Das Leben eines kleinen Fuchses

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Jan Braeuer

Das Leben eines kleinen Fuchses

Beitrag von Jan Braeuer »

Mit einem ergebenen Seufzen hatte Ophra dem kleinen Bengel eine Nische voller Stroh zugewießen, während sie sich im Stillen eine weichherzige und dämliche Gans schalt. Der Kleine kam nun schon die achte Nacht in Folge zu den Stallungen um die kalten Winternächte neben dem von ihr umsorgen Vieh zu verbringen. Dies alles störte sie nicht weiter, denn der Knirps schlief still, machte keinen Ärger oder Tumult und auch die wenigen mehligen Winteräpfel oder knorrigen Karrotten, welche am Tags drauf fehlten, würden sie sicher nicht in den Ruin treiben, nur... sie merkte, wie ihr doch mütterlich veranlagtes Herz begann sich an ihren kleinen Gast zu gewöhnen und es tat zu wissen, dass der "Fuchs" wie er sich nannte eines Abends vermutlich nicht mehr zu den Stallungen geschlichen kommen würde.
Oh, wie würde sie dann die allabendlichen, treuherzigen Blicke, wie die eines tapsigen Welpen, vermissen, welche stumm um Einlass baten oder den Anblick der vogelgleich zerbrechlichen Kindergestalt, welche in sich zusammengerollt friedlich in der kleinen Ecke schlummern würde.
Sie sollte ihm langsam diesen Schlafplatz verweigern um sich und das Kind gleichermaßen zu entwöhnen, das sagte sie sich jeden Morgen und Abends, so wie heute eben, unterlag sie wieder dem Charme des kleinen Gauners. Zumindest ersparte sie sich heute den herzzerreissenden Anblick des ruhenden Kerlchens und entschied, bewaffnet mit einer Mistgabel und einer Laterne, vorerst vor dem Stalleingang ihren Kopf abkühlen zu lassen.

Kaum war der lichtbeflickerte Schatten im Eingang verschwunden, da beendete Nele ihr Schauspiel und öffnete blinzelnd die großen, nussbraunen, dunkel umrandeten Augen um kurz einer Haselmaus gleich durch den Raum zu spähen, zumindest soweit es das spärliche Licht des Mondes, welches durch den Stalleingang fiel, zuließ.

Sie war wieder alleine und da die Gelegenheit sowie der Hunger, welchen die von der Dame Clarissa gütig gegebenen Erdbeeren nicht ganz stillen konnten, eben Diebe macht, war der Fuchs sehr flink und leise gen Futtertrog geschlichen um sich einen etwas wurmigen, doch dafür großen, verbeulten Winterapfel zu stibitzen.

Zunächst fühlte sie sich grossartig, als sie so ihre Beute hastig hinunterschlang und den Tag Revue passieren ließ, mit dem guten Gewissen danach in einem warmen Strohlager schlafen zu können, doch oftmals ist die Stimmung ein gar seltsam Ding, welches sehr schnell umspringen kann und so blieb der kleinen Heldin schliesslich der letzte Bissen des Apfels fast im Halse stecken, als sie den anderen Klos in ihrer Kehle spürte.

Er war aufgetaucht, als sie gedanklich plötzlich ihre ältere Freundin Tira beneidete und nicht nur die Tatsache betrauerte, dass diese neben noch lebenden Eltern auch zwei interessante, liebevolle Tanten hatte, sondern keinen Hehl daraus machen musste sich mit feinen Kleidchen und hübschen Frisuren zu zieren.
Unbewusst glitt ihre kleine Hand an das eigene Haupt und fuhr durch die kinnlangen Wuschelhaare, welche sich noch immer ungewohnt anfühlten und kein Vergleich zum vorher seidig glänzendem, langen kastanienbrauen Haar war.

Ehe sie sich's versah begannen die Tränen über das schmutzige Gesicht zu kullern und verschmierten den Dreck auf den Wangen. Ein Fuchs musste kühl bleiben und stark, doch auch wenn sie all ihren Willen zusammennahm, konnte nicht daran geändert werden, dass ihre Kullertränen die eines kleinen Mädchens blieben...
Clarissa Ilvess

Beitrag von Clarissa Ilvess »

Stille umgab sie. Das fahle Licht der letzten herunter brennenden Kerze auf dem Tisch hielt sie noch wach. Nachdenklich betrachtete sie die bizarren Muster aus Licht und Schatten, welche die Kerze an die Decke warf.
Kein Geräusch bis auf den regelmäßigen Atem Lissies, die selig schlief und ab und an ein Knistern vom Kamin.
Wie oft hatte sie abends schon wach gelegen, auf dem Stuhl gesessen und in das Kerzenlicht geschaut oder den Kamin angestarrt? Sie wußte es nicht. Aber die Abende häuften sich.
Sie wurde das Bild des einen Abends nicht los. Wie der kleine Frechdachs ihr ins Gesicht gesagt hatte, daß er gedacht hätte, die Kriegertante wäre nicht sonderlich hübsch. Sein Strahlen auf dem Gesicht, als sie meinte, daß der Fuchs Mumm hätte. Sie konnte sich des Eindrucks nicht erwehren aber in dem wenigen Minuten, in denen sie ihn an der Hand hatte kam er ihr glücklich vor.
Eigentlich war sie scheußlich gewesen an dem Abend. Sie hatte Sanjana und Tira bei sich gehabt, zwei der ganz wenigen Menschen, die ihr wirklich etwas bedeuteten und Tira hatte ihren Spielgefährten in ihrem Alter mitgebracht. Es hätte eigentlich ein schöner Abend werden können aber die Arbeit ließ die Templer wohl nie los. Nun gut, wenigstens hatte sie doch noch ihren Spaß gehabt bei ihrem Lieblingsspiel und ein wenig hatte es wohl auch Tira und dem Fuchs gefallen. Sie schmunzelte, aber nur kurz.
Sie dachte an Tira. Ihre neue Mutter. Die Dinge die sie erzählte. Vom Waisenhaus. Davon, daß er ab und an in Rahal war wie sie sagte. Der Gedanke mißfiel ihr. Sie dachte an die Mutter von der der Fuchs Tira erzählt hatte. Nein, sie war selbst eine Streunerin. Sie erkannte ein Straßenkind wenn sie es sah. Es war nicht einmal unbedingt das Äußere. Es war die Art, wie sie die Welt sahen. Trotz, Furcht, Hofflungslosigkeit, das leichte Glimmen in den Augen beim Anblick von Essen, Gier, dieser unstillbare Hunger nach Leben.
Irgendwie tat er ihr leid, je länger sie über ihn nachdachte. Aber nicht nur das. Er war zäh aber dennoch nicht so verzogen wie die anderen Straßenkinder, die sie kannte. Er versuchte kalt und unnahbar zu sein, Herr der Lage und dennoch hatte er etwas warmes an sich, das sie berührte.
Sie wollte eine Tochter haben, schon immer. Sie fragte sich, ob sie sich bei ihrer Tochter die Qualitäten wünschen würde, die der Fuchs hatte. Der Gedanke hielt sie noch lang wach.
Jan Braeuer

Beitrag von Jan Braeuer »

Es war alles nicht ganz so gelaufen, wie der listige Fuchs es geplant hatte.
Aber es war ja noch ein kleiner Fuchs und somit war seine List deutlich in Schranken gewiesen. Sicher wollte sie nicht einfach so aufgeben, wollte ihren Plan, an welchem sie fest klammerte, nicht aufgeben und dennoch... dennoch zwang sie etwas ganz einfaches plötzlich in die Knie:

Die Kombination aus Hunger, Kälte und Schlafmangel beutelten den kleinen Körper, stahlen die Farbe aus den Wangen und brachten fiebrigen Glanz mit sich, der von Dämmerung zu Dämmerung intensiver wurde.

Zuerst kämpfte sie verbissen dagegen an. Verstand, dass es närrisch war jeden Abend so lange zu weinen, bis man einschlafen konnte, denn auch wenn sie dies so erschöpfte, dass sie Ruhe finden konnte, so fehlte ihr die vergeudete Kraft auf Dauer merklich.
Sie klaute an den Bajarder Ständen wie ein Rabe, flink und ungesehen.
Sie fand Unterstützung bei einigen Bürgern und dank einer netten Schneiderin namens Linaya und einem Schneidersmanne, der sogar sein Hemd verkaufte um ihr etwas Gold zuzustecken konnte sie nochmals nach Rahal reisen und in einer dunklen Nacht den kleinen Grabhügel unter welchem ihre Mutter nun tagein, tagaus schlief besuchen.
Einen Moment überkam das Kind eine ungewohnte Bitterkeit und der Fuchs stellte erschrocken fest, dass das Verlangen auf diesem Hügel, so nah bei der Mutter, einzuschlafen und nimmer zu erwachen in ihr erwachte.

Hastig nahm der Fuchs reissaus, gab Fersengeld und bezahlte mit den letzten Münzen einen mürrischen Kutscher, der den kleinen Dieb auf der Ladefläche des nun leeren Heukarren nach Bajard mitnahm, wo er selber Nachschub für Rahal aufladen wollte.

Die Reisenacht war eisig und als das blaugefrorene Kind am nächsten Tage die Augen öffnete, war die Welt anders. Schwammig verlief alles ineinander und Stimmen drangen wie durch Watte nur dumpf an ihr Ohr. Der Fuchs fühlte sich seiner Fähigkeiten als Dieb beraubt, denn ihre Bewegungen waren taumelnd unkoordiniert und flapsig.
Mit Mühe und Not konnte sie dem brüllenden Metzger entkommen, als dieser ihren tollpatschigen Versuch eine Wurst zu stehlen entdeckte und natürlich vereitelte.

Ihr Versteck der nächsten Tage wurde ein zerfallener Schuppen, dessen windschiefes Dach vom Sturm abgetragen einen winzigen Unterschlupf formte in welchem das Kind gerade so hineinpasste.
Die Kälte der Nacht kam und ging, der Hunger machte sie wahnsinnig.
Doch zuerst fehlte es ihr an Mut, dann an Kraft aufzustehen.

Wild kämpfte zuletzt nur noch der Fuchs, welcher ja eigentlich Jan hiess und ein starker Junge war, mit der Krankheit. Das Mädchen, Nele, hingegen träumte davon bei ihrer Mutter einzuschlafen.

Dann kam er, der Abend an welchem das Mondlicht den Schnee um ihr Versteck glitzern liess und dem fiebrigen, sterbendem Kind nur Glanz in die nussfarbenen Augen trieb.
Alles um sie herum begann zu strahlen und der Fuchs musste schwach lächeln, denn diese Wärme rührte sein Herz.
"Mama..." hörte sie sich selbst sagen und lächelte dem Mond schwach entgegen.
"Mama... ich komme..."
Eine weibliche Gestalt, glänzend und strahlend, vom Mond eingehüllt beugte sich herab. Duftiges, weiches Haar umgab den Fuchs... nein, Nele, das Mädchen, welches ein letztes Mal aufseufzte.
"Mama..."

... dann wurde es dunkel.
Viola Ser´Rhal

Beitrag von Viola Ser´Rhal »

"Bajard ja ... sag Mah und Leif dass ich bald wieder da bin ... und nein ich weiß nicht wann ich zurück bin, und nein ... ich will nur einige Sachen besorgen". Hätte sie es besser nicht gewusst, hätte sie die Worte glatt ernstgenommen, die sie Erik gesagt hatte, aber sie waren es nicht. Leglich die Tatsache, dass sie nach Bajard wollte, war richtig, doch hatte sie kein festes Ziel. Sie brauchte einmal wieder etwas Ruhe und diese fand sie entweder auf den Pallisaden der Feste Grimwould oder in dem kleinen Fischerdorf. Sie schritt zielstrebig gen Kutsche, heute würde sie sich den Luxus gönnen einmal gefahren zu werden. Die Nacht war kalt und Viola zog den Umhang fest um ihren Körper, eisig war der Wind aber genau das war es, was sie nun brauchte, einfach etwas Kälte um klar zu werden. Zuviel hatte sie über die verschiedensten Dinge wieder gegrübelt, und zuviel Grübeln war nicht gut, das wusste sie recht gut. Sie drückte dem Kutscher einige Münzen in die Hand, stieg ein und lehnte sich in einen der weniger gemütlichen Sitze.

Ruckelig, knarrend und mehr ungemütlich als gemütlich erreichte die Kutsche endlich ihr Ziel; Bajard. Das kleine Fischerdorf lag fast vollkommen still da und machte fast schon einen unheimlichen Eindruck. Die junge Frau lächelte, strich sich einige Strähnen aus dem langen Haar und trat in aller Ruhe am Wasser entlang, betrachtete das Licht der Sterne, welches sich im Wasser reflektierte und sie atmete tief ein. Eine lange Runde lief sie heute, sie brauchte es einfach, diese Momente in denen sie weder nachdachte, noch sonst irgendwas, in denen sie die Stille einfach genoss. Und doch hielt sie plötzlich inne ... "Mama ..." die Stimme war leise, so leise und dünn, dass man sie nur allzuleicht als Windhauch hätte abstempeln können. Violas Augen irrten umher, fanden dann einen der alten Schuppen und sie trat auf diesen zu.

Ihre Blicke fanden alsbald den Ursprung des Gemurmels; ein Kind, und es ging ihm eindeutig nicht gut. Sie sah das junge Ding stumm an, was scherte es sie? Kinder wie dieses hier starben fast täglich, sie hatte es selbst oft miterlebt, nichts ungewöhnliches. Und doch ... sie konnte nicht einfach umdrehen, sie konnte sich nicht einfach abwenden. Sie starrte das junge Ding an und ihr Herz schien sich zusammenzukrampfen als das zweite "Mama ..." über die Lippen des Kindes kam. Sie presste die Augen zusammen, schüttelte den Kopf und ging zu dem Kind hin, beugte sich hinab und sah es nur kurz an, ehe sie es hochhob. Viola blinzelte, das Kind war eiskalt ... und doch, sie wusste aus eigener Erfahrung dass es innerlich kochen musste, Fieber war etwas, womit man nicht scherzte. Sie nahm das Kind auf die Arme, trug sie mit sich bis vor Bajard. Sie begann ihren Mantel zu lösen, wickelte das Kind dabei so gut es ging in diesen ein und hob es dann erneut auf, schnell eine Kutsche rufend, denn tragen konnte sie das Kind auf keinen Fall den ganzen weg.

Sie dachte nach ... während der ganze Fahrt betrachtete sie den kleinen Leib und fragte sich, was in sie gefahren sei. Sie hatte sich nie um Kinder geschert, nie. Sie war selbst noch eines ... sie hätte eigentlich jeden in der Lage des Kindes liegen gelassen und ihn erfrieren lassen, aber sie konnte es einfach nicht ... ihre Augen trafen wieder das Gesicht der Kleinen und sie machte sich Sorgen ... ernsthafte Sorgen. Dann kamen sie an ... sie stieg aus, drückte das Kind fest an sich und stapfte los durch den Nebelwald ... in Richtung Grimwould. Sie wusste, welcher Teufel auch immer sie ritt, sie würde sich letztendlich dafür hassen ...
Una Llastobhar

Beitrag von Una Llastobhar »

(Ieeks, sorry, falsches Post- bitte löschen^^°)
Jan Braeuer

Beitrag von Jan Braeuer »

Schwarz, dann bunt, kreischend bunt... alles.
Der Fuchs war ein Fuchs und rannte, hastete.
Wild drehte das kleine Geschöpf seine Kreise im Walde, jagte und erbeutete.

ZACK, ein Blitz plötzlich. Es wurde warm um sie herum, der Fuchs verschmolz zu Nele, welche Abends im alten Strohbett sich unter der Decke ganz nah an ihre Mutter kuschelte. Irgendwie roch Mama doch diesmal anders und ihr Körper fühlte sich auch nicht so an, wie zuvor.

ZACK, er versuchte sie zu ertränken. Er drückte sie tief in ein stark riechendes Becken. Sie wollte den Mund nicht öffnen, doch die Luft blieb ihr weg und ein grauenvoller Geschmack breitete sich im Munde aus und bohrte sich in den Rachen. Sie ertrank!

.... Stille, es wurde matt, warm, weich. Sie spürte liebevolle Berührungen, hörte entfernt weibliche Stimmen und merkte, wie ihr Fell wuchs.

Der Fuchs war zurück und blinzelte schläfrig umher. Er hatte viel erlegt und sich satt gefressen, getrunken. Nun war das kleine Tier müde und suchte sich einen Platz im Walde.

ZACK, ein WOLF!!! Der Fuchs kämpfte in wahnsinniger Panik um sein Leben, floh, rannte und hastete... EIN WOLF.


....... zumindest nahm das Kind die letzten Stunden so war.....
Viola Ser´Rhal

Beitrag von Viola Ser´Rhal »

Nele schlief ... Nele, so war also ihr Name, und doch war er es nicht. "Nenn den Namen bitte niemanden ... sag bitte Fuchs zu mir ..." ein Junge, als das wollte sie angesehen werden und die Gründe dafür waren so logisch und verständlich, dass Viola nur nickte. Sie hatte es der Kleinen versprochen, als sie mit ihr geredet hatte. Langsam schien sich Nele wieder zu erholen, immer mehr zu Kräften zu kommen. Das junge Mädchen wäre ihr fast weggestorben, eine Tatsache die Viola angst gemacht hatte. Sie spürte es tief in sich, immer mehr veränderte sie sich. Sie saß abends oft an Neles Bett, schaute wachsam auf sie herab und vergaß dabei sogar ihren eigenen Schlaf. Waren das Muttergefühle? Diese Frage hatte sich ihr bereits das eine oder andere mal gestellt und jedesmal hatte sie die gewissenhafte Antwort; nein. Sie sah in Nele nichts anderes als ein kleines Kind, welches von ihr gepflegt wurde, auch wenn Viola sich bis heute nicht ganz sicher war, wieso sie das tat.
Vielleicht war es ganz einfach nur die Leere, die sie ab und an empfand, wenn sie all die Verliebten anstarrte, vielleicht war es aber auch einfach ein Wink des Schicksals gewesen, wer mochte das nun genau sagen?

Am heutigen Tag war Nele munterer gewesen, das Fieber krauchte immer weiter zurück und das Mädchen konnte schon eine Schüßel mit Suppe verzehren, ohne sie wieder gleich auszuspucken. Auch war sie sonst recht aufgeweckt, wenn auch noch etwas schwach. Sie erzählte Viola viel, nickte immer wieder zu ihren Worten und manchmal wurden ihre Augen gar groß vor Stolz über Taten, über die ein manch anderer wohl alles andere als Stolz wäre, doch Viola schenkte dem jungen Mädchen immer ein Lächeln. In der Zeit, in der sie bei dem Mädchen war, vergaß sie auch ihr wahres Alter, denn in diesen Momenten kam sie sich erwachsen vor, reif und klug, auch wenn sie wohl gerade mal doppelt so alt war wie Nele.

Irgendwann jedoch fielen dem Mädchen dann die Augen erschöpft zu, sie strich ihr kurz durchs Haar und lächelte, ehe sie sich hinsetzte und sie noch lange bis in die Nacht hinein beobachtete. Bald würde sie wieder gesund werden und gehen, das war Viola klar und das war auch ihr Willen ... jedenfalls sagte sie dass immer wieder mit Bestimmtheit zu den anderen. was in ihr selbst vorging, das konnte sie nicht einmal selbst sagen und irgendwann schlief sie selbst neben dem Bett der Kleinen ein.
Jan Braeuer

Beitrag von Jan Braeuer »

Langsam kam die Kraft im Inneren des kleinen Fuchses wieder zum Vorschein und lugte müde hervor, als habe sie sich nur versteckt. Mit dem langsamen, doch stetigem Verschwinden des Fiebers wurde das Füchslein nur wieder gewohnt munterer und hatte oft Zeit sich die Umgebung einzuprägen. Bald war es kein Problem mehr die Suppe zu behalten und das fast ausgehungerte Kind gierte nach mehr... nach etwas bissfestem. Auch hier ging Viola langsam und vorsichtig in der Pflege weiter und das Kind verstand täglich etwas besser, wie viel die junge Frau.. halt, das mit einem Fluch belegte Mädchen für sie opferte.

Schlaf, Zeit und Kraft all das gab sie für das schwächliche Mädchen, welches sich auch unverholen nach Zuneigung sehnte, welche ihm so lange verwehrt geblieben war. Die Tatsache, dass dabei ihr Gegenüber auch noch ein Kind war, keine Erwachsene und schon gar nicht männlich erleichterte es dem Fuchs ungemein und bald hatte das Kind das untrügliche Gefühl, sie würde mit einer Art Beschützer, selbstgewählter Vormund oder gar Schwester reden.

Zwar hatte der Fuchs nie Geschwister gehabt, doch war ihr der Junge Jan, dessen Namen sie nun mit Stolz trug, ein so unglaublich naher Freund gewesen und so begann das Kind mit Interesse zu vergleichen und zu verstehen. Viola war einfach etwas ganz besonderes und auch wenn der Fuchs erst wenige Jahre zählte, so begriff sie, was ihr das Mädchen eines Abends leise erzählte und nicht zum ersten Mal überdachte sie, mit Blick gen Holzdecke und eingekuschelt in kuschelig warme Felle, ihre eigene Lage und ihre Zukunft grüblerisch.
Viola Ser´Rhal

Beitrag von Viola Ser´Rhal »

Sie schloss die Tür hinter sich und seufzte kurz. Der heutige Nachmittag war für Nele sicherlich nicht sonderlich einfach gewesen. Das Mädchen war heute das erste mal aufgestanden, war etwas in der Taverne gesessen und hatte Suppe gegessen, doch bereits diese kleinen Bewegungen waren noch viel für den erschöpften Körper. Das Fieber war fort, Nele war wieder munter, doch ihr Körper hinkte dem Ganzen noch etwas zurück, doch das würde sich in den nächsten Tagen wieder legen, da war sie sich sicher.
Sie schaute kurz auf die Tür, geschlossen … und dahinter verbargen sich Gedanken, Gefühle und auch Sorgen. Sie hatte mit dem Mädchen geredet, hatte ohne Umschweife gefragt, was sie vorhabe wenn sie wieder gesund sei … und sie kannte die Antwort, sie wusste wie Nele antworten würde und dies würde auch die Ihre sein. Und sie wurde bestätigt, Nele hatte es ihr gesagt, sie wollte nicht, dass der Clan sich eine Familie für sie suchte und schon gar nicht wollte sie ins Waisenhaus. Es waren alles Dinge die Viola verstehen konnte. Nele würde sich alleine wieder durchschlagen wenn er gesund war, dass sagte das junge Mädchen und Viola nickte innerlich, das war es auch, was sie gedacht hatte.

Wieso … ? Nimm sie auf … sie braucht Schutz …

Sie kniff die Augen zusammen, nein … das hatte sie sich mehrmals bereits gesagt … sie war keine Mutter, sie konnte dieses Kind weder beschützen noch konnte sie Verantwortung für Nele übernehmen. Sie würde aufpassen auf sie, immer wieder ein Auge auf sie werfen, ja, aber sie würde sie nicht als Kind annehmen oder dergleichen.

Wovor Angst … ? Du hast Mitleid mit ihr … wieso gibst du dir nicht einen Ruck? Du bist Erwachsen …

Nein! Sie war nicht erwachsen … sie war es nicht. Ihr Körper war es, ja aber nicht sie. Sie schüttelte den Kopf. Sie würde das tun, was sie sich vorgenommen hatte, sie würde auf Nele aufpassen wenn sie wieder aus Grimwould weg sein würde, sie würde aufpassen dass sie nicht wieder erfrieren würde.
Sie ging hinauf auf ihr Zimmer, sie brauchte etwas Ruhe. Sie sah in den Spiegel, sah dort das junge Mädchen … bleich, schwarze Haare …

du bist kein Kind mehr …


Und dann landete einer der Wasserkrüge krachend an der Wand. Sie kniff noch mal die Augen zusammen und öffnete sie wieder, der kurze Wutausbruch hatte gut getan. Sie sammelte die Scherben wieder auf und lächelte kurz grimmig … immerhin stand der Tag der Entscheidung noch nicht vor der Tür. Erst würde sie Nele gesund pflegen …
Viola Ser´Rhal

Beitrag von Viola Ser´Rhal »

Nachdenklich blickte sie in das prasselnde Feuer, ihre Gedanken irrten quer durch die letzten Tage, soviel geschehen, so viel nachzudenken, so viel zu Bedenken. Viola blickte sich kurz in der warmen und gemütlichen Taverne um, sie war froh an diesem Ort zu sein, hier hatten selbst die unangenehmsten Abenden immer noch einen Hauch von Trost und Liebe mit sich.
Natürlich waren ihre Gedankengänge nicht schlimm oder unangenehm, doch bereiteten sie Viola mehr Kopfzerbrechen als sie es sich gedacht hatte.

Ich schick ihn wieder auf die Straße …

Das waren ihre Gedanken gewesen, doch seit dem Gespräch mit Falk war sie nachdenklicher geworden. Viola hatte ihm offen dargelegt was sie vorhatte und plante. Falk hatte jedoch genauso reagiert, wie es ihr Innerstes befürchtet hatte, anstatt ihr Recht zu geben und zuzusehen wie das Kind schnellstmöglich wegkommen würde, hatte er ihr die Frage gestellt, die ihr alle bisher nur indirekt stellten. „Willst du ihn hierbehalten ?“ Die Frage war so simpel, so schlicht und doch stieß sie Viola auf als wäre es eine Frage, deren Beantwortung tausende Weise nicht von Statten bringen konnten. Sie mochte Neele, sehr sogar aber sie sagte Falk nur wieder was sie sich selbst gesagt hatte, sie war einfach zu jung um eine Mutter oder auch nur eine Person zu sein, welche auf Nele aufpasste. „Das war Freia auch als sie dich als Tochter annahm … es geht nicht um das Alter, es geht nur darum, ob du das willst.“

Sie blinzelte in die Glut, wollte sie das denn? Das war es nun einmal dessen sie sich nicht mehr so sicher war. Die ersten Tage war es simpel gewesen; nein sie wollte Nele nicht in Grimwould lassen aber irgendetwas in ihr schien es mittlerweile zu wissen. Sie dachte nun schon stundenlang über diese Frage nach, und keine Antwort wollte ihr einfallen. Sie hatte nicht schlafen können, hatte sich schon in Auris Zimmer geschlichen um sie zu wecken und mit ihr zu reden, was sie jedoch letztendlich gelassen hatte und sich wieder raus schlich. In solchen Momenten wünschte sie sich Erinna zu sich … oder auch nicht? Würde es sie nicht doch treffen wenn sie mit einer solchen Situation konfrontiert wäre? Würde ihr überhaupt jemand helfen können … ?

„Nein … das weißt nämlich nur du … und nur du“

Und sie nickte stumm. Sie würde irgendwann sicher zu einer Antwort kommen. Mühsam erhob sie sich und streckte sich. Barfuss trat sie in das dunkle Gästezimmer, möglichst leise und sah auf das schlafende Kind hinab, wie sie friedlich dalag und atmete. Sie blinzelte Nele an, lächelte kurz dünn und verließ das Zimmer und stapfte in Richtung ihres Zimmers. Sie war ihrer Antwort schon sehr viel näher …
Jan Braeuer

Beitrag von Jan Braeuer »

Das Kind wälzte sich unruhig unter all den mollig warmen und wuscheligen Fellbergen hin und her. Es war kuschelig, angenehm und der Duft des Holzes gemischt mit all den angenehmen, wilden und natürlichen Gerüchen des Raumes beruhigte ungemein. Dennoch wollte der Schlaf einfach nicht kommen- kein Wunder, denn im Kopfe des kleinen Fuchses tobte das Durcheinander, nagte wie Kopfschmerzen und bedrückte das Kind so enorm, dass es nach einiger Zeit einfach nicht mehr wagte die Augen zu schliessen.

Seufzend wie eine alte Amme warf es sich nun hin und her um dem Druck zumindest auf körperlicher Ebene zu entgehen, was lange nicht bedeutete, dass sie der Entscheidung, welche über ihrer Stirne wie eine Messerspitze drohend schwebte, entgehen konnte.

Viola, wann immer sie die Augen schloss... Viola. Eine dem Fuchse so verwandte Seele, ein Mensch der den Namen Nele so sanft aussprach wie nur ihre Mutter es vermochte. Eine Schwester... Viola.

Aber mit Viola lebten die Wölfe in diesem Hofe und ein Fuchs konnte unter Wölfen nur eingehen. Er war nicht so wild, nicht so stark und auffälliger- ein verlogener, verschlagener, kleiner Fuchs, dem man so oder so das Fell abziehen würde, wenn man herausfinden würde, dass er sich mit falschem Namen unter die Wölfe gemischt hatte- würden sie dann auch Viola dafür bestrafen?!

Viola war hier eine Art Aufpassperson (ein Vormund, ein Beschützer- doch war der Wortschatz des Kindes noch zu begrenzt um ihre Gefühle bezüglich des jungen Mädchens auszudrücken und so wählte sie flapsig das sterile Aufsichtswort) und sie konnte sicher für jeglichen Fehltritt des Fuchses angegangen werden.

Sie konnte kein Glück mit sich bringen. Ein Fuchs unter Wölfen... das ging nicht, das endete im Desaster und die Wölfe würden ihn irgendwann zerpflücken- SICHER!
Andererseits war da Leif, der Herbstwolf, Leif der einfach in die Welt des Fuchses passte... vielleicht war der Rest nicht anders?

Ächzend und stöhnend drehte sie sich wieder um und der Schlaf blieb aus!
Jan Braeuer

Beitrag von Jan Braeuer »

Jetzt, wieder allein im hintersten Eck der alten Scheune, jetzt kam alles erneut langsam hochgequollen. Wie ein alter, modriger Brunnen, voller Geheimnisse und grausigem Unrat, welcher vom frischen doch bitterem Regen langsam geflutet wurde. Es waren Bilder, kleine flackernde Grauenszeichnungen, welche schmerzten und an dem Kinde rissen, wie tollwütige Hunde an alten Lumpen.

"Unser Nelchen wird eine Hübsche.... kein Wunder, dass sie mich angesprochen haben." Schnarrende, dunkle Stimme, so eisig trotz der Tiefe.
Berührungen, sanftes Streichen durch das lange rotbraune Haar - mit der Zärtlichkeit und den lockeren Gesten krallte sich etwas im Inneren zusammen.. FASS MICH NICHT AN!
"Fass sie nicht an, du Schwein! Wenn du sie auch nur irgendwem gibst..."
Teufelswilde Rufe, Schreien, eine Löwenmutter, so sagte man ihr erst vor kurzem, würde um ihr Junges mit aller Kraft kämpfen.
Ma... warst du eine Löwin? Bin ich dein Junges? Der Fuchs einer Löwin?

Gepackt! Sie kannte den Griff, sie kannte ihn, doch diesmal schüttelte er sie nur, wie eine alte Puppe... er zog sie nicht mit sich... schüttelte sie.
Ein Preis... viele Münzen, so viele Ma, da kaufen wir uns ein neues Haus und gehen weg von ihm. Aber was ist denn so viele Münzen wert?
SCHREIE... Schreie... lauter, schriller!

STEIN!!!

BLUT! Ma, dein Kopf, Maaaaaaa!

Stille, keuchender Atem... auch bekannt, doch diesmal anders. Der Griff, erneut und der grässliche Ton in der dunklen Stimme.
"Nelchen, mein Engel, alles wird gut.." LASS MICH LOOOOOS! "Vergiss nicht, die Schlampe ist gestüzt... es schert eh keinen!"
Dann wurde es dunkel, der Brunnen schwammig.

Die Hemdärmel vor den Mund gepresst versuchte sie ihre Schluchzer zu unterdrücken, sonst erwischte sie der Stallbursche und im Schlimmstfall drohten ihr dann Prügel, hatte sie doch erneut einige Äpfel für die Tiere, sowie altbackenes Brot gestohlen.
Aber was machte das eigentlich aus?
Irgendwo saß ein Mädchen, welches aus unerfindlichen Gründen ihre Geschichte kannte und in aller Seelenruhe mit kindlichen Worten, trotz der für Nele fast schon erwachsenen Grösse alles hervorgespült hatte, was das kleine Kind so vehement im Brunnen versinken lassen wollte.
Woher wusste dieses Mädchen alles? Warum redete sie wie ein Kleinkind und redete alles wie nichts herab... warum drehte sich ihre Welt schon wieder im Strudel?

Fest presste sie die Ärmel auf ihr Gesicht... der Fuchs war ein kämpfendes Tier.
Viola Ser´Rhal

Beitrag von Viola Ser´Rhal »

Der Tag hatte begonnen, auch wenn sie sich immer noch matt und träge fühlte, so hatte sie noch das eine oder andere zu erledigen und sie wollte ihre Tätigkeiten nicht allzu spät beginnen. Ihr erster Weg führte sie in die Stallungen vor Varuna, das Wetter war nicht das Beste und so zog sie die weite Kapuze ihres Umhanges über den Kopf, Regen schien nahe genug zu sein. Sie trat zu der Stallmeisterin, nickte ihr zu und unterhielt sich kurz mit ihr. Viola hatte vor sich vielleicht ein wenig mit um die Pferde im Schlosshof zu kümmern und so wollte sie sich den einen oder anderen Rat außerhalb einholen. Sie unterhielt sich in aller Ruhe mit der Stalldame, als sie plötzlich ein Rascheln vernahm, von einem der nahen Heuhaufen. Sachte hob sie eine Hand und gebot dem Gespräch ein kurzes Schweigen, ehe sie zu dem Haufen trat, der nun wieder etwas lauter raschelte, zu laut für eine Ratte oder anderes Getier. Sie legte kurz den Kopf schief, griff dann aber kurz entschlossen in den Heuhaufen und bereits nach kurzer Zeit ergriff sie Stoff, jemand war in dem Haufen. Mit einem kräftigen Ruck förderte sie ein Kind zuvor, welches auf einmal panisch anfing zu schreien und zu wimmern. Viola blinzelte mehrmals, sie kannte dieses Kind, sie erkannte Nele. Langsam ging sie in die Hocke vor dem weinenden Kind, legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Ganz ruhig kleiner Fuchs“ ihre Stimme war ruhig und beruhigend und Nele schien ihre Stimme nun auch zu erkennen. Als Viola dann noch die Kapuze vom Kopf strich, erkannte das junge Kind sie vollends.
Wieso auch immer, Nele hatte sich hier versteckt und sie hatte auch geweint. Viola merkte es ihrer Mimik an, ihrem Verhalten und sachte hatte sie Nele einfach nur an sich gedrückt. Sie wusste dass sie nicht fragen brauchte, Nele würde entweder reden was sie bedrückte oder sie würde schweigen, und sie wollte reden. Viola hob sie ohne Gegenwehr sachte auf den Arm und trug das junge Mädchen ein wenig mit sich, an eine Stelle wo die beiden alleine waren, Nele schien nicht vor der Stallmeisterin sprechen zu wollen, die Viola etwas verwirrt zurückließ.

Sie lächelte sachte als sie das kleine Kind so mit sich trug. Es war eine lange Zeit her, dass sie den kleinen Fuchs gesehen hatte und sie hatte sich auch ihre Sorgen um das kleine Mädchen gemacht, dass sich als Junge ausgab. Umso erleichterter war sie als sie Nele scheinbar recht gesund und munter vor sich hatte. Einzig ihre Mimik machte Viola geringe Sorgen und sie wusste, Nele würde ihr gleich alles erzählen und genau das tat sie. Nichts ließ sie aus, der Besuch im Waisenhaus, jenes seltsame Mädchen und ihre Worte und Viola konnte mit jedem Wort mehr erkennen, wie sehr das Kind sich bemühte nicht loszuweinen, ehe ihr Viola einen Finger auf die Lippen legte. Sie verstand was die Kleine bedrückte, was ihr Trauer brachte und sie wusste auch, dass es gut war wenn sie jemanden bei sich hatte. Sacht schloss Viola sie in ihre Arme, drückte sie an sich, war einfach nur da und schenkte ihr Nähe. Ihr selbst tat es genauso gut wie es Nele gut tat, ein kleiner schöner heller Fleck in der Ungewissheit, und dieser würde wohl auf immer bleiben.

Sie trennten sich später, Viola hatte Nele niemals einschränken wollen. Sie war schließlich nicht ihre Mutter oder dergleichen. Sie achtete nur auf das junge Kind, doch sie war frei, sie kam auf der Straße zurecht und das wusste Viola. Als sie langsam wieder gen Schloss trat, lächelte sie sachte. Sie würde die Kleine sicher schon bald wieder sehen.
Jan Braeuer

Beitrag von Jan Braeuer »

Mit verzerrtem Gesicht kaute der schmutzige Bengel auf dem dunklen Kraut herum und spuckte den gallig-bitteren, grünlichen Saft, welcher sich sehr rasch im Mund gesammelt hatte, mit gewaltiger Abscheu in hohem Bogen gen Boden. Schließlich zog er auch den zerkaute Blattmatsch aus dem Rachen und ließ sich ins Gras fallen, ehe er das angeschwollene, lilablaue Veilchen am linken Auge mit dem fasrigen Kraut-Spucke- Gemansche schon fast kunstvoll "verzierte". Erneut verzogen sich die kindlichen, weichen Züge mit Abscheu und Ekel, doch als die heftige Wirkung der Mixtur nun unglaublich schnell einsetzte, da entspannte sich der kleine Kerl vollends, genoss die plötzliche, heilende Kühle auf Wange und Auge und atmete tief durch.

Mit dieser seligen Ruhe und Zufriedenheit schlossen sich die Lider flattrig und im selben Augenblick veränderte sich die Mimik und der stetige Trotztenor, sowie das bengelhafte Lümmelgehabe erloschen langsam und machten der wahren Natur des Kindes Platz.
Als der "Bengel" die Augen wieder öffnete, da lag kein stetig auftrumpfender Lausbube mehr im Gras, sondern ein schmales, niedlich anzusehendes Mädchen mit einer etwas schiefen, kinnlangen Lockenfrisur, in zu großen Trägerhosen und schmuddeligem Hemd gewandet. Verträumt und verletzlich blickten die nussfarbenen, runden Augen, geziert von langen Wimpern in den blauen Himmel, welcher durch das Blattwerk hindurchspitze und ein müder, heller Seufzer drang von den aufgeplatzten Lippen.

Manchmal war der Fuchs es leid sich so zu verstellen, zu täuschen und zu lügen. Mit Inbrunst hatte er erst am Abend zuvor einen jungen Mann inmitten Bajard angefaucht, weil dieser wohl durch die Maskerade geblickt und ein "kleines Mädchen" statt einem "schmuddeligen Lausebengel" erkannt hatte. Sein "Guten Abend, Kleine..." sollte mit Schimpf und Schande belohnt werden.

Im Grunde war der Fuchs es auch leid, dass er im Spielen und Rangeln mit anderen Kindern immer so unendlich achtgeben musste, dass sie nicht rasch spürten, welche Natur unter all den vorlauten Sprüch und rotzfrechen Bemerkungen ruhte:

Nele, die gerne etwas länger mit Dolli gespielt hätte und etwas neidisch ihr adrettes Kleidchen bemerkt hatte. Nele, die sich nur ungern mit Vince geprügelt hatte, da der ältere Junge sie an den verstorbenen, rahaler Taschendieb, den sie insgeheim Bruder genannt und sein Namen angenommen, hatte. Sie sehnte sich nach einem Beschützer dieser kindlichen Art und nach Freundinnen in ihrem Alter, mit welchen man sich, Hand in Hand, langsam in die zukünftige Frauenrolle einfügen konnte.
Für den Fuchs aber gab es das nicht und so musste Nele weiterhin unter der Oberfläche schlafen, während Jan ihr Überleben sicherte.

Was war denn auch die Alternative? Was erwartete sie denn, wenn sie sich zur wahren Identität bekannte?

- Laurin, Laurin würde dich erwarten, du dummes Gänschen und mit ihm die Dunkelheit!


Nein! Niemals!
Schaudernd schüttelte sich der Fuchs und fuhr so hastig aus der bequemen Lage hoch, dass der Krautmatsch vom Gesicht auf seine Hosen fiel. Doch längst hatten sich die schwächlichen, sanften Mädchenzüge verabschiedet und mit geschmälertem Blicke, angespanntem Unterkiefer und trotzig gehobener Nase trat ein kleiner Bengel seinen täglichen Weg vom Fuchsbau nach Bajard an um seinen "Geschäften" nachzugehen.
Schon nach wenigen Schritten waren die Nele-Gedanken verschwunden und die Überlegungen des Fuchses kreisten um Vyra und das Eisenwart-Panther-Buch, welches er ihrer Bibliothek vermachen wollte.
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