Von Seide sagte man, dass sie weich und geschmeidig sei. Sie liebkose die Haut in der Sanftheit einer Feder und in der Kühle einer angenehmen Brise. Das Seidentuch in Jahwarah’s Händen fühlte sich rau an, spitzen Sandkörnern gleich. Dieser Seide haftete ein bitterer Beigeschmack an, der sie derb werden ließ. Als habe sie sich geschnitten, ließ Jahwarah das Tuch fallen. In einem schwebenden Hin und Her segelte es zu Boden, die aufgestickten Buchstaben verwirbelten sich zu einem undurchsichtigen Tanz.
Da lag es auf dem Teppich, harmlos und unschuldig. Und doch bleckte es die Zähne, drohend und hinterhältig. Jaulte von Vermählung, dem Bund des Lebens. Gellte von einer Mauer, die es aufziehen würde, dick wie doppelter Sandstein. Dahinter würde es Ibraheem verstecken, den glücklichen Bräutigam. Wütend stampfte Jahwarah auf Tuch ein, wollte es auf dem Boden ersticken, bis ihm das dämliche Grinsen verging. Bis es ihr nicht mehr den geliebten Bruder nehmen konnte.
Wahrscheinlich lag es nicht einmal an Munaya selbst. Es hätte jedes andere menekanische Mädchen sein können, Jahwarah’s Gefühle wären die Gleichen.
Ehefrau würde Munaya sich in einigen Tagen nennen, auf Lebzeiten mit Ibraheem vereinigt. Ein gemeinsames Heim, bald das erste Kind. Die Verbundenheit, die ihr Bruder zu der jungen Ifrey empfand, würde wachsen und stärker werden. Eine eigene kleine Familie, Jahwarah nur noch ein Anhängsel, ein unbedeutsamer Teil. Schon einmal hatte sie ihn verloren, das zweite Mal stand unmittelbar bevor. Und dieses Mal würde es um Einiges schmerzhafter werden, da ihr der Verlustbringer täglich ins Gesicht lachte. Und sie musste es erwidern.
Sie hob das zerknitterte Stück Seide vom Boden und strich es glatt. Es war Ibraheems Wille und Wunsch diesen Weg zu gehen. Eine Faust schloss sich um den Stoff, knüllte ihn und gab ihn als Spielball für die Katzen wieder frei.
Sie würde ihn dabei begleiten, ihm zur Seite stehen.
Seine Wüstenblume würde ihm keinen Kummer bereiten, in dem sie ihre Gefühle offenbarte.
Sie würde ihre Rolle spielen, ihm zuliebe und ihrer Familie.
Diesen Gedanken trug Jahwarah all’ die Tage bis zum Beginn der Feierlichkeiten mit sich. Sie krallte sich regelrecht an ihm fest, suchte an ihm Halt. Er alleine war es, der sie das Geschenk für das Brautpaar fertigen ließ, obwohl sich alles in ihr dagegen sträubte. Anstand und Tradition geboten es ihr. Es zu herzustellen kostete sie heiße Tränen. Tränen, die keiner trocknen konnte, nicht einmal Raniya Sahar, die im gleichen Unwissen schwebte wie Ibraheem.
Zwei Edelsteine im satten Blau von Kornblumen, geschliffen in Form von zwei Schlüsseln. Gebettet in einem Meer aus blutrotem Samt, umhüllt von Wänden aus Gold. Der Saphir, die Tugendrose unter den Edelsteinen. Der Stein der Treue, geschliffen zu Schlüsseln, befähigt die Herzen in hingebungsvoller Lieber zueinander zu öffnen.
In der Hoffnung, dass sein Weg sich erfüllte.