Der Fluch

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Jall-Argayth MacAgrona

Der Fluch

Beitrag von Jall-Argayth MacAgrona »

Das Gesicht hatte er nicht vergessen, auch die Haltung und die Stimme waren ihm noch bekannt: Felicitas. Sie stand für all die Respektlosigkeiten, die ihm als Chieftain, als Mimir und Angure widerfahren waren in den zurückliegenden Monaten und Jahren. Ein Kind drohte ihm und bespuckte den Stolz wie auch den Namen einer langen Linie eines starken Clans. Mit dem Vorwurf der Entführung der Pimpfenbrut war etwas in dem Alten verstummt, hatte aufgehört, sich mahnend und duldsam all den Frechheiten zu stellen, die man ihm und den Seinen entgegengebracht hatte. Der Versuch, Toleranz zu zeigen, war Stück für Stück demontiert worden – nun blieb das übrig, was Jall ursprünglich angetrieben hatte: Der Wille, Tradition und Vergangenes am Leben zu erhalten durch Worte und Taten. Als Angure war er zuerst seinem Volk verpflichtet, nicht seinem Wissensdurst. Dieser konnte warten, wenn er nicht schon längst versiegt war.

In stiller Meditation wippte Jall leicht vor und zurück, ließ die Gedanken schweifen. Es bedurfte Konzentration und viel Ruhe, um das zu tun, was er tat: Sehen. Doch nicht mit seinen eigenen Augen. Es waren die Äuglein eines krächzenden, kohlschwarzen Weggefährten, der den nächtlichen Himmel durchstreifte, während der Wille des Mimir ihm den Weg wies. Da war kein Zwang, sondern ein abstruses Einverständnis, welches zwischen dem Vogel und Jall herrschte. Der Angure suchte und mit jeder verstrichenen Stunde kam er seinem Ziel näher. Schließlich war es soweit: Ein Eindruck, ein Aspekt, den der Alte in der Melodie eines Ortes wiederfand. Sie war dort. Seine Sinne täuschten ihn nicht.

Der Gesang setzte ein wie ein Knurren tief im Leib. Er erklomm keine Höhen und ließ jedes Wort zu einem undeutlich Wust an Silben verkommen, während die Hände den Hasenkadaver anhoben und dem eigenen Schüler präsentierten. Niemand wagte es, in dieser Stunde die Hütte der Mimir zu betreten, niemand, denn jeder wusste, was dort drin geschah. Es waren diese Dinge, die dafür sorgten, dass Mimir stets ein Stückweit außerhalb des Clans existierten, denn sie vermochten Dinge zu tun, die sie unberechenbar und gefährlich wirken ließen. In dieser Nacht war es Rache, die die Ahnenrufer trieb. Ihre Mittel fanden sich dabei fernab von Axt und Klinge, denn sie stützten ihren Angriff auf eine Fähigkeit, die nicht aufgehalten werden konnte durch Rüstung oder Mauer. Es war der Fluch der Mimir.

So selten angewandt, schien dieses Wissen in vielen Clans bereits verloren zu sein, denn kaum einer wagte es noch, solche Mittel zu nutzen. Keinem Anguren gönnte man einen Fluch der Ahnenrufer, doch die Mimir im Lager waren sich einig, dass es genügend Gründe gab, bei einem Menschen eine Ausnahme zu machen. Bei einem sehr besonderen Menschen. Felicitas de Arganta sollte erfahren, wie nutzlos der Schutz der Mauern sein konnte. „Ehrlos, wie se is, dreck’g, wie se is, is ihr Blut. De Ahn’n woll’n sow’s nich sehen, und de Ahn’n wird’n so’ne Brut auch nie zu seh’n krieg’n.“ Der Urteilsspruch war verkündet worden und es gab niemanden, der widersprach. Wie auch, wenn die einzigen Rufer Schüler und Meister waren.

Das Messer öffnete den Unterleib des Hasenkadavers – es war ein weibliches Exemplar – und Jall vergrub die Finger im erkalteten Leib. Wieder setzte das Murren ein, während Kinneth seinem Meister das madige Fleisch in die Hand legte. Es hatte kaum drei Tage gedauert und aus dem Hasenjungen war nicht mehr als eine gute Mahlzeit geworden für dutzende aufgedunsener, bleicher Speckmaden. Dieses deformierte Stück Fleisch fand seinen Weg in das Innere des Hasenkadavers, während der Singsang langsam neue Höhen erreichte, lauter und inbrünstiger wurde.

Zerstörung war der Wunsch, Leid und Vernichtung der Samen, der gesät wurde. Vielleicht war genau dies der Grund für die bedrückende Stille nach dem Ende des Singsangs. Niemand sprach, niemand rührte sich und im gesamten Lager schien die Welt für einen Moment die Luft anzuhalten, die Zeit zu fesseln, auf dass sie nicht weiter schlich. Reue jedoch zeigte sich nicht. Jall wusste, dass er gerecht gehandelt hatte – er war Mimir.

In Varuna kündete nur ein stetes Krächzen eines groß gewachsenen Kohlraben in der Nähe der Gemächer Felicitas‘ von dem, was weitab der Zivilisation geschehen war – welche herzlosen Hoffnungen man in die Welt hinausgeschickt hatte.
Elayoe War´svalvar

Beitrag von Elayoe War´svalvar »

Bei Wind und Wetter


Noch immer saß sie zu später stunde auf dem Platz, welchen sie nun schon seit geraumer Zeit nicht verlassen hatte. Vor sich sah sie das Tor zum Lager der großen Menschen, welche sich selbst als Angurr bezeichneten. Hinter ihr lag die Wehranlage, welche sie erreichtet hatten und zu ihren Seiten die Reste eines Waldes, welcher sich wohl einst hier erstreckte. Die stunden hatten ihr gezeigt, dass es wohl kein leichtes Unterfangen sein würde. Diese hünenhaften Gestalten waren nicht nur stur, sondern auch grob und schienen eine merkwürdige Art an sich zu haben. Es würde viel Zeit brauchen.

Der Kopf hing etwas herab und sie atmete langsam. Man mochte meinen, sie stünde kurz davor einzuschlafen, doch war es nur eine Position, die ihr bequem erschien und in welcher sie die anstehenden Tage durchhalten konnte ohne sich richtig zum Schlafe zu legen. Doch in diesen Momenten war es anders. Das, was ihre Aufmerksamkeit auf sich lenkte war eine Veränderung in der Luft? Nein, nicht in der Luft, sondern vielmehr im Lied. Ein Vogel schwang seine Flügel über ihr, seinen Weg gen der großen Städte antretend. Und dieser Vogel hatte etwas an sich. Sie wusste nicht genau, was es war, doch es hatte den Anschein als würde er einen Schweif hinter sich ehr ziehen. Einen Schweif oder eine Linie, die mit einer gewissen Bösartigkeit gefüllt war. Hass und Zorn, der Gedanken an Rache waren die Teile der Melodie, welche sie vor wenigen stunden erst erlebt hatte und welche sich mit dem Tier bewegten.

Der Mimir war im Begriff das Lied umzuweben. Dies in einer Art, die gleichsam Neugier in ihr erweckte, wie auch ihr einen Schauer über den Rücken laufen ließ.

Der Mantel wurde etwas enger gezogen und ihr Blick schien gläsern in diesen Momenten, in denen nahe in einem Zelt die Geheimnisse einer alten Kultur angewendet wurden. Nicht viel davon sollte sie mitbekommen, doch ihre Bemühungen waren da. Welche Geheimnisse vermochte sie der Nacht zu entlocken?
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