Das Erbe derer von Seranyth

Darian von Seranyth

Das Erbe derer von Seranyth

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Kapitel Eins: Vergessenes, Vergangenes – Die Kindesentführung

Düstere Wolken zogen sich über das Anwesen zusammen, während die Eltern des jungen Darian am Fenster auf und ab gingen. Was hatte dieses seltsame Pergament zu bedeuten?

Zwei Monde war es jetzt her, dass man ihnen ihren erstgeborenen Sohn genommen hatte. Zwei Monde und bisher hatten sie kein Lebzeichen von ihm außer dieses Pergament, auf welchem sich nichts weiter befand außer die Nachricht, dass es ihrem Sohn gut gehen würde. Noch nicht einmal ein Jahr war der Sprössling der Familie alt. Seine Mutter gab sich ihren Tränen hin, wobei sein Vater kalt blieb. Er hatte es in all den Jahren verlernt zu lernen, es gehörte nicht zu der Etikette, die er wahren musste.

Weitere düstere Jahre zogen über das Land und lies das Ehepaar allein. Bei den Göttern, nicht einmal Alatar, der All-Eine Gott schenkte ihnen erneut Nachwuchs. War das die Strafe dafür gewesen, dass sie ihren einzigen Sohn außer Acht gelassen hatten? Dabei waren sie nur für einen Moment unachtsam gewesen und dafür sollte eine solche Strafe für sie vorgesehen sein? Dana, die Mutter Darians stand oftmals am Fenster, blickte über den großen Garten und die Einfahrt, die sich zum Anwesen hinaufschlängelte. Die Äste der Bäume peitschten im Wind, der sich eiskalt die kleinsten Ritzen suchte, um ins Haus zu gelangen. Das Feuer flackerte im Kamin. Und dennoch, es war meilenweit nichts von ihrem Sohn zu sehen. Die ganze Grafschaft hatten sie alarmiert, Truppen waren losgezogen um Darian zu suchen, aber selbst als der letzte tapfere Krieger zurückkam glaubte Dana noch immer daran, dass es einen Weg geben müsse, ihren Sohn wieder zu finden.

Ein paar Wochen zuvor…

Es war ein leichtes Spiel gewesen für die junge Frau, sich Zutritt zum Haus zu beschaffen. Eigentlich wollte sie sich Gold und Schmuck aneignen, den größten Wert des Hauses wollte sie für sich bergen. So strich sie durch die Zimmer, von Raum zu Raum, es war mucksmäuschenstill in den Räumlichkeiten, allein das Feuer im Kamin knackste und der kalte Marmor spiegelte das Innere ihrer Seele wieder. Ob sie aus freien Stücken hier war oder ob sie jemand geschickt hatte, konnte man auf den ersten Blick nicht sagen. Die Kälte, die ihre Augen umgab, konnte kaum einer beschreiben.

Nachdem sie auf leisen Sohlen alle Räume durchforstet hatte kam sie letztendlich in den Wohnraum der Familie. Dort war wohl der wärmste Raum und mit der Zeit wurde der jungen Frau auch klar, wieso es so war. Eine kleine Wiege mit einem schlafenden Neugeborenen befand sich dort. Sie sollte den wertvollsten Schatz des Hauses mitbringen, so wurde es ihr befohlen. Was war wohl wertvoller als ein kleines Kind und dessen Leben? Nicht einmal das ganze Gold des Landes konnte dieses Kind ersetzen, der ganze Reichtum war Nichts im Vergleich zu diesem Kind. Sie wusste, wie es war, wenn man einer Mutter ihr Kind nahm, ihr Ein und Alles. Und so wickelte sie den Kleinen in warme Felle, sorgte dafür, dass er behütet weiterschlief und nicht drohte aufzuwachen, während sie das Haus verließ.

Der Rückweg stellte sich als komplizierter heraus, als sie es sich vorstellte. Zwar war das Haus leer, das komplette Anwesen sah aus, als wären alle ausgeflogen, aber der Weg durch das kleine Hafendorf war schwierig. Hier und da wurde sie gesehen, gänzlich konnte sie ihre Spuren womöglich nicht verbergen, aber wer wusste es schon, wie schnell diese Familie darauf kam, nach ihrem Sohn suchen zu lassen.
Mit eiligen Schritten eilte sie auf ein Schiff, verließ jene Inseln, die sich in den Meeren weit weg von ihrer Heimat zusammengefunden hatten. Sie konnte nur hoffen, dass niemand ihr nachreisen würde…
Und sie hatte Glück, ihr war niemand nachgereist, niemand hatte es vorerst für voll genommen, dass sie mit einem Kind auf dem Arm auf ein Schiff stieg und davon fuhr. Schließlich hätte es sehr wohl auch ihr eigen Fleisch und Blut sein können. Mit gutem Gewissen fuhr sie zurück nach Hause.

Einige Tage hatte die Schifffahrt gedauert, in denen sie den kleinen Jungen gewickelt, gefüttert, gehegt und gepflegt hatte, als wäre es ihr eigen. Vielleicht sah sie ihn auch mehr oder weniger schon als ihr eigen an, auch wenn sie wusste, sie musste ihn überbringen. Ihn an einen Mann abgeben, der es schon seit jeher versucht hatte, der Familie des kleinen Jungens schaden zuzufügen. Mit wehmütigem Blick ging sie von Bord.

Währenddessen wuchs die Sorge im Anwesen der von Seranyth von Tag zu Tag. Schon bei der Rückkehr der Eltern hatte das Kindermädchen verlauten lassen, dass der Sohn entführt worden war. Der Hausherr selbst fackelte nicht lange und ließ seine treue Bedienstete hängen, um Vergeltung für seinen Sohn einzufordern, während seine Frau seit dem Zeitpunkt des Verschwindens das Essen verweigerte. Der erstgeborene Sohn, einfach so verschwunden ohne eine Spur, welche sie zu ihm führen konnte. Und umso länger der Zeitpunkt des Verschwindens zurück lag, umso geringer war die Hoffnung, dass ihr Sohn noch am Leben war.

Einige Jahre später..

Es war nicht so gewesen, dass er nun von jetzt auf gleich begeistert darüber war, dass dieses dumme Stück Weib den kleinen Jungen der Seranyth entführt hatte, hatte er ihn nicht gleich als wertvollstes Gut der Familie angesehen. Aber umso mehr er darüber nachdachte, über den Hausherren der Seranyth, über seine Arroganz, umso klarer wurde ihm: Der Hausherr der Seranyth – sein eigener Cousin - musste bestraft werden und das sollte seine Strafe sein. Er würde seinen Sohn nicht mehr zu Gesicht bekommen, zumal sich jener kleine Krümel schon bei ihm selbst eingelebt hatte. Darian, der bis zu seinem jetzigen Standpunkt keinerlei Ahnung hatte, dass sein Vater, den er da vor sich sah, gar nicht sein Vater war. Längst hatten beide den Adelstitel abgelegt und keiner war auch nur ansatzweise dahinter gekommen, dass sich hinter jenem kleinen Jungen eigentlich ein Blutsgeborener verbarg.
Darian saß in einem kleinen Stuhl in der Bibliothek, die Beine hatte er über die Lehne gelegt, von aufrecht sitzen war keinerlei Spur. Gelangweilt blätterte er in einem Buch. Es war nicht so, dass das Buch auf seinem Schoß lag und er gemütlich den Finger befeuchtete und die Seiten Blatt für Blatt umblätterte. Nein. Das Buch lag auf dem Tisch und mit seinem Finger fuchtelte er hin und her, ließ die Blätter im Buch in Windeseile hin und her blättern. Gerade einmal elf Jahre war er nun. Der Inhalt des Buches interessierte ihn genauso wenig wie der Rest, der ihn umgab. Zwar versuchte sein „Vater“ immer wieder, den kleinen Jungen zu animieren, aber er hatte es nie geschafft. Bis zu dem Zeitpunkt, als in Darian die Magie erwachte. Damals war er gerade einmal sieben Jahre gewesen, als ihn die Kälte in der Nacht eingeholt hatte und er aufstehen wollte. Doch als er mit ausgestreckter Hand nach dem Fenster greifen und es zuschieben wollte, wich es seiner Hand aus und ging von alleine zu. Er dachte sich damals nichts dabei, obwohl es windstill war schob er es auf einen Windhauch, der durch das Zimmer zog. Solche Zufälle gab es oftmals und je älter er wurde, umso häufiger traten sie auch ein. Es waren Kleinigkeiten. Zum Beispiel wollte er seinem Vater auf sein Bitten hin den Krug Milch zuschieben, jener Krug machte sich aber Millimeter vor der Berührung des Glases selbstständig. Für einen Außenstehenden sah es aus, als würde Darian das Glas selbst bewegen, nur er selber wusste: Er berührte das Glas nicht. Und so gelang es dem kleinen Jungen auch, die wenige Magie, die er verspürte in diesen Momenten zu bündeln. Immer öfter versuchte er, kleine Dinge und Gegenstände zu bewegen. Bücher, Stifte, Pergamente, Gläser. Und umso mehr er sich darauf konzentrierte und je mehr er verstand, auf was es ankam, wie er sich konzentrieren musste, desto besser klappte es. Es waren kleine Dinge, die er bewirken konnte. Und er dachte sich auch nichts dabei, für ihn war es das Normalste auf der Welt, so konnte er sich an nichts anderes erinnern als das ihn jenes Glück schon immer begleitet hatte. Nichts ungewöhnliches, als das er es bei seinem Vater hätte ansprechen müssen. Und so saß er weiter in seinem Stuhl und blätterte und blätterte in dem Buch, ohne die Seiten zu berühren. Er konzentrierte sich einfach auf die Seiten, fixierte sie mit seinem Blick und blätterte weiter. Er hatte nicht bemerkt, dass sein Vater zur Tür hereinkam und sah, was er da vollbrachte.
Eine Weile beobachtete sein Vater sein tun, legte den Kopf schief und sah seinem Sohn weiter mit Wonne zu, wie er sich auf das Buch konzentrierte. Zwar waren es keine Taten, die belegen würden, dass seine Magie durchaus Gutes tun könnte, Kriege und Schlachten gewinnen, über Leben und Tod, am besten allerdings über Tod, zu entscheiden. Aber so etwas konnte man beeinflussen, wenn Darian nicht selbst schon schlau genug war, um zu wissen, was er damit anrichten konnte.

Ein paar Jahre später..

Zwanzig Winter war Darian nun alt. Alt genug, um seine Erfahrungen und seinen Glauben gesammelt zu haben. Zwanzig Jahre, in denen er sich entwickelt hatte und zwanzig Jahre, in denen er seinen eigenen Weg gegangen war. Einen Weg, der ihn zu seinem Glauben geführt hat – den Glauben an Alatar. Er lebte seinen Glauben nicht wie ein Besessener aus, aber dennoch hatte er ein gesundes Gespür für seinen Glauben. Sein Glauben war seine Kraft, seine Fähigkeiten waren seine Macht. Über die Jahre hinweg hatte er nichts weiter dazu gelernt, wer konnte sich selbst auch etwas aneignen, von dem er nur die ersten Züge im Blute hatte? Über fünf Jahre hatte er zuhause damit verschwendet, sich Bücher durchzulesen, die sein Vater ihm gegeben hatte. Fünf Jahre lernte er alles über das Leben, den Glauben und das, was wichtig war: Über Leben und Tod entscheiden zu können und mit seinem Werk etwas bewegen zu können. Sein Vater war immer ein weiser Mann gewesen und er schätzte ihn sehr. Er war sein Mentor, sein bester Freund und sein engster Vertrauter zugleich geworden, auch wenn er anfangs gar nicht mit ihm warm geworden war. So viele Antworten auf Fragen war er ihm schuldig und die hatte er bis heute noch nicht bekommen. Etwa weitere drei bis vier Jahre verbrachte Darian in einer Art Kloster. Nicht, um ein Zölibat zu leisten, sondern vielmehr, um zu sich selbst und zu seiner Macht zu finden. Zu der dunklen Macht, der schwarzen Macht durch die Magie, in der Darian längst durch all die Bücher, die er gelesen hatte, seinen Sinn fand.
Darian war gerade auf dem Weg zurück nach Hause gewesen, er musste sich ein wenig die Beine vertreten, als er von Weiten den Horizont hell erleuchtet vor sich liegen sah. Zuerst zögerte er bis ihn ein mulmiges Gefühl überkam. Seine Mutter hatte er nie kennen gelernt, ihm blieb nur noch sein Vater. Schnell ging er weiter und umso näher er kam, umso penetranter roch es nach verbranntem Holz und Stoff und langsam wurde ihm immer deutlicher klar, bei was er gerade Zeuge wurde. Erst als er vor dem kleinen Haus stand, vor seinem Zuhause, hatte er die Bestätigung für das, was er vermutet, aber so weit von sich geschoben hatte. Das Haus brannte lichterloh. Darian hörte die Schreie, die entsetzlichen Schreie, die aus dem Haus kamen. Doch er konnte seinen Vater nicht retten, er sah, wie sein Vater in den Flammen des Hauses verbrannte. Der ganze Zorn, die ganze Wut, die sich über ihm zusammen braute konnte er kaum noch kontrollieren. Starr lagen die Augen vor ihm, vor all den Schaulustigen, die sich um das Haus gesellt hatten. Keiner half ihnen, keiner half seinem Vater. Alle sahen sie zu, wie er verbrannte. Schritt für Schritt ging Darian auf das Haus zu. Schritt für Schritt auf die Menschen, die davor standen und er sah, wie sie röchelnd und um Luft ringend zur Seite traten, als er auf das wackelige Gartentor zutrat. Er war sich nicht bewusst, dass er durch seine Wut all das ausgelöst hatte. Er sah zu dem Haus, die Schreie seines Vaters, seines Mentors, waren längst versiegt. Mit kaltem und leerem Blick sah er zu einem der Fenster. „Ich werde erreichen, was du mir gelehrt hast!“ Und mit diesen Worten drehte er sich um, die Kälte seiner Seele, seines Herzens stand in seinen Augen. Kurz griff er in seine Seitentasche und runzelte die Stirn, als er ein Buch darin fand. Ein schwarzes Buch. Er schlug das Buch auf, diesmal hielt er es jedoch in seinen Händen.

„Mein Sohn, du wirst deinen Weg finden!“

Er wusste, was zu tun war. Zwar wusste er noch nicht, dass seine Wege ihn zum Orden treiben würden, aber er wusste, dass das, was auf ihn warten würde, das Richtige war.
Darian von Seranyth

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Kapitel Zwei: Das Kapitel der ‚von Seranyth’

22 Jahre war es her. 22 Jahre, das ihnen ihr Sohn genommen wurde. Der Erstgeborene der Familie von Seranyth war spurlos verschwunden und niemand hatte auch nur die leiseste Ahnung, wo Darian sein konnte.
Noch heute – 22 Jahre später – stand Dana immer wieder an jenem Fenster, an welchem sie auch damals stand, an dem Tag, als sie erfuhr, dass ihr über alles geliebter Sohn weg war. Wer wollte sich an ihnen rächen? Wer wollte der Familie so schaden?
Damals hatten sie sich auf die Suche gemacht nach ihrem Sohn. Sie hatten die ganze Grafschaft und das ganze Reich hinter sich, alle, jeder Einzelne hielt die Augen auf und jedes Mal hoffte Dana, dass jemand an der Tür klopfte mit einer Nachricht von Darian. Aber es kam nichts. Nichts über seinen Tod, nichts über sonst was. Es war, als habe es Darian nie gegeben. Nur den kleinen Zettel hatte sie noch immer in einem Buch aufgehoben. Ein Zettel, der ihnen die Angst nehmen sollte, dass Darian etwas zugestoßen war. Oftmals weinte Dana sich in den Schlaf, auch, wenn ihr Mann das nicht gerne sah. Für Immanuel war Darian tot, nicht mehr am Leben. Er hatte sich damit abgefunden, dass er seiner Blutslinie keinen Sohn geschenkt hatte. Aber Dana? Nein, sie konnte ihren Sohn nicht vergessen, eine Mutter hatte doch eine ganz andere Verbindung zu ihren Kindern und sie wusste, Darian war noch am Leben. Irgendwo lebte er, weit weg von diesem Königreich und hatte keinen blassen Schimmer, dass eine ganze Familie auf ihn wartete.
Nach etwa 10 Jahren erhellte sich der ergraute Horizont der Familie, indem sie endlich wieder eine kleine Tochter von Alatar geschenkt bekamen. Iljana-Jolie sollte sie heißen, Darians kleinere Schwester. Für Dana war es eine Erleichterung, für Immanuel war es fast nicht zu ertragen, dass er eine Tochter bekam. Natürlich liebte er seine Tochter über alles, aber er hätte sich so sehr einen ebenbürtigen Nachfolger gewünscht, wo sein Sohn doch längst tot war.

Es kam eine recht schwierige Zeit für die gesamte Familie. Es hatten sich Alle eingefunden nach der erschütternden Nachricht, dass der Großvater von Darian schwer erkrankt war. Ein Bote des Hauses von Seranyth überbrachte allen Kindern von Ferdinand Titus von Seranyth ein Schreiben, in dem über die misslichen Umstände seiner Gesundheit berichtet wurde. Immanuel setzte, als er jenes Schreiben in der Hand hielt, alles daran, seinen Vater zu sich in sein Haus zu holen und mit ihm all seine Brüder und Schwägerinnen. So kam es, dass Konstantin, der Zweitgeborene nach Immanuel, mit seiner Frau noch am selbigen Tag anreiste, ebenso wie Marwin, der jüngste Sohn Ferdinands, gemeinsam mit seiner Gemahlin Mariella und der Tochter, Sophia. Alle hatten sich versammelt und standen um das Bett, auf welchem Ferdinand gebettet lag. Kraftlos umschloss er die Hand seines ältesten Sohnes Immanuel und obwohl der Tod längst sein Gesicht gezeichnet hatte, lächelte er. Man sah ihm an, wie froh er war, dass er all seine Kinder und Enkelkinder um sich hatte. Selbst Iljana-Jolie, die erst einmal vier Jahre alt war saß bei ihrer Mutter und begleitete ihren Großvater auf dem letzten Weg. Vor einigen vielen Jahren, Jahrzehnten waren die von Seranyth in den Adelsstand gerufen worden. Damals hatte sich die Familie von Seranyth dadurch ausgezeichnet, dass sie mit all ihrer Kraft als eine Einheit hinter dem Herrscher des Landes standen. Kriege hatten sie geführt, Heere hatte ein ‚von Seranyth’ angeführt und mit Bravour vollzogen. All das stand in den Familiengeschichten, die in den vielen Büchern in der Bibliothek niedergeschrieben waren. Die Treue zum Reich, zum Herrscher, zum Glauben hatte sich über die Jahre hinweg gehalten. Nie war es so gewesen, dass sie sich vom schwarzen Glauben – so wie er von vielen bezichtigt wurde – abgewandt hatten. Es war auch nicht so gewesen, dass die Familiengeschichte der Seranyth eine tragische Familiengeschichte war. Sie waren seit jeher eine normale Familie gewesen, die sich für ihren Herrscher und ihr Reich eingesetzt hatten, ganz egal, was sie zu verlieren hatten und was sie dafür opfern mussten. Der Ur-Ur-Ur-Großvater von Darian war damals Erzmagus am Hofe des Herrschers gewesen, stand ihm mit Rat und Tat zur Seite und mit der Zeit entwickelte sich die Familie der Seranyth immer weiter. Die Krieger der Familie, es waren nicht sonderlich viele, zogen mit in den Krieg. Die magisch Begabten der Familie übergaben ihr Wissen und ihre Seele an ihren einzigen Herrscher, dessen Nachfolger und wiederum dessen Thronfolger. Unter den Frauen kristallisierten sich recht bald handwerkliche Fähigkeiten heraus, einige der Damen gingen der Schneiderei nach, wenige der hübsch anzusehenden Damen hatten, was den Kriegern und jenen, die in den Krieg zogen zugute kam, heilende Hände. Wenn man auf die schwierigen Zeiten des Landes zurück sah, war die Famile von Seranyth immer an der Seite des Herrschers. So hatten sie sich an seiner Seite herauskristallisiert durch ihren Tatendrang und ihre Zugehörigkeit und nach etlichen Jahren des Dienstes an Haus und Hof des Herrschers erhob dieser den Ur-Ur-Ur-Großvater von Darian in den Stand eines Barons. Seit dieser Zeit, und es war, um ehrlich zu sein, wirklich schon eine Weile her, zog sich die Blutslinie durch das Land. Es war nicht üblich, dass die Titel, in dem Fall der Titel des Barons an denjenigen weitergegeben wurde, der als Erstes geboren wurde. Das wäre viel zu einfach gewesen für einen dunklen Blutsgeborenen und wäre ihrer selbst nicht ebenbürtig.
So passierte es zum Beispiel auch, dass Ferdinand, jetziger Baron von Seranyth sich mit seinem Bruder Stephan von Seranyth nicht etwa duellieren musste, auch jenes wäre zu einfach gewesen. In jedem der beiden Brüder brach nach dem Zeitpunkt des Todes ihres Vaters ein Revierkampf aus und es zeigte sich sehr schnell, wer von beiden überlegener war. Stephan versuchte seinen Bruder mit vergiftetem Essen zu töten, blöderweise hatte nicht bedacht, dass Ferdinand in seinem Haus grundsätzlich jemanden das Essen probieren lies. Ferdinand wiederum war brutaler und geschickter, seine Idee seinen Bruder durch einen tragischen, ja, man konnte es Unfall nennen, sterben zu lassen, setzte sich durch und somit erschlich er sich das Erbe des Titels des Barons.

Und so saß die ganze Familie weiterhin am Sterbensbett des Barons von Seranyth, der mit Stolz auf seine Söhne hinab sah. Drei Söhne hatte er in die Welt gesetzt. Immanuel, Konstantin und Marwin. Marwin selbst hatte längst eine Tochter, Sophie. Sie war im gleichen Alter, wie Darian es wäre, würde man ihn noch unter den Lebenden vermuten. Tränen wurden in dem Raum nicht vergossen, erst als Ferdinand, Baron von Seranyth, die Augen schloss ließ Immanuel seine Hand los und verließ den Raum, nach ihm der Rest der Familie. Immanuel wusste längst, was es für den Rest hieß. Er musste schnellstens dafür sorgen, dass seine Brüder das Leben ließen um sich den Titel des Barons zu erbeuten. Schon in der selbigen Nacht setzte er sich über den Schreibtisch und machte sich Notizen, die er aber im gleichen Atemzug wieder verbrannte. Pläne, die über Leben und Tod entschieden, sollten niemals aufgeschrieben werden, zu schnell könnte sie jemand finden und einen Strich durch die Rechnung machen. Bei dem Jüngsten der drei Brüder, Konstantin, war es ein leichtes Spiel. Immanuel wusste, dass Konstantin einen sehr festen Schlaf hatte. Leise schlich er in das Gemach welches seine Frau Dana ihm bereitgestellt hatte und vergiftete ihn mit einem Serum, welches er ihm auf die Lippen träufelte. Jeder musste, man leckte sich automatisch über die Lippen, wenn diese trocken wurden und so nahm Konstantin das Gift in sich auf, den nächsten Tag sollte er nicht mehr erleben und folgte seinem Vater fast zeitgleich in den Tod. Aber Immanuel wusste, für Marwin musste er sich weitaus mehr einfallen lassen. Marwin war vorsichtig und durch den Tod ihres gemeinsamen Bruders gewarnt. Aber Immanuel musste mindestens genauso schnell handeln, schließlich hatte er keine Lust seines Bruders wegen durch das halbe Reich zu gondeln, um ihn ausfindig zu machen und zu töten. Am nächsten Tag ließ er die Leiche seines verstorbenen Bruders Konstantin aus dem Haus schaffen. Früh morgens noch, bevor die Sonne aufging, war seine Leiche längst verschwunden. Die halbe Nacht hatte er sich für beide seiner Brüder einen Plan überlegt, doch der zweite Plan war nicht ganz so einfach umzusetzen. Wie sollte er seinen weiteren Bruder loswerden? Immanuel hatte absolut keine Ahnung und bangte längst um seinen Titel, als sein Bruder Marwin wutentbrannt auf ihn losstürmte. So kannte er Marwin gar nicht, aber vermutlich wollte Marwin nur das Gleiche, was er auch haben wollte – den Titel seines verstorbenen Vaters. Immanuel war perplex, wie er im Flur der oberen Räumlichkeiten stand und seinen Bruder auf sich zustürmen sah mit dem Dolch in der Hand. Immanuel hatte keinerlei Möglichkeit außer zurückzuweichen. Aber Marwin machte in seiner Wut einen Fehler, einen Fehler, der ihn das Leben kostete. Er achtete weder darauf, wie er Halt hatte, noch darauf, wie er Halt bekommen würde, wenn er das Gleichgewicht verlor. Es war ein Griff, ein Stoß von Immanuel und sein Bruder flog die Treppen rücklings hinab. Das Knacken und Brechen der Knochen war deutlich zu vernehmen, erst recht der Bruch des Schädelknochens und des Nackens. Das dunkelrote Blut durchtränkte den Teppich, was aber kaum von dem normalen dunklen Rot des Teppichs zu unterscheiden war. Aber sein Bruder war tot – war einfacher als gedacht, viel zu einfach, teilweise hätte sich Immanuel auch fast darüber aufgeregt, weil es ein viel zu einfaches Spiel gewesen war. Und so nahm Immanuel von Seranyth das Erbe seines Vaters an und wurde zum Baron von Seranyth ernannt. Stolz erhobenen Hauptes marschierte er zurück zu seinem Anwesen, die Banner der Familie, das seit Jahrzehnten gehütete Wappen der Familie brannte auf dem grauen Stein hervor, stach aus den schwarzen, im Wind flackernden Flaggen.


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Darian von Seranyth

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Kapitel 3: Verwirrende Träume

Darian hatte den Weg zum Orden gefunden. Es war nun an der Zeit aus dem, was er erreicht hatte, noch mehr zu machen. Er hatte sich in den Reihen der Arkorither eingefunden. Recht schnell hatte er sich in der großen Burg zu Recht gefunden, ebenso wie in Rahal und er begab sich die erste Nacht in der Burg zur Ruhe.
Die vielen neuen Eindrücke und das Lied hatten ihn aus dem Gleichgewicht gebracht, er fühlte sich müde. Und so schloss er die Augen.
Erst als ihn fieberhafte, wirre Träume aus dem Schlaf rissen, öffnete er die Augen und sah sich verwirrt um. Es dauerte eine Weile, bis er seine Orientierung wieder hatte und auch wusste, wo er war. Wenige Sekunden zuvor wusste er noch detailliert, was er geträumt hatte, aber jetzt, wo er komplett wach war, kam es ihm vor als wäre es nur noch schleierhaft in seinem Kopf. Er erinnerte sich nur noch daran, dass eine Frau ihn auf dem Arm hielt und in den Schlaf wiegte. Aber was jenes zu bedeuten hatte, wusste er nicht. Schließlich war seine Mutter längst gestorben und auch sein Vater war mittlerweile tot. Kurz zog er die Schultern nach oben, es sollte ihn nicht weiter interessieren, was er geträumt hatte. Schließlich waren es nur Träume.
Die nächste Nacht verlief etwa gleich. Wieder wachte Darian auf, schweißgebadet, doch dann erinnerte er sich an nichts mehr, als er die Augen geöffnet hatte. Es war alles spurlos verschwunden, was er zuvor noch so klar geträumt hatte. Er zitterte am ganzen Körper, so dass er sich erst einmal ein Glas Wasser holte. Jenes Spiel wiederholte sich Nacht für Nacht, etwa eine Woche lang. Immer wieder träumte er etwas, was sich letztendlich zu einem großen Teil zusammensetzen sollte.
Am letzten Tag der Woche holte ihn wieder einer der Träume ein. Wieder schlief Darian recht unruhig in dem kleinen Schlafgemach. Kleine, kalte Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn.
Im Traum ging er einen Weg entlang, den er zuvor nie gegangen war. Steinig war der Weg, führte zu einem größeren Haus, die Kacheln des Hauses waren schwarz wie die Nacht. Nur ein paar Kerzen flackerten in den Fenstern des Anwesens, ebenso wie die schwarzen Flaggen im Wind. Langsam ging er weiter auf das Haus zu, die Tür stand offen und er trat hinein. Der Geruch, der ihm entgegen kam war so vertraut. Er hörte Stimmen, vorsichtig ging er Schritt für Schritt weiter. Die große Eingangshalle sah gigantisch aus, auf dem Boden war das Wappen auf der Flagge in den Boden geritzt worden, die zwei Treppenaufgänge verliefen in einen großen über und der blutrote Teppich zierte jene Treppen bis zum oberen Ende und verlief dann in den Flur über. Die großen Fenster waren kaum zu erkennen, draußen war es schwarz, die Nacht war über das Anwesen gezogen, einzig allein die roten Vorhänge erklärten ansatzweise, dass sich dort Fenster befinden mussten. Kaminfeuer knisterte hinter der Tür, vor der Darian stand und sie im Traum aufschieben wollte.

Er setzte sich im Bett auf. Sein Kopf hämmerte und schmerzte, vor seinen Augen flackerte es. Irgendwas in ihm sagte ihm, dass irgendwas nicht mit Rechten Dingen passierte. Er rieb sich mit den flachen Händen über das Gesicht. Dieses Mal konnte er sich an den Traum erinnern. Aber was wollte der Traum ihm sagen? Was sollte ihm das Gefühl sagen, welches er nun verspürte? Er konnte das Gefühl kaum beschreiben, Tarja war ebenso wach geworden, die neben ihm lag. Aber er konnte ihr nicht beschreiben, was er fühlte. Es fühlte sich an, als habe er eben irgendetwas erfahren, nur wisse er noch nicht, wie er es in seinem Leben einordnen sollte. Es war keine Sorge, die Tarja in die Augen geschrieben war, es war vielmehr die schlechte Laune, dass sie wieder einmal durch ihn geweckt wurde. Murrend drehte sie sich um und schlief weiter. Aber Darian konnte nicht schlafen. Er zog sich die Robe über und verließ das Zimmer, er würde sich über die Bücher setzen, die in der Bibliothek standen. Irgendwas musste er herausfinden.



Die Tür wurde aufgeschoben und ein junger Mann trat durch die Tür. Die Familie saß gerade am Tisch, als jeder einzelne davon aufsah. Immanuel wie auch Dana und die kleine Iljana-Jolie. Ein fremder Mann mitten im Raum und doch schien er so vertraut. Dana legte das silberne Besteck zur Seite und sah ihn an, fragend war ihr Gesichtsausdruck. „Kann man euch weiterhelfen, werter Herr?“ Vielleicht war es die Erlösung, vielleicht hatte er eine Nachricht von Darian. Selbst wenn sie über seinen Tod benachrichtigt wurde, wenigstens konnte sie so endlich ihre Ruhe finden. Aber der junge Mann stand da und sah sich schlicht und ergreifend einfach nur um. „Wie ist euer Name, Fremder?“ Erst jetzt wurde sie von dem Fremden bemerkt. Er sah sie an und seine Lippen bewegten sich, sie formten ein „Darian“.

Dana schreckte auf. Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn, das Laken klebte an ihrem Körper. Sie rieb sich die Augen und die kalten Füße berührten den noch viel kälteren Marmorboden des Schlafzimmers. „Ein Traum, einfach nur ein Traum!“ – Dana nahm sich ein kaltes Glas Milch, trank es und legte sich wieder schlafen. Auch sie träumte jene Träume Tag für Tag, bis ans Ende der Woche, erst am letzten Tag wachte sie schreiend aus einem der Träume auf.

„Mutter, ich bin am Leben, ich bin hier!“

Es konnte nicht sein. Wie konnte sie so etwas träumen? Die letzten Wochen hatte sie sich damit abgefunden, dass ihr geliebter Sohn, der in ihrem Herzen nie in Vergessenheit geraten war, vermutlich längst tot war. Und nun träumte sie, dass er noch lebte? Waren all die Jahre der Verzweiflung nicht schon genügend Bestrafung für sie?
Sie sprach nicht über ihre Träume, vielmehr setzte sie sich heimlich daran, wieder Erkundungen über Darian einzuholen. Es musste doch irgendwen geben, der wusste, wo ihr Sohn war. Das Lehen von Seranyth war nicht unbedingt eines der größten Lehen, also musste doch irgendwer ihren Sohn gesehen haben. Er konnte doch nicht einfach so verschwunden sein. Die jahrelange Verzweiflung machte sich wieder in ihr breit. Sie hatte sicherlich irgendetwas übersehen.
Darian von Seranyth

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Kapitel 4: Der Flugzettel

Immer wieder kehrten die Träume heim und hielten Darian wach. Irgendwer trieb ihn dazu, sich um jene Träume zu kümmern. Er hatte keinerlei Ahnung, wonach er suchen sollte. Ein großes Anwesen, schwarzer Banner, aber was sollte ihm das sagen? Angestrengt versuchte er irgendwas Genaueres aus den Träumen herauszulesen, aber es gelang ihm nicht. Es sollte sich wirklich als schwer herausstellen, irgendetwas herauszufinden. Es war die nächste Nacht, die ihm vielleicht einige Fragen beantworten sollte. Diesmal träumte er wieder, die Träume verrieten ihm diesmal einen Namen – seinen Namen. Verwirrt wachte er auf. Es konnte doch nicht sein, dass noch ein Teil seiner Familie lebte?

Die kommenden Tage war er damit beschäftigt, mehr über sich und seinen Nachnamen herauszufinden. Aber wo sollte man damit anfangen? In welchen Büchern konnte er nachschlagen, wen konnte er fragen? Er war fremd hier, niemand sollte seinen Namen kennen.

Währenddessen wurden im Lehen „Seranyth“ die letzten Schreiben verschickt. Diesmal wollte Dana weitgehender suchen. Es war ihre letzte Möglichkeit, etwas von Darian zu finden. Und so schickte sie die Boten, welche reichlich entlohnt wurden, los. Und wieder begannen Tage, vielleicht sogar Wochen oder Jahre, in denen sie bangen musste.



Darian hätte die Träume fast vergessen, hätte es fast schon wieder schleifen lassen, nach seiner wahren Familie zu suchen. Schließlich hatte er keine Ahnung, wo er hätte anfangen sollen. Und dann geschah etwas, vielleicht war es mehr ein Zufall als irgendetwas anderes. In Rahal kannte kaum einer seinen wahren Namen, als Arkorither sollte er trotz allem weiterhin vorsichtig sein. Und so ging er wieder einmal durch die Straßen, die Leute rannten über den Marktplatz, verschafften Waren, junge Frauen schleppten Wasser nach Hause und Männer führten Packpferde durch die engen Gassen. Hier und da hörte er die tratschenden Weiber der Stadt den neuesten Klatsch verbreiten. „Schon gehört, gestern Nacht soll die Bank im unteren Bezirk überfallen worden sein!“ „Mir kam zu Ohren, dass Diebe und Hehler sich im Hafenviertel aufhalten!“ – Darian konnte dieses sinnlose Geplapper kaum noch ertragen. Manchmal war er nahe dran ihnen einfach den Mund mit irgendwas zu stopfen, in der Hoffnung, dass sie daran verrecken würden. Züchtigen sollte man sie, damit sie lernen, ihr Plappermaul zu halten. „ … wird gesucht …seit Jahren … die arme Mutter …!“ die schrille Stimme war kaum zu überhören. „Grauenvoll… wirklich… entführt … als kleines Kind …“ Darian hatte gar keine andere Wahl als das alles mitzubekommen, was die alte Frau sprach, so tiefgehend war ihre Stimme. „Seranyth…“
Darian stockte. Seranyth? Se-ra-nyth? Das war sein Nachname. Was zum Teufel, bei Alatar, woher kannte sie seinen Nachnamen? Er näherte sich der Frau, die sich fassungslos die Hand vor den Mund hielt. Er legte den Kopf schräg, die ausdruckslosen grauschwarzen Augen flackerten nervös hin und her. Seranyth, das war sein Name. Sein Name und niemand hatte das Recht über seinen Namen zu sprechen. Die Zunge würde er ihr abtrennen, sobald er alles gehört hatte. Die Frau sah zu ihm und verstummte, als der Schwarz Berobte zum Stehen kam. Innerlich hatte er Hoffnung. Er wusste nicht, was er erreichen wollte, ob es richtig war, was er hier tat, aber das würde er früh genug merken. Vielleicht war es wichtig, vielleicht nicht. „Was habt ihr da gerade erzählt?“
Die Frau sah ihn an. Sie verstand nicht. „Was ihr da gerade erzählt habt will ich wissen!“ Sein Tonfall war forsch, langsam platzte ihm der Kragen. Er hatte eine Spur und der musste er nachgehen. Die Frau erzählte. Sie erzählte von dem, was sie wusste, hielt Darian ein Flugblatt entgegen. Darian nahm es in die Hände, er wagte es nicht, darauf zu blicken. Vielleicht hatte er eine Vorahnung. Langsam entfaltete er das Papier.

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Die Zeilen brannten sich in seine Augen. Baron von Seranyth. Seranyth war sein Nachname. Darian hieß er. Darian Seranyth. Er war 22 Jahre alt. Das Schreiben steckte er in die Tasche ohne der Frau „Guten Tag“ zu sagen und verschwand.
Darian von Seranyth

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Kapitel 5: Erste Lebenszeichen

Zwei Tage lang hatte er über alles nachgedacht. Er hatte sich Bücher geschnappt, gelesen. Warum hatte er nicht früher darauf kommen können in diesem Buch nachzusehen? Ein Buch, in dem alle umliegenden und sogar weiter entfernten Lehen aufgeschrieben waren. Das Lehen „Shevanor“, Lanaya, Baronin von Shevanor, alles war darin gekennzeichnet. Auch das Lehen „Seranyth“. Es lag sehr weit im Süden, zu Fuß würde man es niemals erreichen. Schätzungsweise würde man auf dem Ross selbst schon einen halben Monatslauf benötigen, bis man die Grenzpfeiler passiert hatte. Sollte er zurück nach Hause? Darian überlegte nicht lange. Nein, er würde nicht zurückgehen. Er war hier zuhause, in Rahal. Und doch nahm er sich einen Kohlestift zur Hand und begann zu schreiben. Immer wieder setzte er ab, zerknüllte den Brief und begann ihn von Neuem aufzusetzen. Wie schrieb man jemandem, den man gar nicht kannte, aber es mit ziemlicher Sicherheit die leiblichen Eltern waren? Darian hatte keinerlei Ahnung, er war überfordert und zog Tarja zu Rate. So oft hatte sie ihm schon beigestanden und weiter geholfen, also konnte sie es jetzt auch. Nicht umsonst war sie die einzige Frau, die nun über viele Jahre hinweg schon an seiner Seite verweilen durfte, immerhin teilten sie das gleiche Wissen und die gleichen Mächte.

Als er fertig war lehnte er sich zurück. Das Schreiben überflog er abermals und steckte es in ein Kuvert. In jenem Kuvert gab er es einem Boten mit und lies es in das Lehen „Seranyth“ bringen. Jetzt musste er abwarten.

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Zwei Wochen später.

Dana nahm die Post entgegen, öffnete die üblichen Briefe und las sie. Den Brief von Darian öffnete sie zuletzt, schließlich hatte sie nicht damit gerechnet überhaupt etwas von ihrem Sohn zu hören, außer eine Benachrichtigung über seinen Tod.
Einen lauten Schrei ließ sie los, als sie den Brief gelesen hatte und war der Ohnmacht nahe. Ihr Sohn lebte also, weit weg von hier, aber er lebte. Sie war hin und her gerissen, ebenso wie Immanuel, der seinen Sohn längst als Tod geglaubt hatte. Beide packten umgehend ihr Gepäck und ließen die Kutsche spannen, um das Lehen zu verlassen und ihren längst verlorenen und wieder gefundenen Sohn zu besuchen.

Es war kaum zu glauben, dass er seinen verloren geglaubten Sohn wieder hatte. Und umso mehr freute sich der Baron darauf, seinen Sohn in seine Arme zu schließen. Weggelaufen konnte er schließlich nicht sein, also traf ihn keinerlei Schuld.

Nur kurze Zeit später machten der Baron und die Baronin von Seranyth sich auf den Weg nach Rahal. Ein langer Weg lag vor ihnen, aber nichts war ihnen zu weit entfernt um ihren einzigen Sohn in ihre Arme zu schließen, schließlich war er, inmitten der ganzen weiteren Mädchen der Familie irgendwann der auserwählte Nachfolger Immanuels, es sei denn, es ward irgendwann noch ein Nachfolger geboren. Auch Darian sollte ein Schreiben erreichen, dass jener Besuch von seinen Eltern bekommen sollte, keiner, weder er, noch seine Eltern zweifelten an der Existenz des Anderen. Und so schien die Familie endlich wieder vereint, es war an der Zeit, dass einige Dinge geklärt werden sollten.
Darian von Seranyth

Beitrag von Darian von Seranyth »

Ansich hatte er gehofft das es etwas entspannend sein würde. Ein kleiner Jagdausflug sollte es werden und etwas Ablenkung würde ihm sicherlich gut tun.
Doch verlief alles etwas anders, als er sich erhofft hatte. Nicht nur das er scheinbar ein begehrtes Ziel der Steinewerfenden Oger, Untoten Magiern, Elementaren und eigentlich allem was einem gefährlich werden konnte, war. Nein, schien es doch auch Lanaya selber auf ihn abgesehen zu haben. Es war grade so, als würde er ihre gewirkten Magien magisch anziehen. Waren es anfangs noch die Auswirkungen kleiner Applikationen, die auf ihn zurück vielen, steigerte sich dies bald bis hin zu den Flammensäulen, den Nachwirkungen kleinerer Erdbeben und sogar schmerzlichen Schlägen, die sie ihm in ihrer dämonischen Gestalt verpasste.
Er konnte sich wahrlich schöneres Vorstellen und sehnte sich, viele weitere schmerzhafte Erfahrungen später, nach einem weichen Sessel und einer guten Flasche Wein oder besser noch Rum, die seinem geschundenen Leib etwas Linderung verschaffen würde.
Langsam kam ihm in den Sinn das er sie unbewusst verärgert hatte und sie nun so ihrer Wut auf ihn freien Lauf lies oder war es doch nur eine weitere von vielen Prüfungen um zu sehen wie viel er aushielt? Wie viel Schmerzen und Pein er über sich ergehen lies ehe er gebrochen war?
Er hoffte inständig das sie ihn zumindest am Leben lies, ob nun mit unzähligen blessuren oder ohne.


....

Der kleine 'Ausflug' war überstanden und mit einem leisen ächzen lies er sich auf dem weichen Polster der Sessel im Obergeschoss nieder.
Die Augen wurden einen Moment lang geschlossen – diese Ruhe, herrlich.
Ein griff zur Seite und er nahm die Flasche Rum, ein überbleibsel der letzten Nacht, sowie ein Glas vom Tisch, um es zu füllen.
Ein fahles lächeln bildete sich auf seinen Lippen als er sich an die gestrigen Gespräche mit Lythiana und Lanaya erinnerte. Auch wenn es, je weiter die Nacht voran schritt, von mal zu mal merkwürdiger wurde und sie beide ihm, mehr als nur einmal, Verwirrung und Skepsis auf die Gesichtszüge zeichneten.
Nur zu gerne hätte er gewusst was ihnen durch den Kopf ging, was sie dazu brachte ihm diese merkwürdigen Fragen zu stellen.

„sollte ein junger Blutgeborener nicht an den Fortbestand seiner Linie denken?“

Vielleicht wieder ein Test? Er erinnerte sich noch gut an das Obst welches ihm Angeboten wurde, durchsetzt mit einer Tinktur die ihm für einige Augenblicke die Sinne raubten.
Ebenso wie das vergiftete Obst, war ihm auch nur der schmerzhafte Hitzeschlag in Erinnerung geblieben, der ihm verpasst wurde.

„In Anbetracht dieser Tatsache gibt es kein vielleicht... zumindest nicht so du einigen .. ehemaligen Ordensmitgliedern weiterhin etwas voraus haben möchtest.“

Widerworte wären unnütz gewesen und er hätte es wohl auch kaum gewagt ihnen zu Widersprechen. Doch warum 'sorgten' sie sich plötzlich so um ihn und seine Zukunft?
Zumindest in einem war er sich sicher, etwas ging ihnen durch den Kopf, es war nur noch heraus zu finden was es war. Vielleicht würde es ja bald wieder eine Gelgenheit geben, bei der er mehr heraus finden konnte um die Verwirrung, die sie beide bei ihm hinterlassen hatten, endlich ordnen zu können.
Azucinnia von Seranyth

Beitrag von Azucinnia von Seranyth »

Ein neues Kapitel: Nichts ist wie es scheint

Die Tage und Wochen strichen durch das Land wie der frische Herbstwind der sein Lied spielte, die Blätter von Boden aufwirbelte um tanzend in der Luft seine Bahnen zu ziehen. Das bunte treiben wurde recht bald durch den kühlen, gar eisigen Wind abgelöst. Mit ihm sein stummer Begleiter, der es vorsah das Land und seine Bewohner in seinen weißen Wintermantel einzuhüllen.
Die kalten Wochen, in denen man sich den Frühling herbei sehnte schwanden wie der Schnee, der durch das kitzeln der Sonnenstrahlen den Kampf klein bei gab, um langsam sein weißes Kleid abzulegen. Nach und nach traten die ersten Gräser und Blumen zu Tage und kündigten mit ihrer Pracht den Frühling an.

Es war bereits eine Zeit verstrichen als Azucinnia sich in Rahal niederließ und ihren täglichen Tun nachging.
Wie sooft kehrte sie am Abend im Bankgebäude ein, lauschte mit einem Anflug von Belustigung den Gesprächen. An sich hatte sie nicht sonderlich viel für Klatsch und Tratsch übrig, jedoch das rot anlaufende Gesicht und die wilden Handbewegungen des Bankiers, wenn er sich wieder über etwas aufregte, waren zu köstlich um freiwillig darauf zu verzichten.
Auch heute zeigte sich wieder, wie schnell man den armen Mann doch zur Weißglut bringen konnte. Nicht nur das die Marktweiber vor sich hin keiften, der arme Schlucker wurde von mal zu mal kleiner, wenn er die Weiber dazu animieren wollte, ihren Streit doch nicht im Gebäude sondern außerhalb, am Besten am Brunnen, wo sie ihre Gemüter abkühlen konnten, fortsetzten.
Ein Fehler, das wurde ihm nachdem die Worte seine Lippen verließen schlagartig klar.
Das Gebrüll und Gekeife der alten Zicken hallten ihm noch immer im Ohr. Ob man taub die Arbeit eines Bankiers fortsetzen durfte?
An sich eine befriedigende Stille, wenn man mit einem Grinsen auf den Zügen den Geschnatter folgen kann, ohne etwas zu hören.
Gut, es war ein wenig unangenehm, dieses pfeifen im Ohr, aber mal davon ab, er ersparte sich von nun an das daher Gerede von seinem Weib.
Besser könnte es eigentlich nicht mehr sein.
Nachdem der Ansturm im Bankgebäude sich aufgelöst hatte, nach mehrfachen Erklärungen, das sie gerne etwas in ihre Banktruhe verstauen möchte, wahrlich eine gute Pantomime gab sie nicht ab, bekam sie das gewünschte und widmete sich ausschließlich nur noch ihrem Hab und Gut.
Ein reines durcheinander strotzte ihr entgegen. Vermutlich hätte sie ein wenig mehr Zeit in die Ordnung stecken sollen, so würde sie sich das nervenaufreibende Suchen nun ersparen.
Einige der Habseligkeiten wurden auf den Tresen platziert, einige andere klemmte sie sich unter ihren Arm, wieder andere wurden von einer Ecke in die andere geschoben, nur um kurze Zeit später die selbe Prozedur zu wiederholen.
Ein Chaos vor dem Herrn.
Sie würde sich, wie sie es jeden Abend tat wieder vornehmen einmal Ordnung in ihr Leben und vor allem in ihr Fach zu bringen.
„Morgen morgen nur nicht heute....“ murmelte sie vor sich hin, nicht ohne dabei mit einem vergnügten Blick durch das Gebäude zu blicken. Wie angenehm diese Ruhe doch war.
Just in dem Moment, als sie ihre Habseligkeiten wieder in das Fach verstauen wollte, blieb der Blick starr auf einen Gegenstand ruhen.
Ihr Leib beugte sich vor, damit niemand es wagen konnte einen Blick in das innere ihrer Kiste zu werfen. An sich war jene Geste total unnötig, waren der Bankier und Azucinnia die einzigen Wesen in diesem Haus.
Sicher war nun mal sicher.
Sie hatte diesen Gegenstand schon vergessen.
Selbst der Versuch sich zu erinnern, wann sie es das letzte Mal in den Händen hielt, wollte ihr nicht in den Sinn.
Eine lange Zeit war vergangen.
Zeit.
Wie schnell sie doch durchs Land zog.
Die Hand streckte sich nach der Kostbarkeit aus und lies es in ihrer Handfläche ruhen.
All die Jahre hatte sie sich vorgenommen heraus zu finden, was es mit diesem Symbol, gar Schmuckstück auf sich hatte.
All die Jahre besaß sie einen Gegenstand der ihr schon bald offenbaren sollte wer sie war.
Der Zeigefinger strich liebevoll, als ob sie es nicht beschädigen wollte, über die Verzierungen des Medaillons.
Es zog sie immer wieder an, wenn sie es berührte.
Eine Gänsehaut zeichnete sich auf ihrer Haut ab, wenn sie es fest umschloss.
Dieses Gefühl in der Magengegend kam jedes mal aufs Neue zum Vorschein.
Gut, dieses Magengefühl was sie indes spürte war der Hunger der sie seit Stunden schon aufforderte dem Gelüst nachzugehen.
Es war spät.
Sie hatte Zeit.
Zeit um sich mit diesem Medaillon auseinander zu setzen.
Nachdem sie die Kette vorsichtig in ihre Tasche verfrachtet hatte, das Fach gut verschloss um sie dem Bankier zureichen, drehte sie sich geschmeidig auf dem Absatz herum und steuerte die schwere Eisentür an.
Ihre Gedanken waren immer noch dabei heraus zu finden, wann sie das Schmuckstück das letzte Mal richtig in Augenschein nahm.
Die Gedanken schwirrten über die Bedeutung dieser Kette.
Ihre Gedanken versuchten krampfhaft Schlüsse zu verknüpfen, um am Ende eine plausible Erklärung für alles zu haben.
Während Azucinnia nun dabei war in ihren Gedanken zu versinken, ließ sie die schwere Eisentür mit müh und not aufschwingen um mit dem selben Schwung in die kühle Nacht hinaus zu treten.

Mal ehrlich, wer hätte damit rechnen können, das zu dieser späten Stunde, mitten in der Nacht noch Gestalten herum laufen, die einen Besuch ins Bankgebäude absolvierten.
Wer hätte den ahnen können, das die schwere Eisentür um Haaresbreite das Gesicht, wohl mehr den Riechkolben des Mannes, liebevoll berührt hätte.
Vor allen dingen, wie sollte man damit rechnen das hinter der Eisentür jemand vor hatte Wurzeln zu schlagen.
Türen gingen nun mal nicht von alleine auf.
Diese Erfahrung durfte dieser Mann nun machen.
Alatar sei ihm gnädig für die Dummheit seine Gedankengänge vor einer Tür zu führen, anstelle einige Schritt weiter sich niederzulassen.
Wie schon erwähnt, war es recht knapp das eine Kollation zwischen Tür und Fremdling vollzogen wurde.
Aber eines hatte diese Begegnung inne.
Azucinnia wurde aus ihren Gedanken gerissen und blickte sichtlich überrascht, vielleicht mag ein wenig der Schreck beigewohnt haben, in das Gesicht des Mannes.
Diese Augen. Kalte Augen.
„Huch“ war das einzige was von ihren Lippen abperlte und ihm entgegen gebracht wurde.
Huch. Etwas intelligenteres fiel ihr wohl nicht ein. Huch.
Wer sagte schon huch.
Wie auch immer, dem Gesicht wurde kein Leid zugefügt, somit quetschte sie sich an den Mann mit den eiskalten Augen vorbei um den Weg Richtung Heim einzuschlagen.
Falsch Gedacht.

Rückblickend hätte sie diese Eisentür vermutlich noch fester aufdrücken sollen, dann hätte sie ganz bestimmt diese Nase in dieser Fratze platt gedrückt.
Verdammt sie konnte im Moment nicht nachvollziehen wieso sie jetzt eingesperrt war.
Für was überhaupt?
Nicht nur das dieser Raum kalt und dunkel war, sie fühlte sich überhaupt nicht wohl in ihrer Haut.
Diese Augen.
Wie sie versuchten durch sie hindurch zu sehen.
Wie eine Ewigkeit kam es ihr vor, als das Handgelenk des Mannes ihrem Arm packte und mit solch einer Kraft festhielt um ihr in die Augen zu blicken.
Ein Schauer kroch ihr über den Rücken als sie abermals das Bild des Szenarios vor sich sah.
Sie bekam diese Augen nicht mehr aus dem Sinn.
Irgendwas stimmte nicht, nur was?
Kalt und eindringlich schallten seine Worte durch ihren Kopf.
Diebin.
Dafür verlierst du nicht nur den Kopf. Alatar wird dich richten
Diebin? Hatte die Eisentür diesen Kerl doch am Kopf getroffen und er wusste nicht was er da sagte.
Verdammt nochmal sie war keine Diebin und schon gar nicht wollte sie ihren Kopf verlieren.
Raus hier. Weg.
Mit aller Wucht versuchte sie sich aufzudrücken und kippte seitlich nieder.
Wie sie Fesseln liebte. Wieso hat er ihr überhaupt Fesseln angelegt, dachte er, sie würde ihm die Augen auskratzen, so die Gelegenheit vorhanden gewesen wäre?
Sie war hier Bürgerin. Seit wann durfte man so mit Mitbürgern umgehen.
Absurde Gedanken tanzten durch ihren Kopf.
Ideen und Möglichkeiten wie sie aus dieser prekären Lage raus kommen konnte.
Es half alles nichts, sie war gefangen.
Diebin, und an allem war diese verdammte Kette schuld.

Just in diesem Moment, als sie sich an den Fremden vorbeidrückte und hinaus in die Nacht trat, packte seine Hand nach ihrem Arm und riss sie rücklings nach hinten.
Sie war wie benebelt ob jener Reaktion, war mit diesem Tun überhaupt nicht zu rechnen.
Er presst sie an die kalte Eisentür, der Griff um ihren Arm wurde nur noch fester.
Zorn und Wut strahlten ihr entgegen, als sie den Blick unverwandt in sein Gesicht schickte.
Diese Augen. Eiskalt. Kein Wimpernzucken. Kälte.
In seiner freien Hand hielt sie ihre Kette.
„Moment mal, das ist meine!“ der Versuch ihm jene aus der Hand zu schlagen war ein armseliger Versuch gewesen.
Sie war nicht wirklich in der Position nun große Heldentaten zu versuchen.
Der Griff wurde noch fester, während er sich zu ihr hinab beugte, um seine schmalen Lippen dicht an ihr Ohr zu führen. Die leise, kalt zischende wie eindringliche Stimme drang in ihr Ohr. Nicht nur der kalte Wind, der sie in seinen Bann zog, auch seine Stimme ließen ihre Nackenhaare zu Berge stehen.
„Woher hast du diese Kette?“
„ Das ist meine, gibt sie mir gefälligst wieder!“ kam es schlicht und zornig von ihren Lippen.
„Lügnerin, woher hast du DIESE Kette!“ wieder wurden seine Worte mit einem kühlen Unterton untermalt, was dazu führte das sein Griff nur noch fester wurde.
„ Ich habe sie seitdem ich ein Kind bin, das ist meine verdammt nochmal, nun lasst mich endlich zufrieden, ehe ich die Wachen rufe!“ nun war sie es, die ihm kalt und sichtlich von sich überzeugt die Worte an den Kopf knallte
Er lachte.
Das Lachen erklang wie ein Echo durch die Gassen.
Es war ein kaltes und sichtlich amüsiertes Lachen.
Es machte ihr Angst.
Dieser Kerl war nicht normal und das richtete bestimmt keine Eisentür an.
„Wir werden sehen!“
Sein Griff wurde schlagartig locker, es hatte gar den Anschein als ließe er von ihr ab.
Er trat die Stufen hinab, beugte sich zum Wachmann, wechselte kurze, ihr unverständliche Worte, um mit einem zynischen Lächeln auf seiner Mimik, gepackt mit einem Blick der sie erstarren lies, zu ihr aufzusehen.
Lauf doch. Renn. Nur weg von hier.
Doch bevor Azucinnia auch nur den Ansatz wagen konnte sich der Flucht zu widmen, langte der Kerl abermals nach ihr und zerrte sie mit.
Die Versuche ihm mit der freien Hand dazu zu bewegen von ihr loszulassen, das Zwicken und Kneifen, gar wild mit der Hand vor sich herum schlagend, brachten die erwünschte Reaktion nicht.
Kam es ihr nur so vor oder grinste dieser Wachmann?
„Sie hat zu viel getrunken! Eine Schande!“ konterte der Kerl gen Wachmann, welcher skeptisch die beiden betrachtete.
„Lügner, so tut doch was, er verschleppt mich. Hilfe!“ sprudelten die Worte über ihre Lippen, ehe sie eine dunkle Seitengasse passiert hatten, ihr Rücken brutal mit der Hauswand Bekanntschaft nahm.
Was dann folgte, daran konnte sie sich nicht mehr erinnern. Ihr wurde schwarz vor Augen und als sie ihre Augen wieder öffnete, befand sie sich schon in diesem Zimmer.
Wunderbare Aussichten standen an..
Darian von Seranyth

Beitrag von Darian von Seranyth »

Sie wollte also nicht reden, gut. Es war ihre Entscheidung und sie hatte es in der Hand, wie lange sie eingesperrt bleiben würde.
Er drehte das Medaillon zwischen seinen Fingern. Die Frage jedoch, woher sie es hatte lies ihn nicht ruhen. Einzig den Mitgliedern der Familie war es vorbehalten diese Kette zu tragen.
Zumindest einen kleinen Hinweis darauf, wem sie es abgenommen haben könnte, fand er in Form der Inizialien, die in jedes dieser Schmuckstücke eingearbeitet wurden.

S. A.

Nun galt es nur noch heraus zu finden, zu welchem Namen sie gehörten, solange würde die kleine Diebin ihre Hände noch behalten dürfen.
Er griff zu einem Stück Pergament, nahm sich einen Federkiel zu Hand und ließ ihn über das Papier gleiten.
Sein Vater würde ihm sicher weiterhelfen können...

...

Die Abendsonne senkte sich bereits und tauchte die Umgebung in einen sanften, rötlichen Schimmer, als Darian wieder Heim kehrte.
Das unscheinbare Schriftstück, wartete förmlich auf ihn und sprang ihm beim betreten seiner Räumlichkeiten sogleich ins Auge.
Seine Mundwinkel hoben sich, als er das Schriftbild erkannte. Ein Brief seines Vaters.
Endlich würde sein Wissensdurst gestillt werden. Das graue Augenpaar flog über die niedergeschriebenen Zeilen und die sonst so kontrollierten Gesichtszüge entgleisten ihm.
Er konnte kaum glauben was er dort las.
Wie sich herausstellte gehörte das Amulett seiner Cousine.
Sophia Azucinnia.
Besaß dieses Gör etwa die Frechheit seine Cousine zu ermorden um ihr ihre Kette zu entwenden?
Er kam wohl nicht darum herum, seinen Gast noch einige Fragen zu stellen. Er musste einfach heraus finden, woher sie diese Kette hatte...
Vielleicht würde ja die freundliche Art eher bei ihr Früchte tragen, als Gewalt. Nur wer konnte schon wissen, welche Wendung dies Gespräch mit sich führen würde.

...

„Tine... der Name kommt mir vor...“ er zog die Stirn nachdenklich kraus. „Sagt dir der Name Anna etwas..?“
„Anna?! Du kennst sie?“
„Wie ist dein Name...?“
„Azucinnia...“
Azucinnia von Seranyth

Beitrag von Azucinnia von Seranyth »

Machtkämpfe - Die Ära von Seranyth

Die Nacht zog ein, bedeckte mit seinem schwarzen Kleid nicht nur die Felder und Wälder in der Umgebung, jeglicher Winkel wurde von den Massen der Nacht ins dunkle eingebunden.
Der kühle Wind peitschte durch das Geäst, schlug gegen die Fenster um einen jeden in sein heulendes Lied einzustimmen.
In den Häusern brannten die Kerzen wie Fackeln, das tanzen der Flammen zeichnete eine wunderschöne Silhouette an den Wänden und Fenstern.
Das knistern des Kamins, das Holz dessen sanfter Kuss mit dem Feuer ineinander überging, würde so manchen dazu animieren sich auf den Fellen vor dem Kamin niederzulassen und dem tobenden Wind in der Nacht keinerlei Beachtung schenken.
Für all jene war dieser Abend einer von vielen. Ein weiterer Tag der zur Neige ging.
Wirklich für alle?

In einem Anwesen, abseits vom Dorf erhellten die Flammen der Kerzen die dunklen, gar kalten Räume. Würde man es nicht besser wissen, indem man tägliche Lieferungen auslieferte, so könnte man von der Annahme ausgehen, jenes wunderschöne Anwesen sei leer stehend, eine leere Hülle ohne Inhalt.
Jedoch nicht heute.
Neben dem Flammenspiel, schlich sich ein Schatten dazwischen. Sich hin und her bewegend, einem lauernden Raubtieres gleich, schlich der Schatten von einer Seite des Zimmers zur anderen.
Ab und an hielt er inne und verweilte am Fenster um in die tiefen der Nacht hinaus zu blicken.
Was er wohl erspähte?
Vielleicht wurde auch nach etwas Ausschau gehalten?

„Du wirst ihn dort nicht erblicken, wann willst du es endlich einsehen? Er ist fort. Er wird nie wieder zurückkehren.
Unser Sohn ist tot. Begreif es endlich!“
Die von kälte geschürte Stimme erklang weder sanft noch liebevoll in die Ohren Danas.
Keine Reaktion, keine Mimik auf ihrem Antlitz ließ erkennen, das die eben ausgesprochenen Worte ihres Gatten zur Kenntnis genommen wurden.
Es war das klirren von Glas, der dumpfe Aufprall auf Holz, welches Dana aus ihren Gedanken und Träumen riß.
Die müden, blutunterlaufenen Augen vom stetigen weinen, glitten durch den Raum, ehe die Quelle, der Unruhestifter ihrer Träume, in ihren Blick viel.
Immanuel.
Sein Glas, das bis eben mit Wein gefüllt war, ruhte nicht mehr auf dem Abstelltisch. Es lag in seinem Scherbenkleid am Boden, durchtrunken von einer rötlich schimmernden Flüssigkeit.
Immanuels Faust geballt und fest umschlossen, die kleinen Äderchen, die sonst niemanden bewusst auffielen, stachen just in diesem Moment förmlich heraus.
Zorn und Wut spiegelten sich in den kalten Augen ab, welche starr auf ihr ruhten.
Er hatte sich mit dem Verlust ihres erstgeborenen Sohnes auf seine Art und Weise abgefunden.
Für Immanuel ging das Leben und die Arbeit weiter. Pflichten und Aufgaben mußten fortgesetzt werden, Trauer und Sorge hatten in seinem Herzen keinen Platz.
Um so mehr wurden die Tagträume seiner Gattin, die Hoffnung ihr Kind wieder in ihre Arme schließen zu können, zu Unmut und Ärgernis seinerseits geschürt.
„Es muss weiter gehen Dana. Es geht weiter. Die Zeit wurde genug mit Warten und Hoffen vergeudet. Es geht weiter. Heute. Jetzt!“
Mit jenen Worten, die keine Widerrede duldeten, erhob sich Immanuel aus dem gemütlichen Sessel und deutete mit einem knappen Nicken seiner Gattin an, den Raum zu verlassen.
Er hat keine Zeit zu verlieren. Die Tage rückten immer näher. Es würde nicht mehr lange dauern bis eine Ära beendet sein und eine neue, Immanuels, beginnen würde.
Die kühlen Gesichtszüge, der siegessichere Blick, welcher starr aus dem Fenster in die Weiten blickte, verrieten, das bereits eine Idee, ein Vorhaben im Kopf Immanuels existierte.
Es war soweit.

Zur gleichen Zeit, einige Flure abseits, hinter einer Tür, in einem der vielen Zimmer des Anwesens, spielte sich eine ähnliche Szene ab.
Die Fingerkuppen ruhten aufeinander. Eine nachdenkliche Mimik zierte das männliche Gesicht, dessen Besitzer im Raume auf und ab ging.
Es mag den Anschein erwecken das sich sonst niemand außer Marwin in den Räumen aufhielt. Ein Stück abseits, in einem breiten, mit Kissen geschmückten Sessel, umspielt von Dunkelheit, saß Mariella, die Gemahlin Marwins, in ihren Arm ihre geliebte und einzige Tochter Sophia Azucinnia.
Mariella kannte ihren Gatten zu gut um seine Körperhaltung, das verziehen der Lippenfront, das erheben von Falten auf der in die Jahre gekommenden Haut, nicht richtig zu deuten.
Zu ihrem und dem Wohle Azucinnias verhielt sie sich still und nahm die Rolle des stillen Betrachters in dieser Aufführung ein. Zu oft spürte sie den Zorn ihres Mannes, wenn sie seine Gedankengänge mit Zwischenrufen unterbrach.
Vielleicht war es das unheimliche Wetter, welches schlagartig einzog oder die gesamte Stimmung im Haus, die ihr heute ein unwohles Gefühl vermittelten, das sie es vorzog heute zu schweigen und abzuwarten.
Irgendwas würde passieren. Sie spürte, nein sie wußte es. Spätestens nachdem Marwin sich zu ihr wendete und zwei eiskalte Augen sie fixierten. Diese Augen, wenn man nicht wußte, das er zwei Brüder hatte, so würde man es an jenen Augen sicherlich feststellen, wenn sie nebeneinander standen.

Der Wind johlte seine Melodie während die Wolken das Himmelszelt in einem rötlichen Schimmer bedeckten.
Eine Nacht die für jeden in Erinnerung blieb und Veränderungen mitbrachte zog ein.

Konstantin ließ sein Leben und jenes nicht freiwillig. Zu jener Erkenntnis brauchte es nicht lange, kannte Marwin seinen arroganten und Macht gierigen Bruder.
Macht.
Für jene vermochte man Opfer zu bringen und wenn es das eigene Blut war, dann auch sie.
Marwin kannte seine Brüder zu gut. Auch ihnen war es aus dem Gesicht abzulesen, das alle drei ein und den selben Gedanken durchstreiften, als die Worte ihres im sterben liegenden Vaters in ihr Ohr drangen.
Sie wussten es, der Tag, das Erbe der von Seranyth anzutreten, war gekommen.
Jeder der drei wußte, das ein jeder sie tragen und leben wollte, die Bürde und damit verbundene Macht.

Nun war es daran einen kühlen Kopf zu bewahren.
Konstantin war schon immer leichtgläubig und naiv. Daher war es für Marwin keine Überraschung, das Immanuel schon alle Hebel in Bewegung setzte, den zweit Ältesten aus den Weg zu räumen.
Jetzt waren es nur noch Immanuel und Marwin.
Marwin und Immanuel.
Einer von den beiden, würde den Morgen nicht mehr erleben.
Für Marwin war der Gedanke, das er die Sonne, das Kitzeln ihrer Sonnenstrahlen auf seiner Haut, das Zwitschern der Vögel in den Wäldern, auch morgen wieder fühlen würde.
Für ihn stand fest, das sein älterer Bruder Immanuel diesen wunderschönen Anblick, nicht mehr zu sehen bekam.
Allerdings war Überheblichkeit keine Eigenschaft die Marwin die seine nannte. Er wog schon immer beide Seiten ab.
Eine Medaille besaß zwei Seiten und es wäre töricht gewesen, wenn er sich nicht alle Möglichkeiten offen hielt und abwägte.
Hinzu kam seine Familie. Sein geliebtes Weib und seine einzige Tochter. Er mußte alles in Erwägung ziehen.
Was wenn Immanuel den Trumpf in den Händen hielt?
Was würde aus seiner Familie werden?
Er konnte sie nicht hier verweilen lassen. Die Gefahr, der Schatten, welcher über diesem Anwesen lag, kroch immer mehr durch die Ritzen, um ins innere einzukehren.
Immanuel würde es nicht zulassen das irgend jemand ihm und seinem Ziel, dem Vorhaben alleine Erbe der von Seranyth zu sein,
im Wege stand.
Sophia Azucinnia!

Ein besorgter Blick, umrandet von nachdenklichen Spuren auf der Stirnpartie blickten auf seinen liebsten Schatz.
Sie würde, so er Marwin der jüngste aus dem Bunde versagen, ihr Leben lassen müssen.
Das konnte und wollte er nicht zulassen. Kein Vater würde es zulassen, das seinem eigen Fleisch und Blut Schaden zugefügt wurde.
Eine gründliche Planung mußte nun strukturiert und erörtert werden. Die Zeit stellte sich auf die andere Seite, um den Druck unter jenen er nun stand beizuwohnen.
Der Kampf gegen die Zeit und seinem Bruder hatte begonnen.
Azucinnia von Seranyth

Beitrag von Azucinnia von Seranyth »

Das Schluchzen, gar Wimmern Mariellas machte ihn wahnsinnig. Konnte sich sein Weib nicht wenigstens jetzt zusammen reißen?
Sicherlich konnte er nachempfinden wie sein Entschluß, Sophia Azucinnia fort zugeben, ihr das Herz brach.
Glaubte sie denn wirklich ihm würde es nicht schwer fallen? Dachte sie ernsthaft, das es eine Leichtigkeit war, zu diesem Entschluß zu kommen?
Er hatte sämtliche Möglichkeiten abgewogen und trotzdem kam er am Ende immer auf die selbe Erkenntnis zurück. Sie musste fort von hier.
Das seine Gedanken und Vorhaben nur zum Wohle seiner Familie gewählt und geplant wurden, verstand sein Weib nicht.
Er ließ sich in dem Sessel ihr gegenüber fallen. Die Hände umfassten die Mariellas, während die erschöpften Augen Marwins, auf seinem Weib und seine kleine Azu, wie er sie immer liebevoll nannte, ruhten.
Es mußte vollzogen werden. Er durchflog viele Möglichkeiten, keine fand am Ende eine annehmbare Wendung. Es half alles nichts. Sie mußten den schwersten Entschluß, den Eltern treffen konnten, sich stellen. Sie musste fort. Raus aus diesem Anwesen, weit abseits vom Geschehen sich aufhalten. Es war eine Trennung auf Zeit, was sich in den nächsten Stunden des Abends, noch heraus stellen würde.
Wieviel Schmerz und Überwindung es Marwin kostete, würde niemand erfahren. Seine Hand legte sich auf die von Tränen befeuchtete Haut Mariellas.
Es war Zeit.

Die Tränen rinnen ihr über das Gesicht, als Marwin ihr seinen Entschluß kund tat.
Widerworte, Bittungen, gar Flehen half alles nichts. Er ließ sich von dem Gedanken nicht mehr abbringen.
Für Mariella stürzte ihre bis heute wunderbare Welt zusammen.
Sie war gezwungen ihr Fleisch und Blut in andere Hände zu übergeben. Sie war gezwungen das Liebste was sie besaß in ihr fremde Hände zu geben.
Unvorstellbar wie er solch eine Tat von ihr verlangen konnte, aber das Leben ihres kleinen Lieblings stand auf der Kippe.
Nein sie konnte und wollte nicht zulassen, das die Hände Immanuels sich an ihrem Kind vergriffen.
„Bei Alatar, ehe gebe ich das meine Weg um es zu schützen!“
Zitternd wie eine Fahne gebunden an einem Mast stand Mariella vor der Krippe, um aus den mit Tränen gefüllten Augen hinab auf ihr Kind zu blicken, welches sich im Land der Träume befand und von dem ganzen Tumult und Ärgernis um sie herum, nichts mitbekam.
Du wirst von dem allen nichts mitbekommen mein kleiner Liebling. Dir wird es gut gehen und wenn die Zeit es für angemessen hält, wirst du alles erfahren, was sich in der heutigen Nacht abgespielt hat. Wieso dein Vater und ich dazu gezwungen sind, so zu handeln. Wieso diese Nacht das Leben von uns allen verändert. Die Zeit mein Kind wird es richten.
Mariella beugte sich noch ein Stück mehr zu ihrer Tochter hinab um den sanften Kuss einer liebevollen Mutter, ihr auf der Stirn zu hinterlassen.
Sehnsucht und Trauer kehrten auf das Antlitz Mariellas ein, während sie die schlicht gehaltene Silberkette, mit dem Medaillon, auf jenen das Wappen der Familie eingraviert war, um den dünnen Hals Sophia Azucinnias legte.
Sorgsam führten die Finger über das Gesicht ihrer kleinen Tochter hinweg, just dessen platzierte sie das Medaillon unter das dünne Hemd, sodass die Aufmerksamkeit nicht auf dem Schmuckstück für außenstehende ruhen würde.
Erst die Hand Marwins auf ihrer Schulter ließ sie aufschrecken. Der Moment des vorzeitigen Abschiedes stand unmittelbar bevor.
Die Tränen, die bis eben krampfhaft unterdrückt wurden, traten zum Vorschein und rinnen über ihre Wangen.


Das morsche Holz der Dielen knarrte unter seinen Füßen. Die Wandfackeln spendeten das nötige Licht im Flur, während die Portraits an den Wänden eine unheimliche Atmosphäre schufen.
Wüsste man es nicht besser, das die Gemälde aus Farbe gepinselt und etliche Jahre auf dem Buckel hatten, hätte man des öffteren den Eindruck gewinnen können, das die stummen Beobachter, für ihren Hausherren spionierten.
Es war unheimlich.
Die Nacht war in der Zwischenzeit fortgeschritten, die letzten Hausangestellten begaben sich in ihre Kammern, um die letzten gebliebenen Stunden mit einem erholsamen Schlaf zu tätigen.
Schliefen tatsächlich alle in diesem Haus?
Marwin führte seinen Weg durch den leicht beleuchteten Flur weiter, vorbei an den Gemächern der Familie, vorbei an der Bibliothek, vorbei an anderen Räumen, die vor Staub bedeckt lagen.
Langsam, schleichend, gar lauernd, bog er am Ende des Flures rechts ab und besah sich die schwere Eichentür, die Einladend auf ihn wartete.
Der Salon.
Die Hand Marwins streckte sich der Tür entgegen, ruhig, keinen Anflug von Angst oder Panik spiegelte sie wieder. Er war die Ruhe selbst und wusste, wie man seinen Körper beherrschte.
Behutsam öffnete er die schwere Eichentür, welche mit einem Knarren ihm mitteilte, das es noch nicht Zeit war, sich mit einem Schnaps und einer Pfeife in einen der Sessel im Kamin fallen zu lassen.
Lächerlich welche Gedanken einem durch den Kopf irrten, wenn man an längst vergangene Tage und Momente in diesem Zimmer zurück dachte.
Er hatte nicht die Zeit in Erinnerung zu schwelgen. Alles mußte zügig und ohne großes Aufsehen von statten gehen.
Mariella war just in diesem Moment, jener Moment in welchen er wie ein Dieb durch das Haus schlich um seinen Bruder zu finden, auf den Weg ihre gemeinsame Zukunft fortzugeben.
Zuviel stand auf dem Spiel. Viel zu viel war zu verlieren.
Das wichtigste für den Augenblick war dafür zu sorgen, das Mariella mit Sophia Azucinnia ungesehen und ohne Komplikationen das Anwesen der von Seranyth verließ.
Er hatte das Notwendigste bereits festgelegt und ausgehandelt.
Seine Gattin müsste ihr gemeinsames Kind hinunter ins Dorf bringen. Die dunklen Gassen zum Hafenviertel passieren, wo die Schwester von Anna dem Dienstmädchen der Familie von Seranyth, mit ihrem Ehemann auf sie warten würden.
Erbärmlich was die Menschen für etwas Gold taten. Daher war es das leichteste von allen, die junge Anna dazu zu bewegen, ihre Schwester und Schwager anzuheuern.
Nun gut, zu dem Goldbetrag, welchen er Anna aushändigte folgte die körperliche Züchtigung. Vermutlich war es nicht notwendig ihr eine ordentliche Schelle zu verpassen, jedoch erreichte man mit Nettigkeit nicht viel. Das Wissen, was ihr blühen würde, wenn man sein Kind nicht gut versorgte und behandelte, gar was mit ihrer Zunge passieren würde, so jemals jemand erfahren würde, was sich am heutigen Abend im Anwesen der von Seranyth abspielte, hatten die gewollte Wirkung auf die junge Anna erzielt.
Mit der Angst anderer zu spielen. Sie zu manipulieren, den Willen zu brechen, damit kannte er sich aus. Die Angst anderer, gab ihm Macht.
Man könnte wahrlich behaupten, es waren Eigenschaften, die der Familie von Seranyth in die Wiege gelegt wurden.

Die Gänge und Aufenthaltsräume waren leer. Wüsste er es nicht besser, hätte es den Anschein, Marwin wäre der einzige Bewohner dieses kalten Mauerwerkes.
Wie sollte es nun weitergehen?
Gab es einen taktischen Schlachtplan?
Wurden auch wirklich alle Möglichkeiten abgewogen?
Es war keine Neuigkeit zu erfahren, das sein Bruder das gemeinsame Schlafgemach mit seinem Weib Dana mied und die Nächte lieber alleine im Herrenflügel verbrachte.
Das knirschen des Holzes erlosch unter seinen Füßen als er vor dem Herrenzimmer inne hielt.
Der Türspalt durch den sich die letzten Strahlen der Kerzen durch quetschten, verrieten ihm, das auch Immanuel den Schlaf noch nicht fand.
Marwin war ein Mann, der seinen Tag von Anfang bis zum Ende hin durchorganisierte. Er hielt nicht sonderlich viel davon, den Zufall bestimmen zu lassen was passiert.
Ebenso war Marwin alles andere als spontan. Mariella, die ihren Gatten von ganzen Herzen liebte, sah ihm diese „Macken“ ab und schenkte ihm stets ein sanftes Lächeln, wenn er ihr am Abend die Planung für den kommenden Tag aufzählte.
Aber heute würde Marwin das erste Mal in seinem Leben feststellen, das Pläne mit einem Wimpernschlag durchkreuzt werden konnten.
Nun stand er vor der Tür, der Tür hinter dem seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft weilte.
Zeit.
Zeit hatte Marwin keine mehr. Die letzten Stunden der Nacht brachen an und in absehbarer Zeit würde das im Augenblick stumme Haus, durch Klänge und Bewegungen erhellt werden.
Er zog die modrige Luft in seine Lungen ein, umfasste im selben Moment den Türknauf, drehte das Handgelenk zur Rechten, um mit einem sanften stoß die Tür zu öffnen.

Dumpfe, auf Holzdielen schlagende Laute ließen Marwin zusammen fahren. Ruckartig vollzog er eine Drehung die er nicht besser hätte machen können. Mariella hätte Augen gemacht mit welcher Geschmeidigkeit und Eleganz ihr Gemahl sich drehen konnte. Die ganzen Tanzstunden hatten sich ausgezahlt.
Wie ein springendes Reh, dessen Hufe nur für einen Bruchteil den nassen, durch den Morgentau bedeckten Boden berührten, vollzog Marwin zwei, drei große Schritte, um sich am kalten Mauerstein zu schmiegen.
Immanuel.
Immanuel kam den in matten Licht schimmernden Flur entlang, direkt auf ihn zu.
Vorbei die Planung.
Zunichte die strukturierten Gedankengänge.
Es gab keine Zeit mehr.
Jetzt, ausgerechnet heute verlangte man Spontanität von ihm.
Man könnte es einen Geistesblitz nennen.
Die spontane Erleuchtung Marwins, wenn man rückblickend auf das Szenario zurück blickte.

Das sichtlich überraschte Gesicht Immanuels, als er den Schatten ausmachte und erkennte, das sein jüngerer Bruder an dem Mauerwerk harrend ruhte.
Die eiskalten Augen, die in der Dunkelheit aufblitzten und Willen wie Entschlossenheit ausstrahlten.
Die Klinge, welche zu schimmern begann, als die strahlen der Wandfackeln das kalte Metall küssten, nachdem Marwin es aus der Scheide zog.
Was darauf folgte passierte recht schnell.
Marwin, von Zorn und Wut gepackt stürzte mit erhobener Hand, in jener der Dolch inne lag, auf Immanuel zu.
Starr und entschlossen ruhte sein Blick auf dem Kontrahenten.
Vergessen die Vorsätze und alten Muster.
Es zählte nur noch das jetzt.
Jetzt.
Jetzt.
Jetzt! Die Hand holte weit aus, um mit dem gewonnenen Schwung in die Bauchhöhle Immanuels zu stechen..
Aber es kam alles anderes...
Wie konnte das passieren?
Wieso vermochte sein älterer Bruder solch einen Reflex zu gute tragen?
Verdammt noch eins, wieso mußte sein Gleichgewicht heute einen Streich mit ihm spielen.
Er stürzte.
Er fiel und fiel.
Wie eine Ewigkeit kam es Marwin vor, bis er die Augen aufriss als sein Blick auf die Stufen der Treppe fiel, auf jene er zielstrebig zusteuerte.
Ein Fehler.
Sein Fehler, mit erschreckenden Ausmaß.
Er, Marwin der Planer, hatte diese Schlacht verloren.
Verloren auf erbärmliche Art und Weise.
Mariella und Azucinnia.
Die Gesichter der zwei Wesen die er über alles liebte waren die Letzten die er vor sich sah, ehe die Finsternis ihn heimsuchte, als sein Kopf auf die Stufen aufschlug.
Verloren.
Verspielt.
Die Ära von Immanuel hatte begonnen.
Azucinnia von Seranyth

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Ein Abschied mit neuen Wegen

Ein zierlicher Schatten bewegte sich flink und zielstrebig auf dem schmutzigen, mit Matsch bedecken Kopfsteinpflaster.
Die Kapuze fiel ihr tief ins Gesicht und bot ihr somit Schutz vor neugierigen Blicken, wie Schutz vor dem peitschenden Wind.
Die Kälte ließ ihren Atem in kleine Rauchwolken aufsteigen, während Mariella ihren Weg fortsetzte um schnellst möglich das Hafenviertel aufzusuchen, dabei presste sie das in Stoffen und Fellen gepackte Bündel an ihre Brust.
Die raschen Schritte auf dem Stein hinterließen eine dumpfe Melodie in der Luft. Wie im gleichmäßigen Takt schallten sie durch die Gassen und wurden durch kurze Pausen in denen vor allem nach Luft gejapst wurde, unterbrochen.
Keine Zeit für Pausen.
Keine Zeit zu Trödeln.
Sie hatte keine Zeit zu verlieren.
Der Blick hob sich, tanzte an den Gebäuden und Dächern entlang, um die eben verlorene Orientierung zurück zu erlangen.
Kurze Zeit später sah man den Schatten entlang an den Häuserwänden huschen, ehe der letzte Rest in die Dunkelheit verschwamm.
„Bist dir sicha det die och kimmen? Mei det is aber verflucht kalt hier!“ murrte der lange Hans vor sich hin.
Der lange Hans. Den Spitznamen hatte er von klein auf.
Er war immer der größte von allen. Hatte die längsten Beine und Arme. Selbst seine Nase nahm außerordentliche Maße an.
Ob Hans neben seiner atemberaubenden Länge auch Verstand besaß?
Nunja, sagen wir es mal so, ab einem bestimmten Alter stoppte der Wachstum und mit ihm die Entwicklung von Hans Gehirnzellen.
Der lange Hans war ein liebenswerter Kerl, mit ihm vermochte man Pferde stehlen ohne Sorge zu haben, das er zu viele Fragen stellen würde.
Selbst als sein Weib Tine ihm unverblümt mitteilte, das sie Eltern werden, fand anstelle einer Antwort nur ein Grinsen auf Hans Antlitz statt.
Auch wenn ihm die Frage wieso Tine nicht aufgedunst wie ein Mastschwein aussah durch den Kopf schwirrte, hielt er es für das Beste einfach zu schweigen.
Tine wird es schon richten.
Tine war der Kopf der Famille. Sie entschied alles, und man tat es.
Es wurde zwar desöfteren hinter ihrem Rücken gemurmelt, das Tine die Hosen in diesem Bunde trug, aber auf Tratsch und Klatsch gab sie nichts.
Tine wusste was sie wollte. Schließlich bekam sie immer ihren Willen.
Sie sollten am Hafen auf eine Frau warten. Den Namen oder gar den Grund wieso diese Übergabe mitten in der Nacht vollzogen werden sollte, beantwortete Anna ihnen nicht.
„Wer zuviele Fragen stellt, kassiert am Ende eine böse Überraschung.“waren die einzigen Worte Annas.
Überraschung?
Sogar eine Böse würde auf sie warten?
Nein, das musste nun wirklich nicht sein.
Aber wenn sie ehrlich waren, gefiel ihnen das ewige Warten in der bitteren Kälte nicht.
Doch auch das Warten würde sich für sie lohnen. Tine würde eine wunderbare Mutter abgeben.
Sie würde das, was ihr immer verborgen blieb diesem Kind zu gute führen.
Es würde ihr den Halt geben, den sie sich so sehr wünschte.
Ein Seitenblick zu Hans folgte. Wie er dort stand und seine Füße begaffte. Natürlich liebte sie Hans, aber ein Kind würde ihr den Kummer und Schmerz nehmen, den sie in dieser Ehe durchlief.
Mit diesem Kind würden Kummer und Sorgen fortgehen.
Sie würden endlich eine Familie sein.
Sie, das Kind und Hans.
Sie, Hans und das Kind.
Wie auch immer. Es war ein neuer Anfang, für alle.

Die eiligen Schritte Mariellas verstummten. Mitten auf der Dorfstraße hielt sie inne. Der Kopf schwenkte seitlich aus und ließ den Blick über die Schulter haschen, hinauf den Weg entlang von dem sie eben kam.
Es war dieses Gefühl das sie urplötzlich heim suchte.
Das stechen und ziehen in der Magengegend, die Atemnot die sie verspürte und zwang japsend nach Luft zu ringen.
„Ganz gleich was geschieht, du tust was ich dir gesagt habe! Du kehrst ohne Sophia Azucinnia zurück!“ klangen die befehlerischen Worte Marwins in ihrem Kopf.
Das bewegen Azucinnias, die bis eben tief und fest in den Stoffen ruhte, rissen Mariella aus den Gedanken.
Es ist zu deinem Wohle.
Das tue ich nur für dich.
Für mein Fleisch und Blut.
Kein Blick wurde mehr nach hinten geworfen. Es gab kein zurück. Sie lief und lief durch Gassen und Straßen, ehe sie die Lichter des Hafens erspähte.
Sogleich verlangsamte sich der bis eben noch rasche, gar gehetzte Schritt.
Fuß vor Fuß setzend, steuerte Mariella die zwei ihr fremden Gestallten an.
Ihre Beine wurden schwerer, das Gefühl an Ketten, gar mit Metallen versehen zu sein, ließen ihre Aufmerksamkeit von den zweien für einen Bruchteil ab, um einen prüfenden Blick auf die Füße zu werfen.

Die Wellen schlugen mit voller Wucht gegen den Steg. Wassertropfen wirbelten durch die Luft, um plätschernd zu Boden zu sinken. Der kalte Wind hüllte einen jeden in seinen Mantel ein, während sein jaulendes Lied eine Gänsehaut auf der Haut hinterließ.
Nicht nur das jaulen des Windes war zu vernehmen, mit ihm vermischte sich das Weinen eines Kindes. Eines kleines Kindes, das soeben ihre leibliche Mutter verlor. Die ebenso ihr Leben zurück ließ um ein Neues, ohne Gefahr und Leid, zu führen.
Graue Wolken schmückten den Nachthimmel und ließen Regentropfen hinab zur Erde fallen. Kleine, leise Tropfen prallten auf den Grund, berührten jeden erreichbaren Fleck, um die Nässe zurück zu lassen.
Neben den Regentropfen auf ihrer Haut, auf ihrem Gesicht, mogelten sich salzige Tränen dazu.
Die Umrisse des Schiffes und der Passagiere schwanden nach und nach.
Zurück blieb eine am Boden zerstörte Frau.
Zurück blieb eine liebende Mutter, die soeben das wichtigste in ihrem Leben verloren hatte.
Zurück blieb eine Ehefrau, die von den Schrecken, die sie nun erwartete noch nichts erahnen konnte.
Zurück blieb die Ära der von Seranyth.


Viele Jahre später......

Die Jahre verstrichen vor sich hin. Die Zeit rannte durch das Land, mit ihr die Jahreszeiten, die Hoch und Tiefs, die stetig Begleiter in einem Leben waren.
Das Kind, welches vor vielen Jahren eingepackt in Stoffen und Fellen von seinen leiblichen Eltern getrennt wurde, um ein wunderschönes,
fast schon Märchenhaftes Leben zu führen, wuchs heran..
Nichts ahnend, unwissend wer es war, noch was ihre Vergangenheit für Schatten hinterließ, lebte Azucinnia mit ihren „Eltern“ auf einem Hof, weit abseits im Süden, umrandet von dichten Wäldern.

„Azucinnia!“ kreischte, überschlug sich schon die Stimme Tines, während die in die breite gegangene Frau die dicken, schwulzigen Hände in die Hüfte stemmte, um nach ihrer Tochter zu brüllen.
Der Kopf Tines ähnelte immer mehr der einen aufgeschwollenen Kröte. Nicht nur, das die Augen durch das Fett im Gesicht zu schlitzen wurden, die Gesichtsfarbe wurde von Sekunde zu Sekunde um einen rot Ton erhöht.
Hätte sie damals gewusst, wie schwer es werden würde eine Mutter zu sein, hätte sie dieses Kind niemals mitgenommen.
Der Plan lag damals darin, die Ehe mit Hans zu verbessern.
Das dieses Kind sie zusammen schweißen würde.
Das sie einfach glücklich werden würden.
Aber wieso ihr Plan völlig daneben semmelte, das begriff Tine selbst jetzt, Jahre später nicht.
Jeden Tag den selben Ärger mit diesem Kind.
Ein Dickkopf.
Ein widerspenstiges, gar freches Kind, das selbst Tines Ohren schlackern ließ, wenn Azucinnia Rotzfrech sich weigerte die Aufgaben, die ihr auferlegt wurden, zu tätigen.
„Ich bin nicht dein Dienstmädchen!“ patzten ihr die Worte ihrer Tochter ins Gesicht.
Unverschämtheit.
Wenn sie Fehler in der Erziehung ihrer Tochter gemacht hatte, dann jene, das die ein oder andere Züchtigung mit dem Gürtel nicht die erwünschte Wirkung zeigte.
Gar schien es ihr manches Mal, das Azucinnia ihr kühl ins Gesicht grinste, nachdem die Hiebe auf den Hintern vollzogen wurden..
Sicherlich war Prügel keine Alternative, jedoch kristallisierte sich in den Jahren, an denen Azu aufwuchs immer mehr heraus, das sie frühzeitig gebändigt werden müsse, ehe es zu spät war.
Natürlich liebte sie das junge Mädchen. Sie hatte es bereits begonnen zu lieben, als es schreiend in ihren Armen lag.
Trotzdem schien das Mutter – Tochter- Band nie gänzlich gefestigt zu sein.
Azucinnia und Tine hatten nie die Bindung, die man normalerweise besitzt. Dabei war es ihr nicht nachzuvollziehen woran das liegen konnte.
Azucinnia musste hart Arbeiten. Sie lebte nun mal auf einem Hof, die Arbeit machte sich nicht von alleine.
Hans war ihr in der Erziehung von Azucinnia wahrlich keine Hilfe. Wenn es hieß, man ziehe an einem Strang, befand Hans sich auf der Seite ihrer Tochter.
Wenn es darum ging Azucinnia für ihre Schandtaten und Streiche, die sie mit den Nachbarskindern vollbrachte, zu bestrafen, sah man die Staubwolke an der Stelle ruhen, auf jener just noch Hans stand.
Hans war ein Feigling wenn es darum ging, seiner Tochter Grenzen und Regeln aufzuweisen.
Seine Angst sie würde ihn nicht mehr lieben, überlag alles.
Sie waren nun mal ihre Eltern. Eltern hatten das recht ihre Kinder zu züchtigen, schließlich hatte sie es nicht anders erlebt.
Rückblickend, wenn Tine sich Gedanken machte, wann der Bruch mit Azucinnia eintrat, schweifte sie jedes Mal zu dem Tag ihres sechzehnten Geburtstages zurück.

Dunkle, Pech schwarze Wolken ruhten am Himmelszelt. Der Donner umspielte seine Umgebung mit atemberaubenden Toben und Gebrüll.
Der Blick zum Himmel, kündigte einen Kenner an, das es eine nasse Nacht werden würde.
Perfekt für die Ernte. Ein Wetter, was jeder Landwirt liebte.
Gut, es war gelogen zu behaupten jeder würde sich über dieses Wetter freuen.
Azucinnia blickte damals mit einer eingeschnappten, zu tiefst enttäuschter Mimik hinaus, betrachtete das Windspiel, die in der Luft herumwirbelten Blätter und schüttelte wie im Trance den blonden Schopf.
Für ein Kind wie Azucinnias war es eine Strafe nicht hinaus zu dürfen, durch die Wälder und dem Gestrüpp zu rennen, den ein oder anderen Streich mit den Nachbarskindern auszuhecken. Stattdessen musste sie in den kleinen Räumen ihres Elternhauses eingesperrt verweilen und die Zeit totschlagen.
Tine hatte keine Erfahrungen mit widerspenstigen Kindern. Noch ahnte sie, welch Neugier und Tatendrang in ihr schlummerten.
All das, wurde ihr an jenen Tag zu teil. Wie ein Schlag in die Magengegend wirkte der Moment, als Azu mit ausgebreiteter Hand vor ihr stand.
Ihr wurde es heiß und kalt. Schwindelig und zittrig. Entsetzt.
Tine war wirklich entsetzt als sie auf der Handfläche ihrer Tochter die Kette mit dem Medaillon erblickte.
Die Vergangenheit holt uns ein.
Diese Familie holt uns ein.
Fragen über Fragen die Azucinnia ihr entgegen brachte, knallten ihr an den Kopf.
Sie war überfordert.
Natürlich war sie das, wie konnte sie in all den Jahren vergessen, das dieser Gegenstand, das Andenken an den Abend, an denen sie zu Eltern wurden, in ihrem Haus noch ruhte.
Wo hatte sie die Kette überhaupt gefunden?
Tine versuchte sich zu erinnern, wo sie damals die Kette verfrachtete. Sie wusste damals schon, das dieses Schmuckstück nicht ohne Schwierigkeiten enden würde, aber wegschmeißen konnte sie es auch nicht.
Was wenn sie einmal an Goldnot gelitten hätten? Diese Kette hätte ihnen sicherlich einige Goldstücke eingebracht.
Du törichte blöde Ziege. Durch deine eigene Dummheit stehst du nun vor der Erklärungsnot.
Die Hand Tines streckte sich hinab zu dem Schmuckstück, umfasste es und griff zügig danach.
Kurz danach, wie sie jene Tat tun konnte, war ihr selbst heute nicht erklärbar, ruhte ihre Handfläche auf der Wangenpartie ihrer Tochter.
„Du sollst nicht in fremden Schubladen rumwühlen junge Dame. Es hat dich nichts anzugehen, was ich wo aufbewahre. Troll dich in dein Zimmer, sofort!“

Dieser schwarze, verregnerische Tag war der Bruch der Mutter – Kind Beziehung.

Jetzt war Azucinnia in einem Alter, an denen man sich nichts mehr sagen lies. Zumindestens nichts mehr von den Eltern.
Daher war es an der Zeit, nach einem gestandenen Mann Ausschau zu halten, der durchaus in der Lage war Azucinnia die Gewieten zu lesen, ihr einzubläuen, das der Mann das sagen hatte.
Gut, wenn sie ehrlich war, war diese anstehende Hochzeit nicht nur zum Wohle Azucinnias, sondern ebenso zum Wohle ihrer „Eltern“. Der Hof brachte die erhofften Gewinne nicht, die Mitarbeiter gingen, da die Möglichkeiten geringer wurden, sie anstandsgemäß zu bezahlen.
Böse Zungen zischelten, das dieses Kind schuld an allem war. An dem Tag, als es in das friedliche Dorf einzog, schwand die Ruhe.
Ärgernis und Frust zog ein.
Alles nur Gerede. Mit der vorgeschrieben Hochzeit, würde es dem Dorf wie auch ihnen, Hans und Tine besser gehen.
Azucinnia von Seranyth

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Flucht und Ankunft

„Nun halt schon still Kind oder willst du das ich dich mit der Nadel treffe?“ murmelte Tine vor sich hin, während sie den Saum des Kleides absteckte.
Wahrlich ein häßliches Kleid, wie eine gestopfte Gans sah sie aus und selbst den Saum zu kürzen brachte die gehoffte Schönheit dieses Kleides nicht hervor.
Leise seufzend und sich im Spiegel betrachtend musterte Azucinnia sich selber und bedauerte sich nochmals wie sooft, das sie nicht schon viel früher ihre Sachen zusammen gepackt hatte, um dann mitten in der Nacht vom Hof der „Eltern“ zu verschwinden, fliehen aus ihrem vorgeschriebenen Leben.
„Ach Kind, morgen bist du eine Frau und dann ist es vorbei mit dem herum schwirren durch die Wälder, vorbei mit diesem Gesindel Streiche auszuhecken und mir noch mehr graue Haare zu schenken. Endlich wirst du ein anständiges Mädchen werden, was dafür sorgt eine Familie zu gründen..“
„Azucinnia hörst du mir überhaupt zu!Azu lass das ewige Träumen. Azucinnia, ich rede mit dir!“
„Au verdammt ich bin kein Nadelkissen Mutter!“ brummte Azu vor sich hin während sie sich das Bein rieb, wo ihre Mutter mit Absicht die Nadel absteckte.
„Du sollst nicht träumen. Denk daran wie gut es Vater und mir gehen wird wenn du und Josef erst einmal verheiratet seit. Du weißt wie schlimm es um den Hof steht und du deiner Pflicht nun nachkommen mußt.
Azucinna vergiss das nicht!“
„Nein Mutter wie könnte ich!“ waren die letzten Worte Azucinnias ehe sie das Zimmer verlies und sich auf ihrem Bett fallen lies.

Nein, das war alles nicht das was sie wollte. Sie wollte frei sein, das Tun wonach ihr der Sinn strebte. Sie hatte nicht vor zu heiraten und schon gar nicht einen Bauerntölpel, der weniger Verstand wie eine Henne besaß.
Die Zeit war gekommen.
Was hatte sie schon zu verlieren.
Wirklich geborgen und aufgehoben fühlte sie sich hier nicht.
Immer mehr traten Zweifel in ihr vor, wenn sie die Bilder ihrer Eltern und das ihre betrachtete.
Gut, sie wusste das man nicht immer wie ein Abbild der Eltern aussehen musste, aber wirkliche Gemeinsamkeiten, parallelen erkannte sie nicht.
Zeit.
Zeit hatte sie nicht mehr. Morgen war der Tag, der ihr Leben von Kopf auf verändern sollte.
Morgen würde sie ihr Leben, welches sie so liebte verlieren.
Sie müsste ein Leben führen, welches sie nicht wollte.
Nein.
Das wollte sie einfach nicht.
Nein, das funktionierte nicht.
Es brauchte nicht lange, bis alle Habseligkeiten in der kleinen, mit Löchern versehenden Tasche gestopft waren.
Doch was aus ihrer Erinnerung vertrieben war, in Vergessenheit geriet, lag schimmernd auf dem Boden in der Schublade und grinste Azucinnia an.
Das merkwürdige Amulett.
Die Finger umfassten die Silberkette, um sie aus den tiefen der Schublade zu befreien.
Der Blick aus den dunkel braunen Augen ruhte auf dem Schmuckstück.
Noch immer spürte sie die Neugier in sich brodeln, wenn ihre Fingerkuppen über den eingravierten Panther striffen. Die Krallen waren fein ausarbeitet und die Augen leuchten deutlicher als der Rest des Körpers.
Es war dieses Gefühl welches sie bei der Betrachtung des Siegels heimsuchte.
Irgendwas verband sie mit diesem Schmuckstück.
Zu dieser Erkenntnis kam Azu schon damals, als sie die Kette das erstemal entdeckte. Die Ohrfeige die sie von Tine für ihre Neugier kassierte, war eine spürbare Erinnerung.
Natürlich war mit dieser Geste ihr Interesse an diesem Schmuckstück noch mehr geschürt wurden. Es war das leichteste überhaupt die Kette in ihren Besitz zu bringen.
Was verstecken und verbergen anbelangte, konnten Hans und Tine wahrlich noch etwas von ihrer Tochter lernen.
Morgen würde sie den Hof verlassen. Sie wusste, sie würde nie mehr an diesen Ort zurück kehren, daher stellte sich überhaupt nicht die Frage, ob sie die Kette zurück lassen sollte.
Auch sie wurde behutsam zu ihren Habseligkeiten gelegt.
Die Zeit war gekommen.
Ihre Zeit stand vor der Tür.

Der nächste Tag, das Ende und der neu Beginn...

Willst du Josef Mitgrau diese hier anwesende Azucinnia zu deiner Ehefrau nehmen, sie Ehren und Lieben bis das der Tod Euch scheidet?“ prallten die Worte des Priesters in die Ohren Azucinnas, welche immer noch recht bedauerlich auf das Kleid, in jenen sie verpackt wurde starrte, als sie die tiefe und rauchige Stimme von Josef vernahm, welcher den Ekel, welchen sie schon allein an den Gedanken, an diesen Mann verspürte, erneut aufstiegen ließ.
„Ja ich will!“drang es in ihr Ohr.
Nein sie konnte immer noch nicht verstehen, wie man jemanden heiraten konnte, den man zum einen nicht einmal kannte und schon gar nicht liebte. Alles nur weil es die Familien so wollen.
„Azucinnia willst du Josef Mitgrau zu deinem Ehemann nehmen, ihn Lieben und Ehren bis das der Tod Euch scheidet?"
Es schien wohl als würden Minuten vergehen, es war so still, das man eine Nadel fallen lassen konnte, so gespannt lagen die Blicke nun auf Azucinnia, welche erst Josef ansah und dann den Blick auf ihre „Eltern“ schweifen lies. Der Blick und die Geste mit der geballten Faust ihrer Mutter sprachen eindeutige Worte.
Wehe Kind du machst nun einen Fehler! konnte Azu aus jener Geste lesen.
Sie lies den Blick von ihrer Mutter los und richtete jenen wieder auf Josef, welcher sie mit gelben Zähnen anlächelte.
Will ich das überhaupt? Will ich bis ans Ende meiner Tage mit einem stinkenden und vor allem völlig dummen Mann zusammen leben, dessen Kinder großziehen und die Hausfrau spielen?
Ihre braunen Augen trafen auf die grünen Josefs, ehe sie einmal tief Luft holte und die Lippen seicht öffnete um die Worte auszusprechen, auf die jeder der Anwesenden hier gewartet hatte oder auch nicht?
„Nein ich will nicht!“ hallte es durch die Kirche ehe es von weiteren „Ohs...und das gibst es doch nicht“ „ Azucinnia!“ übertönt wurde.
Noch bevor aber auch irgend jemand sich erheben konnte, wahrlich Tine setzte schon zum Sprung an, ihr an die Gurgel zu gehen, rannte die junge Frau los, hinaus aus der Kirche, raus aus diesem vorgeschriebenen Leben.
Den Blumenstrauß warf sie während sie lief durch die Gegend und die Blumenkinder, wie heiratswilligen Frauen stürmten sich auf jenen.
Immer wieder vernahm Azucinnia das Gebrüll ihres Names, aber an stehen bleiben dachte sie bei weitem nicht.
Sie war so froh gestern Abend eine Tasche gepackt zu haben, indem sie alles verstaute um vorerst über die Runden zu kommen.
Im Haus nahm sie rasch ihre Tasche und zog sich mit Mühe auf den Gaul rauf, welcher wie immer am Stall festgebunden war und seelenruhig sein Stroh fraß...
Fürs umziehen war keine Zeit vorhanden, wußte sie, das Tine jenes Verhalten ihr nicht ungestraft durchgehen lassen würde.
Also ritt sie los, durch die Felder und Wiesen, ehe sie ihren Schleier vom Kopf riß und jenen dem Wind und deren Spiel überließ.
Wohin es gehen sollte wußte sie nicht, sie wollte einfach nur weg..

Abermals strichen die Jahre durch das Land.
Azucinnia lebte ihr Leben.
Das Leben, wie sie es sich wünschte und selber gestaltete.
Sie machte das was sie wollte und wann sie es wollte.
Wirklich zur Ruhe kam die junge Frau dennoch nicht. Die innerliche Unruhe, die sie jeden Tag aufs neue packte, riss sie von einem Ort zum nächsten.
Stehen bleiben. An einem Ort sich niederlassen und zur Ruhe zu kommen, das konnte sie nicht.
Vielleicht wollte sie es auch nicht.
Das Gefühl war noch nicht da, das die rebellische Ader gebändigt werden sollte und sie anfing bodenständig zu werden.
Die Blätter segelten von Winde getragen zu Boden und bedeckten die Wiesen mit ihrem Blätterkleid. Der Wind wurde kühler das Wetter ungemütlicher und mit dem Wechsel der Jahreszeit, änderte sich auch die innere Unruhe Azus.
Immer mehr verschlug es sie in die Stadt. Abende und weitere Abende verbrachte sie in Rahal. Führte das ein oder andere interessante Gespräch mit den verschiedensten Menschen.
Das Gefühl welches sich in ihr breit machte, wog sie dazu an, näher mit dem Gedanken zu spielen, die Zeit zu nutzen, einmal stehen zu bleiben.
Zeit.
Sie hatte Zeit.
Sie wollte die Zeit nutzen.
Das Gefühl die Zeit in Rahal zu verbringen, war ein gutes Gefühl..
Azucinnia von Seranyth

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Von Träumereien zur Realität

Es verstrichen einige Wochenläufe, nach und nach festigte sich der Gedanke das er nun ein Teil in ihrem Leben sein sollte.
Das sie ein Teil seines Lebens nun war.
Für beide schienen die Anfänge, die Begegnungen merkwürdig. Meist umhüllte das Schweigen der beiden den Raum.
Anstatt Worte, waren es Blicke und Gestiken die sie austauschten.
Lauernde Katzen, die ihre Bahnen zogen, sich umkreisten und von Kopf bis Fuß begutachteten.
Natürlich brauchte es seine Zeit. Es vergingen Jahre in denen keiner von beiden wusste, das sie zusammen gehörten. Das die Zukunft sich rapide ändern würde, damit rechnete schließlich niemand.
Es ist schwer zu definieren was an Gefühlen aufkeimten, aber die gewisse Neugier, gar das Interesse und der Reiz spielten weit oben mit.
Es würde nicht einfach werden.
Es gab viel zu tun.
Vor allen Dingen viel zu Lernen.
Lernen.
Auf der einen Seite würde auch Darian etwas lernen, vermutlich würden beide von einander etwas lernen. Auch wenn es in den Wochen mehr der Fall war, das Azucinnia lernte.
Aufgaben und Pflichten mussten absolviert werden.
Aufgaben und Pflichten denen man nun nachkommen musste.
Aufgaben und Pflichten die nun vor ihr lagen.
Der Name Seranyth hatte seine Aufgaben und Pflichten. Sie war ein Teil davon.
Es war Zeit ihnen nach zu kommen.
Vieles stand nun an.
Vieles war zu erledigen und recht schnell wurde eines den beiden Kindern der Seranyth klar..
Beide lernten nun an, was Geduld wahrlich auf sich hatte.

„Du strahlst ein Bild aus. Du präsentierst die Familie. Dein Licht fällt auf uns zurück. Handelst du zu schnell oder falsch, wird es nicht nur auf deinen Schultern ruhen, auch ich muss unfreiwillig deine Last mit auf meinen Schultern tragen, ich hoffe du bist dir darüber im klaren!“

Viele Worte Darians drangen die Tage und Wochen durch ihr Ohr. Pflichten und Regeln. Noch mehr Regeln. Man hätte den Eindruck gewinnen können, es war eines seiner liebsten Wörter die seine Lippen verließen.
Waren es nicht die Aufzählungen von Regeln und Vorschriften. Von Benehmen und Erscheinung, fielen oft andere Anweisungen, welche Azucinnia sich versuchte einzuprägen.
Widerworte duldete Darian nicht. Fragen waren die Ausnahme, es schien gar so, das seine Mimik sich durchaus erhellte, wenn sie ihn mit Fragen bedeckte.
Wie ein Lehrer stolzierte er vor ihr auf und ab. Der Arm schwang des öfteren von einer Seite zur anderen, von Boden hinauf zur Decke. Die Worte wurden nicht nur durch die feste Stimme verdeutlicht, sein Körper, seine Bewegungen untermalten all jenes.
Es kam ihr ab und an so vor, das er es wirklich gut mit ihr meinte. Das er ihr helfen wollte ihn nicht zu enttäuschen.
Natürlich wollte sie das nicht. Zu einem mochte Azucinnia Enttäuschungen allgemein nicht, zum anderen fand sie den Gedanken, jemanden zu Enttäuschen, gar schuld am Versagen zu tragen, alles andere als erfrischend.
Sie hatte nicht vor Darian zu enttäuschen. Sie hatte im keinen Fall vor sich selber zu enttäuschen.
Er war ihre Familie. Sie war ein Teil der Familie. Sie war eine Seranyth.
Sie wollte die Aufgaben und Pflichten mit voller Zufriedenheit erfüllen.
Sie wollte es und wenn Azucinnia etwas wollte, tat sie alles dafür.
Aufgeben lag ihr nicht.
Aufgeben tun nur die Schwachen.
Schwach war sie nicht.

„Wenn du träumen willst, bist du hier falsch!“ schreckten die Worte Darians sie aus den Gedanken.
Ein murren und brummen blieb in ihrem inneren, nur ein knappes Nicken folgte.
Bis eben war sie in dem Haus alleine. Zumindestens hatte es den Anschein, das Azucinnia die einzige war, die derzeit durch das Haus schlich.
Die Bücher stapelten sich auf dem Tisch und Fußboden. Sie bedeckten das kühle Holz und schmückten den Boden mit ihren Seiten.
Es war nicht so, das Lernen bedeutete zu zuhören. Es gab beiweiten viele Lektüren, in denen Azucinnia viel entdeckte. In denen sie viel lernen konnte.
Es waren eindeutig verdammt viele Bücher.

Sie würde nicht von heute auf morgen alles beherrschen, gar wissen. Jedoch würde sie jeden Tag mehr dazu lernen.
Es gab keinen Tag an dem man nichts lernte.
Es würde seine Zeit brauchen, aber die Zuversicht, nein das Wissen, das es nur aufwärts ginge, beflügelten die junge Frau in ihrem streben.
Azucinnia von Seranyth

Beitrag von Azucinnia von Seranyth »

Das Zeichen, derer von Seranyth

Die Tage strichen durch das Land, wie der Frühlingswind, welcher einen jeden mit seinem Kleid umsponn und in seinen Bann zog.
Wie kleine Schauer es handhabten, so schien die ein oder andere graue Regenwolke gerne ihren Platz über dem Anwesen der von Seranyth einzunehmen, um dort einige Gewitter und Regenfälle zu hinterlassen.
Sicherlich war es abzusehen, das es das ein oder andere Mal zu hitzigen Diskussionen, gar entzürnten Wortwechseln unter den Kindern der von Seranyth kam.
Zwei völlig verschiedene Menschen, zwei völlig verschiedene Charaktere, zwei völlig unterschiedliche Ansichten, krachten hier aufeinander.
Es sei dahingestellt ob es jedes Mal, wenn die Zeit es für nötig erachtete beiden einen Stoß zu verpassen und den Gong für die nächste Runde ankündigte, einen Gewinner gab.
Was nutzte einem schon der Sieg, wenn man am Ende wieder alleine im Raume stand und wusste, das die Fortsetzung nicht lange auf sich warten würde.
Vielleicht lag es an den Wesen der beiden, das auch sie dieses Bild sehr schnell in ihrem Geiste mit sich trugen.
Streit, Zoff und Beschimpfungen fanden beide nicht wirklich angemessen, noch reizte es sie. Es war wohl jene Sicht, wieso die meisten hitzigen Gespräche Stunden später sich abkühlten und man auf einen gemeinsamen Nenner kam.
Gut, es wäre gelogen, wenn man behaupten würde, das immer alles zufrieden entschlossen und geklärt wurde, aber das Resultat langte vollkommen aus, um weitere Gedankengänge damit zu verschwenden.
Er gab sich viel Mühe mit ihr. Sie sich mit ihm. Ein unausgesprochener Vertrag zusammen zu halten und beidseitig etwas dafür zu tun.
Sie waren nun mal eine Familie.
Es war eben so und man musste aus diesem Wissen nun etwas zaubern.
Zaubern.
Wie Zauberei kam es ihr nicht vor, als er ihr an einem Abend die Kunde machte, das sie fortan jemanden hat, der ihr um weiten besser und sicherlich erfolgreicher das Benehmen, das Wissen um die Etikette und Lehren, näher bringen konnte.
Ein Schlag in die Magengegend war es, als sie den Namen der Person in ihr Ohr aufnahm, mit welcher sie ab sofort mehr Zeit verbringen sollte als ihr lieb war.
Es mag für Darian ein Genuss gewesen sein als er die entsetzte Mimik seiner Cousine erblickte.
Ein Genuss sie für einen Moment zum Schweigen gebracht zu haben.
Der Genuss, den er sicherlich so schnell nicht vergessen würde.
Das Kosten einer verbotenen Frucht, kam jenem Bildnis doch recht nahe.
Sephira von Tecklenstein.
Sie konnte es nicht fassen. Ausgerechnet jene Person musste er für sein Vorhaben gewinnen?
Reine Schikane.
Er wusste, das beide Frauen darauf verzichten konnten länger als nötig miteinander zu verbringen.
Er wusste es zu gut, das die Luft dünner wurde, wenn die dunklen Augen der beiden Frauen aufeinander trafen.
Er wusste ebenso, das seine Cousine ihm diese "Bitte", wie er es so freundlich formulierte, nicht ausschlagen konnte.
Sie versprach Willen und Fleiß zu zeigen.
Sie gab ihm ihr Wort.
Eine Zwickmühle.
Ein Zug, den er gewonnen hatte.
Sie hasste diese Art von Spiel.
Zumal sie es hasste mit dieser Frau nun ein gemeinsames Spiel spielen zu müssen.
Jedoch eines wusste auch Azucinnia, Sephira war ebenso wenig erfreut der Bitte Darians nachzukommen.
Aber sie tat es. Für ihn.
Es würde ihr vermutlich nicht sonderlich schmecken, das Azucinnia ebenso die Blicke und Gestiken der Beiden, wenn sie sich sahen, bemerkte.
Man wollte spielen.
So war es an der Zeit ins Spiel einzutauchen, verlieren wollte schließlich niemand.

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Es war zwar kein überraschendes Bild Darian leicht erzürnt zu erblicken, jedoch war der Grund meist seine Cousine, dieses mal jedoch, sollte es anders sein.
Der Zorn, das niemand der Handwerker es für nötig erachtete auf seine Bitte, seine Briefe und Aushänge zu antworten, ließen den jungen Mann wahrlich rotieren.
Unvorstellbar, das niemand sich in der Lage sah seine Künste in einem Schmuckstück zu verarbeiten.
Geduld.
Geduld hatte er lange genug gezeigt.
Irgendwann war ihm das Warten zu bieder, um so mehr verzückte es die junge Frau, ein seltenes Schmunzeln auf den Lippen ihres Cousins zu sehen, als die Kunde zu ihm drang, das es doch noch fähige Wesen gab, die ihre Arbeit liebten.
Gut, er musste die Bequemlichkeit für einige Stunden zurück lassen, sich auf ein Schiff begeben und eine Reise nach Lameriast antreten, um das zu bekommen was er wollte.
Er tat es für sie. Sie wusste zwar, das er jenes nie preisgeben würde, jedoch waren es meist Taten, die mehr zu sagen pflegten als Worte.
Dankbarkeit. Freude. Geborgenheit.
Er war ein Teil davon und sie war froh darüber.

Das Gespräch mit Herrn Sawanyd lief für alle Seiten sichtlich befriedigend.
Für ihn hieß es, einen lukrativen Auftrag zu ergattern, sein Name würde weiter getragen werden, man würde ihn sicherlich weiter empfehlen.
Für die Kinder aus dem Haus Seranyth hieß es eine gute, vorallen meisterliche Arbeit zu bekommen. Das Wissen auf Verschwiegenheit und Fleiß.
An diesem Abend schien ein jeder zufrieden.
Nun war es die Zeit und die Geduld auf Kunde des Herrns zu warten, auf das, das gefertigte Schmuckstück die Hand der jungen Frau bald schmückte.
Samuel Sawanyd

Beitrag von Samuel Sawanyd »

Nachdem die Beiden wieder weg waren ging Samuel ins Bett, immerhin musste er für die nächsten Tage ausgeschlafen sein. Früh morgens stand er auf und arbeitete bis tief in die Nacht hinein. Er hatte zwar gesagt einen Wochenlauf würde er brauchen doch wenn er es schneller schaffen würde dann käme ihm das sicher zugute. Aus Silber sollte es sein, das machte die Herstellung des Rings einfacher, doch das war seine geringste Sorge. Der Ring war auch nach wenigen stunden schon fertig. Nun galt es das gewünschte Wappen zu gravieren. Er hatte den Ring extra an einer Stelle etwas dicker gemacht um genug Platz für das Siegel zu haben. Immer wieder erhitzte er den Ring leicht und begann mit einem sehr feinen Werkzeug nach und nach die Gravur zu fertigen. 2 ganze Tage brauchte er für diese sicherlich nicht körperlich anstrengende doch trotzdem schweißtreibende Arbeit. Doch dann hielt er den fertigen Siegelring voller Stolz in den Händen.

Sofort sannte er einen Boten aus der der Dame Azucinnia Bescheid geben würde das Samuel der Schmied seine Arbeit beendet hatte. Sie würde sich sicher freuen denn er glich sehr genau der gelieferten Zeichnung. Nun galt es noch den Ring auf Hochglanz zu polieren bevor die zwei ihn doch noch schneller besuchen kamen als er dachte. Es sollte ja glitzern.....
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