Moras Pfad zwischen Ärgernis und MacAgrona

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Berek MacAgrona

Moras Pfad zwischen Ärgernis und MacAgrona

Beitrag von Berek MacAgrona »

Mora, Moras Schuld und Hoffnung
... in Bereks Augen



Mora.
So nannte sie jeder, doch so hatte sie sich nicht vorgestellt. Eine vage Erinnerung, schon am verblassen.

Mora-Raelin.
Ihre Stimme und ihr Verhalten konnten sich ebenso in die Nerven bohren wie ein Speer in das weiche Fleisch eines Hirschen. Berek war inzwischen gegen ihr vorlautes Mundwerk immun, vielleicht ein Privileg des Alters oder eine Abhärtung, die zu guten Teilen an Caitlins Verhalten hing. Die beiden nahmen sich wenig, wenn es ans störrische Bocken ging oder sich jugendlicher Leichtsinn bestätigt sehen wollte. Wie es das junge bockige Alter - besonders bei Frauen, so schien es Berek - immer mit sich brachte, verstanden sie sich untereinander nicht. Sie waren nicht sonderlich verschieden und andererseits doch.
Kleinigkeiten.
Caitlin älter, Mora ein wenig jünger.
"D'e Kleine" kleiner; Mora ordentlich groß für eine Göre Ihres Alters.
Caitlin, die hitzköpfige Jägerin mit Hang zur Selbstüberschätzung; Mora, die ohnehin alles konnte. Mit dem Mund.
Doch da war etwas viel wichtigeres, was sie grundlegend voneinander
unterschied.


Mora-Raelin MacDeclan.
Sie war keine von den seinen.
Sie war in Ihrer Notlage ganz auf sich gestellt und hatte Unterschlupf gesucht.
Sie hatte sich schnell bei Ihnen eingelebt.
Berek hatte es ihr erlaubt, denn er würde keinem unbedarften Hilfesuchenden die Türe vor der Nase zuschlagen. Moras Streifzüge auf eigene Faust waren niemandem groß aufgefallen. Sie sollte auf sich Acht geben und das konnte sie in der Nähe Machads sicherlich auch ganz gut. Sie war eine Angure und mehr als gute Ratschläge konnte man ohnehin nicht geben. Doch Bereks Sorge um ihr Wohl war nicht ganz grundlos gewesen, ebensowenig wie es seine Mildtätigkeit war. Mora hatte eine Eignung, die sie auszeichnete und wertvoll für den Clan machte: Sie konnte ein Schiff steuern und an ihre Vereinbarung und ihr Versprechen hatte sie sich gehalten. Sie hatte dem Clan einen Dienst erwiesen, nicht ganz so wie geplant, denn der Kahn war kurz vor seiner Rückkehr auf einer Untiefe aufgelaufen, aber sie hatte ihr Wort gehalten.

In all der Zeit, die sie bei den MacAgrona war, hatte sie nie mehr ein Wort über ihren Clan verloren. Das war etwas, das Berek verstehen konnte, denn er war es nicht, der in einem dampfenden Kochtopf der Emotionen wild umrühren würde. Ein letzter Rest von Feinfühligkeit verbarg sich unter dem dichten Fell und der ledrigen Haut und eben jener hatte dafür gesorgt, daß er nicht in ihrer Vergangenheit herumstocherte und sich still wunderte, daß sie ihrem Clan zumindest nach außen so fern war.


Also doch nur...
Mora-Raelin.
Sie hatte keinen Clan.
Sie hatte womöglich nie einen Clan wirklich gekannt.
Sie hatte wahrscheinlich nie gewußt, was es bedeutet, einem Clan anzugehören; was es bedeutet, eine Gemeinschaft im Rücken zu haben, in der man nicht alleine auf sich gestellt Entscheidungen fällt, sondern sich auf den Rückhalt der anderen verläßt; was es bedeutet, einer Gemeinschaft anzugehören, für die jeder einzelne verantwortlich ist und mit deren Schicksal man untrennbar verbunden ist.
Sie hatte vermutlich auch nie gelernt, daß man die Entscheidungen der Älteren zu respektieren hat und auf ihre weisen Entschlüsse abwartet, gleich wie sehr es einen nach Taten juckt.
Nur so konnte es kommen, daß sie Bereks eigenes Fell gestohlen hatte und sich klammheimlich damit auf die grüne Insel davongestohlen hatte, zurück an den Ort Back-hrrt, wo sie Tage davor jemanden getötet hatte. Berek hatte sich mit ihr, Caitlin und Halvar hingesetzt und hatte ihnen erklärt, was es bedeutete, zu töten. Er hatte versucht, sie zu beruhigen und es ihnen schonend beizubringen, denn sie alle waren noch jung und er wollte ihren unbefleckten Geist nicht zu sehr trüben. Er hatte ihnen das wichtigste erklärt über das Töten. Wann es notwendig sein kann und wann man es muß. Wann man sich nicht zu schämen braucht dafür und wann man stolz darauf sein kann.

Doch der sanfte Wind läßt die Haut nicht erhärten, ein mildes Lüftchen läßt einen nicht reagieren, man spürt es ja kaum und ist versucht, es zu ignorieren. Erst wenn sich ein Wetterumschwung bedrohlich ankündigt, dann werden auch jene verstehen, die nicht darauf geachtet haben und sorglos durch die Welt stapften. Berek hatte dafür gesorgt, daß ein rauherer Wind aufgezogen war. Er hatte den Donnerschlag herbeigeführt, der Mora wachrütteln sollte und es würde ihr nur gut tun, wenn sie sich möglichst lange an den bohrenden Schmerz erinnerte, den seine Faust in ihrer Magengrube verursacht hatte. Er hatte sein Fell wiedererlangt und Mora dafür eine wichtige Erfahrung gemacht. Sie hatte eine neue Grenze kennengelernt. Ein wertvoller Tausch, doch war er weder für Berek genug, noch für ...


Schlicht ...
Mora
... so, wie sie jeder im Clan nannte.
Sie hatte in Back-hrrt den Clan in Gefahr gebracht. Indem sie zurückgekehrt war. Der Clan hatte sich um sie gesammelt und so hatte sie es Berek gedankt, daß er sie in der Mitte des Clans vor Bedrohungen abgeschirmt hatte. Doch es gab auch anderes, das Berek davon abhielt, sie sogleich davon zu jagen.
Sie hatte Wort gehalten als es um das verläßliche Steuern des Schiffs gegangen war. Sie hatte gemurrt und gemault, aber das würde Berek vermutlich in ihr nächtes Versprechen mit aufnehmen müssen.
Die wichtigste Lektion eines Anguren, auf den man sich verlassen konnte, hatte sie beigebracht bekommen. Es gab Hoffnung für sie.

Sie stand zu ihrem Wort.
Sie stand zu ihren Versprechungen.
Sie konnte zuhören und sie konnte gehorchen.

Sie würde sich entscheiden müssen, ob sie beim Clan bleiben wollte und für diesen das tun, was alle im Clan zu tun haben, oder ob sie für immer von ihm scheiden würde.
Sie würde Berek ihre Entscheidung mitteilen. Danach.
Berek MacAgrona

Beitrag von Berek MacAgrona »

Die Mission zur Lektion


Caitlin und Mora entfernten sich von Machad, das das einzig wärmende Feuer in der leblosen, kühlen Umgebung Fuachteros darstellte. Hier war der Clan, der auf ihre Rückkehr wartete und Caitlin war der Ärger über Bereks Entscheidung wie in dicken Lettern ins Gesicht geschrieben mit dem Unterschied, das Berek dieses bestens lesen konnte, während er mit Pärka-mähnt wenig anzufangen wußte. Es war die ureigene Art, wie ein Weib in Caitlins Alter reagieren würde. Sie hatte Aufgaben gewollt, doch als sie erst einmal an den Beinen mit Mora zusammengebunden worden war, wollte sie die Aufgabe nicht mehr. So war es immer mit Caitlin und genau so sicher wie ihre Reaktion war es, daß Berek nicht einlenken würde. Die beiden jungen Anguren würden in die Wildnis ziehen, an je einem Bein aneinander festgemacht und erst zurückkehren dürfen, wenn sie auf gemeinsamer Jagd etwas erlegt hatten, was den Clan nährt. Ein Bogen, ein Pfeil, ein Dolch. Sollte Mora fliehen wollen, würde sie getötet werden. Keine Rückkehr vor Erfolg, wer oder was auch immer dafür sterben muß. Dabei würden sie beide vieles lernen. Und wenn sie das nicht konnten, dann hätte Berek gelernt, daß Caitlin nicht reif genug war für verantwortungsvolle Aufgaben und Mora nicht tauglich genug, um in einem Clan weiter lernen und bestehen zu können.

Er blickte den beiden hinterher, ebenso wie es der Großteil des Clans tat, nachdem das Gezanke endlich ein Ende gefunden hatte und Mora Caitlin an dem Seil hinter sich herschliff. Die Gruppe der Anwesenden brökelte und mit zwiespältigen Gefühlen, die zwischen Schadenfreude und Mitleid wankten, suchte sich ein MacAgrona nach dem anderen wieder eine Beschäftigung und sei es nur das Reinigen von Waffen oder die Bürde, stets durch Schlaf möglichst kampfkräftig zu sein, der sich Oengus bereitwillig hingab. Berek hatte dafür gesorgt, daß keiner der Anguren dachte, die Jagd für Mora und Caitlin sei seine geniale Idee gewesen. Es war etwas, das im Clan schon mehrfach Anwendung gefunden hatte, denn es war ein Brauchtum, auf das man immer gerne zurückgriff, wenn zwei nicht miteinander auskommen konnten oder es einer wichtigen Lektion bedurfte. Die 'Verbundenheit der Jagd', wie Berek es in Gedanken nannte, hatte immer zufriedenstellende Ergebnisse geliefert, selbst wenn sich die Kandidaten gegenseitig umbrachten, kam doch stets der Stärkere zurück und war bereit, seine Überlegenheit zum Wohle des Clans einzusetzen. Erneut entfernten sich Schritte paarweise. Elryk und Halvar, die beiden schwatzten darüber, was Halvar im nächsten Kampf vor den Augen aller besser machen konnte. Genaugenommen redete nur Elryk auf den jungen Anguren ein, den er unter seine Fittiche genommen hatte und dieser bejahte nur immer wieder eifrig in einem Tonfall, der schon von sich aus Besserung gelobte. Sie entfernten sich. Es mußte jetzt nur noch einer hinter Berek stehen, Jall. Er war sich nicht sicher, er hörte nichts, kein Schnaufen. Eine beharrliche Böe, die nur Rauschen und das stille Getuschel der Nordwinde an ihm vorbeitrug, nahm ihm den Hörsinn für einige Herzschläge, doch Bereks Gefühl war immer ein treuer Gefährte, besonders, wenn es um die seinen ging.


Jall?
Seine Stimme erhob sich gerade so weit, daß sein forsches Grollen den Singsang des Windes übertönen würde. Keine Antwort, doch das war nicht atypisch und für Berek ebenso Bestätigung, wie ein gesprochenes Wort des alten Mimir.
So standen sie beide da, dachten nach.

"E'n Mäd'l, das stark g'nug ist, alleine auf d'e grüne Ins'l zu zieh'n, das is' auch stark g'nug, allein' zu üb'rleb'n.", sprach Berek erneut und gab damit den Inhalt seiner Gedanken Preis. Es klang durchaus überzeugt, er suchte keine Bestätigung. Ein paar beipflichtende Worte könnten zwar nicht schaden, doch sie blieben aus.

"Wenn s'e bleib'n will, d'nn mach'ch, daß s'e spurt. Ich werd' s'e schleif'n, wenns sein muß."
Es war ihm so, als wäre da ein Widerspruch, eine Frage, die vom Wind verzerrt wurde, doch er war sich nicht sicher und fuhr einfach fort.

"Was sie nicht umhaut, macht sie härt'r.
Und wenn s'e ni't härt'r werd'n kann und ni't lernen will, dann muß sie brech'n. D's die Auswahl d'r Natur. D'nn hätt' s'e eh nix g'taugt."

Die pure Überzeugung sprach aus Berek und gab festgefahrene Gedanken wieder, die vermutlich nichts in dieser Welt brechen konnte, solange sein Dickschädel auf seinen Schultern saß.
Mora und Caitlin waren schon lange in dem Durchgang verschwunden, der nach Machad führte, der Wind machte sich bereits daran, ihre Fußspuren mit neuem Schnee anzufüllen und die Konturen verschwimmen zu lassen.

Endlich begehrte die Stimme des Alten auf und verriet, daß Jall immer noch mit den Gedanken an der Stelle von Bereks Erzählung festhing, als dieser vor versammeltem Rudel von der "Verbundenheit der Jagd" aus alten Tagen berichtete. Wie es einst er selbst durchgemacht hatte und auch Jall es durchgemacht haben soll. Jall kam gegen den Wind mit einer gesunden Portion Skepsis an:
"Hab'n wir wirklich Bär'n mit zusammeng'bundenen Beinen gejagt, B'rek? Ohne Waffen...?"
Berek gönnte sich eine Pause der Erinnerung und machte sich daran, zur Hütte zurückzugehen.
" 'ch glaube ni't, Jall."
Caitlin MacAgrona

Beitrag von Caitlin MacAgrona »

Caitlin konnte es nicht begreifen; wollte nicht glauben, dass jetzt ausgerechnet sie dazu bestimmt wurde, für diese Nerven raubende Göre das Schwesterchen zu spielen, ja so als wären sie im selben Clan! Hatte sie selbst nicht gerade noch bewiesen, was sie alles gelernt hatte und wie sehr sie sich mittlerweile darauf verstand, das Schwert zu führen und sich einem Gegner im Nahkampf zu stellen?
Viele Mitglieder des Clans hatten sich versammelt, als Berek sie dazu aufforderte, gegen Halvar anzutreten. Sie wollte es sich in diesem Moment zwar nicht anmerken lassen, aber lange hatte sie auf diesen Augenblick hingefiebert, dass sie sich beweisen konnte und alle es sehen würden. Umso mehr hatte sie erwartet, nun endlich mit ernsthaften Aufgaben bedacht zu werden, als Halvar vor ihr auf dem Hosenboden saß, dass Schwert neben sich und den wissenden Ausdruck in den Augen, besiegt worden zu sein.
Und nun dies.

Zusammengebunden mit diesem Kind, vielleicht dazu verdammt tagelang mit ihr durch die Wälder zu streifen, bis es ihr wohlmöglich nie einleuchten würde, was es bedeutet, in einem Clan zu leben. Als Caitlin dieses Schreckensszenario wiederholt vor dem inneren Auge ablaufen ließ, wallte erneut eine Woge des Zorns durch ihren Körper, welche sie durch einen gezielten Ellenbogenhieb in Moras Rippen entlud. Von Schmerzen gepeinigt jaulte diese auf, jedoch zu stolz, um erneut gegen diese grobe Behandlung zu protestieren. Caitlin hatte ihr bereits, kurz nachdem sie Machad verließen, deutlich gemacht wieviel sie von dem ganzen hielt. So zogen sich die Stunden hin, in denen sie wortlos nebeneinander her liefen, den Blick geradeaus auf ein imaginäres Ziel gerichtet und wohl beide in der Hoffnung, der anderen würde etwas einfallen um sie aus dieser Situation zu befreien. Klar, Caitlin hätte den Pfeil nehmen können und damit das erstbeste Reh, das sie erblickten, zu den Ahnen jagen können – aber das wäre zu einfach gewesen. Deswegen hatte sie Berek nicht losgeschickt, das wusste sie. Und so machte sie Mora auch unmissverständlich deutlich, dass sie keinen Finger krümmen würde, sollten sie ein Reh oder einen Hirsch erspähen. Klar musste Mora annehmen, dass dies nur eine weitere Schikane war, die ihr Caitlin auferlegte um ihr Missfallen dieser ganzen Situation zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht – aber die etwas kleinere Angure, die ihr blondes Haar heute offen trug, dass es ihr wallend bis über die Schultern herabhing, hatte schon früh gelernt, dass Nachgeben allzu oft als Zeichen von Schwäche ausgelegt wurde. Einmal beschlossen würde sie an dieser Entscheidung festhalten. Auch wenn sie dadurch zu einem mehrere Tage anhaltenden Marsch über die Eisinsel verdammt waren. Berek würde es nicht gutheißen, wenn sie jetzt nachgäbe. Aber Berek hätte auch Halvar schicken sollen und nicht sie.

Mora blieb so abrupt stehen, beinahe hätte Caitlin das Gleichgewicht verloren und wäre zu Boden gestürzt. Schon wollte sie Mora dieses Manöver mit einem Fausthieb heimzahlen, als sie den Grund dafür bemerkte. Unweit vor ihnen stand ihre Rettung. Stolz hob der Hirsch sein mächtiges Geweih, als habe er etwas gehört. Doch zu ihrer beiden Glück schien er sie nicht zu entdecken. In geduckter Haltung näherten sie sich dem Tier, bis sie schließlich in Schussweite stehen blieben. Caitlin hatte Mora zuvor mehr schlecht als recht erklärt, wie sie den Pfeil an die Sehne legen sollte und daß sie ihn, wenn möglich, dem Tier in den Hals jagen sollte. Wenigstens hätte Mora so ein grösseres Ziel zum treffen, denn ein sauberer tödlicher Schuss würde ihr eh nicht gelnigen
Schon im Ansatz bemerkte Caitlin, wie unruhig die wenig Jagd erprobte Mora den Bogen hielt und auch viel zu schnell die Sehne nach vorn schnellen ließ.
Ein Wunder, dass der Hirsch den Pfeil überhaupt bemerkte, so weit ging er am Ziel vorbei. Wenige Augenblicke später war das Tier schon aus ihrem Blickfeld verschwunden. Caitlin hatte das kommen sehen. Und trotzdem hätte sie nichts anderes tun können, das wusste sie. Nur Mora schien es immer noch nicht zu begreifen.

Hatte sie bis hierher ihr Schicksal mit Fassung getragen, ja auch Bereks Androhung, Caitlin dürfe sie bei einem Fluchtversuch töten, ohne große Widerrede hingenommen, jetzt war es an der Zeit, wo auch mit ihr das erste Mal der Zorn durchging. Gereizt beschuldigte sie Caitlin der Sinnlosigkeit dieses Unterfangens – würde sie doch auch in 20 Versuchen kein Tier auf diese Entfernung treffen können. Natürlich wusste auch Caitlin um ihrer beiden Erfolgschancen, würde Mora weiterhin den Bogen bedienen. Vielmehr ärgerte sie jedoch, dass die einige Jahre jüngere, jedoch größer gewachsene Angure, ganz offensichtlich noch nicht andeutungsweise begriffen hatte, was Berek von ihr verlangte. Und so ließ sie stumm den Wortschwall an Anschuldigungen über sich ergehen, ehe sie schließlich den Weg fortsetzten. Ihren einzigen Pfeil konnten sie zuvor unversehrt aus einem Gebüsch bergen und verstauten ihn in dem sonst gänzlich leeren Köcher, den Caitlin wie gewohnt auf dem Rücken trug.
Erst als sich die Sonne schon bedenklich nahe der Meeresoberfläche näherte, die sich hinter der schier endlos erscheinenden Ebene aus Eis und Schnee erstreckte, über die die beiden jungen Anguren schritten, gestattete Caitlin, eine kleine Pause einzulegen. Seit ihrer Begegnung mit dem Hirsch hatten sie kein weiteres lohnenswertes Ziel ausmachen können und auch ihre kargen Gespräche ließen wenig Grund zur Annahme, dass sie noch am selben Tag nach Machad zurückkehren würden.

Diese eisige Kälte, die Stille der schier endlos erscheinenden Ebene wirkten erdrückend. Wohin man sah: Schnee und Eis. Caitlin hatte sich beinahe damit abgefunden, die Nacht draußen verbringen zu müssen, als sie eine innere Stimme von neuem dazu antrieb, bei Mora nachzubohren. Immer wieder versuchte sie der störrischen Mora deutlich zu machen, was das Seil um ihre Knöchel bedeute, wie es sinnbildlich für den Clan stünde und das sie gemeinsam mehr erreichen würden als getrennt. Ebenso brächte es sie beide gleichermaßen in Schwierigkeiten, würde sich eine von ihnen unvorsichtig anstellen. Doch Mora hatte nur den neuerlichen Misserfolg bei der Jagd vor Augen und konnte ihren Ausführungen nicht folgen. Für sie war es nur ein Klotz am Bein. Gerade wollte Caitlin einen weiteren Versuch starten, als sie ein Fauchen zusammenfahren ließ.

Noch im selben Moment riss sie die Katze zu Boden. Von beiden unbemerkt, hatte sich ihnen ein Schneeleopard genähert, der, jeder Gefahr zum Trotz, sie nun aus dem Hinterhalt angriff. Im Sturz gelang es Caitlin noch, sich auf den Rücken zu drehen, als das schwere Tier auf ihr landete und ihr die Luft aus den Lungen trieb. Instinktiv schlug sie sofort mit beiden Armen aus, was ihr vermutlich in diesem Augenblick auch das Leben rettete, den der Kopf des Tieres – zum Biss in die Kehle seines wehrlosen Opfers bereit – wurde noch einmal zurückgetrieben. Wütend hämmerte eine Pranke auf Caitlins Brustkorb und raubte ihr beinahe die Besinnung. Mora hatte es währenddessen ebenfalls unsanft zu Boden befördert, da sie durch Caitlins Sturz mitgerissen wurde. Umständlich hatte sie sich aufgerappelt und konnte ihren Augen nicht trauen. Die Sekunden in denen sie reglos dastand, nicht wusste was sie tun sollte und einfach nur starr auf den ungleichen Kampf zu ihren Füßen blickte, kamen Caitlin wie Stunden vor. Längst hing der Großteil ihrer Lederrüstung in Fetzen an ihr herab und nur mehrere Schichten Stoff bewahrten sie bisher davor, dass die Katze sie in Stücke gerissen hatte. Immer wieder wehrte sie den Kopf des Tieres mit dem Unterarm ab, doch lange würde sie dessen Angriffen nicht mehr standhalten können.

Aus den Augenwinkeln konnte sie Mora erahnen, die plötzlich neben ihr kniete. Wollte sie nicht endlich etwas unternehmen oder ihr einfach nur bei ihrem Tod zusehen? Caitlin spürte die Hiebe der Katze bereits nicht mehr, ihre Arme fühlten sich taub an und sie war beinahe froh darüber, dass sie nicht sehen konnte, was das Raubtier sonst mit ihrem Körper angestellt hatte – da zuckte der Leib des Tieres zusammen, ein Mark erschütterndes Jaulen – Caitlin spritzte Blut ins Gesicht, als sich das Tier ein letztes mal aufbäumte. Schon riss Mora den Räuber von ihr herunter, der, als er seitlich von ihr zu Boden ging, bereits im sterben lag. Vor Entsetzen die Augen weit aufgerissen, das Gesicht Blutverschmiert und der Situation nicht Herr, sah Caitlin, wie aus dem muskulösen Hals der Bestie ein Pfeil ragte. Schon als sie Moras Hand bemerkte, die ihr entgegen gestreckt wurde, hatte der Jäger seinen letzten Atemzug getan. „’s bess’r z’samm’, aye?“ surrte ihr Mora provokant lächelnd entgegen. Caitlin wollte nur noch schnellstmöglich nach Machad zurück.
Zuletzt geändert von Caitlin MacAgrona am Freitag 23. März 2007, 18:34, insgesamt 2-mal geändert.
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