„Dieser verfluchte Bengel“, donnerte die mordlüsterne Stimme des Spielunkenbesitzers durch die engen Gassen von La Cabeza. Ambrosios ersterbenden Schreie begleiteten den Bengel noch ein gutes Stück auf die Klippen hinaus, wo er völlig außer Atem zum Stehen kam und den Blick voller Stolz über seinen Mut und seine Flinkheit, beinahe als wäre er Perera selbst, über die Küste schweifen ließ. Die gleißende Sonne, die, während er noch durch die Gassen getigert war, von dem brüchigen Mauerwerk der marodierten Sandsteingemäuer im Zaum gehalten wurde, verwandelte die Küste schlagartig in ein malerisches Idyll: ein blendender Teppich, der scheinbar nahtlos in das tiefblaue Meer jenseits der Klippen übergeht.
Als er den Blick wieder verträumt abwandte, fiel ihm der Grund all des Gezeters des betagten Schankwirtes ein. In seiner Hand – noch immer fest von seinen dünnen, feingliedrigen Fingern umschlossen – prangte die verstaubte Flasche. Das vergilbte Etikett hatte sich schon beinahe vollends vom Flaschenbauch gelöst, doch der Inhalt war so gut und stark wie eh und je. Wenn Ambrosio nicht für seine rabiate Art, sich ungebetener Gäste seiner Spielunke oder Freier seiner Tochter zu entledigen, bekannt war, dann doch zumindest für den einmaligen Rum. Von den anderen Piraten aufgezogen, weil er ja noch zu jung sei und als solche eine halbe Portion das gute Gebräu nicht mal im Ansatz vertragen würde, begann Bo schon während seines elften Lebensjahres Rum zu trinken. Mit der Flasche in der Hand kletterte er behände zwischen den scharfkantigen Felsen hinab zu seiner kleinen Zufluchtsstätte. Mitten in dem Felsenriff zwischen zwei ausladenden Felsformationen lagerten einige Duzend verstaubter, bauchiger und vor allem leerer Flaschen.
Mit der freien Hand umfasste er den losen Korken und zog ihn ruckartig aus der Flasche. Früher hatte er immer verschlossene Flaschen geklaut, doch als er wieder und wieder den Flaschenhals an einem Stein abschlagen musste, um an den Inhalt zu kommen, und dabei immer die Hälfte des Rums zwischen den Felsen verschüttete, entschied er sich letztlich doch, lieber nur die Flaschen zu klauen, die Ambrosio bereits geöffnet hatte. Zumal das Trinken aus einer Flasche mit gebrochenem Hals alles andere als ungefährlich war...
Als er die Flasche ansetzte und einen guten Schluck aus dem „Becher der Lebensfreude“, wie er Ambrosio den Rum immer anpreisen hörte, nahm, ließ er seinen Blick wieder hinunter zur Küste schweifen... Dort, wo die rasiermesserscharfen Felsen wie Reißzähne Löcher in den blauen Teppich der See schlugen. Weiße Gischtfontänen wurden an den Felsen emporkatapultiert und verzauberten für kurze Zeit den Himmel, während sich in ihnen das Licht in malerischem Farbspiel brach, ehe die Gischt wieder von den Tiefen des Meeres verschlungen wurde und wenig später die Oberfläche wie eine weiche Schaumdecke überzog. Die beinahe idyllische Ruhe, die die See hier vor La Cabeza zuweilen auszustrahlen vermochte, war von tückischer Hinterhältigkeit. Hier und dort schimmerte ein dunkler Flecken in dem ansonsten so klaren Gewässer. Tosende Stürme hatten hier unachtsame Schiffer wie das malmende Zahnwerk um La Cabeza in die Tiefe gerissen, noch ehe der Bug auch nur Gefahr laufen konnte, an den Klippen zu zerschellen.
Ein träumerisch gedankenverlorenes Lächeln huschte über die Lippen des Burschen, während eine laue Brise seinen blonden Schopf zerstob. Nicht selten hing er den Gedanken an damals nach, als er noch sein Unwesen in den Dörfchen auf Lameriast trieb... wie er so manchen im Gasthaus pausierenden, wohlhabenden Händler um ein gutes Sümmchen erleichterte, ... und wie er dann einmal den falschen bestohlen hatte, erwischt worden war und sein Leben eine abrupte Wendung nahm. Gerade hatte er nach dem ausgeblichenen Lederbeutel, der von klimpernden Goldmünzen nur so strotzte, gegriffen, als eine seegegerbte Hand sein Handgelenk fest umgriff.
„Ein schwerer Fehler Bürschen“, meinte die tiefe Stimme des Mannes, den er schlafend geglaubt hatte, über ihm. Er schielte hinauf und sah in das ebenso vom Wetter gezeichnete Gesicht von Vincent, einen Piraten welcher bereits seit Jahren auf dieser Insel lebte. Er schluckte und reicht die Flasche hoch „Schluck Rum Vincent?“. Der Ältere lachte rau und nahm ihm die Flasche aus der Hand und setzte sie am Mund an; ein paar tiefe Schlucke später wischte er sich über den Mund und sah auf das weite Meer hinaus. „Irgendwann bringt er dich dafür um, du bist zwar immer noch ein kleiner Rotzbengel, aber du wirst langsam Erwachsener Bo. Und irgendwann kriegst du deine Dresche noch, das schwör ich dir.“ Der Junge grinste und meinte nur frech „Aber bis dahin kann ich es noch weiter versuchen, was?“. Bo und Vincent verband etwas Besonderes und das war nicht die Sympathie zum Rum. Nein, es war Vincent, den er damals bestohlen hatte und der nicht wie manch anderer nur sauer war. Der Pirat hatte, statt zu fluchen, seine Pistole gezogen und einmal in die Luft gefeuert. Eindrucksvoller konnte man einem Dieb nicht klarmachen, dass er besser stehen bleiben sollte. An jenem Tag hatte der Freibeuter ihn mit nach La Cabeza geschliffen und ihn für seinen Diebstahl arbeiten lassen, und ironischer weise arbeitete Bo seine „Schuld“ bis heute noch ab, wobei „arbeiten“ das falsche Wort war. Mittlerweile genoss er das Leben und ein anderes konnte er sich so oder so nicht mehr vorstellen. Immer wieder hatte er Vincent begleitet, mal auf seinen Touren auf See, wo er und die Crew von La Cabeza Handelsschiffe überfielen, mal auf seinen Touren am Land, wo kleine Hafendörfer gebrandschatzt und ausgeraubt wurden und dann auch mal auf seinen Wegen ins Varuner Armenviertel, wo er den Leuten Gold zusteckte, wieso er das tat, hatte Vincent ihm aber niemals wirklich erzählt. Bo selbst war dabei meistens entweder der Packjunge gewesen oder das warme, weinende Kind, das Unschuldige anlockte, die danach ausgenommen wurden. Auf See war er bisweilen jedoch immer dazu verdammt gewesen, Rum auszuschenken – und sich ab und an selbst einen Krug voll abzuschwatzen- aber er wusste, dass die Zeit nicht mehr so fern war, da würde er selbst eine tragende Rolle einnehmen, da würde er wie sie alle sein, ein Pirat, gefürchtet und tollkühn.
„Hey Vincent, was liegt denn heute an?“ fragte er, den Blick nicht von der Schönheit des Meeres nehmend. Doch die Antwort vom Alten blieb aus, er lag auf dem Rücken, den Hut ins Gesicht gezogen und schnarchte vor sich her. Mit einem breiten Grinsen griff er sich die Flasche Rum und nahm noch einen guten Schluck daraus. Ja, er war sich in einer Sache mehr als sicher, er gehörte hierher, er war nicht mehr die kleine Landratte von damals, nein hier war er jemand anders, jemand der etwas machen konnte, hier war er … Bo eben. Seit Vincent ihn mit nach La Cabeza genommen hatte, hörte man immer wieder das laute Gebrülle irgendeines wutentbrannten Bewohners der Insel:
„BO, VERDAMMT NUN KOMM ENDLICH!“
oder
„BO! STARR DAS MÄDEL NICHT SO AN UND BEWEG DEINEN FAULEN HINTERN!“
oder der allseits bekannte Lieblingsausspruch
„BO, GIB DEN RUM HER VERDAMMT NOCHMAL“ und obwohl Vincent immer gerne wie am Spieß schrie, waren die beiden noch nie wirklich aneinander geraten. Dafür schien ihn der alte Haudegen zu sehr zu schätzen, Bo war schließlich geschickt und hatte einiges im Kopf. Wie oft hatte er seinen jugendlichen Charme zu Nutze gemacht, um irgendwen von den Taten der Piraten abzulenken oder wann hatte er es mal nicht geschafft ,die Leute um ihren Goldbeutel zu erleichtern? Die Piraten wussten schon, was sie an ihm hatten und das würden sie immer, da war er sich sicher.
Mit einem zufriedenen Grinsen legte er sich neben Vincent hin, genehmigte sich einen letzten Schluck und schloss dann selbst die Augen. Er träumte von den Kaperfahrten, die er irgendwann selbst anführen würde, von den Steckbriefen mit seinem Namen und von einem hübschen Mädchen mit drallen Brüsten. Jedenfalls tat er das solange bis eine tiefe Stimme zu ihm runter brummte. „Steh auf Bo! Wir haben noch zu tun!“
Bo - Der Frauenschwarz La Cabezas
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Bo
Bo - Der Frauenschwarz La Cabezas
Zuletzt geändert von Bo am Freitag 17. August 2007, 13:21, insgesamt 1-mal geändert.