Fiat justitia et pereat mundus

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Amaris von Dunkelbrunn

Fiat justitia et pereat mundus

Beitrag von Amaris von Dunkelbrunn »

Beschwingt und leicht federnd suchten sich die raschen Schritte munter den Weg über die kühlen, etwas klobigen Pflasterpfade des Klosters. Graublau schienen sie im ersten Morgenlicht zu strahlen und harmonierten glitzernd mit den bläulich lackierten Dachziegeln der großen Gebäude. Die noch linnenfarbene, simple Robe war wohl etwas zu lang geraten, zu freundlich bemessen seitens der alten Haushälterin Inessa, welche ihrem jüngsten Schützling vermutlich nur über die eventuelle Problematik eines plötzlichen Wachstumsschub hinweg helfen wollte. Mit einem leisen Wispergeräusch, ähnlich dem Zischeln und Flüstern des Windes, welcher am frühen Morgen noch voller Elan durch das Geäst der alten Bäume im Klostergarten tanzte, schliff der nun lädierte Robensaum hinter jedem der burschikosen, frechen Wippschritte mit und folgte so wie eine winzige Schleppe dem Frühaufsteher.

Grünblaue Augen, stetig von sehr schwachen dunklen Rändern unterlegt, lösten sich von der Lektüre (ein dicker, etwas staubiger Wälzer, auf welchem in wohl einst güldenen Lettern die Aufschrift „Unter deynem Lichte wandle ich“ prangte) und suchten die stille Ebene des Gartens hurtig ab, ehe sie eine idyllisch mit etwas Efeu berankte Steinbank fanden, zu welcher die Beine flapsig steuerten und man sich dann getrost niederlassen konnte.

Eigentlich hatte sie, Amaris Elysha von Dunkelbrunn zu Harkenstätt und Fuchsenlohe, noch etwas bemühter lesen und begreifen wollen, doch hatte sie sich ganz offenbar das falsche Buch aus der Bibliothek geliehen… nun zumindest falsch für die junge Frau, denn wenn Langeweile und Öde einen weiteren Titel hätten tragen sollen, so hätte Amaris „Unter deynem Lichte wandle ich“ vorgeschlagen.
Seite um Seite war mit alten, schleppenden Litaneiinterpretationen voll gestopft und diese konnte man nicht einmal mit viel Übertreibung als interessant oder gar spannend bezeichnen. Dennoch hatte sie sich bis zur vierzehnten Seite gequält, vermutlich weil doch gestern die Zunge so schnell vor der hohen Templerin Sanjana und dem jungen Lucenius, mit dem seltsamen Blitzen in den durchweg wachsamen Augen, versprochen und getönt hatte, dass jegliche literarische Defizite ausgemerzt werden würden.

Nun, gesprochen und versprochen…
Aber eine kleine Kunstpause tat noch keinem freudigen Leser wirklich weh und ihr nun schläfriges Gehirn brüllte beinahe nach anderen Gedankengängen als die Ergründung der Intention des Autors bei „Selig sey die Guete der Eynen“, welches in ihren Ohren eh mehr nach einem Wiegelied als nach einer Lobpreisung der lichten Herrin klang.
Sehr freudig und mit sanfter Gewalt nur ließ sie somit die Gedanken zurück zum vorherigen Abend gleiten und verweilte mit schmalem, seligem Lächeln in der Erinnerung an die dort gesprochenen Worte und die ersten, festeren Eindrücke, welche sie angesichts des Gesprächs mit der Gestalt der noch so jungen „Eminenz“ Valeth verbinden konnte.

Man wollte ihr, Amaris, die Chance gewähren…
Sie hatte nun Zeit die Bewohner des Klosters, die irdischen Vertreter der glänzenden Lichtbringerin, genauer kennen zu lernen. Der erste wagemutige Schritt hatte nicht zum Sturz geführt, denn in Bälde würde sie selbst ein zugegebenermaßen recht lebhafter und vielleicht nicht ganz einfacher Teil der Vereinigung hier sein… Akoluthin Amaris Elysha

Langsam rieb sie sich gedankenverloren die schräge Narbe auf der Nasenspitze und ließ den Blick über die wilde Schönheit des Gartens gleiten… dieser Ort konnte „Zuhause“ werden, ja…


[img]http://www.braunschweig-touren.de/Seiten/Tour_5-Dateien/hamersleben%20klostergarten.jpg[/img]
Amaris von Dunkelbrunn

Beitrag von Amaris von Dunkelbrunn »

Mit einem sanften, beinahe seligem Lächeln auf den blassen Lippen und einem munteren, belebendem Funkeln in den leuchtenden, klarblauen Augen hatte die Akoluthin ihr die Nachricht überbracht und war einfach zu rasch gewesen um völlig verdatterten Mädchen genug Zeit für die ein oder andere dumme Frage zu geben.
So kam es, dass Amaris Elysha von Dunkelbrunn zu Harkenstätt und Fuchsenlohe, Akoluthin der lichten Herrin, abgebrühte Tochter eines sehr hohen Hauses und selbsternannte Meisterin aller Flausen und Schabernack, mit offenem Munde und geweitetem Blicke Maulaffen feil hielt, wo sie doch zuvor noch übermütig mit ihrem Stuhl am einzigen Tische des kleinen Klosterzimmerchens gekippelt hatte. Es lag wahrlich nicht an der Erscheinung der etwas verklärten, stets lächelnden Akoluthin Marisa, als vielmehr der Grundinhalt jener sanft gehauchten Botschaft:

Man erwarte und wünsche sich von ihr, dass sie diese Nacht unter dem heiligen Baume des Lichts und Lebens in stiller Meditation verweilen möge.
So?
Wozu jene doch etwas sinnfreie Anweisung? Gerne hatte sie ihre Eminenz, nein Schwester Sanjana auf ihren Weg nach Varuna um dort andächtig dem Gebet zur Lichtbringerin in der Kirche nachzugehen begleitet, mit echtem Interesse hatte sie auch den Lehren der Älteren gelauscht, als sie einige Orte mit geschichtlich nennenswertem Hintergrund besucht hatten und mit stummem Pflichtbewusstsein und auch dem Hauch von kribbelnder Nervosität hatte sie ihre erste Totenmesse zu Ehren des hohen Sire Galen de Lore abgehalten, mit sichtlicher Begeisterung und kindischem Amüsement hatte sie einen frischen Apfelkuchen vor die Türe eines ganz besonderen Zimmernachbarn gelegt. All diese Pflichten, Lehren, Arbeiten, Flausen waren klar für sie ersichtlich Meilensteine ihres Weges im Lichte der Herrin oder ihrer Selbst und es hatte ihr Freude bereitet jene, zusammen mit dem sowohl charmanten als auch ab und an dreisten Akoluthen Lucenius van Sareth und unter der liebevoll-sanften Führung der Hohetemplerin Sanjana Valeth, zu passieren, doch was sollte diese Bitte bewerkstelligen? Knieschmerzen? Schlaflose Momente? Langeweile?

Es half nichts und unter fast zwergischem Gemurre und Gestöhne nahm sie die Füße von der Tischkante, raffte ihre Robe etwas zurecht und fand sich dann doch beinahe brav unter dem beeindruckenden Schatten des Baumes ein um sich jetzt schon müde und kraftlos neben dem Stamm niederzuknien. Tief bohrten sich die Wurzeln ins Erdenreich und in den ersten Momenten konnte sie nicht anders als, mit den gefalteten Händen in alter Gewohnheit und Manier sachte Lippen und Nasenspitze berührend, den Blick stumm mehrfach von Blattwerk über den Stamm bis hin zum Wurzelspiel und gleichermaßen auch wieder zurück wandern zu lassen.
Schon etwas zynisch bemerkte sie, wie gerade das Gegenteil der erhofften Meditation, die bittere, innere Unruhe, sie befiel und all ihre quälenden Gedanken auf einmal hervorspülte, welche sich in der schweigsamen Einsamkeit unter dem Blätterdach auch nicht wirklich vertreiben lassen wollten.
Da war die nagende Sorge um Myrana, welche nun auch dem Widerling Vinard, welchen sie in stillem Hass für all das, was er ihrer Schwester Vyra angetan hatte, für all die unreinen Blicke, das düstere Lächeln und aalglatten Lügen gegenüber dem Vater und Laurel, gemieden hatte, versprochen war. Gerade Myrana, die sich doch sicherlich nicht wehren konnte und nur weiterhin ihr zartes Gemüt hinter der albern- aufgebauten Mauer der steifen Etikette verbergen würde! Gerade sie…
Abgelöst wurden jene Bedenken von einer plötzlich brennenden Sehnsucht nach Alastar, nach dem schiefen Grinsen und den oftmals so vorwurfsvollen, belustigten Blicken, welche er nicht selten zu ihr herab geworfen hatte. Angst mischte sich unter diese Erinnerungen, so glatt und leicht, wie andere Milch unter einen Rührteig hoben. Angst aufgrund der Ungewissheit ob er denn überhaupt noch am Leben war…
Dann schlug die Sehnsucht zu und führte sie urplötzlich in die ferne Heimat.
Dunkelbrunn… die kleine Baronie mit all den unterschiedlichen, idyllischen Lehen. Ah, der Duft der Bachblüten im Frühling beim Weidengrundler Bändertanz, der Staub aus tausendundeinem Jahr, welcher auf den unzähligen Folianten der Harkenstätter Bibliothek thronte, das Rauschen der Bäumwipfel im dunklen Tann bei der Jagd in Fuchsenlohe, der würzige Geruchsgemisch von erhitztem Brunnenwein und süßem Honigkuchen der den gesamten Dunkelbrunner Marktplatz zum Winterglühen erfüllte, die rustikale, kleine Burg mit ihrem Bergfried, dem Schlossgarten, dem dunklen Brunnen…
Dahinter ihre Familie, ihr wahrer Freund, die Höflinge und anderen Burgbewohner und eine etwas abseits stehende Gestalt in einer weiten, blauen Robe…
Ein Seufzen löste sich aus der Brust des Mädchens und entwich den leicht geöffneten Lippen in die herbstlich kühle Nachtluft. Amaris bemerkte nicht, dass sie längst vom Zauber der eigenen Erinnerungen und Gedankengängen genau das tat, was man doch von ihr verlangt hatte:

Sie meditierte!

Mit all jenen immer stiller, entrückter und seliger werdenden Gedanken schüttelte sie ihre Ruhelosigkeit langsam ab und konnte das Bild, welches in ihrem Inneren schon etwas blasser geworden war neu auffrischen. Das Bild, welches doch einen wichtigen Teil ihrer Selbst darstellte und nicht in Vergessenheit geraten sollte. Das Bild, welches sie so oft getröstet, gestärkt und vorangetrieben hatte. Das Portrait eines einfachen Mannes mit flachsblondem, kinnlangem Haar, klarblauen Augen und einem süffisantem Lächeln…

Erst als das erste Licht der Sonne sich überirdisch schön durch das stetige Grün des Baumes brach und auf die junge, innig betende Gestalt am Fuße des mächtigen Stammes traf, da erwachte Amaris aus den Gedanken und hob den Kopf um mit einem müden, doch dankbarem Lächeln dem Glanz entgegen zu blinzeln. Sie hatte wieder einmal etwas gelernt…


[img]http://www.danheller.com/images/California/Yosemite/Fog/tree-light.jpg[/img]
Amaris von Dunkelbrunn

Beitrag von Amaris von Dunkelbrunn »

Begleitet von einem, nun nur mäßig unterdrücktem Knurren, fand der dicke, in Leder gebundene Wälzer seinen Platz oben auf dem Bücherstapel und sie hatte endlich genug Zeit um den geschundenen Rücken gerade zu strecken und die Arme danach möglichst unbeugsam in die Seite zu stemmen.

Es war vollbracht!

Stundenlange... achwas tagelange Plackerei und Schuftwahn hatten sich im wahrsten Sinne des Wortes gelohnt, denn nun strahlte das gesamte Kloster wieder, als hätte man es erst am letzten Sonnabend erbaut.
Stolz erfüllte die junge Seele, als sie den gewachsten Pult in der Bücherei fixierte und das sanfte Lächeln der gütigen Bibliothekarin Oceana bemerkte. Mit einem zufriedenen Nicken verabschiedete sie sich stumm von den Räumlichkeiten und der Novizin. Worte, welche mit der Liebe und der Tugend der lichten Herrin gesegnet waren, wollten ihnen beiden nicht mehr einfallen, denn der Schreck über die Verwüstung in den heiligen Hallen, die mutwillige Zerstörung von Büchern und Einrichtungsgegenständen, hatte bei beiden eher den gerechten Zorn der Lichtbringerin geschürt und mit düsterem Blick hatte man wohl einen stummen Pakt geschworen, dass der Übeltäter, sollte er jemals gefasst werden, alles andere als salbungsvolle Worte von den beiden, blutjungen Dienerinnen der Herrin Temora erfahren würde.

Schon als die Türe der Bibliothek hinter ihr ins Schloss fiel, machte sich die knochenschmerzende Müdigkeit der Arbeitstiere in ihrem Leib breit, waren doch die letzten Wochen alles andere als ein leichtfüßiger Spaziergang gewesen.
Mylas, das liebste Wollschaf des Klosters, hatte ein Lämmchen zur Welt gebracht und der gute Felix war mehr mit der Pflege von Mutterschäfchen und Kindlein beschäftigt, weshalb die anderen Aufgaben wie das Scheren der Tiere und das Melken der Ziegen plötzlich in das Wirkungsgebiet der Jungtemplerin fiel. Da Amaris jedoch nicht gerade selten mit sämtlichen Missgeschicken gesegnet war, dauerte es nicht lange bis ein Zicklein ihren "wachsamen Augen" entkam und mitten in den geheiligten Hallen, unter dem Altar, sich blökend entleerte.
Schimpf und Schande, welche sie kurz darauf von Sylvie, der Wächterin des "Baumes des Lichts", erntete, hallten noch in ihrem puterroten Kopf nach, als sie auf den Knien den Kirchboden schrubbte.

Doch damit nicht genug!
Alsbald bat Noelle um Hilfe bei der Kräuterernte im Klostergarten und gerade hier konnte sich Amaris ein klein wenig beweisen, wusste sie doch noch genug über all die heilsamen Kräuterchen von ihrer hohen Schwester Kataleen Jilvyra und so stellte Noelle sehr bald fest, dass man Amaris zumindest ohne Aufsicht sortieren lassen konnte.
Nach einigen arbeitsreichen Tagen und warmen Worten des Lobes revanchierte sich das Dunkelbrunner Kind, indem sie freiwillig noch die Frühlingsaussaat übernahm und auch das Gemüsebeet soweit bestellte.
Jetzt vergab ihr Sylvie auch den Fauxpas mit dem Zicklein und als die liebevolle Stimme ihrer Heiligkeit ihr alleine auch noch die Räumarbeiten nach dem "Einbruch" übertrug, da war Amaris sicher, dass sie den letzten Hauch Schuld abarbeiten konnte...

Mit einem beinahe schon anheimelden Quietschen schloss sich die Türe zu ihrem Zimmerchen, im nördlichen Teil der Klosteranlage, hinter ihr und mit einem wohlwollenden Seufzer ließ die Jungtemplerin sich auf die Pritsche fallen. Sie war müde... müde und unendlich zufrieden.

[img]http://www.khi.uni-bonn.de/images/fotos/bibliothek-alt.jpg[/img]
Zuletzt geändert von Amaris von Dunkelbrunn am Freitag 30. März 2007, 19:07, insgesamt 1-mal geändert.
Amaris von Dunkelbrunn

Beitrag von Amaris von Dunkelbrunn »

... und so fand sie sich doch schon wieder in der Schrifthalle, die Nase dicht über dem Pergament, den wandernden Federkiel in den Händen. Scheinbar galt es einen neuen Aufgabenbereich in ihrer Ausbildung nun zu erkunden und dieser hatte sichtlich mit Schreibarbeit zu tun.

Eigentlich hatte sie nur vorgehabt einige, noch recht holprige aber immerhin selbst verfasste, Psalmen zu verfassen und in einem Büchlein festzuhalten, doch schon nach dem ersten Absatz riss die Glocke an der Türe die Jungtemplerin aus den Gedanken. Ein Besucher war wohl an den Toren und hatte auch nicht gezögert vom Klingelmechanismus dort Gebrauch zu machen.
Das junge, eher vornehm blasse Gesicht der wartenden Dame war Amaris unbekannt, doch ahnte sie, aufgrund des blauen Rosenwappens und den silberweissen Haaren der Besucherin, dass es sich um ein Mitglied des Hauses Llastobhar handeln musste und zumindest mit dieser Vermutung sollte sie Recht behalten. Sorcha aus dem Hause Llastobhar, eine scheinbar engagierte Dienerin der Lichten, erbat eine Unterredung mit seiner Gnaden Bruder Lucenius... und erneut musste Amaris die junge Frau hierbei vertrösten. Nach einer kleinen Andacht in der Kapelle lauschte sie den Worten der Besucherin und erfuhr so, dass die junge Sorcha ihren Weg im Glanze der Lichten unter Anleitung der Kirche Temoras zielstrebig gehen wollte und sich deshalb ein helfendes Gespräch mit dem Templer der Lichtbringerin gewünscht hatte.
Sie, Amaris, hingegen hatte nur wenige, vertröstende Ratschläge bereit und riet der jungen Frau zunächst zur Selbstbesinnung... im Nachhinein kamen ihr die eigenen Worte nun wie unverständliches Plappern oder hohles Geschwalle vor.

Mit einer schiefen Grimasse auf den Zügen galt ihr Blick nun wieder dem aufgesetzten Schreiben, welches dann doch so gar nichts mit dem Fräulein Llastobhar zu tun hatte aber dank dem Ordensbruder Nevyn Silberhand dringlich an sie herangetragen und nun für die Ohren ihrer Heiligkeit oder seiner Gnaden Lucenius unerlässlich war.

Wolf... Falken... einer schwarz... Schnee... Blut...

Nach und nach fanden die Worte, mit Satzteilen zusammengefügt, ihren Platz auf dem Pergament und jenes schliesslich seinen Weg zu Bruder Cassian, welcher nun seinerseits auf die Heiligkeit und Lucenius wartete...

[img]http://www.glosa.org/pic/gtexte10.jpg[/img]
Amaris von Dunkelbrunn

Beitrag von Amaris von Dunkelbrunn »

Sie stand im Licht der Abendsonne und musste unweigerlich aus tiefstem Herzen aufseufzen, als das Dämmerglühen ihr stets etwas forsch wirkendes Gesicht erhellte. Noch immer schien sie die segnende Berührung ihrer Heiligkeit zu spüren, als jene ihr die Fingerspitzen auf die Stirn legte und Temoras Segen auf all ihren Reisen und Wegen der jungen Diakonin mitgab.
Obwohl die mit so viel Würde alternde Frau nun schon seit geraumer Zeit blind war, schien dennoch ihr Blick Amaris' Augen zu erhaschen und dieser war es so, als spähte man in den Grund ihrer Seele. Ein letztes, stummes Lächeln beendete den Abschied der beiden Frauen, welche trotz Alterskluft ein- und denselben Wandel im Lichte der Herrin ohne zu Zögern fortsetzten.

Es war, wohl aufgrund des beinahe sakral-heiligen Moments, nicht allzu schwer gewesen ihrer Heiligkeit den Rücken zu kehren und gen Klostertore zu schreiten, ja beinahe zu schweben... vermutlich hatte sie dies sogar miteinberechnet um Amaris das Gemüt nicht zu sehr zu trüben.
Doch der Abschied von Lucenius fiel ungleich stechend-schwer aus!
Sie hatte ihn, seit sie gemeinsam vor langer Zeit die Lehren in diesem Kloster begonnen hatten, den etwas Älteren rasch ins Herz geschlossen. Auch wenn er doch schon so viel mehr wusste, schon weitaus reifer und weiser als das junge, kesse und oftmals vorlaute Mädchen war, so hatte er sie nie von oben herab betrachtet oder mit boshaftem Spott bedacht. Im Gegenteil! Zu Beginn war es noch ein Scherz seinerseits ihren vollen Titel oder gar die höfische Anrede ihr gegenüber mitten am Marktplatz von Varuna oder auch vor den anderen Novizen im Kloster beim Abendmahl zu nennen. Doch stets hatten seine Augen dabei freundlich warm geglüht und ein sanftes Lächeln krönte seine schmalen Lippen...

Erschrocken schüttelte Amaris noch während der Momentbeschwörung den Kopf und eine schwache Röte schoss ihr ins Gesicht. Ja, vielleicht war es nicht allzu schlecht, dass ihre Heiligkeit mit dem Kloster nahe Fuchsenlohe (ein Lehensteil Buchensteins) in Kontakt getreten war und Amaris nun die Möglichkeit hatte, ihre Heimat und ihre Familie wiederzusehen... denn nur die Lichte wusste, wie sich ihre Gefühle für Lucenius noch gravierender ausgeprägt hätten!

Cassian schloss das Tor hinter ihr mit einem letzten, freundlichen Segensspruch und Amaris griff nach ihrem Reisebündel. Die bläuliche Robe schien zu strahlen und ihr Stab funkelte im letzten Licht, als wolle er das Glühen in das Leuchten der Herrin verwandeln.
Ihre letzten, stummen Segensworte vor dem Aufbruch galten ihren Brüdern und Schwestern im Kloster, den jungen Novizen, ihrer Heiligkeit und Lucenius...
... der jungen, herzensguten Ritterin Llastobhar, dem jungen und vielversprechendem Ritter Nevyn Silberhand und seinen Streitern, als auch dem Ordensmanne Ritter Lefar und dem gesamten Orden- im Grunde allen Geschöpfen im Antlitz der Lichten.

Dann begann die schräge Narbe auf der Nasenspitze zu jucken und erinnerte sie daran, dass es Zeit war zu gehen. Fast wie in einem kitschigen Heldenepos spazierte Amaris ihrem neuen Ziel und dem Sonnenuntergang entgegen...

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Lucenius van Sareth

Beitrag von Lucenius van Sareth »

Amaris war einfach fortgereist. Die Kunde fand schnell den Weg zu Lucenius und im ersten Moment wollte er es nicht glauben. Einfach gegangen - ohne ein Wort. Er hatte es noch gut in Erinnerung als ihm dieses freche Wesen das erste Mal begegnet war. Mehr Junge als Frau, aber doch freundlich, lebenslustig und auf dem Weg eine Priesterin der Herrin zu werden. Sie war gerade erst wieder einige Tage im Kloster. Lucenius hatte sich fest vorgenommen sie auf ihre künftigen Aufgaben vorzubereiten. Ein Seufzen rann über die Lippen des Priesters, ehe er Cassian bat, einen berittenen Boten und ein Schiff zu suchen, damit eine Nachricht ins Kloster nahe Fuchsenlohe zu bringen.

Das Pergament war schnell zur Hand und der Federkiel flog nur so über das Pergament.


Temoras Segen mit Dir, Schwester Amaris.

Es betrübt mich zu hören, dass Du das Kloster schneller wieder verlassen hast, als ich es hoffte. Du warst eine begabte Schülerin, und wäre da nicht Deine Reiselust, wärst Du sicher schon Priesterin unserer Herrin. Ich hatte gehofft, dass Du nun Deinen Weg ins Kloster gefunden hast. Das hast Du offenbar, aber der Ort des Klosters ist der falsche.
Ich bedaure Deine Reise, aber ich beglückwünsche das Kloster in Deiner Heimat, das dieses es nun ist, das eine hervorragende Diakonin und bald gewiss eine tugendhafte Priesterin in den Reihen hat.
Ich wünsche Dir auf Deinem Wege alles gute, der Schutz Temoras ist einer Persönlichkeit wie Dir - lebhaft, munter, neugierig und doch auf dem Pfaden der Tugenden - gewiss. Möge ihr Licht weiter Deinen Weg erleuchten.
Behalte das Kloster Gerimors in guter Erinnerung, behalte mich in guter Erinnerung. Und wenn Dich die Reiselust einmal wieder packt, dann lass diese Reise doch über Gerimor führen. Lass den Abt des Klosters doch bitte wissen, dass ich bei Deiner Weihe zur Priesterin - und jene kommt bestimmt - gerne zugegen wäre. Lass Dich nicht vergessen und versuch die Zeit zu finden, mir den einen oder anderen Brief zu senden. Ich werde auf ein Lebenszeichen von Dir warten, Amaris von Dunkelbrunn und Fuchsenlohe.
Denke auf Deinem Wege immer daran: das Wort ist die Grundlage unseres Glaubens. Aber Temora wurde geboren durch Mutter Eluive um Alatar zu bekämpfen. Und wir als ihre Diener stehen ihr dazu bei, diese Aufgabe zu erfüllen. Wir sind Priester einer Göttin die oft zur Waffe griff, wann immer sie in die Geschicke der Welt direkt eingriff.

Die Herrin schenke Dir die Geistigkeit um alles Wissen zu erlangen, das Du als Priesterin brauchen wirst. Sie schenke Dir die Kraft Deine Waffe zu führen, wann immer ein Kampf unabdingbar ist. Sie schenke Dir die Weisheit zu erkennen, wann die Waffe eingesetzt werden muss.

In tiefer Achtung und in Hoffnung auf ein Wiedersehen
Lucenius.

Zweimal las er über den Brief, nickte und siegelte das Schreiben mit einfachem Wachs. Der Bote wartete bereits vor dem Tor und eilte schnell der jungen Diakonin nach.
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