Papa ante portas - der Familienbesuch

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Darna von Hohenfels

Papa ante portas - der Familienbesuch

Beitrag von Darna von Hohenfels »

"Ihr schafft das."
Mut zusprechen. Als ginge sie in eine Drachenhöhle. Draußen kamen die Schritte näher. Hatte sie nicht diesen Gang noch im Ohr? Ihre Haltung hätte nicht aufrechter sein können, ihre Hände wie üblich auf dem Rücken.
Dann trat er durch den Vorhang in die Ritterquartiere des Schlosses. Diese Gesichtszüge waren die gleichen geblieben, wenn auch deutliche Falten das Antlitz zierten. Militärisch schlank, wie eh und je. Die Haltung tadellos, die Hände auf dem Rücken, während er sie musterte. Der Blick der braunen Augen wach. Doch die grauen Haare versetzten ihr einen Stich.
Wie lange hatten sie sich jetzt nur gegenseitig angestarrt? Hatte sie derweil überhaupt Luft geholt? Sie sollte wohl besser was sagen.
"Die streitbare Herrin Temora mit Euch, Herr Vater."
Allerich von Elbenau

Beitrag von Allerich von Elbenau »

Wie hatte sein Großvater immer gesagt? Wenn du irgendwo Gast bist, dann solltest du möglichst bald wissen, wo das Bad ist.
Er hatte vor gehabt, sich nicht nur das Bad anzusehen, sondern auch wie die Wohnstube der Grafschaft von Hohenfels eingerichtet war, welcher Teil die Waschküche darstellte und nicht zuletzt, wie man sich in Varuna bettet.
Gern hätte er seinen Sohn mitgenommen, der jedoch in Schwertbergen unabkömmlich war.
Froh war er indess um die Begleitung des Waffenbruders seines Sohnes, Degenhard von Berlenhöh, Freiherr zu Glieneck und Tempelhofen... und dies aus mehreren Gründen.
Zum Einen erfreute er sich langjähriger Freundschaft zu dessen Vater, der ebenfalls in den Diensten des Grafen von Schwertbergen stand, zum Zweiten mochte er den jungen Freiherren, der ihn mit seiner Offenheit mal zum Schmunzeln brachte und mal den Wunsch weckte, ihn zu Ohrfeigen. Da Letzteres nicht dem Wesen Allerichs entsprach, beließ er es meist beim Schmunzeln, oder einem ausreichend tadelnden Blick.
Zudem gefiel ihm sein Temora gefälliges Wesen, er konnte sich auf ihn verlassen, ihm vertrauen, wie seinen eigenen Kindern.
Wäre es nach seiner Frau gegangen, hätte er die Reise nicht angetreten, sondern Darna Heim befohlen. Zwar war Veltin oft zu Besuch zu Hause, aber insgeheim wünschte sie sich wohl ihre Tochter an ihrer Seite, nicht nur, um sie vielleicht doch noch zum Sticken zu bewegen.
Allerich vermutete, dass ihr auch Kinderlachen fehlte, im doch recht ruhig gewordenen Hause Elbenau. Vielleicht war es an der Zeit und möglich Einiges miteinander zu verbinden.

Dass Bajard nicht zur Grafschaft gehörte, erfuhr er schnell, obwohl es sich als Waschküche hervorragend geeignet hätte. Gern hätte er eigenhändig so manch einen ungehobelten Kerl in den Waschzuber gesteckt, doch weder er noch Degenhard ließen sich provozieren, wo unter Gleichgestellten bereits der Fehdehandschuh den Boden berührt hätte.
So zogen sie es vor sich in Berchgard umzusehen, nach einem der angepriesenen Schmiede.
Beide Rüstungen hatten auf der Überfahrt deutlich gelitten. Die salzhaltige Luft hatte ihre Spuren am Leder und auch am Silber hinterlassen.
Hiernach folgte ein Abstecher an einen der Höfe vor Varuna, wo, wie ihnen der Hafenmeister mitgeteilt hatte, ihre Pferde verbracht waren. Sie gönnten ihnen mit einem kleinen Ausritt etwas Bewegung.

Die Sonne war bereits untergegangen, als sie Einkehr halten wollten, in der ansprechend wirkenden Schenke Varunas. Durch die zwar korrekte, aber unüberlegte Ansprache Degenhards gegenüber Allerich wurden die Männer der Allianz auf sie aufmerksam und so sah er sich um die Möglichkeit, sich noch etwas unerkannt umsehen zu können, beinahe beraubt. Unweigerlich gaben sie zu, dem Ritterstande anzugehören, nannten jedoch ihre wahren Namen nicht. Es wäre zu befürchten gewesen, dass einer von jenen Männern seine Tochter in Kenntnis setzte.
Unversehens sahen sich Allerich und Degenhard der Befragung der Allianzler ausgesetzt, anstatt, dass sie selbst noch etwas in Erfahrung bringen konnten, über Reich, Graf und die politische Lage.
Als der Abend weit fortgeschritten verabschiedete man sich und die beiden Gäste wollten zum Abschluß des Tages den Weg zum Schloß auskundschaften.
Als sie etwas abseits der Tore standen, schenkten sie der Frau und ihrer männlichen Begleitung, die sie passierten, zunächst nicht mehr Aufmerksamkeit, als einen höflichen Gruß. Im Schein der Laterne jedoch konnte Allerich einen Blick auf den Umhang der Dame erhaschen und für den Augenblick stockte ihm der Atem.
Springender Hirsch mit darunter liegendem Schwert.
Wer außer seiner Tochter sollte hier wohl..?
Den Reflex sofort auf sie zu treten zu wollen zwang er herunter, wandt sich ab und marschierte ohne sich nochmals umzusehen davon.
Atmen, Denken, Schlachtplan. Schlachtplan? Es galt hier keinen Krieg zu gewinnen, sondern lediglich seine Tochter zu sehen.. nach all den Jahren. Schlachtplan!
„Doch zu allererst solltet wohl Ihr ihr Eure Aufwartung machen, Sir“ wehten die Worte Degenhards an seine Ohren.
„Das sollte ich...“ Himmel, einen Schlachtplan!
„Jede Zeit ist recht, vor allem nach all diesen Jahren.. jetzt wäre wohl also genau richtig.“
„Das sehe ich genauso.“ Atmen! Denken! Umziehen!

„Bitte meldet Freifrau von Elbenau.. Allerich von Elbenau.“
Nur einen Lidschlag später trat er durch den Vorhang, in die Ritterquartiere des Schlosses und sah sich ihr gegenüber. Groß gewachsen, die Kleidung äußerst gepflegt, die Haltung kerzengerade, die Hände hinter den Rücken geschoben... sein Spiegelbild.
Kurz flackerten Bilder vor ihm auf, die kleine Darna, fröhlich lachend über den Hof des Guts laufend, die etwas ältere Darna, ernst und gewissenhaft. Zu der bekannten Ernsthaftigkeit kamen bedächtige Förmlichkeit mit der sie ihn nun begrüßte. Die Narben in ihrem Gesicht, die ihm mehr als einen Stich versetzten, ließen ihn rauher als gewollt antworten. Das habe ich nicht gewollt. Natürlich war er sich immer dessen bewußt gewesen, dass der Weg zum Ritter und darüber hinaus kein Zuckerschlecken ist und das man über jede Narbe froh sein konnte, denn es hätte schlimmer kommen können, es war jedoch etwas anderes, solcherlei bei Gefährten zu sehen, als bei der eigenen Tochter.
Instinktiv war er bereit, ihr diese mit dem Daumen sanft fort zu streicheln, sie aus ihrem Gesicht zu wischen. Die Vorstellung des Ritters von Auenfels, der sich von ihm zunächst unbemerkt mit im Raume aufgehalten hatte, holte ihn jedoch auf den Boden der Tatsachen zurück und so machte er Jenen und Darna mit Degenhard bekannt, in der Förmlichkeit seine ihm zu eigene Sicherheit wieder zu finden.

Es wurde eine lange Nacht, in der Darna und Allerich Gelegenheit fanden, sich ungestört zu unterhalten. Das wohl größte Geschenk dieser Nacht war jedoch für ihn, das Lächeln seiner Tochter zu sehen. Im Angesicht dessen, verblaßten die Narben, als er feststellte, dass es so schön war, wie das Lächeln, als sie fünf Jahre zählte.
Darna von Hohenfels

Beitrag von Darna von Hohenfels »

"Das bis zuletzt ist zwölf Jahre her.. und bis auf ein, zwei Briefe war nichts von dir zu hören.. da verlagern sich die Prioritäten.. da möchte man nicht wissen, ob die Tochter das sticken erlernt hat, sondern ob sie noch am Leben ist.."
Sie wurde ob der Schelte immer kleiner. "Manchmal wollte ich euch auch wirklich schreiben, Herr Vater - und habe den Brief dann wieder zerrissen, weil so viele auch besorgende Fragen offen geblieben wären, daß ich erst abwarten wollte, wie sich alles wieder fügt - und dann doch wieder vergessen, ein neuer Schwall Arbeit..."
Tausende Dinge, die sie einander zu erzählen hätten. Sie sah in die braunen Augen, die älter geworden waren und wusste plötzlich, was zwölf Jahre waren. So viel, was sie hier erlebt hatte, sich aufgebaut hatte, so vieles, was er nicht wusste - und Zuhause musste doch auch alles inzwischen... irgendwie...
"...und Elbenau... würdest du dort sein, würdest du feststellen, dass sich nichts verändert hat."

Und Hinrich klaute immer noch Kuchen. Dabei war er längst erwachsen und könnte in die Küche gehen, aber er stahl ihn während des Abkühlens noch tatsächlich vom Fensterbrett.
Das konnte nicht wahr sein, daß sich einige Dinge daheim überhaupt nicht verändern wollten? Es zauberte ihr ein Lächeln ins Gesicht, das erste offene Lächeln dieses Abends - das erste Lächeln, das Allerich nach achtzehn Jahren wieder im Gesicht seiner Tochter sehen sollte.

"Es ist so schön, daß Ihr da seid." Sie hatte ihn so gut in Erinnerung gehabt, aufrecht, streng, der hochbewunderte Ritter, so unnahbar, wie er auf den Stufen zum Haupthaus stand und über den Hof nach Veltin rief - sie hatte darüber fast vergessen, wie die Umarmung ihres Vaters sich anfühlen konnte, und wie gerne er sie gab, als sie endlich auch nur zögerlichste Anstalten machte, diese Nähe zu suchen.

So viel, was sie ihm zeigen, erzählen konnte, ihm Leute vorstellen - ach ja, ihm und diesem Freiherrn.
"Fürsorgepflicht", meinte Allerich ein Wort der vorherigen Gespräche aufgreifen und wechselte damit irgendwie das Thema, "Ich möchte, dass du dir etwas Zeit nimmst die nächsten Tage und seine Hochgeboren von Berlenhoeh näher kennen lernst. Er ist ein aufrichtiger und pflichtbewusster junger Mann und ich schätze ihn sehr." Er wirkte zunehmend unbeholfen, sah sie schließlich nicht einmal mehr direkt an. Irritiert furchte sie die Stirn. "Es würde mich sehr freuen", schloß er.
"Herzlich wenig läge mir ferner, als Euch und ihm gegenüber die Gastgeberpflichten zu vernachlässigen, Herr Vater - es war schon sehr zuvorkommend von ihm, uns diese Stunden einzuräumen und sich eher selbst zu beschäftigen." Sie lächelte. "Es gibt hier vieles, was ich Euch zeigen will, Leute vorstellen - trägt seine Hochgeboren sich denn mit dem Gedanken, seinen Diensthof zu wechseln?", fragte sie zuletzt leicht verwundert.
"Unter Umständen zieht er es in Betracht", war alles, was ihr Vater entgegnete. Daher also vermutlich das unwohle Gefühl - wollte er Degenhard über seine Tochter eine Tür an den Hof des Reichsregenten öffen. Sie stand Karrieresprüngen über Beziehungen auch immer sehr kritisch gegenüber, das hatte sie wohl auch von ihrem Vater. Nun, Veltins Waffenbruder würde sich schon beweisen müssen, sicher nichts, was er nicht fertigzubringen wüsste.

Wenn seine Art so offen war, wie Vater es halb wohlwollend, halb tadelnd schilderte, dann käme er mit seiner Hoheit vielleicht auch besser zurecht, als Allerich - das erste Aufeinandertreffen geriet zur halben Katastrophe.
"Ich hätte besser dein damaliges Wesen zum Maßstab genommen, es war mir wohl entfallen", meinte Adrian später am Frühstückstisch, als ihr Vater sich zurückgezogen hatte, "Es gab Zeiten, da wusste ich mit dir ebensowenig... die rechten Worte zu finden, ohne ständig den Eindruck zu haben du hältst mich für ... freundlich gesagt, sonderbar."
Oh ja - bei diesem Vergleich wusste sie auch sehr gut nachzuvollziehen, was die Reaktionen ihres Vaters gerade geprägt hatte: Adrian war nur gegen jedes herabwürdigende Verhalten, nein - gegen jeden frechen Gedanken schon! - ab einem gewissen Punkt immun... weil er der Reichsregent war.
Trotzdem, sie hoffte, betete geradezu, daß sich solches noch besser fügen würde. Besonders bei...

Am nächsten Tag begegnete sie Andrey in ihrem Haus.
"Er ist da", sagte sie ihm sofort, als wäre der rote Wyrm zurück in die Stadt gekehrt.
"Ich freue mich auch, dich zu sehen, Darna... wer ist da?"
"Vater."
"Oh."
Zuletzt geändert von Darna von Hohenfels am Freitag 22. Juni 2007, 15:57, insgesamt 1-mal geändert.
Allerich von Elbenau

Beitrag von Allerich von Elbenau »

Haltung wahren.
„Ich habe auch nicht von einem belanglosen Mißgeschick erzählt, das es wert gewesen wäre, Gegenstand öffentlichen Gespötts zu werden, Herr Vater.“
Er hatte nicht im Sinn gehabt Jemanden zum Gespött zu machen, es reihten sich Dinge aneinander, die er nicht verstand.
Da waren zunächst die abfälligen Bemerkungen des Grafen von Hohenfels, bei ihrem ersten Aufeinandertreffen, die ihn dazu veranlaßt sahen, seine Tochter zu verteidigen, in väterlicher Manier. Der Umstand, dass sich seine Tochter aber ganz offensichtlich über die Worte des Truchsess amüsierte, irritierte ihn. Die Entschuldigung des Grafen, ob seines unangemessenen Scherzes sorgte nicht für Aufklärung.
Man mag mir einiges absprechen können Graf, Humor aber sicher nicht... welcher Scherz?

Die nächste Irritation erreichte ihn bei der Stadtführung, der sich seine Hochgeboren Andrey von Greifenbach, Oberleutnant der hiesigen Garde anschloß, mit einem Mißgeschick des Barbiers, welches sich in blau gefärbten Haaren, weithin sichtbar, offenbarte.
Das Mißgeschick als Solches war nicht Grund seiner Verwunderung, viel eher die laxe Haltung des Oberleutnants dazu, der es ganz offensichtlich nicht eilig hatte, den Barbier das Mißgeschick ausbügeln zu lassen.
Die Worte Disziplin und Vorbild waren nur zwei der Worte die ihm durch den Kopf gingen.

Die kleine Geschichte, über die Tatsache, dass zunächst seine Erlaucht de Arganta an Darna vorbei gelaufen sei, obwohl er sie suchte und nur kurz darauf es der Hauptmann ebenfalls tat, sollte etwas später das Fass zum Überlaufen bringen. Er konnte auch der Erklärung, dass dies geschah, da die Beiden sie zuvor wochenlang nur in ihrer Rüstung sahen und nicht darauf gefaßt gewesen waren, ihr in Gardeuniform zu begegnen, nicht die gleiche Belustigung abgewinnen, wie seine Tochter. Disziplin.
Er zählte also eins und eins zusammen. Dieser offenbar geradezu gefährliche Kaktusschnaps könnte Augenschäden hervorrufen und Allerich äußerste sich ob dessen beinah besorgt.
Er hatte wirklich nicht im Sinn gehabt, Jemanden zum Gespött zu machen.
Die Reaktionen seiner Tochter ließen ihn innerlich erstarren.
„Ich beging den Fehler in vertrauter Runde bei sich ergebendem Thema davon zu erzählen...“
Sie beging den Fehler... Haltung wahren, Rückzug!

Es brauchte nicht viel an Führung, Pferde haben ein Gespür für Gefühlslagen und so preschte der Hengst durch die Nacht, als die Zügel freigegeben waren.
Geraume Zeit später sollte sich Mindarbs Herr kniend in der Kirche Temoras wiederfinden.
Einige Sätze waren wohl bis zur Empore zu hören, andere zu leise gesprochen.
„In deinem Angesicht gerechte und gütige Schwertträgerin und Herrin,
entbiete ich dir mein Schwert und alles was mein ist. Habe ich dir gestern gedankt, dass du uns sicher hergeführt .... ..... möchte ich heute meinen Dank erneut aussprechen .... ...... ist sicher ihr Wohlergehen was zählt und mir am Herzen liegt ..... ...... ...... laß mich die Dinge erkennen, die ich zu ändern vermag, laß mich hinnehmen können die Dinge, die ich nicht zu ändern vermag und laß mich das Eine vom Anderen unterscheiden können. ..... ....... ...... Öffne du mir Augen, Ohren und Herz auf dass ich das Wesentliche erkenne und gib mir Kraft, entsprechend zu handeln. In deine Hände lege ich alles was mein ist.“
Er spürte die Hand seiner Tochter auf seiner Schulter, vernahm ihre Worte.
„Das Wesentliche ist, Herr Vater... Blut ist dicker als Wasser. Immer.“

Rückblickend auf das Gespräch, was sich jenen Worten anschloß, wußte er nicht zu sagen, ob sie dabei waren, sich anzunähern, oder zu entfernen. Zwölf Jahre.. die Tochter, die er liebte, wie Frau und Sohn.. und sie war ihm so fremd wie die Umgebung in der er sich befand, mit all den Dingen und Begebenheiten, die er nicht verstand.
Es schnürte ihm die Luft ab, nahm ihm die gewohnte Sicherheit. Haltung wahren.
Zuletzt geändert von Allerich von Elbenau am Sonntag 24. Juni 2007, 13:27, insgesamt 1-mal geändert.
Darna von Hohenfels

Beitrag von Darna von Hohenfels »

Dies hier war kein idyllisches - um nicht zu sagen, schläfriges - Elbenau, und kein beschauliches Schwertbergen. Ob sie begriffen, wo sie waren? Ob es leichter fiel, wenn dies zunächst nur Degenhard sah?

"Anara I von Hohenfels, geliebte Koenigin, Schwester und Mutter, Auf Ewig unvergessen!"
Der Freiherr und Ritter versteifte sich, als er diese Inschrift am Grabstein sah. Ihr letzter Ruheort. Für einige war sie der letzte Rest Sicherheit gewesen, der die Königsfamilie im Angesicht ihrer Söhne als überlebensfähig zeigte - und für manche war vielleicht schon nicht einmal mehr das der Fall gewesen, war sie doch nur die eingeheiratete Gemahlin.
"Es mag sein, daß alles fällt,
daß die Burgen dieser Welt
um dich her in Trümmer brechen.
Halte du den Glauben fest,
Temora dich nicht fallen lässt:
Sie hält ihr Versprechen."

War es nicht sogar in Elbenau gewesen, wo dieses Gedicht ihre Träume vom Ritterdasein untermauerte? Ein Teil nur davon oben in der Totenkapelle im Gedenkbuch zurückgeblieben. Was würde Vater hier sehen? Das Land, das ihrer Majestät Anara das Leben geraubt hatte? Ein weiteres Gewicht auf der Waagschale der negativen Eindrücke? Langsam bekam sie Angst.

Still verharrte sie, während Sir Degenhard auf ein Knie sank, der toten Königin seine Referenz zu erweisen. Still führte sie ihn zurück ins Schloß und immer höher, in der leisen Hoffnung, seinen Blickwinkel zu verändern. Rico, der Falke seiner Hoheit, spreizte auf seiner Stange im Turm die Flügel.
Oh ja, fliegen... Sie traten oben auf die kleine Plattform, und Darna stützte die Arme auf das schmale Geländer der steilen Treppe, während sich vor ihnen die Dächer Varunas ausbreiteten. In Gedanken sah sie die beiden Adler, die hier einst als Freunde ihre Kreise gezogen hatten. Jedes Mal wieder ein unglaublich erhebendes Gefühl, ihrer Stadt auf diese Weise nahe zu sein.

"Ich weiß noch, wann ich begriff, wie sehr ich diese Stadt liebgewonnen habe", begann sie nachdenklich. Als sie nach dem "Gastspiel" in Rahal neben Aradan ihren Fuß wieder auf die breite Straße hinter dem Südtor setzte und begriff, sie war wieder Zuhause.
"Und habt Ihr je etwas geliebt, weil viel zu viel Schweiß und Blut von Euch darin steckt, um es geringschätzen zu können?" Und wenn es nur das wäre... aber konnte der Mann neben ihr, der Begleiter ihres Vaters, begreifen?
"Was habt Ihr dort unten gesehen, Sir? Unten in der Kapelle. Was habt Ihr dort gesehen, was würdet Ihr von dort in Euren Gedanken mitnehmen?"
"Unsere geliebte Königin, die ihres Lebens beraubt wurde... Gedanken Milady? Ich muss acht geben, nicht in Versuchung zu kommen, zu hassen. In diesem Land scheinen alle Mächte aufs äußerste aufeinander zu treffen... es scheint kaum Zeit für Ruhe und Frieden zu finden, beständig Leid... und dennoch kann ich verstehen, was jemanden dazu bewegt, hier seinen Teil beitragen zu wollen, alles geben zu wollen..." Er dachte weiter nach und fügte hinzu: "Im Gegensatz hierzu wirkt Schwertbergen ...sehr ruhig und besonnen."

Er begriff - oder fing an, zu begreifen, jedenfalls fiel ein Teil einer unerklärlichen Last von ihr ab. Sie konnte sich erklären, in dem Wissen, daß es Sinn machen würde, daß die Ohren des Gegenübers offen waren, Gehörtes nach seinem eigenen Ermessen abzuwägen.
"Wenn ich dort bin, sehe ich seine Hoheit, der jeden Tag dort um seine Schwester und seine ungeborene Tochter trauert. Ich sehe ihn noch, wie er dort kniete und höre meine Bitte, Sir Aradan möge mich aus meiner vollendeten Knappschaft entlassen, um den Platz hinter einem Menschen einzunehmen, der unendlich viel Kraft braucht. Ja, auch Kraft, um nicht zu hassen.
Ich sehe von dort unten eine der Quellen für unendlich viel Kraft und Willen, sich dem Schatten Rahals nicht zu beugen - eine Kraft, die nur in der Göttin ihren Anker finden kann. Jemand sprach einmal seine Bewunderung für meine Person aus, den Glauben zu leben... Sire..."
Sie hob leicht den Blick, als könne sie bis zu der Linie in den Wäldern sehen, wo schwarze Grenzsteine standen: "Dieses ganze Land ist gelebter Glaube."

Nieselregen setzte ein. Sie schloß einige Momente die Augen, als hieße sie ihn sogar willkommen.
"Es scheint, als würde jede Schlacht, die einst mit dem Kampf zwischen den Göttern ihren Anfang nahm und seitdem auch unter allem Leben fortgesetzt wird, hier jeden Tag erneut fortgeführt werden." Auch der Ritter neben ihr glich nun einer sinnierenden Wächterstatue, die in die Ferne sah.
"Hier... überall", erwiderte sie nach einer nachdenklichen Weile, "Die ganze Welt ist doch vom Kampf gegen den Brudermörder durchzogen, in welcher Weise auch immer... ein Schlachtengemälde, das hier oft in den
kräftigsten Farben gemalt wird. Hier finden sich das Beste und Schlechteste einfach eher, als vielleicht anderswo."
Ein Nicken neben ihr. "So kann man es wohl auch ausdrücken."

Ein Teilsieg?
Allerich von Elbenau

Beitrag von Allerich von Elbenau »

Er hatte den Tag der Erholung gebraucht, auch wenn er sich das selbst nie eingestanden hätte.
Ritter sind nicht erschöpft und krank schon gar nicht. Verletzt, das kann passieren, aber sich ausruhen wegen Unwohlseins, niemals!
Ausgeruht machte er sich auf den Weg zu Darnas Haus, er wollte sie abholen, heute war Markt. Er nahm sich Zeit, es von außen zu betrachten, war ihm doch gleich aufgefallen, wie sehr es dem Haupthaus in Elbenau ähnelte. Erstaunlich, an welche kleinen Einzelheiten sie sich erinnert hatte. „Hier kann man sich zu Hause fühlen.“
Guter Dinge klopfte er an die Tür und sah sich sowohl seiner Tochter gegenüber als auch ihrer Freundin und gewissermaßen Schützling Fräulein Ser’Rhal.
Es blieb gerade Zeit, für höfliche Bekanntmachung, die an dem Fräulein jedoch irgendwie vorbei ging, als die Tür sich hinter ihm öffnete und seine Hochgeboren von Greifenbach in der selben stand. Schwarze Haarpracht zeigte sich. Er war beim Barbier.. er hat Schlüssel zum Haus deiner Tochter! Irgendwo ganz hinten schwangen Glocken in seinem Kopf... Alarmglocken.
Es war keine Zeit, Begrüßung, Floskeln und dann fanden sie sich kurze Zeit später im Rathaus wieder, genauer im Gerichtssaal. Des Mordes angeklagt: Freundin und Schützling seiner Tochter!

Hätte er es mit Abstand betrachten können, hätte er sagen können: Interessant. So aber verfolgte er das Geschehen mit absoluter Aufmerksamkeit und kam nicht umhin ab und an die Stirn zu furchen, oder die Brauen zu heben. Als Darna für sie sprach, war ihm bewußt, dass das Fräulein es ihr zu verdanken haben würde, wenn das Urteil nicht hängen hieße.
Das schlußendlich gefällte Urteil war jedoch ein Schlag ins Gesicht eines jeden, der für Gerechtigkeit einstand. Es war nicht milde, es war eine Farce.
Ihm war sehr bewußt, welchen Sinn es machte einen Mord einen Unfall zu nennen und in welches Licht sich das Gericht damit rücken würde, es kam wohl nicht von ungefähr, dass die Verhandlung unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfand.
Mochten ihn hier alle für ‚Der Ritter, der vom Dorf kommt‘ halten, dumm war er nicht und so weltfremd wie sie vermuteten ebenfalls nicht.
Übrig blieb der Versuch des Betruges mit dem Strafmaß, ein halbes Jahr Klosterarbeit und richterlich unterstelltes Mündel seiner Tochter zu sein.
Gerechte! Alles was das Fräulein zukünftig tun würde, täte sie im Namen seiner Tochter.
Bei mir würde sie zeitlebens geschoren laufen.
Die Dankbarkeit, dass das Fräulein behilflich gewesen war, dass seine Tochter noch lebte, war ausschlaggebend dafür gewesen, Darna gleich zu ihr zu schicken, als sie ihn um seine Meinung zu der Verhandlung fragte. Später war dafür sicher auch noch Zeit.

Später
Der Abend schien friedlicher Stimmung sich seinem Ende zu neigen, Degenhard hatte sich zur Ruhe begeben und Darna und er würden sicher auch nur noch in Ruhe austrinken und sich dann ebenfalls zurück ziehen. In diese Harmonie trat Andrey von Greifenbach.
Es schien zunächst an ihm vorbei zu gehen, dass seine Tochter zunehmend nervöser wurde, während er höfliche Konversation mit Andrey führte. Wie war der Dienst Hochgeboren? Habt Ihr Euch denn schon genügend umsehen können Sir? Bester Smalltalk zu abendlicher Stunde vor dem Kamin. Nur seine Tochter...
„Ihr gedenkt also noch eine Weile zu bleiben, wenn man fragen darf?“
Nein Schlüsselträger des Hauses meiner Tochter, ich hatte vor morgen abzureisen!
„Hochgeboren, wie lange braucht es um zwölf Jahre nachzuholen?“
„Natürlich. Ich verstehe.“
Tätest du das, würdest du nicht ständig an ihrer Seite kleben.
„Ich weiß natürlich selbst, dass es unmöglich ist, all die verlorene Zeit nachzuholen, aber ich möchte soviel wie möglich mit meiner Tochter zusammen sein.. war das jetzt deutlich genug? ... und so viel als möglich über sie und von ihr erfahren.“
Er schenkte seiner Tochter einen väterlich warmen Blick, ehe ihm gewahr wurde, dass sie ihm offenbar gar nicht zugehört hatte. Eher schien sie damit beschäftigt, an ihren Hemdsärmeln zu zupfen.
„Fühlst du dich wohl Darna?“
„Hm? Natürlich?
„Gut.. und wenn die Ärmel deines Hemdes zu kurz sind, zieh ein anderes an? Und vergiß nicht, Frau Lyval zu sagen, dass ihr da ein Fehler unterlaufen sein muß beim Nähen.“

Spätestens das nun bemüht kontrollierte Stillsitzen seiner Tochter weckte nun seinen Argwohn, wenngleich er ihn auch mit Nichts hätte begründen können.
„Mir scheinen sie eigentlich gar nicht zu kurz.“
„Nein, Herr Vater eigentlich nicht.“ Abermaliges Ärmel zupfen.
Was bei der Gütigen veranlaßt sie dazu, sich plötzlich wie ein Backfisch aufzuführen?
War es ihr unangenehm, dass sie das Armband ihrer Großmutter trug? Wie er nun vermutete.
Er griff nach ihrem Handgelenk und Andrey machte Anstalten ihn abzulenken.
„Eine wunderschöne Katze, Gelmira, nicht wahr?“
Ich bin kein Katzenexperte, aber ja.. schönes Tier, wenn du aber glaubst, das Großmutterarmband würde sich schick um Gelmiras Hals machen, hast du dich geschnitten!
„Das Armband von Großmutter wurde mir leider geraubt Vater.“
Kurz wurde ihm in Erinnerung geholt, was er vor Jahren in einem der zwei Briefe von Darna gelesen hatte, die das elterliche Haus erreicht hatten.
Er erzählte dann, dass es eigentlich das Armband von Darnas Urgroßmutter war und jeweils bei Heirat an die Frau weiter gegeben wurde.
Nur Darna bekam es früher, als sie nach Felsenstein ging.
Ehrliches Bedauern seitens Darna und Andrey und doch hatte Allerich das Gefühl, die Spannung die im Raume lag, wäre etwas gewichen.
„Du hast einen hoffentlich hübschen Ersatz gefunden.. vielleicht einen der dem Band deiner Mutter ähnelt?“

Rückblickend blieben ihm zwei Sätze im Kopf.
„Andrey... hegt Absichten... um meine Hand anzuhalten.“
„Im Moment steht mir eher der Sinn danach... Wildbret aus ihm zu machen.“
Und irgendwie wollte der letzt gehegte Wunsch nicht gänzlich weichen.
Darna von Hohenfels

Beitrag von Darna von Hohenfels »

Ist

"Ich muß dir gestehen, ich bin nicht der geschliffene Diamant, als den du mich bewundert hast - ich bin ein pedantisches Scheusal, das oft nicht weiß, wann es besser wäre, den Mund zu halten, aber ich liebe dich. Niemals hätte ich das in Frage gestellt. Willst du mich trotzdem so, wie ich bin?"
So etwa klangen ihr die Worte in der Erinnerung, als sie den unseligen Streit beendet hatte, der wegen Andreys Verhandlung und der ganzen Schönfärberei darin ausgebrochen war. Viel besser hatte sie aber seine anfängliche Anspannung vor Augen und sein grenzenlos erleichtertes und einfach nur glückliches Auflachen im Ohr, Momente so kristallklarer Vereinigung, als er sie freudetrunken herumwirbelte, daß es ihr beim bloßen Gedanken daran warm um's Herz wurde.
"Ich liebe ihn, Vater. Wirklich."

Das war eine Quintessenz gewesen, nachdem Allerich seiner Tochter gehörig den Kopf gewaschen hatte. Was ein Glück, daß niemand sonst die Peinlichkeit des vorigen Abends und dann besonders des darauffolgenden Tages mitbekommen hatte - kürzlich noch hatte sie Darian auf offener Straße die Ohren langgezogen, heute glühten ihre eigenen, auch wenn sie nicht daran gezogen irgendwohin geschleift wurde. Eltern konnten die gestandensten Heldengestalten auf den heimatlichen Teppich runterholen.
"Du hast mich hinters Licht geführt und als es drohte heraus zu kommen, hast du dich betragen wie ein Schulmädchen, dass es nicht besser weiss."
Aua. Gnade! Doch daran war nicht zu denken. Die ganze Strafpredigt durfte sie sich anhören, ganz schnell war die Lehre aus Kindertagen wieder da, ihn bloß nicht zu unterbrechen.
"Im Gegensatz zu eurer beider Gebahren möchte ich ehrlich sein" Aua! "Seine junge Hochgeboren, der.. Absichten hegt... hat bisher keine Sympathiepunkte sammeln können. Rückblickend kann ich sogar nicht umhin, meiner Verwunderung darüber Ausdruck zu verleihen, wie er sich mir gegenüber aufführte, so seine Absichten ehrlicher Natur sind.
Hätte ich mir dergleichen bei deinem Großvater mütterlicherseits erlaubt, er hätte mir wohl eigenhändig den Handschuh übers Ohr gezogen, ehe er mich gefordert hätte."
Langsam ließ er die Luft entweichen. "So du dich äußern möchtest, bin ich jetzt bereit, dich anzuhören."
"Danke, Herr Vater."
Verflixt... was sollte man nach so einer Standpauke denn noch herausbringen? Eine Entschuldigung - klar... und nicht ganz zu Unrecht. So langsam lehrte die Erfahrung, daß sich Dinge manchmal wohl nur schwer hätten vermeiden lassen - und daß dieser Umstand es nicht besser machte.

Und nun?
"Was liess deine Wahl auf seine Hochgeboren fallen, Darna?"
Es hieß, Liebe mache blind, und so registrierte sie wohl höchstens am Rande, daß die Frage nicht sonderlich rührselig-interessiert klang - eher so, als werde vor versammelter Mannschaft eine Erklärung verlangt, warum der Bericht zur heutigen Gefangennahme nicht gefälligst schon gestern vorlag.
"Offen gesagt, während meiner Zeit auf Felsenstein, besonders seit den Narben, war ich schlicht nicht mehr davon ausgegangen, daß je jemand mehr Interesse an mir haben würde, als einer aus anderen Gründen anzuempfehlenden Zweckheirat."
"Das kann ich wohl verstehen, an Zweckheiraten ist jedoch nichts Falsches."
Irgendwo ganz hinten schwangen Glocken in ihrem Kopf... Alarmglocken.
"Andrey war der erste Mensch, der mir... aufzeigte, daß ich ein Mensch bin. Ein in seinen Augen liebenswerter Mensch. Er hat sich in mich verliebt, in einer so tollpatschig-hilflosen Art, daß ich selber erst gar nicht wusste, wie ich mit sowas umgehen soll." Ein warmherziges Lächeln legte sich auf ihre Lippen, während Allerich ihr weiter sachlich zuhörte, "Er hat mir aufgezeigt, wie wertvoll Gefühle sind, er... seine Nähe und Liebe waren es, die mir den Weg zur Freude öffnete, er war bei mir, hielt mich, als der Fluch endlich brach..."
Ihr Blick wurde versonnener, als sie fortfuhr: "Er hat mich nie losgelassen." Oh ja, das geradezu in bildhaftem wie auch wörtlichem Sinn. "Und dabei hab ich ihm das manchmal alles andere als leicht gemacht. Er hat mir vertraut, in einem Umfang, wie er sich keinem anderen Menschen anzuvertrauen wagte. Er hat mich verändert und ich ihn. Wir..." Sie stockte. Sie könnte stundenlang schwärmen, es kam ihr plötzlich überflüssig vor - er brauchte doch bloß Augen im Kopf.
"Ihr..?", hakte er dennoch ruhig nach.
"Wir lieben uns, Vater", antwortete sie leise, "über alle Schrecken hinweg. Ich liebe ihn, wirklich."


Soll
"Es gibt etwas, was ich dir zu wissen nicht vorenthalten möchte...
es gab Erörterungen über eine Zusammenlegung der Häuser Elbenau und Berlenhoeh."
Sie wollte erst unverbindlich sich freuend lächeln. Veltin wollte eine Schwester von Sir Degenhard heira... der Gedanke hatte sich nicht einmal richtig festgesetzt, bevor Argwohn und offensichtliche Unsinnigkeit ihr die Augen aufzwangen - mit jenen also in geweiteter Form hörte sie weiter Allerichs Worte, während in ihren Ohren das Blut zu rauschen begann:
"Zwischen... dem Vater Degenhards und mir gab es darüber einvernehmliche Tendenzen..." Zwei gut befreundete Väter, die die Kinder miteinander verheiraten wollten - wie hätte es in ihrer Familie, die stets ein Bilderbuch in Lebensführung präsentierte, auch anders sein können? Aber vielleicht stieß das auf Degenhards Widerwillen genauso wie auf ih...
"Degenhard zeigte sich nicht abgeneigt und ich schlug ihm seinen Wunsch nicht ab, mich zu begleiten, als sich heraus stellte, dass Veltin nicht abkömmlich ist, um dich näher kennen zu lernen.

Darna...

Darna?"

Sie blinzelte irritiert. "Ja?" Himmel, hatte er noch mehr gesagt? Nein, das kam erst jetzt, wie bestellt und pünktlich abgeholt:
"Die von Berlenhoehs sind alter ehrbarer Adel und wenn ich Adel sage, dann mein ich das ganz nach den Worten, die du angeschlagen an unserem Hause kennst.. sie haben sich über Generationen im Dienste Temoras und dem Reiche verdient gemacht. Degenhard selbst konnte ich heran wachsen sehen, seit er zwölf Jahre alt war und in Schwertbergen als Knappe begann.
Ich würde ihm, wie deinem Bruder mein Leben anvertrauen und ebenso seinem Vater, der mit mir in Schwertbergen dient. Degenhard ist ein aufrichtiger, ehrlicher und manierlicher junger Mann und.. wie Mutter sagen würde... nicht unansehnlich."
Er sollte seine Ansehnlichkeit dorthin tragen, wo der menekanische Pfeffer wuchs! Ihr stand die blanke Begeisterung ins Gesicht geschrieben.
"Das ist schön, daß er so zuverlässig ist, Vater...", sagte sie gedehnt, als müsse sie einen toten Hering bewundern, "Sonst würde ich auch nach Schwertbergen kommen und ihn verprügeln, wenn er Veltin Ärger macht. Aber wie weit wurde das... 'erörtert'?"
"Das brauchst du nicht, denn zum Einen macht er Veltin keinen Ärger, zum Anderen ist er ja hier, was eine Reise deinerseits nach Schwertb..", er räusperte sich leise und ließ den Satz fahren, "soweit, dass wir es mehr als begrüßen würden, die Häuser zusammenzuführen."

"Tu mir das nicht an, Vater", sagte sie leise, als sehe sie einem Toten ins Gesicht, "Gib ihm eine Chance, bitte..."
Er nickte und entgegnete ruhig: "Ich sagte bereits, dass ich ihm die Möglichkeit einrüume, sich zu äußern."
Ihr schwante Übelstes. "Er wird sich also gegen den ... ahnsehnlichen... Sohn deines Jugendfreundes durchzusetzen haben?"
"Ja Darna, und er hat ein ebensolches Recht auf eine Chance." Es klang mahnend - und es schnürte ihr die Kehle zu. Vaters Segen zu erlangen, hieß also, tatsächlich Degenhard das Entgegenkommen zu gewähren, was sie von ihrem Vater gegenüber Andrey erhoffte. Und es schien ihr wohl fast ebenso unmöglich vorstellbar, wie Allerich, daß an dem zunächst blauhaarigen Oberleutnant was dran sein könnte.
"Was Andrey mir bedeutet und geleistet hat, kann er gar nicht aufholen, Vater."
"Was seine Hochgeboren von Greifenbach dir bedeutet, Darna.. vielleicht so schnell nicht.. was aber die Leistungen Degenhards betrifft, kann ich ruhigen Gewissens und absoluter Überzeugung versichern, daß sie meine Ansprüche, was diese Dinge betrifft, erfüllen."

Himmel, das sah nicht gut aus. Das sah überhaupt nicht gut aus. Aber vielleicht hatte sie Glück. Zu Heiratsabsichten gehörte mehr als der Wille der Väter, und Männern fiel es leichter, bei sowas mit einem "Nein" den Ton anzugeben, als der Frau.
Degenhard brauchte sie bloß ablehnen. In diesen Momenten betrat er auch das Kaminzimmer. Sie machte einen halben Satz zurück, so sehr erschrak sie, und der erste instinktive Wunsch war, ihm eins der schweren Bücher als erstes greifbares Objekt an den Kopf zu werfen.
"Ansehnlich"... pah. War er - na und?!
"Ihr findet mich besser schnell scheußlich, Hochgeboren, sonst gnade Euch Temora!"
Allerich von Elbenau

Beitrag von Allerich von Elbenau »

Gestern noch

schien es ein Abend zu werden, der Vater und Tochter sich näher kommen ließ. Die ersten Stunden die sie zusammen verbrachten ohne Störungen. Zeit für ganz banale Dinge, wie das Wetter, gute und schlechte Plätze für einen Hausbau bis hin zu:
„Wie habt Ihr Frau Mutter eigentlich kennen gelernt?“
Banal?
„Sind das nicht Fragen, die Töchter üblicher Weise ihren Müttern stellen?“ Ich muß das nicht beantworten.
„Mutter ist nicht hier.“
Ich muß das nicht.. „Ich werde ihr schreiben, dass ihre Anwesenheit von Nöten ist.“
„Warum, habt Ihr Euch so peinlich benommen, dass es an ihr wäre, das in schöne Worte zu kleiden, Herr Vater?“
„Peinlich?“ Was bitte war peinlich daran mit den anderen jungen Männern die Namen der jungen Schönheiten und der weniger Schönen in kleine Holzstücke zu ritzen und sie nacheinander aus einem ledernen Beutel zu ziehen, um sich dann recht albern darüber zu belustigen, wer die trampelige Hermintrud gezogen hatte? Nichts!
„Ich meine... Unbeholfen ja.. vielleicht? Wobei.. wirklich schwer vorstellbar.. also...“
Unbeholfen? Natürlich nicht. Wenn man davon absah, dass er stets zu Hermintrud starrte, wenn er mit Siglinde tanzen durfte, weil er sich nicht getraute, sie anzusehen, wenn sie so nah... trotz des penibel eingehaltenen Abstandes, der sich beim Tanzen Unverheirateter geziemte und Hermintrud ihm errötende Blicke zuwarf und deren Vater daraufhin Gespräche mit dem seinen suchte.. und der seine anschließend mit ihm... Unbeholfen? Natürlich nicht!
„Ihr habt sie also im Sturm erobert?“
Wenn man das unbeabsichtigte Stolpern in Siglindes Arme als Eroberung zählen kann, weil die enttäuschte Hermintrud ihm unauffällig ein Bein stellte.. ich muß das nicht beantworten... „Ja... nein!“
Einmal mehr wünschte er sich seine Frau nun an seiner Seite.. wobei.. vielleicht hatte es etwas für sich, dass sie gerade jetzt nicht hier war...
„Pflichtheirat Herr Vater?“
„Es.. dein Großvater und... deiner Mutters Vater.. Theobald von Dreybuch waren Knappen in Schwertbergen... weshalb ich dort ebenfalls als Knappe hingeschickt wurde. Durch die wachsende Freundschaft der beiden lernte ich natürlich auch schon früh deine Mutter kennen.. wobei ich ihr zu der Zeit nicht viel Beachtung schenkte... sie saß zumeist bei ihrer Mutter und den Damen, die sich regelmäßig trafen... um die neuesten Schnitte der Schneiderinnen zu begutachten, oder die neuesten Stickmuster auszutauschen... wir jungen Männer mußten jedoch immer mal... ich bin sicher, deine Mutter könnte das anschaulicher erzählen.“
„Bitte, erzählt weiter, Herr Vater. Was mußten die jungen Herren denn immer mal wieder?“
„Die jungen Damen ausführen...“ Das mußte nun aber mal genügen! „Das ist nun auch wirklich nicht interessant.“
Offenbar war es ihm gelungen, es derart spannend zu erzählen, dass Darna sich weitere Fragen ersparte.

Als der Morgen graute, beschlossen sie, dass es an der Zeit wäre, sich etwas Schlaf zu gönnen. Es folgte ein verbales Gerangel darum, wer wen wohin geleiten dürfe, aus Gründen, die für Beide wohl nicht mißverständlicher hätten ausfallen können.
„Dich sicher zu geleiten ist mir nicht umständlich.“
„Ihr entschuldigt mich kurz, bitte?“ Gerüstet kam sie zurück, als würde sie nicht ins Kloster wollen, sondern in den Krieg ziehen... gegen ihn?
„Und nun macht Euch bitte nicht lächerlich, Vater, ich käme nicht sicher zum Kloster.“
Lächerlich? Sie war seine Tochter, er würde sie überall hin begleiten, wie seine Frau, wie seinen Sohn, wie seinen Waffenbruder. Ein Treffer in seine ungeschützte Magengrube.
„Ich hoffe, Euch so gebührend sicher zum Schloß begleiten zu können, Herr Vater.“
Auf einen Angriff folgt eine Verteidigung oder ein Gegenangriff.
„Mach dich nicht lächerlich Darna.. es ist unsinnig, wenn du mich zum Schloß begleitest und ich dich anschließend zum Kloster.“
„Genauso unsinnig, wie mich dergestalt zum Kloster zu begleiten, von wo ich Euch wachend folgen müßte, weil Ihr ungerüstet ja glatt noch eher einem Überfall zum Opfer fallen könntet, als ich.“
Auf dem Weg zum Kloster aus der mittleren in die innere Mensur... Angriff, Parade, Gegenangriff, Parade, Angriff.. die Klingen fuhren aufeinander, unerbittlich, da bald keiner von Beiden mehr in der Lage, oder gewillt war, die Waffe zu strecken. Dann eine Finte.
„Ja Vater, weil genau das, was Ihr alles getan habt, dafür Sorge trug, dass hier kein verwöhntes und verweichlichtes Frauenzimmer steht,“ Und da war er verdammt nochmal auch Stolz drauf! Seine Mimik wurde weicher, sein Blick wärmer, die Waffe nur noch auf halber Höhe gehalten. „... das in diesem unnötigen Aufwand zum Kloster hätte begleitet werden müssen - keine kleine Tochter, die ins Bett gebracht werden muß...“ Es wäre mir nicht eingefallen dich ins Bett zu bringen. „Was Ihr mir heute aufgenötigt habt und schon vor einigen Tagen bereits aufnötigen wolltet, jeglichem Einwand und allem Bitten von mir spottend, spricht nahezu allem, was Ihr aus mir geformt habt, Hohn - außer einem, was es übrig ließe: einem kleinen Mädchen, das sich nicht zu wehren wüßte. Das bin ich nicht.“
„Aufgenötigt...“ Die Waffe sank zu Boden, er tödlich verwundet.

Nicht viel später führte seine Hoheit den finalen Schlag aus.
„Hattet Ihr bereits die Freude, jenen Mann kennen zu lernen, über welchen ich Euch in meinem Schreiben berichtete, den Oberleutnant der Garde, damals noch Leutnant im Range? Ich hoffe, Euer Urteil ist voll wohlwollender Freude. Er hat sich stets als fähiger Gardist erwiesen. Ich schätze ihn, trotz all der Wirrungen um seinen Namen und seiner Herkunft, von der Ihr sicher schon gehört habt, weiterhin hoch ein.“
Gestern noch schien es ein Abend zu werden, der Vater und Tochter sich näher kommen ließ...
Andrey von Greifenbach

Beitrag von Andrey von Greifenbach »

Keiner von uns wusste, dass der Teil jenes Briefes an Sir Allerich, der mich behandelte, verwischt war. Also konnte ich dem Grafen nicht wirklich böse sein, darüber, dass er Allerich in einem Gespräch dezent auf die Stirn schrieb, wer da wirklich vorhatte seine Tochter zu ehelichen. Passend jedoch war es nicht, war Sir Allerich doch ein Mann der auf, wie er selbst später betont hatte, Offenheit und Ehrlichkeit in allen Situationen bestand. Natürlich, alles andere wäre auch nicht genehm gewesen. So aber kam ich nun, im Rittersaal des Schlosses sitzend, in arge Bedrängnis, als er mich fragte, warum das alles nicht schon viel früher zur Sprache fand.

Sir Allerich hatte Darna vorher schon verdeutlicht, dass Degenhardt von Berlenhöh zu Gliemeck nicht unbedingt per Zufall hier war. Für mich ist es purer Hohn, in einem Balzgehabe, wie es die Hähne auf dem Misthaufen zu tun pflegen, um eine Gunst zu kämpfen, die ich schon längst habe, gegen einen Mann, der die Frau, die Tochter Sir Allerichs ist, nichteinmal richtig kennt.
Aber das ist das Geschäft des Adels, eine Sache, die ich lange Zeit nicht als die meine erachtete. So galt es, das eigene Bild in den Augen Sir Allerichs zumindest soweit zu zeichnen, dass er nicht mehr an Haarfarben denken musste, wenn er mich sah. Natürlich war er angefressen, weil man ihn nicht schon viel früher darüber unterrichtete. Aber was hatten wir für eine Wahl? Sicher, ich hätte ihm schreiben können.



Unter dem Antlitz der Tochter und dem Reich unter Prinz Ador I. zur Ehr, entbiete ich euch meine Grüße, Sir Allerich von Elbenau!


Hiermit möchte ich, Adrenalon, Leutnant der Garde mit einer recht schwierigen Vergangenheit, um eure Tochter, Freiherrin Darna von Elbenau, anhalten.
Ich habe gute Referenzen: Eigentlich besitze ich ein Lehen, kann aber den Namen hier noch nicht sagen. Eigentlich heisse ich auch garnicht Adrenalon sondern bin edlen Blutes, aber das darf ich euch auch eigentlich noch garnicht sagen. Ich bin Leutnant der Garde, mit guten Chancen zum weiteren Treppenschritten auf der Leiter der Karriere, aber wenn ihr euch meine Akte anseht, werdet ihr sehen, dass da noch einige weisse Flecken sind. Aber Pscht!...





Ich habe es aus gutem Grund gelassen.
Manchmal legt einem der Gang der Zeit auf, wann man handeln sollte, und wann nicht.
Ich weiss nicht ob er es verstanden hat, aber das ist auch nicht wirklich wichtig. Mir ging es vielmehr darum, um der Sache Willen diese Differenzen auszuräumen. Er war der Vater Darnas, natürlich, warum sollte er nicht das Recht haben alles zu erfahren? Offenheit und Ehrlichkeit, das waren Dinge, die an jenem Abend im Rittersaal aus mir heraussprudelten, wie gewöhnlich auch, aber zumindest _Offenheit_ pflegt man gegenüber jemandes Unbekannten eher pointiert einzusetzen.
Was ich ihm geben konnte, habe ich ihm gegeben. Ein Rundum-Bild von mir. Ob er es zulässt, dieses Bild in seinem Kopf mit Farbe zu füllen, steht auf einem anderen Blatt. Er kennt mein Anliegen, mein Bestreben, und ich denke er hat auch verstanden was ich von seiner Idee, Degenhardt mit Darna zu vermählen, halte. Auch wenn ich es ihm nicht explizit gesagt habe.
Letztendlich hat er mich doch vor den Kopf gestoßen. Es benötige keinen Bund der Ehe, um einer Person etwas wiederzugeben, was man von ihr erhielt. Dabei habe ich damit nur versucht, ihm klarzumachen, was uns neben der Liebe selbst verbindet. Vermutlich ist es ein Manko aller Ritter der alten Schule, ihr emotionales Zentrum auszuschalten, wann es nicht angebracht ist.
Also gab er mir einen Tag _Bedenkzeit_. Wäre die Situation eine andere gewesen, hätte ich ihn vielleicht sogar ausgelacht. Da das nicht gut gewesen wäre, habe ich es stillscheigend akzeptiert. Offenheit und Ehrlichkeit.

Er wird von mir nichts anderes hören als gestern auch. Aber vielleicht benutze ich diesesmal einen Stempel, wenn er mich immernoch nicht versteht.
Zuletzt geändert von Andrey von Greifenbach am Freitag 29. Juni 2007, 17:46, insgesamt 3-mal geändert.
Allerich von Elbenau

Beitrag von Allerich von Elbenau »

Heute also

hatte Andrey von Greifenbach das Gespräch mit ihm gesucht.
Er hatte seiner Tochter sein Wort gegeben, Andrey einzuräumen, sich erklären zu dürfen und er wäre nicht der, der er ist, würde er es nicht einhalten.
Jedoch hatte Allerich nicht vor, ihm etwas zu schenken und schon gar nicht seine Tochter. Er würde ihn zerpflücken und zusehen, wie er sich selbst wieder zusammen setzen würde.

„Lady von Elbenau unterrichtete mich über das Gespräch, welches Ihr mit ihr führtet, ebenso über Euren Willen, was ihre Vermählung angeht. Spreche ich offen, so kann ich auch sagen, dass ihr euch sicherlich vorstellen könnt, dass mein Standpunkt dazu dem Euren in keinster Weise entspricht.“
„Es ist in keinster Weise mein Ansinnen gewesen Hochgeboren, dass Ihr Euch meiner Meinung anschließen mögt.. ich wüßte auch nicht, wozu das von Nöten gewesen sei.. bisher.“ Es interessiert mich nämlich herzlich wenig, ob du meiner Meinung bist!
Wie dem auch sei, mein Anliegen ist Euch bekannt, und das Eurige sei mir bekannt.“
So, ist es das?
„Verzeiht Hochgeboren.. vielleicht trügt mich mein Erinnerungsvermögen.. aber ich kann mich nicht entsinnen, bisher von Euch von Eurem Anliegen unterrichtet worden zu sein. Etwas aus den Worten anderer oder meiner Tochter zu schließen und etwas als tatsächlich bekannt zu titulieren ist ein Unterschied.“
„So will ich die bisherigen Rückschlüsse offen in diesem Moment titulieren: Mein Anliegen sei es, um die Hand eurer Tochter anzuhalten.“
Und das... üben wir morgen noch einmal Hochgeboren... und wenn es sein muß, dann auch noch übermorgen.. bis dahin wird dir meine Kenntnisnahme genügen müssen.

„Gut. Sodann unterrichtete mich eure Tochter auch über euren Unmut über den Fakt, dass... Ihr nicht von vornherein über dieses Anliegen von uns informiert wurdet. Seid vergewissert, dass ich diesen Unmut vollkommen verstehe und mich zutiefst für diesen Umstand hiermit zu entschuldigen gedenke.“
„Ihr gedenkt.. Hochgeboren? Laßt mich wissen, wenn Ihr da zu einer Entscheidung gekommen seid.“
Er schlug sich nicht übel der junge von Greifenbach, hatte sich scheinbar im Griff, ließ sich nicht hinreißen zu unbedachten Äußerungen, drückte nun gar sein Bedauern aus, wie die Dinge gelaufen waren, jedoch erahnte der alte Herr die Impfungen seiner Tochter, dies war nicht der junge Mann, den er bisher erleben durfte.. die Entschuldigung nahm er jedoch an.

Andrey berichtete ihm nun von seiner Erziehung, die dem offenbar fehlgeleitetem Glauben seines Vaters unterlag, der sich zwar Temoragläubig nannte, dies jedoch nur für seine eigenen Zwecke einsetzte. Er erzählte vom Aufstand des Volkes und dem Mord an seinem Vater, wie von seiner Flucht, da ihm die Lage aussichtslos erschien. Desweiteren erfuhr Allerich von seiner Ankunft auf Gerimor, dem Ablegen seines Namens und Titels, als auch seinem Entschluß, Temora und Reich zu Diensten zu sein, in der varuner Garde, um irgendwann Position und Möglichkeit zu bekommen, die Fehler seines Vaters zu beseitigen und seine Bestimmung als Titelherr wieder aufzunehmen.
Er erfuhr von den Umständen, die dazu geführt hatten den jungen von Greifenbach freizusprechen von der Anklage des Hochverrats, er zerpflückte die Umstände, den Kronrat, die seine Hoheit Umgebenden und erntete von Andrey teils Zustimmung, teils weitere Erklärungen. Nein, dies war nicht der junge Mann, den er bisher erlebt hatte.

„Ihr kennt nun meine Vergangenheit, meinen Werdegang, aber auch meine Reputation und meine Stelle hier in der Grafschaft. Jedoch... kennt ihr nicht den Menschen Andrey, der vor Euch sitzt. Der vor Euch sitzt und versucht, den Vater der Frau, die er über alles in der Welt liebt, von seiner Würdigkeit, seinem Respekt und seinem Vertrauen zu überzeugen. Und das, ohne zu schmeicheln, ohne falsche Worte oder geschicktes Gerede, sondern mit der von Euch geforderten Offenheit und Ehrlichkeit. Ich verdanke Eurer Tochter _dieses_ Leben. Sie hat mich aus diesem Sumpf in das Leben geführt.. mir die Stärke gegeben, um all dies zu
erreichen, aber vor allem.. mir den Weg in das uneingeschränkte Licht zu zeigen.“
Und wo sind da deine Taten junger Andrey, außer dem Willen mich zu überzeugen?
„Was in der Hauptsache für meine Tochter spricht.“
„Das tut es, ja. Ich bin gewillt, ihr all dies wiederzugeben.. _weiterhin_. Mir ist bewußt, dass ich niemals das Vertrauen von Euch erlangen könnte, wie es Hochgeboren von Berlenhöh hat. Aber ich bitte Euch darum, mich als eben diesen Menschen zumindest zu sehen und meine Bitte zu überdenken.“
„Ich bin geneigt Hochgeboren, Eurer Ansinnen zu überdenken, möchte jedoch nicht versäumen, Euch Gelegenheit zu geben, eben dieses Ansinnen zu überdenken. Es ehrt Euch, dass Ihr von dem Wunsche getragen seid, meiner Tochter im Guten zu vergelten, was sie für Euch getan hat.. der Bund der Ehe wäre dafür jedoch nicht von zwingender Notwendigkeit, wie Ihr mir sicher zustimmen werdet...“ Vielleicht versuchst du es mit einem Strauß Blumen und einem aufrichtigen Danke! „...in Folge dessen gebe ich Euch also ausreichend Zeit, bis Ihr zu einem Entschluß gekommen seid.“
„Mein Entschluß steht nach wie vor fest, Sir Allerich, denn ich _liebe_ eure Tochter. Darüber, mit Verlaub, müsste ich nicht im Ansatz nachdenken, denn es gäbe _nichts_ was jene Liebe in mir schwächen würde.“
Soweit kommt es gerade noch. Wenn ich sage, du denkst drüber nach, dann wirst du das in Betracht ziehen. Schön, dann eben deutlicher!
„Ich erwarte Eure Entscheidung zum morgigen Tage Hochgeboren. Bis dahin... und auch darüber hinaus erwarte ich von Euch... dass Ihr Euch meiner Tochter nicht in unehrenhafter Weise nähert.“
Anstelle des zu erwartenden Protestes, dass das auch bisher nicht.. stellte sich Andrey vor ihm auf und versicherte:
„Dann stehe ich mit meinem Namen dafür ein und werde Eure Erwartung erfüllen.“
Auch die, dich aufzulösen, Hochgeboren?

„Meinen Respekt Hochgeboren für den Gang in die Höhle des Löwen.“
„Die Höhle Kryndlagors selbst würde mich nicht davon abhalten, Sir Allerich.“
Nehmen wir jetzt nicht den Mund etwas zu voll Hochgeboren?
„Laßt es gut sein Hochgeboren, ehe ich geneigt bin Euch diesbezüglich auf die Probe zu stellen.“
Es sollte doch heraus zu finden sein, wo sich die Höhle Kryndlagors befindet?
Darna von Hohenfels

Beitrag von Darna von Hohenfels »

Vier Todesfälle und eine Hochzeit

"You´ll headed for desaster, cause you never read the signs!"

"Und ich muß warten und mir Sorgen machen?", klangen ihr noch Andreys Worte in den Ohren, als er zugestanden hatte, Degenhard den Platz zu lassen, damit er um sie werben konnte.
Nein, das sollte Andrey nicht. Aber musste er? Musste sie sich Sorgen machen? Sie machte sie sich inzwischen, obwohl sie es nicht wollte. Sie hatte gewusst, daß es schwierig werden würde, das war ihnen beiden klar gewesen - doch die Verwirrungen häuften sich, daß sie drohte, die richtige Richtung aus den Augen zu verlieren.

Der Umgang mit Degenhard wurde zum Drahtseilakt. Er war höflich, freundlich, humorvoll, ab und zu etwas kess, pflichtbewusst, unerschrocken, "ansehnlich"... - dieses Wort würde ihr wohl nie wieder aus dem Kopf gehen - kurzum: sie geriet in Panik, je näher sie einander bekannt wurden.
Es kamen Momente, in denen sie ihn mit Andrey verglich, weil er unbeeinflusst die gleichen Schlüssel zu benutzen drohte, mit denen auch Andrey sich den Weg zu ihrer Liebe geöffnet hatte.

"Es gibt keine Einwände. Ich könnte einfach eine liebe brave Tochter sein, ihn heiraten und würde vermutlich sogar glücklich mit ihm werden. Ich könnte Euch lieben, Sir Degenhard - und würde Andrey das Herz brechen. Ihr könntet der Mann an meiner Seite sein - dieser Platz ist aber schon besetzt!"
"Muß ich mir Sorgen machen?"
Nein, das sollst du nicht! Entsetzt zog sie die Tür zu, hielt sie fest und versuchte das Schloß auszutauschen, kaputtzumachen oder was auch immer; Hauptsache, Degenhard blieb draußen.

Degenhard war im wahrsten Sinne des Wortes zu liebenswert, um einfach nur freundlich zu ihm sein zu können. Und er war ein zu netter Mensch, um verdient zu haben, daß sie unfreundlich zu ihm war - langsam fing es an, also in zwei verschiedenen Richtungen an ihr zu reißen. Und wie sollte das weitergehen? Was, wenn diese Schraube sich weiter und weiter drehte? Wenn aus parallelen Konkurrenten direkte Rivalen wurden?
"Das wird doch nur eine Katastrophe geben."
Katastrophen? Zwischenzeitlich erschien es ihr so banal, so läppisch, so unnötig - währendessen gab es Grund zu wirklichem Leid, wenn sie Adrian ansah, fast schon hilflos hinter dem schwer verwundeten Freund stand, rückte das alles in so weite Ferne... ihn hatte kein höfisches Geplänkel, sondern der Tod von dem Menschen getrennt, den er liebte. Das war das einzige, was nicht aufzuhalten war. Das war das einzige, was das Glück einer Ehe davor und danach beenden konnte.
"Es ist so dunkel um mich herum, Eileen, bitte strahle für mich, meine Sonne", hatte sie ihn flüstern gehört und es versetzte ihr einen Stich. Eine kleine Kerze wäre sie ihm dann gerne gewesen, wissend, daß die in der Nacht reichte. Aber Rafael hatte besser gewusst, wie zu ihm vorzudringen war, wie dieser Panzer durchbrochen werden konnte, und sie war froh darüber gewesen.

Was hatte auch Adrians Liebe damals alles im Weg gestanden...
Es hatte eine romantische, unbeschwerte Hochzeit am Wasserfall hinter Berchgard werden sollen, Korporal Nevrenes, die ihr stets zugetan gewesen war und die sie zu schätzen gelernt hatte, strebte nun ebenso ihrem Glück in einer Ehe entgegen. Eine liebevolle und harmonische Zeremonie, auch wenn einige der Freizügigkeiten sie weiterhin schockierten und wohl niemals Teil ihrer Welt sein würden - die Korporal schon Mutter, der Ehemann, der ihr ins Gedächtnis rief, daß Eluive Dinge wie eine Mehrfachehe nicht verbot, auch wenn er beteuerte, nur diese eine Frau zu lieben...
Sie lauschte mit halbem Ohr den gesprochenen Worten und stellte sich vor, wie ihre eigene Hochzeit aussehen würde, aussehen könnte. Vermutlich deutlich mehr Gäste, eine andere Kulisse, alles nicht so "herzig" verspielt, würdevoller, reglementierter... hoffentlich würde nicht noch irgendwas furchtbares passieren.
"Unter den wärmenden Strahlen der Sonne Eluives", hallten Sanyarins Worte in ihr Ohr...

...Plötzlich war da wieder das Bild von Adrian trauernd vor dem Sarg und weit hinten in ihren Gedanken klang ein entsetztes "Was?!" - sie hatte sich irgendwie verhört, oder? Hier war doch alles fröhlich und friedlich. Da stand das Brautpaar, dahinter die Priesterin. Wo war sie nur mit ihren Gedanken? Einige Momente kam sie sich vor, als war ihr der Boden unter den Füßen weggezogen worden und sie befände sich in freiem Fall, seltsam leicht. Der Blick hatte sich an den Flammen der Feuerschale schräg voraus zwischen ihr und den sich Vermählenden verfangen, vorne schwörten sie einander die Treue, reichten sich die Hände...
Die hellen Flammen im Sonnenlicht tauchten das Bild in eine seltsame Farbe, wie ein Schleier, eine zweite Wirklichkeit, die sich über die erste legte. Da vorne stand die Braut und reichte dem Mann vor ihr die Hand zum Bund. Neben dem ersten stand ein zweiter. Kurz bevor Braut und Mann einander berührten, sank er in sich zusammen wie eine leblose Puppe, völlig unspektakulär, einfach tot und liegengelassen. Ein Blutfilm legte sich über die Szenerie, die Flammen auf die sie weiter starrte, tauchten alles in Blut und Flammen. Bevor noch irgendwas anderes groß vorher geschehen konnte, fiel auch der zweite Mann zu Boden. Genauso wie eine Marionettenfigur, der die Fäden durchschnitten wurden.
Unfähig zu einem Gefühl außer vagem Schrecken beobachtete Darna, wie ein dritter Mann, der ein wenig weiter entfernt seitlich der Braut stand, nun die Hand zu ihr ausstreckte - eine helfende Geste. Sie geschah gleichzeitig, während die Frau kraftlos zu Boden ging. Über allem Blut und Feuer.
Feuer.
"Feuer. Du kannst immernoch nicht damit umgehen, oder? Warum erträgst du gerade den Anblick? Schau weg. Es ist doch eine Hochzeit, du hast so vielen nun schon beigewohnt - du musst doch völlig weggetraten wirken gerade. Was hat ihre Gnaden jetzt gesagt?"

Sie hatte die Gänsehaut, die sich auf ihren Armen gebildet hatte, nicht weggerieben bekommen. War Sharina etwa in Gefahr? Da war doch nur einer, Arstein. Aber vielleicht kamen da mehr... sie verabschiedete sich, ehe sie in dieser Lage die Feier nur völlig verdorben hätte, sie kannte das, diese Grübelei dann konnte alles anstecken und runterziehen.
Stattdessen sorgte sie dafür, daß die Korporal die nächsten Tage überwacht werden würde. Doch es schien alles ein Fehlalarm, Lucenius schien eher sie selber in diesen Bildern wiederzufinden, sprach ihnen aber wenig Gewicht zu. Andrey und Degenhard würden einander doch schließlich nicht an die Gurgel gehen - aber ein Ende musste dieses Spiel finden.

Es spukte ihr weiter im Kopf rum.
Adrian erzählte ihr irgendwann später von den Träumen, die ihn nächtelang geplagt hatten - eine Flutwelle, die ihm Eileen fortriß, ohne daß er etwas dagegen tun konnte.
"Ich wusste diesmal, daß sie mir wieder weggenommen werden würde, doch ich konnte mich dieses Mal wenigstens von ihr verabschieden, sie noch einmal halten..."
Warum nur konnte sie nicht mehr für ihn tun? Er tat ihr so leid. Und auch, wenn sie Calamdor verstand, für einen winzigen Moment hätte sie ihm vor ein paar Tagen bei den Weinschenks die Augen auskratzen können.
"Das Gebot der 'trockenen Tränen', Milady. Er ist der Truchsess, und er wird diesen Verlust verwinden, um weiter seiner Pflicht nachzukommen - zu regieren."
Er hatte recht, und genauso hätte er eine Ohrfeige dafür verdient gehabt, wären sie unter sich gewesen.

Es spukte ihr alles zunehmend im Kopf rum.
Konnte es nicht bald vorbei sein? Sie schöpfte mit einer Hand kaltes Wasser aus dem Brunnen im Schloß und wischte sich über das Gesicht. Ihre eigene Nacht war heute sehr unruhig gewesen. Nun war es wieder Adrian, der hinter ihr stand.
"Wenn du reden möchtest..."
"Ausgerechnet dich werde ich nicht damit belasten. Ich werde dir bestimmt nicht sagen, Teile deines Traumes nachgeträumt zu haben, damit du dir noch mehr die schuld geben und deinen Einfluß für noch schlechter halten kannst, nein."
Einige Zeit später fand doch die Erklärung für ihr seltsames Verhalten über ihre Lippen. Ein von Wassertropfen beflecktes Taschentuch, ihr eigenes das fehlte und das sie bei Degenhard argwöhnte, die Flammen des Kamins im Schloß, alles suchte gerade ihre Aufmerksamkeit zu fesseln wie ein Pfeifen, das fast zu hoch war, um es noch wirklich zu hören.
"Sag mal, die Flutwelle in deinem Traum war aus Wasser, nicht wahr?"
"Ja. Warum fragst du?"
"Nur Neugier."
"Hast du etwas ähnliches geträumt wobei es nicht um Wasser ging?"
"Mh, ja."
"Und was genau hast du nun geträumt?"

Sie erzählte ihm.
Eine Woge hatte sich erhoben, während sie am Strand stand, ein Stück weit entfernt außer Reichweite stand eine Menschengestalt. Die Welle hatte sich in gut beobachtbarer Majestät zu unüberwindlicher Höhe bedrohlich aufgetürmt, und im Betrachten war ihr klar geworden, daß sie nur aus Tränen bestand.
Mitten in der Bewegung hielt die Woge inne. Sie sah zu der Person vor sich, ihr wurde klar, daß die Flut die Gestalt mitreißen würde. Mit von Gefühlen distanzierter Klarheit war ihr bewusst geworden, daß es das Gleiche wie bei Eileen sein würde. Die Gestalt drehte sich zu ihr um.
Entsetzen beim Erkennen.
"Wer war die Gestalt?"
"Ich weiß es nicht", entgegnete sie leiser. Das war das Schlimme daran, sie wusste es wirklich nicht. Also konnte es jeder sein, dessen Tod sie entsetzen würde - das waren so einige Menschen.
Sie hatte sich gegen den Gedanken der Endgültigkeit aufgelehnt. Sie konnte nichts dagegen tun, daß die Woge ihn wegreißen würde, doch sie stand ebenso am Strand, das gehe überhaupt nicht, daß die Welle sie dann nicht ebenso erfassen würde. Es würde ihrer beider Tod sein.
"Und als ich überzeugt war, daß die Welle dann uns beide mitnehmen müsste, tauchte Sir Calamdors Gestalt in vllig unnatürlicher Größe plötzlich neben der Woge auf - und erschlug sie mit einem Buch. Er schlug mit dem Buch auf den Wellenkamm, und stampfte sie damit irgendwie regelrecht in den Boden."
"Das Buch hiess nicht zufällig Pflichten und Aufgaben der Ritterschaft?"
Sie hob die Schultern. Es lag sogar nahe, aber...
"Ich sagte doch, Unfug."

Es musste endlich ein Ende finden. Dieses Spiel musste aufhören, und am besten, es würde keine zwei Personen geben, die womöglich vor ihr stehen konnten. Sie musste aufhören, mit Degenhard herumzutänzeln - und sich wie ein sich bloß zierendes Burgfräulein zu benehmen. Er musste das Interesse an ihr verlieren, und sie durfte ihm keine Chance einräumen.
Darna von Hohenfels

Beitrag von Darna von Hohenfels »

Die Schlinge zieht sich enger

"Yes, too much love will kill you and you won´t understand, why!"

Ihr Blick studierte Degenhards Antlitz, wissend, daß die Momente unaufhaltsam verrannen, in denen den Lebenden dies vergönnt war. Sorgfältig hatte sie das getrocknete Blut fortgetupft, die Wunde vom Dolch in der Kehle durch ein Tuch verdeckt. Neben ihr kniete Allerich, sie nahm mit ihm die Pflicht der Totenwache wahr, er hatte in Degenhard etwas wie einen Sohn verloren. Wieder trauerte sie für den Hinterbliebenen mehr als um den Toten. Es schien, als hätte sie nicht mal Tränen für ihn übrig. War es Aradans Tod gewesen? Viviannes Fortgehen? Etwas aus dieser Zeit hatte dem Sterben liebgewonnener Menschen den Stachel genommen, es ließ sich an nichts Bestimmten festmachen.
"Bin ich grausam? 'Trockene Tränen'... Das Symbol der Aufopferung verleugnet, entwertet? Dem Mitgefühl Hohn gesprochen? Ausgerechnet ein Herz..."
Jedes Detail der edel geschnittenen Miene, die nun für immer reglos blieb, nahm sie wahr und brannte sie in ihre Erinnerung.
"War ich grausam zu dir? Die letzten Worte ein voneinander abwenden. Du hast mir Freundlichkeit gegeben, und ich konnte sie nicht recht erwidern. Zu groß die Sorge, nicht recht gemessen dir mehr als Freundlichkeit zurückzugeben. Andreys Gewicht aus den Augen zu verlieren. Manchmal hat die Waage mehr als zwei Schalen.

Es tut mir leid. Für dich, für Vater. Und der Argwohn, daß etwas geschehen könnte, hat nicht gereicht. Wie kämpft man gegen einen unsichtbaren Gegner, von dem man nur fast sicher weiß, daß er da ist?
Es tut mir leid, dich als Opfer dieses Kampfes zu sehen. Es tut mir leid, daß du hier mit reingezogen wurdest. Wobei... nein, das ist nicht recht - ich sollte nicht denken, als wäre der Kampf nur hier, und überall andernorts Sicherheit. Es spräche dem, was du bist, Hohn. Ritterlich in allem, von der Göttin sicher geliebt. Es tut mir leid, einen weiteren Bruder verloren zu haben. In einer anderen Welt hättest du genauso der Mann meines Herzens sein können."

In seiner Westentasche nun ein Taschentuch, mit dem Hirschwappen und ihren Initialien bestickt, das sie ihm zuvor verwehrt hatte, als Symbol des Erlaubens, einer Dame den Hof zu machen. "Ich will es nicht, wenn es Euch rein gar nichts bedeutet, Milady" - nun hatte sie es ihm in einem unbeobachteten Moment zugesteckt. In einer anderen Welt durfte es Verbundenheit bedeuten.

"Du hättest ihn so nicht sehen sollen", wiederholte Allerich leise neben ihr. Im Schloß hatte er ihr den Zutritt zum Zimmer verwehren wollen.
"Herrin Temora, im Lichte deiner Gerechtigkeit erhebe ich mein Antlitz, um meine Augen zu öffnen für alles, was wahr ist.

Es wird die schlimmste meiner Sorgen sein, nicht wahr? Warum solltest du mich sonst warnen?"

Sie hob den Blick zum Temorakreuz, und die Zeit der Wache ließ ihr erdrückend viel Raum zum Nachdenken, während ihre Hand auf ihres Vaters Schulter ruhte und die seine auf ihrer Hand. Die Szenen der Bild gewordenen Sorgen zogen vor ihrem Auge vorbei. Der erste der zwei Männer war gefallen. Die Flut würde ihr auch den zweiten fortreißen.
"Ich werde auch Andrey verlieren, nicht wahr?"
Die Serie würde sich fortsetzen. Eileen, Jezebel, Degenhard, Andrey. Wie in Ketten gefesselt wollte sich etwas in ihr auflehnen, losstürmen, ihn suchen, bevor es zu spät war. Sie hatte Calamdor und Thelor gewarnt, doch es war sicher nicht ernst genug genommen worden. Warum auch?
"Du hast immer selber gesagt, wenn jemand bedroht wird, ist es fast unmöglich, ihn vor unsichtbaren Feinden zu schützen."
Sie schaute zu Degenhard. Sie bedauerte ihren letzten Wortwechsel, bedauerte, daß es so geendet hatte. Als sie Andrey das letzte Mal sah, war es die aufgezwungene Distanziertheit gewesen, die sie beide ihrer Ehrenworte wegen zueinander wahrten.
"Doch nun konnte ich mich wenigstens von ihr verabschieden, sie noch einmal halten", klangen ihr Adrians Worte durch die Erinnerung. Sie wollte losstürmen, ihn suchen, bevor es zu spät war.

"Ist es das, was du mir sagen wolltest? Das, was du mir gewähren willst?" Was sollte das für eine Grausamkeit sein, sich mit solchen Gedanken... von ihm... zu verabschieden? Es trieb ihr Ekel hoch.
"Warum würdest du ihm nicht helfen können, Herrin, wenn du schon weißt?", dachte sie anklagend und senkte schon im gleichen Moment beschämt den Blick. "Es muß irgendeinen Sinn haben. Wege sind nicht unabwendbar, du wirst irgendwas tun können müssen. Vielleicht ist es zu ändern."
Der nächste Gedanke wagte es kaum, gedacht zu werden: "Und was, wenn nicht? Was, wenn du den Verlauf seines Lebens diesmal nicht beeinflussen kannst? Das Bild blieb nicht stehen bei seinem Fall. Es blieb stehen bei deinem Fall."

Um alle möglichen Sackgassen und Irrwege dieses Verlaufes kreisten ihre Gedanken die ganze restliche Nacht. Sie kaute alles durch, und die Gewißheit, die sich immer mehr abzeichnete und übrig blieb, schmeckte ihr nicht.
Allerich von Elbenau

Beitrag von Allerich von Elbenau »

Immer und immer wieder sah er sich selbst den Schloßflur entlang gehen, wollte schneller laufen, beim Anblick des an der Wand lehnenden Wachhabenden, beim Anblick des gehetzt um sich blickenden, augenscheinlichen Gardisten, den blutigen Dolch noch in der Hand.
Etwas schien ihn zu halten, als könne er sich kaum vorwärts bewegen, wie in Brust hohem Schlamm.
Er sah den als Gardist Getarnten in das gegenüberliegende Gemach eilen, in der Annahme, er würde Jemanden verfolgen.. und nicht der sein, der verfolgt gehörte.
Das Ächzen des sich aufrappelnden Wachhabenden „Dri.. dri..!!! Hochgeboren!“Erst dann schien es als würden die Erinnerungen erlauben, sich normal zu bewegen, ohnehin nur ein Schritt, ein Schritt in das Gemach, um festzustellen, dass er zu spät gekommen war.
Ein Glas Wasser.
Ein Glas Wasser, nachdem Darna das Schloß nach ihrem Gespräch verlassen hatte, welches ihn nachdenklich gemacht hatte.
Ein Glas Wasser, in dem er sich entschieden hatte, mit Degenhard zu sprechen.
Ein Glas Wasser, aus dem er den letzten Schluck nahm, als er das Rufen oben vernahm.

Mit leeren Händen stand er da. Es gab nichts, was das Geschehen zu erklären vermochte. Der Mörder hatte sich selbst gerichtet.
Erst viel später kam zu Tage, dass es einmal einen ähnlichen Fall gab und das dieser hier nicht auf Rahals Kappe gehen konnte. Es wurde spekuliert und er war dankbar drum, ließ der nüchtern denkende Geist dann nicht zu, dass er sich zurückzog.
Im Schloß konnte.. wollte er nicht bleiben und so nahm er Darnas Angebot dankend an, in ihrem Hause zu nächtigen.
Die verzweifelte Sorge um Andrey, die Darna zu gern versteckt hätte ließ die Frage bei ihm aufkommen, ob ihre warnenden Worte mehr als eine Ahnung gewesen waren.
Eins konnte er jedoch mit Bestimmtheit sagen... der Tod Degenhards brachte ihm sehr deutlich nahe, wie es sich anfühlen würde, wenn Darna oder Veltin etwas zustieß und eine eiserne Klammer schloß sich um sein Herz.
Noch nie hatte er sich derart hilflos gefühlt, in dem Wissen, dass er nach Elbenau und Schwertbergen zurück kehren würde und seine Tochter hier lassen mußte.
Hier war er nicht nur Ritter.. hier war er Vater.
Darna von Hohenfels

Beitrag von Darna von Hohenfels »

Der Blick auf die Elbenaus schien eine Wand, aus zwei Personen gebildet, zu offenbaren. Fast musste es als undankbare Aufgabe für ihre Gnaden Mecandis wirken, persönliche Worte über den Toten zu sprechen und die Menschen zu erreichen, die mit ihm irgendwas verbanden.

Darna sog die Worte auf, die dennoch an ihr vorbeiglitten, die Gedanken abgelenkt und von einer anderen Sorge überschattet: fast alles, was sie die letzten Tage an Trost und Halt gebenden Worten hörte, es mochte auf alle möglichen Menschen bezogen sein, sie bezog es nur auf einen. Nahm sich Trost für etwas, was nur wie ein unsichtbares Gespenst über ihr hing.
"Wie wehrt man sich gegen einen unsichtbaren Gegner? - Es geht nicht ohne Wissen. Zieh den Schild rechtzeitig hoch. Zieh die Deckung vorher hoch, wappne dich gegen den Schlag. Es ist ein grausam anmutendes Rüstzeug: die geliebten Menschen anderer sterben und der Hinterbliebenen Leid zu sehen. Dir selber Trost im Voraus zu geben, wenn du ihnen Trost gibst. Wirst du deine eigenen Worte noch glauben, wenn es soweit ist?"

Sie konnte es niemandem sagen, was sie dachte. Auch wenn manche vielleicht ahnten. Sie wusste ihnen nicht zu sagen, ob sie richtig lag. "Bei allen Göttern, ich danke euch auf den Knien, wenn es nicht so kommt!" Der Zweifel blieb, allein schon, um sich selber nicht unheimlich zu werden. Und anderen bitte erst recht nicht. Und bittschön auch jene nicht geringer schätzen, deren tatsächlicher Verlust neben dem befürchteten weniger schwer zu wiegen schien.

Die Gedanken ins Hier und Jetzt zurück gezwungen. Persönliche Worte für den toten jungen Ritter... Vaters Trauer durchbrach die Wand der Selbstbeherrschung. Menschliche Regung - und sie schien so unberührt? Alles, was zu sagen geblieben war, war in ein paar Zeilen gebannt. Verborgen auf einem schmal zusammengefalteten Zettel im Schaft ihres Handschuhs. Sie hatte nicht gewusst, wann, ob und wie sie ihn dem Toten mitgeben sollte. Aus einem kaum erklärlichen Grund hatte sie Angst, daß Allerich ihn lesen könnte, genauso wie sie es sich wünschte, ihm diesen Teil der Wahrheit zu offenbaren.
Doch ein Blick zu ihm und dem Sarg reichte. Nein, er würde ihn nicht lesen. Niemals würde er lesen, was so offensichtlich nur einem Toten bestimmt war. Und Wahrheit blieb Wahrheit, vermutlich wusste er sie auch so. Ein Ruck, und sie trat neben den Leichnam Degenhards, der so ruhig und in stiller Würde dort lag. Der Zettel fand neben seinen Arm, ihm zur Seite gelegt, sie ging so still, wie sie gekommen war. Keine sterblichen Augen außer den ihren, die um die Zeilen wissen sollten:

Ich hätt dir gern mein Herz gegeben,
doch war schon jemand anders da,
und der Herzen hab ich nicht zwei.

Ich wär dir treu wie ihm gewesen,
du hättest mir vertrauen können,
und der Rest wär einerlei.

Nun musst ich deiner mich erwehren,
es wär verkehrt, käm ich dir nah,
das war das Einzige, was blieb.

Nun tut mir leid, was dir geschehen,
doch war es nötig und auch wahr,
gleichwohl: ich hätt dich gern geliebt.

(Sandra Wolter, 28.7.2007)
Darna von Hohenfels

Beitrag von Darna von Hohenfels »

Nochmal das Ganze und doch neu

Sie besah das kunstvoll bestickte Tuch, das Vater ihr von ihrer Mutter gegeben hatte und genoß die gelassene Vertrautheit, die sie derzeit miteinander pflegen konnten, in tiefen Zügen. Selten war sie so dankbar gewesen wie in dem Moment, als Allerich unerwartet die Klosterkirche betrat und sich neben sie setzte. Familie. In diesem Moment war sie plötzlich da gewesen, so fest, so greifbar, daß der Gedanke absurd schien, sie wäre je weg und mißachtet gewesen.
"Ich habe mich von meiner Familie entfernt, nicht die Familie sich von mir."

Ihr Vater war wie versprochen zurückgekehrt. Und... er war sicher auch zurückgekehrt, weil die Schreiben zweier Herren es notwendig machten. Gewissermaßen wurde in der Bibliothek des Anwesens nun Kriegsrat gehalten:
"Du weisst also von beiden Schreiben, die mich erreichten?"
"Ja, Vater... Seine Hoheit schrieb Euch erst, als er mit Grund hoffte, daß es auch mein Dafür findet, und seine Hochgeboren von Dragenfurt unterrichtete mich, als er von Euch zustimmende Nachricht erhalten hatte." Was sie von der jeweiligen Reihenfolge hielt, sagte sie nicht - es hatte auch beides seine Richtigkeit, und sie wollte nicht schon zu Beginn einen sentimentalen Eindruck erwecken und über Traditionen lamentieren.
"Darna.. dir ist demnach ebenso bekannt, dass ich beiden zusagte?
Wenngleich mit der damals geltenden Einschränkung, dass nichts dergleichen endgültig seie, denn zu der Zeit ging ich noch davon aus, dass seine Hochgeboren von Greifenbach zurück kehren würde."
"Es ist... fast schon bezeichnend, was für Überschneidungen in den Abläufen passierten, wie es wieder zu allem kam...", sie strich mit kurz zusammengepressten Lippen eine Haarsträhne nach hinten, "Andrey blieb verschollen und ich fing... auch durch gewisse Hinweise, Ahnungen... an, die Hoffnung darauf aufzugeben, daß er je zurückkehren würde. Beide fingen irgendwann an, sich Hoffnungen zu machen, schrieben Euch - dann...", sie schluckte, "kam eines Tages danach plötzlich, aber leider nicht ganz überraschend der unmißverständliche Beweis, daß er tot ist.
Fast gleichzeitig kamen Eure Zusagen, und seine Hoheit sagte angesichts der Ankündigung in Eurem Brief, daß Ihr kommen würdet, daß eine Nachricht über Andreys Todesbeweis Zuhause dann wohl nur bei Frau Mutter ankäme - das habe ich lieber vorerst bleiben lassen, auf Euer Eintreffen hoffend."
Allerich nickte, und sie war erleichtert, daß er das Geschehen so zu billigen schien.

"Steht einer der beiden Herren höher in deiner Gunst?"
Die unerwartet offene Frage ihres Vaters ließ sie nach Luft schnappen, auch wenn er vermutlich gut daran tat, nach den letzten Wirrnissen mit offeneren Karten zu spielen. Er ließ ihr sogar die Zeit, die Antwort zu überlegen.
"Es ist... eine Spur weniger ausgeprägt... fast das gleiche Dilemma wie damals bei Andrey, nur habe ich meinen Teil durch Degenhards Vorbild dazugelernt - ich gebe seiner Hoheit den Vorzug, doch tue mich schwer damit, seiner Hochgeboren von Dragenfurt keine Möglichkeit einräumen zu wollen, sich zu beweisen..." Sie holte kurz Luft, verhalten einem Seufzen ähnlich ausatmend: "Er weiß sich schließlich auch zu benehmen, ist ehrgeizig, korrekt, reichstreu, von den Tugenden überzeugt..."
Sie wurde noch leiser:
"Und ein Ekelpaket an 'arrogantem Adeligen', wenn er sich aufführt wie nach dem Essen im Schloß letztens."
Silvan von Dragenfurt hatte es geschafft, mit seinem sorglosen Wettern über Menschen niedererer Stände sogar die Skepsis ihres Vaters zu wecken, und das gleich bei der ersten Begegnung. Bedächtig nickte der ältere Ritter, nachdem sich seine Brauen angesichts der Formulierung 'Ekelpaket' deutlich gehoben hatten: "Mögen sich gewisse Leute auch etwas zu Schulden kommen lassen haben, es ist gewiss nicht rechtens, sich in der Art und Weise verallgemeinernd über einen Stand zu äußern. Eine Tatsache, die auch mir nicht angenehm ins Auge fiel."
"Inzwischen weiß ich, er beruft sich gerne darauf, wenn ihm etwas nicht entgegen kommt, auch wenn er Nachsicht walten lassen kann, man kann gegensteuern... aber ich habe noch sehr gut die ganzen Bemerkungen von Gernot von Kelterburg im Ohr, unser 'von' wäre bei meiner Person nicht rechtens... muß ich mir von seiner Hochgeboren von Dragenfurt auch irgendwann meine gutbürgerliche Geburt vorhalten lassen?" - leichte Verärgerung schwang in ihrer Stimme mit.

Allerich von Elbenau strich sich mit der freien Hand über den Bart, eine sachlich überflüsige Geste, die man dementsprechend auch selten bei ihm zu sehen bekam. Dann schien er sich einen innerlichen Ruck zu geben:
"Darna.. nach allem was geschehen ist.. würde ich meinen Wunsch, oder meine Entscheidung dir nicht aufzwingen wollen.. so ich eine treffen würde. Du weisst, was die alten Sitten fordern, wenn du beiden das Werben zugestehst.
Wie du vorhin bereits erwähntest.. möchtest du seiner Hochgeboren von Dragenfurt nicht verwehren, um dich zu werben. Meiner Ansicht nach das einzig Richtige, nach Brauch und Sitte.. dennoch wäre ich geneigt dieses Mal die Entscheidung dir zu überlassen."
Sie atmete durch. Hätte sie um anderes Angst haben müssen? Nein, wohl nicht, aber... es lief alles schon fast zu glatt, um nicht ihren Argwohn zu wecken.
"Ich denke, ich sollte sogar froh sein, wenn ich... während der Zeit auch die Beobachtung und den Rat von Euch dabei wissen dürfte, der das Ganze... etwas distanzierter betrachten kann", erwiderte sie vorsichtig und erlaubte sich ein verschmitztes Lächeln ihm gegenüber. Liebe machte blind, aus diesem Umstand heraus hatten sich wohl so manche der Vorsichtsmaßnahmen entwickelt, die man heute Etikette nannte. Doch ihr Vater hatte ihr stets nur helfen wollen - und endlich mochte sie diese Hilfe auch wieder annehmen.

"Ich sehe dem Ganzen höchstens so weit besorgt entgegen... daß es mir leid täte, jemanden vor den Kopf zu stoßen, egal wen", meinte sie wieder nachdenklicher und fügte leiser an: "Bei seiner Hoheit könnte ich es mir im Moment noch nicht mal vorstellen, ehrlich gesagt."
Sie würde ihm um nichts in der Welt so weh tun wollen. "Aber ich will ihn doch nicht aus Mitleid und Schuldgefühl lieben, verdammt."
Allerich nickte bedächtig. "Ich werde mich also in den nächsten Tagen gemäß des Protokolls sowohl mit seiner Hoheit, als auch mit seiner Hochgeboren von Dragenfurt besprechen."
Sie nickte, atmete langsam durch. Als sie kurz darauf Allerichs Blick auffing, sagten seine Augen: "Sag es jetzt, wenn noch was ist, oder nie."
Doch was war noch zu sagen?
"Darna.. sehen wir wie es ist: Ich würde auf Etikette in vollem Umfange nach allem was geschah verzichten - denn in erster Linie liegt mir dein Glück am Herzen..." Es war ihm anzusehen, wie schwer ihm diese Worte fielen. Ihm, der in den Regeln des Adels tiefer verwurzelt war als mancher Adlige. "Er springt gerade über seinen eigenen Schatten, selbst in diesem Alter noch - für mich." Sie schluckte, hörte ihm zu.
"Nur aus diesem Grund bot ich dir an, eine Entscheidung selbst zu fällen.. dennoch ist zu bedenken, dass seine Hochgeboren von Dragenfurt aus sehr gutem Hause stammt und so es Kunde wird, dass du seiner Hoheit den Vorzug gabst, ohne seiner Hochgeboren eine ihm zustehende Möglichkeit eingeräumt hast, wird es ein Raunen geben und zwar ein deutlich hörbares."
Politik. So vertraut, so immer gleich und unpersönlich, daß es schon etwas Beruhigendes für sie hatte. Und ebenso klang ihre Antwort:
"Ich weiß, Vater... Ich bin mir sicher, wir werden einen Weg zwischen Menschlichkeit und Etikette finden, ohne aus allem ein steifes Herumgestelze zu machen oder jeglichen Anstand zu vergessen."

"Das heißt, ich folge dem Protokoll?", hakte Allerich nochmal nach.
"Ich wäre dir dankbar, dieses in gebotener Form zu führen, ja." - damit war es beschlossen.
Leicht schmunzelnd beugte sie sich ein wenig vor, doch diesmal schien ihr Blick ihn erst um Erlaubnis für eine vertraulichere Bemerkung zu fragen, die er zugestand. Leiser fügte sie an:
"Und selbst wenn ich seiner Hoheit den einzigen Vorzug geben würde... hätte ich nicht die Absicht, daß er dafür nicht auch was tun muß."
Leise gab ihr Vater zurück: "Du bist dir aber bewusst, daß im Ernstfall auch seine Hochgeboren das Tuch an der Lanzenspitze tragen könnte."
Sie, die Gemahlin von Silvan von Dragenfurt... nachdenklich drapierte sie das bestickte Seidentuch nochmal neu auf ihrem Knie. Es schien ihr schwer vorstellbar, doch eine Farce, wenn sie es rigoros ausschlösse.
"Ja, das ist mir bewusst. Wenn er es wahrlich verdient, soll es ja auch so sein."
"Gut."
Damit war alles zwischen ihnen gesagt.
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