Das Knarren der Räder auf den Straßen, das Klappern des Geschirrs hinten auf dem Wagen, wie hatte sie dies vermißt in den letzten Monaten. Alles ist im Wandel, nichts hat Bestand außer der Veränderung und nach eben dieser verzehrte sie sich mehr denn je. Umso leichter war ihr die Entscheidung gefallen, sich dieser neuen, fremden Zigeunersippe an zu schließen, als jene ihre wenigen Tage vor den Toren Varunas campierte. Für eine Geisterseherin und Kartenlegerin wie sie es war gab es hier immer etwas zu tun, da war keine Sippe, die sie ablehnen oder ihre Dienste nicht schätzen würde. Sie allesamt, so wie sie waren, sie alle waren Trickbetrüger und kaum jemand verdeutlichte dies so sehr wie es Frauen wie sie taten. Hier fragte sie niemand nach ihrer Konfession, ihr bisheriges Leben war hier ohne Belang. Hier stieg sie auf und fiel sie zusammen mit ihren Vorhersagen und wer wie sie einen engen Kontakt zur Geisterwelt pflegte und sich nebenher noch um all die kleinen Wehwehchen des Alltags zu kümmern verstand stand hier hoch im Kurs.
Es interessierte niemanden woher sie ihre Fähigkeiten nahm. Weshalb auch? Bei einem Volk, das davon lebte, Städtern und Dörflern das Gold aus der Tasche zu ziehen und das keine Hemmungen hatte, sich um jeden Preis frisches Blut für die Sippe zu beschaffen stellte man keine Fragen. Moral war kein Argument. Frei, vogelfrei, einerlei, Hauptsache überhaupt frei. Frei zu sein bedeutete, sich niemals entschuldigen zu müssen, frei zu sein bedeutete Macht zu haben, mit allem, was man tat auch durch zu kommen. Manchmal taten ihr die, die den süssen Geschmack der Freiheit nie gekostet hatten leid. Aber dann wiederum, was kümmerten sie sie?
Sie würden nie wissen wie es sich frei lebte. Sie kannten nicht das erhabene Gefühl, seinen Weg zu gehen, sein Leben leben zu können. Ihr Leben war eine Fessel, ihr Glaube eine Kette, mal aus Gold, mal mit Dornen gespickt aber immer eine Kette. Nur dort, wo der Glaube eins war mit dem Leben konnte man noch frei atmen. Wenn man für das, was man tat, niemandem Rechenschaft schuldete, keinem Menschen, keinem Gott, keinem Dämon und vor allem nicht sich selbst, dann und nur dann konnte man frei sein. Wie die Welt wohl aussehen würde, wenn es ein jeder so handhaben würde? Wahrscheinlich genau so wie sie ihr Meister haben wollte. Reuelos und schonungslos verloren in sich selbst. Doch, warum nicht? Was war schon Ehrlichkeit wert, wenn einen der Anstand davon abhielt, zuzuschlagen wenn einem danach war? Wie frei war man, wenn man sich band an Städte oder Menschen, wenn man nicht bereit war, alles und jeden über die Klinge springen zu lassen wenn man es wollte? Taten sprachen lauter denn Worte und sie hatte dort eine sehr eindeutige Sprache gesprochen.
Sie hatte sie alle benutzt, hintergangen, um den kleinen Finger gewickelt und letztendlich geopfert. Sie hatte für und wider beide Seiten spioniert und intrigiert. Wie leicht war es gewesen, sich das bißchen Vertrauen, das dazu nötig war, zu erschleichen? Bei den einen eine fingierte Vision, deren Inhalte sie frei erfunden hatte und mit gerade genug Informationen, die sie zuvor von einer Mitgläubigen empfangen hatte zu spicken, als daß sie glaubhaft wurde. Der Rest war reine Schauspielkunst gewesen und schon saß man drin, im inneren Zirkel der wenigen Eingeweihten, die noch immer nicht verstanden, was man dort überhaupt verloren hatte. Und zum anderen? Gut, es hatte etwas mehr Arbeit benötigt, um sie dazu zu bringen, ihren Plan von der Entführung auch um zu setzen, aber andererseits, mühevoll war etwas anderes. Das sie selbst im Mittelpunkt der Entführung gestanden hatte und somit für den Erfolg garantieren konnte, daß sie danach brav die gutgläubige Priesterin gab, die ihnen allen auf der Nase herum tanzte, während sie noch versuchten, aus Nevyn verlässliche Informationen heraus zu bekommen, das hatte schon etwas. Ja, manches mal konnte man das berufliche recht gut mit dem vergnüglichen kombinieren. Das sie ihr tote Tiere in die Zelle warfen in der Hoffnung, sie würde darüber zerbrechen war schon eine interessante Wendung gewesen. Zumindest war es ihr nicht leicht gefallen, das hämische Grinsen dabei zu unterdrücken. Leichen zu einer Geisterseherin zu bringen war zumeist ein wenig erfolgversprechender Ansatz, wenn man beabsichtigte, sie im Zaum zu halten. Aber gut, die Gegenseite hatte auch ein paar amüsante Scherze auf Lager gehabt. Wer konnte schon von sich behaupten, einen Priester in dessen eigener Kirche geohrfeigt zu haben - mit dessen vollem Einverständnis?
So oder so ähnlich war es weiter verlaufen. Wie ein roter Faden hatte sie sich durch alle größeren Auseinandersetzungen gezogen. Die Schlacht auf Lameriast, die Okkupation Bajards durch die Menekaner, es war leicht gewesen, immer größere Feuer der Zwietracht zu entfachen und sich dabei den Anschein der hilfsbereiten, um ein friedvolles miteinander bemühten Vettel zu wahren. Sie wußte, wem sie was sagen mußte um diesen Eindruck zu erwecken, ohne daß es ihrem Ansinnen nach Zwist zuwider lief. Wo der Zorn lodert ist der Verstand gelähmt. Im Zorn liegt Wahrheit predigten die Gläubigen Alatars immer. Ob sie es auch so verstanden wie sie es verstand? Sicher, im Zorn tat, sagte man Dinge, die man mit kühlem Verstand nicht sagen oder verrichten würde. Ehrlichkeit lag somit darin, nicht auf den Verstand zu hören, der einem zur Selbsterhaltung riet. Lieber den Hals riskieren als den Rücken zu krümmen. Eine interessante Weltsicht, der ihres Meisters nicht unähnlich, nur fragte sie sich bisweilen schon, ob auch andere diesen Gedanken einmal zuende gedacht haben.
Im Grunde war es dieser Gedanke gewesen, der Leonore zu ihr geführt hatte. Doch wer sich selbst nicht vertraut, der vertraut auch seinen Ahnungen nicht. Immerhin hatte sie sie den richtigen Leuten in die Hand gedrückt und jene haben sie mit Kußhand genommen. Sicherlich hätte sie sich die Mühe machen können, sie zu konvertieren, aber so recht hatte sie sich mit dem Gedanken nicht anfreunden können. Nicht, daß sie den Zorn Rahals gefürchtet hätte, dazu war sie dort unterschwellig zu wichtig geworden und letzten Endes, was kümmerte es sie? Jedoch wäre sie nie so machtvoll geworden wie es einer Gezeichneten wie sie es war geziemte. Sollte sie erst einmal erstarken, dann konnte man weiter sehen. Oder eben auch nicht. Ob ihre Tochter je an demselben Scheidepunkt stehen würde?
Sie ließ sie nicht gern zurück. Aber doch, sie mußte es. Sie mußte diesen Weg aus freien Stücken heraus einschlagen. Sie konnte, durfte es ihr nicht leicht machen. Zwar lag viel Potential in Versuchungen und sie selbst bediente sich jener auch gerne und doch, wen versuchte sie denn? Die Schwachen, die Ziel- und Ratlosen, jenen stand sie bei mit ihren Einflüsterungen, vertiefte Zweifel bis Wunden auf der Seele zurück blieben. Sollte so jemand aus ihrer Tochter werden? War sie ihrer dann noch würdig? Nein, der Weg war nicht der rechte für sie. Das wußte sie und doch fiel es ihr schwer es auch zu akzeptieren. Vielleicht war sie doch nicht so frei wie sie immer gedacht hatte. Ach was solls, da würde die Zukunft zeigen, was sich ergeben sollte, wie stark und frei sie wirklich werden würde. Am rechten Ort es zu werden war sie alle male und mehr Hilfe konnte sie ihr nicht angedeihen lassen ohne ihr im Weg zu stehen bei der Suche nach sich selbst. Blieb ab zu warten, was die Zeit bringen würde. Die Karten waren gemischt und die Anzeichen verheißungsvoll. Doch nicht für sie, zumindest nicht an diesem Ort.
Sie stand auf ihrem Zenith. Wenn man auf der Spitze des Berges angelangt war, dann ging es in alle Richtungen nur noch bergab. Der Kleinkram, den es hier noch zu vollbringen gab war ihrer Aufmerksamkeit nicht wert. Kleine Ausläufer der Wellen, die sie geschlagen hatte, ohne großen Gewinn für niemanden. Zwar mochte sie jene Lagen in denen es keine Sieger, sondern nur Verlierer gab, andererseits verlor sie selbst nicht gerne. Und auch wenn es ihr schwer fiel, es zu zu geben, so reizte sie doch die Herausforderung. Ihr Potential hier war vergeudet, niedere Diener als sie es war konnten hier vollenden, was sie begonnen hatte. Hier bedurfte es keiner Vestalin des Tempels des Zwielichtes mehr. Es gab lohnendere Ziele, verantwortungsvollere Aufgaben, wichtigere Projekte, die ihrer Fürsorge bedurften. Sie sehnte sich nach Gegnern, nach etwas, dem sie ihr ganzes Können entgegen werfen konnte und auch mußte, wenn sie Erfolg haben wollte. Den Puppenspieler reizten andere Spieler mehr als die Puppen selbst. Noch ein guter Grund, sich dem Tross der Zigeunerkarren an zu schließen und hinfort zu ziehen in andere Länder, wo sie ihr Unwesen treiben konnte. Es gab noch so viele Inseln, so viele Kontinente, die sie nicht bereist hatte, es gab noch so viel zu korrumpieren. Es gab noch so viel zu tun für sie, Vesta Lyntraya - Vestalin Treia vom Tempel des Zwielichts. Soweit der Karren rollt, soweit mein Lied erklingt, soweit will ich meine Netze spannen und den Menschen Fallstricke legen. Es gab noch so viel zu tun. Woanders, in weiter Ferne. Man mußte es nur angehen und so zog sie weiter zusammen mit all den Spielleuten, Messerwerfern, Beutelschneidern, Kesselflickern, Kettensprengern, Tierzähmern, Tänzerinnen und sonstigen Aussätzigen der Zigeunersippe, die die Gesellschaft nicht mißten und von ihr nicht gemißt wurden. Und im Schlepptau folgten ihr Zwietracht und Mißgunst.