Was passiert, wenn man einen Tag herbeisehnt und fürchtet? Sie eilte auf den Kastellhof, eben noch verwirrt Adrian suchend, der ihr befohlen hatte, Uniform anzulegen - und als sie die angetretenen Männer auf dem Kastellhof sah, wusste sie: "Es ist soweit. Heute. Jetzt." Irgendwann war sie in die Garde gekommen... wie viele seitdem gekommen und gegangen waren, sie hatte irgendwann aufgehört, sie zu zählen. Und heute reihte sie sich in diesen Kreislauf mit ein und ging. Etwas, was man kaum wahrhaben mochte, ein Teil ihres Verstandes zumindest nicht.
Sie standen vor ihr, in dem geliebten Blau und Gold, Rolosin als Zeichen dessen, daß die Garde noch über sich selber hinausgewachsen war. Hudgarr, Rondrian, Endurael, Larius, Dantian... Ihr sausten tausend Dinge durch den Kopf, der sich gleichzeitig wie leergewischt anfühlte.
"Mögt Ihr die Euch für nötig scheinenden Worte an Eure Garde zum Abschied richten, Frau Oberst!", dröhnten ihr Adrians Worte in den Ohren wie eine Alarmglocke. Trotzdem blieb sie ruhig - vielleicht war das hier der einfachste Teil. Es gab jetzt keine falschen Worte, wenn sie einfach nur wahr und offen blieb. Einen Moment klebte der Blick nachdenklich auf Rolosin und Hudgarr, die nebeneinander standen.
"Ich müsste jetzt rechnen... fünf Hauptmänner habe ich kommen und gehen gesehen..."
Fünf? Vor ihr allein standen schon zwei, aber sie waren noch Teil des Hier und Jetzt. Rouven Alestras Brüllen hallte noch nach, als sie in die Garde eintrat, Serald Khaliz war "ihr" Hauptmann gewesen, Aradan dann gleichzeitig ihr Ritter, Lucius Amador ein Gastspiel, dann hatte unter Hudgarr die Garde neue Stabilität gewonnen. Namen und Gesichter, die an ihrem inneren Augen vorbeirauschten... sie reihte sich ein in diesen Reigen.
"Die Erinnerung an mich wird verblassen. Nichts, was das ändern könnte und sollte. Altes verblasst. Kadetten, die ich schon heute nicht mehr kenne, heute nicht hier sind..."
Sie hob den Blick.
"Wie jeder hier von euch habe ich als Kadettin angefangen, und als ich das tat, prophezeite man mir, weil ich ein 'von' im Namen habe, würde mir 'das Näschen gepudert werden'."
Schöne und schlechte Erinnerungen, oh ja.
"Es wird an euch und den Erinnerungen, die man hier über mich wahren oder nicht wahren wird, liegen, ob und wie man irgendwann von 'der Frau Oberst von Elbenau' spricht.
Von mir sei dazu zu sagen..."
Sie senkte den Blick leicht. "Ich habe für 'meine' Garde", sie lächelte flüchtig, "immer nur das Beste gewollt, habe Blut und Wasser geschwitzt, versucht, jeden in der Garde zu schützen und alles mit der Garde zu schützen. Ich werde keinen einzigen vergessen, der für diesen Dienst auf der Strecke geblieben ist", klangen die Worte kurz bitter,
"Und es erfüllt mich mit Stolz, was aus den Truppen geworden ist und was sie weiter, auch ohne mich, bleiben werden - der Schwertarm der Grafschaft."
Sie sah die Reihe längs. "Treu, zuverlässig, tapfer. Es fallen oft Schatten auf unsere Arbeit. Wir haben uns ständig zu beweisen und ständig zu erneuern.
Ich bin stolz, Teil von euch gewesen zu sein, Reichstruppen!
Und der Abschied fällt mir nicht leicht - doch er tut not. Andere Aufgaben, die meine volle Aufmerksamkeit verlangen. Ich verlasse euch in dem Wissen, daß es weiter vorangehen wird."
Sie sah zu den beiden Hauptmännern, senkte in mahnender Geste leicht den Kopf: "Und wenn nicht, komme ich her und wisch den Exerzierplatz mit euch, ist das klar?!"
Sie grinste die beiden kameradschaftlich an, doch sie alle wussten um einen gewissen Ernst, als einhellig das "Jawohl, Frau Oberst!" erklang - zum letzten Mal.
Sie löste den Schwertgurt ihrer Dienstwaffe. Sie zog die Handschuhe aus und den Ring vom Finger. Und diesmal nahm Adrian die Sachen mit sehr ernstem Gesicht tatsächlich entgegen.
Ein wie nach einem inneren Maß exakter Schritt nach hinten, sie salutierte - und es war selten, daß man Adrian von Hohenfels diese Geste erwiderte, während sie ihren neuen Rang akzeptierend verkündete:
"Zivilistin Darna von Elbenau wünscht den Truppen alles Gute, Hoheit.
Temora und Reich zur Ehr."
Und jeder konnte hören, wie sie um die Beherrschung in ihrer Stimme kämpfte.
Freifrau Darna von Elbenau, Oberst a.D.