Wasser plätscherte leise, als er sich mit leisen 'Uhhh... Ahhh' Lauten in dieses gleiten liess. Das Wasser war empfindlich kalt, aber erfrischend und schlug kleine Wellen um seinen Körper, als er in ruhigen Zügen ins tiefere Wasser schwamm.
Und der Platz hier... ein zauberhafter Ort. Ein kleiner See von einem Fluss gespeisst, welcher an einer anderen Stelle wieder weiter fliessen mochte. Entengrütze zeigte sich hier und dort zwischen dem Schilf und Trauerweiden ragten mit ihren Ästen hoch und mächtig über allem. Schatten spendend, mochten sie auch hier und da kleine Höhlen schaffen, in denen manch einer vielleicht einige süsse Stunden mit seiner Geliebten verbringen mochte. Doch in der Abenddämmerung waren die Schatten tiefer, geheimnisvoll und dunkel. Einige letzte Vögel sangen noch, doch konnte Cyr heraushören, das viele bereits am verstummen waren. Indes setzten nach und nach die ersten Grillen mit ihrem Liebeslied ein. Der Duft der letzten Sommerblumen lag süss über allem.
Versteckt gelegen, hätte er ihn beinahe übersehen, doch war sein Mustang, eigenwillig wie er war, hier her gekommen um zu saufen. Und Cyrion, entspannt die letzte Wärme geniessend, die dem Boden anhaftete, erlag dem Zauber dieser kleinen Alklove stiller anheimelnder Eintracht.
Sich in die Stimmung dieser Alklove fallen lassend beobachtete er den Sonnenuntergang und blickte hinauf auf die beinahe gefüllte Scheibe eines schwach leuchtenden Mondes, welcher trotz der noch am Himmel stehenden Sonne bereits zu sehen war. Ein seltener kostbarer Moment. Ein solcher, wo man mit der Natur eins war, wo die Zeit still zu stehen schien und man erkannte, das alles Eins war und man selbst ein Teil davon. Das Wasser, das hier und da von rötlichen Sonnenstrahlen getroffen wurde, lockte ihn und so hatte er sich entkleidet und war ins Wasser gestiegen. Noch war es warm genug, ein Bad in freier Natur zu nehmen.
Untertauchend schwamm er einige Züge und liess das kalte Nass an sich herabrieseln, als er wieder auftauchte. Einen Umhang aus schwarzem langen Seegrass gleich, trieb sein Haar um seine Gestalt, während er erhob und das Wasser aus seinem Gesicht wischte. Wasser rauschte und plätscherte, als er auf das Ufer zuging. Leise schnaubte sein Pferd und stellte die Ohren auf - doch war es nicht er, den es beäugte. Ein leises Klingeln, wie von einem Windspiel, trieb zu ihm herüber, als er in die Richtung dessen blickte, was sein Pferd so interessierte.
Und dort, im Schatten der Trauerweiden inmitten des Schilfs, glitzerte etwas. Funken von kleinen Lichtern, bewegt einen Reigen tanzend... Und doch, das Glitzern verschwand, so er den Blick direkt auf dieses richtete - einzig sichtbar war es, so er es aus dem Rande seines Gesichtsfeldes beobachtete. Den Kopf schief legend, beobachtete er es einen Moment, dann liess er sich in das Wasser sinken und bewegte sich darauf zu. Es war nicht so, das er bewusst dachte, was es sein konnte... Oder was es nicht sein konnte. Er wusste einfach, das dies Glitzern nicht von Glühwürmchen stammte... So wie er wusste, das das leise Klingeln, welches die leise Brise an ihn heran trug, nicht von einer Harfe stammte. Das Wasser reichte ihm bis zum Hals, durch seine Bewegungen leises Plätschern von sich gebend, als er nah genug heran war, einen genaueren Blick durch die goldblättrigen Ruten der Weiden zu werfen.
Wieder blickte er aus den Augenwinkeln... und da... eine winzige menschenähnliche Gestalt - nicht grösser als sein Unterarm, sass da auf einer Baumwurzel, leicht wie eine Feder und schöpfte mit winzigen grazilen Händen Wasser. So Menschenähnlich... und doch, die Glieder waren ungewöhnlich zierlich, die Tallie so unglaublich schlank. Haut so weiss wie Schnee, wurde diese von langen goldenen Locken umschmeichelt, welches ihr bis zu den Knöcheln reichte. Ein Glitzern umgab sie, welches von ihren schwach schlagenden silbriggoldenen durchscheinenden Schmetterlingsflügeln auszugehen schien wie sonnenvergoldeter Staub. Sie war eines der schönsten Wesen, welches ihm je zu sehen gestattet worden war. Ein Lächeln umspielte seine Züge, als er sie sah, wie sie mit einer anmutigen Bewegung das Wasser zu ihrem winzigen Rosenmund führte. Er musste ein Geräusch gemacht haben, denn sie sah auf, in ihrer Verblüffung den Augenblick hinauszögernd. Ihre Augen... übergross und mandelförmig, waren sie leicht geweitet bei seinem Anblick. Wie unbeschreiblich bezaubernd ihre Augen. Die Iris dreifach gefärbt, lag ein smaragdgrüner Ring aussen, wie das Licht auf sommergrünen Blättern, welchem ein goldener Ring folgte, eine Spur ins Grüne gehend und leuchtend wie hellgrüne Blätter, durch welche man in die Sonne sah. Der innere Ring schien aus wärmsten glänzendes Kupfer zu bestehen. So schön, so verlockend... Er streckte die Hand nach ihr aus, die schlanken langen wassertropfenden Finger glitten langsam auf sie zu.
"Du kannst mich sehen, Mensch?"
Die Stimme ein süsses hohes Singen, durchdrungen von dem leisen Klingeln. Das sie ihn ansprach, brach den Zauber; er musste denken, um zu antworten und denken zerstörte jenes Gefühl, mit allem Eins zu sein. Sie verschwand vor seinen Augen, noch während er die ersten Worte zur Antwort in seinem Geist formte. Verschwand, ohne sich zu bewegen, als wäre sie nie dagewesen. Verblüffung auf seiner Miene, liess er den Blick umherschweifen, über Baumwurzeln, Weidenäste und schattiges Wasser. Doch sie war fort...
>Eine Fee...< Der Gedanke war so plötzlich gekommen, wie Verwunderung in ihm aufstieg. Er hatte eine Fee gesehen! Seine Arme fuhren durch die Luft, doch er fand nichts. Die Augen schliessend, versuchte er sie zu erspüren - vielleicht einen Luftzug ihrer Flügel auf seiner nassen Haut wahr zu nehmen, doch er spürte nur die leichte Brise, die an manchen warmen Tagen im Spätsommer einem von Licht und Wärme erzählte. Sie war fort...
Den Reisig loslassend, schwamm er wieder zum Ufer. Eine Fee... Er hatte nicht gewusst, das sie wirklich existierten. Wie hatte er sie sehen können? Legenden, Märchen, das Wissen, welches ihn seine Frauen hatten angedeihen lassen, flogen durch seinen Geist. Ein besonderer Moment, wo man mehr wahrnahm als man mit den Augen und Ohren, mit allen Sinnen wahrnehmen konnte... Ein Moment, wo man sah, sah, wie die Welt war, was die Welt war. Sein Blick wanderte zu der den Horizont berührenden Sonne, dann zu dem Mond, welcher langsam höher stieg und an Leuchtkraft gewann. >Grenzzonen.< dachte er. Weder Tag noch Nacht. Weder Land noch Gewässer. Das Jahr an der Grenze zwischen Sommer und Herbst... Grenzzonen. Die Welt war dünn in solchen Zeiten, und wenn alles zusammen traf und man offen war... in jenem besonderen Moment...
Er schüttelte leicht den Kopf und ging mit einem Lächeln aus dem Wasser. Was, wenn er sie gefangen hätte? Den Geschichten nach erfüllte eine Fee einem einen Wunsch, wenn man sie fangen konnte. Sein Blick schweifte zu dem Gewässer zurück. Sollte er sie suchen und fangen? Einen Augenblick dachte er wirklich daran, nach ihr zu suchen, doch dann wandte er sich doch seiner Kleidung zu - die nicht mehr da war.
"Wo..?"
Sein Blick schweifte über die kleine Lichtung. Seine Kleidung war verschwunden... Sich drehend, blickte er über Büsche und Bäume. Nichts. Sie hatte seine Kleidung gestohlen?
"Das gibts doch nicht..."
Fassunglos wischte er sich nasse Stähnen aus dem Gesicht und ging auf die Suche, schaute hinter Büsche, blickte in die Bäume hoch, liess seinen veilchenblauen Blick geschärft in die dunkler werdenden Schatten gleiten. Die Sonne war untergegangen und das Licht schwand. Sie würde ihn doch nicht nackt heimkehren lassen wollen? Eine Strafe, dafür, das er sie beobachtet hatte?
Was sollte er tun? Er konnte doch nicht... nackt... durch den Wald reiten.
"Fee, gib mir meine Kleidung zurück! Ich nahm dir nichts, ich tat dir nichts, warum bestrafst du mich?"
Schweigen... hatte er sie sich eingebildet, fragte er sich, während er das Wasser aus seinen Haaren presste. Doch nein, die Erscheinung war wahrhaftig, so wahrhaftig, wie seine entschwundenen Kleider. Er fröstelte leicht. Es wurde rasch kühl, wenn die Sonne erst mal unter gegangen war. Diese verflixte... Wieder wandte er sich an die Bäume und Büsche. "Bitte gib mir meine Kleidung zurück." Einige Herzschläge lang lauschte er, lauschte, ob er irgendwo dieses leise Klingeln wahrnahm. Was hatte er ihr getan? Dann senkte er den Blick. Die Verborgenen... Sie mochten es nicht, wenn man ihnen nachspionierte. Das mochte es sein. Wieder blickte er auf und rief mit tiefem Bariton. "Ich werde nie wieder versuchen, einen Blick auf Feen deiner Art zu erhaschen, so ihr dies nicht wünscht. Ich werde den Blick abwenden und mich bemerkbar machen, so ich zufällig einen Blick auf euch werfe. So ihr Kontakt wünscht, soll er von euch ausgehen, nicht von mir. Meinen Eid darauf, so ihr mir meine Kleidung wieder gebt." Es war nicht so daher gesagt. Er nahm diesen Eid ernst, gab er doch selten einen Eid von sich. Zudem wusste er - auch aus Geschichten - welche Strafen ein Eidbrecher erdulden musste, so der Eid den Verborgenen gegeben war.
Mochte es sein, das es der Eid war, mochte es sein, das die Fee wusste, dass es ihm ernst war - er vernahm ein leises Klingeln wie von Harfenseiten. "Vernommen und akzeptiert." Hatte er die Worte wirklich gehört? Er war nicht sicher. Der erste Impuls, sich dem Geräusch zu zu wenden, erstarb. Sein Eid mochte ihn auch hier schon binden... Erst als mit der Brise Worte an sein Ohr drangen, süss und leise wie ein Windhauch, tat er, wie ihm gewiesen. Sich umdrehend, sah er sein Wams, welches im Schatten eines Gebüschs von den Zweigen hing. Raschen Fusses trat er an den Busch heran, ergriff sein Wams und... ein kleiner Riss entstand an der Brust. Der Busch wies Dornen auf, die an dem Stoff zogen. Vorsichtig löste er es und zog es an. Wieder hörte er klingeln. Doch diesmal war es ferner. Er trat zwischen die Bäume, sah sich um. Er konnte nichts entdecken... "Sieh hoch..." So leise die Worte, von klingendem Gelächter begleitet. Sein Blick ging hoch... dort... in den Ästen der Bäume. "Verdammt..." fluchte er leise. Zu hoch, um die Unterhose zu erreichen. Und der Baum nicht zum beklettern geeignet. Ja, sie gaben ihm seine Kleidung zurück... Aber wie... das hatte er nicht explizit genannt. Er hätte es wissen müssen! Feenwesen... Das könnte in der Tat lange dauern und die Nacht brach bereits herein.
Es hatte lange gedauert, längst war die Sonne untergegangen, längst die tiefschwarze Nacht hereingebrochen. Aber ein Trank der Katzensicht hatte ihm geholfen, auch in der Dunkelheit der Nacht zurecht zu kommen. Mit Ästen, Kletterkunst und langwieriger Suche hatte er seine Kleidung Stück für Stück zurück erhalten. Immer dabei dieses süsse Gelächter in den Ohren. Wenigstens hatte er für Kurzweile gesorgt bei der Fee. Sein letztes Kleidungsstück war seine Hose gewesen. Jedes Kleidungsstück war anders... seine Unterhose hatte Ameisen als Untermieter gehabt... Sein Gürtel war in seine Einzelteile zerlegt. Seine Hose... sie war gealtert. der Stoff ausgeblichen, als hätte er Jahre in der Sonne gelegen. Er war stellenweise gerissen, als Cyrion die Hose angezogen hatte, der Stoff fühlbar spröde geworden - wie altes Papier, das einem zwischen den Fingern zerfiel, wenn man nicht aufpasste. Vorsichtig bewegte er sich zu seinem Pferd und sass noch vorsichtiger auf. Er verstand die Lektion. Würde er sein Wort brechen, würde ihm vielleicht ähnliches Blühen wie seiner Kleidung. Der Gedanke, das er so schnell altern mochte wie die Hose - in wenigen Minuten... Er verstand.
Sich an nichts im besonderen wendend, gab er leise von sich: "Ich freue mich über eure Nachsicht, edle Fee. Ich werde mich an meinen Eid erinnern. Möge Mutter euch und euresgleichen beschützen." und wendete das Pferd. Ein letztes Mal hörte er dieses leise Harfenspiel, diese süssen Töne, die richtungslos durch den Wald geisterten, dann wurde es still um ihn, während er sich auf den Weg machte.