Ein grauer Morgen hing mit einem sichelförmigen Mond über Grimwould. Nur das klagende Heulen der Wölfe zerriss den Vorhang der Nacht und war doch hilflos gegen die Stille tiefsten Schmerzes, Schmerz wie ihn nur eine liebende Seele empfinden kann.
Kalt und grau lag Caillean in den Fellen, der sonst immer so frische, grasgrüne Blick war gebrochen, die seidigen, schwarzen Haare hatten ihren Rosenduft verloren. Doch noch bewegte sie sich, sprach leise mit Ehemann und Sohn.
"Wenn ihr müde seid, und euch ganz klein fühlt, wenn Tränen in euren Augen stehen, werde ich sie trocknen. Ich bin an eurer Seite. Wenn die Zeiten schwer sind und Freunde nicht zu finden, werde ich mich, wie eine Brücke über aufgewühltes Wasser legen.
Wenn ihr niedergeschlagen und kaputt seid, wenn ihr auf der Straße steht.
Wenn die Nacht so dunkel ist, werde ich euch trösten.
Ich werde euch unterstützen, wenn die Dunkelheit kommt und Schmerz überall ist, werde ich da sein.
Geh weiter Ulfarr, geh an dem Schmerz vorbei.
Jetzt ist deine große Zeit gekommen, all deine Träume werden wahr. Sieh, wie sie leuchten.
Und wenn du einen Freund brauchst bin ich gleich hinter dir.
Werde ich, wie eine Brücke über aufgewühltes Wasser deine Seele beruhigen."
Der Schmerz des Abschieds stand ihr in die Augen geschrieben, doch trotzdem schaffte sie es ihrem Sohn ein liebevolles Lächeln zu schenken und ihn sanft zu küssen als er sich über sie beugte. Weniger Beherrschung brachte Falk auf, grau von Angesicht, als hätte auch ihn der eisige Griff des Todes umklammert konnte er die Tränen nicht zurückhalten. Ein kummervolles Häufchen reinster Schmerzen war an diesem Morgen alles was von dem ehemals so stolzen Jarl der Hinrah übrig geblieben war. Lautes Schluchzen brach immer wieder aus ihm heraus als er die Hand der Liebe seines Lebens hielt und spüren konnte wie quälend langsam das Leben aus ihr wich. Worte waren zwischen Falk und Caillean nicht nötig, ihre Blicke sagten ihnen alles. Sie sah die endlose Traurigkeit und tiefe Liebe in seinem Blick und er die stumme Entschuldigung nicht länger bei ihm bleiben zu können in ihren. Beider Herzen zogen sich zusammen und endlich brach auch Caillean in Tränen aus, klammerte sich ängstlich an die Hand ihres Mannes.
"Warte drüben auf mich." Er war kaum in der Lage zu sprechen. "Ich bin bald wieder bei dir. Ich gebe Ulfarr mit was er braucht um ein grosser Jarl und ein glücklicher Mann zu werden und komme dir dann nach. Warte drüben auf mich!"
Sie schüttelte nur stumm den Kopf und strich mit ihrer Hand sanft über seine Wange. "Ich werde warten, aber du musst mir versprechen lange zu leben, unsere Enkelkinder zu verwöhnen und ein glückliches Leben zu führen. Versprich mir dass du mir nicht nachfolgst! Du musst glücklich werden!"
Unfähig zu begreifen worüber sein Vater und seine Mutter sich unterhielten, was überhaupt vorging beachtete der dreijährige Ulfarr das Gespräch seiner Eltern überhaupt nicht. Doch er spürte die tiefe Trauer, den Abschied in der Luft, liebevoll kuschelte er sich an seine Mah, vergrub das kleine Gesicht an ihrem Hals und heulte wie ein Schlosshund. Die kleinen Händchen klammerten sich an seiner Mutter fest, wollten sie nicht loslassen, nicht gehen lassen.
"Das kann ich dir nicht. Verlang dieses Versprechen nicht von mir! Ich komme bald nach Cailly, ich komme bald nach, dann sind wir bei den Ahnen vereint!" - "Nein." - "Doch! Ich liebe dich, ich liebe dich mehr als alles andere, ich kann nicht weiter ohne dich, ich brauche dich. Ohne dich bin ich doch schon tot!" - "Mein süsser Dickkopf. Ich werde immer bei dir sein, werde auf dich aufpassen und dich immer lieben. Unter dem Baum der Ahnen wirst du mich finden, wenn die Zeit gekommen ist. Dort werde ich auf dich warten und mich auf unser Wiedersehen freuen." Mit letzter Kraft versuchte sie sich auf zu richten, er kam ihr schnell entgegen. Ihre Hand fuhr in sein Haar, streichelte hindurch, während ihre zweite Hand den kleinen Ulfarr streichelte und an ihre Brust drückte.
Ihr letzter Kuss schmeckte nach Honig, ihr Haar duftete nach Rosen, er konnte das Rascheln ihres blauen Kleides hören, in dem sie immer für ihn getanzt hatte.
Fünf Jahre zogen an seinem inneren Auge vorbei.
Freche Sprüche in der Mine, dann ihre Begegnung auf der eisigen Insel, geflüsterte Worte in einem kalten Kerker. Ihr erster Kuss.
Ein schönes Haus auf einer einsamen Insel, fernab von allem was sie hätte stören können hatten sie sich geliebt. Leidenschaft, Verzweiflung, immer wieder Streit und innige Versöhnung.
Eine Stadt vor einem Berg, Cailleans Heimat, bedroht vom Dunkel und Licht gleichermaßen. Der Bund der Stadt, wie eine Familie für sie beide, wie ein Clan.
Eifersucht, Streit, kochende Emotionen, unendliche Liebe, widerstreitende Gefühle. Ein Heiratsantrag, der eher ein Anschreien war. Der Ruf der Dame im Wind.
Die lange Fahrt nach Gerimor, Berchgard, eine kleine Hütte in der viel zu viele Leute schliefen, eng aber gemütlich. Die Auferstehung des Clan Hinrah.
Der Umzug nach Alt-Grimwould, Caillean in ihrer Arbeitskleidung, ihr freches Grinsen, ihre strahlenden Augen, ihre weichen Lippen. Ihr schwarzes Haar hatte damals im Wind geweht und ihren Duft zu ihm getragen.
Ihr Bauch war kugelrund. Ulfarr war unterwegs, liebevolle Abende am Feuer, Zärtlichkeiten und sanfte Worte. Weiche Wangen die sich an seiner rieben und der betörende Duft nach Milch, Seide, Rosen und Vanille. Er hätte sie damals bei lebendigem Leib fressen können. Mit diesem Kugelbauch sah sie einfach zu verführerisch aus.
Schreie in Alt-Grimwould, Aufregung, Unsicherheit. Er hatte nicht zu ihr gedurft, sie hatten ihn mit fünf Mann aus ihrem Zimmer zerren müssen, so sehr hatte er sich gewehrt. Stunden später präsentierte er seinem Clan endlich seinen gesunden Jungen. Ulfarr, der Erbe war geboren. Ein grösseres Geschenk hätte sie ihm nicht machen können.
Ihr Lachen, ihr Lächeln, Ulfarr konnte laufen, sie sprang ihn an, er schlang seine Arme um sie. Sie waren so glücklich gewesen in Neu-Grimwould.
Leise Pläne für die Zukunft, sie hatte sich an ihn gelehnt, trug das blaue Kleid, er hatte seine Arme um sie geschlungen, kraulte liebevoll ihren Bauch und flüsterte in ihr Ohr wie es werden würde. Sie würden gemeinsam alt werden, aber in der Zwischenzeit dem kleinen Ulfarr einen ganzen Stall voller Geschwisterchen machen.
Sein Erwachen, der Blick zu Caillean, kalt und grau lag sie da, er schüttelte sie ängstlich, sie schlug ihre Augen auf, gebrochen und müde wirkten sie. "Ich bin nicht tot, aber ich sterbe Liebster." Sein Schrei hallte durch Grimwould.
Vielzuviel war in diesen fünf Jahren geschehen als dass er sich an alles erinnern könnte, manche Ereignisse waren nur einzelne Bilder, die er verdrängte oder nicht zu sehen vorzog. Soviel hatten sie gemeinsam erlebt, soviele Träume für die Zukunft gehabt. Und nun sollte alles vorbei sein.
Er löste seine Lippen wieder von ihren, ohne Kraft glitt ihre Hand aus seinem Haar, die Augen war zu Teichen der Dunkelheit geworden. Weinend presste er seine Stirn an die ihre und streichelte ihre Hand.
Zuerst rief er, doch dann sollte seine Stimme in einem weinenden Flüstern untergehen.
"Komm zurück! komm zurück, stirb nicht vor mir."
Dann füllte nurnoch das bitterliche Weinen von Vater und Sohn das kleine Schlafzimmer.