Eine alte Prophezeiung
Eine sachte Staubschicht hatte sich auf den Buchrücken gebildet, sodass sie wohl zu Recht annahm, dass sie eine Weile nicht mehr herausgeholt wurden. Nur hier und dort verrieten Abdrücke von Fingern oder die verwischten Staubpigmente das vereinzelte Studieren der Wörter.
Es war Nachmittag; die Triebsamkeit innerhalb der Stadtverwaltung stand für einige Momente still, sodass sie die ihr unendlichen erscheinenden Listen von Namen beiseite legen und sich den Wörtern widmen konnte, die sie faszinierten. Sie mochte die alten Wörter, die ineinanderverschachtelten Sätze und die Kunst der Dichtung. Wörter waren einer Melodie gleich; denn auch in der Musik gaben Wörter einer Melodie eine bedeutend schwerere Bedeutung, als es allein die Melodie vermochte.
Relativ hinten bei den Regalen blieb sie stehen und ließ den Blick ruhig über die Bücher gleiten. Die Regale waren erst wieder seit kurzem bestückt worden, einzelne Kisten standen noch in der Ecke umher. Ein letztes Überbleibsel an die Erinnerung der alten Stadt und dessen Zerstörung. Nur die wichtigsten Werke und die, die andere Hände retten konnten, fanden den Weg zurück in die neuen Mauern der heiligen Stadt. In jener Ecke standen vereinzelte Sagen, alte Geschichten aus Zeiten, die noch voller Wildheit und Bauernfantasien waren. Eine nicht besonders anspruchsvolle, doch interessante Kost, gab sie doch vielleicht Ideen für neue Melodien.
Langsam begab sich der zierliche Körper in eine hockende Position, die unteren Reihen musternd, als das dunkle Augenpaar sich verengte und gen Regalrand blickte. Die Ecke war spärlich bis gar nicht beleuchtet, sodass sie zunächst dachte, die Schatten hätten ihr einen Scherz gespielt. Doch die Neugier war geweckt, sodass sie langsam die schmalen Finger ausstreckte und tastend über Regalabtrennung und Wand entlangfuhr.
Da! Sie blieb an etwas hängen...ein Papier? Eine vergessene Notiz? Vorsichtig versuchte, sie das Papier herauszufördern, welches offensichtlich durch irgendwelche Umstände beim Einräumen der Regale dazwischen gelandet war.
Aufmerksam begutachtete sie das Stück, welches sich ihr nun offenbarte:
Ein altes Pergament; vergilbt, gezeichnet von der Zeit. Die Schrift verschlingt sich zu kunstvollen Symbolen, lässt die Worte wie ein Gesamtwerk erscheinen. Doch ist es nicht perfekt, hat doch der Zahn der Zeit sein übriges getan. Teile der Farbe sind verblasst, einige Stellen zerkratzt oder abgeblättert. Mit viel Mühe und Geduld mag man die Schrift entziffern:
Ein Blut, eine Linie, vereint im Lichte der Welt,
zu Geben die Treue, im Lichte erhellt.
Den Göttern zu dienen, das Gute stets im Blick,
wird das Schickal sich erfüllen, die Prüfung geschickt.
Ein Blut, eine Linie, zu zerstören das dunkle Blut,
vertreiben die Schatten, die Armeen der Wut.
Die Schwingen der Tugend, der wachsame Blick,
die Augen des Adlers und dessen Geschick;
wird ewig sie begleiten und mit ihnen bestehen.
Der Lilien Kranz sie schützt vorm Untergehen.
Ein Blut, eine Linie, vom Lichte erhellt,
zu erlösen die Seelen vor dem Schatten der Welt.
Sie werden es richten, als Richter fungiern,
um den Frieden zu stiften, das Chaos zu verliern.
Ein Blut, eine Linie, gebrochen durch das Gift,
verdunkelte Seelen, verhasste Sicht.
Auch sie wird es treffen, um wieder werden zu rein,
wird die Göttin sie strafen, wird Gerechtigkeit sein.
Die Schlange sie fällt, sie wird nie mehr bestehn,
doch die Ahnen und Seelen, sie werden verstehn,
dass nur Siegen kann, was stark, was wird immer bestehn...
Ein Blut, eine Linie, vereint im Lichte der Welt,
zu Geben die Treue, im Lichte erhellt.
Den Göttern zu dienen, das Gute stets im Blick,
wird das Schickal sich erfüllen, die Prüfung geschickt.
Einen Moment stockte sie, die Augen huschten wieder und wieder über die Wörter. Irgendetwas regte sich in ihr....ein Rätsel...ein Rätsel, das es zu lösen galt. Ein neues Spiel, das sie auch hier spielen würde können und welches keine großen Gefahren birgen würde. Schnell landete das Pergament innerhalb ihrer Westentasche, ehe sie sich aufrichtete und den Weg zurück gen Büroräume beschritt.
Sie würde versuchen, das Rätsel zu lösen...vielleicht würden weitere Augen und Meinungen ihr helfen können...
Pieuree - Ein Geschlecht, eine Bestimmung [Quest]
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Sephira von Tecklenstein
Pieuree - Ein Geschlecht, eine Bestimmung [Quest]
Zuletzt geändert von Sephira von Tecklenstein am Mittwoch 19. März 2008, 20:51, insgesamt 2-mal geändert.
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Crean Laskelin
Ein Brief in alter Freundschaft.
Behüten, was es zu behüten gilt - I. Ein Brief in alter Freundschaft
Bruder Crean nahm dem jungen Boten den Brief ab. Nichts ungewöhnliches mochte man meinen, doch gerade wollte er den jungen Mann verabschieden und den Segen der Herrin wünschen, als er plötzlich wie erstarrt inne hielt, den Kopf schüttelte, als wolle er einen lästigen Tagtraum loswerden, und noch einmal auf den Brief sah. 'Vitam impendere vero', das Leben dem Wahren widmen, umrahmte den kleinen Adler, dessen Schnabel eine Lilie hielt. Jahre war es her, dass er dieses weiße Siegel zum letzten Mal gesehen hatte. Viele Jahre. Nun war ihm der Bote zuvor gekommen. "Temora behüte euch, Herr!" sprach er mit einem freundlichen Lächeln und schwang sich dann auf sein Pferd. "Der Götter Segen mit euch!" Verwirrt sah Crean dem Boten nach. Dann aber verlor er keine Zeit, eilte in seine Schreibstube und brach das Siegel.
Temoras Segen mit dir Crean,
nachdem wir lange gebraucht haben herauszufinden, wohin es dich verschlagen hat, ist meine Freude um so größer, von dem Orden zu erfahren, dem du dich angeschlossen hast. Eine starke und der Herrin Temora getreue Gemeinschaft ist es, die wir hier in dieser Zeiten der Not vergeblich suchen. Vitus von Viterba hat sich an die Spitze der Reichskirche Orjetans gesetzt. Vielleicht erinnerst du dich an ihn. Er war es, der unserem Bund seinerzeit den Rücken kehrte, um gegen den Willen des heiligen Paters - Temora habe ihn selig - gegen die "Reinblütigen" zu agieren. Zwei Festungen der Pieuree fielen bereits im Jahr seiner Ernennung zum Hohepriester. Wenn ich zurückblicke, sehe ich hinter uns die rauchenden Trümmer Monjards. Wir konnten Retten was es zu retten galt, doch sind wir nirgends sicher. Niemand weiß, warum Vitus die Reinblütigen so sehr hasst, aber er hat sowohl das Geschlecht der Pieuree, als auch den weißen Bund zu Ketzern wider der Reichskirche erklärt. Wir haben noch immer viele Freunde hier, aber das Eis wird dünn. Ich kann dir hier und jetzt nicht alles berichten, denn wir wollen nicht zu lange an einem Ort lagern. Aber meine Hoffnung ist es, dir bald von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen. Denn vielleicht ist es jener Orden, dem so fern der Heimat dein Herz gehört, dessen Berufung es ist zu behüten, was es zu behüten gilt.
DUM SPIRO, SPERO.
In alter Freundschaft,
Guillem de Gisors, Schwertdiener des weißen Bundes
So bald wie möglich sollte Crean diesen Brief seinen Brüdern und Schwestern im Glauben offenbaren. Behüten, was es zu behüten gilt - Viele Geschichten und Geheimnisse kursierten um das Geschlecht Pieuree, aber nur wenige wissen heute die Wahrheit, wissen um jene alte Prophezeiung.
Bruder Crean nahm dem jungen Boten den Brief ab. Nichts ungewöhnliches mochte man meinen, doch gerade wollte er den jungen Mann verabschieden und den Segen der Herrin wünschen, als er plötzlich wie erstarrt inne hielt, den Kopf schüttelte, als wolle er einen lästigen Tagtraum loswerden, und noch einmal auf den Brief sah. 'Vitam impendere vero', das Leben dem Wahren widmen, umrahmte den kleinen Adler, dessen Schnabel eine Lilie hielt. Jahre war es her, dass er dieses weiße Siegel zum letzten Mal gesehen hatte. Viele Jahre. Nun war ihm der Bote zuvor gekommen. "Temora behüte euch, Herr!" sprach er mit einem freundlichen Lächeln und schwang sich dann auf sein Pferd. "Der Götter Segen mit euch!" Verwirrt sah Crean dem Boten nach. Dann aber verlor er keine Zeit, eilte in seine Schreibstube und brach das Siegel.
Temoras Segen mit dir Crean,
nachdem wir lange gebraucht haben herauszufinden, wohin es dich verschlagen hat, ist meine Freude um so größer, von dem Orden zu erfahren, dem du dich angeschlossen hast. Eine starke und der Herrin Temora getreue Gemeinschaft ist es, die wir hier in dieser Zeiten der Not vergeblich suchen. Vitus von Viterba hat sich an die Spitze der Reichskirche Orjetans gesetzt. Vielleicht erinnerst du dich an ihn. Er war es, der unserem Bund seinerzeit den Rücken kehrte, um gegen den Willen des heiligen Paters - Temora habe ihn selig - gegen die "Reinblütigen" zu agieren. Zwei Festungen der Pieuree fielen bereits im Jahr seiner Ernennung zum Hohepriester. Wenn ich zurückblicke, sehe ich hinter uns die rauchenden Trümmer Monjards. Wir konnten Retten was es zu retten galt, doch sind wir nirgends sicher. Niemand weiß, warum Vitus die Reinblütigen so sehr hasst, aber er hat sowohl das Geschlecht der Pieuree, als auch den weißen Bund zu Ketzern wider der Reichskirche erklärt. Wir haben noch immer viele Freunde hier, aber das Eis wird dünn. Ich kann dir hier und jetzt nicht alles berichten, denn wir wollen nicht zu lange an einem Ort lagern. Aber meine Hoffnung ist es, dir bald von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen. Denn vielleicht ist es jener Orden, dem so fern der Heimat dein Herz gehört, dessen Berufung es ist zu behüten, was es zu behüten gilt.
DUM SPIRO, SPERO.
In alter Freundschaft,
Guillem de Gisors, Schwertdiener des weißen Bundes
So bald wie möglich sollte Crean diesen Brief seinen Brüdern und Schwestern im Glauben offenbaren. Behüten, was es zu behüten gilt - Viele Geschichten und Geheimnisse kursierten um das Geschlecht Pieuree, aber nur wenige wissen heute die Wahrheit, wissen um jene alte Prophezeiung.
Zuletzt geändert von Crean Laskelin am Mittwoch 19. März 2008, 14:54, insgesamt 1-mal geändert.
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Myriel
Als die Baronin laut durch das ganze Haus ihren Namen rief, hätte Myriel mit allem gerechnet, aber bestimmt nicht, das man ihr alte vergilbte Pergamente in die Hand drücken würde, um diese zu lesen. Die Blutgeborene von Tecklenstein hatte ihre Aufwartung gemacht, eine etwas _schwierige_ junge Adelige, wie Myriel sofort für sich fest stellte, mit der bei kleinen Fehlern sicher nicht gut Kirschen essen war. Kalen, der neue Diener im Haushalt, der ebenso hinzu gerufen wurde, kam auch sehr schnell in den Genuss dieser Erkenntnis. Allerdings weigerte er sich anfangs standhaft, dies zu begreifen und mehr als einmal war Myriel nahe daran, ihm ihren Ellbogen in die Rippen zu stossen, damit er endlich aufhören würde, sich um Kopf und Kragen zu debattieren. Sie hatte nicht das geringste Verlangen, irgendwelche zusätzlichen Putzarbeiten zu erledigen, nur weil er nicht wusste, was sich geziemte im Umgang mit der Herrschaft oder ihren Gästen.
"Wie weit bist du in die Theorien des lichten Glaubens involviert?" Myriel sah zu der Blutgeborenen und hegte für einen kurzen Augenblick zarte Zweifel an deren geistiger Verfassung, welche sie sich aber nie hätte anmerken lassen. Wenn sie eins gelernt hatte, dann war es, immer eine unbeteiligte Miene, gleich zu welchem Spiel der Herrschaft, zu machen. Eigene Gedanken, Misstrauen erst einmal für sich zu behalten. Sehr viel Sinn hatten die Worte auf dem Papier auch nicht ergeben, so auf den ersten Blick.
Ein Blut, eine Linie, vereint im Lichte der Welt, ...
Aber gut, sie und Kalen hatten die Aufgabe bekommen, in das Kloster dieser Verirrten zu gehen, um dort weitere Schriften zu finden, die im Zusammenhang mit diesem Rätsel stehen könnten. Informationen über ein Geschlecht, eine Familie. Irgendetwas, das Licht ins Dunkel bringen würde.
Myriel besass nur sehr geringe bis gar keine Kenntnisse über die Glaubenslehren dieser Fehlgeleiteten, ganz im Gegensatz zu Kalen. Sie würde wohl oder übel noch einmal zu der Blutgeborenen müssen, um sich die nötigen Informationen geben zu lassen.
Wollten sie in die Klosterbibliothek gelangen, mussten sie und Kalen sicher einige Tage dort bleiben. Da durfte ihr kein Fehler unterlaufen. Es war bestimmt nicht jedem sofort erlaubt, der als Suchender dort anklopfte, auch gleich die Räume der dortigen Bibliothek zu betreten.
Glauben heisst Dienen, Gehorsam zu lernen. Noch einmal rief sie sich diese Worte ins Gedächtnis. Gut, wenn dies eine Prüfung für ihre Glaubensfestigkeit, ihr Vertrauen in den Alleinzigen sein sollte, so würde sie sich dem stellen. Sie würde alles in ihren Kräften stehende tun, um diese Aufgabe erfüllen, so wie es ihr aufgetragen worden war. Auch wenn sie sich dafür direkt unter diese Ketzer begeben musste und sich ihren falschen Worten aussetzen. Ein spöttisches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Sei deinen Freunden nah, aber noch näher deinen Feinden.
"Wie weit bist du in die Theorien des lichten Glaubens involviert?" Myriel sah zu der Blutgeborenen und hegte für einen kurzen Augenblick zarte Zweifel an deren geistiger Verfassung, welche sie sich aber nie hätte anmerken lassen. Wenn sie eins gelernt hatte, dann war es, immer eine unbeteiligte Miene, gleich zu welchem Spiel der Herrschaft, zu machen. Eigene Gedanken, Misstrauen erst einmal für sich zu behalten. Sehr viel Sinn hatten die Worte auf dem Papier auch nicht ergeben, so auf den ersten Blick.
Ein Blut, eine Linie, vereint im Lichte der Welt, ...
Aber gut, sie und Kalen hatten die Aufgabe bekommen, in das Kloster dieser Verirrten zu gehen, um dort weitere Schriften zu finden, die im Zusammenhang mit diesem Rätsel stehen könnten. Informationen über ein Geschlecht, eine Familie. Irgendetwas, das Licht ins Dunkel bringen würde.
Myriel besass nur sehr geringe bis gar keine Kenntnisse über die Glaubenslehren dieser Fehlgeleiteten, ganz im Gegensatz zu Kalen. Sie würde wohl oder übel noch einmal zu der Blutgeborenen müssen, um sich die nötigen Informationen geben zu lassen.
Wollten sie in die Klosterbibliothek gelangen, mussten sie und Kalen sicher einige Tage dort bleiben. Da durfte ihr kein Fehler unterlaufen. Es war bestimmt nicht jedem sofort erlaubt, der als Suchender dort anklopfte, auch gleich die Räume der dortigen Bibliothek zu betreten.
Glauben heisst Dienen, Gehorsam zu lernen. Noch einmal rief sie sich diese Worte ins Gedächtnis. Gut, wenn dies eine Prüfung für ihre Glaubensfestigkeit, ihr Vertrauen in den Alleinzigen sein sollte, so würde sie sich dem stellen. Sie würde alles in ihren Kräften stehende tun, um diese Aufgabe erfüllen, so wie es ihr aufgetragen worden war. Auch wenn sie sich dafür direkt unter diese Ketzer begeben musste und sich ihren falschen Worten aussetzen. Ein spöttisches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Sei deinen Freunden nah, aber noch näher deinen Feinden.
Zuletzt geändert von Myriel am Dienstag 15. April 2008, 20:49, insgesamt 1-mal geändert.
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Sephira von Tecklenstein
Vorbereitungen
Die Sache hatte ihren Verlauf genommen; man hatte Menschen für die Sache gewonnen; hatte das Spiel beginnen lassen. Viele Gedanken, viele Ideen mischten sich zusammen, gaben neue Anstösse zu anderen Gedankengängen. Und doch konnte man das Rätsel nicht lösen; einzig das Interesse der Leute hatte sie verwundert. Keiner zweifelte das Spiel an, keiner sah es als Kinderei. Die Worte, die so alt und verblichen schienen, hatten doch ihren Sinn. Das spürte sie...
Wie einen Schatz, eine zerbrechliche Blüte, trug sie das Pergament stets bei sich, eingeschlagen in feinstes, best verarbeitetes Leder. Selbst die Baronin hatte die Worte gelesen und untersucht; sie schien dem Spiel ebenfalls nicht abgeneigt. So kam die Entscheidung, wie sie kommen sollte. Man hatte lange darüber nachgedacht, hatte gezögert, doch es musste sein. Man musste an den Ort, den man am meisten meiden wollte; den man noch nichtmal im Moment des Todes sehen wollte: Das Kloster der Temora.
Myriel und Kalen...Dienstboten; verzichtbare Gesellen, wenn es sein musste. Sie sahen so aus, als würden sie alles geben, den geneigten Herren zu gefallen. So nickt sie die Entscheidung der Baronin ab, auch wenn sie den Zweifel wohl nicht verbergen konnte. Besonders dieser Kerl, dieser Kalen; ein Geselle, der die Aufgabe sicher auch in Gefahr bringen könnte mit seiner raschen, viel zu flotten Zunge.
Dieser Abend...sie musste viel Überwindungskraft aufbringen, um überhaupt das ganze wieder in Erinnerung zu rufen. Die Gedanken drifteten ab, gingen in die Kindheit über, wo sie auf dem Schoß des Vaters saß. Sie hatte ihn damals so bewundert, hatte ihn abgöttisch geliebt und hatte jedes Wort von ihm aufgesogen. Seine Stimme war immer ruhig, der Bass besonders toniert. Sie hatte diesen Ton so geliebt. Geschichten über den Glauben, über die Tugenden. Nicht nur der Vater, sondern auch die Priester hatten ihr bestes getan, um ihre Gedanken zu vernebeln und sie gefügig zu machen. Es sträubte sie mehr als einmal, dieses Gedankengut nun wieder hervorzukramen für jene Aufgabe. Doch es musste sein; die Bilder mussten wieder auftauchen, damit sie sich an die Worte erinnern konnte. Myriel bräuchte jene Information, um unentdeckt und gut vorbereitet in die Bibliothek des Klosters zu gelangen. Es musste gelingen...
Mit zittriger Hand schloß sie die Türe vor dem Ding und ließ die Stirn gegen das Holz der robusten Türe fallen. Sie hatte wieder einmal zu viele Gefühle zugelassen, hatte sich durch jene leiten lassen. Sie wusste, sie musste an ihrer Selbstbeherrschung arbeiten; wusste, dass sie kein Gefühl zulassen dürfte. Es interessierte sie nicht, was diese Magd, dieses Mädchen für die Arbeiten des Hauses über sie dachte; aber es würde irgendwann Menschen geben, die es interessieren könnte und ausnutzen würden. Es galt, dieses niemals zuzulassen.
Langsam hob sie den Kopf, zog die Luft einmal tief ein und wendete sich gen Arbeitszimmer. Es galt, eine Kopie der Reime anzufertigen, damit Myriel und Kalen eine Kopie mit in das Kloster schleusen könnten.
Die Sache hatte ihren Verlauf genommen; man hatte Menschen für die Sache gewonnen; hatte das Spiel beginnen lassen. Viele Gedanken, viele Ideen mischten sich zusammen, gaben neue Anstösse zu anderen Gedankengängen. Und doch konnte man das Rätsel nicht lösen; einzig das Interesse der Leute hatte sie verwundert. Keiner zweifelte das Spiel an, keiner sah es als Kinderei. Die Worte, die so alt und verblichen schienen, hatten doch ihren Sinn. Das spürte sie...
Wie einen Schatz, eine zerbrechliche Blüte, trug sie das Pergament stets bei sich, eingeschlagen in feinstes, best verarbeitetes Leder. Selbst die Baronin hatte die Worte gelesen und untersucht; sie schien dem Spiel ebenfalls nicht abgeneigt. So kam die Entscheidung, wie sie kommen sollte. Man hatte lange darüber nachgedacht, hatte gezögert, doch es musste sein. Man musste an den Ort, den man am meisten meiden wollte; den man noch nichtmal im Moment des Todes sehen wollte: Das Kloster der Temora.
Myriel und Kalen...Dienstboten; verzichtbare Gesellen, wenn es sein musste. Sie sahen so aus, als würden sie alles geben, den geneigten Herren zu gefallen. So nickt sie die Entscheidung der Baronin ab, auch wenn sie den Zweifel wohl nicht verbergen konnte. Besonders dieser Kerl, dieser Kalen; ein Geselle, der die Aufgabe sicher auch in Gefahr bringen könnte mit seiner raschen, viel zu flotten Zunge.
Dieser Abend...sie musste viel Überwindungskraft aufbringen, um überhaupt das ganze wieder in Erinnerung zu rufen. Die Gedanken drifteten ab, gingen in die Kindheit über, wo sie auf dem Schoß des Vaters saß. Sie hatte ihn damals so bewundert, hatte ihn abgöttisch geliebt und hatte jedes Wort von ihm aufgesogen. Seine Stimme war immer ruhig, der Bass besonders toniert. Sie hatte diesen Ton so geliebt. Geschichten über den Glauben, über die Tugenden. Nicht nur der Vater, sondern auch die Priester hatten ihr bestes getan, um ihre Gedanken zu vernebeln und sie gefügig zu machen. Es sträubte sie mehr als einmal, dieses Gedankengut nun wieder hervorzukramen für jene Aufgabe. Doch es musste sein; die Bilder mussten wieder auftauchen, damit sie sich an die Worte erinnern konnte. Myriel bräuchte jene Information, um unentdeckt und gut vorbereitet in die Bibliothek des Klosters zu gelangen. Es musste gelingen...
Mit zittriger Hand schloß sie die Türe vor dem Ding und ließ die Stirn gegen das Holz der robusten Türe fallen. Sie hatte wieder einmal zu viele Gefühle zugelassen, hatte sich durch jene leiten lassen. Sie wusste, sie musste an ihrer Selbstbeherrschung arbeiten; wusste, dass sie kein Gefühl zulassen dürfte. Es interessierte sie nicht, was diese Magd, dieses Mädchen für die Arbeiten des Hauses über sie dachte; aber es würde irgendwann Menschen geben, die es interessieren könnte und ausnutzen würden. Es galt, dieses niemals zuzulassen.
Langsam hob sie den Kopf, zog die Luft einmal tief ein und wendete sich gen Arbeitszimmer. Es galt, eine Kopie der Reime anzufertigen, damit Myriel und Kalen eine Kopie mit in das Kloster schleusen könnten.
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Myriel
Wie vor den Kopf geschlagen sass Myriel in der Küche. An Schlaf war gar nicht zu denken. Nach dem Abend bei der Blutgeborenen von Tecklenstein, war sie der Überzeugung gewesen, schlimmer kann es sicher nicht mehr kommen. Adelig sein, heisst nicht nur ein 'von' im Namen zu tragen und Menschen die unter diesem Stand waren, herum zu kommandieren.'Verzogenes junges Ding mit Standesdünkel', bei diesem Gedanken war ein bitterer Zug um Myriels Mund. So schafft man sich keine Freunde, auch nicht in den eigenen Kreisen. Das wird diese _feine_ Dame auch noch lernen müssen. Mit einer heftigen Handbewegung wischte sie die Gedanken an die Blutgeborene beiseite und dankte im Stillen noch einmal dem Alleinzigen, das sie dort in diesem Haushalt nicht dienen musste.
Aber nein, weit gefehlt. Der Herr wollte sie selbst bei diesem Auftrag zum Kloster begleiten. Bei dem blossen Gedanken drehte es der Dienstmagd den Magen um. Das hiess doppelte und dreifache Vorsicht. Bei dieser Sache noch auf den Herrn achten, das war eine völlig andere Sache. Das es den Herrschaften nichts ausmachte, wenn einem der Untergebenen etwas geschieht, damit konnte Myriel gut leben, das kannte sie ja schon. Personal kann man immer wieder ersetzen. Aber sie wollte nicht in Erfahrung bringen, was es für Folgen haben könnte, sollte dem Blutgeborenen auch nur ein Haar gekrümmt werden. Zu allem Überfluss hatte er auch noch einen Plan, den er ihr noch nicht mit geteilt hatte. Mit einem leisen Seufzen verdrehte sie die Augen. Das war eindeutig eine doppelte Prüfung ihrer Standfestigkeit. Wieso musste Kalen ausgerechnet jetzt nicht aufzufinden sein. Sie breitete das Pergament vor sich auf dem Küchentisch aus, zog die Kerze ein Stück näher an sich heran. Die Schrift verschwamm vor ihren Augen. Mit einem leisen Fluchen, faltete sie das Blatt wieder zusammen. Das machte so keinen Sinn. Es war schon genug Zeit verstrichen, und Geduld zählte sicher nicht zu den Tugenden des Fräulein von Tecklenstein. Der Herr sollte mit seinen Plänen nicht mehr so lange hinter dem Berg halten, sonst könnte ein wütender Wirbelsturm in Form der Blutgeborenen das Haus heimsuchen. Aber das sollte ihre Sorge nun wirklich nicht sein. Sie war es gewohnt, die Scherben danach aufzulesen und kein Wort darüber zu verlieren.
Aber nein, weit gefehlt. Der Herr wollte sie selbst bei diesem Auftrag zum Kloster begleiten. Bei dem blossen Gedanken drehte es der Dienstmagd den Magen um. Das hiess doppelte und dreifache Vorsicht. Bei dieser Sache noch auf den Herrn achten, das war eine völlig andere Sache. Das es den Herrschaften nichts ausmachte, wenn einem der Untergebenen etwas geschieht, damit konnte Myriel gut leben, das kannte sie ja schon. Personal kann man immer wieder ersetzen. Aber sie wollte nicht in Erfahrung bringen, was es für Folgen haben könnte, sollte dem Blutgeborenen auch nur ein Haar gekrümmt werden. Zu allem Überfluss hatte er auch noch einen Plan, den er ihr noch nicht mit geteilt hatte. Mit einem leisen Seufzen verdrehte sie die Augen. Das war eindeutig eine doppelte Prüfung ihrer Standfestigkeit. Wieso musste Kalen ausgerechnet jetzt nicht aufzufinden sein. Sie breitete das Pergament vor sich auf dem Küchentisch aus, zog die Kerze ein Stück näher an sich heran. Die Schrift verschwamm vor ihren Augen. Mit einem leisen Fluchen, faltete sie das Blatt wieder zusammen. Das machte so keinen Sinn. Es war schon genug Zeit verstrichen, und Geduld zählte sicher nicht zu den Tugenden des Fräulein von Tecklenstein. Der Herr sollte mit seinen Plänen nicht mehr so lange hinter dem Berg halten, sonst könnte ein wütender Wirbelsturm in Form der Blutgeborenen das Haus heimsuchen. Aber das sollte ihre Sorge nun wirklich nicht sein. Sie war es gewohnt, die Scherben danach aufzulesen und kein Wort darüber zu verlieren.
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Sephira von Tecklenstein
Interessante Vorgänge
„Sofern ich euch nicht langweile, würde ich gern etwas über Temora erfahren.“
Der Blick des dunklen Augenpaares wurde mehr als skeptisch, als sie die Worte vernahm. Der Blutgeboren war an dem verfehmten und abstrusen Gutdünken interessiert? Interessiert an dem, welches ihr als Kind Tag für Tag eingetrichtert und hervorgebetet wurde? Sicher, dass das Mädchen von ihm diese Doktrin mehr als zu verinnerlichen hatte war ein Muss, ein notwendiges Übel, damit man eine Entlarvung möglichst gering halten könnte. Doch das Interesse des Blutgeboren erstaunte sie im ersten Moment, um im nächsten Zeitpunkt weiter aufzutrumpfen: Er selbst wollte es eingehen. Anscheinend liebte auch er das Spiel mit dem Feuer und den Grenzen.
Nicht umsonst hatte sie auch mit ihm ein ganz besonderes Spiel begonnen...
Alte Bilder glommen fadenscheinig auf, als sie widerwillig das Gelernte zu paraphrasieren begann. Wie oft hatte sie in der Stube gehockt mit dem Priester, der sie immer und immer wieder mit den Tugenden Temoras und der Gutmütigkeit Eluives drangsaliert hatte? Alles das, was sie erfolgreich verdrängt hatte, kam mit Aussprechen der Worte wieder: Das Gesicht des Vaters, die Tage im Anwesen; der kühle Winter Tecklensteins und die milden Sommer. Neid, der vom einfachen Bürger ausging und sie traf beim Spaziergang durch die Stadt oder die ersten Blicke der Männer, als sie weibliche Formen annahm und entsprechende Kleider trug. Und dann diese Augen.. diese kräftigen Hände...dieser Mann, der so anders schien als die anderen.... und doch kein Stück anders war.
Sie zwang sich, die Gedanken wieder auf das Hier und Jetzt zu lenken und die grauen Augen zu fixieren, die sie interessiert ansahen. Er wusste, dass sie hier und dort wohl etwas ausgelassen hatte und sein Schweigen, sein Nicht-Nachfragen nahm sie mehr als dankbar auf. Bei ihm war es anders....Schweigen nicht als Drängen, sondern als Akzeptanz.
Ruhig erklärte sie, ging auf die Fragen ein, die für weiteres Vorgehen wichtig war, bis man die eigentliche Thematik bereits verlassen hatte.
Man klärte die Regeln des eigenen Spiels, der Grenzen und...des Zieles:
„Nun... in dieser Art von Spiel, dürfte das Ziel sein, das Objekt seiner Begierde sein eigen zu nennen.“
Diesmal würde sie die Regeln einhalten und hoffte, sie würde es auch gewinnen. Auf die Art und Weise, wie ihr Gefühl es zulassen würde.
„Sofern ich euch nicht langweile, würde ich gern etwas über Temora erfahren.“
Der Blick des dunklen Augenpaares wurde mehr als skeptisch, als sie die Worte vernahm. Der Blutgeboren war an dem verfehmten und abstrusen Gutdünken interessiert? Interessiert an dem, welches ihr als Kind Tag für Tag eingetrichtert und hervorgebetet wurde? Sicher, dass das Mädchen von ihm diese Doktrin mehr als zu verinnerlichen hatte war ein Muss, ein notwendiges Übel, damit man eine Entlarvung möglichst gering halten könnte. Doch das Interesse des Blutgeboren erstaunte sie im ersten Moment, um im nächsten Zeitpunkt weiter aufzutrumpfen: Er selbst wollte es eingehen. Anscheinend liebte auch er das Spiel mit dem Feuer und den Grenzen.
Nicht umsonst hatte sie auch mit ihm ein ganz besonderes Spiel begonnen...
Alte Bilder glommen fadenscheinig auf, als sie widerwillig das Gelernte zu paraphrasieren begann. Wie oft hatte sie in der Stube gehockt mit dem Priester, der sie immer und immer wieder mit den Tugenden Temoras und der Gutmütigkeit Eluives drangsaliert hatte? Alles das, was sie erfolgreich verdrängt hatte, kam mit Aussprechen der Worte wieder: Das Gesicht des Vaters, die Tage im Anwesen; der kühle Winter Tecklensteins und die milden Sommer. Neid, der vom einfachen Bürger ausging und sie traf beim Spaziergang durch die Stadt oder die ersten Blicke der Männer, als sie weibliche Formen annahm und entsprechende Kleider trug. Und dann diese Augen.. diese kräftigen Hände...dieser Mann, der so anders schien als die anderen.... und doch kein Stück anders war.
Sie zwang sich, die Gedanken wieder auf das Hier und Jetzt zu lenken und die grauen Augen zu fixieren, die sie interessiert ansahen. Er wusste, dass sie hier und dort wohl etwas ausgelassen hatte und sein Schweigen, sein Nicht-Nachfragen nahm sie mehr als dankbar auf. Bei ihm war es anders....Schweigen nicht als Drängen, sondern als Akzeptanz.
Ruhig erklärte sie, ging auf die Fragen ein, die für weiteres Vorgehen wichtig war, bis man die eigentliche Thematik bereits verlassen hatte.
Man klärte die Regeln des eigenen Spiels, der Grenzen und...des Zieles:
„Nun... in dieser Art von Spiel, dürfte das Ziel sein, das Objekt seiner Begierde sein eigen zu nennen.“
Diesmal würde sie die Regeln einhalten und hoffte, sie würde es auch gewinnen. Auf die Art und Weise, wie ihr Gefühl es zulassen würde.