt im satten, grünen Gras welches viele verschiedene Blumen und Gräser birgt. Details wie die genaue Form der Ohrmuschel, des gekräuselten Brustwarzenvorhofes oder der Länge und Lage der Brusthaare lassen den Mann auf dieser Zeichnung dermaßen real wirken, dass es auf einige Betrachter sicherlich erschreckend wirken könnte. Der Umgebung selber wurde kaum Beachtung geschenkt, so wurde flüchtig mit einigen Strichen eine Blumenwiese angedeutet, eine Art Landzunge, umgeben von rauschendem Meer. Ein weiteres Detail, leicht zu übersehen und doch so stark in seiner Aussagekraft ist die feuerrote, lockige Haarsträhne welche vom rechten, oberen Bildrand in das Porträt hineinreicht. Scheinbar vom Wind getrieben, scheint sich diese Locke knapp oberhalb des männlichen Gesichts zu bewegen. Ebenso am rechten Bildrand, diesmal jedoch in der Ecke, kann man zwei Buchstaben entdecken: M.-R.

Vorsichtig rollen die zierlichen Hände das größere Pergament zusammen, um es mit einer wohl duftenden Substanz zu benetzen. Exotisch und frisch, wird sich genau dieser Geruch lange auf der Zeichnung halten und dem Betrachter den ein oder anderen Gedanken sicherlich aufwerfen.. Zu guter Letzt banden die beiden Hände noch eine Schleife, in herbstlichen Farben, um dieses Exemplar. So wirkt das Pergament auf den ersten Blick recht schlicht und ordentlich, wenn da nicht dieser sich aufdrängende limettenartige Geruch wäre, der sich langsam aber sicher in eine jede Nase schleicht.

Ein Abbild dieser Zeichnung befindet sich auf einem weitaus kleineren Pergament, noch lange nicht sind alle Details hier so liebevoll gezeichnet worden wie auf dem original Bild, welches sich bereits jetzt auf dem Weg zu seinem Empfänger befinden wird. Eben dieses zweite Bild wird von den beiden, kleinen Händen ebenso sachte zusammengerollt und zu einigen anderen Pergamentrollen in die Schublade gelegt und mit einem letzten Handstreich vorsichtig bedacht. Dann wurde es dunkel und die Rolle verschwand in der großen, geschlossenen Schublade um für Außenstehende nicht weiter existent zu sein.

Währenddessen wird man des Abends im Hafenviertel der unter Alatar stehenden Stadt Rahal, das leise Klacken einen Dietrichs hören können. Flinke, deutlich ältere Finger als die der Zeichnerin von zuvor, machen sich an dem Türschloss eines kleinen Häuschen zu schaffen. Das nächste und zugleich letzte Klacken, lässt die Person geduckt in das Haus schleichen. Aufmerksame, alte Augen wandern durch die Zimmereinrichtung. Hinweg über das kleine Schränkchen, die Stange für Kleidungsstücke und die Vorhänge, welche wohl einige Zimmer von einander abgrenzen sollen. Die unbekannte Person scheint sich nicht länger als nötig mit der Musterung abgeben zu wollen, denn schon tragen ihn hastige Schritte in Richtung des Vorhanges, der scheinbar eine Art Schlafgemach von den restlichen Räumlichkeiten rennt. Und tatsächlich, das schlichte Einzelbett ziert den Raum und scheint in diesem Moment auch das angestrebte Ziel des 'Boten' zu sein. Die große Pergamentrolle wird sorgfältig auf dem Kissen platziert, so dass der Blick eines jeden aufmerksamen Betrachters beim Betreten des Zimmers gleich darauf fallen wird. Langsam aber sicher wird sich auch der mitgeführte exotische Geruch der Rolle in dem Räumchen verteilen und sich etwas in die Vorhänge schleichen. Genauso schnell und leise wie der sonderbare Bote kam, verschwindet er auch wieder. Die Haustüre wird geschlossen und man wird keinerlei Spuren entdecken können, die auf die Anwesenheit einer unbekannten Person in den Räumlichkeiten hinweisen.

Die Menschen in der Stadt, auf dem Land und quer über die anderen Landstriche verteilt schlummern friedlich in ihren Betten, während sich der Mond weiter und weiter über den dunklen Himmel zu schieben scheint...
Therben Masard

Beitrag von Therben Masard »

Die Zeit verrinnt mir zwischen den Fingern. Ehe ich mich versehe, ist ein neuer Tag angebrochen, mit all seinen Facetten, mit Träumen wie in glitzernden Kristallen eingeschlossen, bis hin zu der offenen Wirklichkeit.
Die Wirklichkeit ließ mich einen Platz suchen, wo das zukünftige Heim stehen sollte.
Jede freie Minute nutzte ich, um mit dem Landvermesser immer wieder Schritt für Schritt Grund und Boden abzuschreiten. Wir steckten ab, zählten die Schritte neu und steckten wieder ab... unzählige Male, bis ich gänzlich zufrieden war und er froh, seines Weges ziehen zu können, um einige Münzen reicher.
Dann waren die Handwerker an der Reihe, was ich dazu tun konnte, das tat ich... ich sah zu, wie die Grubenleute den Boden aushoben, um die Basis für einen Keller zu schaffen und das Fundament des Hauses. Ich begutachtete die Skizzen der Bauzeichner, die sich mühten jede meiner Vorstellungen auf Pergament zu bannen. Wäre es Winter, hätte man das Armenviertel beheizen können, mit den abgelehnten Entwürfen. Wohl entgingen mir die verzogenen Gesichter und das Augenrollen der Arbeiter nicht, wenn ich wieder einmal Wünsche äußerte, die in ihrer Umsetzung schier unmöglich waren und sie Mühe hatten, mir mit fuchtelnden, fast verzweifelt anmutenden Gesten zu erläutern, warum dieses und jenes nicht machbar war.
„Nein, wenn wir die obere Terrasse so weit vorziehen, wie Ihr es wünscht, werden die zwei Stützen die Ihr Euch dazu vorstellt die Last nicht tragen können. Ihr möchtet sechs Stützen bis zum Gartentor?“ Rundherum feixten die umstehenden Grubenleute und Gerüstbauer.
Nein, das wollte ich nicht. „Wenn man aber hier.. und dort ein paar kleine Querbalken, so dass man sie nicht sieht..?“ Mein Finger tippte auf die Zeichnung und alle, die in der Nähe standen verzogen sich schleunigst geschäftig, nur die Schreiner waren mir hilflos ausgeliefert.
Aber schlußendlich sollte es doch das schönste Haus werden am schönsten Ort?
Eine Schwanenburg für die Schwanenkönigin in Therbenunddiesechskleinreich!

Beschreibungen, die nur für zwei Menschen bestimmt sind, die in der Lage sind, sich zuweilen der wunderbaren Welt der Märchen und Sagen hinzugeben, darin einzutauchen, ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Schwanenkönigin.. oft den Kopf in majestätischer Anmut gereckt, ihre Haut wie das eines weißen Federkleides, ein zuweilen etwas vorlauter Schnabel, der auch mal giftig zuschnappen konnte. Nicht zuletzt die Schönste unter den Schwänen.
Wem außer ihr gebührte also eine Schwanenburg, mit eigenem kleinen Teich?
Und wo konnte diese einen besseren Platz finden, als in Therbenunddiesechskleinreich?
Zeichner und Schreiner atmeten auf, als mein Blick verträumt über die aufgestellten Gerüste wanderte, das kleine Stückchen Erde, welches uns gehören sollte, die Geräusche der Handwerker verschwammen in meinen Ohren und sie sahen zu, aus meiner Reichweite zu gelangen, um den Arbeitern Anweisungen zu erteilen, in die ich mich gerade nicht einmischen konnte, weil meine Gedanken davon schwebten...


Ein kleines Königreich, weit, weit fort von hier. Der König mit seiner Frau und den vielen wunderschönen Töchtern.. wobei Fräulein Ellinore hier auf das Schärfste protestiert hatte und die wunderschönen Töchter mit einem Zauberbann belegt, zu sehr häßlichen wurden, aber dazu später.
Dabei war das Leben dort ohnehin schon kein leichtes. Trieb doch der Drache Nichgut dort sein Unwesen, wollte die Herrschaft über das Königreich. Jeden Morgen und zu jeder Mittags- und Abendstunde verließ er seinen Hort im Berg und überflog das Königreich, um genau eins der Häuser mit seinem feurigen Atem zu bedenken.
Schon viele tapfere Recken hatten versucht Nichgut den Garaus zu machen und kehrten nie zurück. Die Bürger des Reiches freute dies, denn Nichgut erwischte dadurch oftmals eines der leer stehenden Häuser mit seinem heißen Atem.
Schon bald erinnerte sich niemand mehr an den eigentlichen Namen des kleinen Königreiches, es war nun in aller Munde bekannt als Brennkleinreich.

Die treuen Bürger kamen mit dem Aufbau der Häuser kaum nach. Holz gab es genug, wenngleich auch die Schneise zwischen Wald und Brennkleinreich immer größer wurde. Aber es fehlte an Nägeln.
Das kam auch mir zu Ohren und so beschloß ich zu helfen. Ich zog mit sechs mutigen Schreinern und sieben Karren voll Nägeln nach Brennkleinreich.
Der König war froh drum und klagte uns sein Leid, dass niemand mehr sich getraute, sich dem Drachen Nichgut zu stellen.
Es waren weniger die Worte des Königs, als das Antlitz seiner schönen Töchter, dass wir beschlossen, auch hier zu helfen.
So zogen wir sieben mit den Karren vor den Höhleneingang zu Nichguts Hort.
„Ihr wolltet den Drachen mit Nägeln..?“
„Nein, nein, die Nägel waren für die Häuser gedacht. Wir zogen mit leeren Karren los.
Fünf der Sechs versteckten sich in jeweils einem der Karren, ich hockte mich hinter den Letzten. Der Sechste stellte sich aufrecht in den Karren, nahm seine Mütze vom Kopf und schwenkte sie hoch in der Hand und schrie:
„Heda! Großschuppiger Unhold! Komm heraus!“
Eine ganze Weile lang tat sich nichts, bis es Nichgut wohl zu viel wurde und er wutschnaubend aus der Höhle kam. Er stierte den Mützenschwenker an und holte tief Luft.“
„Er hat ihn eingeatmet?“
„Oh nein, gerade als er mit aufgerissenem Maul mit seinem heißen Atem dem Schreiner eine Feuerbestattung zu Gute kommen lassen wollte, duckte der sich in den Karren und ein anderer der sechs sprang auf, schwenkte seine Mütze und schrie aus Leibeskräften.
„Hier! Hier bin ich!“

„Nichguts riesiger Kopf schwang herum und starrte nun diesen Schreihals an. Als er erneut ansetzte Feuer zu speien, duckte sich auch der Zweite in den Karren und der Dritte sprang auf der anderen Seite auf, die Mütze wedelnd und ihm entgegen brüllend.
So ging das eine ganze Weile und Nichgut schwenkte seinen Kopf hin und her, ohne zum Zuge zu kommen. Ich nutzte die Ablenkung, um in seinen Rücken zu schleichen.
Obwohl, oder weil der finstere Drache nicht dazu kam, Feuer zu speien, wirkte er außer Atem und etwas erschöpft. Ich kletterte an seinem Schwanz hoch.“
„Ihr wart bereit Euch zu opfern...“
„Ab und an hielt ich mich mit einer Hand an einer Schuppe fest und beugte mich zur Seite, mit der freien Hand meine Mütze schwenkend, damit die Männer sahen, wie weit ich schon gekommen war.“
„Sogar daran habt Ihr gedacht.“
„Oh ja, für Brennkleinreich war ich bereit mich zu opfern.. und für die schönen Königstöchter natürlich.“
„Aber.. sie waren nicht schöner als ich?“
„Keineswegs! Etwas anmutiger vielleicht.. und etwas zierlicher.. und ihr Lächeln war..
dem der Meerjungfrauen gleich... und.. ganz kleine Ohren hatten sie.. aber schöner als Ihr.. niemals!“
An dieser Stelle gelang es Fräulein Ellinore kleine Krokodilstränen fließen zu lassen.
„Das.. kann nicht sein.. Ihr seid sicher nur wieder höflich?“
„Oh nein.. bitte nicht weinen.. ich schwöre.. Ihr seid schöner als sie. Tausend Mal schöner!
Und das sage ich nicht aus Höflichkeit.“
„Das wußte ich doch.. Ihr wolltet mich nur necken!“
„Selbst ihre Mutter war tausend Mal schöner als sie. aber die hatte ja schon der König von
Brennkleinreich.“
„Kleinere Ohren als meine.. gibt es auf der ganzen Welt nicht.“
„Nein gewiß nicht! Wobei die Ohren der Mutter.. ich möchte nicht lügen aber..“
„Die.. _alte_ Königin?“
„Nun ja so alt war sie gar nicht.. im Grunde könnte man wohl mit Fug und Recht behaupten, sie hätte die Schwester ihrer Töchter sein können.“
„So sehr glichen sie sich?“
„Ja wie fast ein Ei dem anderen. Man munkelte gar.. man munkelte.. ein Zauber wäre daran Schuld gewesen.. und niemand wüßte, wer nun wirklich die Mutter und wer die Töchter seien.
Mal wirkte die eine tausend mal schöner als die anderen und mal anders herum.
„Ihr habt doch eben gesagt.. sie waren viel häßlicher als ich... und wenn sie sich so ähnlich waren...“
„Ja, viel häßlicher als Ihr.. bis auf eben die Anmut.. die Zierlichkeit.. die Grazie.. das Meerjungfrauenlächeln..“
„Die Grazie?“
„... und die kleinen Ohren. Ach. vergaß ich die vorhin?“
„Noch eine... Schwestermutter in Brennkleinreich?“
„Nein.. die Grazie war keine Schwestermutter.. sie war vielmehr die Geliebte. des Bruders, des Königs Cousin fünften Grades seiner verstorbenen Großmutter.“
„Wen interessiert das schon.. diese Geschichte gefällt mir nicht mehr.“
„Ihr wollt das Ende nicht hören?“
„Nur.. wenn ihr sie ändert oder.. Ihr schwört mir, dass Ihr es für mich mit .. fünf Nichguts aufnehmen würdet?“
„Häßlich wie die Nacht! Ach was sage ich.. keine Nacht kann so häßlich sein wie die Frauen von Brennkleinreich! Nur fünf? Mit acht Nichguts würde ich es für Euch aufnehmen!
Aber Brennkleinreich hatte nur den einen Nichgut und so viele häßliche Frauen. Also dem König zuliebe...?“
„Der König.. ist gut.“

„Gut also dem König zuliebe hing ich an der einen Schuppe und winkte den Männern zu.
Ich mußte aufpassen, denn der verwirrte Nichgut bewegte seinen Kopf so schnell hin und her, um endlich Feuer speien zu können, dass mir bald schwindlig wurde, als ich höher kam.
Als ich mich dann wieder einmal an eine der Schuppen krallte, um seitlich mit der freien Hand die Mütze zu schwenken, geriet ich wohl dabei in das Blickfeld Nichguts.“
„Oh solche Gefahr...“
„In der Tat! Er sah mich und augenblicklich riß er den Kopf hoch und ich konnte mich nicht mehr halten und flog hoch in die Luft.“
„Ohohoh...“
„Ich flog so hoch, dass ich Nichgut unter mir sehen konnte.. und sah, wie er sein riesiges Maul aufriß. Ich flog geradewegs darauf zu.“
„Das...“
„Als aber die Männer dies sahen... sprangen sie alle auf und warfen ihre Mützen hoch und schrien laut durcheinander. Das lenkte Nichgut einen Moment ab... er senkte den Kopf etwas.. und ich flog knapp an seinem Maul vorbei.. und hing plötzlich in der Luft fest.“
„In.. der Luft?“
„Ich hing sooo dicht..“
„Oh genug.. genug.“
„... an seinem Maul, dass mein Schwertgurt an einem von Nichguts Zähnen hängen blieb.
Nichgut sah mich nun zwar nicht mehr, aber dafür die Männer. Er hob seinen Kopf ein wenig an.. blies Luft aus..“
„Oh weh!“
„... das kam schon einem Sturm gleich. Dann holte er tief Luft, wie schon unzählige Male zuvor und senkte seinen Kopf. Wie er ihn senkte... riß ich mein Schwert heraus... und eben als er Feuer speien wollte.. stieß ich es ihm mitten ins Herz!
„Oh... mitten hinein.. mit Eurem großen scharfen Schwert.. in Eurer großen starken Hand...“
„... schnitt ich dann mit dem Schwert den Schwertgurt durch, mit dem ich ja noch an Nichguts Zahn hing.. und landete wohlbehalten am Boden. Der König von Brennkleinreich war so voller Dankbarkeit... mit all seinen häßlichen Frauen.. dass er sagte... nie wieder soll einer Brennkleinreich Brennkleinreich nennen.. es solle fortan nur noch Therbenunddiesechskleinreich heißen. Die sechs und ich, wir sind natürlich seither Ehrenbürger des Therbenunddiesechskleinreiches.“


Mein eigenes leises Lachen bei der Erinnerung an diesen Abend, holte mich in die Wirklichkeit zurück und ich mußte feststellen, dass die Zeit weit fortgeschritten war und die Arbeiter längst Heim gegangen waren.
Ja... hier war der richtige Platz in Therbenunddiesechskleinreich für die Schwanenburg.

Die Zeichnungen und Skizzen lagen mit einem Stein beschwert, auf einem der Gerüste und die Ecken bogen sich im Sommerwind.
Wieder verloren sich meine Gedanken, hin zu einer Zeichnung ganz anderer Art.
Ein Abbild meiner selbst, in geradezu liebevollen Details gezeichnet. Wie hatte sie nur in der Kürze der Zeit, jede Einzelheit so aufnehmen können? War mehr Zeit verstrichen, als mir bewußt war? Oder lag es an ihrer nie enden wollenden Neugier, die jedwede Kleinigkeit in sich aufsog?
Eine Zeichnung jedenfalls, deren Duft mich an jenen Nachmittag erinnerte und deren Ecken nie im sommerlichen Wind sich biegen würden... eine Zeichnung, die nie eine Wand zieren würde, sondern zusammen gerollt ihr Dasein fristete in einer Schatulle meiner Münzstubentruhe. Dort, wo die gezeichnete rote Locke sich in das Bild schob, ringelte sich, aufgeklebt, eine echte rote Haarlocke.

Morgen.. morgen würde ich wieder kommen und aufpassen, dass der Hausbau nach meinen Vorstellungen Formen annahm und ich würde mir vornehmen, auch dann die verzogenen Gesichter und das Augenrollen der Arbeiter zu übersehen.
Zuletzt geändert von Therben Masard am Samstag 9. August 2008, 15:55, insgesamt 1-mal geändert.
Ellinore Green

Beitrag von Ellinore Green »

Er war fort.. wieder einmal.
Sie solle sich nicht sorgen, ein Versprechen sollte sie ihm geben. Nein.. Versprechen musste man halten, dieses eine konnte sie ihm nicht geben. Ein sanftes, verträumtes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel.
Natürlich sorgte sie sich, war er es nicht gewesen, der ihr um die Gefahren von Reisen aller Art erzählt hatte?

Aber war es wirklich das gewesen, was er meinte? War es nicht viel mehr die Forderung, ihm wirklich zu vertrauen?
Natürlich war es das, Fräulein Elli. Wie sollte er auch glauben, was sie ihm nach ihrem Besuch bei Fräulein Milya vorgestammelt hatte.

Aber wie hätte sie ihm erklären sollen, was sie dort gelernt hatte, ohne.. ihr Blick glitt selbstversunken über den See, die Abendsonne malte goldene Funken auf die vom Wind gekräuselte Oberfläche. Das Lächeln schwand von ihren Lippen, der Kopf wurde auf die angezogenen Knie gelegt, vor ihrem inneren Auge erschien Fräulein Milyas wunderschönes, und doch so.. verhasstes? Gesicht.

War es das noch? Es gab eine Zeit, da hätte sie ihr die ach so unschuldigen grünen Augen aus dem Antlitz kratzen können. Fast überrascht zog sie in Gedanken jeden einzelnen dieser so anmutigen Züge nach.. nein, nicht verhasst, kein rasender Zorn mehr. Vielleicht... ja was war es nur jetzt?

Sie schloss für einen Moment die Augen, sich jeden Fetzen, jedes Wort, jede Geste und jeden von Fräulein Milyas Blicken in Erinnerung rufend.
In einem Atemzug beteuernd, sie wolle ihr Glück nicht stören, im Gleichen eingestehend, dass sie ihn begehrte und die Liebe von ihm lernen will.
Er sei glücklich mit ihr...und sie mit ihm.

Es durchfuhr sie ein eiskalter Schlag, als sie sie diese Worte sagen hörte. Glücklich? War er das noch, wenn er bei ihr war? Wann war das letzte Mal gewesen, dass sie.. glücklich waren?

Der Tag am Strand, die Schwanenburg.. sie hatten das Märchenreich betreten, gemeinsam das Glücksfest am Hofe der Schwanenkönigin genossen, ja Glück..so grosses Glück, dass es schon fast schmerzte.
Unendlich lang schien es her zu sein, und doch waren es nur ein paar Tage.

Aber danach.. hatte die Spinne die Oberhand gewonnen. Sie und ihre geschickten Fäden, ausgelegt nach.. nein, nicht nach ihm.. nach ihr selbst.

Es hatte lange gedauert, bis sie es durchschaute. Noch als Fräulein Milya ihr von der Zeichnung erzählte, war sie in ihren Fäden verfangen, hatte genau so gehandelt, wie Fräulein Milya es erwarten konnte. Sie wollte wissen, was für ein Erlebnis sie dort zu Papier gebracht hatte, der wilde, unbändige Zorn stieg wie eine Feuersäule in ihr auf, kaum zu bändigen.
Aber dieses Mal.. war da die Antwort gewesen, die sie Fräulein Milya zuvor gegeben hatte.
Warum sie solche Angst habe, er suche nach anderen Frauen, er liebe sie doch.
Einen kleinen Moment brauchte sie.. aber dann.. mit jedem Wort, das sie sprach, war es keine Antwort mehr für Fräulein Milya. Es wurde ihre.. ihre Antwort. Sie hatte keine Angst, nicht mehr. Musste sie wirklich die Worte erst aussprechen, um sie zu glauben?

Ihr Zorn verlosch so schnell, wie er aufgelodert war, es war nicht mehr wichtig, was auf dieser Zeichnung zu sehen war. Sie war nur ein weiterer ausgelegter Faden für Fräulein Elli. Fräulein Elli würde nicht zu Milyas Werkzeug werden, mochte sie noch so viele Fäden auswerfen.

Es war nicht mehr von Belang, was Fräulein Milya sich erhoffte, wichtig war einzig, dass die Schwanenkönigin ihr Glück nicht mehr anzweifelte.
Es würde der Spinne nicht gelingen, die Schwanenkönigin zu ihrem Werkzeug zu machen.
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