Schlaflos in Varuna

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Darna von Hohenfels

Schlaflos in Varuna

Beitrag von Darna von Hohenfels »

Nein, die Gardisten Orbert und Greger würden einen Dämon tun, seine Hoheit zur Umsetzung seiner Drohung herauszufordern: "Jegliche dumme Bemerkung oder Gerede und ich werde davon hören... Sie wird mit 10 Strafschichten bestraft und einem sehr persönlichen Gespräch mit mir und Lady Darna. Wir haben uns sicher verstanden."
Die einzige kurze Diskussion belief sich lediglich darauf, mit wem von beiden das "sehr persönliche Gespräch" dann schlimmer wäre. Und, ob die Lady, die von seiner Hoheit stützend fast schon hereingetragen wurde, besoffen oder am einschlafen gewesen war. Diese zweite Frage fand schneller Klärung: die immer dunkler werdenden Augenringe der letzten Tage sprachen für sich.

Inzwischen machte es im Regiment durch die Schloßwachen sicher trotzdem zuverlässig die Runde, daß seine Hoheit sich wie seit jeher um Lady Darnas Wohl bemühte - aber etwas daran trotzdem anders war.
Spätestens, seit Sir Rafael selbst an offen zugänglichen Orten wie zum Kaminzimmer vorher gegen ein Regal klopfte, wenn er die beiden beieinander wusste.

Heute morgen hatte es ganz den Eindruck gemacht, Darna hätte es sogar nicht mal mitbekommen, wenn Adrian ihr singend auf dem Flur einen Heiratsantrag gemacht hätte. Mit einem Buch "Legenden über Schwüre und Eidbrüche" unter dem Arm schlurfte sie in den Speisesaal und hatte sich mit etwas zu essen eigentlich nur ins Kaminzimmer verkrümeln wollen. Daß Adrian dort saß, merkte sie, als er sie ansprach. Sich Frühstück zusammenzusuchen, geriet zu einer Odyssee aufgrund mangelnder Konzentration: es schien zuerst Brot werden zu sollen, bis sie eine Menge Erdbeeren entdeckte, überlegte, Milch zu suchen anfing, mit einem Glas davon dann vor den Erdbeeren stand, den Kopf schüttelte, eine Schüssel suchte, sich Erdbeeren mit Milch machte und ein paar Momente mit der halb beschmierten Brotscheibe überfordert schien, ehe da doch endlich Schinken drauf landete.
"Wünschen die Dame eine Frühstücksberatung?"
Stimmt, hier saß ja noch Adrian... sie wär mit dem Frühstück gerade fast zum Kaminzimmer gegangen.

"Langsam beginne ich mir Sorgen zu machen", kommentierte Adrian, "Ich weiss ja, dass du einiges im Schlaf hinbekommst... aber wenn nicht einmal das - nein, ich bin lieber still."
"Ich bin wohl über den so genannten 'toten Punkt' hinaus, und wenn ich dann nicht schlafen kann, kann ich wenigstens was tun", erklärte sie möglichst bestimmt, ruhig und leicht frustriert.
"Das ist das Problem dabei. Solang du ständig mit den Gedanken dabei bist, was du tun kannst, wirst du nie die Ruhe finden."
Das war fast genau ins Schwarze. Trotzdem stand sie vor Problemen. Wenn sie in der letzten Zeit einschlief, wachte sie von dem Gefühl auf, jemand hätte sie gerufen oder irgendwas würde nicht stimmen. Oder daß sie etwas Wichtiges vergessen hatte oder noch zu erledigen hätte. Damit war an mehr außer Erschöpfungsschlaf dann nicht mehr zu denken.
Genau das Gleiche jetzt: sie konnte eh nicht schlafen, dann konnte sie mit Adrian auch Dinge bereden, die noch wichtig waren...

Die Anguren
"Was soll ich machen, die Anguren etwa nach Paragraph 3.3 wegen Menschenraub verklagen, nachdem ich dafür gesorgt habe, daß sie in Varuna Gastrecht erhalten? Das käme mir wie Verrat vor." Schon bei dem Gedanken fühlte sie sich schlecht, aber genau das lag weltlich gesehen vor: die Anguren hatten Bürger der Grafschaft und weitere Menschen entführt, und waren nun hier.
"Wie geht es Savea und Shaya?"
"Sie wirken, wie aus einem Traum aufgewacht. Aber heute Nacht musste ich sie wieder vom Fell auf dem Boden in ihre Betten legen."
"Hmm nunja wer bin ich? ber Glauben weisst du gewiss mehr auszusagen... Aber sag wie ist es mit dem Mitgefühl, gilt der nur für Nahestehende und nicht für irgendwelche halb verhungerten auf irgendeiner entfernten Insel?"
Darna brummte auf. "Das brauchst du mir nicht erklären."
"Oh ich erkläre gar nichts, ich bin ein dummer Graf, ich frage nur."
Sie hasste ihn, wenn er so redete. "Sie haben einen schwerwiegenden Fehler begangen, der nicht nur den Gefangenen, sonder auch sie selber fast das Leben kostete - ohne die Entführungen wäre all das nicht passiert. Betrachtet man nur die Gefangenen, war bislang die einzige Konsequenz für die Anguren, daß sie sich selbst aus ihrem Clan geworfen haben, na Wahnsinn... das ist nach ihrem Ehrgefühl härteste Strafe.
Ich hätte kein Problem damit, zu sagen, sie sind gestraft genug - aber ich musste auch nicht in diesem Lager da leiden. Ich überlege selber an Konsequenzen, damit Shaya und Savea es nicht auf eigene Faust tun."
"Hmm die Frage ist, bringt es viel, sie nach unseren Gesetzen zu strafen, die sie zweifelsohne nicht einmal wirklich kennen, und dann vielleicht nicht
einmal als angemessen anerkennen."
"Nein, bringt es nicht", erwiderte sie recht prompt.
"Oder wäre es besser, ihnen deutlich zu machen, was sie anhand unser Gesetze taten und dann zu sehen, wie man sie strafen kann, dass es ihrem Verständnis entspricht."

"Ich überlege, sie in irgend einer Art und Weise dafür zu fordern", meinte sie ernst scheinbar als halblaute Zustimmung zu seinen Worten. Adrian betrachtete sie eingehender. "Es müsste für sie nachvollziehbar sein, gerade weil Savea und Shaya 'meine Leute' sind. Du hättest damit dann nicht unbedingt was zu schaffen und würdest nicht das Gastrecht verletzen."
"Du meinst, sie dürfen sich in Freifrau-Weitwurf üben?", fragte er recht zynisch.
"Nur, weil das zwei Meter große Muskelpakete sind, brauchen die nicht zu glauben, sie könnten mich in den Boden stampfen", schnaubte sie leicht.
"Nicht, wenn du immer wieder um sie herumrennst, dann stünden die Chancen vielleicht gut."
"Für was hälst du mich?", fragte sie grantiger, "Für einen florettfechtenden Gecken, der sich was einbildet?"
"Verzeih ich weiss, was du kannst und zweifle nicht daran. Ich weiss dass ich mich in friedlichem Zusammensein mit ihnen gemessen hab, und ich halte mich auch nicht für einen schwächlichen Adelsgecken... sie sind nicht zu unterschätzen Darna."
"Das ist mir klar", meinte sie mürrisch, "Ansonsten wäre eine Forderung auch wertlos."
Versprich mir nur eines wenn du dies in Betracht ziehst... Schlafe ausreichend. Normalerweise müsste ich das wohl nicht betonen.. aber im Moment scheinst du das doch zu vergessen."
Im nächsten Moment war ihrem Blick zu entnehmen, daß sie ein Kissen gerade selber zum Werfen benutzt hätte, statt zum schlafen. Ohne ein weiteres Wort ging er in sein Büro und holte den kleinen Wurfapfel aus Stoff, den sie ihm extra dafür zum Geburtstag geschenkt hatte, doch als er wieder raus kam, sah er sie gerade noch Richtung Kaminzimmer verschwinden, das Buch unterm Arm.

Zwei Seiten des gleichen Problems
Nach wenigem hin und her, wer nun schuld für wessen schlechte Laune war, näherten sich Schritte dem Kaminzimmer, verstummten und jemand klopfte an das Regal. Adrian beendete abrupt die begonnen Schultermassage und Darna wechselte den Sessel, als sie registrierte, daß sie sich einfach in den an der Stirnseite des Tisches geworfen hatte - der gebührte allerdings Adrian.
"Guten Morgen. Panisch?", fragte Rafael nur, als er sich dann zu ihnen gesellte. Rafael... das war gut, daß sie ihn endlich sah. Eigentlich hatte sie ein kompliziertes Thema auf dem Herzen, das sie schon lange in vertrauterer Runde mit ihm hätte ansprechen, ihn um Rat fragen wollen... aber das bot sich gerade nicht an, und schon gar nicht, wenn Adrian dabei war. Aber etwas anderes, das schon seit Tagen wichtig war:

"Ich wollte dich ganz was anderes fragen... Was ist mit Luca? Liefert ihr einfach so einen Jungen für eine Nacht jetzt bei mir ab und überlasst es dann meiner Gutmütigkeit, mich unabsehbar länger um ihn zu kümmern?"
"Luca...", erwiderte Rafael, "Ich war zwei mal nun bei euch gewesen aber da war weder er noch du da und... nun ja, er hat doch einen Schlüssel fürs Haus, er hätte jederzeit zurück kehren können."
"Er hat jetzt einen Schlüssel für mein Haus, und scheint es nicht wirklich eilig damit zu haben, zurückzukommen", erwiderte sie ärgerlich, "Zu wem auch überhaupt? Er scheint sich bei Zoe Zuhause zu fühlen, aber da kann von kurzfristigen Lösungen ja kaum eine Rede zu sein, und Rahel scheint irgendwie überhaupt kein Thema. Kannst du dir vorstellen, daß ich bis heute nicht einmal weiß, wo er _wirklich_ wohnt??"
"Er wohnt bei Rahel ... Aber ich weiss nicht, ob du weisst, daß Rahel ihre zwei Kinder verloren hat, und begann, den Jungen wirklich lieb zu gewinnen und er bricht ihr jedesmal aufs neue das Herz."
"Dann soll sie das lassen", sagte sie mit ungewohnt scharfem Ton, "Ich sehe da jedenfalls ein Kind, das hin und her gereicht wird." Einiges an Frust der letzten Tage schien sich gerade zu entladen, doch schien auch bei Rafael ein wunder Punkt berührt, auch sein Ton wurde schärfer:
"Greif sie nicht an, Darna. Sie hat wirklich alles für den Jungen getan, und er ist es, der genau immer dort ist wo er es will, die Menschen sitzen lässt und damit verletzt. Sie hat wirklich alles für ihn getan, und er dankt es ihr nicht."
"Dann soll sie es lassen", fuhr sie nochmal dazwischen, wenn auch ruhiger und beherrschter. Rafael sprach weiter:
"Er macht genau das, was ihm gefällt, ohne Rücksicht auf irgendwen zu nehmen."
"Dann wird er kaum lange bei Darna bleiben...", kommentierte Adrian leise.
Sie klappte das Buch zu. "Aber faselt mir nicht was vor, er soll bei mir eine Nacht bleiben, wenn ihr in Wirklichkeit nicht wisst, wohin mit ihm."

"Ich rede allgemein und zieh Rahel nicht immer mit hinein! Sie hat ihm wirkich ein Heim geboten. Wenn er es nicht will, ist es seine Sache. Du hast selber gesehen, wie fertig sie war. Sie würde ihn ja wieder nehmen, aber er will nicht. Er fühlt sich bei dir wohl ... solange bis er wieder wen anderen hat. Er will gar nicht zurück Darna."
"DU erzählst mir hier doch gerade, daß sie mit ihm überfordert ist! Herrintemora nochmal, dann soll sie das sagen und nicht rumheulen, an was sie versagt!"
"Darna, du gehst zu weit!"
"Ruhig Blut ihr beiden", versuchte Adrian zu schlichten. Rafael schlug mit der Faust auf den Tisch, und Darna funkelte ihn zornig an. "RAFAEL! Setz dich und rede vernünftig mit ihr oder geh frühstücken." Es schien zu spät, Kronritter und Paladin, die beiden Freunde waren aneinandergerasselt.
"HImmel nochmal, sie hat ja keine Ahnung, verdammt nochmal! Rahel musste mit ansehen, wie ihre zwei Kinder elendig verbrannten! Jetzt hat sie begonnen, ein Kind lieb zu haben, bietet ihm ein Haus, will es sogar für ihn umbauen, damit er sein eigenes Zimmer bekommt, aber er sagt ihr nur immer wieder, daß er lieber woanders ist, haut dauernd ab, und verletzt sie mit seinem Tun. Entschuldigt bitte, wenn ich verstehe, daß sie dann ein Problem mit ihm hat."
"Was erwartet sie auch bei einem Kind, das seit ein paar Jahren klar denken kann und so gut wie sie weiß, daß sie nicht seine Mutter ist?", schoß sie unbarmherzig zurück.
"Das will sie gar nicht sein. Sie will ihm nur ein Heim bieten."

"Na und? Wo ist das Problem? Viola kurvt auch bis heute herum, wo sie will", meinte sie mürrisch, "Und würde sie gehen wollen, dann geht sie eben. Dann kann sie es sich abschminken, daß sie noch mein Mündel wäre, aber das ist ihr klar."
"Ja und? Ist das ein Grund? Du liebst sie ja auch nicht oder siehst sie als deine Tochter an."
...
Etwas in ihrem Bauch sackte wie Eis nach unten. "Ich tue sie WAS nicht?!" Sie stand auf. Adrian rieb sich die Schläfen. "Würdet ihr euch langsam beruhigen?" "DAS nimmst du SOFORT zurück!", brüllte sie Rafael an, ohne auf Adrian auch nur zu achten.
"Werde du erst einmal Mutter, Darna, dann weisst du was ich meine!!!", brüllte er zurück. Das saß. Sie wurde blass. Adrian wusste, welcher Nerv getroffen war, und nach einem weiteren Lidschlag hatte Rafael das Apfelkissen von ihm im Gesicht, das er auch komplett auf Darna fixiert sauber abbekam. "Au!"
"Das hast du verdient", sagte nun selbst Adrian eisig. "Ich wünschte, es wäre härter gefüllt. Du wirst dich sofort bei ihr entschuldigen oder du kannst das Schloss verlassen bis du dir überdacht hast, was du von dir gibst!"
Darna starrte ihn immer noch an, als höre sie die Worte gar nicht, knirschte mit den Zähnen. "Ich entschuldige mich, Lady Darna." Sie hörte ihn nicht - nein, wollte ihn nicht hören.
"Es reicht", entfuhr es ihr kalt, "Ich will nichts mehr hören. Und ich hab genug gesagt. Geh Rahel mit gutem Recht trösten, ich kümmer mich um das verzogene Kind, kann ja nur schiefgehen."

"Darna...", klang es ihr von Adrian hinterher, und:
"Ich bin eh ab heute Abend fort", von Rafael. Das Blut rauschte ihr in den Ohren. Sie, unfähig, Viola wie ein eigenes Kind zu lieben, Luca zu erziehen, weil sie keine eigenen Kinder hatte, keine... bekommen wollte... - wollte sie nicht, nicht wahr? Neun Monate hilflos und von allen Seiten begafft und betüddelt ihrer Verpflichtung vor Temora nicht nachkommen zu können, und danach auch noch mit etwas konfrontiert zu sein, das noch viel hilfloser war als sie und das sie schützen musste...
Sie knirschte mit den Zähnen. Wie hielten Mütter das aus? Aber die meisten wollten sich auch nicht mit dem Schwert in der Hand an Dämonen und den Rittern des Brudermörders messen... sämtliche Gedanken schossen ihr wieder durch den Kopf, die sie als Für und Wider gegenüber Kindern hegte. Wie sauber Rafael das getroffen hatte, an dem sie selber gerade nagte.

"Wir schützen zwei Seiten des gleichen Problems, oder?", sollte sie erst etwas später zu Rafael sagen, noch immer mit scharfem Unterton, außerhalb des Kaminzimmers neben den Bücherregalen stehend. Er schützte Rahel, sie Luca...
"Auf verschiedene Art und Weisen, ja", entgegnete er.
"Geh Rahel auf die Beine bringen. Und wage nicht nochmal, mir solche Dinge zu unterstellen."
"Das vermag ich incht mehr zu tun...", lautete die Antwort, "Ich reise heute ab!" - Rahel also sich selbst überlassen. Sie legte eine Hand vor's Gesicht. Konnte es schlimmer kommen?

dann auch noch Adrian
"Darna...", hatte Adrian sie neben dem Kaminzimmer zu beschwichtigen versucht, "Ich weiss, ich vermag viel Unsinn von mir zu geben, er ebenso, aber er weiss doch nicht einmal, was er da von sich gibt und warum es so saß."
Oh ja, und wie es gesessen hatte. Sie zwang ihre linke geballte Faust neben dem Schwertgurt zitternd runter. Er legte seine Hand auf die ihre als wollte er ihr Einhalt gebieten.
"Ich bin wahrlich auch nicht nett gewesen", meinte sie mit knurrendem Unterton, "aber muß ich diesem Weib erst erklären, wie sie dem Tumult in ihrem eigenen Haus entgeht, um hinterher zu hören, sie hat meinem Rat doch offenbar nicht gefolgt, beschwert sich aber weiter, und ich kann dann zusehen, wie nicht nur ihr nicht geholfen ist, sondern werde auch noch auf ihrem Berg von Problemen sitzen gelassen und das alles auf Kosten eines Jungen, der", sie wurde wieder lauter, "wegen götterverfluchten Arkorithern nicht mal mehr seinem eigenen Schatten traute? Schwierig?! Ja, verdammt, er IST schwierig! Und erkundigt sich nach einem strahlenden Ritter, der ihn abgeliefert hat und verschwunden ist!"
"Setzt endlich diesen Jungen vor vollendete Tatsachen und in eine angemessene Erziehung", meinte Adrian fast ungewohnt streng und sachlich, "Er wird solang mit diesem Spiel weitermachen wie man ihn lässt, und gewiss ist es seinem Wesen sehr zuträglich, ihn weiterhin machen zu lassen was er will und sich die Rosinen herauszupicken. Die Frage ist, wer zeigt es ihm auf, dass es so nicht weiter geht, du oder Rahel."
"Ich werde ihn nicht auch noch rauswerfen oder abschieben", meinte sie grantig, "Er reißt sich ein Bein aus, im Haus zu helfen, und ohne ihn hätt ich manchmal nicht mal Savea oder Shaya alleine lassen können, fast hat er sie selber zurück zur Vernunft gebracht!
'Schwierig'...", sie schnaubte.
"Ich würde empfehlen, du schläfst dich aus, bis du weniger gereizt bist und erörterst das Thema dann in Ruhe mit Rahel."
"Um mir ihre Sorgen auch noch anzuhören", giftetet sie ihn an.
"Ja, verzeih wenn ich mich irrte - die Sorgen der Menschen sind ja Dinge, die eine Frau Paladin nun wirklich nicht betreffen."
Sie hielt inne und der Blick glitt tödlich langsam zu ihm. Der zweite Treffer, und diesmal von Adrian. Im Kaminzimmer nahm Rafael unbemerkt das Kissen und pfefferte es in den Kamin.
Gefährlich leise zischte sie Adrian zu: "Falls du dich fragst, warum ich ausschlafen müsste und es nicht kann..." Er blickte zu ihr, völlig ruhig, wenngleich er offenbar abwartete, sich notfalls ihre Faust einzufangen. "...dann sag mir sowas nochmal, und der Handschuh vor deinen Füßen wird golden sein, verlass dich drauf." Die Worte endeten eisig.

Adrian presste die Lippen knapp aufeinander. "Kein Morgen wie ich ihn erhofft hätte, wahrlich nicht. Aber nun gut, ich weiss daraus die Konsequenzen zu ziehen und zu erkennen was mir nun daraus erwächst." Seine Stimme wurde sehr leise: "Ich liebe dich, aber ich erkenne, dass ich mein Recht eben verwirke...", fuhr lauter fort, "Ich wünsche einen wohlen Tag."
Sie starrte ihm nach, wusste mit den Worten irgendwie nicht mal recht was anzufangen. Was sollte das jetzt? Seine übliche Selbstmitleidstour. Sie wollte ihm nicht hinterher. Es tat ihr leid. "Holz-kopf", grollte sie ihm gerade noch so in Zimmerlautstärke nach.

Adrian erfuhr etwas später im Kaminzimmer von Rafael, wo das Wurfkissen gelandet war und war überhaupt nicht begeistert. Darna nahm es mit der Gleichmut zunehmender Erschöpfung hin. Für Adrian... schien es irgendwie mehr. Er trug die verkohlten Reste des Kissens weg, als wolle er es nach unten in die Familiengruft bringen.
Kurze Zeit später meldete ein Gardist Rafael, daß seine Hoheit das Schloß zu Pferde verlassen habe. Die beiden sahen einander an. "Reiten wir ihm nach? Ich vermute .. den Baum. Oder willst du alleine?" Sie sah an die obere Regalkante, als läge da irgendwo Hilfe herum. "Ich vermute auch den Baum... aber komm mit, bitte, ich bin langsam kaum noch mehr zurechnungsfähig, glaub ich."

Ich will keinen Schwächling
Sie ritten auf die Dornenfeste zu, bislang deutete alles darauf hin, daß Adrian an die bestimmte Stelle im berchgarder Hinterland geritten war. "Du bist sicher, daß du nicht alleine mit ihm reden willst?", fragte Rafael erneut. "Wenn er da ist...", erwiderte sie, als wolle sie sich unsicher sein. Denn irgendwie verstand sie ihn nicht mehr. "Außerdem kann ich nicht ganz nachvollziehen, was er gerade ernsthaft haben mag."
"Nicht?", fragte Rafael perplex, "Darna, wirklich nicht?"
"Hab ich was verschlafen?", fragte sie besorgt, während er sein Pferd zügelte und auch sie hielt.
"Wohl sehr erheblich was verschlafen."
"Er faselte irgendwas von zurückziehen, aber damit unkt er so oft..."
"Ja, weil er Angst hat. Angst vor seinene eigenen Gefühlen. Männer sind manchmal so dumm." Darna atmete schnaufend aus - nicht nur Männer. "Glauben, daß es besser wäre sich zurück zu ziehen von der Frau die man liebt .. um ihr nicht weh zu tun ... oder sich selber, wenn man sich nicht sicher ist, daß die Frau einen auch liebt. Bevor man sich zu sehr in dem Gefühl verliert."
"Waren wir über diese ersten Schritte nicht schon längst hinaus?", fragte sie sich müde in Gedanken und meinte laut und abschätzig: "Was erwartet er denn in solchen Momenten, daß ich ihm sage 'aber ich will von Dragenfurt doch gar nicht!' und mich ihm an den Hals werfe? Sowas verlangt nach einer Antwort, und die hat er sich noch nicht verdient - so erst recht nicht."
"Ich werde schon wieder so ungnädig, was ist nur los heute?", geisterte es ihr durch den Sinn, aber es entspannte irgendwie ungemein.
"Nein, das erwartet er bestimmt nicht", widersprach Rafael.
"Und ansonsten wäre das Ganze ohnehin nur eine Farce, was soll das?"
"Eine Farce? Darna, würde er Signale geben, würden sich ihm zig Frauen an den Hals werfen. Er hat lange mit sich gerungen ... überhaupt sich selber zuzugeben, wieder zu lieben. Dazu eine Frau, die er seit langem als gute Freundin kennt."
"Es geht aber leider nicht allein um ihn", sie verengte die Augen, "Es könnte leichter sein, würde nur er um mich werben, aber das ist nun mal nicht der Fall."
"Sagtest du nicht, daß du allein entscheidest, wem du dich zuwendest?"
"Ja - dennoch soll mein Vater die nötigen Traditionen pflegen", erwiderte sie reserviert, "Und auf welcher Basis soll ich urteilen, wenn von Dragenfurts Werben bei zwei Versuchen, mich zu besuchen blieb, die beide unterbrochen wurden, weil mal wieder 'wichtiges' dazwischen kommt?" Silvan hätte ihr fast leid tun können, aber zunehmend kam sie sich auch umso unfairer vor, je mehr Zeit sie mit Adrian zubrachte. Gleichzeitig wurde ihr Silvan zunehmend gleichgültiger.

"Auf welcher Basis?", echote Rafael verblüfft, "Willst du wirklich mit dem Verstand urteilen, wem du dich zuwendest, oder einfach mal auf dein Herz hören? In der Liebe... sollte man aufhören, zu denken, Darna!"
"Der Kronrat pfeift auf mein Herz, wenn ich einem Werber eines etablierten Adelsgeschlechtes nach einem Witz von Werbung den Laufpaß gebe, Rafael", entgegnete sie ruhig und schärfer.
"Das mag sein", musste er zugestehen, "Aber Adrian zerreisst diese Ungewissheit. Du kennst ihn und seinen Pessimissmus."
"Ich will ihn nicht aus Mitleid lieben", lehnte es sich in ihr auf. "Dann muß er stärker sein", kamen die Worte nüchtern und leicht bedauernd, "Wenn er bei jedem kleinen Anflug von etwas Negativem gleich das Ende aller Dinge sehen will, dann kann ich ihn nicht so oft auffangen, wie er fallen möchte, Rafael..."
"Dann warst du in letzter Zeit nicht sehr aufmerksam, was ihn anght. Er ist in einem ziemlichen Loch Darna, und wir versuchen ihn seit langem da heraus zu ziehen, was immer nur für Momente gelingt. Er braucht seine ... Freunde, Darna. Er braucht es, mal lachen zu können."
"Denkst du, das weiß ich nicht? Denkst du, es erhellt mir nicht selber den Tag, wenn ich auf ein verschmitztes Schmunzeln von ihm sehe? Glaubst du, ich vermisse nicht den silberhaarigen Löwen, als der er bewundernswert war?"
"Er besitzt Stärke, Rafael." Sie richtete sich etwas im Sattel auf, eine Spur stolzer, erhabener. "Ansonsten hätte ich mich auch schwerlich in ihn verliebt. Aber ich bin auch ehrlich gesagt nicht willens, mich anspruchslos an ihn zu verschenken, in der blanken Hoffnung, ob er dann gnädigerweise wieder auf die Füße kommt. Ich will ihn in Zeiten der Not gerne stützen - aber er sollte mich nicht glauben lassen, er könne gar nicht mehr selber laufen, sondern nur noch jammern und versinken, egal wie oft man ihm raushilft." Sie klang grimmig und bedauernd zugleich. "Und wenn es das ist, was er begreifen muß, dann sagst besser du ihm das."
"Wie könnte ich ihm auch das sagen? 'Adrian, wenn du untergehen willst, dann lass ich dich alleine.' Alleine untergehen."
Rafael scherzte etwas, sie konnte darüber nicht mal mehr schmunzeln. Still ritten sie den Rest des Weges. Vor dem Mandelbaum starrte tatsächlich Adrian zum Meer.

letztes Aufbäumen
Er schien auf die Geräusche der Pferde nicht zu achten. Darna beobachtete, wie Rafael näherritt und abstieg, sie blieb einen Moment distanziert sitzen. "Jetzt auch noch auf ihn einreden... Wieder mit Engelszungen... Ich kann nicht mehr." Ihre Miene wurde düster und verschlossen. Rafael legte ihm die Hand auf die rechte Schulter. Sie seufzte im Stillen, als sie die leere linke Seite sah. Die alte Geste, sie beide hinter ihm stehend... "Es braucht dich. Er braucht dich. Mehr, als du je zuvor hättest geben können. Würde 'Freundschaft' jetzt überhaupt noch reichen? Ich glaub es nicht. Aber es ist ja auch nicht mehr nur das. Erfüllst du selbst dann noch eine Pflicht, wenn du liebst?" Sie stieg vom Pferd, und das Gefühl widerte sie an, eine Pflicht zu erfüllen. Einzig die Leichtigkeit, mit sie auch sanft über die Schulter streichelte, als sie ihre Hand darauf legte, wischte das Widerstreben beiseite.
"Traue nie dem Glück der Sterne, Sterne glühen und vergehen ...
Traue nie dem Duft der Rosen, Rosen blühen und vergehen ...
Traue aber einem Menschen, der es ehrlich mit dir meint ....
der im Glücke mit dir jubelt und im Schmerze mit dir weint",
zitierte Rafael leise. Darna sah fast finster in Adrians Miene. Wollte sie das alles? Konnte sie das alles? Und wollte Adrian ihr trauen?
"Manchem ist es nunmal gegeben, besser den Schmerz allein herauszuweinen und anderen nicht das Glück zu nehmen, das sie verdienen", meinte er leise.
"Das erste könntest du grad hinkriegen, das zweite nicht, wenn du so weitermachst", entfuhr es ihr ebenso leise, aber schon wieder schärfer. Sein Blick ruckte zu ihr herum.
"Denkst du denn ich wüsste nicht, dass meine Worte zu allem geeignet sind, nur ganz gewiss nicht dein Herz zu halten? Ich erkenne meine Schuld und meine Pflicht hieraus."
Beiläufig nahm sie die Hand runter. "Willst du mir das Traumschloß vorlügen, du würdest mir immer nur eitel Sonnenschein bieten können? Lügner. Du wirst dann nur an deinen eigenen Ansprüchen scheitern und tust es schon jetzt." - es widerte sie an.

"Adrian, hörst du jetzt mal auf!!!", fluchte selbst Rafael. Darna beobachtete mit kritisch gehobener Braue und reservierter Lehrermiene, wie Adrian sich wieder zum Baum wandte, eine Mischung aus Zorn und Trauer in seinen Augen. "Jemand sollte dich wirklich langsam mal übers Knie legen", schimpfte sein Freund weiter.
"Ich hab dir gesagt, er wird nicht damit aufhören", war ernüchtert und verärgert ihre Stimme zu hören. "Und wenn er damit alles kaputt machen will, bitte."
"Habe ich nicht längst schon alles... und sollte ich dies nicht einsehen?"
Rafael und sie antworteten fast gleichzeitig: "Nein hast du nicht, aber wenn du so weitermachst."
"Nein, Adrian - du fängst in Momenten wie diesem erst mit dem kaputtmachen an."
Sie ging. Rafael fuhr bald aus der Haut:
"Hat das Wort 'Hoffnung' für dich denn überhaupt keine Bedeutung mehr? Hast du verlernt, zu kämpfen? Wenn du etwas willst, dann kämpfe gefälligst darum!"
Er schien kaum zuzuhören, sah ihr nach. "Bitte bleib." Sie wandte den Kopf, ohne zurückzukommen. "Ich weiss nicht was ich verloren habe, oder wann und wo... Ich weiss nur, du bist so viel für mich und doch wähle ich nur Worte, die dich forttreiben."
"Na und?", erwiderte sie fast trotzig, "Glaubst du, das würde sonst nie..." - er trat sehr nahe zu ihr und versuchte, ihr einen Kuß auf die Stirn zu geben. Diesmal war sie nicht willens und trat tatsächlich einen Schritt zurück. "Ich bin mit dir noch nicht fertig."
"Vergib einem Narren wenn du kannst, oder laufe fort und lass ihm nur den Handschuh..."
"Das ist Erpressung, vergiss es. Ich vergebe dir nicht, und ich laufe nicht weg - aber meinen Handschuh kannst du kriegen."
Er nickte knapp bei ihrer Reaktion, seine Mimik verhärtete sich wieder. Na bitte, da war die Wand aus Verletztheit, die sie einzureißen gedachte!

"Glaubst du, zwischen uns dürfte es nur eitel Sonnenschein und immer liebe Worte geben?" Aus schmalen Augen musterte sie ihn. "Dann trete ich zurück, denn so großmütig, wie ich auch sein will, weiß ich, daß ich das nicht immer schaffen werde. Jetzt zum Beispiel nicht." Energisch ging sie in die Offensive, längst jenseits der Grenze von gut und böse.
"Ich bin kein vollendiger Narr das zu glauben, aber offenbar bin ich besser darin, dir Beleidigungen an den Kopf zu werfen denn Rosen, welche Art werben soll dies sein?"
"Ich will keine Rosen. Hör mit dem Geschwafel auf."
Sie fegte seine Worte weg. Er hatte noch immer nicht begriffen. "Ich bin am Ende, Adrian, und wenn du tatsächlich für mich da sein willst, dann brauch ich in solchen Momenten keinen Schwächling, der wegen ein paar scharfen Worten sonstwas von sich selber denkt, den Schwanz einzieht und jaulen geht!" Bissig griff sie seine Worte nun noch auf: "Ach, kann ich nicht mehr zählen? Daß du mich häufiger verletzt als mir geholfen hättest, wüsste ich aber."
"Ich gehe nicht jaulen, ich versuche mir bewusst zu sein, ob du noch nach diesen Worten überhaupt irgendetwas von mir hören willst - wenn du nachsinnen jedoch als Jaulen bezeichnen willst, bitte."
Die beleidigte Leberwurst. Sie registrierte selber nicht, wie Rafael hinter Adrian einen Schneeball formte und auf seinen Kopf zielte, es dann doch bleiben und den Schneeball fallen ließ.
"Dann würde ich es nicht so oft darauf anlegen, das erst von mir zu erfahren, indem ich dir hinterherlaufen muß. Wer flüchtet hier?! Das kannst du offenbar auch ganz gut."
"Oh ja, es ist sicherlich besser, die Schlosswände anzustarren. Darin war ich ja ohnehin schon immer Meister."
Sie sah zum Himmel. "Temora, lass... ... irgendwas runterfallen. Einen Hammer auf seinen Kopf."

"Mit diesem 'Ich weiß, was gut ist, ich zieh mich besser zurück' bist du also hier her geritten, nur um alleine und in Ruhe über den Quatsch nachzudenken, den du damit gesagt hast?"
"Willst du mich verarschen?" Er funkelte sie an:
"Du hieltest es also für besser, wir werfen uns im Schloss weiter Nettigkeiten an den Kopf, bis wirklich irgendein Handschuh fliegt und damit ohnehin alles begraben ist?"
"Wieso halten alle ein Duell immer für irgendeine Form von alles beendendem Mord?", dachte sie abgelenkt nach, "Ich hab mich mit dir noch nie geschlagen, vielleicht sollte ich das wirklich mal tun, gucken ob du wirklich so dusselig und unbedarft bist und dir gleich dazu ein paar Ohrfeigen verpassen, damit du aufwachst. Ich kann dich so doch nicht ernst nehmen, herrje. Wer soll regieren und dieses Land verteidigen?" Sie überhörte abwesend fast, was er sonst noch sagte, es kamen nur Reste bei ihr an:
"...fordere mich nur bis zum dritten Blut... es wäre mir ohnehin lieber ... zu sehen wie du und Silvan sich vor Glück anstrahlen."
"Was?!"
Sie sah ihn an und er musterte sie mit einem recht undefinierbaren Blick. "Ich hab irgendwas nicht mitbekommen. Das muß die Müdigkeit sein." "Was wär dir lieber?", hakte sie unsicher nochmal nach.
"Lieber sterbe ich ob dummer Worte durch deine Klinge, als dass ich ob dieser noch erlebe, dass du deshalb das Glück in seinen Armen wählst." Sie kaute den Satz in Gedanken nochmal durch. Es war frustrierend, daß sie sich gerade kaum konzentrieren konnte. Hoffentlich sagte sie jetzt keinen Mist, sie formulierte sehr bedächtig:
"Wenn er nicht aufpasst, kann er eine ganze Menge anderer Dinge tun, als zu erwarten, daß ich ihn als diesen arroganten Schnösel nehme, als der er sich in letzter Zeit zunehmend zu präsentieren scheint", stellte sie recht sachlich drohend fest. Adrian musterte sie nun mit erhobener Braue. "Du hast noch nicht gewonnen..." - sie fügte in gleicher Tonart, noch etwas bedächtiger an:
"Und wenn du nicht aufpasst, werd ich einen Dämon tun, dir mehr als eine nette Freundin zu sein, wenn ich dich bei jedem Fehltritt erst wieder aus einem Jammerteil der Selbstvorwürfe und des Selbstmitleids heraus holen muß."
"Es hat nichts mit...", brauste er kurz auf, verstummte jedoch schlagartig, als sie weiter sprach:
"Ich weiß selber, ich bin ein Ekelpaket heute. Ich bin müde. Ich bin fertig. Da musst du nicht immer ein Engel sein können, aber dann will ich hinterher dich nicht auch noch zu meinen Sorgen zählen müssen..." Sie atmete aus, scheinbar völlig erschöpft sackten die Schultern runter. "Das kann ich nicht... denn dir würde ich dann auch noch mehr Aufmerksamkeit widmen, als ich verkrafte."

Eine Weile starrte er sie mit leicht gerunzelter Stirn nur an. Und trat erneut auf sie zu. Sie wich nicht, sie schien mit ihrer Gardinenpredigt - und ihren Nerven, ihren Kräften - auch am Ende.
"Versteh das 'es tut mir leid' jetzt nicht falsch bitte..."
"Er hat begriffen?", flackerte in ihr ein Funke Hoffnung auf.
"Ich habe soviel vor mir selbst verschlossen, dass ich gar nicht merkte, welches Bild das alles machen muss auf die Welt um mich herum. Wahrscheinlich hast du recht - nein, ganz sicher sogar, ich sollte besser aufhören, alles auf Rahal und vergangenes zu schieben.. es liegt an mir.. nur ich kann es ändern."
Seine Leidenschaft für Selbstvorwürfe schien doch noch nicht ganz abgelegt. "Die Gründe...", murmelte sie müde, "darfst du auf sie schieben. Die haben sie dir geliefert, reichlich. Die Konsequenzen... bestimmst du."
"Ich werde mich bemühen, nicht auch noch ein Kraftrauber zu sein, in Ordnung?" Er legte eine Hand unter ihr Kinn, strich ihr kurz mit dem Daumen über die Wange. "Ich...", setzte sie an, atmete aus, lehnte den Kopf gegen seine Schulter. Als sie fühlte, daß er einen Arm wie eine Stütze um sie legte, tat das unendlich gut. "Ich könnt sofort einschlafen.
"Ich wünschte, ich hätte es anders sagen können...", meinte sie müde bedauernd.
"Manchmal hilft es wohl nur, wenn man es mitten ins Gesicht wirft, hm?"
"Kissen reicht bestimmt nicht immer. Kissen... Sie spürte, wie er ihr über den Rücken strich. "Oh, Kissen wäre... toll... Schulter reicht auch schon." Sie hörte jemanden murmeln, vermutlich sich selbst: "Nein, ich schlaf hier nicht ein, keine Sorge."
"Bitte kein Schlaflied summen. Ich sollte die Augen aufmachen. Dreck..."
"Und wenn, würde ich dich zur Not über die halbe Welt tragen." Sie hörte seinen schelmischen Unterton, atmete amüsiert aus. Auch wenn sie nicht wirklich wusste, was daran nun so lustig war. Egal.

"Natürlich würden dich die Gardisten zukünftig seltsam ansehen, aber du weisst dich ja zu wehren."
Ihr drängte sich die Vorstellung auf, rettungslos gegen übermächtige Gardisten anzutreten. "Sind ja..." "...keine angurischen Gardisten", hörte Adrian sie gerade noch so murmeln.
"So weit sind wir noch nicht, aber du hast seltsame Träume. Ich muss nicht doch wieder ein Schlaflied summen?"
Sie gähnte, hob den Kopf an. "Nein..." "Oh bitte nicht." "...das wär gemein, ich könnt mich wohl nicht dagegen wehren."
"Hmm das gäbe auch feines Gespött: Der Herr Graf wirkt derart einschläfernd, sie sackte in seinen Armen in ihre Träume."
Schlafen. "Das wär grad schön."
"Ich werde wirklich alt, ich hatte auch schon mehr Wirkung als das.."
"Mehr Wirkung? Warum? Ist doch schön angenehm. Einschlafen reicht völlig. Ich hab irgendwas nicht mitgekriegt. Ich muß nach Hause." Verspätet hob sie einen Mundwinkel und tastete nach den Zügeln von Aarentrutz und hätte fast aufjaulen können, als sie merkte, daß er sie nicht losließ. "Schlafen!" "Ich schlaf gleich im Stehen ein..."
"So, wirst du das?", neckte er sanft, "Gut, also wenn dich das einschläfert... glaube ich nicht mehr an mich..." - sie spürte, wie er sie küsste, küssen wollte, innig...
"Gemein! ... mh..." Sie seufzte resignierend wie wohlig, er zog sie noch enger an sich. "Nicht einschlafen. Das wäre wirklich... oh mann, schlafen... hinlegen, er hält dich... NICHT einschlaf...nnn...!"
Als er sich schließlich von ihr löste und sie ansah, war merklich jede Sekunde weiteren Haltens für ihren Wachzustand gefährlich, Frauenheld hin oder her. "Ich bring dich besser heim." Ja, wär besser. Aarentrutz schnaubte nervös, als dem klare Anweisungen und Führung gewohnten Tier die Befehle fehlten - schließlich siegte der Herdentrieb und er trottete diesem aufmüpfigen Fuchs hinterher, mit natürlichem Instinkt noch den nassen Mehlsack auf dem Rücken balancierend.

Die Wachen sahen nach der Drohung Adrian noch das Haus verlassen und Darna selber die Türen schließen - sehr spät am Abend fand Shaya oben auf dem Bett Milady vor, komplett angezogen mitsamt Stiefeln und Schwert...
Luca
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Beitrag von Luca »

„Meine braven Winterkinder“ hatte seine Tante oft geschwärmt und ihm dabei mit hingerissener Gehässigkeit die Haare zerstrubbelt.
Sie genoss den Winter stets einzig des Wandels wegen, den zumindest Bo und Luca durchliefen, sobald die ersten Flocken fielen und der Frost einsetzte. Es gab noch immer Streit und Raufereien – sogar mehr als im Sommer, wo man sich aus dem Weg gehen konnte – jedoch keinerlei Widerspruch. Gleich ob es die Größe der Portionen bei Tisch, den Platz am Feuer, das beste Hemd oder die Verteilung der Aufgaben ging – alles war gut und recht und erntete Lob und Dank. Es war die Jahreszeit, in der die übliche Drohung, beide fortzujagen, beispiellos wirkte. Ihnen verschwanden genug Freunde, die tatsächlich von Hunger und Kälte geholt worden waren; nur selten waren die Banden im Frühjahr noch genauso groß wie im Herbst. Nach all den Jahren gelang ihm die Umstellung ohne großes Nachdenken. So wie die Bären in ihre Höhlen verschwanden und Nager Nüsse sammelten, verscharrte Luca die ersten Münzen, begann sich das Gesicht zu waschen und allerlei Leuten allerlei Gefallen zu tun, sobald die ersten Bäume ihre Blätter verloren.

Heute fiel sein Blick nachdenklich auf die perfekte Schneedecke, der man den kalten Tod nicht ansah. Sanfte Hügel, hier und da glitzerte es bunt, wenn sich ein Sonnenstrahl brach. Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis er gewusst hatte, warum es ihm vorkam, als hätte er noch nie im Leben Schnee gesehen. Tatsächlich war es das erste Mal, dass er die kalte Jahreszeit außerhalb der Stadt erlebte, wo es in den engen Gassen nur Glatteis und von vielen Stiefeln braungetretenen Matsch gab. Hier draußen sah man keine Bettler, keine Kranken, keine Trinker, die der Frost geholt hatte, sondern nur das weite, unberührte Weiß. Mit dem großen Haus im Rücken und dem Knacken des Feuers im Ohr hätte man fast vergessen können, dass es der gleiche Winter mit all seinen Bedrohungen war...
Auch wenn die übliche Furcht hinter den Schrecken der letzten Wochen zurückgetreten war, nagte sie weiter an ihm. Deutlicher als mit durchnässten Kleidern im Kerker und draußen im Schnee hätte er die bissige Kälte gar nicht spüren können und er wusste, dass die angehende Lungenentzündung und das Fieber ohne all die teuren Mittelchen der drei Heilerinnen und Rahels warme Stube mit ziemlicher Sicherheit sein Tod gewesen wäre.

Ein Reiter zog seine Aufmerksamkeit auf sich, passierte das Anwesen jedoch in größerer Entfernung. Nur für einen kurzen Augenblick war Hoffnung in ihm aufgestiegen; genaugenommen wusste er, dass niemand herkommen würde. Nicht Rahel, die gemerkt hatte, dass er nicht ihr toter Sohn war, nicht Zoe, die irgendwo da draußen besessen nach ihrem Verderben suchte, nicht Elina und Spjall weit weg auf Lameriast und schon gar nicht Bo, von dem noch immer jede Spur fehlte. Es gab keinen Grund, jeden Tag wieder auf dem gleichen Stuhl zu sitzen und hinauszustarren; es endete ohnehin stets damit, dass er abends erfolglos aufgab, wenn die Schatten in der Dämmerung zu unheimlich näherkrochen.
Eigentlich war es nur ein kurzer Satz, der ihn dennoch immer wieder ans Fenster zog. „Ich hole dich morgen früh wieder hier ab.“ Mittlerweile waren aus der Nacht zwei Wochen geworden und noch immer war er nicht sicher, ob es dümmer war, den Worten zu vertrauen oder an ihnen zu zweifeln. Auf der einen Seite hatte Rafael es versprochen – genaugenommen nur gesagt und nicht einmal geschworen, korrigierte ihn eine zweifelnde innere Stimme, trotzdem konnte er sich nicht vorstellen, dass er ihn angelogen hatte. Andererseits....
Egal ob Rahel die Wahrheit gesagt hatte und der Ritter ihn wirklich leiden konnte, in erster Linie blieb er Rahels Freund. „Hier trauen sie sich nicht hinein. Rahel würden sie einfach töten, sie kann sich nicht wehren.“ Warum also sollte er ihn zurückbringen und die Hexer anlocken? Andererseits hatte er auch gesagt, in Varuna sei es sicher. Mittlerweile glaubte Luca nicht mehr so recht daran. Wegen dem Schutzamulett hatte er sich zu Darna bringen lassen, niemand in Varuna hatte ihm eines in Aussicht stellen können, das mächtig genug gewesen wäre, die finsteren Magier fernzuhalten...
„Bis morgen, Luca.“ Es hatte ehrlich geklungen. Dennoch... er erinnerte sich noch gut genug an Rahels zorniges Gesicht, als sie sich zum Gehen gedreht hatte. Da deutete nichts mehr darauf hin, dass sie Lust haben würde, sich weiter mit ihm abzugeben. War dem so, war er nicht mehr der Junge, der bei Rahel wohnte, sondern einfach nur noch irgendjemand. Dazu jemand, auf den sie wütend war, und dem die Hexer nachsetzten.
Warum also sollte er kommen?
Weil es sich wirklich angefühlt hatte, als könnte er ihn leiden, wenn er ihm Geschichten erzählte, ihn durchkitzelte oder Training in Aussicht stellte? Vielleicht. Trotzdem, das war vorher gewesen – auch bevor er unglücklicherweise Antares gegen sich aufgebracht hatte...

Seine Gedanken begannen, sich im Kreis zu drehen und mittlerweile stand die Sonne tief genug, um ihn misstrauisch werden zu lassen, als eine Krähe draußen im Schnee einige verdächtige Sekunden zu lang hineinstarrte und eines der Pferde scheinbar beunruhigt schnaubte. Rasch stieß Luca sich vom Stuhl ab und verschwand in der Küche, um Teewasser aufzusetzen. Er hatte die Heimkehr der Hausherrin verschlafen, das Ross vor dem Fenster verriet ihre Anwesenheit jedoch.
„Luca, wenn du fertig bist mit essen, möchte ich in der Bibliothek mit dir reden.“
Besser, er tat was möglich war, um ihren Unmut vor dem Gespräch etwas zu mildern. Noch immer fühlte es sich brennend ungerecht an. Savea hatte ihn gereizt, Shaya den Krug zerbrochen und doch war er es, den sie fortschicken würde und keine der wirren Mägde.
Reden... es begann immer gleich. Liliana hatte „mit ihm reden wollen“, bevor sie die letzte Chance ankündigte und er genau wusste, dass es nicht in seiner Macht stand, neuen Ärger zu vermeiden. Elina und Spjall wollten „mit ihm reden“, und wissen, ob er als ihr Sohn tief im Wald fernab der Städte leben wollte, Rahel hatte „mit ihm geredet“ und ihm klar gemacht, dass er sich gegen Zoe entscheiden müssen würde. Und Zoe? Nein, sie war vor den berüchtigten Worten wirr geworden und hatte ihn vor viel vollendetere Tatsachen gesetzt..

Besser, die Lady würde nicht allzu wütend sein... Es war nicht mehr Herbst, es war tiefster Winter und da draußen warteten noch immer die Hexer, die wissen mussten, dass alle Welt von seiner Entführung wusste...
Mutlos starrte er in die Flammen des kleinen Feuerchens und sehnte sich danach, wieder bei seinem Bruder zu sein. Notfalls auch in Tantes Hütte, die mühelos in die warme, gut gefüllte Küche gepasst hätte, in der er nun kauerte.
Darna von Hohenfels

Beitrag von Darna von Hohenfels »

Fast ein Krieg

Sie hatte den ganzen Tag verschlafen, bis ein "Milady?" sie weckte - es war nur leise gewesen, aber es hatte gereicht. Nein, sie wollte keinen Tee. Sie hatte das Gefühl, daß sie den Tee im Schloß gerade vor kurzem erst getrunken hätte.
Fühlte sie sich ausgeruht? Die Augenringe würden sicher mehr brauchen, als einmal Schlaf und nicht von heut auf morgen verschwinden. Sie fühlte sich lediglich etwas besser, als sie sich gründlich gewaschen hatte und den Kleiderschrank völlig durchgeforstet hatte, um sich für eine Kombination aus Ogerlederhose und grüner Weste zu entscheiden. Die zerknitterte rot-weiß-blaue Kleidung, die für einen Teil ihrer Pflichten stand, normalerweise mit Selbstverständlichkeit getragen, schreckte gerade ab. Mit ebensolcher Bedachtheit legte sie die Kette mit den fein geschliffenen Smaragden an, die Adrian ihr geschenkt hatte.

Mit ebensolcher Bedachtheit erneuerte sie unten vor der Ritterstatue die Kerzen. Alles hatte seine Bedeutung. Und wieder wartete Arbeit auf sie. "Luca, wenn du fertig bist mit essen, möchte ich in der Bibliothek mit dir reden." Ja, das musste sie. Luca musste offenbart werden, welche Möglichkeiten ihm zur Verfügung standen und welche nicht. Er schien gut hier reinzupassen, er und Viola schienen aus dem gleichen Holz geschnitzt, aber sie hatte ihm Erfahrungen voraus. Gleichzeitig wusste sie, daß ein Junge in seinem Alter, elf oder zwölf mochte er sein, kein Findelkind mehr war, das fremde Menschen gänzlich als leibliche Eltern anzunehmen vermochte - und ein derartiges Band gedachte sie auch gar nicht zu knüpfen, eben weil es falsch und zuviel war.
"Wieviel Platz ist hier eigentlich noch?", überlegte sie, als ein Klopfen an der Haustür sie aus ihren Gedanken riß.

Silvan.
"Hochgeboren von Dragenfurt" mochte sie das, was sie da sah, nicht mehr nennen, und als sie in seine leeren Augen sah, wusste sie, daß Luca noch etwas warten musste. Ein roter Abdruck auf seiner Wange, wohl von einer Handfläche, tat sein übriges.
Er wurde hineingebeten, doch schien es ihm nicht recht: "Ich glaube, das Element des Eises scheint mir gewogener. Darf ich Euch zu einem Ausritt bitten?" Unorganisiert schob er nochmal ein Bitte nach. Sie schüttelte besorgt zu sich den Kopf und eilte, ihren Mantel zu holen.
Er ritt in die neuen Ländereien, und je weiter sie ihm folgte, desto mehr fragte sie sich, wo um Himmels willen er denn noch hin wollte? "Soweit weg vom Reich wie möglich", lautete die Antwort, und einen Verdacht bestätigend bimmelten ihre Alarmglocken noch lauter. Was war jetzt wieder passiert?

Der Fluß im Osten gebot ihnen schließlich Einhalt, und sie ließ Silvan Raum und Zeit, tief durchzuatmen, während sie Aarentrutz seine geliebten getrockneten Birnenstückchen gab. Ausgerechnet eine Notlage hatte offenbart, daß das Pferd versessen auf das Zeug war.
"Und was liegt Euch auf der Seele, Hochgeboren?", fragte sie schließlich und begann wieder ihre Arbeitsschicht. "Immerhin hab ich den Nachmittag geschlafen."
"Eben war die Verhandlung von Vincend Winterthal."
Sie furchte die Stirn. Ach, die zweite Runde also. Über die erste hatte sich Lady Sorcha schon kritisch ausgelassen, langsam fragte sie sich, ob sie nicht besser hätte dabei sein sollen. "Klar, wünsch dir noch ein Bleigewicht auf deinen Schultern!"
"Im Verlaufe dieser nannte er die Adlerritter dem Klerus nicht zugehörig. Und man sollte doch 'Temora aus dem Spiel lassen'. Die Verurteilung war zu milde und man verurteilte ihn für Marginalien anstatt für die Verstöße, die er tatsächlich begangen hatte."
Auch wenn die Erwähnung der Adlerritter sie innerlich die Braue heben ließ, hörte sie ihm weiter geduldig zu und verstaute die Hände in den Manteltaschen. Es war wie erwartet auch erst der Auftakt.

"Dieser jugendliche Narr drohte mir mit dem Klerusgericht wegen irgendwelcher Lappalien. Als wäre er sich seines Sieges gewiss. Er drohte mir mit dem Zorn des Pantheons." Silvan atmete tief durch. Darna hob nun doch langsam eine Braue. Der Freiherr konnte Menschen gut verärgern, aber schwerwiegende Ketzerei traute sie ihm nicht zu. Stürmisch. "Jugendlicher Narr... du bist auch kein greises weises Haupt, Silvan."
"Nunja...", fuhr er fort, "Niemand hinderte ihn daran. Die Lefar stärkte ihm den Rücken, Silberhand zog wütend ab... Alliestra und Wolfenfels? Nein, kein Widerwort... Da stand nur dieser... Diakon... und drohte mir.
Mir...
Ich, der ich alles für die Götter aufgeben würde. Ich, der die Traditionen verteidigt, wo der Rest verweichlicht. Er drohte mir mit dem Zorn der Götter, dieser kleine Narr."
Darna beobachtete ihn stoisch ruhig. Silvan schüttelte sachte den Kopf. Er klang nicht einmal sonderlich wütend, sondern resigniert, enttäuscht, und als unterdrücke er einen Nervenzusammenbruch.
"Jeder akzeptierte das. Jeder. Jeder! - Und als ich ihn anschrie, dass sein Leben auf den Stufen seines Hauses enden wird, wenn er noch einmal das Wort gegen mich erhebt... stürzte sich alles auf mich... alles! Dieses Kind von Eluivepriesterin, Wolfenfels... jeder... JEDER!"
Ihre Furche in der Stirn hob sich bei der Drohung leicht, und sie hatte gut vor Augen, was geschehen sein musste. In einem Gerichtssaal nach solchen Worten jemanden auch nur zu billigen, der eine Morddrohung gegen einen Horterasdiakon ausgespien hätte, schien ihr undenkbar. Gleichzeit vermochte sie Silvans Frust nachzuvollziehen - in dem verbissenen Verteidigen des "richtigen" alleine gegen alle. Sie fühlte sich an die Gefechte gegen Eileen erinnert.
Silvan stand vor ihr, die Augen schimmerten deutlich. Er tat ihr leid und es bestürzte sie, ihn so zu sehen.

"Sagt mir, mit welchem Recht sich diese Kinder anmaßen, mir zu drohen! Sagt mir, mit welchem Recht es ihnen gebilligt wird. Sagt mir, warum dieses schwächliche Etwas von Truchsess nichts dagegen tut..."
Ihre Augen verengten sich eine Spur, diese Worte trafen empfindlich. Das, was sie Adrian heute selber als Vorwurf an den Kopf geknallt hatte, zeigte also auch außen schon Konsequenzen. Schon? Es musste sie fast wundern, wenn erst jetzt.
"...Sagt mir, warum er zulässt, dass die Ritter der Krone Temora leugnen. Sagt mir, warum verdammt nochmal ich jeden verfluchten Tag... jeden verfluchten Tag alles gebe um das Reich vor Rahal, vor dem Dunkel zu schützen... wenn... das der Dank ist... kleine Mistkäfer, die mit ihren Streithämmern ungestraft vor Varuna auf mich losgehen dürfen..."
Die Zwerge. Innerliches Seufzen. Silvan hatte sich mit wirklich vielen Parteien auf seine Stellung vertrauend angelegt. Er führte sie selber auf: "Ungewaschene, stinkende Barbaren, die einen Kronritter auf ihrer Seite finden wenn sie mich bedrohen... Sagt mir, warum?"
"Freundschaft, Silvan. Und du scheinst kaum Freunde zu haben."


Der Karren im Dreck
Eine Weile ließ sie still vergehen. Schließlich zog sie aus ihrem Ärmel schweigend ein Taschentuch und reichte es ihm. Absurderweise befürchtete sie kurz, daß er es benutzt als Liebespfand behalten würde, schließlich wrb er um sie - die Widersinnigkeit dieses Gedankens ließ ihn nicht lange existieren.
Ehe ihr Schweigen als Ignorieren hätte scheinen müssen, sagte sie leise:
"Ihr seid fremd hierher gekommen und findet Euch in einem Land wieder, an dem Ihr, so wie Ihr Euch bislang seht, als stolzer Mustang vor einem Lastkarren wiederfindet, der bis zu den Radnarben im Schlamm steckt..."
Sie ließ die Worte einen Moment wirken. "Ja", sagte er nur und knüllte das Taschentuch zusammen, der Blick leer.
"Ich will nicht sagen, Ihr wäret nutzlos hier, oder fehl am Platze... denn alles hat seinen Sinn vor den Fügungen der guten Götter, und gewiß würden sie Euer Hiersein billigen - doch willkommen im Land, in dem robuste Ackergäule vor diesem Karren gebraucht werden, die nichts mehr scheut und die trotz Peitsche und Schlamm weiterziehen..."
"Was bringen Ackergäule, wenn der Kutscher nicht weiss, sie einzusetzen? Warum soll sich der Mustang nicht über die Schwäche erheben und in ein Land treten, wo es Mustangs erfordert, einen Streitwagen zu führen?"

Sie blickte nachdenklich an ihm vorbei. Ein Streitwagen... momentan wäre ein solcher ihrer Meinung nach an dem Bollwerk Rahal einfach zerschellt. Und dann? Doch griff sie ein anderes Thema auf - den Kutscher:
"Warum sich seine Hoheit vor Euch als Schwächling erweist?"
Silvans Hand krampfte sich um das Taschentuch.
"Weil er weit über diesen Punkt der Ratlosigkeit und Verzweiflung hinaus getrieben wurde - er hat den Kampf hier bereits sein ganzes Leben geführt. Nach Berchgard hat man ihm den Sarg seiner über alles geliebten Schwester zurückgeschickt und das Reich einer Spaltung entgegen getrieben." Silvan blinzelte ein paar Male, schwieg weiter still.
"Der Kronrat begann, gegen ihn zu intrigieren, als er seinem Herzen folgte und seine Liebe ohne Blick auf den Stand einer Stallmagd schenkte. Nennt es Naivität", sagte sie ruhig, "Er hat sein Leben dem Schutz der Kronprinzen verschrieben, die ausgeliefert schienen, als man ihn bei dem Debakel auf Lameriast gefangen nahm... Rahal hat ihn in den Gewölben der Letharen foltern lassen. Und dabei ist herzlich wenig die Rede von Peitschenhieben." Ihre Stimme wurde mürrisch und bitter. "Sie haben eine Illusion einer lebenden Anara erschaffen und sie vor seinen Augen nochmal getötet, damit er ihnen etwas über das heilige Schwert Temoras verrät, das sie suchten. Varuna ist von Rahal überrannt worden, ihre Heiligkeit allein konnte die Stadt vor Horden von Untoten retten, aber sie musste völlig neu aufgebaut werden..."
"Von den Zwergen, die du als stinkende Säufer bezeichnest."
"Rafaels Gefangenschaft hat ihn die Gebeine seiner Schwester gekostet. Man hat Eileen umgebracht... die wahren Fadenzieher dieses Mordes mussten im Kronrat vermutet werden, inzwischen der Hauptverdächtige vermutlich tot - vielleicht Frieden durch die Krönung Adors... aber begreift Ihr, wo sich seine Hoheit befindet, Silvan?
Am Boden. Und man hätte ihn schon unter die Erde treiben wollen. Gestern habe ich selber - heute", korrigierte sie, "zu ihm gesagt, daß er Kraft haben muß und sie letzten Endes aus sich selbst schöpfen muß, denn wir können ihm nur helfen, wieder aufzustehen..."
Sie verstummte nun endlich langsam, sah ihn an.

"mit solchen Freunden brauchst du keine Feinde mehr"
"Und dennoch lässt er zu, dass... Gewichte ihn hinabziehen, daß Priester geringster Stufen sich in seiner Gegenwart benehmen wie der manifestierte göttliche Wille... Horterasdiakone, die meinen über Adlerrittern zu stehen.. die den Adlerritterorden aus dem Klerus ausschließen... Eluivediakone, die das Gegenteil behaupten und Horterasdiakone wieder, die zu Wendehälsen werden und leugnen, es jemals gesagt zu haben. Als das befiehlt er über ihn, trampelt auf ihm rum - doch was tut sein treuer Freund, der Kronritter? Lässt sich in Rahal gefangennehmen, leugnet Temora, bandelt mit den Mägden seiner Hoheit an und lässt sich von seiner Frau, einer Furie sondergleichen kommandieren. All dies sind doch stampfende Füße..."
Er schwieg wieder, und einen Moment war sie versucht, jedes einzelne dieser Themen auseinanderzupflücken, zu beleuchten - aber es würde zu sehr ausschweifen. Es genügte, festzustellen, wie ungeheuerlich die Vorwürfe schienen - und daß sie oft genug Kerne von Wahrheit bargen.
"Das ist der Eindruck, den es nach außen macht auf jemanden, von dem man Wissen um die Interna erwartet. Nimm es besser ernst."

Sie setzte den Hebel woanders an, versuchte, ihre angestrebte Richtung beizubehalten:
"Dieser... 'Karren'... die Grafschaft Hohenfels... existiert und leidet unter dem besonderen Augenmerk des Brudermörders und seiner Stadt Rahal seit 250 Jahren und wohl noch länger... da reibt sich vermutlich jeder Goldbeschlag eines Streitwagens ab, bis er noch zum Troßbegleit taugt." Leicht schmunzelte sie dazu. "Doch weder will ich ihn schlechtreden noch die Hoffnung aufgeben, daß aus ihm wieder ein Streitwagen werden wird. Nur..."
Sie atmete durch, setzte neu an: "Was Hohenfels seit dem Kampf zwischen Temora und Alatar bitter benötigte, war die Hilfe von Verbündeten. Es mag mancherorts das Gespött und mancherorts die Saat für Intrigen liegen, da Varuna nichts und verloren ist, ohne seine Verbündeten."
Sie verengt leicht die Augen, während sie weiter erklärte:
"'Spitzohrige arrogante Elfen', 'stinkende saufende Zwerge', 'gröhlende götterlose Tiefländer'... Wie Temora Phanodain und Cirmias zu Hilfe rief, so braucht Hohenfels die anderen Völker. Freunde in guten Zeiten, und hoffentlich wenigstens noch Verbündete in schlechten Zeiten."
Sie sah ihn ernst an. "Ihr beklagt die Diakone, die beginnen, die Teile der Kirche als einander nicht zugehörig zu erklären... sie scheinen zu vergessen und mit in diesen Strudel zu gelangen. Der Strudel, der in den Abgrund führt, heißt: vergessen, was Einigkeit ist und wozu es sie braucht. Vergessen, das die gesamte Schöpfung Eluives eine Harmonie ist, ein zusammenhängendes Lied aus einzelnen Tönen...
Und bitte öffnet in einem Belang Eure Augen, Hochgeboren: indem ihr andere dieser Töne gering schätzt und beschimpft, spaltet Ihr kaum minder als jene Diakone, auf die Ihr gerade flucht."

"Es gibt immer leitende Akkorde", widersprach Silvan gewissermaßen. "Ein Reich kann nicht existieren, wenn es durchdrungen ist von Stützen, die auf die Menge an Bier reagieren."
Darna musste leicht schmunzeln und war versucht, zu sagen, daß Zwerge nicht auf Bier reagierten - nur auf das Fehlen davon.
"Aufhelfen.. ist eine Sache. Binden eine andere. Ich sehe keine Gefahr in Verbündeten und Freunden. Ich sehe ein Gefahr darin, wenn die einzelnen Bestandteile von Adrians Volk Temora hinter sich lassen und sich den heidnischen Religionen zuwenden, wenn sie 'Handfasten' anstatt vor Eluive den Schwur zu sprechen."
Hier musste sie ihm leicht mahnend widersprechen: "Es wurde beides getan. Das Handfasten als Zeichen der Freundschaft und einer ähnlichen Seele übernommen, Eluive zudem die ihr zustehende Ehre mit Freude erwiesen."
"Das Reich mag stark sein mit diesen Freunden. Diese Zusammenarbeit, wie sie ein Adrian von Hohenfels unternahm jedoch schwächte es. Es schwächte es, indem es keine Disziplin, keinen Glauben mehr gab. Die andern Rassen zersetzten es, weil niemand ihnen vom Wesen des Reiches
erzählte. Wieso wissen Kinder teilweise mehr über die Handfastingrituale der Tiefländer als über den Adel und die Geschichte des Reiches?"
"Weil es eine der Tiefen und Höhen der Melodie ist - und in Zeiten der Tiefe tut der Panther sein
übriges, um es in der Tiefe zu halten", erwiderte sie ernst, "Es wird ihm gelingen, überlsst man ihm zu viel."
"Ein Kind kann nicht auf ewig an der Brust der Mutter hängen, Lady Darna."
"Reißt man an dem, was er niederdrückt, zu sehr, zu unbedacht, zur falschen Zeit, so wird der Karren zerbrechen, Silvan."
"Und er wird auch zerbrechen, wenn man ihn mit zu vielen Freunden und Verbündeten überlädt, die alle ihre eigene Vorstellung von der Ladung der Kornsäcke haben."
"Und wollt Ihr Euch einfügen oder selber mit Eurer eigenen Vorstellung weiter zerren, Hochgeboren?"
"Begreifst du noch, daß du in manchem nicht besser bist, Dragenfurt?"

Notschlachtung?
"Ich bin dem Reich verpflichtet, Lady Darna. Wenn ich sehe, dass der Kutscher den Karren nicht aus dem Schlamm bringen kann und die Ladung nicht zum Ziel, dann ist es unter anderem auch an mir, zwangsweise an mir, ihn auszuwechseln."
War sie bislang ruhig, so zuckte nun eine Braue leicht hoch und sie verengte die Augen. Er hatte nicht wirklich gerade die Absicht geäußert, Adrian von Hohenfels "auszuwechseln", oder?
"Und zum Glück seid Ihr weise genug, selber zu erkennen und zu wissen, wann welche Akkorde die leitenden im Lied sein sollen, und aus welchen Tönen sie gerade zusammengesetzt sein müssen, ja?" Ihr Unterton war nun zynisch und lauernd.
"Man muss kein Dirigent sein, um eine Kakophonie von seiner Symphonie unterscheiden zu können. Und wäre ich weise, dann stünde ich jetzt nicht hier und wüsste nicht, was ich tun soll."
"Mit Verlaub, spreche ich Euch aber das Recht ab, deswegen den Dirigentenstock in die Hand zu nehmen, Hochgeboren." Ihr Ton hatte sich eine Nuance verschärft, die Ruhe wirkte schneidiger. "Es gibt kein Austauschen des Kutschers, ihm wird aufgeholfen, auch wenn Ihr dies nicht sehen mögt - und solltet Ihr ernsthaft erwägen, daß er entfernt werden müsste, so seht mich als etwas, das dann mit ausgelöscht werden müsste, ehe das passiert." Zum Schluß mischte sich ein sehr grimmiger Unterton in die Worte.

"Gut, dann weiss ich, dass ich mich im Zweifelsfall auf zwei Gegner vorbereiten muss, wenn noch andere, die wissen, wie man einen Dirigentenstock zu halten hat, sich gegen die derzeitige Kakophonie entscheiden." Silvans Worte klangen eine Spur bedauernd. "Doch warum hilft man ihm auf, Darna? Freut man sich, ihn wieder in den Schlamm fallen zu sehen?"
"Die gleichen Worte wie von Saldor Falkenau damals. Der erste Schritt auf die falsche Seite: die Hoffnung auf jemanden aufzugeben, ehe nicht alles zuende ist."
"Nein, man will sich daran erfreuen, wenn er wieder auf eigenen Füßen steht, weil er Teil dessen ist, was sein sollte. Ihr beginnt, Euch anzumaßen, über ein Gefährt zu entscheiden, das nicht das Eure ist, und Ihr mögt es meiner Nachsicht verdanken, daß ich Euch nicht offen Revoltegedanken unterstellen werde."
"Offenen Revoltegedanken? Ich diene dem Reich, einer Institution, die weit größer ist als ein einzelner Wagen. Und was ich sage ist nur: Sollte der Kronrat den Grafen für nicht befriedigend regierungsfähig halten, dann werde ich mich auf dessen Seite stellen."
Darna trat einen Schritt auf ihn zu, der Schnee knirschte, und hätte Silvan nicht den Kopf hastig zurückgezogen, hätte er sich eine weitere Ohrfeige eingefangen. "Auf eine dritte verzichte ich dankend", entfuhr es ihm. Er stand direkt vor dem Fluß.
"Dreckskerl. Verräter. DU jagst ihm kein Schwert in den Rücken, da verlass dich drauf! Nur über meine Leiche!"
"Ihr begebt Euch auf dünnes Eis, Hochgeboren...", grollte sie nun.
"Ich sage Euch offen, wem meine Loyalität gilt. Ist diese Offenheit einer Person gegenüber, der ich vertraue und deren Meinung ich schätze so schlimm, so verdammenswert? Darf ich nicht einmal mehr gegenüber Leuten, die ich aufs höchste schätze meine Reichstreue offen nennen?", fragte er anklagend, ehe er sicherheitshalber noch einen Schritt zurück trat - weise nicht in Richtung Wasser.
"Ja ja, versuch ruhig, mich anzuklagen oder mir zu schmeicheln. Mich zu verunsichern, daß meine Meinung nicht die richtige wäre, daß ich nicht reichstreu wäre, nur weil du es seist... Bist du noch so naiv, daß du nur unwissend die Worte verdrehst, wie sie es in Rahal tun? Oder steckst du schon tiefer in der Finsternis?"

"Ihr tätet besser daran, Euch mit der Existenz des königlichen Blutes, von der auch seine königliche Hoheit, Vormund und Onkel seiner kronprinzlichen Hoheit, ein Teil ist, zu arangieren und Euch für sie zu arangieren, Hochgeboren, als Euch der Schande hinzugeben und Euch zu jenen zu gesellen, die meist aus eigener Wohlgefälligkeit abschätzig jemanden treten, der ALLES gegeben hat und am Boden liegt!", wurde sie wütend, brüllte dann aus: "SCHÄMT EUCH!"
Silvan blickte sie relativ ruhig an und verschränkte die Arme hinter dem Rücken.
"Er hat alles gegeben. Und viel mehr ist dort auch nicht. Ich lehne es ab, ich halte es für verdammenswert, jemanden, dessen Beine gebrochen sind, immer wieder aufzurichten und ihm ein Schwert in die Hand zu drücken, damit er regieren kann. Das ist unmenschlich."
Darna legte ihre Hand an den Schwertgriff. Er redete, als wolle er tatsächlich gleich zu Adrian und ihm kurz und schmerzlos die Kehle durchschneiden.
"Seine Dienste sind groß und sie müssen honoriert werden - aber das können sie nicht, wenn man ihn immer weiter vorwärts peitscht, immer weiter dazu zwingt, zu herrschen. Wollte ich, dass er niederliegt..." - er trat einen Schritt auf sie zu, blickte sie ungewöhnlich fest an, und traf auf einen Blick, der raubvogelartig starr wirkte, "Wollte ich in sein Genick treten, hätte ich Korows Hand ergriffen, als sie sich nach meiner ausstreckte. Doch habe ich sie Weggeschlagen! - Also wagt es nicht, Darna, wagt es nicht im Ansatz meine Treue zu den Zielen des Reiches in Frage zu stellen! Es gibt mehr als einzelne Menschen, einzelne Menschenleben, auch wenn der Verlust des einzelnen oder der Verlust der Macht des Einzelnen noch so sehr schmerzt."

offener Krieg?
"Wagt Ihr es nicht, über seine Hoheit zu reden wie von einem Schlachtvieh, das nach rahaler Gefälligkeit noch als Notwendigkeit oder gar 'Güte' hingestellt wird, Silvan von Dragenfurt", zischte sie. "Und seid ja nicht so naiv und selbstgefällig, zu glauben, nur weil vergangene Schritte Ihr von der Verlockung weg geführt habt, daß Ihr vor allem gefeit wäret, was Eure Seele vergiften und verführen könnte! Wenn Ihr das glaubt, frag ich mich, was so ein arroganter Naivling in einem Land wie diesem so lange verloren hätte!" Sie schien kurz davor, ihren linken Hanschuh von der Hand hinunter zu reißen und ihm vor die Füße zu klatschen.
"Ich habe der größten Versuchung getrotzt, die sich einem Magier anbietet. Ich habe ihr getrotzt, wegen Gründen, die ich nicht fassen konnte, Menschen, die ich nicht einschätzen konnte. Ich bezeiche es als unmenschlich, jemanden aufzurichten, der wegen der Last auf seinem Rücken wieder zusammenbricht, ohne ihm die Last zu nehmen. Ihr nicht, Darna von Elbenau?
Ihr hattet Eure Hand schon eben am Griff Eures Schwertes. Wenn ihr solchen Zorn gegen meine Worte hegt, wie ich sie gegen die Worte manches Höflings... dann schaltet mich nervigen Störfaktor von Brautwerber doch aus..." Atemlos spuckte er es beinahe aus, als würde es ihn Überwindung kosten. "Offensichtlich bin ich arroganter Naivling ja eh woanders besser aufgehoben?!"
"Ja - mit dem Kopf in einem Wasserkübel!"

Sie holte mehrfach tief durch die Nase Luft und wirkte wie ein wütender Drache kurz vorm Feuerspucken. Die Mimik ihr gegenüber blieb noch immer starr, der Blick leer. Zwischen zusammengebissenen Zähnen stieß sie hervor:
"Ich würde sagen, Trotz steht Euch nicht, von Dragenfurt" - sie sprach den Namen so kühl aus wie einst den von Gernot, "doch habt Ihr Euch dessen in letzter Zeit zu glänzend bewiesen, und bedauernd scheint es mir Zeit, daß Ihr erfahrt, daß auch löbliche Wege Grenzen haben. Ihr überschreitet sie, wenn Ihr mit der Last von Adrians Rücken auch jene hinforttreten wollt, die ihm Arm und Stütze sind. Und wollt Ihr ihm auch nur irgendwas an Leides, macht Euch auf Feuer und Schwert gefasst, das ich dann gegen Euch zu entfesseln bereit wäre."
"Ich will nicht. Wenn, dann muß ich. - Und es scheint mir oft schwer zu erkennen, wer wen stützen muß, Milady." Er zog mit diesen Worten seinen Familiensiegelring vom Finger und machte Anstalten, ihn Darna in die Manteltasche stecken zu wollen.

Peitsche
"Dann haltet Eure Energie zurück und prüft vorsichtig wie sorgfältig, an was für einem losen
Faden des Hemdes Ihr ziehen wollt", stieß sie mit scharfen Worten aus - und packte seine Hand mitsamt Ring, umschloß sie mit ihrer. Sie fixierte seinen Blick fest, ihr eigener streng und entschlossen. "Du gehst zu weit. Als ich meinem Stand zu entsagen bereit war, war ich es, weil ich wusste, er bleibt Teil von mir. So weit bist du noch nicht, das glaub ich nicht. Du willst ihn ablegen? In Zorn und Verachtung? So nicht!"
"Ich mag Euch schelten können", klang es knapp, jede Silbe geschärft artikuliert, "Ich mag Euch sagen, Ihr geht zu weit. - Und wenn es Not tut, so werde ich eben auch Euch noch packen und festhalten, wenn mir deucht, Ihr wollt sehenden Auges in eine Dummheit hineinrennen oder auf einen Abgrund zumarschieren."
"Himmel Herrin noch eins, lass diesen Dummkopf endlich die Augen aufmachen!"
Der Druck ihrer Hand wurde fest, unangenehm fest, fast schien es, als wolle sie ihm den Ring ins Fleisch treiben.
"So? Worauf renne ich denn zu? Ich bin offensichtlich nicht in der großen Familie um Adrian erwünscht!", brachte er stoßweise gepresst hervor. "Familie. Genau. Da hast du's."
"DAS... gehört zu Euch. Leugnet es, und Ihr leugnet Euch selbst." Sie stellte es wie Weltgesetze fest und sagte fast befehlend: "Fangt endlich an, zu begreifen, was von Euch in dieser Familie, die durchaus auch die Eure sein will, erwünscht ist, und was nicht."
"Das!", stieß er hervor und presste die Hand nur noch stärker zusammen, "Steht für Blut und Verstand. Und der Verstand trübt sich mit jedem Mal, wo ich die Narretei in Varuna sehe mit Zorn. Und Ihr denkt ich sei in der Lage, mich dieser Familie anzuschließen? Ist es nicht viel mehr meine Aufgabe im Westen zu sein und auf einem Schlachtfeld zu verrecken, damit man am Herdfeuer ein verdammtes angenehmes Leben führen kann?! Ist es nicht das, was alle wollen? 'Fort mit dem Dragenfurt!" Er schnaubte. "Was will diese Familie von mir, die sich mir nicht einsehbaren Regeln beugt, Darna? Was?!"

Zuckerbrot
Sie sah ihn an und schien in einem Sekundenmoment zu begreifen. Hatte sie sich nicht selber so fehl am Platze manches Mal im Schloß gefühlt? Konnte dieser Mensch, der voller Stolz die Fassade des Adels hochhielt, so unbedarft und so verloren, überfordert sein, wenn es galt, sich einzugliedern, Rücksicht zu nehmen? Er wusste wirklich nicht, was diese Familie im Innern brauchte, um wahrlich stark zu sein?
"Güte." Sie war mit einem Mal erschreckend leise, erschreckend milde, als wäre es zu offensichtlich - die Sanftheit ein plötzlicher Schlag ins Gesicht.
"Nachsicht.
Bleibt weg mit dem Schlachtermesser, denn hier braucht es feinere Klingen, um zu heilen, nicht zu töten." Ihre Hand umschloß seine nun sanfter, und tat der Ring zuvor weh, breitete sich nun wie von der Weichheit der Worte getragen schmerzlindernde Wärme aus.
Die Anspannung, die Kraft scheint ihn zu verlassen. Ruhiger stand er da und schaut sie einfach nur irritiert an. "Güte", stellte er dann in einem irgendwie leeren Tonfall fest. Es war regelrecht zu hören, wie er mit diesem Wort nicht recht was anzufangen wusste. So wie man ihr früher "lachen" gesagt hatte, und sie es einfach nicht verstand. Sie erwiderte nichts, lediglich ihr Blick verlor nun ebenso seinen unangenehm stechenden Charakter. Plötzlich tat er ihr leid, und die nächsten Worte, bei denen er etwas verzweifelt den Kopf schüttelte, kaum eine Überraschung:
"Für Güte war daheim nicht Platz...", flüterte er, "Nur für Disziplin, Stärke, Macht..."
Sie nahm seine Hand etwas höher, entnahm daraus behutsam den Ring, ohne seine Hand loszulassen, die Miene ruhig, als wär ein Gewitter nur vorbeigezogen. Seine Finger umschlossen den Ring nicht mehr wirklich, auch sein Blick wirkte verloren in weiter Ferne, als würde er an etwas lange zurückliegendes erinnert werden.

"Es ist hier eine andere Familie..." Sie musterte seine Finger, den Ring, sprach weiter: "Ihr mögt hier, von draußen kommend, 'frisches Blut'... hier eine Bereicherung sein können. Ein neuer Ton, den es zu einem neuen Akkord zu verkünpfen gilt - zusammen mit alten Tönen, denn das Lied soll sich nicht plötzlich ändern. Es würde Anpassung erfordern, Geduld, bringt Rückschlge mit sich, vergebliche, aber nicht unnütze Versuche... - es hat auch nie jemand gesagt, es wäre leicht, und wer dies behauptet hätte, lügt und war nicht hier."
Mit diesen Worten schob sie den Ring wieder an seinen Platz, sah ihn abwartend an.

stimmt, da war ja noch was...
"Und das ist der Grund.. aus dem Ihr, seitdem ich Euch kenne, seitdem ich um Euch werbe, mehr seid als nur eine 'gute Partie mit Verdiensten'" - mit einem kurzen Auflächeln und einem tiefen Nicken untermalte er seine Worte. Sie ehrten, schmeichelten und erschreckten zugleich. Eben noch fast in eine offene Fehde mit Silvan ausbrechend, hatte etwas in ihr ihn nun endgültig und ruhigen Gewissens abgeschrieben gehabt. Nun zuckte ein Lächeln über ihre Lippen, weil es nur wahre Worte von ihm sein konnten, und gleichzeitig flackerte Sorge, Bedauern und Unsicherheit im Blick auf.
"Und sollte ausgerechnet ich ihn dann dennoch ablehnen - auch noch zugunsten Adrians - wird ihm die letzte und beste Gelegenheit gegeben sein, diesem Adel fluchend den Rücken zu kehren? Verdammt nochmal... tu das nicht..." Traurigkeit ergänzte das wilde Sammelsurium aus Gefühlen. Es war wie jedes Mal: zwei Herzschläge zuvor hatte sie wie ein zorniger Löwe das Feld erobern können, ging es ins Persönliche, gebärdete sie sich wie eine kläglich maunzende Katze auf einem Baum festsitzend. Durfte doch nicht wahr sein!
"Ihr habt ein Stück Offenheit verdient, Silvan...", meinte sie leise und vorsichtig.
Die Züge geglättet und nicht unbedingt hart schaute er mit leicht schräg gelegtem Kopf zu ihr. "Sollte man Männern verbieten, so zu gucken..." - sie schluckte. "Den Mensch, als der Ihr herkamt, kann ich nicht lieben... niemals. Nicht so." Ihr Blick zog sich noch weiter ins höchstprivate Schneckenhaus zurück. Er neigte leicht sein Haupt vor.
"Ich bin nicht mehr der Mensch, als der ich herkam und ich werde morgen nicht mehr genau der Mensch sein, der ich heute bin. Irgendwann wird der Tag kommen, an dem der Mensch, den Ihr seht, Euer Gefallen erwecken wird. Ob ich dies bin oder Euer anderer Werber, das muss die Zeit zeigen."
Abermals schluckte sie. "Hättest du nicht irgendwas Dummes sagen können, daß ich dir jeden weiteren Hinweis verwehren darf?" Er griff nun langsam ihre Hand, die immer noch bei seiner mit dem Ring war und verneigte sich zu einem rituell anmutenden Handkuß. "Hör auf!"
"Ich bin weder gewillt, einem 'Schwächling' meine Gunst zu gewähren, noch einem 'Adeligen ohne Güte'. Das sagte ich heute ihm und Euch..."
Unbeeindruckt vollführte er die Geste und hob seinen Blick, um ihren zu suchen. "Hör auf, verdammt!" Sie konnte sich nicht überwinden, seine Einsicht, sein Umdrehen mit Ignoranz zu strafen, erwiderte den Blick, erduldete den Schmerz, daß es sie in diesem Moment zerriß, nicht egoistisch garstig zu ihm sein zu können und zu wollen. Als er sich wieder erhob, hielt er weiter ihre Hand, lächelte kurz auf. "Ich hoffe, von Eurem Beispiel die Güte lernen zu können, Darna. Schlaft gut..."
Im Moment, wo es wohl am schönsten schien, wandte er sich ab, und leise ächzend sah sie ihm nach, sah, wie mit einer scheinbar neuen Form von Stolz die weiße Magierrobe des Konventes wieder seine private Kleidung umgab. Sie sah ihm nach, als stelle sie nach vier Überstunden überrscht fest, daß längst Feierabend ist. Der Fluß neben ihr... war nicht das Meer, aber selbst wenn, hätte ihre Kraft zum Schreien diesmal nicht gereicht.
Hätte ein gütiger Silvan von Dragenfurt Chancen? Sie brummte frustriert auf, weil es die Sache wieder kompliziert machte. Es war wohl der Preis, ihn nicht nur für sich selbst verloren zu haben. Müde ritt sie den langen Weg zurück.
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