Brechende Wellen und alte Pfade

Antworten
Vincent Vandera

Brechende Wellen und alte Pfade

Beitrag von Vincent Vandera »

Der Raum war abgedunkelt und man konnte nicht allzu viel erkennen. Es war nicht mehr als ein Schuppen, leergeräumt und nur ein Stuhl stand in jenem an einer Wand. Auf dem Stuhl selbst saß eine Gestalt, den Blick gen Boden gerichtet, das Atmen schwer, die Hände hinten am Stuhl zusammengeschnürt, der Atem stockend.
Er konnte nicht viel erkennen, es gab weder Fenster noch sonstige Möglichkeiten, nur durch eine vereinzelte Spalte im Holz drangen feine Linien des Sonnenlichtes welches ihm immer wieder verriet ob nun Tag oder Nacht war.
Jene Einsamkeit, jene enge machte ihn fast wahnsinnig aber was ihm viel mehr den Verstand zu rauben drohte waren die Schritte vor dem Schuppen. Immer wenn er jemanden an diesem entlanglaufen hörte, zuckte er zusammen, spürte wie sein Herz zu rasen begann und wie sein Atem zu hyperventilieren drohte aber bisher waren die Schritte immer an dem Schuppen vorbeigegangen, doch nicht jetzt.

Wieder hörte er die schweren Stiefel die das Holz zum Knarzen brachte und dann konnte er Stimmen hören, bekannte Stimmen. Seine Augen weiteten sich und er starrte in die Richtung wo er die Tür wusste und als jene sich öffnete, schluckte er hart.
Hellstes Sonnenlicht flutete den Raum, ließ die an die Dunkelheit gewohnten Augen fast erblinden und er konnte nur zwei Schatten im Licht erkennen, diese bekannten Konturen zweier Männer. Einer trug einen Mantel und ein Kopftuch, das Haar war lang und reichte ihm bis über die Schulter hinweg. Der andere hingegen trug einfache Stoffkleidung, praktisch und das Haar kurz gehalten.
Die beiden betraten den Schuppen und schlossen die Tür hinter sich, der Mann im Mantel stellte sich vor ihn und der andere zündete zwei Kerzen an die den Raum zweckmäßig beleuchteten. Nun konnte er ihn auch sehen; er war es, jener Mann der ihn aufgelauert hatte und mitgeschleppt hatte.

Der Mantelträger schien vielleicht Anfang 30 zu sein, der andere in den anfänglichen 20. Letzterer blieb hinten an der Türe stehen und sah mit einem Grinsen, dass so breit war dass man denken konnte er würde jeden Moment laut loslachen, zu ihm, der Mantelträger ging etwas in die Hocke und er konnte nun in sein Gesicht sehen.
Ein dreitage-Bart zierte sein Gesicht und das lange, teils geflochtene Haar hing ihm in den Nacken.
„Es wäre unhöflich von mir, mich nicht vorzustellen, nicht wahr?“ Er wollte etwas auf die Worte des Mannes erwidern aber mehr als ein Krächzen kam nicht hervor, die Panik schnürte ihm die Stimme ab. „Ich bin Vincent. Vincent Vandera und das ist mein Partner und bester Freund, Gabriel Langust.
Und ich nehme an du bist Serald?“ Vincent taxierte ihn mit einem strengen Blick und lächelte schmal beim Reden. Serald starrte ihn nur an. „Bist du Serald? Antworte wenn ich dich etwas frage!“ das Lächeln war sofort verblichen und Serald nickte heftig. „ja .. ja ich bin‘s …“ brachte er mühsam hervor. „Gut. Weißt du, deine Fragerei in Bajard, die ist uns aufgefallen.
Normalerweise begrüßen wir nicht jeden so nett wie dich, der Interesse an unserer Insel zeigt aber wenn ich merke dass jemand fragt weil er für eines der Reiche arbeitet, DANN mein Freund widme ich mich Leuten wie dir. Mir ist egal für wen du arbeitest, aber ich will wissen WAS du weißt, also?“
Serald schluckte und er wusste worauf diese Diskussion hinauslaufen würde. Er schüttelte aufs heftigste den Kopf. „I…I….I…Ich weiß … n…n..nichts! G…g…g…g … ar nichts, ehrlich!“ Er konnte das Seufzen von Gabriel deutlich hören. „Vincent diesmal nicht so lange, okay?“ Dieser nickte nur und griff an seinen Gurt und zog einen metallischen Gegenstand mit einem hölzernen Griff, eine Pistole.
Serald hatte die Dinger schon einige male gesehen und er wusste wofür man sie nutzte. „Falsche Antwort … ich frage nochmal … was weißt du?“ Die Farbe wich Seralsd nun aus dem Gesicht, er durfte auf keinen Fall reden, dann wäre er wertlos, er musste verhandeln. „Ich .. kann euch nützlich sein! Ja … ja! Ich kann euch helfen wisst ihr ich …“ doch er kam nicht weiter. Ein sehr lautes Knallen ertönte Serald starrte nur auf die aufblitzende Mündung und spürte für den Bruchteil einer Sekunde wie etwas in seinen Schädel einschlug und dann war da Leere.
Vincent starrte auf den Toten hinab. „Was denkst du? Schicken wir die Leiche zurück nach Bajard?“ Gabriel lachte nur und er stimmte mit ein.



Ein Blinzeln, nicht mehr als er auf das Meer hinaus starrte. Dieser Moment war nun gut sieben Jahre her, welch lange Zeit. Geändert hatte sich im Laufe der Zeit einiges. Sie hatten einen neuen Käpt’n nachdem der alte Perera gestorben war und sein Sohn sein Erbe antrat.
Sie hatten eine Zeit der Ruhe und Neuordnung durchlebt und nun waren sie auf dem besten Weg wieder zur alten Stärke zu gelangen. Und Vincent? Für ihn hatten sich die Dinge nie so sehr verändert.
Er hatte vor sich hingelebt, den Rum genossen, immer wieder mit Frauen geflirtet und auf Raubzügen und kleineren Kaperfahrten mitgewirkt. Die großen Dinge waren rar gesät aber sie würden wiederkommen.

Was sich derzeit aber abspielte war nicht nur ein Wandel auf La Cabeza sondern auch ein Wandel für sich. Vincent wurde älter, eine Tatsache die er nicht ignorieren konnte. Als er vor 14 Jahren nach La Cabeza kam war er ein Jungspund der die Stadtgarde Varunas satt hatte und die falschen Versprechungen eben jener.
Er hatte sich gewandelt vom Gesetzeshüter zum Gesetzesbrecher und doch war er immer noch ein Mensch mit Gefühlen. Und grade jene machten ihm so langsam einen Strich durch die Rechnung.
Zuneigung, das war etwas was er Frauen gegenüber öfters mal empfand und für eine Nacht war eine Frau immer gut, doch etwas Längerfristiges brachte meist nur Ärger, wie die Vergangenheit immer gerne zeigte. Bisher hatte er jedenfalls so gedacht aber nun war da eine Frau die seine Aufmerksamkeit gewonnen hatte und über die er nicht so dachte.
Ein Kopfschütteln seinerseits, war das gut? Wieso aber auch nicht? Jene Frau wusste wer er war, jene Frau belog er nicht. Er gaukelte ihr nicht das übliche Spiel des armen Seehändlers vor, er war ehrlich gewesen und sie hatte auf eine seltsame Art und Weise Verständnis dafür.
Auch war sie nicht wie viele dieser halben Kinder die es auf den Inseln gab, sie war … anders. Sie hatte Erfahrung im Leben und sie war eine Kriegerin und sie hatte ihm seine Hilfe angeboten, ein Schritt des Vertrauens. Vielleicht war dies der Pfad in eine Richtung, von der er gedacht hatte dass er sie niemals wieder betreten würde, eine längst vergessene Richtung.
Doch letztendlich war es die Zeit die so etwas aufzeigte und so starrte er wieder aufs Meer hinaus, einen Namen im Kopf der auch eine Weile nicht verfliegen wollte; Ronya.
Zuletzt geändert von Vincent Vandera am Donnerstag 25. Oktober 2007, 13:59, insgesamt 1-mal geändert.
Vincent Vandera

Beitrag von Vincent Vandera »

„Ro .. was?“ Vincent seufzte als der alte Pirat ihn anblinzelte und den Namen versuchte nachzulallen den er ihm gerade genannt hatte. „Ronya, aber vergiss es, sauf weiter.“ „Ach Vincent Jungchen …du weyst ja wie dat mit die Weiber is, has‘se eine kennegelernt dann haste se alle kennegelernt, sindse doch alle irgendwie nur Teufelsdinga, ich sag dir det, bestiimmt hat net Eluive damals die Frau geschaffe sonder Alatar ode so! Ja genauja!“ Vincent schielte zu Lucabella die dem alten Seemann schon einen zornigen Blick zuwarf.
„Du solltest besser etwas leiser sein, sonst kriegst du gleich kein Rum mehr von der guten Bella“ meinte er grinsend und sofort blickte der Alte zur Wirtstochter. „Ahhh neee doch ney die Bella, die is doch noch n Mäd’l, keyn Frau und ne Piratin … die sin eh was bessres …“ und er lachte rau und dreckig.
Vincent konnte sich ein amüsiertes Schmunzeln nicht verkneifen doch nahm er sich seine Flasche und trat aus der Taverne hinaus. Der heutige Abend war ungewöhnlich frisch und eine kühle Brise zog über die Insel.
Ein Schluck aus der Rumflasche ließ das anfängliche Schaudern aber schnell wieder entschwinden und so stiefelte der Pirat am Hafen entlang ehe seine Stiefel das Holz des Piers verließen und in den weichen Sand des langen Strandes traten.
Er verbrachte derzeit wieder etwas mehr auf der Insel, seit dem Zusammenprall mit dem Ritter vor Bajard war er vorsichtiger geworden, das Reich schien ihn tatsächlich zu suchen, wenn auch auf eine recht eintönige Art und Weise. Nur selten ließ er sich in Bajard blicken und wenn dann nur kurz um einige Dinge zu erledigen, Gespräche zu führen oder dergleichen und dabei war er wieder auf sie getroffen.

Das Interessante an Ronya war ihre Offenheit.
Er hatte gedacht dass sie spätestens nach ihrem Wissen über den Mord dem Piraten die kalte Schulter zeigen würde oder ihn am Ende gar sonst was antun würde, aber es war wieder dieses Verständnis dass sie ihm zeigte, fast so als könnte sie ihn nachvollziehen.
Doch letztendlich machte er sich wenige Illusionen, Vincent war ein Mensch den nur wenige nachvollziehen konnten und jemand wie Ronya konnte das vielleicht im Ansatz aber die beiden waren verschieden, auch wenn sie vieles gemeinsam hatten.
Vincent war ein Pirat, ein Gauner und jemand der lieber jemanden von hinten ermordete anstatt einen offenen Kampf zu wagen und Ronya war eine Kriegerin, durch und durch. Je mehr er sich mit ihr unterhielt, desto klarer wurde ihm dies.
Konflikte waren etwas, wonach es ihr begehrte, sie war eine Frau mit Leidenschaft und zu viel Ruhe schien Gift für sie zu sein.
Doch er hatte spätestens auch seit dem letzten Treffen mit ihr gelernt, dass hinter der Kriegerin auch eine gar nicht so dumme Frau steckte. Die Tatsache dass sie ihm durch einen simplen aber gut durchdachten Zug etwas Ruhe verschaffen konnte, war doch etwas mehr als er erwartet hatte und er war positiv von ihr überrascht gewesen.

So oder so war diese Frau mehr als er gedacht hatte, und er wollte noch mehr über sie erfahren. Er starrte auf das klare Wasser. Er hatte ihr ein Angebot gemacht und sie hatte es angenommen, ein Angebot welches ihm vielleicht etwas Ärger einbringen konnte aber er war bereit dieses Risiko zu tragen.
Sie war ihm nicht egal, er hatte ihr bereits seine Hilfe in einigen Sachen angeboten, eine Hilfe die er andere entweder nur für viel Gold oder niemals anbieten würde aber Ronya war eine Ausnahme. Sie bedeutete ihm etwas und er war sich sicher dass er ihr auch nicht ganz egal gewesen war, die Art wie sie seine Hand gedrückte hatte, die leise Stimme, die Behutsamkeit als sie seine Schnittwunde notdürftig behandelt hatte, es war eine Sprache zwischen den beiden die sich vielleicht noch zu mehr entwickeln konnte aber nicht zwangsläufig musste.
Vincent wusste noch nicht ganz genau wie bereit er für solcherlei war, doch Gefühle konnte man nicht ignorieren. Das konnte er noch nie und das würde er niemals können, auch wenn ihm dies einmal fast das Leben gekostet hätte.

„du weyst ja wie dat mit die Weiber is, has‘se eine kennegelernt dann haste se alle kennegelernt, sindse doch alle irgendwie nur Teufelsdinga
Er schmunzelte, scheinbar war dem nicht so.
Zuletzt geändert von Vincent Vandera am Sonntag 4. November 2007, 14:22, insgesamt 2-mal geändert.
Xinthra

Beitrag von Xinthra »

Gleich am ersten Tag, als sie dieses Funkeln in den Augen ihrer Anführerin sah war ihr klar, dieser Vincent, das war ein Mann der Ronya nicht nur das Wasser reichen konnte. Nein, sie hatte sogar gefallen an diesem Mann gefunden und wenn man ehrlich war, so ein schlechter Kerl konnte er auch nicht sein. Zuvorkommend, freundlich hatte er sich gegeben. Vielleicht war er das auch, das würde die Zukunft zeigen. Ronya zeigte zumindest immer deutlichere Anzeichen dafür, dass Xinthras Vermutung korrekt sein musste.

Nun galt es, vorsichtig zu sein. Diese Gefühle machten blind und obwohl Xinthra der Überzeugung war, dass Ronya aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen davor eigentlich gefeit sein müsste, blieb ein kleiner Zweifel. Immerhin war dieser Vincent ein Pirat und er könnte diese Zuneigung Ronyas, die Unterstützung die sie ihm inzwischen hatte zugedeihen lassen, für seine Zwecke benutzen. Vielleicht tat er es auch bereits. Sie würde ihn im Auge behalten, wann immer es ging und beim kleinsten Anzeichen...

Für den Moment jedoch ließ sie sich ihren Zweifel nicht anmerken. Warum sollte nicht auch eine Ronya das große Los ziehen und jemanden finden, der ihrer würdig ist? Mit der Zeit würde sich sicher herausstellen, zu welchen Männern man Vincent zählen konnte.. oder musste.
Vincent Vandera

Beitrag von Vincent Vandera »

Irgendwie war es doch interessant wie das Schicksal so seinen Lauf ging. Es war nicht so dass es um ihn herum schon genug im Gange war. Auf der einen Seite bewegte sich derzeit viel auf La Cabeza, zum anderen hatte er immer ein Auge auf Bajard werfen müssen welches zu einem kleinen Pulverfass zu werden schien und doch kam immer noch ein wenig etwas dazu. Eigentlich hatte er sich am heutigen Tag vorgenommen den Tag am Strand mit mehreren Flaschen Rum zu verbringen aber letztendlich hatten ihn seine Wege nach Lameriast gebracht. Neuhaven sollte es erst sein, das Dörfchen wollte noch einmal inspiziert werden doch die Ruhe brachte ihn schon beinahe wieder um den Verstand also steuerte er einen Ort an, den er schon länger einmal besuchen wollte; die Festung der Gefährtinnen, oder besser gesagt; Ronya. Wie erwartet traf er zunächst niemanden an aber das Schicksal meinte es gut mit ihm und so traf er bei seinem Rundgang auf dem Rückweg zum Hafen auf Xintrha, ihrerseits ein Mitglied jener Gefährtinnen. Er hatte sie in der Vergangenheit nur ein-, zweimal kurz kennengelernt aber sie schien eine recht solide Frau zu sein die wusste was sie wollte, wenn sie Vincent auch ein klein wenig zu misstrauisch war in mancherlei Hinsicht.

Ein kurzes Gespräch folgte und Xinthra willigte ein ihn mit ins Lager zu nehmen wo er auf Ronya warten können würde, eine Einladung die er nicht einfach ausschlug. Das Lager der Gefährtinnen glich tatsächlich einer kleinen Festung, umzäunt von Holzpalisaden, Armbrüste die an eben jenen befestigt waren und eine idyllische Sicherheit. Platz war auch reichlich vorhanden und Vincent wurde zum großen Feuer in der Mitte geführt wo er sich mit Xinthra unterhielt, ihren Ausführungen über ihren Streit mit den Anguren lauschte. Vincent hatte sich nicht geirrt, hier lebten Frauen die wussten was sie wollten und vor allem Frauen die eines hatten was viele andere dieser Landweiber nicht hatten; Mut und Stärke und so etwas war eine gefährliche aber interessante Mischung. Letztendlich traf Ronya dann auch ein, ein Anblick der ihm immer wieder ein Lächeln auf die Lippen zauberte, diese Frau war etwas besonderes, da konnte er noch so oft den Gedanken leugnen. Das Gespräch mit der Anführerin der Gefährtinnen war aufschlussreich wie immer, auch wenn man sich eher über belanglose Dinge unterhielt und Vincent mit einem Schmunzeln feststellen durfte, dass man wohl nicht viel von der Idee hielt, die Vincent Ronya vorgeschlagen hatte; Misstrauen war also unter ihnen in einem gewissen Maße vorhanden.

Letztendlich mochte der Abend ruhig ausklingen auch wenn Vincent selbst nicht mehr allzuviel Zeit hatte, die Seegurke würde bald wieder am Hafen Lameriasts anlegen und er musste dort sein und so verabschiedete er sich von Ronya mit einem besonderen Geschenk. Er öffnete eine kleine Tasche in seinem Mantel und holte etwas aus jenem heraus, vorher noch eingenäht in das Futter des Mantels. Es war jener Edelstein, das Kleinod seines ersten großen Überfalles, dessen Herkunft er nicht kannte. Jener Stein der in allen Farben funkelte und nun Ronya als Pfand gegeben wurde für etwas was er ihr diesen Abend nahm; nämlich einen Kuss.
Er hatte sich wieder aufgemacht, das Schiff nach La Cabeza betreten und kaum traten seine Stiefel wieder auf den festen Grund des Pier der kleinen Insel wurde das ruhige, beinahe träumerische Gesicht des Piraten wieder die gewohnte ruhige Miene. Es galt die Gedanken wieder den derzeitigen Dingen zuzuwenden und davon gab es einige; es würde bald einiges geschehen und er musste klaren Kopf behalten. Die Zeit war reif Änderungen, sowohl auf der Insel als auch in seinem Herzen.
Vincent Vandera

Beitrag von Vincent Vandera »

Er saß immer noch in seiner Hütte. Seit dem Tag seiner Befreiung hatte er sich wenig nach draußen gewagt, zu tief saß ihm all jene Geschehnisse noch, zu oft blickte er im geistigen Auge auf den Strick und diese unbekannte Angst, die er nicht ausmachen konnte, wallte wieder in ihm hinauf. Was er in diesem Moment empfunden hatte war nicht die Angst vor dem Tod an sich, das wusste er. Der Tod war immer ein Begleiter gewesen wenn er La Cabeza verließ, immer war irgendwo die Gefahr dass man ihn schnappen würde, dass er an den falschen Feind geraten konnte, dass sein Leben ausgehaucht werden würde. Nein diese Angst war anders gewesen und als er dort auf dem Galgen stand und in das Gesicht jener Person blickte war sie so stark wie nie.
Er nahm einen letzten Schluck Rum aus der Flasche welche er dann beiseite stellte und sich erhob um leicht hinkend hinauszutreten. Es war Abend geworden, die Sonne neigte sich hinab und bereitete alles für die Nacht vor, die meisten anderen Bewohner der Insel waren zu dieser Zeit entweder unterwegs oder in der Taverne, sie gaben ihm die Ruhe, die er eigentlich nicht einmal verdient hatte und er war dankbar dafür. Sein Blick glitt zur blutroten Sonne die nun am Horizont verschwand und als er sie betrachtete, als er jenen einen völlig klaren Moment hatte, wusste er was diese Angst war, welchen Ursprung sie in jenem Moment am Galgen hatte und eben diese Angst galt es nun zu beseitigen. Er trat in Richtung der Seegurke und machte sich daran nach Lameriast zu segeln.

War es riskant oder gar töricht La Cabeza zu verlassen? Vielleicht, aber Lameriast war einer der Orte die für ihn so sicher wie Rahal im Moment waren, hier würde nichts geschehen, hier suchte man ihn nicht und einen langen Weg hatte er auch nicht vor sich, denn sein Zielort lag nicht weit entfernt vom Hafen; nämlich die Festung Sturmwipfel und die Person die er aufsuchen wollte; Ronya. Sie war auch mitunter einer jener Menschen gewesen die ihm geholfen hatten, wenn ihr Anteil auch nicht so groß war wie der der anderen Piraten, doch sie hatte auch seinen Dank verdient und es galt etwas klarzustellen. Doch die Begrüßung in der Festung der Gefährtinnen fiel etwas anders aus als erwartet; Xinthra öffnete ihm und fragte sofort wo Rnya sei, man hörte fast schon eine Spur Feindseligkeit und Vincent spürte das wachsende Unbehagen bei dem Gedanken dass man Ronya vielleicht während seiner Befreiung inhaftiert haben könnte, jenes flaue Gefühl welches er schon am Abend seiner Befreiung hatte als einige der anderen Piraten erst nicht zurückkamen.
Entwarnung gab es aber letztendlich doch; Ronya war zurückgekehrt, zwar still und heimlich ohne das Wissen der anderen aber plötzlich stand sie da und blickte Vincent zufrieden an, ein Blick den dieser nur erwidern konnte. Er verbrachte einen Teil des Abends am Feuer der Gefährtinnen, besprach einige Dinge mit Ronya, aß seit seiner Befreiung wieder etwas Richtiges und lauschte schweigend den Worten der anderen, seine Gedanken waren so oder so nicht ganz bei dem Thema.

Der Abend endete nach einigen Stunden und Ronya begleitete Vincent hinaus vor die Tore der Festung wo sie sich beide Gegenüberstanden, wo Vincent jener Angst förmlich ins Gesicht starrte. „Als ich dort oben auf dem Galgen stand, da hatte ich Angst. Angst weil ich dir etwas nicht hätte sagen können … etwas was ich dir sagen muss. Ich liebe dich.“ Er starrte einem alten Dämonen direkt in die Augen, dem Dämonen seiner Vergangenheit. Der letzten Frau der er seine Liebe schwor hatte ihn fast aufgeschlitzt um an ein Kopfgeld zu kommen, doch Ronya war anders und dies wusste er von dem Tag an, als er länger mit ihr sprechen konnte und spätestens seit dem Tag seiner Rettung war gewiss dass er diese Gefühle nicht verheimlichen konnte und wollte. Es war beinahe überraschend für ihn dass sie auf Erwiderung stieß, dass Ronya nicht anders fühlte, und an jenem Abend erlebte er den ersten Kuss seit vielen Jahren, das erste mal seit einer schieren Ewigkeit das Gefühl eine Frau in den Armen zu halten, das Gefühl der Liebe. Ein Gefühl dass sie beide in diesem Moment verband.

Später stand er am Pier von La Cabeza. Die Augen wanderten über die See, ein schmales Lächeln auf den Lippen und in seinem Körper schien es nahezu zu brennen. Es war ein Glücksgefühl das alle Unsicherheiten in ihm zu verbrennen schien, dass alle Zweifel der letzten Tage ausräumte, er hatte eine zweite Chance vom Schicksal bekommen und er hatte diese angefangen zu nutzen. Nun galt es wieder dass zu sein, was er war; Kapitän Vincent Vandera. „Joho und ne Buddel voll Rum …“ entkam es ihm grinsend.

Zeit wieder zu leben.
Antworten