Eine etwas andere ‚Hexengeschichte’

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Vachardo Lonadier

Eine etwas andere ‚Hexengeschichte’

Beitrag von Vachardo Lonadier »

Immer wieder ertappte sich der größere Junge, wie er schräg über den Tisch, an dem die drei Kinder saßen, zum kleinen Mädchen blickte. Fünf Jahre alt, viel zu klein für dieses Alter, dünn, zerbrechlich und irgendwie ein wenig unheimlich. Vermutlich lag das an der unangenehmen Kombination von fast kränklich blasser Haut und den rabenschwarzen, langen Haaren. Oder aber an ihren seltsamen Augen? Groß waren sie, wie Kinderaugen nun mal so sind, doch mit langen, feinen Wimpern bekränzt und von dunkler Farbe. Der Knabe gestand sich ein, dass es ihm sehr schwer fiel, die Pupille vom Rest der Iris zu unterscheiden, so düster, beinahe schwarz erschienen ihm diese Augen. Als könne der eindringliche, bohrende Blick der Kleinen direkt in sein Herz blicken und dort all die Schandtaten finden, die er in seinen wenigen Jahren bereits gesammelt hatte. Unbewusst schüttelte er sich leicht und ermahnte sich selbst doch nicht so ein verdammter Angsthase zu sein. Vater hielt große Stücke auf ihn, den einzigen Sohn und auch die gleichaltrigen Kinder des Dorfes hatten Respekt vor ihm. Nicht weil er besonders stark oder weise war, sondern weil er wusste wie man die anderen manipulieren, einschüchtern, umgarnen, täuschen und betrügen konnte.
Ohja, sein durchtriebener, listiger Geist und die gute Portion Hinterlist, die ihm besagter Vater vererbt hatte, bescherten ihm viele Freunde und nur solche Feinde, die nicht wagten ihm offen etwas entgegenzusetzen. Schon mit 9 Jahren hatte er mehr Macht als viele ihr Leben über je besitzen können. Warum also sollte er sich vor einem Mädchen fürchten, die noch mal zwei Jahre jünger war als seine Schwester, die er nicht einmal für ganz „voll“ nahm?

Erneut wanderte sein Blick über die verdreckte Tischplatte und verglich kurz darauf die beiden Kinder. Verschiedener hätten die zwei Mädchen ja nicht sein können!
Eronnee, seine Schwester, war zwar auch gerade erst 7 geworden, doch von durchschnittlichem Wuchs und mit ihrer matten Sommerbräune, den azurblauen Augen und goldblonden Locken war sie jetzt schon sehr hübsch anzusehen. Das andere Mädchen hingegen…

„Vachardo? Warum starrst du sie dauernd so an? Geht dir die Geschichte von ihrer Mutter auch nicht aus dem Kopf?“

Die Worte seiner Schwester waren mit einer naiven Unschuld und neugieriger Intonation gesprochen, die ihn aufschrecken hatten lassen. Ein flaues Gefühl machte sich in seinem Magen breit, als er merkte wie das andere Mädchen nun vom ihrem Napf aufsah und ihn direkt anblickte. Wieder diese bohrenden Augen und er spürte wie die Zornesröte in sein Gesicht schoss.

„So ein Quatsch! Ich starre gar nicht…“, begann er zunächst leise, doch unterbrach Eronnee ihn rasch.
„Doch, hast du und du hast ganz ängstlich geschaut!“
„Hab ich nicht!“
„Hast du ja wooooohl…“

So kam er nicht weiter.
Der Blick von Gegenüber machte ihn unsicher und dennoch konnte er seine Augen nicht von der kleinen Gestalt wenden. Wut und brennender Hass schäumte plötzlich auf und eh er sich’s versah quoll ihm dieser in sprachlicher Form über die Lippen.

„Dieser… dieser Schmutzfink ekelt mich nur an. Wir müssen ja an einem Tisch sitzen mit der Tochter einer Sumpfhexe!“
Eronnee blickte ihn entgeistert an. Bestimmt nicht wegen seiner Boshaftigkeit, denn solche Ausbrüche war sie gewohnt. Eher wegen der neuen Information zu der Thematik, die sie beschäftigt hatte.

„Du denkst ihre Mutter war eine Hexe aus dem Sumpf, ja?“, flüsterte sie, die Wangen vor Aufregung ganz rosig.
Als der Knabe den verletzten, entsetzten Blick des kleinen Mädchens am anderen Tischende bemerkte, wandelte sich sein Hass in Genugtuung und wärmende Zufriedenheit durchströmte ihn. Das Blatt hatte sich gewendet und er gönnte sich ein kleines, höhnendes Lächeln, ehe er im Erklärton zu erzählen begann:

„Ich denke ihre Mutter ist eine Hexe aus dem Sumpf, denn solche Wesen sterben nie. Sie werden zwar immer älter, bis sie nur noch ein Gestell aus fauliger Haut und dicken Warzen sind, aber sie haben einen unheiligen Pakt mit dem Seelenfresser und der sorgt dafür, dass sie nicht sterben, sondern sich sogar in wunderschöne Weiber verwandeln können.“

„Oh… oh, wie kann man dann nur wissen ob man da eine ganz normale, gute Frau vor sich hat oder ein boshaftes Hexenweib?“ Eronnee war etwas blasser geworden.

„Nun, das ist sicher schwierig aber wenn man gut aufpasst, dann kann man eine Hexe überführen und wird nicht getäuscht“, gab ihr Bruder gnädig zurück und beeilte sich eine Erklärung zu liefern, „Sie sind ja Geschöpfe des Bösen und Dunklen, ja wahre Dämonen! Deshalb aber verfallen sie auch sündhaften Trieben wie kein anderes Wesen. Sie stehlen gerne glitzernde Ware, betrügen ihre Geschäftspartner, sind eitel, kokett und verlieren sich in fleischlichen Gelüsten. Ich glaube Hexen sind meist Huren und Dirnen nebenher…“

Er nickte weise, wie der Dorfpriester nach einem besonders inbrünstigen Gebet und wagte einen kleinen Blick in die Richtung seines Opfers. Doch was er sah brachte seine Sicherheit wieder ein wenig ins Wanken und gefror das boshafte Lächeln auf den feinen Knabenzügen.
Die Kleine hatte nicht, wie erwartet Tränen im Gesicht und ein Wimmern auf den Lippen. Stattdessen waren die Lippen zusammengepresst, die dunklen Augen geweitet und mit einem zornigen Funkeln versehen. Sie blinzelte nicht einmal, sondern fixierte ihn nur wortlos.

„Papa hat doch mal gesagt, dass das Kräuterweiblein, welches Miyon in unser Haus gebracht hat, eine Hexe sei. Die war aber weder faulig noch schön. Nur einfach… alt.“
Eronnees Einwurf hatte ihm wieder den festen Boden unter den Füßen gesichert, denn kreativ und rasch erfand er eine passende Antwort und spann die Erzählung weiter.

„Nein, die war keine Hexe, sondern wirklich nur alt. Vater ist eben besonders vorsichtig und da viele Hexen, mit ihrem angeblichen Wissen über Heilung und so weiter, versuchen, leichtgläubige Menschen in ihre Hütten zu locken um sie da wahlweise zu verführen oder auch direkt dem Seelenfresser zu opfern… ah oder auch manchmal dem Panther, hat Vater eben darauf getippt, weil die Alte ja so mit ihrem Wissen über Kräuter prahlte. Doch mach dir keine Sorgen, liebste Schwester, nur wenig Heilkundige sind Hexen, denn die verstehen im Grunde gar nichts von der Medizin und nutzen das nur als Lockmittel.“
Diesmal hielt er ihrem Blick kurz stand und spielte dann seine Triumphkarte aus.
„Die Mutter von diesem Schmutzfink muss eine der Sumpfhexen gewesen sein, die sich mit Echsenwesen und Schlimmerem paaren, denn sonst wäre ihrem Schoß nicht eine solch hässliche, dürre, kleine Natter entsprungen. Sogar so grässlich, dass die Hexe sie wieder loswerden wollte und wie Lumpen in den Sumpf gew…“

Mit einem lauten Krach zerschellte ihr Tonnapf voller Haferbrei an seiner Stuhllehne, nur wenige Fingerbreit von seinem Kopf entfernt. Eronnee sog scharf die Luft ein und er wischte sich stumm die klebrigen Spritzer von der Wange. Sie hatte sich scheinbar kein Stück bewegt, doch öffnete sie jetzt die blassen, vollen Kinderlippen und begann mit bebender Stimme:

„Meine Mutter war keine Sumpfhexe!“

Nun schmale, azurblaue Knabenaugen fochten ein stummes Duell mit schwarzen Mädchenblicken. Sie gewann und eröffnete damit die Blutfehde.

„Vaaaaaater, dieser Schmutzfink hat versucht mich umzubringeeeeen!“
Miyon Lill Palerim

Beitrag von Miyon Lill Palerim »

Die Felle, in welchen sie so warm eingekuschelt lag, schienen plötzlich schwerer zu werden und drohten irgendwie sie zu erdrücken. Mit einem unwilligen Murren warf sie sich etwas auf die andere Seite und rollte den Körper, einem Murmeltier gleich, zusammen. Kaum hatte sie eine halbwegs angenehme Position gefunden, da prickelte ein süßliches und langsam bekanntes Stechen unterhalb ihres Nabels. Die letzten drei Tage hatten die Schmerzen ihr nichts als innere Auszehrung gebracht und ein mildes Fieber beschert. Zuletzt war es sogar derart heftig gewesen, dass sie bei einem Ausflug mit Elaron schon nach kurzer Zeit hundemüde geworden war und dem Schlaf im kalten Wiesenboden, trotz Frost, kaum entkommen konnte. Der ärmste Junge hatte die selig dösende Miyon dann wohl auch noch zurück zum Fuchsbau geschleppt und allein diese Tatsache war ihr mehr als peinlich.
Was würde er jetzt wohl von ihr denken?
Sicherlich, dass sie seiner Anwesenheit überdrüssig war oder diese nicht recht zu schätzen wusste. Sowieso hatte sie das ungute Gefühl, dass die Entwicklung zwischen ihr und ihm in eine vertrackte Richtung lief, die ihr ein wenig Unwohlsein bescherte…
Das Stechen begann sich peinigend in kleinen Schauern gen Schenkel zu ziehen und mit einem bitteren Stöhnen erinnerte sie sich nüchtern daran, dass das momentane Unwohlsein zumindest nicht auf Elaron oder sonst irgendjemanden zurückzuführen sei und ihr weitaus mehr Probleme machte.

Sie wusste was das qualvolle Gefühl im Unterleib bedeutete und eigentlich hätte sie sich freuen müssen, denn mit ihren fünfzehn erlebten Sommern war sie für derartige, durchaus weibliche Schmerzen sehr spät dran. Den Grund für eine so verzögerte Entwicklung ihrer femininen, erwachsenen Selbst kannte das Mädchen auch nur zu genau: All die Jahre ohne genügend Essen, das Leben und Wohnen in der Asche vor dem Ofen hatten dem Körper die Nährstoffe verweigert und Voraussetzungen nicht genug geboten um recht zu wachsen. Sie war zu klein, dünn und die bleiche, etwas kränkliche Haut würde ihr vermutlich ebenso bleiben, wie die Ränder unter den eh schon dunklen Augen. Eine Schönheit konnte aus ihr nicht mehr werden und die Verwandlung zur Frau setzte ungewöhnlich spät und vielleicht deshalb erst recht so schmerzhaft ein.

Oh, es war nicht so, als habe sie sich nicht ausreichend mit der Angelegenheit befasst. Nyme und Nîn hatten zu einer solchen Zeit immer grässliche Launen gehabt und während die dunkle Nachtviole dann regelrecht streitsüchtig war, begnügte sich die Taglilie damit, ihren wunderschönen Kopf unter einem Haufen seidiger Decken zu verstecken und bis spät in den Nachmittag zu schlafen. Allerdings hatte keine der beiden je so über ansteigende Temperatur und Qualen bis zur Übelkeit berichtet und Miyons Wissen über all die Gartenkräuter, die ihr die Ausbildung zur Apothekergehilfin beschert hatte, stieß längst an die Grenzen. Als es gestern Nacht so schlimm gewesen war, hatte sie für wenige Momente überlegt Liliana noch in den frühen Morgenstunden aufzusuchen und ihr das Leid zu klagen, doch ein plötzlicher Schwall von Schamgefühl hatte ihr einen Strich durch diese Rechnung gemacht. Sie wollte schon bald das Angebot der Heilerin annehmen und ihr altes Wissen auffrischen, doch konnte sie dies vergessen, wenn sie sich jetzt schon dazu gezwungen sah, derartig peinliche Intimitäten vor der jungen Hochgeboren auszubreiten…

Sie schüttelte den Kopf heftig und erntete nur einen Schwindelanfall damit.
Ihr Körper war tatsächlich ausgelaugt, müde und geschwächt, doch wollte sie keinem der Fuchsbaubewohner und deren Freunde zur Last fallen oder eine solch prekäre Situation im Umkreis ihrer Lieben breittreten. Wieder entwich ihrer Brust ein qualvolles Stöhnen, als die Schmerzwelle wuchs und durch den Körper glitt. Gleich wie sehr sie sich genierte, es musste etwas geschehen!

„Tochter einer Sumpfhexe!“


Ein entnervtes Knurren drang aus ihrer Kehle.
Wieso quälte sie sich nun auch noch zusätzlich mit Vachardos Worten? Sie waren im Grunde Vergangenheit und fast vergessen – nur noch bitterer Beigeschmack kindlicher Alpträume und genau jetzt so gar nicht zu gebrauchen. Zusammenhangslos und…

Mit einem Ruck saß sie auf ihrem Nachtlager und starrte in die Dunkelheit.
Nachdenklich verharrte sie so eine geraume Zeit und versuchte den kneifenden Schmerz zu ignorieren um die wirren Gedankenknoten zu entwirren und zu sortieren.
Zuletzt blieb eine aberwitzige, alberne und fast schon wahnsinnige Idee. Jedoch ließ sich diese nicht so einfach abstreifen und das dumpfe Pochen im Unterleib schien ihre Beine ganz von selbst zu lenken. Zittrig stand sie auf, fischte nach einigen einfachen, dunklen Kleidern und stahl sich nur wenige Momente später heimlich aus der Haustüre in die hereinbrechende Nacht hinaus…
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