Das Wasser drückte sich gegen den feinen Sand des Strandes, idyllisch wirkte alles, idyllisch und wunderschön. Es war bereits Abend und die Sonne versank in einer roten Färbung am Horizont. Idyllisch wäre alles gewesen, dunkel ebenso, wäre da nicht ein Feuer, welches die Idylle zerriss. Die Flammen prasselten und hatten einen kleinen Schuppen des nahen Gehöftes bereits verschlungen. Das Bauernhaus selbst war noch unversehrt als drei Männer auf das Gebäude zugingen. Ein Mann, alt und drahtig kam mit einer Heugabel bewaffnet aus dem Hause und stellte sich vor den dreien auf, seine Miene war eisern. Der mittlere der drei zog eine Waffe, ein Konstrukt aus Metall und Holz, dessen Mündung auf den Bauern deutete. Vincent zielte auf ihn und besah ihn ruhig, mit einer Eiseskälte. „Geh zur Seite du Narr. Geh zu deiner Frau und deinen Kindern, nimm sie und dann lauf. Du musst hier nicht sterben, wir wollen nur dein Hab und Gut.“
Der Alte sah ihn grimmig an und seine knochigen Finger umfassten die Mistgabel fester. „Ich werde euch nicht unsere Existenz überlassen du … du Mistkerl! Niemals werde ich das! Hörst du?!“ War es ein Seufzen oder war es nur ein verärgerter laut den Vincent von sich gab, als er abdrückte und es laut knallte. Der Alte konnte nicht so schnell reagieren wie ihn die Kugel in die Stirn traf und er leblos zurücksank. Der Schütze würdigte dem Toten kein Blick mehr und sah zu den beiden anderen. „Räumt die Schuppen leer ich gehe ins Haus“ und so schritt er hinein in das zweistöckige Gebäude.
Im Inneren war es beinahe still doch er konnte das hastige Atmen der Frau hören. Als er seine Schritte in ihre Richtung bewegte, sah er sie da, zusammengekauert in einer Ecke. Sie sah ihn an und in diesem Moment schien jegliche Illusion dass ihr Mann wieder durch die Tür kommen würde, geplatzt. Sie schrie auf, Tränen schossen ihr in die Augen und sie rannte auf Vincent los, in der Hand ein Messer welches sie wahrscheinlich zur Zubereitung des Essens nutzte. Sie wollte nach ihm hieben aber sie kam nicht einmal so weit, seine Rechte holte aus und traf sie schwungvoll, so dass es sie zu Boden warf. Seelenruhig griff er zu seiner Waffe und begann sie nachzuladen, das Pulver in die Waffe zu stopfen, das Gejammer am Boden zu ignorieren.
Blut lief aus der Nase der Frau und als Vincent die Waffe auf sie richtete betrachtete er sie das erste mal. Sie war noch jung, deutlich jünger als der Bauer und die Panik stand in ihre Augen geschrieben. „Dein Mann hatte die Wahl zu dir zu gehen und mit dir abzuhauen, oder draußen zu sterben. Was ist mit eurem falschen Stolz? Warum müssen soviele Menschen immer so tun als seien sie Helden und die Konsequenz wäre nicht da? Er hat gewählt … und glaub mir, er hatte die Wahl“ der Finger betätigte den Abzug und er wandte das Gesicht ab von der Szenerie. Er sah sich in dem Raum um, sah die nahe Treppe hinauf. Dort oben würden die beiden Kinder kauern, aber sie würden nicht unter der Dummheit ihres Vaters leiden. Nicht sie. Vincent wandte sich ab und begann die Vorratskammer zu plündern und auch die übrigen Räume zu durchsuchen …
Das war nunmehr drei Jahre her und wieso kam ihm dieser Gedanke gerade jetzt? Er wusste es nicht. Nachdenklich schwenkte er den Rum in seiner Hand und genehmigte sich einen Schluck aus der Flasche. Der Alkohol lief seine Kehle hinab und hinterließ ein angenehmes, brennendes Gefühl. Die Augen richteten sich auf den sternenklaren Himmel über La Cabeza. Jener Tag war so lange her und doch blieb er in seinem Kopf.
Nicht weil er zwei Kinder ihrer Eltern beraubt hatte, nicht weil er einer Frau ins Gesicht geschossen hatte. Nein, was ihm immer wieder vor dem geistigen Auge vorschwebte war dieser alte Mann. Wie er Angesichts des Todes stark sein wollte und seinen falschen Stolz nicht einfach wegwerfen konnte. Seine Existenz, Vincent hatte nicht umsonst diesen Hof gewählt, er wusste von dem Reichtum jenes Bauern, er wusste dass er sein Lebe lang gute Geschäfte führte und er wollte nicht wissen wie viele Münzen in einem Bankfach ruhten. Seine Existenz, seine wirkliche Existenz hatte er mit seinem Verhalten zerstört und weder war er einen Heldentod gestorben noch wäre irgendetwas daran stolz gewesen. Er war ein Narr und solcherlei gab es auf dieser Welt viele.
Wie oft hatte er schon in sein grinsendes Gesicht gesehen welches ihm auf einem Steckbrief entgegen sah? Wie oft hatte er Dinge getan die ihn als gewissenloses Monster abgestempelt hatten? Doch was die meisten einfach niemals wahrhaben wollten; einem jeden, gleich wer es war, hatte er die Wahl gelassen zu Leben. Doch der Stolz schien immer zu hart. Vincent lächelte kurz grimmig, es würde immer so weitergehen und es würde sich niemals komplett ändern und wenn er bald wieder auf Beutejagd mit den anderen gehen würde, bestand die Gefahr wieder dass er jemanden töten musste, weil man ein Held sein wollte.
Kurz schielte er auf sein Bein hinab und den Verband, der dort befestigt war. Eine hübsche Schnittwunde aber sie würde verheilen und vielleicht eine Narbe hinterlassen, vielleicht würde sie aber auch spurlos dahinziehen. „Ich muss mir wieder Sorgen machen …“ das waren die Worte die ihn nun beschäftigten. Wann hatte er das letzte mal jene Worte von jemand gehört? Abgesehen von Constanza, die ihm indirekt immer sagte dass ihr etwas nicht passte oder sie sich sorgte, hatte er so etwas das letzte mal vor Jahren gehört von einer Frau die ihn letztendlich umbringen wollte. Und auch diesmal kamen sie von einer Frau.
Liannah. Er verstand nicht so richtig wieso sie sich um ihn so sorgte, wieso sie ihm gegenüber so anders zu sein schien wie anderen Männern, jedenfalls war sie das laut ihren eigenen Worten. Aber sie hatte etwas Vertrauenerweckendes an sich und vielleicht hatte ihr Vincent auch deswegen das eine oder andere mal Dinge über sich erzählt, die Leute nur zu hören bekamen wenn sie eh schon so gut wie dem Tode geweiht waren. Vielleicht war es auch nur eine alte Rührseligkeit oder am Ende doch auch Gefühle die so alt waren dass er sie nicht mehr großartig beachtete. Eines war klar, das Mädchen war etwas Besonderes und er würde ein Auge auf sie behalten, aufpassen dass ihr nichts passieren würde. Sie hatte ihm schon den einen oder anderen kleinen Gefallen getan und so würde er es ihr auch vergelten.
Er hob schweigend seine Pistole an, betrachtete sie. Die Zukunft war offen und es würden noch viele Dinge geschehen. Und er würde sich nicht wundern wenn er alsbald wieder in sein Gesicht an einem Steckbrief schauen würde. Das Leben wurde immerhin nicht langweilig.