Assaf Taj
Das gleißende Licht der Sonne brach durch den Eingang der aus verwitterten Lehmziegeln errichteten Hütte, um sich in einem, erst vom Abendrot beendetem Kampf mit der Hitze des kleinen Herdfeuers zu messen.
Ein Kampf bei dem kein Sieger zu Bestimmen war.
Erfüllt war diese drückende Hitze mit dem nicht enden wollenden Singen der Frauen bei ihrer Arbeit.
Wolken von weißem Staub wallten in dem schattenerfüllten Raum empor, während die Alten und die ganz Jungen der Sippe das geförderte Salz in gleichförmige Blöcke sägten.
Doch gilt diese Geschichte nicht Ihnen, sondern einem anderen der diese Hütte ebenfalls sein Heim nannte.
6 Männer befanden sich in dem weißen Tunnel zum Herz des trockenen Berges.
Alle in schwere, verkrustete Lumpen gewickelt, auf denen Salzstaub und Schweiß teilweise schon eine Kruste gebildet hatte.
Ein unzulänglicher Schutz vor der menschenfeindlichen Hitze und dem wie Sandpapier auf der Haut reibenden Salz.
Assaf war einer von ihnen.
Als jüngster Sohn in der Sippe der Salzarbeiter war es an ihm die Säcke voll Salzbrocken den Weg ans Licht der brennenden Sonne.
Sein Großvater Rachid war der Salzmeister, und das Salz welches unter seiner Führung gebrochen wurde war außergewöhnlich Rein, und bei den Händlern hochgeschätzt.
Sein Vater Saiman wiederum hatte das Handwerk von ihm erlernt, auch wenn ihm noch 30 weitere Jahre in den Stollen von der Erfahrung dessen Vaters trennten.
Doch auch Sein Salz war schon begehrt, und erzielte gute Preise auf dem Markt.
Die beiden Älteren Brüder Assafs waren die Lehrlinge der Patriarchen, so daß das Handwerk wohl auf eine weitere Generation in der Familie bleiben würde.
Assaf hingegen würde lediglich als Knecht in der Mine arbeiten können, da das Recht des Erstgeborenen nicht mit ihm war.
Oft träumte er in den langen Stunden des ewig gleichen Rhythmus von auf und ab des Weges im Stollen.
Salz herauf, und der leere Sack wieder hinab.
In diesen Träumen war er mehr als ein einfacher Salzknecht.
Er war ein Krieger, gepanzert in blitzende Kettenpanzer und bewaffnet mit magischer Klinge und auf dem Rücken eines wilden Vollbluthengstes.
Hinter ihm ein Heer Menekanerkämpfer, und vor ihm die Welt, bereit sich ihm, im Namen des Emirs Untertan zu machen.
Doch es blieben nur Träume im Kopf eines Jungen.
Die Nacht war kalt in der Wüste aus Fels und Geröll während Assaf auf der suche nach der vermaledeiten Ziege durch die dunklen Gebirge aus Sand wanderte.
Eng schlang er sich die Decke um die von harter Arbeit schmerzenden Schultern.
Warum hatten die Frauen auch grade ihn auf die Suche nach diesem kleinen Ausreißer geschickt statt ihn schlafen zu lassen?
Natürlich kannte er den Grund.
Er trug am wenigstens zum Unterhalt der Familie bei, war nur der Helfer für alle, weder Meister noch Lehrling eines anerkannten Berufes dachte Er bitter und nahm einen weiteren Schluck aus der mitgebrachten Kallebasse.
Der Branntwein erwärmte seinen unterkühlten Körper von Innen.
Sich die Müdigkeit aus den Augen reibend schaute er vom Gipfel einer Düne zu dem weißen Rund des Mondes herauf, der wie eine riesige Silbermünze den nächtlichen Himmel über der Wüste erhellte.
Doch was war das?
Eine Wolke schien sich vor die bleiche Scheibe zu schieben.
Immer größer schien sie zu werden, und die Umrisse wurden immer schärfer.
Einer geflügelten Schlange gleich stürzte sich der schwarze Schatten auf ihn herab.
Stolpernd wich der Junge Menekaner zurück, als er plötzlich keinen Boden mehr unter seinen Füßen spürte und sich überschlagend den Hang der Düne herabstürzte.
Als er in einer Wolke aus kaltem Staub schließlich wieder zur Ruhe Kahm hatte ihn tiefe Ohnmacht umschlungen.
„Erwache Kind meiner Tränen.“, erscholl eine sanfte, ätherische Stimme im Geiste des Jünglings.
Mühsam öffnete Assaf seine Augen, um sie sogleich wieder zusammenzukneifen.
Eine Hochgewachsene Frauengestalt stand dort vor ihm, gekleidet nur in eine Aura aus brennend weißem Licht.
„Dir ist nicht der Weg meiner Tränen vorherbestimmt mein Kind.
Schreite den Weg des Stahl.
Es wird eine Zeit kommen da mein Volk den Schutz von Klinge und Pfeil bedarf,
und auch dir ist es bestimmt ein Teil dieses Schildes zu sein.“
Mit einem liebevollen Lächeln, wie eine Mutter es wohl aufsetzen würde beugte sie sich über ihn, und eine einzelne Träne fiel aus ihrem Antlitz, und lief über das Gesicht des zu ihr emporblickenden Assaf.
Dann stieß brennender Schmerz ihn wieder in eine schwarze Ohnmacht.
Die feuchte Zunge der entflohenen Ziege weckte ihn schließlich am nächsten Morgen.
Kein Anzeichen schien mehr auf die Anwesenheit des nächtlichen Besuchers zu schließen.
Vielleicht war es ja doch nur ein aus zuviel Branntwein geborener Traum gewesen?
Mühsam setzte er sich auf, als ein scharfer Schmerz in erneut zu Boden Peitschte.
Ängstlich betastete Assaf sein Gesicht, den Quell der Pein.
Eine lange, kaum verheilte Wunde erstreckte sich von seinem rechten Schläfenansatz bis hinunter zur linken Spitze seines Kinns, und nur Glück konnte sein rechtes Auge verschont haben.
War also das nächtliche Geschehen wirklichkeit gewesen?
Oder hatte er sich beim Sturz verletzt?
Vor Schmerzen keuchend rappelte der Menekaner sich langsam auf.
Egal ob es Wirklichkeit war, er würde daran glauben.