"Wir haben zwei Gegner, die es zu schlagen gilt. Und der größte Fehler ist es, seinen Feind zu unterschätzen!",
Bronn richtete die Worte mehr an sich selbst, als er Pilger, sein treues Pferd, das erst vor kurzem auf dem Gehöft aus der Nachbarschaft gesehen und auch gleich gekauft hatte mit zügigem Trab durch das Unterholz trieb.
Das blutrote Himmelszelt, beschienen von der untergehenden Sonne am Horizont, kündete von der vorangeschrittenen Tageszeit.
Es war bereits früher Abend und alles, was es zu erledigen galt, musste noch heute getan werden.
Neben ihm ritt Jonath Grauwind, der Bastard, auf seinem Pferd Wanderer. Für sie, die Greifen, waren ihre Tiere nicht nur Fortbewegungsmittel oder Inventar, das lediglich dem Nutzen der Bequemlichkeit zu Teil wurde. Das Pferd ist einem Greifen stets ein treuer Freund und ständiger Begleiter; es wird gepflegt und gehütet wie das eigene Wohl, auf daß es mit seinem Reiter durch jedweden Sturm reite.
"Und beide Feinde können wir mit einer Waffe bezwingen... dem unermüdlichen Fleiß..."
Jon ritt vorran und hielt den Blick weiter gerade aus. Das Stirnband, eines der Merkmale, das sein Äusseres ausmachte, bändigte sein braunes Haar. Einige der Strähnen, die sich während des Ritts aus der Umfesselung des Bands gelöst hatten, hingen ihm ins Gesicht. "... also wird wohl wieder alles an mir hängen bleiben, Siebenschneid!"
Bronn, der wenige Mannslängen hinter ihm ritt, musste das Gesicht seines Waffenbruders nicht sehen, um zu wissen, daß ein schelmisches Lächeln seine Lippen umspielte. In der Regel war es ein ständiger Schlagabtausch an neckenden Kommentaren, anrüchigen Anspielungen und nicht selten Beleidigungen, die für aussenstehende, als anstössig abgetan werden würden. Für die beiden Greifen allerdings war es ihre Art das bestehende Band der Freundschaft zu bekunden und zu kräftigen.
Heute jedoch schwieg Bronn und erwiderte nichts. Zu viele Gedanken, die er sich bezüglich des bevorstehenden Ereignisses machte, waren der Grund, daß er eher gedankenverloren sein Pferd den Pfad entlangführte, den sie immer nahmen, wenn sie Rahal durch das Tor im Osten verliessen, um das eigene Lager zu erreichen. Vielleicht war es das letzte Mal, daß sie gemeinsam diesen Weg entlang ritten.
"Meinst Du, wir hätten der Erhabenen unser Wort geben sollen, daß wir den anderen nichts erzählen, um mehr Informationen zu erhalten? Immerhin hätten wir dann besser zum Wohl des Banners entscheiden können!"
Jetzt hielt Jonath Grauwind in seinem Trab kurz inne, zügelte sein Pferd, um Bronn aufschliessen zu lassen. Dann wand er den Blick kurz zur Seite, um ihn ernsten Blickes anzusehen.
"Bronn, es spielt keine Rolle. Ich bin mir sicher, daß unsere Entscheidung die gleiche sein würde. Und so können wir den Blicken der Greifen standhalten, wenn wir sie gleich aufscheuchen und ihnen mitteilen, daß wir das Lager abbrechen müssen!"
Bronns Blick blieb für einen kurzen Moment auf den Knauf seines Sattels gerichtet. Oftmals war es die Bestätigung des Bastards, die Bronn benötigte, um seine eigenen Gedanken fortführen zu können. Mit einem kurzen Nicken signalisierte er, daß er die Aussage so hinnahm und sie ebenfalls vertreten würde, wenn sie gleich im Lager eintreffen würden.
"Wir sollten keine Zeit verlieren!"
Malvin empfing sie am Lager. Die Flammen des Feuers im Lager waren geschürt und er hatte gerade neues Feuerholz nachgelegt, als er das Wiehern der Pferde vernahm. Er grüsste die beiden Greifen mit einem recht lockeren Salut, bei dem er die rechte Hand an dieStirn führte.
"Ihr seht aus, als hättet zusammen mit den anderen im Innern des Zeltes gelegen. Verdammt, wurdet ihr von einem Dämonenkind vergewaltigt?"
Genau das ist eins der Probleme, die das Vorhaben der Greifen unnötig verzögern wird. Der Großteil der Greifen lag seit geraumer Zeit mit leichten Beschwerdem auf den Pritschen im Zelt. Nur selten kamen sie heraus um die nötigsten Dinge zu erledigen. Somit würde es die Aufgabe von Malvin, Jonath, Rothen und Bronn sein die nächsten Schritte zu tun.
"Malvin..." Bronn erwiderte den Gruß, während er sich dem Feuer näherte und auf einem der Baumstämme, die als Sitzgelegenheiten dienten, Platz nahm. "... auch wenn Du, wie meistens nur Unsinn von Dir gibst, liegst Du mit Deiner Vermutung gar nicht so falsch. Nur liegt Exzess noch vor uns. Wie geht es den anderen?" Der Blick Bronns fiel dabei kurz auf das Zelt.
"Sie sind im Großen und Ganzen auf dem Weg der Besserung. Aber viel anzufangen ist nicht mit ihnen!", erwiderte Malvin auf die Frage von Bronn.
Jonath ist währenddessen kurz im Zelt gewesen, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. Mit ernste Miene trat er zu den beiden am Feuer.
"Wir müssen sofort anfangen, ansonsten schaffen wir es nciht mehr rechtzeitig."
Malvins fragender Blick sprach Bände, jedoch kam Bronn seiner Fragen zuvor, als er den Blick Malvins richtig deutete und im ernsten Ton an Malvin gewandt sagt:
"Wir müssen das Lager abbrechen. Unsere neue Stätte wird nicht weit entfernt sein und ebenso nicht von sehr langer Dauer, nehmen wir an. Aber es ist notwendig."
In einer regen Unterhaltung schilderten Jonath und Bronn gemeinsam die Lage, bevor Malvin, der sichtlich überrascht seine Hilfe zusicherte.
"Ich werde sofort die Pferde mit Taschen beladen und das Inventar verstauen. Ihr werdet sehen, ich habe alles am rechten Ort, wenn es soweit ist!"
Die Versprechung von Malvin hätte nicht ausgesprochen werden müssen. Der Greif ist bekannt als ein Mann der Tat und weniger der Worte.
Der Transport der maledierten Greifen wurde ebenso geplant und in einer Karavane umgesetzt.
Jonath und Bronn waren es, die das Gestänge, die Zeltbahnen und Schnüre verstauten, bevor sie sich ein letztes Mal ihrem Lagerplatz zuwanden.
"Ruhm und Ehre!", sagt Siebenschneid, als er das heruntergebrannte Feuer austrat.
Die Nacht war bereits herangebrochen und Firmament von Sternen erleuchtet verabschiedete die Greifen an ihrem alten Lagerplatz.
"Ruhm und Ehre!", erwiderte Jonath Grauwind, bevor er Bronn freundschaftlich die Hand auf die Schulter legte und ihm damit signalisierte, daß es Zeit war aufzubrechen.
Zusammen auf ihren Pferden kehrten sie ihrer alten Lagerstätte den Rücken zu und ritten ihren neuen Aufgaben entgegen.