Wann würde der verfluchte Schnee endlich verschwinden?
„Als ob der Schnee irgendwas damit zu tun hätte“ kommentierte das herablassende innere Stimmchen, das sich eigentlich eher über Dritte ausließ, seine Gedanken.
Tatsächlich machte sein Wunsch, es möge endlich tauen, nicht all zu viel Sinn. Früher hatte es wirklich am Schnee gelegen, wenn er sich nicht aus dem Haus getraut hatte. Der Hunger machte die Diebe in den Straßen zu Räubern und ließ ihn auch einen Bogen um Leute machen, denen er sonst vertraute. Weiter waren seine Sachen nie wirklich warm genug gewesen, außerdem – und das war entscheidend – hatte er stets beunruhigt bezweifelt, dass seine Tante ihn abends ganz selbstverständlich wieder ins Haus lassen würde. Besser man stand im Winter nicht auf der falschen Seite der Tür...
Hier war allerdings alles anders. Die Lady hatte versprochen, ihn nicht fortzujagen – und auch wenn er sie ihr Wort lieber einmal zu oft als zu wenig erneuern ließ, glaubte er nicht, dass sie es brechen würde. Dazu hatte er den Schlüssel und sobald Amelie ihn besuchte, würde er auch mehr warme Kleider haben, als man auf einmal übereinander ziehen konnte.
Nein, der Winter war kein Grund mehr, im Haus zu bleiben. Solange man von der unverschämten Gemütlichkeit absah, dass es bot... allerdings hatte er sich daran tatsächlich mittlerweile gewöhnt und sehnte sich eher nach dem, was früher alltäglich war und hier gänzlich fehlte. Stimmengewirr auf dem Markt, Gelächter in der Taverne, Feilscherei, in die feinsten Taschen langen und vor den anderen mit der Beute prahlen... raufen, Pläne schmieden, zusammen die Bande aus der anderen Ecke der Stadt verdreschen, das Versteck weiter zur Festung ausbauen... mit der Schleuder um die Wette schießen, die Hunde gegeneinander kämpfen lassen, unter dem Gejohle der Älteren ein Messerturnier gewinnen... heimlich in Karens Sachen wühlen, mit Sehd versuchen das Schloss der Vorratskammer zu knacken, mit Bo über Tante fluchen... abends mit Händen und Füßen um die Decke kämpfen, nur um dann doch eng aneinandergekuschelt einzuschlafen.
Damals hatte es keine Wochen – nicht einmal einzelnen Tage – gegeben, in denen ihn niemand gedrückt, umarmt, geknufft, geboxt oder wenigstens verdroschen hätte.
Hier? Die Lady war zweifelsohne zu wichtig, um angefasst zu werden, zum unauffälligen Näherrutschen waren die Mahlzeiten meist zu kurz... Savea schien ihn nicht leiden zu können oder noch nicht wieder ganz beisammen zu sein, Shaya war zu zurückhaltend und auch selten allein zu erwischen. Mit Viola sah es schon wieder ganz anders aus, sie hätte genauso gut aus seiner alten Nachbarschaft stammen können... Allerdings war sie ein Mädchen, da blieb nicht aus, dass sie sich hin und wieder aufregte und dann beleidigt nichts mehr von ihm wissen wollte. Noch dazu eins, das sich einen Kerl angelacht hatte, zu dem sie gern mal verschwand...
Er kam nicht umhin, ärgerlich die Nase zu rümpfen. Sicher hatte er selbst versucht, sie von der Notwendigkeit eines Beschützerfreundes zu überzeugen – aber damals hatte er versäumt, sich darüber Gedanken zu machen, in wessen Bett sie wohl lieber schlafen würde, wenn sie erst einen gefunden hatte.
Das war das Problem mit Frauen, alle viel zu wechselhaft. Heute nett und morgen launisch, was hier fehlte waren Männer. Alles war viel unkomplizierter, wenn man sich bei Meinungsverschiedenheiten ordentlich prügelte und danach wieder prächtig verstand. Für all seine gnadenlos klugen Ideen gelobt wurde. Nicht jedes Wort sorgsam auswählen musste. Rotz gedankenlos hochziehen, runterschlucken oder wegspucken konnte...
Je länger er darüber nachdachte, desto lieber wäre er direkt aus dem Fenster geklettert und in die Stadt gerannt, um sich auf die Suche nach Bo oder zumindest irgendwelchen anderen Jungen zu machen.
Einen Monat lang hatte er nun jeden Tag am Fenster gesessen und hinausgesehen, nicht selten von der Morgen- bis zur Abenddämmerung. Bis auf den alten Frosthexer hatte sich dem Haus niemand schlechtes genähert... Hieß das, dass sie ihn nicht suchten oder nur nicht fanden? Sicher war er sich da nicht. Vielleicht war es nur der Haussegen und nicht das Amulett. Dann wäre es Selbstmord, hinauszugehen. Und sonst? Ziemlicher Unfug, hier sitzen zu bleiben.
Er traute sich mittlerweile, die Tür zu öffnen – statt nur wartend hinter ihr stehen zu bleiben – wenn einer der Bewohner heranritt. Mit der Lady war er zweimal im Kloster und zweimal in Varuna gewesen. Mit dem Pferd war es wirklich nicht sonderlich weit... Nie schien sie jemand verfolgt zu haben, allerdings waren sie auch zu schnell gewesen, als dass er sich wirklich hätte umschauen können. Vielleicht hatten die auch nur die Zauberei der Lady gespürt und beschlossen, zu warten, bis sie ihn allein erwischten. Sicher konnte man da nicht sein...
In Varuna war es ganz in Ordnung gewesen. Immerhin waren da viele Wachen und zu passieren schien auch nichts, immerhin liefen lauter hübsche unversehrte Frauen herum und nicht einmal der Graf trug eine Rüstung... Außerdem waren so viele Leute dort, keiner würde ihn einfach unbemerkt fortreißen können... außer durch einen Luftriss, merkte ein leises Zweifeln an. Oder, weil es einfach niemanden kümmerte... Nein, das war Unfug, die meisten konnten ihn leiden. In Bajard hatten sie ihn auch weggelockt – verhext zum Mitgehen gezwungen, korrigierten Ego und Gewissen –, einen offenen Kampf in der Menge schienen sie zu scheuen... Und damals war es dunkel gewesen, vielleicht verkrochen sie sich tagsüber ja immer in ihren Kerkern. Dagegen sprach, dass sie mit ihm auch im Hellen draußen gewesen waren...
Kurz bevor er an Saveas ketzerischem Lied und der Verständnislosigkeit der Lady verzweifelt war, hatte sich Rothgar endlich wieder sehen lassen. Sein Schwert bewundert, seinen Heldentaten gelauscht und mit ihm geübt – kurz: seinen Abend gerettet. Genaugenommen hatte er ihm nur zwei Paraden beigebracht,
Luca sah sich jedoch nicht mehr allzu weit vom unbesiegbaren Schwertkämpfer entfernt – dem Ziel ungefähr so nah wie dem des Lesenkönnens, nachdem die Lady ihm gezeigt hatte, wie sich sein Name schrieb. Sir Rafael war sich ziemlich sicher, dass man die Hexer erschlagen konnte, wie jeden anderen auch. Die Lady und Rothgar schienen der gleichen Meinung, also konnte es nicht schaden, sich ranzuhalten... Dem Frosthexer hatte er fast die Finger abgeschnitten, warum sollte er nicht auch die anderen erstechen können? Er musste sich langsam wirklich einigermaßen beherrschen, Rothgar nicht einfach aus dem Bett zu zerren, um weiterzuüben.. Hoffentlich meldete sich Victoria bald, hoffentlich hatte sie seine großzügige Spende in der Kirche nicht übersehen. Dumm, dass der Kerl vor ihm fast noch demonstrativer seinen ganzen Geldbeutel in die Kiste geleert hatte, daneben sahen seine paar Münzen nicht mehr all zu grandios aus... Egal, sie schien nett und würde ihm sicher auch so helfen. Nein, Savea würde ihn nicht mit dem Unglück beschmieren, das sie durch ihre lose Zunge heraufbeschwor. Sollte der Brudermörder sie allein holen, er würde sich kein Bein mehr ausreißen, um ihr zu helfen, sondern sich im Schutz neuer Amulette auf ein „Ich hab’s dir ja gesagt!“ beschränken... Die Vorstellung ließ ihn flüchtig grinsen und wieder hinausschauen. Vielleicht könnte er sich tatsächlich bald wieder in die Stadt wagen...
Winter
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Estrella Blockhart
- Beiträge: 22
- Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20
Die Wintermittagssonne schien auf die schneebedeckten Dächer als Estrella mit ihrem Pferd in Bajard eintraf. Mit wachen Augen sah sie in jedes einzelne Gesicht. Stets bedacht darauf, selbst nicht von den falschen Leuten erkannt zu werden. Bajard war für sie kein sicherer Ort. Wie eine Katze auf Beutejagd sah sie sich genau um. Ihr Pferd brachte sie beim hiesigen Stallmeister unter, wo sie wenigstens halbwegs sicher gehen konnte, dass jenem nichts passieren würde auf ihrem Streifzug durch das Städtchen.
Die Wege waren schon beinahe unbedeckt vom Schnee. Man sah, dass hier viel Handel getrieben wurde und dementsprechend reisten auch viele Leute durch die Stadt. Jederzeit hätte sie überfallen werden können, aber dieses Vorhaben verlangte ihre strengste Geheimhaltung. Niemand anderen wollte sie mit hinein ziehen. Das hatte sie Luca versprochen. Sie hielt nach einem jungen Mann Ausschau. Immer wieder tastete sie die Leute mit ihren Blicken nach folgenden Attributen ab: Weißes Hemd, blaue Weste, Lederhose…ungefähr 16 Sommer musste er sein.. er mochte seine Haare sehr und fummelt gerne darin herum.. und er läuft Frauen nach. Das war alles, das sie wusste. Die Weste und das Hemd würde sie bei diesem harten Winter wohl nicht zu Gesicht bekommen.. selbst der ärmste Bettler hatte sich mit allen was er hatte oder finden konnte eingehüllt. Eine weitere Mutprobe war es sich in die Taverne zu trauen. Das hätte sie am Abend gleich sein lassen können. Eine Frau, die abends alleine in die Taverne geht, wäre dort Freiwild gewesen. Das wusste sie. So lugte sie zuerst ganz vorsichtig ins Innere der Taverne, bis sie sah, dass nicht viele Leute in der Stube saßen. Sie streifte ihre Kapuze zurück und sah sich genau um. Da waren lauter alte Männer und Frauen mittleren Alters, die aber dort offensichtlich als Kellnerinnen angestellt waren. Kein einziger, der auch nur annähernd Bo ähnlich gesehen hätte nach Lucas Beschreibung. Seufzend ging sie wieder hinaus.
Sie sah noch einmal in allen Gassen und Winkeln nach, doch sie konnte keinen jungen Mann entdecken. Dort sahen ihr nur bettelnde alte Männer und Hunde entgegen. Sie gab ihnen ein paar Goldstücke und ging suchend weiter.
Sie musste sich wirklich überlegen wo sie nun weitersuchen sollte. Es wird wohl das Beste sein, zuerst Luca wieder zu besuchen, um ihm von ihren Erlebnissen zu erzählen.
„Bo wo versteckst du dich nur? Dein Bruder macht sich Sorgen um dich.“ Das waren ihre Gedanken als sie auf ihrem edlen Pferd wieder nach Hause ritt. Auch im Wald unweit von Bajard schaute sie noch einmal ganz genau um ja keinen Schlupfwinkel zu übersehen. Sie hoffte sehr, dass es ihm gut ging, und sie ihn zur Beruhigung von ihrem kleinen Freund bald finden könnte.
Die Wege waren schon beinahe unbedeckt vom Schnee. Man sah, dass hier viel Handel getrieben wurde und dementsprechend reisten auch viele Leute durch die Stadt. Jederzeit hätte sie überfallen werden können, aber dieses Vorhaben verlangte ihre strengste Geheimhaltung. Niemand anderen wollte sie mit hinein ziehen. Das hatte sie Luca versprochen. Sie hielt nach einem jungen Mann Ausschau. Immer wieder tastete sie die Leute mit ihren Blicken nach folgenden Attributen ab: Weißes Hemd, blaue Weste, Lederhose…ungefähr 16 Sommer musste er sein.. er mochte seine Haare sehr und fummelt gerne darin herum.. und er läuft Frauen nach. Das war alles, das sie wusste. Die Weste und das Hemd würde sie bei diesem harten Winter wohl nicht zu Gesicht bekommen.. selbst der ärmste Bettler hatte sich mit allen was er hatte oder finden konnte eingehüllt. Eine weitere Mutprobe war es sich in die Taverne zu trauen. Das hätte sie am Abend gleich sein lassen können. Eine Frau, die abends alleine in die Taverne geht, wäre dort Freiwild gewesen. Das wusste sie. So lugte sie zuerst ganz vorsichtig ins Innere der Taverne, bis sie sah, dass nicht viele Leute in der Stube saßen. Sie streifte ihre Kapuze zurück und sah sich genau um. Da waren lauter alte Männer und Frauen mittleren Alters, die aber dort offensichtlich als Kellnerinnen angestellt waren. Kein einziger, der auch nur annähernd Bo ähnlich gesehen hätte nach Lucas Beschreibung. Seufzend ging sie wieder hinaus.
Sie sah noch einmal in allen Gassen und Winkeln nach, doch sie konnte keinen jungen Mann entdecken. Dort sahen ihr nur bettelnde alte Männer und Hunde entgegen. Sie gab ihnen ein paar Goldstücke und ging suchend weiter.
Sie musste sich wirklich überlegen wo sie nun weitersuchen sollte. Es wird wohl das Beste sein, zuerst Luca wieder zu besuchen, um ihm von ihren Erlebnissen zu erzählen.
„Bo wo versteckst du dich nur? Dein Bruder macht sich Sorgen um dich.“ Das waren ihre Gedanken als sie auf ihrem edlen Pferd wieder nach Hause ritt. Auch im Wald unweit von Bajard schaute sie noch einmal ganz genau um ja keinen Schlupfwinkel zu übersehen. Sie hoffte sehr, dass es ihm gut ging, und sie ihn zur Beruhigung von ihrem kleinen Freund bald finden könnte.
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Luca
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- Registriert: Dienstag 1. September 2015, 12:53
Zur Abwechslung hatte er die Hälfte des Tages heute nicht vor dem Fenster sondern vor seiner Truhe verbracht. Keiner außer ihm hatte einen Schlüssel und keiner würde sie fortnehmen, hatte die Lady – wie gewöhnlich notgedrungen mehrmals – versichert, und so sammelten sich hier nun seine Schätze. Er bewunderte die Schnitzerei, die Estrella ihm mitgebracht hatte. Zum einen, weil es ein Adler war, zum anderen, weil sie ihn daran erinnerte, dass die beiden Frauen extra hergekommen waren, um ihn zu besuchen. Fast hätte er nicht mehr daran geglaubt, Warten war noch nie seine Stärke gewesen...
Aber sie waren da gewesen und den Nachmittag über hatte er beide für sich gehabt. Von seiner Heldentat und allem, was sonst noch so geschah erzählt, Kuchen aufgetischt und sich von Amelie für die neuen Kleider ausmessen lassen. Viel wichtiger war aber, dass Estrella Bo suchen würde und er sich nicht mehr ganz so furchtbar untätig vorkommen musste. Vielleicht war das schon die Beterei, die Wirkung zeigte, immerhin hatte er sich seinen Bruder mit aller Kraft hergewünscht.
Aber sie waren da gewesen und den Nachmittag über hatte er beide für sich gehabt. Von seiner Heldentat und allem, was sonst noch so geschah erzählt, Kuchen aufgetischt und sich von Amelie für die neuen Kleider ausmessen lassen. Viel wichtiger war aber, dass Estrella Bo suchen würde und er sich nicht mehr ganz so furchtbar untätig vorkommen musste. Vielleicht war das schon die Beterei, die Wirkung zeigte, immerhin hatte er sich seinen Bruder mit aller Kraft hergewünscht.
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Luca
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- Registriert: Dienstag 1. September 2015, 12:53
Nachdem die Lady recht deutlich gemacht hatte, was sie von der Namensgeschichte hielt und wer im Zweifelsfall Schuld an Unglück sei, tat er sein Bestes, Savea gänzlich aus dem Weg zu gehen. Schwierig war es nicht, da sie sich ihrerseits entschieden zu haben schien, ihn zu ignorieren. Lästiger als sie wurde ihm allerdings schon bald wieder das Alleinherumsitzen. Der Markt und selbst der Kirchenbesuch hatten viele alte Erinnerungen geweckt und ließen ihn wieder ein wenig mehr an das Stadtleben als an die Nacht bei den Hexern denken.
Er brauchte jemanden, der die Gegend auskundschaftete um ihm zu sagen, was vor sich ging und ob irgendjemand Ausschau nach ihm hielt... Shaya traute sich wegen den Anguren nicht, Rothgar und Viola trieben sich herum, auch die Lady ließ sich nicht sehen und Savea schied natürlich aus.
Für flüchtige Betrachter musste er auf seinem Stammplatz das gleiche Bild wie in den letzten vier Wochen abgeben; allerdings täuschte der Eindruck. Das resignierende Starren war angespanntem Ausschauhalten gewichen, zumindest in den ersten Stunden hatte er den festen Vorsatz, jeden vorbeireitenden Bekannten heranzubrüllen und loszuschicken...
Er brauchte jemanden, der die Gegend auskundschaftete um ihm zu sagen, was vor sich ging und ob irgendjemand Ausschau nach ihm hielt... Shaya traute sich wegen den Anguren nicht, Rothgar und Viola trieben sich herum, auch die Lady ließ sich nicht sehen und Savea schied natürlich aus.
Für flüchtige Betrachter musste er auf seinem Stammplatz das gleiche Bild wie in den letzten vier Wochen abgeben; allerdings täuschte der Eindruck. Das resignierende Starren war angespanntem Ausschauhalten gewichen, zumindest in den ersten Stunden hatte er den festen Vorsatz, jeden vorbeireitenden Bekannten heranzubrüllen und loszuschicken...