Anguren - die kleine Völkerwanderung

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Darna von Hohenfels

Anguren - die kleine Völkerwanderung

Beitrag von Darna von Hohenfels »

Sie würde diesen Anblick lange nicht vergessen: eine zugeschneite und zugeeiste Insel, als wollten die kalten Elemente alles bis auf den letzten Rest mit einem weißen Totenlaken zudecken. Kahle Wälder, gefrorene Kadaver von Tieren - oder gar Menschen oder Anguren - unter dem Schnee, die Dörfer, selbst Andraste zu Geisterstädten verkommen.
Das Kriegsschiff des Reiches, Teil der der Grafschaft zugedachten Flotte, die "Bronzedrache" hatte sich als sicherlich letztes Schiff diesen Winter zum Hafen Andrastes aufgemacht, keine Fähren, kein Kutter, kein einfaches Handelsschiff hatte diese Reise noch auf sich nehmen können oder wollen. War die Überfahrt auch unangenehm, ein paar Matrosen vergnügte es immerhin, daß die Freiherrin, die mithilfe einer Order des Grafen so energisch auf die Überfahrt bestanden hatte, wohl schon bei nur halbem Seegang sich übergeben hätte und hier erst recht gnadenlos litt.

Mit dem Schiff zurück kamen nicht alleine sie, Selissa, Adrian Greif und Rothgar, sondern wie durch ein Wunder aufgetaucht auch die beiden vermissten Mägde Savea und Shaya - die Spitze des Eisberges. Dreiviertel verhungert, krank, geschwächt, einzig Haut, Knochen und Fell kamen für die Rückreise zuvor auf der Insel gefangene Menschen an Bord, jeder, der bis hierhin überlebt hatte.
Und... aus den Gefängniswärtern wurden mit diesem Tag die Flüchtlinge. Den verbliebenen Anguren ging es keinen Deut mehr besser, und das Schiff machte sich mit etwa 35 zusätzlichen Inselbewohnern - und einer mit leerem Magen wieder röchelnden Freiherrin - zurück gen Festland.

Es blieb für Darna zunächst nicht einmal Zeit, sich über die zurückgewonnenen Hausmitglieder wirklich zu freuen. Ausgemergelte und verunsicherte Gesichter sahen sie aus meistens 2 Meter Höhe an, und das erste, was sie brauchten, waren Dächer über den vielen Köpfen, etwas Wärme und Nahrung. Mitten in der Nacht und nach anstrengender Vermittlung weniger wichtiger Regeln für die Stadt fanden sich plötzlich das städtische Theater, das öffentliche Handwerkshaus und die letzten freien Plätze der Herberge, egal ob Saal oder Flur, von verwahrlosten nordischen Hünen belegt, Frauen, Alte, kranke junge Mädchen, es schien alles dabei - doch waren den Clans die Jäger und wirklich Wehrhaften verloren gegangen.

Am nächsten Tag ließ sie in aller Eile Schreiben anfertigen und versandte Informationen an sämtliche Stellen und Institutionen, die sich angesprochen fühlen könnten. Seine Hoheit musste und würde sie als ersten verständigen. Auf leicht unterschiedliche Weise, in dem Chaos womöglich gar vereinzelt mit falschen Anreden von aus dem Schlaf gerissenen Kopisten versehen, wurden folgende Informationen so gut und schnell es ging bekanntgegeben:

"Mit der gestrigen Überfahrt eines Reichsschiffes zur Insel Fuachtero offenbarte sich die Erkenntnis, daß einer ganzen Inselbevölkerung der Tod durch Hunger und Kälte drohte. In einer lebensbedrohlichen Fehlhandlung hatten Anguren vom Clan McAgrona Bewohner Gerimors und Lameriasts gefangen genommen, um mit erzwungener Zuhilfe auf Fuachtero dem Clan neue Heimatgebäude zu errichten. Stolz und fast zu späte Erkenntnis sorgten dafür, daß die Arbeitsleistung in keinem Verhältnis zu dem Aufwand stand, die gefangenen Menschen zusätzlich am Leben zu erhalten.
Beim Eintreffen offenbarten sich allseitiger Hunger, Elend und Tod. Aufgrund des unmenschlichen Winters und der Lage wurden die restlichen Anguren sämtlicher Clans, die nicht dem Clan McAgrona angehörten, mit dem Schiff nach Gerimor evakuiert. Der Clan McAgrona zog Konsequenzen aus seiner eigenen Entehrung, und unter Leitung des Schamanen Jall McAgrona wurde ausnahmslos jeder McAgrona seines Clanes verstoßen, seines Namens beraubt.
Statt selbstgewählt dem sicheren Tod auf der Insel entgegenzusehen, bot ich auch ihnen vergebend an, Sicherheit auf dem Festland zu finden.

Notdürftigste Unterkunft fanden insgesamt etwa 35 Anguren in der städtischen Herberge, dem öffentlichen Handwerkshaus und dem städtischen Theater. Den Flüchtlingen wurde vermittelt, in der Stadt "Gast eines fremden Clans" zu sein, und ich bin mir möglicher Konflikte durch das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen bewusst.
Doch denke ich auch, daß dies einer der seltenen Momente ist, wo die Grafschaft für ihr Überleben nicht auf die Hilfe anderer Völker angewiesen ist, sondern sich nun einmal revanchieren kann.

Den Anguren wurde folgendes in erzwungener Kürze vermittelt:
Kein Ziehen ihrer Waffen. Kein Beginnen von Auseinandersetzungen. Ich bitte die Garde um Nachsicht, einem stolzen Volk, das sich Stolz kaum mehr leisten kann, nicht das Tragen ihres teils letzten Hab und Gutes in Form ihrer Waffen zu verwehren.
Den Anguren wurde vermittelt, daß den Anweisungen der Garde Folge zu leisten ist.
Bei nicht zu lösenden Konflikten sei ich zu verständigen. Rechnungen sind an mich zu richten. Anführer der verbliebenen Gemeinschaft ist Jall ehemals McAgrona, dessen Gruppe Unterkunft im Handwerkshaus fand.

Ich bitte für diese Flüchtlinge vor diesem Winter, bis ihr Verbleib näher geklärt ist:
die Reichsritter um organisierende Unterstützung, gerade was Quartierung und Sicherheit betrifft,
die Heiler und die Kirche Eluives um Versorgung der Kranken,
die Kirchen und helfende Institutionen um Mithilfen für die Ernährung,
die Handwerker um Versorgungsgüter wie Feuerholz, Felle, Decken, Notquartiere,
die Bevölkerung Varunas um Nachsicht gegenüber Flüchtlingen eines fremden Volkes mit fremden Sitten.
Der Konvent des Phönix sei gesondert gebeten, die Möglichkeiten einer Reise per Magie zur Insel herauszufinden, um nach Beruhigung der Lage ein Gelangen zu den auf der Insel verbliebenen Toten zu ermöglichen. Zuletzt blieben nicht mal Kraft und Feuerholz, um eine Beisetzung ermöglichen zu können.

Gebe Temora uns die Kraft und Mutter Eluive uns die Milde, einem seit Beginn des Bruderkrieges von den Göttern enttäuschten Volk die Macht der Freundschaft und helfenden Hand zu beweisen!

Lady Darna von Elbenau,
Paladin in Diensten der Herrin Temora,
Freiherrin"
Jall-Argayth MacAgrona

Beitrag von Jall-Argayth MacAgrona »

Der Bruch

Die Augen taten ihm grausame Scherze an. Vielleicht war es die immer wieder aufflammende Hoffnung, die den Trugbildern diese besonders sadistische Eigenschaft verlieh. Meinte der Alte noch vor wenigen Augenblicken, einen Hirsch erspäht zu haben, der sich im wilden Schneegestöber vorankämpfte, sah der Mimir nun Segel am Horizont, welche sich wacker über die schwarzen Massen der tosenden See erhoben. Diesmal jedoch schien die Einbildung umso realer – war der Hunger schlussendlich zu stark geworden?

Sie verschwanden hinter einem Wellenberg, die Segel. Sie verschwanden, brachen abermals gar schmerzhaft die Hoffnung des Alten, welcher bereits an den Grenzen der Belastbarkeit angelangt war. „Es hätt‘ ja sein könn’n.“ Die Worte riss ihm der unerbittliche Wind sofort aus dem mit Schnee und Eis versetzten Bart. Schon wollte sich der Angure abwenden vom Meer, welches so hoch aufwallte, dass man befürchten könnte, das Wasser würde die tiefen, schweren Wolken berühren, als die großen Segel sich wieder aus dem Meer hoben. Höher diesmal und um einiges näher, als zuvor. „Bei de Bart Groffys – ‘s wahr!“ Auch diese Worte waren nur leichte Beute für die pfeifenden Winde, doch sie brachten neue Kraft in die ausgezehrten Glieder, die den leichter gewordenen Leib mit schnellen Schritten durch den Schnee hetzten. „KINNETH! KINNETH!“ Aufregung kam in dem Alten auf, als er auf seinen Schüler zuhielt, welcher unweit von ihm eine Felsterrasse auf Tierspuren inspizierte. „Kinneth! Andraste!“

Es war zuerst nur eine weitere Hoffnung gewesen, welche sich alsbald in Gewissheit wandeln sollte, als Schüler und Meister sich durch das tote Dorf gen Hafen bewegten. Dort standen sie: Fremde Gestalten, welche sich als alte Bekannte herausstellen sollten. Darna, die scheinbar Anführerin über den kleinen Trupp war, der dort auf sie wartete, war auch Herrin über zwei der Arbeiter in Trahern, dem Bauvorhaben der MacAgrona. Dies war Rettung, dies war Verderben – aber es war ein Schritt vorwärts. In diesem Moment, nach Wochen der Unterernährung und bittersten Kälte, nach schwersten Stürmen, schien dem alten Mimir das Dahinsiechen der Seinen der schlechteste Ausweg zu sein. Viele Anguren hatten bis zu dieser Feststellung ihr Leben lassen müssen. Viele mehr durften es nicht werden. Die Verhandlungen sollten beginnen. Die Scham über den gebrochenen Stolz und die Einsicht, dass nichts anderes als Erpressung das Mittel zur Rettung der Verbliebenen seines Volkes werden würde, kämpfte Jall nieder. Es galt, Leben zu retten. Sollten die Ahnen ihn strafen – doch ehrlos verhungern würde er sein Volk nicht lassen. Es war nun an ihm, etwas zu bewegen, bevor das Eis den Letzten erstarren ließ.

Andraste war still geworden.

Es schien einem Fluch gleich, dass die wehrhaften Anguren immer wieder den größten Unglücken trotzen mussten, welche sich in verschiedensten Formen zeigten. Lawinen, Missernten, Seuchen und marodierende Eisriesen waren nur ein kleiner Teil der Dinge, die sich dem kleinen Völkchen entgegengestellt hatten. Nun aber drohte jedem einzelnen niemand geringeres als die Zeit. Jene verstrich zäh, quälend lahm, während ein Volk starb. Ob durch klirrende Kälte, wie sie noch niemals zuvor diese Insel heimsuchte, oder durch körperliche Schwäche.

Ein kluger Krieger kennt seine Grenzen und wirft sich nicht mit Todessehnsucht in die Klingen. Der Freitod war die größte Schmach für einen Anguren - schlimmer noch, als dahingerafft zu werden von Krankheit und Alter. Hier, dies fühlte Jall, hatten die geschwächten Anguren, die fast gänzlich ohne Jäger und Krieger dastanden, den ersten Gegner gefunden, der sie in die Knie zu zwingen drohte. Seine Macht hatte etwas Perfides, denn mit jedem Tag des Kampfes gegen ihn wurde er stärker. Gedanken wurden laut, riefen die einzig brauchbare Erklärung für das Vorhaben des alten Mimir zurück in den Geist: Rückzug, um sich zu sammeln, nicht, um aufzugeben!

Sikerheit

„Mi foll’n Sikerhait für Angur’n, thi ni’k von Clan MacAgrona.“ Was auch immer ihm widerfahren sollte, durfte nicht auch allen anderen Anguren passieren. So pochte er auf das eine Wort, drängte, warnte und mahnte. Jall wusste genau, dass das Schicksal seines Volkes auf Messers Schneide einen waghalsigen Tanz vollführte, als er es auslieferte mit nicht mehr als einer Hand voll von ergrauten oder kaum aus dem Kindesalter entwachsenen Kriegern und einem alles andere als vollends ausgebildeten Mimir, seinem Schüler.

Es war ein trauriger Anblick, der dem Alten heiße Stiche ins Herz jagte. Jede ärmliche Gestalt, die sich dort am Boden in die Felle drückte, war vor noch wenigen Wochen ein Angure gewesen, welcher kaum besser den schlimmsten Geschichten der Festländer entsprechen konnte. Was war davon geblieben? Elend, Schwäche.

Die Ziele der Konversation waren deutlich abgesteckt und auch ohne das umfassende Wissen um die Sprache der grünen Insel vermochte Jall klarzumachen, was für ihn von Bedeutung war: „Sikerhait für all’z Angur’n, thi ni’k von Clan MacAgrona.“ Darna stimmte zu und wurde somit Opfer der Finte, die er sich in der Not der Stunde zurechtgelegt hatte. Nach der Versorgung der Bewohner Andrastes zogen sie los, dem Ende einer Ära entgegen. Keiner Lieder würden erklingen, denn dieser Clan ging nicht im Feuer der Schlacht unter – er starb, um den letzten Überlebenden ein Leben zu ermöglichen.

Trahern

Trahern lag still da. Ein Talkessel, welcher nicht mehr als einen Eingang aufwies, zeigte überall Spuren von Leben, doch nicht das Leben selbst. Dort waren Hütten erbaut worden, der Wald ward zurückgedrängt und machte den Grundrissen einer riesigen Halle Platz. Hier hätte der Clan MacAgrona Fuß fassen sollen in einer fremden Welt, fernab der heimatlichen Insel Scathlan. Nun jedoch sollte dieser Ort Zeuge eines stillen Begräbnisses werden, als Jall sich seinen Weg zu dem Arbeitslager bahnte. Er schloss die schweren Eisentore auf und wandte sich ab, denn die Schmack war zu groß. Trotzdem – sollte man auf Fuachtero Lieder anstimmen von den Anguren, die Pimpfen aushungerten, statt sie traditionsbewusst zu erschlagen?

Die Antwort auf diese Frage hatte Jall schon lange für sich gefunden, sie auch offen mit seinem wohl engsten Vertrauten, der dem Hunger noch nicht anheimgefallen war, geteilt. Kinneth stimmte zu, denn er sah, wie auch der Clansmimir der MacAgrona, größere Stücke des Gesamten. Hier war ein falscher Pfad begangen worden. Einzig dies erklärte die Härte des Winters, die Krankheiten und die ewigen Stürme.

Der letzte Gang führte den Mimir in die einzig vollendete Hütte im gesamten Tal. Er ließ die Schimpfenden, die Klagenden und die Sterbenden hinter sich, um der neuen Clansbehausung seine Aufmerksamkeit zu schenken. Dort ruhten jene, die der Sturm nicht verschluckt hatte. Dort schliefen die, denen er nun größtes Unrecht antun musste…

Verbannung

Die Prozedur war stets die selbe: Der Schlag ins Gesicht, das Zerreißen des Schulterstücks des Kilts. Es war nicht mehr als ein symbolischer Akt, der in der Kultur der Anguren einem Todesurteil gleich kam – und in diesem Fall Überleben bedeutete. „All’z Angur’n, nur nich‘ thi von Clan MacAgrona…“ tönte es noch leise im Kopf des Alten, während er einen nach dem anderen aus dem Clan verstieß. Sie waren damit Ausgestoßene, frei von der Bürde, konnten gerettet werden, konnten sich neu formieren. Sie würden ihre Ehre neu erringen, würden ihren Stolz erst wieder finden müssen – doch die Chancen, zu überleben, konnten nicht mehr besser stehen.

Einzig Jall verblieb als letzter Nachkomme der MacAgrona.

So setzte sich wenig später der Tross der Namenlosen in Bewegung, angeführt von einem Mimir, dessen Hoffnungen fernab aller Traditionen aufblühten. Es gab keine Möglichkeit mehr, zurückzublicken, somit konnte jeder nur voranschreiten. Sie waren wenige geworden, zu wenige. Auch, als sich die Andraster dem Clan aus dem Hochland anschlossen, blieb die Zahl der Nordmänner gering. Alle fanden sie mit ihren wenigen Habseligkeiten – Felle und Waffen, welche kaum getragen und viel öfter nur im Bündel hinterhergezogen wurden – Platz unter Deck des großen Schiffes. Unruhe, Ungewissheit, Verzweiflung und manchmal sogar Angst war es, die den entkräfteten Menschen im Gesicht stand. Die beruhigenden Worte der wenigen Veteranen, welche Lieder anstimmten, Geschichten dahermurmelten oder in bester Manier zu fluchen begannen, wie sie es in friedlichen Zeiten taten, konnten nur langsam die Zuversicht vermitteln, die für die nächste Zeit so unerlässlich werden sollte. Es erwartete sie eine Feuertaufe, nun da sie mit so vielen Traditionen gebrochen hatten. Der erste Skultir stimmte mit gebrochener Stimme bereits das Gedicht an. Doch es reichte nur für die erste Strophe. Die Nacht sollte nur der Auftakt einer weit größeren Odyssee werden.

Die Nacht, in der das Volk der Ahnen zurückkehrte in die Welt falscher Götter...
Richard Tarid

Beitrag von Richard Tarid »

Der Morgen brach an, als der Korporal seine tägliche Runde durch die Stadt beginnen wollte. Er war fast mit seiner Runde fertig als ihm eine Menschenmengen beim Kastell eher flüchtend entgegen kam. Mit einem verdutzen Gesichtsausdruck bezüglich der Leute die an ihm vorbei huschten ergriff dieser den Schwertknauf und wagte sich mit langsamen Schritten auf jenen Ort zu, woher wohl die Personen gekommen sein konnten. Als dieser auf die Hauptstrasse am Westtor einbiegen wollte, blieb jener stehen als er ein eher größerer Mob von Gestalten an dem Theater kapierend vorfand. Sein Blick huschte durch die Reihen, als er bemerkte dass die meisten von ihnen bewaffnet sei und das alle eine enorme Größe aufwiesen, was für einen normalen Menschen sicherlich nicht so alltäglich war. Darauf drehte er sich rasch um und spurtete mit schnellen Schritten in Richtung des Kastells. Dort machte er rasche Meldung beim anwesenden Oberstleutnant Marlan Kabo. Dieser schien wohl von dem ganzen bescheid zu Wissen und gab darauf bekannt, dass ab sofort die Wachen an den Toren mehr Kontrollen durchführen sollten und das die Patrouillen durch die Stadt mit schwerer Rüstung durchzuführen sei. Und das vermehrt Truppen des Regiments durch die Strassen laufen sollen um die allgemeine Bevölkerung mit der Anwesendheit der Soldaten etwas zu beruhigen bis man einen sicheren Ort für die Anguren gefunden und die Verletzten versorgt hatte. Am eher späten Nachmittag schien es so, als wenn das gröbste getan worden sei und die Strassen wieder völlig unter dem Schutz des Regiments stehen würden. Keiner wusste so recht was als nächstes folgen würde.
Adrian von Hohenfels

Beitrag von Adrian von Hohenfels »

Eine verlautbarung des Grafen wird schließlich durch Herolde, in den Hohenfelser Wappenfarben gekleidet, in den Straßen Varunas und Berchgards, sowie im Umland verlesen:


Höret ehrbare Bürger des Reiches Alumenas!

Hiermit sei euch zu eurer Kenntniss gegeben, welch Bedeutung die Sichtung der hünenhaften Mannen und Frauen in den Straßen zu Varuna, welche euch dieser Tage vor Augen geführt werden, habe.

Diese Mannen und Frauen des Stammes der Anguren, flohen vor Not, Leid und Hunger, welches sie auf ihrer heimatlichen Insel aufgrund des harten Winters überkam. Unter der Einhaltung der ehrbaren Tugenden wurde beschlossen, ihnen eine errettende Hand zu reichen.

Gewiss ist einem jeden ehrbaren Bürger die Bedeutung von Leid und Not in Erinnerung verblieben, so dass diese Mannen und Frauen, welche in diesen Tagen zu uns kamen, entsprechend milde, verständnisvoll und hilfsbereit entgegengetreten werde.

Es ist mir bewusst, welch äusserlichen Eindruck dieses Volk auf die Bürger machen wird. Doch wurde mir ihr Wort der Ehre gewährt, dass sie die Hilfsbereitschaft und das Verständnis dieser Tage ehren und nicht im Streit oder gegenseitigem Mißverstehen gegen die Bürger vorgehen werden.

Ich ersuche einen jeden Bürger, die offensichtlichen kulturellen Unterschiede mit milde zu betrachten und den Flüchtlingen mit Verständnis und Hilfsbereitschaft entgegenzutreten, anstatt sie für ihre fremdartige Kultur zu verurteilen oder zu reizen.

Es sei weiterhin kundgetan, dass es sich um ein stolzes und unübersehbar starkes Volk handelt. Ihr Stolz gebietet ihnen, nicht lang von dem Wohlwollen anderer abhängig zu bleiben. So sei bekanntgegeben, dass sie gewiss alsbald, so sie Stärkung von vergangenem Hunger und Leid erfuhren, die Stadt verlassen werden um eine eigene Unterkunft zu errichten, bis der Tag gekommen ist, da sie imstande sind auf ihre heimatlichen Insel zurückzukehren.

Mein Dank und Wohwollen gilt einem jeden Bürger, der sich vergangener schwerer Tage entsinnt und unter dem Zeichen der Tugenden eine Hand zu reichen willens ist gegenüber Mannen und Frauen, die auf diese Weise in Not gerieten.

gez.
Adrian von Hohenfels
Rechtmäßig ernannter Truchsess des Reiches Alumenas unter Ador dem Ersten
Oberhaupt der Grafschaft von Hohenfels zu Gerimor
unter Temoras Gnaden und Kronprinz Ador dem Ersten in Treue ergeben
Jall-Argayth MacAgrona

Beitrag von Jall-Argayth MacAgrona »

Leises Kichern in der Finsternis.
Sie wollen mir böses.
Schnelle Schritte über altes Holz.
Dort ist es wieder!
Ein Brummen, welches durch Mark und Bein geht.
Die kleine Schwester geht nie ohne ihren großen Vater.
Kariertes Blau… nein, nicht schon wieder kariertes blau!


Mit einem gellenden Schrei wurde Vilika wach. Sie war in einen Stuhl gesackt und hatte sich dort die dringend benötigte Ruhe geholt, nun jedoch war der Körper fast augenblicklich wieder unter dem Einfluss von Adrenalin in riesigen Mengen. Selbst das kurze Nickerchen hatte nichts gebracht, denn mit dem Aufwachen kehrte die Gewissheit zurück, dass sie noch immer da waren. Das leise, fremdartige Gemurmel in Gängen, Sälen und dem ehemals so sauberen Bad sprach Bände. Anguren. Überall Anguren. Sie waren wie eine Seuche über die Herberge gekommen und brachten Angst und schlaflose Nächte mit. Die junge Wirtsfrau war so aufgelöst, dass sie den seltsamen Geruch, welcher aus der Küche zu ihr strömte, kaum noch wahrnahm. Vorerst.

„Was riecht hier so..? Die Küche!“ Die Stoffe, die in diesem Moment das Blut der armen Wirtin durchflossen, hätten ausgereicht, um eine fuachter’sche Seekuh zum Rennen zu bewegen. In diesem Fall sorgte es jedoch ebenso für einen ungeahnt schnellen Lauf, welcher selbst im Kleid zu kleineren Sprüngen führte und jedes kleinere Hindernis mit Leichtigkeit überwand. Die Küche war das Ziel Vilikas. Schon war sie am ersten Hauptsaal vorbei, als alle Schrecken in sie fuhren. „Nein, bei Temora.. nein..!“ Sie schaffte es, selbst auf dem nachrutschenden Teppich zu bremsen, um zurück in den Saal zu rennen. Kaum an der Türe angelangt, blieb ihr nichts übrig, als verzweifelt aufzuschreien.

„NEII..“

„iin..!“
Der Ruf klang sehr viel leiser ob all der Wände, die zwischen der Küche und dem Hauptsaal lagen. Trotzdem zauberte er ein brummelndes Grinsen in die Züge des Alten, welcher vor einem Topf brodelnder, gräulicher Brühe stand und wohl als einziger im Raum nicht gegen die Übelkeit ankämpfen musste, die der Geruch hervorrief. 35 Jahresläufe mit Kräutern und Gemischen aller Art härteten ungemein ab. Diese Abhärtung fehlte Kinneth und Fiona, welche ihm bei dem Unterfangen assistierten. Besonders das Hinzufügen der zweiten Basis – Phönixfedern – brachte die beiden Schüler Jalls scheinbar an die Grenzen der Selbstbeherrschung. Aber sie hielten durch. Sie waren stur, wobei das stete aufgelöste Geschrei der Wirtin auch sehr viel Potential in sich barg. Würde sie die beiden Anguren im Kampf um das eigene Heim vielleicht in Beharrlichkeit überflügeln? Irgendwie tat es Jall auch Leid, die junge Frau noch weiter zu quälen, doch war es unerlässlich – im Theater gab es keine Küche. Er würde ihr, die sie scheinbar seit Tagen keinen Schlaf und noch weniger Ruhe gefunden hatte, ein Gebräu des Bärenschlafes zurechtmachen. Jall wusste, dass sie fraglos großen Schaden davontragen würde, wenn sie sich noch länger dem Schlaf erwehrte. Vorerst jedoch galt es, die Gunst der Stunde zu nutzen.

Dabei war es kein Zufall, dass die Wirtin nicht bis zur Küche kam. Ein paar kurze Anweisungen hatten gereicht.

„Bitte, nein! Kein Lagerfeuer hier..! Oh nein, nicht den Teppich! Der kommt von Menek’ur, noch mein Großvater.. nein, nein! NEIN! Das ist meins! MEINS!“ In schierer Verzweiflung raffte die Wirtin an sich, was sie greifen konnte, um hilflos mit anzusehen, wie die Anguren weitere Stücke herantrugen. Es war wie der Kampf gegen die drehenden Mühlensegel, völlig ohne Sinn und ohne Ende. Kaum, dass sie den Blick von einem Stück ihres Interieurs nahm, verschwand es auch wieder, um in der Mitte des Raumes aufgetürmt zu werden. So dumm konnten sie doch nicht sein! Ein Lagerfeuer mitten in einem geschlossenen Raum! Die offenen Fenster würden nur zu Funkenflug führen, aber niemals nicht zu einem sicheren Feuer! „Temora, hilf einer guten Dienerin! Ich habe niemals einem Gast das Recht auf ein Essen und Schutz vor der Nacht verwährt..!“

Die dritte Basis war experimenteller, als die zuvor dazugegebenen. Es war ein Pilz, welcher den groben Kriterien des Eiskopfes von Scathlan, der Heimatinsel, entsprach. Mit Glück war es ein Pilz einer Schwesterart, mit Pech war dieser Pilz pures Gift – aber warum lange zögern? Selbst ein Weib aus dem Stamm der Pimpfen würde irgendwann diese Ablenkung durchschauen und sich vielleicht auch nicht mehr an der zweiten Hürde aufhalten lassen. Dann wäre dieses Unterfangen gescheitert. Sie durfte nicht in die Küche kommen. Keiner, der nicht Schüler Jalls war, durfte es.

„Nein, bitte nicht auch noch die Trophäen! Nicht – Trophäen! Nicht Köpfe! Warum versteht mich keiner?!“

Die Brühe blubberte recht heftig, als schlussendlich das wohl unsicherste Reagenz dazugegeben wurde. Es war eine Frucht, die in ihrer Beschaffenheit und in ihrem Geruch den Früchten des kurzen Scathlansommers entsprach. Aber auch dies war nicht mehr als ein Versuch. Hier würden die Ahnen über Gelingen und Scheitern entscheiden müssen. Die Aufmachung der Arbeitsplatte war beschreibend für diesen Akt zwischen Wissen und Hoffen, fand man doch zahlreiche Totems aus Rabenknöchelchen in einer komplizierten Anordnung um die Feuerstelle herum. Kinneth stand dort, nicht, um einfach nur zu sehen – er betete das Mantra, welches sein Meister ihm aufgetragen hatte, ununterbrochen und zahllos oft wiederholend herunter.

Nun galt es, noch 17 Atemzüge das Kochen der Mixtur zu gewährleisten. Dies sollten sehr lange Momente werden, in denen das verzweifelte Beharren der Frau jederzeit abzubrechen drohte.

Es war geschafft.

„Temora, bitte! Eluive! Zeige deine Gnade! Bitte! Irgendwer… irgendwer… es tut mir Leid, ich habe gelogen! Ich habe ein paar Mal die Türe verschlossen gehalten! Da waren die Bettler und…“

Jall musste nur noch ein paar präparierte Reagenzien in ein kleines Seerosenblättchen schütten und der Frau verabreichen. Sie würde Ruhe benötigen, auch, wenn diese traumlos werden würde. Trotzdem: Die Ablenkung war geglückt. Nun konnte sie enden. Ein knappes Nicken gen Fiona reichte, um sie zum Saal zu schicken, während Kinneth und Jall die Reste ihrer Trankbrauerei beseitigten.

„Ich habe meine Lektion gelernt..! Wirk-..“

„Stykkol!“ Dies sollte das wunderbarste Wort werden, das Vilika jemals zu Ohren kommen sollte. Zuerst war der kurze Ausruf der Angurin, die im Eingang zum Saal erschienen war, ohne Bedeutung für sie, hörte die arme Wirtsfrau doch seit Tagen und gefühlten Jahrzehnten nur das fremdländische Gebrummel. Nun aber, als sie sah, wie die mageren Hünen sich daran machten, die Möbel wieder an Ort und Stelle zu bringen, schien sie vor Glück schreien zu wollen. „Stickel, Stickel!“ Setzte sie dieses traumhafte Wort nach, immer wieder. Dieses Unglück war geschafft… wann würde das nächste kommen?

An der Wache des Südtores: „Du, Englberth, was suchst du hier? Wie sieht’s in den Straßen aus?“ „Du wirst nicht glauben, was ich gesehen hab. Anguren, die fressen, als hätte man sie ausgeweidet, damit man sie füllen kann wie einen löchrigen Sack!“ „Wie meinst du das?“ „Sie fressen schneller und mehr als je zuvor. Das ist nicht normal, das ist abartig! Das geht nicht mit rechten Dingen zu.“ „Ach, du siehst Gespenster. Die Wilden schlagen sich auf unsere Kosten den Magen voll, da sieht jeder Bissen natürlich wertvoller aus.“

Vier Tage später an der Wache des Südtores: „Englberth, na, wie läuft es mit der Schankmaid? Hast du ihr schon das besondere Geschenk gemacht, was ich dir anriet?“ „Die Anguren werden fetter..! Glaub mir! Sie stemmen kleine Brocken! Sie sehen aus, als wären sie nur schlank, nicht mager!“ „Du siehst Gespenster, Englberth. Aber immerhin nun welche der Hoffnung. Wenn sie wieder gesund aussehen, gehen sie bald.“ „Aber…!“ „Ja, ich weiß. Es geht nicht mit rechten Dingen zu und alle sind sie geheimnisvolle Hexer, nicht etwa bullige, breite Barbaren.“ „Soll dich der Balron doch holen!“
Savea Falkenlohe
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Registriert: Donnerstag 1. Mai 2014, 11:42

Beitrag von Savea Falkenlohe »

Frei. Endlich frei.
Zunächst war sie sich sicher zu halluzinieren, als sich Rotghar vor ihr aufbaute, sie in der Ferne Milady und Selissa sah. Sie hörte sich Shaya zuraunen: „Das ist das Ende.“
Dann aber nahm vor allem ein Bild vor ihren Augen Formen an.. das Tor stand sperrangelweit offen, die Stimme des alten Anguren klang durch den eisigen Wind getragen herüber.
Sie zog den Dolch aus dem bereits lädierten Stiefelschaft.. die Gelegenheit.. wo er ist, müssen auch noch andere der Peiniger sein.
Im nächsten Moment sah sie sich des Dolches beraubt und fand sich auf Rotghars Armen wieder. Das durfte doch nicht wahr sein! Wollte er sie abhalten von dem, was sie sich all die Wochen ausgemalt hatten? Ihre Entführer mit ins verschneite Grab zu nehmen?

Sie wußte nicht, warum sie plötzlich wieder festen Boden unter den Füßen spürte und noch weniger bekam sie mit, wie sie es zum Schiff geschafft hatten.
Beinahe friedlich lag es im vereisten Wasser, nur die Fahrrinne, die es mit dem Bug frei gestoßen hatte, ließ ahnen, dass das Wasser nicht bis zum Grund gefroren war.
Am Ende ihrer Kräfte sanken die nun ehemaligen Gefangenen, die überlebt hatten in die Kojen. Die Erschöpfung riß sie alle in einen tiefen Schlaf aus dem sie erst erwachten, als das Schiff im Hafen Berchgards ankerte.
Sie wollte etwas sagen.. Worte des Dankes sollten über ihre spröden Lippen kommen, jedoch kein Laut war zu hören.. denn wie eine riesige, brechende Welle überrollte sie die Erkenntnis, nicht allein mit den Rettern an Bord gewesen zu sein.
Da war der Alte... da war der junge Angure, der den Alten oft ins Lager begleitet hatte.. dort war...ein Haufen zerlumpter, ebenfalls abgemagerter Anguren.
Einträchtig auf dem Wege nach Varuna wie es schien.
Fassungslosigkeit machte sich breit, vernebelte den Verstand.
Gefangen im eigenen Hause. „Herzlich Willkommen zu Hause. Es ist alles vorbei. Ihr seid wieder hier.“
Ja.. es schien alles vorbei. Alles, an was sie inzwischen gewillt waren zu glauben.
Fort gewischt mit einer kleinen Geste der Gutmütigkeit, helfende Hand reichend, Entführern Obdach bietend.

Es war kaum zu unterscheiden.. war es Milady die vor ihnen stand, die sie verraten hatte, oder war es Caitlin, die ihnen da gerade Suppe anbot.. vergiftet?
Ein steter Wechsel zwischen heute und gestern.. vor dem Kamin in der Küche, immer wieder Holz nachlegend, nicht merkend, dass die Küche inzwischen beinahe einem Hochofen glich.
Verkauft. Da waren sich Shaya und sie einig.. Milady hatte sie verkauft.
All die Beteuerungen es sei nicht an dem.. steter Tropfen höhlt den Stein bis.. ja bis Milady von den Verhandlungen mit dem Alten berichtete.
Milady wollte die Anguren vor dem Hungertod retten, den sie unweigerlich erlitten hätten, wären sie auf Fuachtero zurück gelassen worden. Alle bis auf.. die Anguren des Clans der Agronas.
Der Alte war ein ausgemachtes Schlitzohr, verstieß alle bis dahin Überlebenden des Clans und so durften auch sie auf das Schiff.
Waren Shaya und Savea bisher allein äußerlich dem eisigen Wind Fuachteros ausgesetzt, wehte nun ein eisiger Hauch der Leere durch ihr Inneres. Wie mit Fingern aus Eiszapfen griff er nach ihnen, füllte sie aus.
Verkauft.

Suppe um Suppe, Brot um Brot näherte sich die Wirklichkeit, verschwand das Gestern Fuachteros in den Schatten der Erinnerungen, kristallisierte sich die bittere, übrig gebliebene Wahrheit heraus, machte innerem kalten Zorn Platz.
Zu Hause. Verkauft.




Wie es begann, oder das Ende von diesem hier:
[url]http://www.alathair.de/forum/viewtopic.php?t=27797[/url]
Padruig MacAgrona

Beitrag von Padruig MacAgrona »

Hin und Zurück

Er stand in der Mitte der riesigen Clanshalle. Zwanzig Augenpaare waren auf ihn gerichtet und schienen ihn durchbohren zu wollen. Der peitschende Nordwind ließ die Männer griesgrämig und rau erscheinen, und wahrlich konnte sich Padruig weitaus bessere Anlässe zu einer Versammlung vorstellen. Der Clanschief saß vor Kopf und auch seine Augen waren auf den jungen Clanskrieger gerichtet.
„Du hattest die Verantwortung!“ grollte die Stimme des Chief.
„Der Weg war richtig, wir sind hier oder nicht?“ antwortete der junge stolze Padruig und verschränkte dabei die Arme vor der Brust.
„Er war passierbar, und die Männer sind gesund und munter unter uns. Wenn wir den anderen genommen hätten, hätten wir drei oder mehr Tage verloren, ich würde immer wieder diesen We…“
„SCHWEIG“ donnerte es ihm entgegen und diesmal wagte er nicht im dem zu widersprechen.
Er war Jung. Sicher! Stolz und temperamentvoll war er, auch das, doch lebensmüde war Padruig noch nie gewesen, und er wusste wann es besser war sein Mundwerk zu halten. Er hatte die Gruppe Krieger, die er durch den Pass führen sollte in Gefahr gebracht, das wusste er. Er hatte einen Weg gewählt der kürzer, doch auch gefährlicher war als der den sie sonst gingen. Tief in seinem Herzen war er sich dessen natürlich bewusst, und nur sein Stolz hinderte ihn daran diesen Fehler einzugestehen. Doch wenn er sich jetzt der Konsequenz entzog dann verlor er das Gesicht, und brachte Schande über seinen Clan und seinen verstorbenen Vater. Und das war etwas was er niemals zulassen würde, auch nicht wenn es ihn sein Leben kosten würde.
Inzwischen beriet sich sein Chief mit seinem Berater, dem Mimir, dem Seher und Sprecher der Ahnen. In der Clanshalle war es mucksmäuschenstill, keiner wagte es zu sprechen bevor der Chief nicht Anlass dazu gegen hatte.
Lange nachdem der Mimir ihm etwas zugeflüstert hatte drehte sich der Clanschief zu ihm um.
„Du wirst ALLEIN zur Nordküste rauf ziehen, dort wirst Du drei Monate bleiben und nach Schiffen Ausschaut halten, die auf unser Land zusteuern. Und solltest Du eines erblicken, wirst Du sofort ohne Rast hierher zurückkehren. Hast Du das verstanden?“
Alle Anwesenden wussten was das bedeutete. Dieser Winter in diesem Jahr war besonders hart, er hatte sogar die Vorräte des Clans fast ganz aufgebraucht. Und obwohl man hier im Norden das raue Klima und seine Folgen kannten, war auch Padruig bewusst das dies eine Harte Strafe war.
„So sei es Chief.“ Padruigs Hand ruhte auf seinem Schwert, und nur ein guter Beobachter hätte erkennen können sie sich fester um den Schwertknauf schloss, als er aufrechten Hauptes das Urteil entgegennahm.

Wo Feuer wärmt da schmerzt das Eis

Der Hüne verschränkte die Arme vor der Brust und blickte hinaus auf das Eismeer.
Die klirrende Kälte hier an der Nordküste brachte sogar die Bartspitzen zum einfrieren,
während sich hohe Wellen an den felsigen Klippen brachen.
Padruig blies die Luft aus den Backen, auch wenn keine einzige Mimik des Nordmannes darauf schließen ließ, doch er war erleichtert. Sein Atem bildete sofort eine kleine Nebelwolke, und auch die schien sofort die Wärme zu verlieren. Doch dies alles machte dem Nordmann nichts mehr aus, er hatte drei Monate hier verbracht, die Zeit der Heimkehr war gekommen. Seine Sachen hatte er schnell eingesammelt, denn auch seine Vorräte waren am Vortag zur Neige gegangen. Einzig und allein zwei warme Felle für die Nacht, ein Umhang, seine Axt und sein Schwert waren das was er zusammen packen musste. Nun konnte er endlich aufbrechen.

Als wollten die Ahnen ihn noch zusätzlich strafen, zogen dunkle Wolken am Horizont auf. Unheilvolles Grollen kündigte theatralisch einen Schneesturm an. Padruig seufzte schwer. Als wären die drei Monate nicht schon Strafe genug gewesen. Weitab vom Clan kam er sich vor wie ein Kerl dem man mitgeteilt hatte dass kein Bier mehr da ist. Wobei der Hüne wohl kaum jemandem erzählt hätte wie es in seinem Innersten aussieht.

Seine Vorräte waren aufgebraucht, im Grunde genommen hatte der Nordmann keine andere Wahl. Er entschloss sich aufzubrechen. Zum einen war es der Sturkopf der ihn dazu veranlasste, doch zum einen war es auch die Tatsache dass ein Schneesturm hier oben Tage andauern konnte, solange konnte er nicht warten. Bevor sich der Himmel so zuzog das man die Hand nicht mehr vor Augen sehen konnte brach er auf. Sein Hab und Gut verpackte er gut in eines der Felle, welche irgendwann flauschig und warm waren, doch mittlerweile von Eiskristallen nur so überzogen waren. Kurzerhand wand er sich gen Süden und wanderte los.
Ihm war bewusst das er noch einen langen Marsch vor sich hatte, doch er hatte keine Lust das ihn der Schneesturm dabei begleitet, deshalb entschloss er sich über den Bergpass anzusteuern. Denn im Gegensatz zu der freien Eisebene hatte er hier die eine oder andere Gelegenheit in Deckung zu gehen wenn es ganz haarig wurde. Auf dem freien Eis war dies unmöglich, denn hier war nur sein Körper selbst der dem Sturm trotzte. So Stolz und stur wie Padruig auch war, doch er war nicht dumm, er wusste wie schnell dann die Kräfte aus dem Körper schmelzen würden, wie ein Eiszapfen übern Feuer.
Da war er wieder, der warme Gedanke, das einzige was ihm derzeit Wärme spenden konnte, und Padruig klammerte sich an ihn wie ein Bärenjunges an die Zitze seiner Mutter.
Wärme, was für ein Wort inmitten einer Landschaft die nur aus Schnee und Eis bestand.

Zielstrebig steuerte der Nordmann den Bergpass an.
Greneva Caillon

Beitrag von Greneva Caillon »

Dolly

Gerade kam sie vom Treffen mit den Mimirs zurück in das varunesische Stadttheater. Als die Tür hinter ihr zufiel, blieb sie stehen, in einer Hand ihren Stab leicht fassend und die andere locker herabhängen lassend, und sah über ihre kleine Gruppe an schwachen, teilweise kranken Anguren. Stumm klagten die Blicke aller zaghaft ihr Leid. Stumm. Keiner hob seine Stimme auch nur ein wenig. Die Augen der jungen Angure schmerzten ebenfalls vor Müdigkeit.
Am Liebsten würde sie sie einfach schließen und sich der unendlichen Dunkelheit hingeben.
Zu den Ahnen reisen...

„Hrrmn.“
Ein dumpfes Brummen blubberte ihre Kehle hinauf und war durch die fest zusammengepressten Lippen vernehmbar. Sie schüttelte den Kopf, um die Müdigkeit zu vertreiben. Jetzt durfte sie nicht nur an sich denken; Jall hatte ihr die Verantwortung für diesen Teil ihres Volkes übergeben und ihn wollte sie als Letztes enttäuschen. Auf anderem Wege käme sie sowieso nicht zu den Ahnen... Ehe die Erinnerungen an vergangene Fehler und damit Melancholie und Wut hochkamen, nahm sie die unruhige Geschäftigkeit wieder auf, welche sie seit der Ankunft in „Fh’runa“ immer und immer wieder übermannte.

Der Fellhaufen auf der Bühne direkt neben der Kohlepfanne bewegte sich schwach und wimmerte gedämpft. Dies wurde mit einem sorgenvollen Seitenblick von Fiona wahrgenommen. Nur kurz wandte sie sich ab und an zwei Anguren.
„Üb’rnehmt ihr mir d’e Wache.“ Es klang vielmehr wie eine eindringliche Feststellung, als eine Frage, die diese Satzstellung vermuten lässt.
Die Kolosse erhoben sich beide mit einem Nicken – sie sahen ein, dass es nötig war, und wollten wohl auch gerne ihrem Volke helfen.
Fiona sah ihnen nach, bis sie vor der Tür ihre Wache aufgenommen hatten und bewegte sich dann zu dem kleinen Bündel namens Dolly.
Jene hatte die ganze Nacht durchgefiebert und machte der jungen Heilkundigen die größten Sorgen; wegen ihr blieb sie Nächte lang wach, versuchte immer wieder mit kalten Umschlägen oder Salben das wilde Feuer in dem kleinen Körper zu löschen.
Doch es brachte kaum etwas. Wäre es so weiter gegangen, dann hätten sie Dolly verloren, aber Jall war schließlich etwas eingefallen, was sie alle retten konnte.

Heute brau’ ich, morgen …

„Fed’rn von irgendein’m Adl’r... d’e Bär’nköttel-Frucht... irgendwelche Pilz’ und d’e hellbraunen Wurzl’n“
Eine reichlich ungenaue Beschreibung von vier Zutaten, die für die Mimirs von Nöten waren ein Gebräu zusammenzustellen, welches dem stolzen Volk von der Eisinsel ihre Kraft zurückgab. Jall plante ja nicht ewig in der großen Pflasterstadt zu bleiben…

Fiona fiel es zu, die ganze nähere Umgebung nach verschiedenen Pilzen abzusuchen. Von jeder Art, die sie finden würde, sollte sie eine kleine Handvoll mitbringen und die Mimirs würden versuchen, ob sie den Trunk auch mit Festländischen Zutaten wirksam machen konnten.
So konnten die Anguren im Varuneser Stadttheater bemerken, dass die Junge nun, wie auch in den darauf folgenden Tagen, ausging und viele Stunden lang nicht zurückkehrte. Wie viel Kraft sie für die Aufgabe aufwandte, sah man ihr nur zu gut an. Zu den stark geröteten Augen gesellten sich immer tiefere Augenringe, ihr Gang wurde schlurfender und jede ihrer Bewegungen war kraftloser als die vorhergehende. Aus gutem Grund konnte man sich Sorgen um Fiona machen.
Doch den langgezogenen „Lehrstunden“ beim Mimir der MacAgrona - die weitestgehend daraus bestanden, Pflanzen, ihre Wirkungs- und Verarbeitungsweise genau kennenzulernen – war es zu verdanken, dass die Angure relativ schnell verschiedene Pilzsorten beisammen hatte. Fleischig-helle, holzbraune und sogar rabenschwarze Exemplare landeten während den langen Rundgängen in ihren Taschen. Jene wurden auch sofort zu den Mimirs gebracht, welche auch schon ihre gesammelten Zutaten für das Gebräu beisammen hatten.

Alles lag kreuz und quer über dem Boden verteilt: Federn von verschiedenen Adlerarten, kleine, teilweise vertrocknete Pfirsichfrüchte, Fionas aberdutzende von Pilzen und schließlich die hellbraunen, langen Wurzeln, welche Anguren, Menschen und andere Völker unter jeweils anderen Namen kannten. Langsam rührten und mischten nun Jall und Kinneth diese Reagenzien in bestimmter Reihenfolge und unter zeremoniell und geheimnisvoll anmutenden Bewegungen zusammen. Das blutjunge Angurenweib folgte der Prozedur stillschweigend und interessiert staunend, verstand jedoch nur die Hälfte von dem ganzen Tun.
Das Ganze zog sich noch zusätzlich in die Länge, da unterschiedliche Pilze, Federn und Reihenfolgen ausprobiert werden mussten.

Nach unzähligen Versuchen, die die Geduld der drei „Heilkundigen“ auf eine harte Probe gestellt hatten, war es schließlich gelungen, einen einigermaßen wirksamen Stärkungstrank fertig zu stellen. Dann vollführte Jall noch feierlich-mystische Gestiken über dem Gebräu und murmelte so seltsame, fremde Worte vor sich hin, dass Fiona es in ihrer steigenden Verwunderung kurzum als „Mimirkram“ abtat, um sich nicht unnötig den Kopf zerbrechen zu müssen.
Unzählige Versuche und ebenso viele unfreiwillige Opfer der Schankwirtin im Unterschlupf des anderen angurischen Volksteils hatte es benötigt, um die richtigen Zutaten in der richtigen Reihenfolge zusammenzufügen, bis auch das gewollte Gebräu endlich entstand. Doch schließlich war es geschafft und in den folgenden Tagen konnten die Varuneser beobachten, wie das Volk aus dem nordischen Eis seine Kraft langsam, aber sicher wiedererlangt.

Bald lief auch Dolly schon sehr gekräftigt wieder durch die Gegend und von Fionas Schultern wurde eine zentnerschwere Last genommen. Sie konnte wieder aufatmen.
Die Anguren kamen zurück.
Padruig MacAgrona

Beitrag von Padruig MacAgrona »

Du siehst mich nicht, denn ich seh Dich auch nicht

Padruig sah die Hand vor Augen nicht. Es war so stürmisch das man nichts erkennen konnte, wenn das Weiß des Schnees nicht gewesen wäre, dann wäre es so dunkel wie in einem Bärenhintern.
Die Kälte zerrte an seinen Kräften, wie ein Bettler an einem Brotkrumen. Mit der Hand beschirmte der Nordmann seine Augen, der Sturm verfolgte ihn gnadenlos fast so wie ein Rabe der die Sehkraft rauben will.
Doch so schnell gab er nicht auf.
Der Nordmann hatte sich endlich auf den Berg hinauf gekämpft, spürte dass die Beine immer schwerer wurden, doch der Gedanke hier oben zu krepieren ließ ihn weiter stampfen.Das war doch kein Tod für einen Anguren. Nein, Padruig wusste nicht wie er sterben würde, er wusste auch nicht wann, doch eines wusste er ganz gewiss, er würde darum kämpfen das es ein ehrenvoller Tod werden würde. Mit diesem Bewusstsein stemmte er seinen Oberkörper gegen den pfeifenden Wind. Zog die Bärenfellmütze tiefer ins Gesicht und vergrub sich tiefer in seinem Fellumhang. Hier oben wollte er nicht sein Ende finden.

Ein dunkler Schatten bildete sich direkt vor ihm. Plötzlich bildeten sich die schwarz-grauen Konturen eines Höhleneinganges. Endlich, der Hüne wagt für einen Moment diesen Augenblick zu genießen und stemmte eine Hand in die Seite, doch lange wehrte diese Verschnaufpause nicht, denn im Gegensatz zu ihm benötigte der Sturm offenbar keine. Unablässig wirbelte der starke Nordwind Schnee und Eisstücke auf, die Padruig ins Gesicht peitschten, deshalb fiel es ihm auch diesmal leicht den Schritt zu beschleunigen. Kurzerhand und fest entschlossen trat er in den Höhleneingang hinein. Das raue Gestein ließ erkennen das diese Höhle aus den Naturgewalten erschaffen war, natürlich, und auf eigene ganz seltsame bizarre Art sogar schön. Der Nordmann verlor jedoch keine Zeit damit auf so was zu achten, er hatte auch keinen Blick für so was, alles was ihn im Augenblick bewegte war sein Überlebensinstinkt, der Gedanke an den Clan, und auch ein stummes Zwiegespräch mit den Ahnen. Gerade als er sich niederlassen wollte bemerkte er den Geruch, er war nicht allein.
Doch die Müdigkeit holte den Nordmann sehr schnell ein. Der Körper forderte seinen Tribut und ließ Padruig keine Zeit mehr, darüber nachzudenken mit wem er diese Höhle wohl teilte. Die Axt an seiner Seite, eng an seinen Körper anliegend eng in seinem Fellumhang vergraben schlief er ein. In Gedanken daran „Du siehst mich nicht, denn ich seh Dich auch nicht“.

Als Padruig aufwachte braucht er nicht lange um zu begreifen was mit ihm los war. Trotz des kalten Windes der unnachgiebig durch den letzten Winkel der Höhle pfeifte, schwitzte er. Sein Gesicht fühlte sich an wie ein Stück gegrilltes Rentierfleisch, und der Schweiß lief ihm so an seinem Körper herab. Er fieberte.
Wie lange hatte er nun hier gelegen? Er wusste es nicht mehr, Zeit und Raum waren vergessen, geschweige denn noch weiter reichende Gedanken als dieser. Denn der Nordländer musste schon viel Kraft aufbringen um sich gerade aufzusetzen. Das konnte es nicht sein.
Vor Wut schäumend ließ er seine Axt auf die Höhlenwand zu rasen, doch er hatte sichtlich keine kraft mehr, denn die Waffe machte keine Anstalten ihm zu gehorchen. Stattdessen prallte sie mit einem eher leisem „Klading“ an der Wand ab.
Er schnaufte.
Das konnte es nicht sein, er musste in die Heimat, er musste zu seinem Clan.
Jall-Argayth MacAgrona

Beitrag von Jall-Argayth MacAgrona »

Ein einsames Lied

Unter dem Schatten der starken Äste einer angurischen Eiseiche stapelten die Anguren das Holz auf. Hier, an der Küste, die die Nähe Fuachteros erahnen ließ, der Heimat, die gab und nahm. Jeder Angure half, gleich, welche Muster den Kilt schmückten, und doch ging der Prozess der Vorbereitungen nur elend langsam von statten. Da fehlte der Antrieb, das Leben in den Bewegungen. Das gröhlende Lachen und die beharrlichen Schritte hatten einem plumpen, monotonen Marschieren Platz gemacht. Obgleich niemand den Takt vorgab, waren es nur noch stampfende, langsame Schritte, die sich mit beängstigender Sturheit gegen jede andere Zeit stellten. An diesem Ort bestimmten die schweren Stiefel die Zeit – hier schien sie fast stillzustehen.

Jall stand etwas abseits der Szenerie, ließ den harten Küstenwind durch seine Felle pflügen, und widmete sich mit harter Miene der Aufgabe, um die er sich seit Beginn seiner Ausbildung, seines Lebens als Mimir niemals gerissen hatte: Er musste mit seinem Schüler, Kinneth, die Toten für den Weg in das Nachleben vorbereiten. Alle Toten, diese ärmlichen, dürren Gestalten, die auf der Seereise und danach der Schwäche erlagen, mussten neu eingekleidet werden, denn viele waren überstürzt aufgebrochen oder mussten bereits zu jenem Zeitpunkt getragen werden, befangen und entrückt in einem Delirium, aus welchem nur wenige jemals zurückkamen. Frische, neue Felle, die erjagt worden waren, ergänzten die wenigen Gaben, die die Gemeinschaft der Clans erübrigen konnte, dazu Kilts aus guten, festen Stoffen. Doch der Weg in das Nachleben war lang, dauerte drei Tage und drei Nächte – kein Angure trat eine solche Reise ohne Verpflegung an. Fleisch, Honig und Salz legte man den Toten in Lederbündeln dazu, reichte jedem auch Trophäen vergangener Jagden. Bärenzähne, Walrosshauer. Es sollte ihnen an nichts fehlen.

Die Sonne senkte sich im Westen und ließ die gesamte Szenerie in einem blutigen Rot erstrahlen. Wärme würde sie keine spenden, und bald nicht einmal genug Licht, um die traurige Wahrheit aufzuzeigen. Die Nordmenschen hatte eine Schlacht geschlagen, die keinen Sinn und nur einzig einem Zweck diente: Dem Ende eines starken Volkes. Wie viele waren dort noch? Wie viele waren dem Eis zum Opfer gefallen? War dieses versprengte Grüppchen verschiedenster Blutslinien überhaupt noch lebensfähig?

Der alte Mimir wurde recht bald aus seinem Sinnen gerissen, als er feststellte, dass die Vorbereitungen an den Toten vollbracht waren. Nun galt es, vor die Verbliebenen zu treten und das zu wecken, was einst das nun gebrochene Volk auszeichnete, das, was vielleicht der einzige Grund war, dass es die Anguren aller Widrigkeiten zum Trotz so lange gab: Den Mut. Jall wusste, dass es seine Aufgabe als ältester Mimir und einziger Chieftain war. Die anklagenden Blicke fremder Clans spürte der Alte sehr wohl – jene waren nicht weniger Strafe für ihn, wie auch der Winter ein Omen für das Volk gewesen war.

Die Gedanken Jalls begannen zu rasen, als er sich langsam vor die wartenden Anguren bewegte. Auch ihn hatte der Schwermut gepackt, welcher jedoch mit jedem plumpen aufstampfen schwerer Füße weiter zurückgedrängt wurde. Ein Mimir trug die Last, auf Lebenszeit Vorbild für die zu sein, welche im Nachleben ihren Altvorderen begegnen wollten. Ein Mimir zog seine Kraft aus der Nähe zu all jenen, die einst waren und ehrenvoll gegangen sind. An ihm war es, für die geistige Ordnung im Clan zu sorgen. Und doch – wie sollte man Ragn-Ugh erklären, das Ende der Welt beschreiben und gegen etwas so Allmächtiges einen Kampfgeist schüren in Frauen, Kindern und Greisen?

Es war nicht das erste Mal, dass die Zweifel sich gegen einen alten, eisernen Willen zu behaupten suchten. Und doch prallten sich gegen eine Wand aus Pflichtgefühl, Verantwortung und Stolz. Was auch immer es zu tun gab – es musste getan werden. Das war die Aufgabe der Rufer. Der Mimir.

Tief sog Jall die kühle, salzige Luft in seine Lungen...
Savea Falkenlohe
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Registriert: Donnerstag 1. Mai 2014, 11:42

Beitrag von Savea Falkenlohe »

Sie wollte doch nur kurz nach Berchgard. Luca hatte Besuch von Trutta und zum einen wollte sie nicht stören, zum anderen fühlte sie sich seit ihrer Wiederkehr nicht wirklich wohl im Anwesen Elbenau. Es war Heim, aber auf eine merkwürdige Art fremd geworden und so verspürte sie das Gefühl hinaus zu wollen des Öfteren. Nie lange, aber um „Luft“ zu holen, durchzuatmen, nachzudenken, soweit das eben ging.

Seine Hochgeboren von Dragenfurt hatte angeboten zu helfen.. die Angst zu nehmen. Shaya war bereit, das Angebot anzunehmen, sie selbst war sich nicht sicher. Fühlte sie doch mehr Wut, als Angst... konnte er ihr auch diese nehmen? Vielleicht war es auch inzwischen egal. Shaya hatte seinen Leibwächter gebeten, seiner Hochgeboren auszurichten, dass sie bereit wären und entweder hatte er es schlicht vergessen, oder aber viel wichtigere Dinge ließen seiner Hochgeboren keine Zeit.

Dann die Messe.
Sie war bisher recht gern zur Messe gegangen, hatte sich in der Kirche wohl gefühlt, irgendwie aufgehoben. Die letzte Messe jedoch übertraf alles bisher dagewesene.
Die Priesterin sprach vom kalten Winter, ungewöhnlich kalten Winter in Landen, die so fern waren, dass man kaum an sie dachte, wenn man nicht zufällig auf ganz besondere Art und Weise mit deren Bewohnern zusammen gekommen wäre und auf Grund ihres Winteraufenthalts eigentlich fast ständig an sie denken mußte.
Sie hatten Hilfe gebraucht und sie bekommen. Kost und Logis und die Gemeinde wurde aufgefordert dies auch in Zukunft zu tun. Es wurde der toten Anguren gedacht, die auf Fuachtero bereits ihr Leben lassen mußten. Und noch einmal der Aufruf an alle, so etwas nicht mehr geschehen zu lassen.
Savea hatte gewartet, die Mimik bereits eingefroren, die Gedanken hämmerten einem Stakkato gleich: Sag es. Sag es. Sag es. Sag es.
Die Priesterin sagte es nicht. Kein Wort. Kein Wort des Gedenkens an die Gefangenen, die dort im Lager ebenfalls ihr Leben gelassen hatten.
Sie verließ die Messe und schwor sich, dass es ihre Letzte war.

Sie wußte, sie konnte nicht viel ausrichten. Es hieß ein Duell zwischen Milady und dem Alten, oder Krieg. Niemand wußte, wie dieser ausgesehen hätte. Es blieb Shaya und ihr nichts, als dem Duell zuzustimmen. Milady erteilte die Erlaubnis dem Duell beiwohnen zu dürfen. Nicht, dass Savea nicht ohnehin zugesehen hätte, aber so war es besser. Irgendwie.

Sie wollte doch nur kurz nach Berchgard, als sie vor sich einige Befellte erblickte. Sie zog an den Zügeln ihrer Stute und ließ sie nur langsam hinterdrein laufen. Mit Argusaugen beobachtete sie die Anguren, die ganz offensichtlich ebenfalls nach Berchgard gingen.
Ihr gingen Thancreds und Amelies Worte durch den Kopf. „Sie wollten das Kontor anzünden.“ Hatten sie Ähnliches wieder vor? Sie waren ja in ihrer Wildheit doch irgendwie unberechenbar?
Als sie glaubte, gesehen worden zu sein, ließ sie sich etwas zurück fallen, ritt einen Bogen durch die Bäume und ließ die Stute dort, um die „Verfolgung“ zu Fuß wieder aufzunehmen.
Am hintersten Zipfel am Wasser stellten die Anguren ihre Berchgardwanderung ein. Sie schlich in einem Bogen um sie herum und nahm einen Baumstamm als Schutz vor zufälligen Blicken.
Fünf Holz- und Reisighaufen waren angehäuft, recht groß und darauf lagen fünf tote Anguren aufgebahrt. Sie erkannte einige der Angurengruppe, die sich wohl zum letzten Geleit dort versammelt hatten. Da war der Alte Jall und sein Schüler Kinneth, an den sie sich gut erinnerte. Auch Fiona kannte sie zumindest vom Gesicht. Die anderen waren ihr unbekannt, oder sie war ihnen nur flüchtig begegnet.
Sie wollte gehen, nicht mit ansehen, ihre Hände ballten sich zu Fäusten, die Kiefer preßten sich aufeinander, aber sie konnte nicht. Als würde der Schneematsch sie an den Stiefeln festhalten, wie guter Leim. Sie war nicht mal in der Lage, den Blick vom Geschehen abzuwenden.
Sie verstand kein Wort, sie sprachen angur, während sie die Zeremonie abhielten. Ein Wort jedoch erkannte sie. Schwartwing! Des gerade weichenden Winters eisige Hand umklammerte ihr Herz, nahm ihr fast den Atem. Weg hier.. nur weg. Ihre Füße jedoch wollten nicht laufen, versagten ihr den Gehorsam.

Als der Alte seinen Stab rhythmisch auf den Boden stampfte und die Zähne, Klauen und was sonst an ihm hing eine eigene Melodie entwickelte, preßte sie die Hände an die Mütze in Ohrenhöhe. Als er jedoch kurz darauf die Namen der Aufgebahrten nannte, hörte sie sehr genau zu. Drei ihr Unbekannte, zwei MacAgrona.
Für jeden Namen den der Alte rief formte sie mit den Lippen einen Namen der Gefangenen, die auf Fuachtero ihr Leben ließen, auf Grund der Umstände ohne die letzte Ehre.
Immer öfter aber wanderte ihr Blick auch zu dem jungen Aufgebahrten. Er war ja fast noch ein Kind. Die Anguren legten zu jedem Aufgebahrten eine kleine Gabe. Es begann zu tauen.. nicht nur die Landschaft.
So nahm sie ein Brot aus ihrer Tasche und ein Fläschchen. Es war ein Heilwässerchen, welches sie immer bei sich trug. Sie teilte das Brot in drei Teile, eins etwas größer, als die beiden anderen und beträufelte jedes mit dem Inhalt des Fläschchens.
Als die Anguren ihre Fackeln entzündeten, trat sie aus ihrem „Versteck“.
Sie umging den Ritualkreis, wie sie es zuvor bei den Befellten gesehen hatte und konnte, als sie in deren Blickfeld trat, hinter die Aufgebahrten, förmlich spüren, wie sie fast die Luft anhielten und vielleicht einzig die Überraschung sie daran hinderte, sofort auf sie zu stürmen.
Mit einem kurzen Blick vergewisserte sie sich, wo die zwei MacAgrona lagen. Kein zweiter Blick wurde ihnen geschenkt. Den drei anderen jedoch legte sie jeweils einen Teil des Brotes hin... dem Jüngsten den Größten. Keiner der stehenden Befellten rührte sich. Es herrschte Stille.
Ohne sie anzublicken, ging sie zurück zu ihrem Baumstamm, lehnte sich dagegen, damit die zitternden Beine ihr nicht den Dienst versagten und schloß die Augen.
Erst als sie das Knistern vernahm, öffnete sie die Augen wieder, sah wie die Flammen hoch schlugen.
Leise, wie sie gekommen war, ging sie.
Zuletzt geändert von Savea Falkenlohe am Montag 3. März 2008, 19:37, insgesamt 1-mal geändert.
Kinneth MacDraig

Beitrag von Kinneth MacDraig »

Holz, so viel Holz, warum nur behagte es ihm nicht?
Er wusste, zu welchem Zweck sie es aufschichteten und damit auch,
dass je größer die Haufen wurden, desto mehr Leiber sie tragen konnten.
Und diese kamen schließlich auch hinzu,
wurden in neuen Fell- und Stoffkleidern auf die hölzernen Hügel gebettet.
Sie hatten die langen Strapazen ihrer Reise nicht überlebt,
waren zu schwach oder zu jung, dem Überlebenskampf nicht gewappnet.
Dennoch waren sie ihrem Volk bis zuletzt treu geblieben und
verloren trotz der vielen Entbehrungen nicht aus den Augen,
worauf es im Leben eines Angurers ankam: Das Überleben des Clans zu sichern.
...
Die Sonne begann bereits hinter dem Horizont zu verschwinden,
als sich die Anguren um Jall am bereits lange vorher bereiteten Platz versammelten.
Im Schatten des Eichensprösslings und an einem der nördlichsten Zipfel Gerimors
lagen die 5 Toten aufgebahrt, bereit, ihre Reise in die Reihen der Ahnen anzutreten.
Um sich deren Anwesenheit der Verbrennung zu vergewissern,
war es schließlich an Kinneth, die Brücke in ihre Sphäre zu öffnen.
Obwohl es das erste Mal seit seiner Ausbildung war,
vollzog er das Ritual bereits überaus routiniert.
Auf die Knie gefallen und seinen Stab beiseite gelegt,
wandte er sich dem Osten zu, dort wo das Auge Askrills tagtäglich seinen Weg antrat.
Ihn, den Sohn Angurs, würde er zuerst anrufen.
Zu diesem Zweck hob er die erste von 3 Kuhlen aus und füllte sie mit etwas noch auf Fuachtero aufgelesener Erde. Sie symbolisierte den Anfang allen Lebens,
denn war sie das Fundament auf dem alles aufbaute.
Auch Askrill, der Erste der Angurer Blutslinie, stand für einen Anfang.
„Skul Askrill smoereg talvar!“, beschwor er ihn dann in den überlieferten Worten der alten Sprache, bevor er sich dem Süden zuwenden konnte.
In diese Richtung galt es Fyrla, das Weib Askrills, anzurufen.
Sie war das Feuer, das jedem Anguren Wärme und Schutz versprach.
Darum drückte Kinneth in die für sie vorbereitete Kuhle eine Tonschale,
die mit Reisig gefüllt, bald einer Flamme Unterschlupf bot.
Wieder die teils gleiche Formel: „Skul Fyrla smoereg talvar!“,
dann folgte ein weitere Drehung im Uhrzeiger sind, bis er die untergehende Sonne im Westen erblickte. Nun war Virdrill an der Reihe,
Virdrill, der sein Leben im Kampf gegen Svartving gab,
Virdrill, dessen Beweglichkeit, Schnelligkeit und Härte am besten mit den unterschiedlichen Formen von Wasser vergleichbar waren.
Darum schüttete der junge Mimir auch etwas von dem kühlen Nass in dessen Kuhle,
bevor er neuerlich die Stimme erhob: „Skul Virdrill smoereg talvar!“.
Noch bevor er sich gänzlich gen Norden gedreht hatte,
begann ein leises Säuseln wie von fernen Winden sein inneres Gehör zu erfüllen.
Sie antworteten ihm und so konnte er fortfahren, als letztes Angur, der ihnen die Freiheit brachte,
um Gehör bitten. Statt einer Kuhle türmte er nun einen kleinen Erdhügel auf,
in den er den Kiel einer Adlerfeder versenkte.
„Skul Angur, eantik krukker, smoereg talvar!“, formte er die Worte zunächst im Geiste,
dann – er hielt den fernen Horizont im Norden im Blick – entließ er ihn auch aus seiner Kehle,
einem Beben gleich. Der Ruf hallte über das Meer hinweg,
drang gen Fuachtero voran; die Wellen antworteten.
Er war sich der Aufmerksamkeit der Ahnen sicher
und so auch sein Meister, der daraufhin begann, die Fackeln vorzubereiten.
So umringten bald alle Anguren, mit einer Fackel ausgerüstet, die Holzhaufen.
Das Licht der Flammen tanzte auf ihren Gesichtern,
die mal von Trauer, mal von Wut, aber auch von Gleichgültigkeit, zumindest nach außen hin,
geprägt waren. Kinneth beobachtete sie weiterhin aus seinem Ritualkreis,
von wo aus er ebenfalls Abschied nahm. Dann wurde die erste Fackel gesenkt,
die anderen folgten sogleich und gemeinsam entzündeten sie das aufgestapelte Holz in Sekunden.
Viele verschiedene Gerüche machten sich breit, brennendes Fleisch, brennende Haare,
brennender Stoff, brennendes Leder, aber auch süßlicher Geruch von Essen,
das den Toten für ihre Reise beigelegt wurde.
Die Rauchschwaden ragten weit in den Himmel hinauf und Kinneth wusste,
als er ihnen hinterher blickte, dass sie die Geister der Toten in die Welt der Ahnen beförderten.
So ging es eine ganze Weile des stillen Beisammenseins,
während die Flammen vor sich hin knisterten.
Schließlich läutete Kinneth das Ende der Zeremonie ein,
indem er sein Ritual in entgegengesetzter Reihenfolge beendete.
So entfernte er zunächst die Feder aus dem Hügel, sprach dabei die Worte:
„Takk Angur, eantik krukker, val smoereg talvar!“, bevor er eine Drehung gen Westen vollführte und dort die erste Kuhle füllte. So ging es diesmal gegen den Uhrzeigersinn.
Auf „Takk Virdrill val smoereg talvar!“, folgten die Füllung der zweiten Kuhle
und die Worte: „Takk Fyrla val smoereg talvar!“ und schlussendlich die der Dritten sowie
ein letztes Mal die fremden Worte: „Takk Askrill val smoereg talvar!“.
Nachdem die Anguren hiernach fortgeschickt wurden,
verharrten einzig Jall und er noch weiter an dem Ort...
Jall-Argayth MacAgrona

Beitrag von Jall-Argayth MacAgrona »

Als die restlichen Anguren der Ort der Bestattung verließen, war der Mond bereits am Himmel erschienen und sandte sein kühles Licht auf die glimmenden Überreste von fünf Anguren. Es war keine milde Nacht und Jall ahnte, dass es ihm und seinem Schüler viel abverlangen würde, die Zeremonie zu einem richtigen Ende zu führen. Die Verabschiedung war das Letzte, was ein gewöhnlicher Angure tun konnte. Dann begann erst die wirkliche Aufgabe der Mimir. An ihnen war es, die Toten die erste Nacht lang zu begleiten auf ihrem Weg in das Nachleben. Dies war die gelebte Überzeugung der heidnischen Schamanen, welche nun dort vor den letzten Resten der Anguren saßen und sich in eine Trance sangen, welche ihre Körper schutzlos zurückließ. Diese Gelegenheit war eine der wenigen, in denen der Mimirpilz – auf dem Festland berüchtigt für seine rote Färbung und den weißen Pickeln auf dem Schirm – Verwendung fand. Sein Gift war es, welches Körper und Geist voneinander löste und den Mimir in ein gefährliches Delirium versacken ließ.

Leise summten sie, Kinneth und Jall, eine Melodie, die trotz der hundertfachen Spaltung verschiedenster Clans immer dieselbe geblieben war. Dunkel, monoton und von stolzer Inbrunst getrieben, schwanden die Töne mit dem Nordwind und verloren sich irgendwo in der Finsternis. Jall bemerkte das Versacken in die Trance, merkte den Schmerz in Kopf und Brustkorb, als der Körper sich nochmals in seine Seele verkrallte. Danach war er fort, hörte Stimmen und Gesänge – und sah die Gesichter der Verstorbenen. So viel Leid hatte zu ihrem Tod geführt und kaum einer der einst handelnden Anguren Andrastes konnte auf große Taten zurücksehen. Selbst die MacAgrona waren zu jung, um auf mehr als einen erschlagenen Bären oder ein gewonnenes Duell zurückblicken zu können.

Erin-Iseabel, dort, dort war sie! Unter all den Kindern im Clan war sie ihm ein Kleinod gewesen, welches er sich niemals eingestehen wollte. Ihre Heiterkeit riss ihn aus tiefen, finsteren Gedanken, während ihre Trauer ihm im Herzen schmerzte. Ein glockenhelles Lachen, welches unter einem Blondschopf erschallte und mehr war als nur Zeichen von Freude und Albernheiten. Es erinnerte Jall an die Tage seiner Jugend, als er noch Teil des Clanslebens war. Damals, bevor der Ruf des weißen Wolfes ihn in das Exil und an die Seite seines Lehrmeisters verbannte. Erin hatte erschreckende Ähnlichkeit mit ihrer Großmutter gehabt, die in der Jugend Jalls die Blüte ihres Lebens erreichte und in Schönheit und Pracht erstrahlte, wie kaum eine junge Angurin zuvor. Diese Frau war es gewesen, die seinen jugendlichen Geist fast fortgerissen hätte vom Pfad des Mimir, der in Einsamkeit gegangen wurde – ohne Weib, ohne Nachkommen. Einsam und doch inmitten einer riesigen Familie. Nun starrte Jall inmitten der wirren Wahrnehmungen auf das tote Gesicht, welches voll Vorfreude und Dankbarkeit zu ihm sah. Sie war bereit, den Weg zu den Ahnen anzutreten, doch die erste Nacht würde Jall sie begleiten, sich in tiefer Trance an der Seite der Toten wähnend. Doch wer schritt dort neben ihr durch die Nacht..?

Svenja. Svenja MacAgrona. Die tragische Angurin, verbittert und gebrochen, zerstört durch die zahlreichen Rufe der Ahnen, die zuerst ihren Ehegatten, dann ihre Kinder zu sich riefen. Die Kriegerin, die Mutter. Tränen benetzten das Gesicht der Toten, wie sie durch die geisterhafte Ebene schritt, denn sie wusste, wer am Ende des beschwerlichen Weges auf sie warten würde. Auch Jall wusste es, während er sich in seinem entrückten Zustand an ihrer Seite dachte, mit den Anguren, die dort waren, den Weg durch das Nichts des Eises antrat, sie geleitete bis zum einzigen Hafen in dieser Zwischenwelt.

Stunden waren dort Augenblicke und Momente waren Jahre – Wahrnehmungen änderten sich, verschwammen oder bildeten abartige Bilder aus. Irgendwann sah Jall die löchrigen Segel, wenig später stand er davor: Njedur. Das Schiff, welches die Toten über den Eisstrom brachte, der die Heimat von Iurhilla, der Seeschlange, war. Auf dieser Reise durch einen zwei Tage und zwei Nächte zählenden Sturm wurden die Schwächsten von Bord gerissen, wurden verschlungen von dem gierigen Maul der Schlange und gingen in die ewige Verdammnis über. Hier konnte Jall nichts mehr für die Anguren tun, die den Weg antraten. Er sah das Schiff in die tosenden Massen fahren, hörte die alten Gesänge, die nur noch Mimir in der Jetztwelt zu formen im Stande waren. Dies war der Abschied – dies war das Ende. Fünf Anguren, denen er das letzte Geleit nach alter Tradition gegeben hatte.

Der Mimirpilz verlor die Wirkung, der Körper kämpfte die Gifte nieder, schrie nach der belebenden Seele und riss sie wieder an sich. Was folgte, war Ohnmacht und stille, wie lange, das konnte er nicht sagen. Kälte kroch in seinen Leib und nagte gierig an der geschwächten Flamme seines Lebens, doch irgendwann, vielleicht mit dem ersten Sonnenstrahl, vielleicht auch später, war der Kampf ein weiteres Mal gewonnen, das Gift aus Geist und Gliedern vertrieben worden. Das Herz pochte noch immer und schmerzte, als hätte man glühende Klingen hineingejagt und der Geist war lahm und schwer – niemals würde dieses Ritual zur Routine verkommen – doch der Mimir und sein Schüler hatten alles Nötige getan, um fünf weiteren Vergangenen den Weg zu weisen zu den Ahnen, zu denen, die einst gewesen waren.
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