Geschickt war sie, das bemerkte er rasch, als ihre Finger den gezückten Draht nun dorthin führten, wo der Dorn noch immer das Fleisch offen hielt. Der Impuls durchzog bald seinen ganzen Körper und erinnerte ihn schmerzlich an die vergangenen Monate. Er ließ Velvyr außer Acht,
senkte die Lider und vor seinem geistigen Auge wurde ihm ein Rückblick gegönnt.
Er sah sich durch den Wald wandeln, hinter ihm brummte in der Ferne noch ein Bär.
Als ihm seine nackten Füße ins Auge fielen, wurde ihm wieder bewusst, was den Bären so erzürnt hatte. Nach den vielen Wochen, die er bereits unterwegs war, waren seine Stiefel nicht viel mehr
als abgewetzte Sandalen, von denen sich stetig ein neuer Lederfetzen zu lösen begann.
Der Bär kam ihm gerade recht, um neuerlich deren Verhalten zu studieren.
Die Stiefelreste flogen im hohen Bogen und trafen den Bären zielsicher an der Flanke.
Von ihnen erfasst, wandte er sich zunächst in alle Richtungen, doch nirgends war der Angreifer zu sehen. Xyr hatte wieder einmal bewiesen, mit welcher Leichtigkeit er sich hinter etwas Gestrüpp zu tarnen wusste. Als der Bär schließlich die Stiefel erblickte, die ungesehen zu Boden gegangen waren, langte er mit seiner mächtigen Pranke nach ihnen, bevor sie in seinem Maul verschwanden. Die messerscharfen Zähne ließen nur weitere Fetzen fliegen,
die er in alle Winde verstreute, bis nichts mehr von den Stiefeln übrig war.
Mit listigem Schmunzeln auf dem Gesicht, gab Xyr seine Deckung wieder auf,
er hatte genug gesehen und setzte seinen Weg durch den Wald fort.
Die Strafe erfolgte rasch. Seine frei liegende Sohle war dem Dornen eine ideale Angriffsfläche,
der irgendwo zwischen gefallenem Laub gelegen haben musste. Xyr verzog das Gesicht,
als die eingerissene Haut und durchstoßenes Fleisch zu brennen begannen,
doch war Schmerz ihm nicht fremd und er nahm es zunächst nur gelassen hin.
Mit der Zeit grub sich der Dorn immer tiefer in den Fuß und hinterließ einen geröteten Krater auf dessen Oberfläche. Bakterien hatten sich bereits zu ihm gesellt und griffen das schutzlose Gewebe an. Anfangs war die Wut, die allmählich auf den Dorn entwickelte, ein idealer Kraftspender
neben der spärlichen Waldnahrung, mit der er sich am Leben hielt.
Doch als er dann versuchte, ihn zu entfernen, war er bereits nicht mehr mit Finger oder Nadel zu erreichen und schlagartig wurde ihm bewusst, womit er die letzten Monate seine Zeit verschwendet hatte, gekrönt dadurch, dass er nun selbst an seinem Fuß rumstocherte.
Darüber hinaus der ewig auf ihm lastende Gestank seiner Robe, an die sich seine Nase noch immer nicht gewöhnt hatte. Was hatte er sich dabei gedacht, sie mit dem Urin eines erlegten Wolfs zu tränken? Er hatte beobachtet, wie sie ihr Revier markierten und tatsächlich schien es einige Rudel fernzuhalten, zusätzlich aber auch Wild, das ihm Nahrung brachte.
Es musste ein Ende haben. Er hatte genug gesehen, um Bände zu füllen.
Mit weiterhin schmerzendem Fuß machte er sich also auf den Rückweg -
dem Unterschlupf entgegen, den er seit dem plötzlichen Tod seines Meisters nicht mehr als solchen nutzte. Von Menschenhand errichtete Wege waren rasch gefunden, Schilder wiesen ihm die Richtung, bis er letztlich wieder vor dem fauligen Baum stand, der seine Heimat barg.
Der ihm anlastende Geruch verteilte sich in den Höhlen, kaum hatte er den ersten Schritt hinab gesetzt, er markierte sein Revier. Und es dauerte nicht lange da lockte er erste Geschöpfe an...