Im Leben gab es immer einen Punkt an dem man Wahlen treffen musste, sich zu entscheiden hatte, wie es weitergehen sollte. Sie blickte in den Spiegel, schaute in das Gesicht einer jungen, heranwachsenden Frau. Das Haar, hell gefärbt für den vergangenen Abend, war ordentlich zurecht gebürstet, der Rest des Körpers war in ein feines Kleid gehüllt, ein Anblick wie er selten gegeben war, eine junge Dame. Viola blinzelte dem Spiegelbild entgegen und schenkte ihm ein kurzes Lächeln ehe sie das Kleid auszog und an sich hinab blickte.
Das Brandmal am Bauch, jene Wüstenrose die man ihr ins Fleisch gebrannt hatte, und sie fuhr auch mit den Fingern über die Brandnarbe am Rücken, Zeuge eines glühenden Metallblocks der ihr gegen eine Wunde gedrückt wurde um sie zuzubrennen. Das Haar wurde geöffnet, man schlüpfte wieder in die alten Kleider und bis auf die Haarfarbe blickte wieder das trotzige junge Ding zurück und doch war da heute noch etwas. Ein ruhiges, fast entspanntes Glimmen in den Augen, das Wissen dass eine Entscheidung letztendlich getroffen war.
Hochzeit, das war heute das Stichwort gewesen. Sie war eine der vielen Gäste die der Hochzeit von Falk und Jolinn, sowie der Hochzeit zwischen ihrem Adoptiv-Vater Leif und seinem neuen Weib Kadlin beiwohnen durfte. Sie hatte die Zeremonie genossen, sie hatte sich für alle gefreut, doch ganz besonders für Leif.
Der Platz an seiner Seite war wieder besetzt und er war glücklich so, und vielleicht war auch nur dieses Wissen, die Tatsache dass es ihm so gut ging der Auslöser für jene Entscheidung die sie so lange vor sich hingeschoben hatte. Während der Zeremonie hatte sie sich noch als „Tochter von Leif“ vorgestellt, doch im Inneren wusste sie in jenem Moment bereits dass dieser Titel verblassen würde weil es auf lange Sicht besser war.
Sie hatte ihnen allen Glück gewünscht, sich für sie gefreut, sie umarmt und doch, es war etwas in dem Blick von Leif, vielleicht wusste er es genauso. Viola hatte sich entschieden, wie es die Schamanin des Bunjam-Clan von ihr verlangt hatte, als sie Leif das letzte mal besucht hatte. Der „lichte“ Weg, bei Darna und in Varuna oder der „schwere“ Weg zurück zu den Clans, doch eine Entscheidung sollte getroffen werden, denn Leben konnte man nur in einer Welt. Viola hatte lange nachgedacht, wieso war jenes Leben in Varuna einfach? Systra konnte dies nicht beurteilen und so nahm sie auch wenig Rücksicht auf jene Bezeichnungen, ganz alleine den eigenen Gedanken lauschend.
Varuna, Geburtsort, der Platz an dem sie aufwuchs, an dem sie um ihr Überleben in den Straßen gekämpft hatte und an welchem sie nun lebte. Im Haushalte einer Paladines, einer Freundin und einer Art Mutterrolle, ob es ihr passte oder nicht, Darna war mehr als nur eine Bezugsperson.
Auf der anderen Seite lag ihre Vergangenheit, das Leben im Clan, das Leben bei den Tiefländern.
Schöne Zeiten, eine große und enge Gemeinschaften und doch Unterschiede. Systra sagte Äußerlichkeiten wären egal aber sie war eine Tiefländerin. Sie schaute wie alle anderen immer herunter wenn Viola mit ihnen sprach, sie sprachen die Handelssprache aus Rücksicht zu ihr, sie waren anders als Viola und egal wie sehr sie jene Menschen mochte, sie war auf eine Art und Weise keine von ihnen. Die Geister, die Ahnen, die Traditionen und Regeln, Dingen mit denen sie immer ausgekommen war aber nie vollständig, immer gab es Dinge die sie nicht akzeptieren konnte und wollte.
An jenem Abend als sie den Brautpaaren ihre Glückwünsche vermittelt hatte und neben Darna getreten war und ihre Hand kurz an ihrem Rücken spürte wusste sie eines, jener Schritt fort von Leif war ein symbolischer Schritt. Sie hatte sich gegen die Tiefländer entschieden und sie würde ihm nicht noch mehr weh tun indem sie immer wieder aufkreuzen würde, seine Sehnsucht nach seiner „Tochter“ anheizen nur um sie dann erloschen zu lassen.
Viola, Tochter des Leif, ein Titel den sie nie wieder nennen würde und ob sie Leif überhaupt wiedersehen würde, nachdem sie ihm diese Nachricht überbringen würde, wusste sie nicht. Es war an der Zeit endlich in einer Welt zu leben, auch wenn jener Schritt weh tun würde.
Der Blick in den Spiegel offenbarte ihr ein kurzes Lächeln und bevor sie schlafen ging, wandelte sie noch durch das Haus, stand auf dem Balkon und sah hinauf zu den Sternen. Sie hatte sich entschieden, sie war Viola Ser’Rhal, Tochter eines Schreiners aus Varuna und Mündel der Paladines Darna von Elbenau. Und sie war daheim.