Ein leises Rascheln durchzog die Weinreben. Zuerst zaghaft, dann immer ruckartiger. Die Blätter tanzten unruhig und immer mehr Weintrauben verschwanden aus dem Busch.
Misstrauisch beaugte die Bäuerin die in der Ferne auf eigenartige Weise umherzuckenden Weinreben. Ihr Interesse war geweckt und so schritt sie lauernd auf den Busch zu. Als sie direkt vor dem Reben ueberwücherten Gestänge stand, sprach sie deutlich vernehmbar: "Raus mit euch, wer immer da ist"
Augenblicklich erstarb das Geraschel. Er war entdeckt.
Ein hastiger Blick ueber die Schulter versicherte ihm, dass ein Rückzug die Aufgabe seiner Deckung bedeuten würde. Und dann war da noch dieser Zaun. Da wieder drüber zu kommen, würde nicht einfach werden, es war ja schon beim Hineinklettern nicht einfach. Sicher würde sie ihn fassen, bevor er abhauen konnte. Es gab also keinen Ausweg.
Inzwischen hallte die Stimme abermals ueber ihm hinweg: "Raus da, sofort!"
Seufzend erhob er sich und trat hinter den Weinreben vor. Der Blick der Baeuerin Emma fiel auf einen Jungen, von jugendlichem Aussehen, vielleicht fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, Strohblondes Haar, hellblaue Augen, Sommersprossen auf den Wangen und eine Unschuldsmiene auf den Lippen.
"Was hast du da gemacht", herrschte sie ihn, von dem huebschen Auftreten des Jungen unbeeindruckt, an.
"Ich kam hier grad vorbei und da hab ich hier ein paar faulige Trauben haengen sehen. Und da dachte ich mir, bevor der netten Lady die ganzen Trauben verfaulen, nehm ich sie ab.", redete er sich hastig aber dennoch mit einer sehr überzeugenden Selbstsicherheit.
"Was soll das heißen?!", herrschte sie unbeirrt weiter und ihm wurde klar, dass diese Taktik nach Hinten losgegangen war, "Ich habe fauliges Obst was!?"
Er wich noch einen Schritt zurueck und dachte eilig nach. "Ich, ich ich"
"Sprich schon du verlauster Bengel!"
"Ich hatte Hunger nette Lady, ich habe seit Tagen nichts gegessen. Ich bin Waise. Ich bin ganz ausgehungert und wäre sicher tot umgefallen, wenn ich nicht von den Trauben gegessen haette.", meinte er mit mitleidserregendem Blick. "Aber es sind Eure Trauben, nette Lady. Hier nehmt sie, ich habe etwas Unrechtes getan", und so streckte er ihr die Hände entgegen, auf denen noch immer die Trauben lagen.
Ihr Blick wurde eine Spur sanfter, als er so dastand und ihr die Weintrauben entgegenstreckte und nun zu allem Überfluss auch noch eine Träne herauspresste. "Behalt sie ruhig mein Junge", und schob damit wohlwollend seine Hände zurück, "aber in Zukunft kannst du dir die Trauben verdienen."
"Achja? und wie?"
Sie deutete neben ihm am Boden liegende Angel. Als er über den Zaun geklettert war, hatte er sie drüber geworfen und seit dem dort liegen gelassen. "Kannst du angeln?"
"Na, aber sicher nette Lady! Ich bin der beste Angler unter der Sonne!"
"Dann kannst du dir in Zukunft deine Trauben 'erangeln'. Bring mir jeden Morgen ein paar frische Fische vorbei und du bekommst von mir Trauben."
Er musterte sie skeptisch: "Echt?". Nachdem es ihm Emma mit einem kurzen Nicken versichert hatte, grinste er sie an und willigte ein. Sie gingen zusammen zurueck zum Haus und Emma bat ihn hinein. Just in diesem Moment klingelte die Hausglocke. "Warte hier, ich bin gleich zurueck." und schon war sie durch die Haustuer entschwunden.
Sein Blick wanderte in der Eingangshalle des Hauses umher... und blick schlagartig auf dem Topf voller Gold in der Ecke haengen. Er grinste diebisch. Sofort war er herübergeeilt und hatte sich die Taschen vollgestopft. Als aber, als einige vereinzelte Münzen auf den Boden fielen, ein dumpfes Geräusch statt eines klirrenden ertönte, musterte er sie genauer. Sie waren aus Holz.. mit goldener Farbe bemalt.
Fluchend leerte er seine Taschen wieder und nahm das Haus weiter in Augenschein.
In der EIngangshalle... nichts
Die Treppe hoch... nichts
Das Schlafzimmer... nichts
Das Spielzimmer... nichts
Verflucht diese Frau musste doch irgendwo ihr ganzes Gold horten, so ein großes Haus, wie sie schließlich besaß. Gold und Schmuck, Edelsteine, irgendwas von Wert.
Viel zu spät bemerkte er, wie hinter ihm die Tür knarrte und Emma im Türrahmen stand. "Was machst du hier oben?", herrschte sie ihn an.
"Ich.. ich... Da war ein Einbrecher! ... Also ich dachte, da wär einer gewesen. Ich hab ein Geräusch gehört. Und da bin ich nach oben gegangen, weil ich dachte, ich kann die nette Lady nicht stören, wenn sie draußen ihre Kunden bedient. Und weil ihr so nett ward, und mir die Trauben gegeben habt, wollte ich nachsehen und den Einbrecher verjagen. Aber hier oben ist niemand", stotterte er hastig.
"Raus", und mit diesem Handdeut wies sie die Treppe hinab. Als er wie ein Hund mit eingekniffenem Schwanz an ihr vorbeieilte, grinste sie jedoch wieder.
Sie beide traten vor das Haus, wo noch immer der Kunde wartete. Ein Mann in eine braune Robe gekleidet mit langem Bart. Emma schleppte einige Stiegen voller Äpfel und Kräuter heran.
"Ihr tut Recht daran, bei der netten Lady einzukaufen! Ihr Obst ist das Beste, sie kümmert sich mit viel Liebe um ihre Waren müsst ihr wissen! Und ihr Gemüse und das ganze anderen Zeugs ist auch das Allerbeste unter der Sonne!", pusante er hinaus, wie ein Marktschreier, der seine Ware anpries.
Der Mann grinste wohlwollen: "Ja mein junger Mann, das weiß ich." Er drückte Emma einen prallen Sack Gold in die Hand und nahm die Stiegen. Bos Augen wurden groß. "Soviel Geld!"
"Soll ich die Stiegen fuer euch tragen?", rief er eilig. "Nein, aber hab Dank fuer das Angebot", entgegnete der Bärtige. "Naja ich haette schon gehofft, dass ihr mich auch so gut bezahlt, wie die nette Lady", meinte Bo enttäuscht.
Emma und Methodios grinsten einander an. Als er sich verabschieden wollte, lies er kurzzeitig, den Blick auf Bo gerichtet, seine Augen funkeln. Den traf es wie ein Schlag.
"HEXER!!! Verfluchter Hexer!", schrie er. "Seid vorsichtig nette Lady, er ist ein vermalledeiter Hexer und wird euren Hof verfluchen. Er macht komische Sachen mit seinen Augen. Sicher wird jetzt Euer Obst faulig. Und die Pferde bekommen lame Hufe. Und die Kühe geben saure Milch... und und.. und es regnet tote Vögel!!!"
Emma musterte Methodios skeptisch, als Bo so völlig unvermittelt losschrie. Methodios hatte seine liebe Mühe damit, immer wieder zu wiederholen und zu beteuern, dass er kein Hexer sei, doch auch Emma wurde immer skeptischer. Bo stand zeternd in der Ecke, eine Machete gezogen und wild um sich fuchtelnd.
"Keine Angst, nette Lady ich beschütze euch"
"Wenn ich ein Hexer wäre", begann der Bärtige abermals mit ruhiger Stimme, "glaubst du, dann würde mich dein Schwert aufhalten?"
Bo blickte skeptisch auf seine Machete hinab. Unsicherheit überkam ihn. Dann jedoch rief er: "Ihr könnt das Rumgehexe nur nicht gut, so ist es nämlich. Aber wer weiß, was dann alles schief geht!"
Emma schien immernoch hin- und hergerissen.
Schließlich beschloss Methodios, die Erklärungsversuche aufzugeben, und sich zu verabschieden. Als er am Zaun stand, wandte er den Blick nocheinmal zu Emma zurück. "Möge die Mutter ihre Schützende Hand über euch halten"
"HEEEEEXER!!!!! Verfluchter Hexer! Hört Ihr nette Lady, ich sag ja er kann das Rumgehexe noch nicht so! Er schickt seine Mutter und die soll hier alles verfluchen! Lasst in nächster Zeit blos keine alten, verrunzelten Weiber mehr rein!"
Als Methodios gegangen war, blickte Emma unschlüssig zu Bo. Er sah ihr an, dass sie nicht Recht wusste, ob sie gerade wirklich einen Hexer bedient hatte. Seufzend setzten sie sich und schnauften durch.