Der letzte Tag im Leben von Elina Hinrah

Antworten
Der Erzähler

Der letzte Tag im Leben von Elina Hinrah

Beitrag von Der Erzähler »

Es war der 20. Lenzing im Jahre 251 und für Elina begann der Tag wie jeder andere.
Sie war schon das dritte Mal zum Hof geritten und hatte Gemüse und Obst nach Grimwould geschafft.
Sie ging in den Arbeitsraum der Hinrahs und als sie diesen betrat, sah sie, wie Spjall und Svenja sich intensiv miteinander unterhielten.
Schnell ging sie auf ihn zu, küsste ihn auf die Wange und fragte ihn, ob er ihr beim Reintragen der Waren helfen würde. Und wie immer war er, wenn er entweder mit Svenja oder mit Jolinn zusammen war, sehr unfreundlich und unnahbar.
Elina spürte, dass er da völlig verändert war, und doch fragte sie nie nach, und da er sonst immer sehr lieb zu ihr war, sah sie auch keinen Grund dazu.
Erst die letzten Tage hatte er ihr wieder gezeigt, wie sehr er sie liebte.
Nun kamen auch noch Roghvatr und Jolinn dazu. Svenja verschwand in den Keller und Spjall folgte ihr bei Fuß. Elina bemerkte das sehr wohl, doch sie hatte Vertrauen zu Spjall, und deshalb wollte sie einfach nicht hinterher.
Roghvatr, er war in letzter Zeit ein wirklich guter Freund geworden, stellte sich sogleich zur Verfügung Elina zu helfen und so ritten sie beide zum Bauernhof.
Sie ernteten gemeinsam das Gemüse, packten die Taschen der Pferde voll und marschierten nun langsam, die Pferde an den Zügeln haltend, zurück nach Grimwould.
Dort angekommen war es völlig still.
Elinas erster Gedanke war wohl, dass die beiden wohl noch immer im Keller waren und daran was sie nun unten im Keller tun würden, und ein flaues Gefühl machte sich in ihr breit.
Da trabte auf einmal Spjall die Stufen hoch, rann sie fast um und raus zur Türe. Elina sah ihm erschrocken nach, da sie nicht wusste, was ihm über die Leber gelaufen sein konnte.
Und siehe da, kurz darauf folgten ihm Svenja und Jolinn.

Es waren bloß einige Momente vergangen, und Elina konnte kaum fassen was da passierte, als Spjall ihr etwas vor die Füsse warf, und zu ihr sagte, "Hiermit löse ich die Verlobung auf, denn du bist wie Evja!"
Elina war einen Moment sprachlos, sie verstand überhaupt nicht, was nun los war, jedoch als er wieder aus dem Raum marschierte, eilte sie ihm hinterher.
Sie wollte noch einmal hören was er da sprach und sie wollte den wahren Grund dafür wissen, doch er verweigerte eine Antwort, und so hetzte sie wieder rein und stellte Svenja und Jolinn zur Rede.
Es kam zu einem wüsten Disput zwischen den vieren, und Roghvatr, wohl auch ziemlich mit der Situation überfordert verließ langsam das Zimmer.
Sie war sich klar, dass Svenja und Jolinn damit zu tun hatten, und als sie es ihnen auf den Kopf zusagte, begann Svenja Elina heftig zu beschimpfen. Elina hörte nur, wie sie zu ihr sagten, dass sie eine Kuh sei, und dass sie nichts dafür können, wenn Elina zu dumm sei um einen Mann zu halten. Als dann jedoch noch Spjall ihr an den Kopf warf, dass sie Ziege zu ihren Ziegen gehen soll, da war es genug für Elina, das hatte sie nicht verdient.
Sie liebte Tiere, und für Elina waren all diese Tiere etwas Besonderes, aber sie spürte genau, dass Spjall, Svenja und Jolinn sie damit verletzen, beleidigen und treffen wollten.
Als es für Elina nicht mehr ertragbar war, wie sie sie beschimpften, und den Arbeitsraum verließ, hörte sie nur mehr die letzten Worte von Spjall, "Los…raus da, verschwinde!"
So schnell es ihre Beine zuließen, lief sie auf ihr Pferd Mani zu, schwang sich hoch und verließ Grimwould.
Im wilden Galopp, sie bemerkte nicht mal wie sich sie die Arme und Beine an den Ästen der Bäume aufriss, ritt sie zum Bauernhof.
Man hatte sie aufs Tiefste beleidigt, man hatte ihr die Liebe, und man hatte ihr auch ihre Ehre genommen.

Wie sollte es nun weiter gehen?

Als sie so an ihr Pferd Mani gelehnt da stand, das Gesicht voller Tränen hörte sie das Traben eines Pferdes.
Sie blickte kurz auf und sah, dass Roghvatr ihr wohl gefolgt war. Er musste gespürt haben, wie sehr die drei Elina im Tiefsten ihres Herzens getroffen hatten.
Er nahm sie einfach freundschaftlich in seine Arme und versuchte sie zu trösten.
Sie standen so lange Zeit ganz still, und Elina ließ ihren Tränen freien Lauf.
Elina war schrecklich müde, die Beine waren weich wie Butter und sie zitterte am ganzen Körper. So murmelte sie zu ihm dass sie einfach nur schlafen wollte, und hoffte, dass, wenn sie aufwachen würde, sich alles nur als einen bösen Traum herausstellen würde.
So legte sie sich auf die Felle ihres Lagerraumes und schlief völlig entkräftet ein.

Nach einigen Stunden des traumlosen Schlafes erwachte Elina und ihr wurde sofort bewusst, dass die Geschehnisse kein Traum waren sondern Wirklichkeit.
Aber sie wusste nun auch ganz sicher, dass sie weg wollte, weg von Grimwould, weg von den Dreien, sie wollte ihnen nie wieder begegnen.
Also ritt sie leise in der Finsternis ein wenig versteckend zurück, schlich sich zum Haus und dort sah sie, dass Spjall schon ihre Habseligkeiten aus ihrem gemeinsamen Raum geworfen hatte.

Entsetzt griff sie sich an den Kopf.
Was war nur in ihn gefahren?
Er musste verrückt geworden sein.

So schnell sie konnte eilte sie zu Argos und übergab ihm alles Nötige.
Sie umarmte ihn noch, bat ihn, gut auf Evja und ihren Welpen zu achten, nahm Lucas Hund Einohr in ihren Arm, stieg aufs Pferd und ritt eilig ins Freie in Richtung Hafen.
Hier war das Meer voll mit Seeungeheuern.
Zum Glück hatte ein Schiff angelegt, so bat sie den Kapitän, den kleinen Hund nach Berchgard mitzunehmen und ihn an die Dame Blockhart zu übergeben.
Doch zuvor hängte sie Einohr noch eine kleine Muschel in einem Säckchen um den Hals, diese sollte Luca zeigen, wie sehr sie ihn in ihr Herz geschlossen hatte und dass sie ihn nie vergessen würde.
Sie drückte den Hund noch einmal fest, übergab ihn einem Matrosen, sah dem Schiff bekümmert hinterher.
Da zog sie auf einmal eine mächtige Seeschlange ins tiefe Meer.....
Jolinn Hinrah

Beitrag von Jolinn Hinrah »

Lange noch saß sie in ihren Fellen, beobachtete ihre Welpen, wie sie schliefen.
Ja, sie hatte sehr viel Vertrauen mittlerweile in Elina gesetzt. Gerne erinnerte sie sich an den Abend, als sie auf den Fellen saßen und Elina sich zu ihr begeben hatte, um ein wenig mit den Welpen zu spielen. Jolinn hätte Elina ihre Welpen ohne weiteres anvertraut - keine Frage. Umso mehr verletzten und schockierten Elinas Worte sie. Gedanken gingen durch ihren Kopf, sie hoffte ernsthaft, dass es nur wegen ihrer Wut war, die sie zurecht hatte.
Sie schloss die Augen und ließ den Tag revue passieren. Sie erinnerte sich daran, dass sie im Keller war und dort ein wenig für Ordnung sorgte. Spjall und Svenja hatten sich auf die Suche nach der Truhe mit den Reagenzien gemacht, die zur Verwunderung aller leer war. Vermutlich hatte Nethard einiges an Tränke zusammengemischt - eine andere Erklärung gab es hierfür kaum. Im Lagerraum hatten sie sich alle drei zusammen gefunden und haben über den Clan gesprochen. Über Evja, die mit ihrem sturen Schädel und ihrer zickigen Art und Weise auf ihre Art Eigen ist, über den Rest, darüber, das Falk fehlen würde, sehr fehlen würde. Nach langen Gesprächen lenkte sich das Gespräch auf Elina. Spjall wusste nicht, was er tun sollte.

Jolinn erinnerte sich. Allzu oft saß er bei ihr und hatte mit ihr gesprochen. Sie sagte ihm immer wieder, er solle auf sein Herz hören und danach entscheiden. Aber jenes war wohl ziemlich kompliziert. Oftmals klagte er ihr sein Leid, bat sie um Rat. Sie wollte nicht, dass Elina schon wieder einen Menschen verlor. Sie hatte die Sache mit Falk damals schon so schwer verkraftet. Aber noch weniger wollte sie, dass Elina mit einem Mann liiert war, der sich seiner selbst ihr bezüglich absolut nicht sicher war. Es war mit Sicherheit nicht schön irgendwann erfahren zu müssen, dass der Mann, den man liebt, nur mit einem Zusammen ist, weil er Angst davor hat, dass man sich etwas antut. Es war eine schwere Situation, die Jolinn schon nächtelang wach gehalten hatte. Sie überlegte hin und sie überlegte her, aber letztendlich war es eine zu verzwickte Lage. Es war an Spjall seit eh und je eine Entscheidung zu treffen. Jolinn wusste, dass er zwischen Elina und Svenja hin und her gerissen war. Und sie sah, wie ihre Schwester unter der Situation litt. Aber Jolinn war auch klar, dass Svenja nie etwas tun würde, um die beiden auseinander zu bringen. Dazu hatte sie viel zu viel Stolz. Wie oft saß Svenja bei ihr und weinte sich aus? Aber Jolinn war sich sicher, sie wusste es, Svenja hatte nie irgendwas getan um die Beiden zu trennen. Vielmehr war Svenja froh, dass sie normal mit Spjall umgehen konnte. Jolinn wünschte sich für Svenja sehr, dass es irgendwann einen Mann für sie gab, der auch zu ihr passen würde und ihre Gefühle erwiderte. Und Elina? Sie hoffte inständig, dass Spjalls Gefühle für Elina irgendwann die Richtigen wären. Wenn sie könnte, hätte sie es so verändert, aber sie konnte nicht. Sie wusste, Svenja war um einiges stärker als manch anderes Thyrenweib, zumindest dann, wenn es um die Kerls ging. Aber Elina wollte sie eine erneute Enttäuschung ersparen - und dennoch, sie verstand Spjall auch. Sie verstand jeden einzelnen Schritt für ihn. Sei es, dass er bei ihr blieb weil er Angst hatte, dass sie sich was antun würde. Immerhin hatte er sie ja trotzdem in sein Herz geschlossen. Ebenso verstand sie auch, dass er irgendwann selbst nicht mehr konnte. Denn er war derjenige, der zu kurz gekommen war. Liebe konnte man nicht erzwingen, entweder war sie da oder nicht.
Aber der Abend war eindeutig zu viel für Jolinn gewesen. Spjall, der sich erkundigt hatte, was er tun sollte - Jolinn, die keine Ahnung hatte, was das Beste war. Aber vermutlich war es besser, wenn auch Elina irgendwann die Wahrheit erfuhr. So hatten die Beiden niemals eine Zukunft. Und ehe sie noch weiteres sagen konnten, eilte Spjall die Treppen hinauf. Jolinn und Svenja hechteten hinterher.
In der Werkstadt angekommen war niemand mehr. Sie gingen kurz in den Hof, aber auch dort war niemand, also gingen sie zurück in die Werkstadt. Svenja setzte sich auf ihren Platz und nähte ein Kleid zusammen, wobei sie sich recht baldig in den Finger stach. Unmittelbar danach wurde die Türe aufgeworfen und eine erzürnte Elina stapfte durch, sah Jolinn und Svenja abwechselnd an. Was sie Spjall gesagt hätten wollte sie wissen. Was sollten sie Spjall gesagt haben? Sie hatten ihm nichts weiter gesagt, sie hatten ihm nur angeraten, dass er, wenn er sich nicht mehr sicher ist, nicht weiter in einer Illusion leben soll. Das würde sich kein Weib auf der Welt wünschen. Elina donnerte Svenja entgegen, dass sie genau wüsste, dass sie hinter Spjall her wäre. Jolinn schaute recht verdutzt. Jenes war nicht einmal ihr aufgefallen und Svenja tat alles andere als Spjall nachzusteigen. Svenja war ihre Schwester, sie hatte Stolz und Ehre, sie würde keinem Kerl nachlaufen, dazu gab es noch genügend andere. Es musste also etwas sein, was sich Elina gewaltig eingeredet hatte. Denn Svenja, Svenja hatte sich nie an Spjall rangemacht. Dafür würde Jolinn schon fast ihre Hand ins Feuer legen. Aber Elina suchte weiter ihren Schuldigen in Jolinn und Svenja. "Ich hab doch mit eurem Streyt neyds zu tun und blök mal Svenja neyds so an, die hat sich neyds zu schulden kommen lassen." Ein langgezogenes Seufzen überkam ihre Lippen und sie sah weiter zwischen den beiden hin und her, welche nun begannen sich anzuknurren. Elina warf Svenja immer wieder energisch vor, dass Svenja sich in ihren zweiten Segen einmischen würde. Svenja wehrte den Vorwurf ab, knurrte ihr jenes entgegen. Spjall brüllte immer wieder dazwischen, dass die Beiden - Jolinn und Svenja - nichts damit zu tun hatten, aber Elina war davon nicht abzubringen.
Irgendwann war es Jolinn zuviel. Sie hatte es satt, sie hatte es so abgrundtief satt. Dauernd durfte sie sich Vorwürfe anhören, dass sie irgendwas verbrochen hätte, dabei hatte sie von Anfang an nichts böses vor. Sie hatte Spjall zugehört, er kam im Vertrauen zu ihr. Sie hatte ihm die nötigen Ratschläge erteilt, mehr konnte sie nicht tun. Was Spjall damit machen würde, war allein seine eigene Sache. "Jetzt reychts. Elina, deyn Spjall is nur mit dir zusammn gebliebn weyl er keynen Bock hatte das du dey was antust. Da können wir neyds was dafür. Also halt uns da mal raus."
Aber auch da durfte sie sich nur Vorwürfe anhören, sie würde sich eh nicht raushalten, sie wolle nur das Böse für Elina, einzig allein. Sie hätte angeblich überall ihre Finger drin. Sie verstand Elina nicht. Sie verstand sie einfach nicht. Vorwürfe über Vorwürfe. Die letzten Wochen hatte sie sich nach den anfänglichen Schwierigkeiten immer für sie eingesetzt, egal was war. Sie hatte Elina mit eingebunden, sogar in Erwägung gezogen, Elina intensiver als die Anderen mit ihren Welpen vertraut zu machen. Und dann durfte sie sich sowas anhören? "Für was hab ich mey eygentlich überhaupt für dey eyngesetzt Elina?" Aber auch da fuhr sie Jolinn nur wieder über ihren Mund, sie habe sich nie für sie eingesetzt, sie habe sie schlecht geredet. Wenn sie das doch wusste, dann musste sie doch auch wissen, dass Spjall lange Zeit schon überlegte. Selbst Argos konnte es bezeugen. "Endlich geschafft was ihr so lange vor hattet!" Jolinn hatte keinen Nerv mehr. Egal, was sie sagen würde, Elina hatte ihre eigene Version davon im Kopf. Anstatt ihre Augen zu öffnen verrannte sie sich weiter in dem, was lange Zeit schon vom Tisch war. Und selbst damals traf Jolinn keine Schuld. Jolinn hatte es nie beabsichtigt, Falk irgendwem wegzunehmen. Damals hatte Falk sich in sie verliebt und sie sich in Falk - so war der Lauf des Schicksals. Aber vermutlich machte Elina sie noch immer dafür verantwortlich.

Seufzend quälte sie sich aus den Fellen. Die Welpen schliefen tief und fest, Jolinn jedoch hatte kein Auge zugemacht. Sie hatte Elina nicht mehr gesehen. Dieses Mal würde sie sofort losreiten ohne zu zögern. Es war ihr egal, was Elina dachte. Sie hatte Elina in ihr Herz geschlossen, auch, wenn sie ihr etwas anderes vorwarf. Rasch zog sie sich ihre Rüstung über, schnallte die Verschlüsse fest und befüllte den Köcher mit reichlich Pfeilen. Es war an der Zeit, dass die Wölfin aktiv wurde. Sie führte ihre Stute aus den Stallungen, die unruhig hin und her tänzelte. Sie merkte ganz genau, wie aufgewühlt Jolinn war, als sie sich auf den Rücken des Tieres zog. Es würde eine lange Nacht werden, sie würde die Spur von Elina finden - irgendwie. Die donnernden Hufe entfernten sich von Grimwould und verstummten irgendwann in der Umgebung.
Antworten