Wandel

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Valerian von Wolfenfels

Wandel

Beitrag von Valerian von Wolfenfels »

"Der übliche, missratene jünste Sohn - das passt doch ganz wunderbar ins Bild, nicht? Das Leben kann so einfach sein..!" Ich schrie und meine Stimme klang sogar in meinen eigenen Ohren zu schrill, gleichzeitig bitter und überdreht. So als hätte ich völlig den Boden unter den Füssen verloren. Und das war ja auch der Fall - wie sehr schien mein Gegenüber nicht zu ahnen. Immerhin antwortete er mir mit eiserner Ruhe, auch wenn ihn das offensichtlich Überwindung kostete, seine Fingerknöchel waren weiss, wo meine Wangen vor Hitze rot sein mussten.

"Es ist nie so einfach, das habe ich mittlerweile gelernt Valerian. Trotzdem .. Du weisst, was ein guter Name in diesen Zeiten wert ist. Und nun soetwas. Was hast Du Dir gedacht? Was für ein Getuschel werden wir zu hören bekommen - die eitlen Gecken werden sich das Maul zerreissen und wir alle werden gute Miene machen müssen."

Ich senkte den Kopf. Eigentlich wollte ich nichts mehr sagen, kein Wort. Es war genug gesagt worden - sein Bild von mir mochte durch Vaterliebe gefiltert werden, trotzdem sah er mich genau so wie ich es eben ausgesprochen hatte. Als den missratenen jünsten Sohn. Vielleicht war es ihm selbst nicht bewußt.
"Vater, das hat jetzt alles keine Relevanz mehr. Sie ist tot, es ist heute Morgen geschehen. Und ich .. gehe wohin Du mich schickst, damit sich die Wogen erst einmal glätten können."

Die Haltung meines Vaters straffte sich, irgendetwas in seinem Gesicht verschloss sich - diesen harten Zug an ihm kannte ich in dieser Weise kaum. In den Augen seines Vaters fand sich Verbitterung. Woher sie rührte, wusste ich nicht und mir wurde klar, dass er auf gewisse Weise sogar Recht tat mit seinem Urteil über mich - ja ich war jung und vielleicht verzogen. Gab zu wenig auf das, was mein Vater und meine Brüder für unsere Familie erreicht hatten und empfand den neuen Titel unserer Familie als einengend, bei dem Leben das ich mir zu führen wünschte.

Ich konnte fühlen wie meine Wangen sich röteten, diesmal vor Scham und Schuldgefühl, die Tränen versuchte ich indes zurückzuhalten. Sie gehörten nicht hierher.. und es gab keinen anderen Ort mehr dafür, da Sie nicht mehr da war um sie zu trocknen. Mit einem Blinzeln verwandelte sich Wut in Rauch und Trauer in Kälte - und mein Gegenüber sah es. Beinahe hätte ich gelacht, in der vorbeihuschenden Impression in einen Spiegel zu blicken. Was hat er veroren? Wann? Wieso weiss ich nichts davon? Die Frage musste warten und seinen nächsten Worten weichen..

"Valerian, ich bin nicht aus Stein. Es tut mir leid für Dich, dass es so gekommen ist.. aber Du hast Recht. Ich denke es ist nicht gut, wenn Du bleibst. Das heisst nicht, dass Du nicht zurückkehren kannst. Wolfenfels ist Deine Heimat, wie es meine ist. Lass ein Jahr vergehen, werde erwachsen, falls Du es nicht schon geworden bist in den letzten Tagen und kehre zurück, wenn Du es wünschst. Solange schicke ich Dich fort. Und damit Du weisst, dass es keine Strafe ist, wirst Du zu Yarin gehen. Du bist ein Wolfenfels und Du sollst wenn schon in der Fremde nicht allein sein. Ich werde sogleich ein Schreiben aufsetzen, da Du den Raum verlässt. Aber zuerst, berichte mir alles - was muss ich wissen, wenn ich den Fragen der Bürger von Wolfenfels begegne?"

Ein Atemzug, so tief dass er schon schmerzte - so stellte ich mir den ersten Atemzug eines neugeborenen Kindes vor und in gewisser Weise fühlte ich mich ebenso. Als hätte ein ganz neues Leben eben begonnen. Eines, das ich mir nicht ausgesucht hatte. All meine Pläne und Träume hatten sich über Nacht in Staub verwandelt. Dann nickte ich und berichtete.

Die erste Frage, die er stellte, als ich eine Pause machte um meine Gedanken zu sammeln war jene: "Und, hast Du es ehrlich gewonnen oder falsch gespielt?" Und diesmal lachte ich, aus voller Kehle, bis sich das Lachen in das Aufheulen eines vom Pfeil getroffenen Wolfs zu verwandeln drohte und senkte rasch den Kopf.

"Ich bin jung und vielleicht auch unbedarft, aber scheinbar nicht so ein Dummkopf wie Du denkst.."
Valerian von Wolfenfels

Traumgewitter

Beitrag von Valerian von Wolfenfels »

An diesem Abend, dem Abend bevor ich Wolfenfels verlassen sollte, fand ich lange keinen Schlaf, und als er endlich zu mir kam, war er eher Fluch denn Segen. Ich erwachte schweissgebadet im Schein einiger weniger Sterne und meine Gedanken drehten sich noch immer, machten eine Reise in die junge Vergangenheit, von der ich mich am liebsten wie ein Tier in der Falle berfreit hätte, indem ich mir das gefangene Pfote abnagte. Das war unmöglich.

Es war noch immer so real..

Die Schritte hinter mir, als ich den kleinen Waldweg entlangging - jener Moment war einer der besten meines Lebens gewesen, wenn ich so zurückblicke. Ich fühlte mich frei, alles zu tun und auch in der Lage dazu. Ich war glücklich. Das beim Spiel mit den zugegeben zwielichtigen und erfahrenen Halunken hatte ich tatsächlich ehrlich gewonnen. Mehr Glück als Verstand - und ich hatte sogar im rechten Moment aufgehört zu spielen. Es würde für eine Weile ausreichen. Für mich und meine Familie. Meine Frau, mein bald zur Welt kommendes Kind. Für mich spielte es keine Rolle wer sie war - nur dass ich sie wieder hatte. Sie war zurückgekommen um bei mir zu sein. Und sie war schwanger. Meine Freunde waren in dem Augenblick keine mehr, als sie über mich lachten und meinten, das Kind könnte doch von jedem dahergelaufenen Tölpel sein und nicht meines. Dass sie doch nur eine Herumstreunerin und noch dazu eine Verrückte wäre und meiner nicht würdig. Wer war ich denn schon? Ich verfluchte meinen Namen regelrecht. Und ich beschloss, Vater oder auch Sergius nicht damit zu behelligen, bevor ich nicht irgend eine Grundlage vorzuweisen hätte. Geld, ein Heim, Dinge die man benötigte um eine Familie zu ernähren - auch wenn ich keine wirkliche Vorstellung davon hatte, wie ich sie weiterhin würde ernähren können.
Dummer Weise konnte ich nicht viel besonders gut, womit sich schnelles Geld machen ließ, ausserdem schickte es sich wohl auch nicht für mich, mich beim nächsten Schmied zu verdingen und so kam mir die grandiose Idee diese verdammte Spelunke noch einmal zu besuchen.

Die Schritte .. ich wusste, wer hinter mir ging, ohne ihn zu sehen. Die Stimme erkannte ich dann erst recht, als sie mir höhnisch einige Flüche in den Nacken spuckte. Wieso bin ich nicht einfach weiter gegangen? Vermutlich hätte es nichts genutzt. Ich drehte mich ohnehin um, im Taumel eines Jungen der nicht weiss, wie dunkel die Welt sein kann und herschte den betrunkenen Mann an, er solle sich davonscheren.
Noch immer schmerzt meine Brust von meinen hastigen Atemzügen, da er mir plötzlich die lange Klinge an die Kehle hielt und nuschelnd sein sauer verdientes Geld zurückverlangte. Er war unberechenbar und bewaffnet. Sicher, ich hatte schon Dummheiten gemacht und mich mit Männern gestritten, die grösser waren als ich, doch das hier war etwas anderes .. in dem Moment, da ich ihm sagte er sollte zu Sinnen kommen und verschwinden, wusste ich dass es ein Spiel auf Leben und Tod war.

Was für ein seltsamer Instinkt war das, der mir diese Sicherheit verlieh? Wie habe ich es geschafft ihn wegzustossen, ohne in die Klinge zu laufen? Er muss schon sehr betrunken gewesen sein. Als ich jedoch mein Messer zu fassen bekam, fühlte ich mich auch nicht stärker und sicherer. Ich hatte Angst ihm etwas anzutun und ich wusste doch, wenn sich die Lage nicht retten ließ, würde ich es darauf ankommen lassen müssen.

Der Versuch ihn mit Worten einzuschüchtern und dazu zu bewegen, zu verschwinden, scheiterte völlig und plötzlich stürmte er auf mich los - ich wich zurück, ich wusste dass es hinter mir nichs gab ausser einen weiten, baumreichen Wald und ich vor einem haltlos Besoffenen vermutlich würde weglaufen können, aber in einem kleinen Winkel hinter meiner Stirn erwachte Stolz und ich lief nicht weg, ich entgegnete ihm abrupt meinen kleinen Dolch. Stahl klirrte auf Stahl und er torkelte zurück. Ließ sich davon allerdings nicht entmutigen, sprang wieder vor und drängte mich letztlich gegen einen Baum zurück.

Bilder schossen mir durch den Kopf. Augenblicke, schöne, schmerzhafte. Ich sah mich für einen Moment auf dem Boden liegen, um mich herum ein See aus Blut in dem Münzen schwimmen - dann raschelte etwas schräg hinter mir im Geäst und ich duckte mich instinktiv, fühlte ein schweres Etwas aus Knochen und Fell an mir vorbeirauschen - etwas sehr scharfes meine Schulter streifen und nach einem abrupten, fast hölzernen, lauten Knacken hielt ich vor lauter Faszination über die Stille die Luft an - den kleinen, beissenden Schmerz an meinem Arm gar nicht mehr fühlend.
Der Wolf, der auf dem seltsam verdreht daliegenden Mann hockte schnaufte allerdings leise, leckte sich die Schnauze, schnüffelte an dem Menschen und schenkte mir einen einzigen, kurzen Blick, bevor er sich ins Dickicht zurückzog.

Fast angewidert hatten die grossen Tieraugen den Toten angesehen, schoss es mir durch den Kopf. Hatte er deshalb den Mann nicht gerissen, weil er betrunken gewesen war? Und ich, wäre ich nicht leichte Beute gewesen? Ich fühlte, dass ich zu zittern begann, als wäre die Temperatur im Wald plötzlich um zehn Grad gefallen und schlang die Arme um meinen Körper, hörte meine Zähne klappern und blieb einfach so sitzen, in einem Haufen verstreuter Münzen - aber so gut wie unversehrt.

Und so saß ich noch da, als irgendwann später ein kleiner Trupp Männer den Waldweg entlangkam und mich am Wegesrand entdeckte. Es waren Fahrende in ihren bunten Trikots und was sie mir zu sagen hatten, war schlimmer als das, was ich eben erlebt hatte.

Seitdem läuft jeder Gedanke einem einzigen Ende zu - bevor ich die Augen schließe und Schlaf finde, sehe ich ihr Gesicht vor mir. Schwarze Augen, von Lachfältchen und schwarzem Haar gerahmt. Ich werde es nie mehr wirklich vor mir sehen.
Es ist keine Strafe weggeschickt zu werden, der Schmerz begleitet mich, egal wohin ich gehe.

Allerdings begleitet mich auch der grüne Blick der Wolfsaugen und ich werde meinen Namen so schnell nicht wieder verfluchen. Vielleicht ist er es, der mich gerettet hat, vielleicht ist meine Familie wirklich ein Teil dieses Landes, seit Generationen damit verwachsen und gehört dorthin, wie die Steine und die Bäume seit ewigen Zeiten es tun - vielleicht ist das auch nur der Gedanke eines noch immer nicht ganz erwachsenen Jungen.
Und vielleicht, wenn die Zeit meine Wunden schließt, werde ich mich danach sehnen, zurückzukehren in diesen Wald, vielleicht tue ich es schon, obwohl ich noch hier bin. Aber diese Zeit neigt sich dem Ende und ich will versuchen, die Tage die kommen anders aussehen zu lassen, als die, die gegangen sind. Das Bild, das mein Vater und vermutlich fast jeder andere hier von mir hat, dem unbedarften jüngsten Sohn der nur Flausen im Kopf hat gefällt mir nicht mehr. Und es passt mir auch nicht mehr, gestern vielleicht noch, heute nicht mehr.
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