Ein eigenes Nest
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Darna von Hohenfels
Ein eigenes Nest
Am Anfang steht ein Traum
Wieder Zuhause. Zuhause... das Schloß ihres Herrn, seiner Hoheit Adrian von Hohenfels. Ihr Blick fiel auf die Wand und die drei Vorhänge, die ihren privatesten Bereich darstellten. Ein Bett, ein Schrank, ein kleiner Nachttisch, eine Truhe, ein Wandbild - damit war ihr Besitztum an Mobiliar aufgezählt. Selber angeschafft hatte sie sich davon eigentlich sogar nur Schrank, Truhe und Bild.
Sie war nie anspruchsvoll gewesen. Vermutlich hätte sie über diese Lage nie lange nachgedacht, wären nicht die letzten Tage gewesen. Wäre nicht die jetzige Ruhe gewesen, nachdem zwei dumme Gänse... Klatschmäuler, oh ja... an Mägden aus der Küche ein heilloses Chaos ausgelöst hätten.
Nun flogen Fetzen von Erinnerungen durch ihre Gedanken, die sich zu einem Gefühl verdichteten.
"Können wir hier ungestört reden, Frau von Elbenau?" Nein...
"Ich wette mit Euch, daß ich keine drei Bissen vom Essen runterkriege, bevor nicht die nächste Störung kommt." Cathal war so unvorsichtig gewesen, die Wette zu halten und hatte verloren...
"Für gewöhnlich wohnt ein Knappe im Haushalt seines Herrn." Ihr Haushalt?
"Ihr braucht einen Sekretär. Mindestens." Das Gefühl, sich vor lauter Arbeit zu zerreißen. Das Gefühl, daß es weit mehr Aufgaben gab, als sie alleine erledigen konnte und die ihr dennoch am Herzen lagen. So anstrengend Herr Greif auch war, sie genoß es, zu Beobachten, mit welcher zielstrebigen Aktivität er ihres Geistes Kind, den Brandschutz der Städte, in praktische Ausführung umsetzte. Sie hätte wohl noch Monate dafür keine Zeit gehabt. Wenn er nur nicht diese gnadenlos vorlaute Klappe hätte...
"Ja, ich habe Geschwister. Meinen älteren Bruder Veltin. Er ist ebenso Ritter und wird zu gegebener Zeit das Gut unseres Herrn Vaters übernehmen." - es gab Ritter, die wohnten ihr ganzes Leben am Hof ihres Lehensherrn und sie hatte immer gedacht, dies wäre auch ihr Weg. Die Überzeugung hatte Risse bekommen.
"Ein schöner Platz, um ein Haus zu bauen, findest du nicht?" Adrenalon hatte Träume gehabt, Träume von stetiger Nähe zu ihr, die er vorsichtig an sie herantrug... und sie hatte getan, als höre oder verstehe sie nicht. Mit ihm zusammenleben, das kam dem Gedanken an eine Heirat gleich - ein Gedanke, der eine seltsame Form von Erschrecken mit sich brachte. Doch je länger er fort war, desto mehr sehnte sie sich heimlich nach ihm, begann, ihre eigenen Träume zu weben...
"Wir wollen zusammenziehen - Adrian, Yoshua und ich. Viola soll auch mit." Ein kurzes Gefühl von Einsamkeit.
Sie wollte ein Zuhause geben. Sich und... anderen. Sie vermisste das Rittergut ihrer Familie - Wände, die sie ihr eigen nennen durfte und anhand ihres Vaters und ihrer Mutter lernte, wie ein ritterlicher Haushalt zu führen war. Geschäftiges Treiben und dennoch genügend Raum für sich selbst. Das Schloß... verlagerte die Gewichtung hin zur Geschäftigkeit und fort vom eigenen Raum.
War es nur die Erschöpfung der letzten Tage, die in ihr ein gewisses Maß an Ablehnung dagegen weckten? Hinter Berchgard wuchs der Familiensitz der Llastobhars. Sie hatte keine Familie hier. Nur Herzen, die ihr treu waren.
Konnte sie ein Zuhause geben? Ein Heim bieten? Sollte sie erneut die Hoffnung wagen, ein...
eigenes Nest zu bauen?
Wieder Zuhause. Zuhause... das Schloß ihres Herrn, seiner Hoheit Adrian von Hohenfels. Ihr Blick fiel auf die Wand und die drei Vorhänge, die ihren privatesten Bereich darstellten. Ein Bett, ein Schrank, ein kleiner Nachttisch, eine Truhe, ein Wandbild - damit war ihr Besitztum an Mobiliar aufgezählt. Selber angeschafft hatte sie sich davon eigentlich sogar nur Schrank, Truhe und Bild.
Sie war nie anspruchsvoll gewesen. Vermutlich hätte sie über diese Lage nie lange nachgedacht, wären nicht die letzten Tage gewesen. Wäre nicht die jetzige Ruhe gewesen, nachdem zwei dumme Gänse... Klatschmäuler, oh ja... an Mägden aus der Küche ein heilloses Chaos ausgelöst hätten.
Nun flogen Fetzen von Erinnerungen durch ihre Gedanken, die sich zu einem Gefühl verdichteten.
"Können wir hier ungestört reden, Frau von Elbenau?" Nein...
"Ich wette mit Euch, daß ich keine drei Bissen vom Essen runterkriege, bevor nicht die nächste Störung kommt." Cathal war so unvorsichtig gewesen, die Wette zu halten und hatte verloren...
"Für gewöhnlich wohnt ein Knappe im Haushalt seines Herrn." Ihr Haushalt?
"Ihr braucht einen Sekretär. Mindestens." Das Gefühl, sich vor lauter Arbeit zu zerreißen. Das Gefühl, daß es weit mehr Aufgaben gab, als sie alleine erledigen konnte und die ihr dennoch am Herzen lagen. So anstrengend Herr Greif auch war, sie genoß es, zu Beobachten, mit welcher zielstrebigen Aktivität er ihres Geistes Kind, den Brandschutz der Städte, in praktische Ausführung umsetzte. Sie hätte wohl noch Monate dafür keine Zeit gehabt. Wenn er nur nicht diese gnadenlos vorlaute Klappe hätte...
"Ja, ich habe Geschwister. Meinen älteren Bruder Veltin. Er ist ebenso Ritter und wird zu gegebener Zeit das Gut unseres Herrn Vaters übernehmen." - es gab Ritter, die wohnten ihr ganzes Leben am Hof ihres Lehensherrn und sie hatte immer gedacht, dies wäre auch ihr Weg. Die Überzeugung hatte Risse bekommen.
"Ein schöner Platz, um ein Haus zu bauen, findest du nicht?" Adrenalon hatte Träume gehabt, Träume von stetiger Nähe zu ihr, die er vorsichtig an sie herantrug... und sie hatte getan, als höre oder verstehe sie nicht. Mit ihm zusammenleben, das kam dem Gedanken an eine Heirat gleich - ein Gedanke, der eine seltsame Form von Erschrecken mit sich brachte. Doch je länger er fort war, desto mehr sehnte sie sich heimlich nach ihm, begann, ihre eigenen Träume zu weben...
"Wir wollen zusammenziehen - Adrian, Yoshua und ich. Viola soll auch mit." Ein kurzes Gefühl von Einsamkeit.
Sie wollte ein Zuhause geben. Sich und... anderen. Sie vermisste das Rittergut ihrer Familie - Wände, die sie ihr eigen nennen durfte und anhand ihres Vaters und ihrer Mutter lernte, wie ein ritterlicher Haushalt zu führen war. Geschäftiges Treiben und dennoch genügend Raum für sich selbst. Das Schloß... verlagerte die Gewichtung hin zur Geschäftigkeit und fort vom eigenen Raum.
War es nur die Erschöpfung der letzten Tage, die in ihr ein gewisses Maß an Ablehnung dagegen weckten? Hinter Berchgard wuchs der Familiensitz der Llastobhars. Sie hatte keine Familie hier. Nur Herzen, die ihr treu waren.
Konnte sie ein Zuhause geben? Ein Heim bieten? Sollte sie erneut die Hoffnung wagen, ein...
eigenes Nest zu bauen?
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Viola Ser´Rhal
„Guten Morgen Frau Ser’Rhal …“ sie nickte nur stumm der Magd entgegen. Frau Ser’Rhal. Sie hasste diese Bezeichnung und manchen im Schloss konnte sie noch so oft sagen, sie sollten sie schlicht Viola nennen, sie nannten sie weiterhin mit ihrem Nachnamen. Sie trat in ihr Quartier, warf sich auf das Bett und brummte leise. Jeder hier kannte sie mittlerweile, wie sagte einer der Gardisten so schön, „Ihr seid doch bereits so was wie ein Teil des Hofes“. Wenn sie nur einige Monde zurückdachte, da war sie die junge, fremde Frau gewesen der man seltsame Blicke entgegen geworfen hatte, weil sie in den gleichen Quartieren wie die Ritter nächtigte. Damals hatte man gesagt, sie würde ja nicht lange bleiben, eine Hinrah war es ja gewesen, der man etwas Anstand beibringen wollte und die auf Lady Eileen aufpassen sollte. Weder die Bediensteten noch sie selber hätten im Traum daran gedacht, dass ihr Weg hier vorerst enden würde. Es gab keinen Clan mehr, in dem sie lebte und aus der kurzen Lehrzeit war nun schon eine lange Zeit des Lebens geworden. Trotz allem. War dies die Art von Leben, wie sie sich erhofft hatte? Natürlich, im Clan hatte sie sich ein kleines Zimmer erst mit Erinna und dann mit Hailey geteilt und nun hatte sie ihre kleine Kabine, sie war Schlichtheit gewohnt aber irgendwie wollte sie auch irgendwann mehr, als das hier.
Selissas Vorschlag geisterte wieder durch ihren Kopf. Als sie so fast nebenbei beschlossen hatte, dass Viola mit ihr, Adrian und Yoshua zusammenziehen würde. Sie war anfangs gar nicht so begeistert gewesen von dem Gedanken. Selissa war ein Wirbelwind und auch wenn Viola eigentlich jünger war, so kam ihr Selissa manchmal wie ein achtjähriges Gör vor, dass eine Tracht Prügel nötig hätte. Yoshua war … komisch. Der Lebenssinn dieses Jungens schien darin zu bestehen, Selissa zu suchen und bei ihr zu sein und irgendwie konnte Viola nicht den Gedanken loswerden, dass da mehr war als nur der Vorwand, Selissa sei eine der wenigen Personen die er kannte. Adrian hingegen machte einen recht soliden Eindruck auf sie. Er war wortgewandt, er hatte Charme und er dachte auf einer recht ähnlichen Ebene wie Viola. Und je länger sie darüber nachdachte, desto mehr konnte sie sich mit dem Gedanken anfreunden trotz allem mit diesem Menschen zusammenzuleben. Nur dann würde es wohl auch heißen, dem Schloss endgültig Lebe Wohl zu sagen und dann auch Darna weniger zu sehen, was ihr nicht ganz so leicht fiel. Schließlich war ihr diese Frau zu einer sehr guten Freundin geworden, die sie ungerne missen wollte. Und dann war da noch der Faktor Fuchs. Viola seufzte leise bei dem Gedanken. Sie wollte das kleine Kind endlich von der Strasse holen, auch wenn sie gut verstand wieso die Kleine bisher nicht in ein festes Heim wollte, hatte sie doch früher genau die gleichen Argumente gehabt. Doch bei ihrem letzten Treffen hatte sie es zu deutlich gespürt, dass auch der kleine Fuchs sich in ihrer Nähe wohl fühlte und dass sie vielleicht sogar mit Viola sesshaft werden würde. Das wäre dann wiederum ein Problem wenn sie mit den anderen zusammenziehen würde … sie schüttelte den Kopf. Das war alles Zukunftsmusik und darüber würde sie nachdenken, wenn es an der Zeit war.
Sie erhob sich und trat in Richtung Küche, sie verspürte einen großen Appetit.
Selissas Vorschlag geisterte wieder durch ihren Kopf. Als sie so fast nebenbei beschlossen hatte, dass Viola mit ihr, Adrian und Yoshua zusammenziehen würde. Sie war anfangs gar nicht so begeistert gewesen von dem Gedanken. Selissa war ein Wirbelwind und auch wenn Viola eigentlich jünger war, so kam ihr Selissa manchmal wie ein achtjähriges Gör vor, dass eine Tracht Prügel nötig hätte. Yoshua war … komisch. Der Lebenssinn dieses Jungens schien darin zu bestehen, Selissa zu suchen und bei ihr zu sein und irgendwie konnte Viola nicht den Gedanken loswerden, dass da mehr war als nur der Vorwand, Selissa sei eine der wenigen Personen die er kannte. Adrian hingegen machte einen recht soliden Eindruck auf sie. Er war wortgewandt, er hatte Charme und er dachte auf einer recht ähnlichen Ebene wie Viola. Und je länger sie darüber nachdachte, desto mehr konnte sie sich mit dem Gedanken anfreunden trotz allem mit diesem Menschen zusammenzuleben. Nur dann würde es wohl auch heißen, dem Schloss endgültig Lebe Wohl zu sagen und dann auch Darna weniger zu sehen, was ihr nicht ganz so leicht fiel. Schließlich war ihr diese Frau zu einer sehr guten Freundin geworden, die sie ungerne missen wollte. Und dann war da noch der Faktor Fuchs. Viola seufzte leise bei dem Gedanken. Sie wollte das kleine Kind endlich von der Strasse holen, auch wenn sie gut verstand wieso die Kleine bisher nicht in ein festes Heim wollte, hatte sie doch früher genau die gleichen Argumente gehabt. Doch bei ihrem letzten Treffen hatte sie es zu deutlich gespürt, dass auch der kleine Fuchs sich in ihrer Nähe wohl fühlte und dass sie vielleicht sogar mit Viola sesshaft werden würde. Das wäre dann wiederum ein Problem wenn sie mit den anderen zusammenziehen würde … sie schüttelte den Kopf. Das war alles Zukunftsmusik und darüber würde sie nachdenken, wenn es an der Zeit war.
Sie erhob sich und trat in Richtung Küche, sie verspürte einen großen Appetit.
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Darna von Hohenfels
Der Schöne und das Biest?
Drei Tage frei.
Endlich konnte sie die Schriften kopieren, die sie dem Kloster übereignen wollte und die Teil einer Prüfung für Selissa werden sollten. Sie kam sonst einfach nicht dazu.
"Das nennt Ihr Urlaub?", fragte Adrian Greif skeptisch und folgte ihr ins Schloß. Die Wachen tauschten nur wissende Blicke und verbargen das Grinsen.
Das alte Spiel begann - langsam kannte sie es und versuchte, sich dagegen zu wappnen. Herrn Greifs unbequeme Wahrheiten, für die er so berüchtigt war...
"Ihr bleibt während Eures Urlaubs also im Schloß?"
"Ja, wo denn sonst?"
"Oh verzeiht - ich vergaß, daß die Welt nur aus Varuna besteht. Das verdränge ich manchmal, wisst Ihr?"
Er war da wirklich hervorragend drin. Es erinnerte sie an ihre Streitgespräche mit Gernot früher, und sie war dankbar, daß die Zeiten vorbei waren, indem sie ihm nun ernsthaft auseiandergesetzt hätte, daß die Welt durchaus nicht nur aus Varuna bestand.
"Die Möglichkeiten eines Ritters, Abstand zu nehmen, sind etwas... eingeschränkt."
"Durch?"
"Es ist doch ziemlich egal, wo ich mich aufhalte, als Ritter bin ich immer im Dienst." Unbestimmt wedelte sie mit der Hand. "Und kaum trete ich vor die Tür, gibt es irgendwelche Katastrophen, Nöte oder Rahaler, die mir über den Weg laufen."
"Dann müsst ihr eben ein paar mehr Schritte tun."
"Und was empfiehlt der Herr Experte für ritterliche Erholung?", fragte sie bissig zurück, "Abenteuerurlaub in Rahal?"
Was war für sie überhaupt Entspannung? Gute Frage. "Ein paar schöne Gedichte lesen...", antwortete sie nach verdächtig langem Grübeln.
"Drei Tage lang? Da könnt Ihr ganze Bibliotheken lesen."
Ja aber, was sollte sie denn machen, wenn sie drei Tage lang nichts machen sollte, verflixt?
Doch irgendwann behagte ihr der Gedanke... Lameriast. Die Insel war so groß, daß sie noch immer nicht alles kannte, die Wälder dort waren weit und einsam gewesen, herrlich... Keine Obrigkeit, der sie sich vorstellen musste, keine Elfen, denen sie sich ankündigen müsste, es war zu hoffen, daß es dort einfach Ecken gab, in denen sie niemandem auf die Füße trat, wenn sie einfach der Rehjagd nachging und abends am Lagerfeuer mit entsprechendem Braten ein schönes Buch las, ohne Gardisten, ohne Moralpredigten, ohne irgendwo irgendwem für irgendwas Rechenschaft ablegen zu müssen.
Doch, die Aussicht gewann etwas faszinierendes. Die Schriften konnte sie ja auch da kopieren.
"Erwähnte ich, daß ich gut im Schriften kopieren bin?", schmunzelte Adrian.
Kurz sah sie ihn fragend blinzelnd an, dann räusperte sie sich verlegen. "Achso... hm... Es waren ja keine offiziellen Schriftstücke oder sowas. Nur etwas, was ich für den Schrein fertigmachen wollte - privat sozusagen."
Sehr privat. Das waren die Schriften aus ihrer Knappenzeit, in der sie die Schreine kennengelernt und ihre Gedanken dazu festgehalten hatte. Die Basis dessen, was sie heute war.
Sie hatte eine Sammlung von Kopien Ihrer Hochwürden anbieten wollen - allein für sich bereits eine Ehre, würde die Klosterbibliothek diese Worte einfach beherbergen. Eine Bibliothek war dazu da, Wissen weiterzugeben... wieso sträubte sich jetzt etwas in ihr, Adrian diese Silben anzuvertrauen?
Der Fortgang des Gespräches zerriss die Gedanken.
"Also nur halb so wichtig..und sicher auch irgendwann anders erledigbar?"
"Ich komm sonst nie dazu", seufzte sie.
"Habe ich erwähnt, daß ich ziemlich gut bin im Schriften kopieren?"
Plötzlich musste sie herzlich loslachen. Diese gerade offenbarte Art, ihr lästige Sachen behilflich und so charmant energisch abzunehmen, damit sie endlich aufhörte, sich dauernd selber darum einen Kopf zu machen, wo sie es nicht sollte, war einfach... süß.
"Ihr lacht... das ist irgendwie... seltsam."
Ihre Augen blitzten vergnügt, auch wenn sie sich wunderte - aber doch, er hatte wohl recht... vor ihm einfach so gelacht? Er hatte ihr nie Grund dazu gegeben. Im Gegenteil. Ein wohliges Kribbeln ging über ihre Haut, als sie feststellte, daß er also auch anders sein konnte. Vielleicht war dieses Empfinden gerade sogar beiderseitig.
"Manchmal könnt Ihr sogar auf eine charmante Art unmöglich sein, Herr Greif... das ist seltsam."
Er grinste. "Ja, meinem Charme erliegt irgendwann jede Frau..."
Ein innerliches Ächzen - und vorbei. Da war sie wieder, diese... künstliche Selbstgefälligkeit. Was sollte das überhaupt? Ihr Lachen verebbte, wie es gekommen war.
"Schockiert? Das sind die meisten anfangs..."
Als was stellte er sich eigentlich gerade dar? Daß er irgendein toller Hecht war, seine Freundlichkeit gerade eine gewohnte "Masche", mit der er Frauen um den Finger zu wickeln pflegte - auch Frau Ritterin?
Genau so eine Einstellung fehlte ihr noch, nachdem schon durch den heutigen Morgen der Argwohn nicht ganz zur Ruhe gekommen war, welche Gerüchte sich nun auch noch darüber entspinnen mochten, daß man sie und Rafael in Form von Schnapsleichen beide im Zimmer des Gästebettes angefunden hatte...
Gütige, das wär's noch, wenn Adrenalon zurückkäme, erst so eine Erzählung und dann jemand wie Adrian Greif, der damit herumprahlte, daß Darna von Elbenau ihm Charme zugesprochen hatte... ganz klasse.
Ihr gegenüber sitzend konnte Adrian minutiös mitverfolgen, wie die Lady ihre "Dienstfresse" zurückgewann - die Mundwinkel unten, die Linien, die von der Nase zu diesen hinunterführte, schienen auch mehr und mehr Beständigkeit in ihrem Gesicht zu gewinnen, die Stirn leicht gefurcht, die Brauen etwas zusammengezogen... so sah man sie doch tagtäglich.
"Gerade leider nicht erheiternd, Herr Greif." Brauchte es diese Aussage noch?
"Ihr habt Männerprobleme...?", kam es mit einer Spur Ungläubigkeit von ihm, rasch hob er die Hand. "Nein! Halt!"
Sie furchte die Stirn, während er weitererklärte: "Ich weiss nicht, ob ich das wissen will... die Vorstellung ist zu merkwürdig."
Was glaubte er eigentlich, von ihr zu wissen? Und was erdreistete er sich, über ihre Fähigkeit und Möglichkeit zu lieben sich Gedanken zu machen? Sie hatte seine Erklärung, daß er die Nächte wechselnd eben dort verbrachte, wo ein weibliches Wesen ihn eben willkommen hieß - und er tat nicht so, als wären das wenige.
"Je weniger leichtfertig man mit so etwas umgeht, desto eher kann es auch mal zu Problemen kommen, Herr Greif", meinte sie kühl.
"Zu echten Problemen. Kennst du vermutlich nicht mal, außer, einen wütenden Ehemann hinter dir herrennend zu fürchten, hm?"
"Ich bin ja nicht so hilfsbereit wie Ihr... aber wollt ihr irgendetwas erzählen?"
"DIR?! Vielleicht dem Folterknecht auf der Streckbank, aber ganz bestimmt nicht DIR!"
Adrian sah interessiert zu, wie sie die unfreundliche Bemerkung merklich runterschluckte.
"Ihr solltet sowas aussprechen.. das lastet nur auf Euch."
"Ich lass mich dir zuliebe bestimmt nicht soweit gehen, meine gute Erziehung zu vergessen."
Und sie würde diesem Mann ganz bestimmt nicht etwas von ihrem Wesen freiwillig preisgeben, wie ihre Knappenschriften. Darin waren Gefühle offenbart - eine Offenheit, die er gar nicht verdiente. Sie stand auf.
"Ich glaube nicht, daß diese Kopierarbeiten Euch zugemutet werden müssen, selbst das Thema dürfte sterbenslangweilig für Euch sein und Ihr habt ja auch nicht wenig zu tun."
"Eigentlich habe ich jede Menge Zeit, in der ich auf die Übung warte..."
"Ich sollte eher nachsehen, was es dann an Reisevorbereitungen zu treffen gibt..." Unbestimmt sah sie durch den Raum. Es fiel leichter, Ärger zu vergessen, wenn sie sich auf Arbeit konzentrierte, aber hier war gerade keine Arbeit. Den Raum jetzt zu verlassen, würde den Rückzug offen ersichtlich werden lassen - ihre Flucht vor diesem dreisten Menschen.
"Hau ab."
"Wenigstens bleibt ihr schonmal nicht hier..."
Er wollte sie nicht aus dem Weg haben, er wollte, daß sie sich erholte. Warum? Es passte alles gerade überhaupt nicht zusammen. Erst war er so unerwartet nett gewesen - wofür? Und dann diese Überheblichkeit - wozu? Warum hatte er das binnen einer Stunde aufgebaut und wieder kaputtgemacht?
Sie sah ihn den Gedanken folgend grübelnd an.
"Gleich wird er wieder fragen, was ich denke."
"Was denkt ihr denn nach?"
"Manchmal wüsste ich gerne, was Ihr mit all dem überhaupt bezweckt."
"Wir haben schon mal festgestellt, daß ich nur offen zu ihm bin, wenn ich ihm vertraue oder er mich genug geärgert hat - zweites mal wieder gelungen. Wieso fällt ihm das so ekelhaft leicht? Ich brauch wohl Urlaub."
"Ihr solltet Euch fragen, ob ich überhaupt etwas bezwecke."
"Alles andere fiele doch glatt unter den Verdacht, selbstlos zu sein", konterte sie mit einem bitteren Anflug von Ironie, den sie selber spontan nicht an sich leiden konnte.
"Auch ich kann mir die ein oder andere kleine Schwäche leisten, oder?"
"Schwächen... du hast noch gar nicht wirklich begriffen, was Schwächen sind. Fürsorge ist keine Schwäche, sondern Überheblichkeit. Aber kein Wunder, wenn man Gutmütigkeit als Schwäche gepredigt bekam..."
"Immerhin eher hier als in Rahal."
"Da auch.. da darf man es sich nur nicht anmerken lassen. Aber da ihr in mir ja sowieso lest wie in einem offenen Buch..."
Innerlich zuckte sie zurück. Benahm sie sich so?
"Du siehst sie nur von außenwärts,
du siehst die Weste - nicht das Herz."
Nein, sie verstand ihn nicht. Dieses 'stachelige Gebilde, das man dreht und wendet', wie sie ihn einmal beschrieben hatte. Er war es noch immer, gerade wieder.
"'Buch mit sieben Siegeln' träfe es besser", stellte sie nüchtern fest.
"Ach, seid doch lieber froh. Ich wette, Ihr habt schon genug Menschen um Euch herum, die immer nur ja und sofort sagen."
Der nächste Schlag ins Gesicht - als hätte sie das nötig. Sie musste nicht mit Kadetten über jeden einzelnen Befehl diskutieren, aber die Leute folgten ihr doch wohl hoffentlich, wenn und weil sie ihrem Urteilsvermögen vertrauten. Vertrauen, das sie sich stetig zu verdienen versuchte.
"Ich lege genauso wenig Wert auf derartige Jasager wie seine Hoheit - mal davon abgesehen, daß die Anzahl solcher Personen bei mir denkbar gering wäre."
"Denkbar gering? Wieviele verhalten sich denn so wie ich euch gegenüber? Zwei? Drei?"
Das hielt er für lobenswert, wie er sich benahm? Selbst, wenn es manchmal sogar so war - Eigenlob stank, wie man wusste.
"Zwischen gutgemeint widersprechender Meinung und verletzender Unhöflichkeit gibt es immernoch ein paar Unterschiede."
"Also bin ich verletzend unhöflich?"
"Zudringlich." Und heute war er noch nicht mal unhöflich gewesen, wie ihr gerade auffiel, verflucht noch eins...
"Ihr seid..." Sie zog die Luft ein. "Er hat mich doch schon wieder da, wo er mich haben wollte."
"Sprecht es nur aus. Ich vertrage das." Wortlos klappte sie den Mund auf und zu. "Ja?", hakte er unnachgiebig nach.
"Als... würd ich... Euch erzählen, was..." - jedes einzelne Wort kostete sie Überwindung und sie verstummte wieder. Sie kam sich gerade vor wie ein Esel, der an seiner Leine zog, doch sie traute dem Mann am anderen Ende der Leine nicht.
"...was Ihr für Probleme habt? Aber andere tun das doch mit Euch genauso..."
"Ich hack auch nicht auf den Schwächen anderer herum und lach sie dafür aus", zischte sie zurück. Gütige, was wohl los wäre, wenn der von heute morgen wüsste!
"Hm. Dabei habe ich gar nicht gelacht...habt Ihr das etwa erwartet?"
"Bei Eurer Bissigkeit? Was denn sonst", schnaubte sie. "Das heute war ja mal glatt eine Ausnahme..." - das ärgerte sie fast am meisten, daß sie ihm nicht mal gerade was vorwerfen konnte!
"Gibt es einen effektiveren Weg, um unter Eure Ritterfassade zu kommen? Sagt ihn mir."
"Effektiv..." - Himmel, wie sie dieses Wort langsam hasste.
"Mich damit zu reizen, schafft Ihr, ja. Erwartet Ihr mehr? Ihr benehmt Euch wie", sie verstummte abrupt. "Gernot."
"Vergesst ihr immer so schnell, was ihr sagen wolltet? Ihr habt Urlaub wirklich nötig." Oh, dieser Bastard!
Wie ein gereizter Stier schnaubte sie und wurde blass vor Wut, setzte an, sich abzuwenden. "Nein, du wirst nicht weglaufen!" Sie verblieb, starrte ihn an. "Nein, du wirst ihm keine reinhauen!" Gelähmt stand sie mitten im Rittersaal.
"Sprecht es doch einfach aus... dann ist es viel leichter... glaubt mir, ich kenne das."
"Das... wollt... Ihr ... doch nur...", erstickte sie bald an den Worten, dann brüllte sie unvermittelt los:
"Hat Euch Rahal eigentlich dafür geschickt, damit Euch das gelingt, was sonst kaum wer schafft?! Bravo! Ja, bin ich wütend! Ihr seid unmöglich!"
Sie hätte heulen können vor Wut, während er loslachte und ihr munter seitlich gegen die Schulter klopfte.
"Und das obwohl ich heute sogar ganz nett war... das muss auch mal sein, Ritterin."
Ihre Hand fegte ziellos durch die Luft. "Ja, ausgerechnet heute seid Ihr mal nett! Meine Fresse! Und glaubt, daß ICH EUCH was von privaten Problemen erzähle?! Was glaubt Ihr eigentlich?! Bah!"
"Na wem erzählt ihr das denn sonst, hm?"
"Viola." "Na, ganz bestimmt nicht EUCH!" Sie atmete schwer aus. Der Knoten war geplatzt.
"Nicht in der Lautstärke... die Gardisten kommen sicher gleich und fragen, was los ist", schmunzelte er vergnügt.
Ihre Hand ballte sich zur Faust und ruckte ein Stück hoch, gleichzeitig flog der Blick zum Vorhang, der auf den Flur führte.
"Das habt ihr bestimmt auch noch nie getan, hm? Aber einmal könnte nicht schaden... außerdem hab ichs verdient."
"Doch, ich hab hier schon mal rumgeschrien", brummte sie äußerst ungehalten.
"Was tust du hier eigentlich? Dich nochmal zum Affen machen? Deine Prinzipien vergessen? Diesmal nicht vor Eileen, sondern vor ihm? Was willst du als nächstes tun, dich mit ihm prügeln wie zuletzt als Kleinkind mit Hinrich? Wie als Knappin mit Gernot? Wie ein unreifes Ding?"
"Ich meinte mir eine zu verpassen."
"Am liebsten ja." Ihr Kopf ruckte herum.
"Ich hab doch Recht, hm?" Er sah sie an. Offenes Buch... "Klapp es zu!"
"Ffh... soweit kommts noch."
Es reichte. Sie zog sich zurück, über sich selbst erschrocken. Die Wut war so schnell verraucht, wie sie gekommen war, und einmal mehr blieb nichts als schaler Nachgeschmack. Kurz hatte es befreiend gewirkt, eine gefährliche Sucht...
Sie wich zurück, indem sie scheinbar nachdenkend die Reihe der Stühle entlangmarschierte. Abstand. Plötzlich fühlte sie sich nur noch müde. Was hatte das alles für einen Sinn gehabt?
"Ich müsste dankbarer dafür sein, daß es sowas wie Euch überhaupt gibt, wäre es nicht jedesmal so verflucht anstrengend." Sie machte sich nicht mehr die Mühe, es in höflichere Worte zu packen. Sie wusste auch nicht, ob er überhaupt verstehen würde. Es war ihr auch gerade... scheißegal.
Er legte seinen Mantel, den er bereits gegriffen hatte, wieder hin und trat langsam und bedächtig auf sie zu.
"Bleib weg. Mir sind heute genug Männer zu nahe gekommen..."
In ausgestreckter Armeslänge, gebührendem Abstand, blieb er stehen.
"Meint Ihr, Ihr haltet es noch ein wenig mit mir aus? Ich nehme nämlich an, die Übung wird ein voller Erfolg..."
Konnte sie überhaupt noch ihrem Gefühl vertrauen, nachdem es sie gerade so ins Messer hatte laufen lassen? Schwang da tatsächlich ein bittender, hoffender Unterton mit?
"Wieso fürchte ich immernoch, Ihr könntet nur ein Gesandter Rahals sein, der mir nur einen demütigenden Spiegel vorhalten soll? Es scheint überhaupt nicht mehr zu passen." Sie senkte den Blick. Zweifel. Was sollte sie nur von ihm halten?
"Weil ich eigentlich keiner der Varuneser bin", lautete seine ruhige Antwort, "Weil ich eigentlich immernoch viel zu viel von Rahal habe."
Sie seufzte. "Schade... ich wünschte, mein Gefühl hätte mich einfach nur getrogen."
War sie nicht insgeheim dankbar? Genoß nicht ein Teil in ihr diese Reibereien, die Gelegenheit, sich an ihm zu messen, selbst wenn sie verlor wie heute? Er war ein Prüfstein, der die Erfahrungen der anderen Seite in sich trug, und den... man sich kritischer doch kaum wünschen konnte. Und manchmal... konnte er sogar nett sein.
"Das wird sich an mir nie ändern, Ritterin. Allerdings... hat das ja nichts mit meiner Loyalität zu tun."
"Kann die nicht jemandem gelten, der mit Euch besser zurechtkommt als ich?", fragte sie gequält rethorisch.
"Nein. Denn die gilt immer nur denen, die es wert sind."
Drei Tage frei.
Endlich konnte sie die Schriften kopieren, die sie dem Kloster übereignen wollte und die Teil einer Prüfung für Selissa werden sollten. Sie kam sonst einfach nicht dazu.
"Das nennt Ihr Urlaub?", fragte Adrian Greif skeptisch und folgte ihr ins Schloß. Die Wachen tauschten nur wissende Blicke und verbargen das Grinsen.
Das alte Spiel begann - langsam kannte sie es und versuchte, sich dagegen zu wappnen. Herrn Greifs unbequeme Wahrheiten, für die er so berüchtigt war...
"Ihr bleibt während Eures Urlaubs also im Schloß?"
"Ja, wo denn sonst?"
"Oh verzeiht - ich vergaß, daß die Welt nur aus Varuna besteht. Das verdränge ich manchmal, wisst Ihr?"
Er war da wirklich hervorragend drin. Es erinnerte sie an ihre Streitgespräche mit Gernot früher, und sie war dankbar, daß die Zeiten vorbei waren, indem sie ihm nun ernsthaft auseiandergesetzt hätte, daß die Welt durchaus nicht nur aus Varuna bestand.
"Die Möglichkeiten eines Ritters, Abstand zu nehmen, sind etwas... eingeschränkt."
"Durch?"
"Es ist doch ziemlich egal, wo ich mich aufhalte, als Ritter bin ich immer im Dienst." Unbestimmt wedelte sie mit der Hand. "Und kaum trete ich vor die Tür, gibt es irgendwelche Katastrophen, Nöte oder Rahaler, die mir über den Weg laufen."
"Dann müsst ihr eben ein paar mehr Schritte tun."
"Und was empfiehlt der Herr Experte für ritterliche Erholung?", fragte sie bissig zurück, "Abenteuerurlaub in Rahal?"
Was war für sie überhaupt Entspannung? Gute Frage. "Ein paar schöne Gedichte lesen...", antwortete sie nach verdächtig langem Grübeln.
"Drei Tage lang? Da könnt Ihr ganze Bibliotheken lesen."
Ja aber, was sollte sie denn machen, wenn sie drei Tage lang nichts machen sollte, verflixt?
Doch irgendwann behagte ihr der Gedanke... Lameriast. Die Insel war so groß, daß sie noch immer nicht alles kannte, die Wälder dort waren weit und einsam gewesen, herrlich... Keine Obrigkeit, der sie sich vorstellen musste, keine Elfen, denen sie sich ankündigen müsste, es war zu hoffen, daß es dort einfach Ecken gab, in denen sie niemandem auf die Füße trat, wenn sie einfach der Rehjagd nachging und abends am Lagerfeuer mit entsprechendem Braten ein schönes Buch las, ohne Gardisten, ohne Moralpredigten, ohne irgendwo irgendwem für irgendwas Rechenschaft ablegen zu müssen.
Doch, die Aussicht gewann etwas faszinierendes. Die Schriften konnte sie ja auch da kopieren.
"Erwähnte ich, daß ich gut im Schriften kopieren bin?", schmunzelte Adrian.
Kurz sah sie ihn fragend blinzelnd an, dann räusperte sie sich verlegen. "Achso... hm... Es waren ja keine offiziellen Schriftstücke oder sowas. Nur etwas, was ich für den Schrein fertigmachen wollte - privat sozusagen."
Sehr privat. Das waren die Schriften aus ihrer Knappenzeit, in der sie die Schreine kennengelernt und ihre Gedanken dazu festgehalten hatte. Die Basis dessen, was sie heute war.
Sie hatte eine Sammlung von Kopien Ihrer Hochwürden anbieten wollen - allein für sich bereits eine Ehre, würde die Klosterbibliothek diese Worte einfach beherbergen. Eine Bibliothek war dazu da, Wissen weiterzugeben... wieso sträubte sich jetzt etwas in ihr, Adrian diese Silben anzuvertrauen?
Der Fortgang des Gespräches zerriss die Gedanken.
"Also nur halb so wichtig..und sicher auch irgendwann anders erledigbar?"
"Ich komm sonst nie dazu", seufzte sie.
"Habe ich erwähnt, daß ich ziemlich gut bin im Schriften kopieren?"
Plötzlich musste sie herzlich loslachen. Diese gerade offenbarte Art, ihr lästige Sachen behilflich und so charmant energisch abzunehmen, damit sie endlich aufhörte, sich dauernd selber darum einen Kopf zu machen, wo sie es nicht sollte, war einfach... süß.
"Ihr lacht... das ist irgendwie... seltsam."
Ihre Augen blitzten vergnügt, auch wenn sie sich wunderte - aber doch, er hatte wohl recht... vor ihm einfach so gelacht? Er hatte ihr nie Grund dazu gegeben. Im Gegenteil. Ein wohliges Kribbeln ging über ihre Haut, als sie feststellte, daß er also auch anders sein konnte. Vielleicht war dieses Empfinden gerade sogar beiderseitig.
"Manchmal könnt Ihr sogar auf eine charmante Art unmöglich sein, Herr Greif... das ist seltsam."
Er grinste. "Ja, meinem Charme erliegt irgendwann jede Frau..."
Ein innerliches Ächzen - und vorbei. Da war sie wieder, diese... künstliche Selbstgefälligkeit. Was sollte das überhaupt? Ihr Lachen verebbte, wie es gekommen war.
"Schockiert? Das sind die meisten anfangs..."
Als was stellte er sich eigentlich gerade dar? Daß er irgendein toller Hecht war, seine Freundlichkeit gerade eine gewohnte "Masche", mit der er Frauen um den Finger zu wickeln pflegte - auch Frau Ritterin?
Genau so eine Einstellung fehlte ihr noch, nachdem schon durch den heutigen Morgen der Argwohn nicht ganz zur Ruhe gekommen war, welche Gerüchte sich nun auch noch darüber entspinnen mochten, daß man sie und Rafael in Form von Schnapsleichen beide im Zimmer des Gästebettes angefunden hatte...
Gütige, das wär's noch, wenn Adrenalon zurückkäme, erst so eine Erzählung und dann jemand wie Adrian Greif, der damit herumprahlte, daß Darna von Elbenau ihm Charme zugesprochen hatte... ganz klasse.
Ihr gegenüber sitzend konnte Adrian minutiös mitverfolgen, wie die Lady ihre "Dienstfresse" zurückgewann - die Mundwinkel unten, die Linien, die von der Nase zu diesen hinunterführte, schienen auch mehr und mehr Beständigkeit in ihrem Gesicht zu gewinnen, die Stirn leicht gefurcht, die Brauen etwas zusammengezogen... so sah man sie doch tagtäglich.
"Gerade leider nicht erheiternd, Herr Greif." Brauchte es diese Aussage noch?
"Ihr habt Männerprobleme...?", kam es mit einer Spur Ungläubigkeit von ihm, rasch hob er die Hand. "Nein! Halt!"
Sie furchte die Stirn, während er weitererklärte: "Ich weiss nicht, ob ich das wissen will... die Vorstellung ist zu merkwürdig."
Was glaubte er eigentlich, von ihr zu wissen? Und was erdreistete er sich, über ihre Fähigkeit und Möglichkeit zu lieben sich Gedanken zu machen? Sie hatte seine Erklärung, daß er die Nächte wechselnd eben dort verbrachte, wo ein weibliches Wesen ihn eben willkommen hieß - und er tat nicht so, als wären das wenige.
"Je weniger leichtfertig man mit so etwas umgeht, desto eher kann es auch mal zu Problemen kommen, Herr Greif", meinte sie kühl.
"Zu echten Problemen. Kennst du vermutlich nicht mal, außer, einen wütenden Ehemann hinter dir herrennend zu fürchten, hm?"
"Ich bin ja nicht so hilfsbereit wie Ihr... aber wollt ihr irgendetwas erzählen?"
"DIR?! Vielleicht dem Folterknecht auf der Streckbank, aber ganz bestimmt nicht DIR!"
Adrian sah interessiert zu, wie sie die unfreundliche Bemerkung merklich runterschluckte.
"Ihr solltet sowas aussprechen.. das lastet nur auf Euch."
"Ich lass mich dir zuliebe bestimmt nicht soweit gehen, meine gute Erziehung zu vergessen."
Und sie würde diesem Mann ganz bestimmt nicht etwas von ihrem Wesen freiwillig preisgeben, wie ihre Knappenschriften. Darin waren Gefühle offenbart - eine Offenheit, die er gar nicht verdiente. Sie stand auf.
"Ich glaube nicht, daß diese Kopierarbeiten Euch zugemutet werden müssen, selbst das Thema dürfte sterbenslangweilig für Euch sein und Ihr habt ja auch nicht wenig zu tun."
"Eigentlich habe ich jede Menge Zeit, in der ich auf die Übung warte..."
"Ich sollte eher nachsehen, was es dann an Reisevorbereitungen zu treffen gibt..." Unbestimmt sah sie durch den Raum. Es fiel leichter, Ärger zu vergessen, wenn sie sich auf Arbeit konzentrierte, aber hier war gerade keine Arbeit. Den Raum jetzt zu verlassen, würde den Rückzug offen ersichtlich werden lassen - ihre Flucht vor diesem dreisten Menschen.
"Hau ab."
"Wenigstens bleibt ihr schonmal nicht hier..."
Er wollte sie nicht aus dem Weg haben, er wollte, daß sie sich erholte. Warum? Es passte alles gerade überhaupt nicht zusammen. Erst war er so unerwartet nett gewesen - wofür? Und dann diese Überheblichkeit - wozu? Warum hatte er das binnen einer Stunde aufgebaut und wieder kaputtgemacht?
Sie sah ihn den Gedanken folgend grübelnd an.
"Gleich wird er wieder fragen, was ich denke."
"Was denkt ihr denn nach?"
"Manchmal wüsste ich gerne, was Ihr mit all dem überhaupt bezweckt."
"Wir haben schon mal festgestellt, daß ich nur offen zu ihm bin, wenn ich ihm vertraue oder er mich genug geärgert hat - zweites mal wieder gelungen. Wieso fällt ihm das so ekelhaft leicht? Ich brauch wohl Urlaub."
"Ihr solltet Euch fragen, ob ich überhaupt etwas bezwecke."
"Alles andere fiele doch glatt unter den Verdacht, selbstlos zu sein", konterte sie mit einem bitteren Anflug von Ironie, den sie selber spontan nicht an sich leiden konnte.
"Auch ich kann mir die ein oder andere kleine Schwäche leisten, oder?"
"Schwächen... du hast noch gar nicht wirklich begriffen, was Schwächen sind. Fürsorge ist keine Schwäche, sondern Überheblichkeit. Aber kein Wunder, wenn man Gutmütigkeit als Schwäche gepredigt bekam..."
"Immerhin eher hier als in Rahal."
"Da auch.. da darf man es sich nur nicht anmerken lassen. Aber da ihr in mir ja sowieso lest wie in einem offenen Buch..."
Innerlich zuckte sie zurück. Benahm sie sich so?
"Du siehst sie nur von außenwärts,
du siehst die Weste - nicht das Herz."
Nein, sie verstand ihn nicht. Dieses 'stachelige Gebilde, das man dreht und wendet', wie sie ihn einmal beschrieben hatte. Er war es noch immer, gerade wieder.
"'Buch mit sieben Siegeln' träfe es besser", stellte sie nüchtern fest.
"Ach, seid doch lieber froh. Ich wette, Ihr habt schon genug Menschen um Euch herum, die immer nur ja und sofort sagen."
Der nächste Schlag ins Gesicht - als hätte sie das nötig. Sie musste nicht mit Kadetten über jeden einzelnen Befehl diskutieren, aber die Leute folgten ihr doch wohl hoffentlich, wenn und weil sie ihrem Urteilsvermögen vertrauten. Vertrauen, das sie sich stetig zu verdienen versuchte.
"Ich lege genauso wenig Wert auf derartige Jasager wie seine Hoheit - mal davon abgesehen, daß die Anzahl solcher Personen bei mir denkbar gering wäre."
"Denkbar gering? Wieviele verhalten sich denn so wie ich euch gegenüber? Zwei? Drei?"
Das hielt er für lobenswert, wie er sich benahm? Selbst, wenn es manchmal sogar so war - Eigenlob stank, wie man wusste.
"Zwischen gutgemeint widersprechender Meinung und verletzender Unhöflichkeit gibt es immernoch ein paar Unterschiede."
"Also bin ich verletzend unhöflich?"
"Zudringlich." Und heute war er noch nicht mal unhöflich gewesen, wie ihr gerade auffiel, verflucht noch eins...
"Ihr seid..." Sie zog die Luft ein. "Er hat mich doch schon wieder da, wo er mich haben wollte."
"Sprecht es nur aus. Ich vertrage das." Wortlos klappte sie den Mund auf und zu. "Ja?", hakte er unnachgiebig nach.
"Als... würd ich... Euch erzählen, was..." - jedes einzelne Wort kostete sie Überwindung und sie verstummte wieder. Sie kam sich gerade vor wie ein Esel, der an seiner Leine zog, doch sie traute dem Mann am anderen Ende der Leine nicht.
"...was Ihr für Probleme habt? Aber andere tun das doch mit Euch genauso..."
"Ich hack auch nicht auf den Schwächen anderer herum und lach sie dafür aus", zischte sie zurück. Gütige, was wohl los wäre, wenn der von heute morgen wüsste!
"Hm. Dabei habe ich gar nicht gelacht...habt Ihr das etwa erwartet?"
"Bei Eurer Bissigkeit? Was denn sonst", schnaubte sie. "Das heute war ja mal glatt eine Ausnahme..." - das ärgerte sie fast am meisten, daß sie ihm nicht mal gerade was vorwerfen konnte!
"Gibt es einen effektiveren Weg, um unter Eure Ritterfassade zu kommen? Sagt ihn mir."
"Effektiv..." - Himmel, wie sie dieses Wort langsam hasste.
"Mich damit zu reizen, schafft Ihr, ja. Erwartet Ihr mehr? Ihr benehmt Euch wie", sie verstummte abrupt. "Gernot."
"Vergesst ihr immer so schnell, was ihr sagen wolltet? Ihr habt Urlaub wirklich nötig." Oh, dieser Bastard!
Wie ein gereizter Stier schnaubte sie und wurde blass vor Wut, setzte an, sich abzuwenden. "Nein, du wirst nicht weglaufen!" Sie verblieb, starrte ihn an. "Nein, du wirst ihm keine reinhauen!" Gelähmt stand sie mitten im Rittersaal.
"Sprecht es doch einfach aus... dann ist es viel leichter... glaubt mir, ich kenne das."
"Das... wollt... Ihr ... doch nur...", erstickte sie bald an den Worten, dann brüllte sie unvermittelt los:
"Hat Euch Rahal eigentlich dafür geschickt, damit Euch das gelingt, was sonst kaum wer schafft?! Bravo! Ja, bin ich wütend! Ihr seid unmöglich!"
Sie hätte heulen können vor Wut, während er loslachte und ihr munter seitlich gegen die Schulter klopfte.
"Und das obwohl ich heute sogar ganz nett war... das muss auch mal sein, Ritterin."
Ihre Hand fegte ziellos durch die Luft. "Ja, ausgerechnet heute seid Ihr mal nett! Meine Fresse! Und glaubt, daß ICH EUCH was von privaten Problemen erzähle?! Was glaubt Ihr eigentlich?! Bah!"
"Na wem erzählt ihr das denn sonst, hm?"
"Viola." "Na, ganz bestimmt nicht EUCH!" Sie atmete schwer aus. Der Knoten war geplatzt.
"Nicht in der Lautstärke... die Gardisten kommen sicher gleich und fragen, was los ist", schmunzelte er vergnügt.
Ihre Hand ballte sich zur Faust und ruckte ein Stück hoch, gleichzeitig flog der Blick zum Vorhang, der auf den Flur führte.
"Das habt ihr bestimmt auch noch nie getan, hm? Aber einmal könnte nicht schaden... außerdem hab ichs verdient."
"Doch, ich hab hier schon mal rumgeschrien", brummte sie äußerst ungehalten.
"Was tust du hier eigentlich? Dich nochmal zum Affen machen? Deine Prinzipien vergessen? Diesmal nicht vor Eileen, sondern vor ihm? Was willst du als nächstes tun, dich mit ihm prügeln wie zuletzt als Kleinkind mit Hinrich? Wie als Knappin mit Gernot? Wie ein unreifes Ding?"
"Ich meinte mir eine zu verpassen."
"Am liebsten ja." Ihr Kopf ruckte herum.
"Ich hab doch Recht, hm?" Er sah sie an. Offenes Buch... "Klapp es zu!"
"Ffh... soweit kommts noch."
Es reichte. Sie zog sich zurück, über sich selbst erschrocken. Die Wut war so schnell verraucht, wie sie gekommen war, und einmal mehr blieb nichts als schaler Nachgeschmack. Kurz hatte es befreiend gewirkt, eine gefährliche Sucht...
Sie wich zurück, indem sie scheinbar nachdenkend die Reihe der Stühle entlangmarschierte. Abstand. Plötzlich fühlte sie sich nur noch müde. Was hatte das alles für einen Sinn gehabt?
"Ich müsste dankbarer dafür sein, daß es sowas wie Euch überhaupt gibt, wäre es nicht jedesmal so verflucht anstrengend." Sie machte sich nicht mehr die Mühe, es in höflichere Worte zu packen. Sie wusste auch nicht, ob er überhaupt verstehen würde. Es war ihr auch gerade... scheißegal.
Er legte seinen Mantel, den er bereits gegriffen hatte, wieder hin und trat langsam und bedächtig auf sie zu.
"Bleib weg. Mir sind heute genug Männer zu nahe gekommen..."
In ausgestreckter Armeslänge, gebührendem Abstand, blieb er stehen.
"Meint Ihr, Ihr haltet es noch ein wenig mit mir aus? Ich nehme nämlich an, die Übung wird ein voller Erfolg..."
Konnte sie überhaupt noch ihrem Gefühl vertrauen, nachdem es sie gerade so ins Messer hatte laufen lassen? Schwang da tatsächlich ein bittender, hoffender Unterton mit?
"Wieso fürchte ich immernoch, Ihr könntet nur ein Gesandter Rahals sein, der mir nur einen demütigenden Spiegel vorhalten soll? Es scheint überhaupt nicht mehr zu passen." Sie senkte den Blick. Zweifel. Was sollte sie nur von ihm halten?
"Weil ich eigentlich keiner der Varuneser bin", lautete seine ruhige Antwort, "Weil ich eigentlich immernoch viel zu viel von Rahal habe."
Sie seufzte. "Schade... ich wünschte, mein Gefühl hätte mich einfach nur getrogen."
War sie nicht insgeheim dankbar? Genoß nicht ein Teil in ihr diese Reibereien, die Gelegenheit, sich an ihm zu messen, selbst wenn sie verlor wie heute? Er war ein Prüfstein, der die Erfahrungen der anderen Seite in sich trug, und den... man sich kritischer doch kaum wünschen konnte. Und manchmal... konnte er sogar nett sein.
"Das wird sich an mir nie ändern, Ritterin. Allerdings... hat das ja nichts mit meiner Loyalität zu tun."
"Kann die nicht jemandem gelten, der mit Euch besser zurechtkommt als ich?", fragte sie gequält rethorisch.
"Nein. Denn die gilt immer nur denen, die es wert sind."
-
Darna von Hohenfels
Nach innen und außen, nach oben und unten
Vielleicht fragte sich mancher, ob eine Gerichtsverhandlung anberaumt war, daß so viele Leute hier herumstanden. Darna beobachtete die Gruppierung und fühlte sich wie berauscht, ein paar Lidschläge tiefster innerer Zufriedenheit, weil alles um sie herum, was hier gerade geschah, gesagt wurde und passierte, sich richtig anfühlte.
"Herr Greif" - Adrian... hatte sich entschuldigt. Nach all den Monaten, seit ihr aus Rahal seine Worte in den Ohren gellten, sie, die "Hurendienerin" habe doch in Ketten gelegt zu werden. Worte, die für einen Rahaler sicher normal waren, jedoch nicht als mitgetragene und geduldete Äußerung von jemandem, der sich von den Jüngern des Brudermörders abgewandt hatte.
Sie duellierte sich nicht mit ehrlosen Leuten, und so hatte sie auf den Tag von Adrians Rehabilitation teils gelauert, doch größerenteils zuletzt mit Sorge entgegengesehen. Sie wollte sich nicht mit ihm schlagen, doch es war eine formelle Frage der Ehre. Wenn er weiterhin verstockt blieb, musste die Sache auf andere Art endlich vergessen werden können.
Sie sah, wie sein Name auf die Bürgerliste der Stadt eingetragen wurde.
"Ihr seid nun Bürger dieser Stadt und Mitglied der königlichen Garde."
Sie hatte sich für beides schließlich eingesetzt - doch es ihm sicher nicht leicht gemacht. In Gedanken die Finger schon an den Fehdehandschuhen, die in ihrem Gürtel hingen, gab sie ihm ein letztes Mal formell Gelegenheit, sich zu entschuldigen.
Und endlich... seine formvollendete und besonnene Wortwahl überraschte sie sogar. Wusste er, welche Last gerade von ihren Schultern genommen wurde? Nun konnten sie miteinander kämpfen, statt heimlich gegeneinander.
Drinnen saß Selissa bei Antarian de Dynal, dem Richter der Stadt, und fragte ihn Löcher in den Bauch. Sie würde von ihm lernen können, denn sie hatte viel zu lernen. Nicht einmal "nur" Lesen und Schreiben, sondern auch eine gepflegte, gelehrte Redeart, Einblicke in die Gesetze, das korrekte Ordnen und Verwalten von Dingen, Politik und deren Zwänge und Möglichkeiten... Auch wenn solche Aspekte nicht gesondert angesprochen worden waren, es würde sicher auf eine natürliche Art und Weise mit einfließen. Darna war froh über diese Erweiterung ihrer Möglichkeiten, was Selissas Ausbildung anging.
Ihre Ausbildung... als Knappin, hoffentlich. Heute hatte sie das erste Mal offiziell vor seiner Hoheit von ihr berichtet, verbunden mit dieser Hoffnung, sie hatten mögliche Probleme besprochen - daß es Selissa an Ordnungsliebe und formellem Pflichtbewusstsein mangelte, war selbst nach wenigsten Treffen für ihn offen ersichtlich geworden.
Daß er mit Selissa nun persönlich sprechen wollte, sich ein eigenes Bild über ihre Eignung zu machen, geschah in Verfolgung zweierlei Sorgen: Eine ungeeignete Kandidatin wäre nicht nur schädlich für die Ritterschaft - das zu prüfen, war weit mehr Aufgabe der Knappenzeit - sondern wenn es auch zu sehr ihrem Wesen widerstrebte, würde eine beginnende und eigentlich nie endende Zeit von Befehlsgehorsam und Dienst dieses junge fröhliche Mädchen zerbrechen. Und das galt es unbedingt zu verhindern.
Wie kostbar ihr gutherziges Wesen war, wurde vielen Menschen sehr schnell bewusst. Und vor diesem Teil hatte Darna auch unbestrittenen Respekt. Als Ritterin vor einem noch immer etwas verwahrlosten Mädchen, ja. Selissas unbekümmerte, teils naive Art, Freude zu versprühen, schien zeitweise in gewaltigem Gegensatz zur als ernst und überkorrekt bekannt geltenden Ritterin zu stehen, doch sie schätzten einander, hatten eine tiefreichende Freundschaft füreinander gewählt.
Sie konnten viel voneinander lernen.
"Herr Yoshua... hat nicht mal eine Bleibe?", fragte Darna etwas ungläubig bis entsetzt. Die Erinnerung schoß ihr durch den Sinn, als er mit Verwunderung in der Taverne bekundet hatte, daß ihm noch nie jemand etwas ausgegeben, einfach so spendiert habe... hatte sie die elementare Bedeutung dahinter so leicht übersehen? Dabei war es so eine simple und selbstverständlich scheinende Geste gewesen, ihm natürlich auch einen leichten Wein mit an den Tisch zu bringen.
Violas Geste kurz nach dieser Feststellung war weit weniger selbstverständlich, an jeder Faser sah man ihr an, daß es sie Überwindung kostete.
"Wenn er wirklich gar kein Heim hat... hätte ich da vielleicht etwas... wo er jedenfalls zeitweise leben könnte."
Das alte, verlassene Haus, das sie gefunden hatte. Sie hatte es als Unterschlupf für Fuchs hergerichtet, harte Arbeit hineingesteckt. Sie hatte begonnen, für den kleinen Straßenjungen wie für ein eigenes Kind zu sorgen. Sie bekundete es auch: "Ja... mein Schützling."
"Der Schützling des Schützlings", stellte Adrian mit leichtem Amusement fest und sah zur Ritterin. Darna erwiderte nichts. Es war auch viel zu schön, dem warmen Gefühl, das sich in ihr breitmachte, wohlige Aufmerksamkeit zu schenken. Ähnliches hatte sie bei Segnungen empfunden, doch hier war kein göttliches Wirken der Gütigen -
oder vielleicht doch?
Fuchs hatte vor einiger Zeit alles daran gesetzt, Violas Leben zu retten. Schon zuvor hatte sie sich um ihn gekümmert, und schuf ihm nun einen Platz, zu dem er kommen konnte, wie in ein Zuhause. Viola wusste, sie brauchte nur einen Ton zu Darna zu sagen, wenn sie selber ihrerseits Hilfe benötigte. Genauso, wie Viola alles geben würde, um ihre Freundin, die Ritterin, zu schützen.
Sie standen füreinander ein.
Und es zog weitere Kreise. Sie beobachtete, wie es wuchs und genoß mit jeder Faser ihres Seins, Teil davon zu sein. Sie diente nach oben hin dem Grafen als ihrem Dienstherren und Freund, sie diente nach unten hin jenen, die ihrer Hilfe als Ritter und Mensch bedurften. Und jeder von diesen diente wiederum auf ähnliche Weise - nach oben hin der Ritterin und nach unten hin jenen, die dort schwach waren, wo sie stark blieben. Es war gelebte Harmonie. Es funktionierte.
Und wo gerade eine "zeitweise" Bleibe angeboten worden war, da wollte sie einen festen Ort schaffen, einen Platz, an dem die Träger dieses Zusammenwirkens nach innen einander Halt gaben, und somit nach außen hin Kraft an andere geben konnten.
"Voneinander lernen, miteinander kämpfen, füreinander einstehen", hatte Adrian zitiert.
"Dienstvorschrift 20", hatte sie prompt und ruhig geantwortet.
"Pflichtlektüre vor Anlegen der Uniform... sagte man mir."
"Es steht teils mehr dahinter als nur die Uniform der Garde."
Mehr... ja.
Vielleicht fragte sich mancher, ob eine Gerichtsverhandlung anberaumt war, daß so viele Leute hier herumstanden. Darna beobachtete die Gruppierung und fühlte sich wie berauscht, ein paar Lidschläge tiefster innerer Zufriedenheit, weil alles um sie herum, was hier gerade geschah, gesagt wurde und passierte, sich richtig anfühlte.
"Herr Greif" - Adrian... hatte sich entschuldigt. Nach all den Monaten, seit ihr aus Rahal seine Worte in den Ohren gellten, sie, die "Hurendienerin" habe doch in Ketten gelegt zu werden. Worte, die für einen Rahaler sicher normal waren, jedoch nicht als mitgetragene und geduldete Äußerung von jemandem, der sich von den Jüngern des Brudermörders abgewandt hatte.
Sie duellierte sich nicht mit ehrlosen Leuten, und so hatte sie auf den Tag von Adrians Rehabilitation teils gelauert, doch größerenteils zuletzt mit Sorge entgegengesehen. Sie wollte sich nicht mit ihm schlagen, doch es war eine formelle Frage der Ehre. Wenn er weiterhin verstockt blieb, musste die Sache auf andere Art endlich vergessen werden können.
Sie sah, wie sein Name auf die Bürgerliste der Stadt eingetragen wurde.
"Ihr seid nun Bürger dieser Stadt und Mitglied der königlichen Garde."
Sie hatte sich für beides schließlich eingesetzt - doch es ihm sicher nicht leicht gemacht. In Gedanken die Finger schon an den Fehdehandschuhen, die in ihrem Gürtel hingen, gab sie ihm ein letztes Mal formell Gelegenheit, sich zu entschuldigen.
Und endlich... seine formvollendete und besonnene Wortwahl überraschte sie sogar. Wusste er, welche Last gerade von ihren Schultern genommen wurde? Nun konnten sie miteinander kämpfen, statt heimlich gegeneinander.
Drinnen saß Selissa bei Antarian de Dynal, dem Richter der Stadt, und fragte ihn Löcher in den Bauch. Sie würde von ihm lernen können, denn sie hatte viel zu lernen. Nicht einmal "nur" Lesen und Schreiben, sondern auch eine gepflegte, gelehrte Redeart, Einblicke in die Gesetze, das korrekte Ordnen und Verwalten von Dingen, Politik und deren Zwänge und Möglichkeiten... Auch wenn solche Aspekte nicht gesondert angesprochen worden waren, es würde sicher auf eine natürliche Art und Weise mit einfließen. Darna war froh über diese Erweiterung ihrer Möglichkeiten, was Selissas Ausbildung anging.
Ihre Ausbildung... als Knappin, hoffentlich. Heute hatte sie das erste Mal offiziell vor seiner Hoheit von ihr berichtet, verbunden mit dieser Hoffnung, sie hatten mögliche Probleme besprochen - daß es Selissa an Ordnungsliebe und formellem Pflichtbewusstsein mangelte, war selbst nach wenigsten Treffen für ihn offen ersichtlich geworden.
Daß er mit Selissa nun persönlich sprechen wollte, sich ein eigenes Bild über ihre Eignung zu machen, geschah in Verfolgung zweierlei Sorgen: Eine ungeeignete Kandidatin wäre nicht nur schädlich für die Ritterschaft - das zu prüfen, war weit mehr Aufgabe der Knappenzeit - sondern wenn es auch zu sehr ihrem Wesen widerstrebte, würde eine beginnende und eigentlich nie endende Zeit von Befehlsgehorsam und Dienst dieses junge fröhliche Mädchen zerbrechen. Und das galt es unbedingt zu verhindern.
Wie kostbar ihr gutherziges Wesen war, wurde vielen Menschen sehr schnell bewusst. Und vor diesem Teil hatte Darna auch unbestrittenen Respekt. Als Ritterin vor einem noch immer etwas verwahrlosten Mädchen, ja. Selissas unbekümmerte, teils naive Art, Freude zu versprühen, schien zeitweise in gewaltigem Gegensatz zur als ernst und überkorrekt bekannt geltenden Ritterin zu stehen, doch sie schätzten einander, hatten eine tiefreichende Freundschaft füreinander gewählt.
Sie konnten viel voneinander lernen.
"Herr Yoshua... hat nicht mal eine Bleibe?", fragte Darna etwas ungläubig bis entsetzt. Die Erinnerung schoß ihr durch den Sinn, als er mit Verwunderung in der Taverne bekundet hatte, daß ihm noch nie jemand etwas ausgegeben, einfach so spendiert habe... hatte sie die elementare Bedeutung dahinter so leicht übersehen? Dabei war es so eine simple und selbstverständlich scheinende Geste gewesen, ihm natürlich auch einen leichten Wein mit an den Tisch zu bringen.
Violas Geste kurz nach dieser Feststellung war weit weniger selbstverständlich, an jeder Faser sah man ihr an, daß es sie Überwindung kostete.
"Wenn er wirklich gar kein Heim hat... hätte ich da vielleicht etwas... wo er jedenfalls zeitweise leben könnte."
Das alte, verlassene Haus, das sie gefunden hatte. Sie hatte es als Unterschlupf für Fuchs hergerichtet, harte Arbeit hineingesteckt. Sie hatte begonnen, für den kleinen Straßenjungen wie für ein eigenes Kind zu sorgen. Sie bekundete es auch: "Ja... mein Schützling."
"Der Schützling des Schützlings", stellte Adrian mit leichtem Amusement fest und sah zur Ritterin. Darna erwiderte nichts. Es war auch viel zu schön, dem warmen Gefühl, das sich in ihr breitmachte, wohlige Aufmerksamkeit zu schenken. Ähnliches hatte sie bei Segnungen empfunden, doch hier war kein göttliches Wirken der Gütigen -
oder vielleicht doch?
Fuchs hatte vor einiger Zeit alles daran gesetzt, Violas Leben zu retten. Schon zuvor hatte sie sich um ihn gekümmert, und schuf ihm nun einen Platz, zu dem er kommen konnte, wie in ein Zuhause. Viola wusste, sie brauchte nur einen Ton zu Darna zu sagen, wenn sie selber ihrerseits Hilfe benötigte. Genauso, wie Viola alles geben würde, um ihre Freundin, die Ritterin, zu schützen.
Sie standen füreinander ein.
Und es zog weitere Kreise. Sie beobachtete, wie es wuchs und genoß mit jeder Faser ihres Seins, Teil davon zu sein. Sie diente nach oben hin dem Grafen als ihrem Dienstherren und Freund, sie diente nach unten hin jenen, die ihrer Hilfe als Ritter und Mensch bedurften. Und jeder von diesen diente wiederum auf ähnliche Weise - nach oben hin der Ritterin und nach unten hin jenen, die dort schwach waren, wo sie stark blieben. Es war gelebte Harmonie. Es funktionierte.
Und wo gerade eine "zeitweise" Bleibe angeboten worden war, da wollte sie einen festen Ort schaffen, einen Platz, an dem die Träger dieses Zusammenwirkens nach innen einander Halt gaben, und somit nach außen hin Kraft an andere geben konnten.
"Voneinander lernen, miteinander kämpfen, füreinander einstehen", hatte Adrian zitiert.
"Dienstvorschrift 20", hatte sie prompt und ruhig geantwortet.
"Pflichtlektüre vor Anlegen der Uniform... sagte man mir."
"Es steht teils mehr dahinter als nur die Uniform der Garde."
Mehr... ja.
-
Darna von Hohenfels
The holy Kastanie
Was sie hierher trieb, das zu tun, was sie tat, wusste sie nicht genau zu sagen. Es sollte für das Haus sein. Für ihr Haus, das sie mit anderen teilen wollte. Sie wollte etwas Gutes vom Schloß mitnehmen, etwas Persönliches - und hier in dieser stillen Ecke zwischen Rathaus und Schloß hatte sie so oft schon bei dem alten Baum Ruhe gefunden, direkt zwischen den Mauern, hinter denen geschäftige Betriebsamkeit an der Tagesordnung war. Heimlich hatten sich hier Ritterin und Korporal geküsst. Ein alter, einfacher Kastanienbaum mit einer ausladenden Krone. Wie viele mochten gar nicht von ihm wissen?
Er hatte Geborgenheit geschenkt. Teil seiner Saat wollte sie mitnehmen.
Es war Herbst. Sie sah hoch in das noch dichte Blätterdach, an dem grün-gelblich kugelige, stachlige Gebilde hingen.
Es war richtig. Das wusste sie, und mehr war gerade nicht relevant. Mit leichtem Lächeln sprach sie die zuvor aus ihrem Gedichtband gelernten Worte, als erkläre sie dem Baum, zu was sie eine seiner Früchte mitnehmen wollte:
"Dies Haus ist mein und doch nicht mein,
wird nach mir eines andern sein,
war vor mir eines andern schon
und bleibet stehn, geh ich davon.
Da ich's bekam in Heim und Hut,
sein Herd bleib warm, sein Mauern gut,
der Brunnen dran mir nie versieg,
und frei zu Dach die Taube flieg.
Geschafft sei, was darin getan,
daß es der Nachbar wissen kann -
doch guck er mir nicht jedenfalls
mit seinem Fernrohr in den Hals!
Dies Haus sei all zu meiner Zeit
dem Fleiße und der Kunst geweiht,
und Liebe gehe für und für
von Herz zu Herz durch jede Tür.
Es schließe ein, es halte fern,
und frohe Gäste heg es gern;
ein Krümel Brot, ein Schlüpfel Wein,
da wird es wohl zum Guten sein.
Viel mehr steht nicht in unsrer Macht,
so nutzet auch kein Vorbedacht:
Temora segne dieses Haus
und die da gehen ein und aus."
(#: leicht abgewandelt "Hausspruch" von Josef Weinheber)
Sie lauschte dem leisen Rauschen des Windes in den Blättern. Sie hörte das leise Rascheln, das Knacken eines gestriffenen Zweiges, den dumpfen Aufprall und Nachhüpfer auf dem trockenen Laub und Gras. Sie öffnete die Augen und beobachtete das letzte Kullern der umhüllten Kastanie - bis fast vor ihr Füße. Sicher Zufall.
Mit mildem Lächeln bückte sie sich und hob die Kastanie auf, ein leises "Danke" auf den Lippen, während sie die glänzend braune Frucht von der Schale befreite und sie einsteckte.
--- später, im Kloster ---
Die Hände einmal mehr in den Ärmeln der weiten blauen Robe versenkt, beobachtete Paladin Lefar, wie die Ritterin vor dem heiligen Baum kniete. Geraume Zeit tat sie dies schon, und es war nicht sicher zu sagen, ob sie sich seiner Anwesenheit bewusst war, hatte er sich doch zwischenzeitlich in die Küche begeben und wartete nun geduldig, das Kloster mit ihr wieder zu verlassen.
Die Worte, die sie leise sprach, wären sicher nicht ohne Weiteres zu verstehen gewesen, wäre dem Reden der Lady nicht diese Art zu eigen, jede Silbe außerordentlich klar zu artikulieren. Wie ein Theaterschauspieler - doch war ihr dies hier sicher kein Spiel. Die Strophe eines Gedichtes zitierte sie mit einer ehrfürchtigen Innigkeit, daß es einem Gebet gleichkam, endete mit einem Segensspruch für ein Haus.
War das eine Kastanie, die sie zwischen ihren Fingern hielt?
Vorsichtig, übermässig behutsam, als könne sie gleich der Blitz ob eines Frevels erschlagen, benetzte sie das kleine braune Gebilde mit dem Wasser, das die Wurzeln des Allerheiligsten der Kirche nährte, striff behutsam einen Tropfen ab, daß nur so wenig wie möglich dem Heiligen Baum genommen wurde.
Es war aus der Mimik des Paladins nicht zu deuten, was er davon hielt. Eine Kastanie in das Wasser zu tunken... Epen und Träume kühner Helden erzählten von gesegneten, geweihten, heiligen Waffen, Rüstungen, Schilden... die Kastanie entlockte der Ritterin einen zum Baum erhobenen Blick wie den eines Kindes, das einen Finger in den Honigtopf gestippt hatte.
Vor dem Kloster tastete Darna nach ihrer Hosentasche. Darin ein Schatz: eine Kastanie.
Was sie hierher trieb, das zu tun, was sie tat, wusste sie nicht genau zu sagen. Es sollte für das Haus sein. Für ihr Haus, das sie mit anderen teilen wollte. Sie wollte etwas Gutes vom Schloß mitnehmen, etwas Persönliches - und hier in dieser stillen Ecke zwischen Rathaus und Schloß hatte sie so oft schon bei dem alten Baum Ruhe gefunden, direkt zwischen den Mauern, hinter denen geschäftige Betriebsamkeit an der Tagesordnung war. Heimlich hatten sich hier Ritterin und Korporal geküsst. Ein alter, einfacher Kastanienbaum mit einer ausladenden Krone. Wie viele mochten gar nicht von ihm wissen?
Er hatte Geborgenheit geschenkt. Teil seiner Saat wollte sie mitnehmen.
Es war Herbst. Sie sah hoch in das noch dichte Blätterdach, an dem grün-gelblich kugelige, stachlige Gebilde hingen.
Es war richtig. Das wusste sie, und mehr war gerade nicht relevant. Mit leichtem Lächeln sprach sie die zuvor aus ihrem Gedichtband gelernten Worte, als erkläre sie dem Baum, zu was sie eine seiner Früchte mitnehmen wollte:
"Dies Haus ist mein und doch nicht mein,
wird nach mir eines andern sein,
war vor mir eines andern schon
und bleibet stehn, geh ich davon.
Da ich's bekam in Heim und Hut,
sein Herd bleib warm, sein Mauern gut,
der Brunnen dran mir nie versieg,
und frei zu Dach die Taube flieg.
Geschafft sei, was darin getan,
daß es der Nachbar wissen kann -
doch guck er mir nicht jedenfalls
mit seinem Fernrohr in den Hals!
Dies Haus sei all zu meiner Zeit
dem Fleiße und der Kunst geweiht,
und Liebe gehe für und für
von Herz zu Herz durch jede Tür.
Es schließe ein, es halte fern,
und frohe Gäste heg es gern;
ein Krümel Brot, ein Schlüpfel Wein,
da wird es wohl zum Guten sein.
Viel mehr steht nicht in unsrer Macht,
so nutzet auch kein Vorbedacht:
Temora segne dieses Haus
und die da gehen ein und aus."
(#: leicht abgewandelt "Hausspruch" von Josef Weinheber)
Sie lauschte dem leisen Rauschen des Windes in den Blättern. Sie hörte das leise Rascheln, das Knacken eines gestriffenen Zweiges, den dumpfen Aufprall und Nachhüpfer auf dem trockenen Laub und Gras. Sie öffnete die Augen und beobachtete das letzte Kullern der umhüllten Kastanie - bis fast vor ihr Füße. Sicher Zufall.
Mit mildem Lächeln bückte sie sich und hob die Kastanie auf, ein leises "Danke" auf den Lippen, während sie die glänzend braune Frucht von der Schale befreite und sie einsteckte.
--- später, im Kloster ---
Die Hände einmal mehr in den Ärmeln der weiten blauen Robe versenkt, beobachtete Paladin Lefar, wie die Ritterin vor dem heiligen Baum kniete. Geraume Zeit tat sie dies schon, und es war nicht sicher zu sagen, ob sie sich seiner Anwesenheit bewusst war, hatte er sich doch zwischenzeitlich in die Küche begeben und wartete nun geduldig, das Kloster mit ihr wieder zu verlassen.
Die Worte, die sie leise sprach, wären sicher nicht ohne Weiteres zu verstehen gewesen, wäre dem Reden der Lady nicht diese Art zu eigen, jede Silbe außerordentlich klar zu artikulieren. Wie ein Theaterschauspieler - doch war ihr dies hier sicher kein Spiel. Die Strophe eines Gedichtes zitierte sie mit einer ehrfürchtigen Innigkeit, daß es einem Gebet gleichkam, endete mit einem Segensspruch für ein Haus.
War das eine Kastanie, die sie zwischen ihren Fingern hielt?
Vorsichtig, übermässig behutsam, als könne sie gleich der Blitz ob eines Frevels erschlagen, benetzte sie das kleine braune Gebilde mit dem Wasser, das die Wurzeln des Allerheiligsten der Kirche nährte, striff behutsam einen Tropfen ab, daß nur so wenig wie möglich dem Heiligen Baum genommen wurde.
Es war aus der Mimik des Paladins nicht zu deuten, was er davon hielt. Eine Kastanie in das Wasser zu tunken... Epen und Träume kühner Helden erzählten von gesegneten, geweihten, heiligen Waffen, Rüstungen, Schilden... die Kastanie entlockte der Ritterin einen zum Baum erhobenen Blick wie den eines Kindes, das einen Finger in den Honigtopf gestippt hatte.
Vor dem Kloster tastete Darna nach ihrer Hosentasche. Darin ein Schatz: eine Kastanie.
-
Darna von Hohenfels
Auf der grünen Wiese
Er war zurück! Zurück, zurück, endlich zurück!
"Zwei Monde..."
Und vierundzwanzig Tage.
"Viel zu lange."
Mitten auf der Südtorbrücke küsste sie ihn stürmisch, es war ihr schnurzpiepegal. Vier Tage, bei Wind und Regen, hatte sie auf dem Wehrgang gestanden. Von Weitem hatte er sie sehen sollen, in ihrer "Protzrüstung", wie Selissa sie nannte, hatte sie stoisch gewartet.
In golden glänzender Rüstung, mit leuchtend rotem Umhang - ihr kam der Vergleich gar nicht in den Sinn, die Erinnerung an lange zurückliegende Tage, in denen eine Knappin ohne Herrn sehnsüchtig zu den Wehrgängen des Paladinklosters hinaufgeschaut hatte, wo sie Wache gehalten hatten, in goldenen Rüstungen, roten Umhängen...
Wissende Blicke der Kameraden, als offenbar wurde, daß die Frau Oberst auf die Außenpatrouille wartete - die Patrouille, die Korporal Adrenalon angeführt hatte...
"Es ist doch sicher albern", hatte sie kleinlaut eingestanden, als selbst seine Hoheit es für nötig befand, nach dem Rechten zu sehen.
"Nein", hatte die Antwort gelautet, "Ich würde nicht anders handeln, ginge es um Eileen."
Sie hatte gewartet und er war zurückgekehrt.
Manche Probleme waren die alten geblieben - wo konnten sie in Ruhe reden, an einem trockenen warmen Ort, ungestört? Im Schloß? Sicher genausowenig wie in der Taverne, beides behagte ihr nicht. Eigensüchtig wollte sie ihn diese ersten kostbaren Stunden für sich.
Wissendes Schmunzeln zwischen ihnen beiden, als sie das Büro im Gardeaußenposten von Berchgard betraten. "Da bin ich schon Oberst, und hab noch immer keinen Schlüssel für diese verflixte Tür." Er hatte damals den Schlüssel gehabt - nicht nur zu diesem Büro, sondern auch zu ihrem so verschlossenen Wesen. So wie auch heute noch.
Es war herrlich, seine Stimme zu hören, auch wenn ihm die Strapazen der Reise wie auch die Last des Erlebten deutlich anzusehen war. Es tat so wohl, die hektischen und bedrückenden Ereignisse dieser Zeit sich gesammelt von der Seele reden zu können. Sie hielten einander an den Händen und gaben sich Nähe, schon mit einem Blick in die Augen des anderen.
"Komm mit", flüsterte sie nach Stunden.
"Wohin du auch willst." Er stand auf. "Was hast du vor?"
"Zeig ich dir." Zielstrebig mit einem vergnügten Lächeln führte sie ihn wie ein Kind, das jemandem ein "großes Geheimnis" verraten wollte. Über die einfachen Holzbrücken, vorbei an der großen Baustelle, auf die Weiten der Wiese, deren Halme selten mehr knickte als Eidechsenfüße.
"Hier", sprach sie entschieden und hüpfte einmal auf der Stelle, strahlte ihn an, sah zum Meer, breitete die Arme aus.
"Na? Was hälst du hiervon?", fragte sie ihn begeistert.
Adrenalon sah sie an, als wär sie geisteskrank. "Ich finde große Grasflächen auch verdammt interessant." Er schaute sich übertrieben aufmerksam um. "Ja, wirklich. Einzigartig, diese grüne Wiese." Er sah sie wieder an. "Alles in Ordnung bei dir?"
Sie lachte nur und zog etwas aus der Hosentasche, kniete sich ins feuchte Gras.
"Was ist das?"
"Eine Kastanie", antwortete sie ehrfürchtig.
"Das sehe ich auch. Und was hast du damit vor?"
Statt einer Antwort begann sie, einige Gräser beiseite zu drücken, rauszuziehen, und mit der Emsigkeit eines Eichhörnchens mit bloßen Händen eine kleine, möglichst tiefe Kuhle in das Erdreich zu graben.
"Du pflanzt eine Kastanie", stellte er nüchtern fest.
Sie nickte nur und begann, sehr feierlich zu sprechen:
"Dies Haus sei all zu meiner Zeit dem Fleiße und der Kunst geweiht. Und", ihr Ton wurde sehr warmherzig, während sie versonnen die wunderschön glänzende braune Kugel drehte, "Liebe gehe für und für von Herz zu Herz durch jede Tür!" Sie versenkte die Kastanie im Boden.
Adrenalons Miene erhellte sich verstehend. "Du wirst ein Haus bauen! Hier!" Sein Traum.
"Es schließe ein, es halte fern, und frohe Gäste heg es gern. Ein Krümel Brot, ein Schlüpfel Wein, da wird es wohl zum Guten sein." Bedächtig grub sie die Kastanie zu. "Viel mehr steht nicht in unserer Macht, so nutzet auch kein Vorbedacht..." Geflissentlich klopfte sie die Erde etwas fester.
Ja. Hier.
"Temora segne dieses Haus, und die da gehen ein und aus."
Sie hob den Blick zu dem geliebten Menschen vor sich. "Willkommen Zuhause?", fragte sie ihn leise.
Er lächelte sie glücklich an. "Ja, verdammt!"
Im nächsten Moment wurde sie hochgehoben und stürmisch umarmt, innig geküsst.
"Wo hast du das ganze Geld her?"
Spielte das eine Rolle? Verbissen hatte sie gespart, wo sie sich Sparsamkeit neben der "nötigen" Repräsentation hatte leisten können. Für das, was ihr vorschwebte, würde es wohl noch nicht mal reichen, gleichzeitig hatte sie von Baukosten nicht den leisesten Schimmer.
"Ich lege gern was dabei, wenn es nicht reicht."
"Sehen wir...", erwiderte sie gleichmütig schmunzelnd, "Der Sold für einen Oberst ist nicht schlecht..."
"Ich hoffe, der Wohnraum ist groß genug für zwei", meinte er schmunzelnd.
"Mmmmh... jaaa....", erwiderte sie zögernd und gedehnt. Kritisch sah er sie an.
"Du heckst doch wieder was aus."
Er erntete einen betont unschuldigen Blick und wurde nur noch mißtrauischer. "Los, raus mit der Sprache, wo ist der Haken?"
"Kein Haken", sie schüttelte den Kopf, "Aber... ein Knappe gehört ja auch zu so einem Ritterhaushalt, nicht?"
Wie sollte sie ihm eigentlich noch Viola, Fuchs und Yoshua erklären...?
Er schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. "Jetzt sag bloß nicht, du hast einen Knappen."
Oh... das war ihr irgendwie als selbstverständlich vorgekommen. "Dabei hat sie ja tatsächlich gerade erst angefangen."
"Sie? Wer, verdammt, ist denn diese sie?"
"Selissa."
Er rieb sich die Stirn. "Och ne."
Es tat ihr irgendwie leid, daß sie amüsiert lachen musste.
"Ich meine", fuhr er fort, "Wir werden doch so niemals Ruhe haben. Selissa ist jetzt ja nicht eine, die..."
"Du?", unterbrach sie ihn leise.
"Ja?", verstummte er.
Sie küsste ihn kurzentschlossen und überrascht ließ er sich das gerne gefallen.
"Gut, überredet", schmunzelte er danach.
"Oh, das geht ja einfach..." - sie merkte es sich sichtlich amüsiert.
Warnend wedelte er mit dem Zeigefinger.
Sie blieben die Nacht, unter ihnen eine eingebuddelte kleine Kastanie, gewärmt von seinem Umhang und seiner Nähe redeten sie nur noch ein wenig darüber, ob die Sterne über ihrem zukünftigen Haus auch so stehen bleiben durften oder zurechtgerückt werden müssten, bis ihm die Anstrengung der Wiederkehr nach Gerimor - nach Hause - einschlafen ließ. Sie wachte über ihn, wenige Strophen gingen ihr durch den Kopf:
Lass mich deinen Sorgen ein Kissen bereiten
und es beiseite legen,
bevor dein Kopf an meiner Schulter ruht.
Lass mich die Kälte aus deinem Herzen nehmen
und in eine Decke hüllen,
wenn du meinen Namen denkst.
Lass mich die Müdigkeit von deiner Stirn wischen
und ihr Flügel geben,
bevor meine Lippen deinen Atem schenken.
Sie fügte eine letzte hinzu:
Lass mich schweigen ohne Worte
und dir von unseren Träumen erzählen,
wenn ich in deine Augen seh.
und überließ sich dann selber der Wärme des Schlafes.
Er war zurück! Zurück, zurück, endlich zurück!
"Zwei Monde..."
Und vierundzwanzig Tage.
"Viel zu lange."
Mitten auf der Südtorbrücke küsste sie ihn stürmisch, es war ihr schnurzpiepegal. Vier Tage, bei Wind und Regen, hatte sie auf dem Wehrgang gestanden. Von Weitem hatte er sie sehen sollen, in ihrer "Protzrüstung", wie Selissa sie nannte, hatte sie stoisch gewartet.
In golden glänzender Rüstung, mit leuchtend rotem Umhang - ihr kam der Vergleich gar nicht in den Sinn, die Erinnerung an lange zurückliegende Tage, in denen eine Knappin ohne Herrn sehnsüchtig zu den Wehrgängen des Paladinklosters hinaufgeschaut hatte, wo sie Wache gehalten hatten, in goldenen Rüstungen, roten Umhängen...
Wissende Blicke der Kameraden, als offenbar wurde, daß die Frau Oberst auf die Außenpatrouille wartete - die Patrouille, die Korporal Adrenalon angeführt hatte...
"Es ist doch sicher albern", hatte sie kleinlaut eingestanden, als selbst seine Hoheit es für nötig befand, nach dem Rechten zu sehen.
"Nein", hatte die Antwort gelautet, "Ich würde nicht anders handeln, ginge es um Eileen."
Sie hatte gewartet und er war zurückgekehrt.
Manche Probleme waren die alten geblieben - wo konnten sie in Ruhe reden, an einem trockenen warmen Ort, ungestört? Im Schloß? Sicher genausowenig wie in der Taverne, beides behagte ihr nicht. Eigensüchtig wollte sie ihn diese ersten kostbaren Stunden für sich.
Wissendes Schmunzeln zwischen ihnen beiden, als sie das Büro im Gardeaußenposten von Berchgard betraten. "Da bin ich schon Oberst, und hab noch immer keinen Schlüssel für diese verflixte Tür." Er hatte damals den Schlüssel gehabt - nicht nur zu diesem Büro, sondern auch zu ihrem so verschlossenen Wesen. So wie auch heute noch.
Es war herrlich, seine Stimme zu hören, auch wenn ihm die Strapazen der Reise wie auch die Last des Erlebten deutlich anzusehen war. Es tat so wohl, die hektischen und bedrückenden Ereignisse dieser Zeit sich gesammelt von der Seele reden zu können. Sie hielten einander an den Händen und gaben sich Nähe, schon mit einem Blick in die Augen des anderen.
"Komm mit", flüsterte sie nach Stunden.
"Wohin du auch willst." Er stand auf. "Was hast du vor?"
"Zeig ich dir." Zielstrebig mit einem vergnügten Lächeln führte sie ihn wie ein Kind, das jemandem ein "großes Geheimnis" verraten wollte. Über die einfachen Holzbrücken, vorbei an der großen Baustelle, auf die Weiten der Wiese, deren Halme selten mehr knickte als Eidechsenfüße.
"Hier", sprach sie entschieden und hüpfte einmal auf der Stelle, strahlte ihn an, sah zum Meer, breitete die Arme aus.
"Na? Was hälst du hiervon?", fragte sie ihn begeistert.
Adrenalon sah sie an, als wär sie geisteskrank. "Ich finde große Grasflächen auch verdammt interessant." Er schaute sich übertrieben aufmerksam um. "Ja, wirklich. Einzigartig, diese grüne Wiese." Er sah sie wieder an. "Alles in Ordnung bei dir?"
Sie lachte nur und zog etwas aus der Hosentasche, kniete sich ins feuchte Gras.
"Was ist das?"
"Eine Kastanie", antwortete sie ehrfürchtig.
"Das sehe ich auch. Und was hast du damit vor?"
Statt einer Antwort begann sie, einige Gräser beiseite zu drücken, rauszuziehen, und mit der Emsigkeit eines Eichhörnchens mit bloßen Händen eine kleine, möglichst tiefe Kuhle in das Erdreich zu graben.
"Du pflanzt eine Kastanie", stellte er nüchtern fest.
Sie nickte nur und begann, sehr feierlich zu sprechen:
"Dies Haus sei all zu meiner Zeit dem Fleiße und der Kunst geweiht. Und", ihr Ton wurde sehr warmherzig, während sie versonnen die wunderschön glänzende braune Kugel drehte, "Liebe gehe für und für von Herz zu Herz durch jede Tür!" Sie versenkte die Kastanie im Boden.
Adrenalons Miene erhellte sich verstehend. "Du wirst ein Haus bauen! Hier!" Sein Traum.
"Es schließe ein, es halte fern, und frohe Gäste heg es gern. Ein Krümel Brot, ein Schlüpfel Wein, da wird es wohl zum Guten sein." Bedächtig grub sie die Kastanie zu. "Viel mehr steht nicht in unserer Macht, so nutzet auch kein Vorbedacht..." Geflissentlich klopfte sie die Erde etwas fester.
Ja. Hier.
"Temora segne dieses Haus, und die da gehen ein und aus."
Sie hob den Blick zu dem geliebten Menschen vor sich. "Willkommen Zuhause?", fragte sie ihn leise.
Er lächelte sie glücklich an. "Ja, verdammt!"
Im nächsten Moment wurde sie hochgehoben und stürmisch umarmt, innig geküsst.
"Wo hast du das ganze Geld her?"
Spielte das eine Rolle? Verbissen hatte sie gespart, wo sie sich Sparsamkeit neben der "nötigen" Repräsentation hatte leisten können. Für das, was ihr vorschwebte, würde es wohl noch nicht mal reichen, gleichzeitig hatte sie von Baukosten nicht den leisesten Schimmer.
"Ich lege gern was dabei, wenn es nicht reicht."
"Sehen wir...", erwiderte sie gleichmütig schmunzelnd, "Der Sold für einen Oberst ist nicht schlecht..."
"Ich hoffe, der Wohnraum ist groß genug für zwei", meinte er schmunzelnd.
"Mmmmh... jaaa....", erwiderte sie zögernd und gedehnt. Kritisch sah er sie an.
"Du heckst doch wieder was aus."
Er erntete einen betont unschuldigen Blick und wurde nur noch mißtrauischer. "Los, raus mit der Sprache, wo ist der Haken?"
"Kein Haken", sie schüttelte den Kopf, "Aber... ein Knappe gehört ja auch zu so einem Ritterhaushalt, nicht?"
Wie sollte sie ihm eigentlich noch Viola, Fuchs und Yoshua erklären...?
Er schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. "Jetzt sag bloß nicht, du hast einen Knappen."
Oh... das war ihr irgendwie als selbstverständlich vorgekommen. "Dabei hat sie ja tatsächlich gerade erst angefangen."
"Sie? Wer, verdammt, ist denn diese sie?"
"Selissa."
Er rieb sich die Stirn. "Och ne."
Es tat ihr irgendwie leid, daß sie amüsiert lachen musste.
"Ich meine", fuhr er fort, "Wir werden doch so niemals Ruhe haben. Selissa ist jetzt ja nicht eine, die..."
"Du?", unterbrach sie ihn leise.
"Ja?", verstummte er.
Sie küsste ihn kurzentschlossen und überrascht ließ er sich das gerne gefallen.
"Gut, überredet", schmunzelte er danach.
"Oh, das geht ja einfach..." - sie merkte es sich sichtlich amüsiert.
Warnend wedelte er mit dem Zeigefinger.
Sie blieben die Nacht, unter ihnen eine eingebuddelte kleine Kastanie, gewärmt von seinem Umhang und seiner Nähe redeten sie nur noch ein wenig darüber, ob die Sterne über ihrem zukünftigen Haus auch so stehen bleiben durften oder zurechtgerückt werden müssten, bis ihm die Anstrengung der Wiederkehr nach Gerimor - nach Hause - einschlafen ließ. Sie wachte über ihn, wenige Strophen gingen ihr durch den Kopf:
Lass mich deinen Sorgen ein Kissen bereiten
und es beiseite legen,
bevor dein Kopf an meiner Schulter ruht.
Lass mich die Kälte aus deinem Herzen nehmen
und in eine Decke hüllen,
wenn du meinen Namen denkst.
Lass mich die Müdigkeit von deiner Stirn wischen
und ihr Flügel geben,
bevor meine Lippen deinen Atem schenken.
Sie fügte eine letzte hinzu:
Lass mich schweigen ohne Worte
und dir von unseren Träumen erzählen,
wenn ich in deine Augen seh.
und überließ sich dann selber der Wärme des Schlafes.
-
Darna von Hohenfels
Wenn sie über die schneebedeckte Ebene sah, wurde ihr kalt. Innerlich. Hatte dieser Ort sich tatsächlich schneller verändert als sie, oder war es andersrum? Spielte es überhaupt eine Rolle?
Sie sah zu den Bergen, an deren Hang am Meer Aradans Asche den Winden überantwortet worden war. Ein Stück abseits würde sich mit dem Frühling zeigen, ob eine besondere Kastanie einen jungen Baum sprießen ließ - sie wandte den Kopf - im Schatten der Burg Llasthobar...
Sie sah zurück zum Meer. Das hatte sie doch schon vorher gewusst, aber "weit ab vom Schuß" ein eigenes Haus zu haben, war ihr zunächst sogar eher als erstrebenswert vorgekommen. Doch zunehmend behagte ihr der Gedanke weniger, immer mehr hatte das Leben der Stadt seine Schlingen um sie gelegt. Welchen Illusionen wollte sie sich hingeben, daß sie jedesmal abends diesen Weg vom Kastell oder vom Schloß nach Hause reiten würde?
Es brauchte diesmal keine Freunde, um ihr einen Spiegel vor's Gesicht zu halten, und die Sorge war klar benannt: Ein leeres Haus irgendwo hinterm Nirgendwo, oder auch noch mit Menschen darin, die vergeblich auf sie warteten.
Nein.
Sie ritt zurück und sah über die Fläche, wo früher dieses Arenagebäude gestanden hatte. Dort hatte sie ihre ersten Schwertübungen gemacht. Kurz nach dem Abriß entstand das Waisenhaus, wo sie eine zeitlang ausgeholfen hatte... manchmal erschreckte es sie fast, zu wie vielen Orten hier sie ihre Geschichten erzählen konnte. Sie sah nochmal über die Wiese.
"Junge Bäume kann man umpflanzen."
Sie ritt zurück in die Stadt, dort hatte sie endlich alle Kostenvoranschläge sammeln können. Als sie sie durchgesehen hatte, ließ sie ächzend die Papiere sinken. Nein, die guten Leute hatten sich sicher nicht verrechnet. Und es war nicht... unüberwindlich. Tiefes Durchatmen, dann wies sie Shaya und Savea an, auf Fuachtero sich nach den Preisen für die benötigten Ziegel und den Putz zu erkundigen. Steine... Sie hatte eh mit Kargosch noch einigen Handel besprechen wollen, auch wieder viel zu lange vor sich hergeschoben.
"Du hast zwei Mägde, aber nicht mal ein eigenes Haus!", hatte Adrenalon aufgelacht, als er von den beiden hörte. Ein schmales Lächeln umspielte ihre Lippen. Vielleicht... es hatte sich einiges geändert, doch er rückte wieder näher, ihr Stück Träumerei.
Sie sah zu den Bergen, an deren Hang am Meer Aradans Asche den Winden überantwortet worden war. Ein Stück abseits würde sich mit dem Frühling zeigen, ob eine besondere Kastanie einen jungen Baum sprießen ließ - sie wandte den Kopf - im Schatten der Burg Llasthobar...
Sie sah zurück zum Meer. Das hatte sie doch schon vorher gewusst, aber "weit ab vom Schuß" ein eigenes Haus zu haben, war ihr zunächst sogar eher als erstrebenswert vorgekommen. Doch zunehmend behagte ihr der Gedanke weniger, immer mehr hatte das Leben der Stadt seine Schlingen um sie gelegt. Welchen Illusionen wollte sie sich hingeben, daß sie jedesmal abends diesen Weg vom Kastell oder vom Schloß nach Hause reiten würde?
Es brauchte diesmal keine Freunde, um ihr einen Spiegel vor's Gesicht zu halten, und die Sorge war klar benannt: Ein leeres Haus irgendwo hinterm Nirgendwo, oder auch noch mit Menschen darin, die vergeblich auf sie warteten.
Nein.
Sie ritt zurück und sah über die Fläche, wo früher dieses Arenagebäude gestanden hatte. Dort hatte sie ihre ersten Schwertübungen gemacht. Kurz nach dem Abriß entstand das Waisenhaus, wo sie eine zeitlang ausgeholfen hatte... manchmal erschreckte es sie fast, zu wie vielen Orten hier sie ihre Geschichten erzählen konnte. Sie sah nochmal über die Wiese.
"Junge Bäume kann man umpflanzen."
Sie ritt zurück in die Stadt, dort hatte sie endlich alle Kostenvoranschläge sammeln können. Als sie sie durchgesehen hatte, ließ sie ächzend die Papiere sinken. Nein, die guten Leute hatten sich sicher nicht verrechnet. Und es war nicht... unüberwindlich. Tiefes Durchatmen, dann wies sie Shaya und Savea an, auf Fuachtero sich nach den Preisen für die benötigten Ziegel und den Putz zu erkundigen. Steine... Sie hatte eh mit Kargosch noch einigen Handel besprechen wollen, auch wieder viel zu lange vor sich hergeschoben.
"Du hast zwei Mägde, aber nicht mal ein eigenes Haus!", hatte Adrenalon aufgelacht, als er von den beiden hörte. Ein schmales Lächeln umspielte ihre Lippen. Vielleicht... es hatte sich einiges geändert, doch er rückte wieder näher, ihr Stück Träumerei.
-
Darna von Hohenfels
Meins!
"Ich will dir was sagen, Shaya - ich habe selten Darna so glücklich gesehen, und ich könnte jeden erwürgen, der das beendet!" - drastische Worte von Viola, doch daß die Umschreibung des Zustandes von Darna noch fast eine Untertreibung war, wäre jedem klargeworden.
"Hier kommt die Bibliothek hin... mit einem vernünftigen Schreibtisch. Da vorne dann ein großer Tisch, zum Essen, zum Gäste empfangen. Hier in der Küche sollte alles Platz finden, was es für die Bewirtschaftung braucht. Was ihr beide da hinten in eurem Zimmer einrichtet, sei euch überlassen, Savea - aber genügend Platz jetzt, lauter zwergische Briefe dort aufzuhängen, nicht?"
"Ich fürchte nein, Euer Hochgeboren..."
Darna schien ihr gar nicht zuzuhören, lachte nur und sprang die Treppen ins obere Stockwerk, zwei Stufen auf einmal nehmend. Sie war wie ausgewechselt. "Hier das Zimmer für Viola und Selissa." Sie trat auf die Terasse und sog trunken vor Glück die Luft tief ein. Der verträumte Blick glitt über die mächtige Stadtmauer hinter dem Graben - die Stadt, die ihr inzwischen längst die zweite Heimat war. Zwischen Varuna und dem Kloster war ihr Haus gelegen, ihre neue, eigene Existenz gegründet... der Blick wanderte über das Waisenhaus nebenan, die Wiese und den Spielplatz... gemischte Gefühle.
Es gab noch Lücken, die zu füllen waren.
Mit Adrenalon saß sie im Schloß, plünderte die verbliebenen Speisen vom Tablett, sie fingen an, sich über das Haus zu unterhalten. Sie konnte es ihm noch nicht zeigen, er saß hier noch immer fest, und so schilderte sie ihm begeistert so gut wie es ging, das Haus und wo was hinsollte, nannte Savea, Shaya, Selissa, Viola...
"Wie kann es auch anders sein, du hast schon alles genau bildlich in deinem Kopf geplant", amüsierte er sich. Sie blinzelte, musste dann lachen. "Ja, eigentlich schon...", gab sie zu.
"Wusst ich's doch", grinste er, wurde dann aber ernster:
"Das klingt mir ja eher wie eine Wohngemeinschaft als wie ein Zuhause.. Dann wirst du ja nie deine Ruhe finden. Ich meine. oben Leute, unten Leute.. überall irgendwer.. Was ist dann noch mit Privatspähre?"
Sie blinzelte irritiert. Natürlich kämen da Leute rein, was sollte sie mit einem Haus nur für sich?
"Ich will doch mit den Menschen zusammenleben, die mir wie eine Familie nahestehen. Ein Zuhause ist doch nicht nur eine abgeschlossene Kammer irgendwo, ich der ich mich einbunker..."
"Naja, so war das auch nicht gemeint." Er hob die Schultern an. Du musst es wissen.. aber wenn ich mir das mal so vorstelle.... mh."
Ein bißchen amüsierte es sie. Alleine zu leben, dieser Gedanke ging ihr völlig ab. Aber er tat gerade so, als hätte sie selbst dort keine Ecke für sich selber eingeplant... Als sie aufstand, um sich noch etwas Kuchen zu holen, war sie selber überrascht, mit welchem beiläufigen Ernst sie die nächsten Worte sprach:
"Naja, ein bichen problematisch ist es schon, geb ich zu... für mich selber hab ich natürlich kein Zimmer, aber der Wohnbereich unten ist groß genug, da häng ich mir einfach ein paar Vorhänge wie hier die Separees..."
Oh wie sie diese Vorhänge zu hassen gelernt hatte. Allein die Vorstellung, sie würde in sowas freiwillig nochmal ihr Dasein fristen... sie hörte von Adrenalon ein Ächzen. Sie wagte es kaum, hochzugucken, als sie sich wieder an den Tisch setzte.
"Du hast in deinem eigenen Haus kein eigenes Zimmer?! Ich fass es nicht."
Ihr Unterkiefer schob sich vor, die Lippen zuckten, sie hielt den Atem an - es half nichts. Keine zwei Lidschläge brauchte es nach diesem Ausbruch blanken Entsetzens, daß sie loslachen musste.
"Das glaubst du nicht wirklich...?", brachte sie noch heraus. Doch er war schon zu sehr in Fahrt, um gleich zu bremsen:
"Du lässt ein vermutlich ziemlich teures, prächtiges Haus bauen, und hast darin kein eigenes..." - dann erst stockte er. Sie beugte sich über den Tisch und lachte Tränen.
"Ohhhhhhhhh du!", er haute gespielt nach ihr, sie konnte noch nicht mal richtig ausweichen vor Gelächter, "Und ich kauf dir das auch noch ab!"
Nun musste er selber lachen.
"Das sagt doch schon alles.. zugetraut hätte ich dir das sogar glatt."
Nein... Nein, hier würde sie sich die Ruhe zu nehmen wissen, die sie so oft vermisste, um neue Kraft zu finden, wenn die Welt draußen ihr wieder alles abverlangte. Nein - kein Schreibtisch mehr, der ihr das Bett ersetzte. Sie würde ihre eigenen Ecken haben, und die Menschen um sich, die sie liebte. "Meins." Sie sah Adrenalon an, die stille Hoffnung: "Unser."
"Ich will dir was sagen, Shaya - ich habe selten Darna so glücklich gesehen, und ich könnte jeden erwürgen, der das beendet!" - drastische Worte von Viola, doch daß die Umschreibung des Zustandes von Darna noch fast eine Untertreibung war, wäre jedem klargeworden.
"Hier kommt die Bibliothek hin... mit einem vernünftigen Schreibtisch. Da vorne dann ein großer Tisch, zum Essen, zum Gäste empfangen. Hier in der Küche sollte alles Platz finden, was es für die Bewirtschaftung braucht. Was ihr beide da hinten in eurem Zimmer einrichtet, sei euch überlassen, Savea - aber genügend Platz jetzt, lauter zwergische Briefe dort aufzuhängen, nicht?"
"Ich fürchte nein, Euer Hochgeboren..."
Darna schien ihr gar nicht zuzuhören, lachte nur und sprang die Treppen ins obere Stockwerk, zwei Stufen auf einmal nehmend. Sie war wie ausgewechselt. "Hier das Zimmer für Viola und Selissa." Sie trat auf die Terasse und sog trunken vor Glück die Luft tief ein. Der verträumte Blick glitt über die mächtige Stadtmauer hinter dem Graben - die Stadt, die ihr inzwischen längst die zweite Heimat war. Zwischen Varuna und dem Kloster war ihr Haus gelegen, ihre neue, eigene Existenz gegründet... der Blick wanderte über das Waisenhaus nebenan, die Wiese und den Spielplatz... gemischte Gefühle.
Es gab noch Lücken, die zu füllen waren.
Mit Adrenalon saß sie im Schloß, plünderte die verbliebenen Speisen vom Tablett, sie fingen an, sich über das Haus zu unterhalten. Sie konnte es ihm noch nicht zeigen, er saß hier noch immer fest, und so schilderte sie ihm begeistert so gut wie es ging, das Haus und wo was hinsollte, nannte Savea, Shaya, Selissa, Viola...
"Wie kann es auch anders sein, du hast schon alles genau bildlich in deinem Kopf geplant", amüsierte er sich. Sie blinzelte, musste dann lachen. "Ja, eigentlich schon...", gab sie zu.
"Wusst ich's doch", grinste er, wurde dann aber ernster:
"Das klingt mir ja eher wie eine Wohngemeinschaft als wie ein Zuhause.. Dann wirst du ja nie deine Ruhe finden. Ich meine. oben Leute, unten Leute.. überall irgendwer.. Was ist dann noch mit Privatspähre?"
Sie blinzelte irritiert. Natürlich kämen da Leute rein, was sollte sie mit einem Haus nur für sich?
"Ich will doch mit den Menschen zusammenleben, die mir wie eine Familie nahestehen. Ein Zuhause ist doch nicht nur eine abgeschlossene Kammer irgendwo, ich der ich mich einbunker..."
"Naja, so war das auch nicht gemeint." Er hob die Schultern an. Du musst es wissen.. aber wenn ich mir das mal so vorstelle.... mh."
Ein bißchen amüsierte es sie. Alleine zu leben, dieser Gedanke ging ihr völlig ab. Aber er tat gerade so, als hätte sie selbst dort keine Ecke für sich selber eingeplant... Als sie aufstand, um sich noch etwas Kuchen zu holen, war sie selber überrascht, mit welchem beiläufigen Ernst sie die nächsten Worte sprach:
"Naja, ein bichen problematisch ist es schon, geb ich zu... für mich selber hab ich natürlich kein Zimmer, aber der Wohnbereich unten ist groß genug, da häng ich mir einfach ein paar Vorhänge wie hier die Separees..."
Oh wie sie diese Vorhänge zu hassen gelernt hatte. Allein die Vorstellung, sie würde in sowas freiwillig nochmal ihr Dasein fristen... sie hörte von Adrenalon ein Ächzen. Sie wagte es kaum, hochzugucken, als sie sich wieder an den Tisch setzte.
"Du hast in deinem eigenen Haus kein eigenes Zimmer?! Ich fass es nicht."
Ihr Unterkiefer schob sich vor, die Lippen zuckten, sie hielt den Atem an - es half nichts. Keine zwei Lidschläge brauchte es nach diesem Ausbruch blanken Entsetzens, daß sie loslachen musste.
"Das glaubst du nicht wirklich...?", brachte sie noch heraus. Doch er war schon zu sehr in Fahrt, um gleich zu bremsen:
"Du lässt ein vermutlich ziemlich teures, prächtiges Haus bauen, und hast darin kein eigenes..." - dann erst stockte er. Sie beugte sich über den Tisch und lachte Tränen.
"Ohhhhhhhhh du!", er haute gespielt nach ihr, sie konnte noch nicht mal richtig ausweichen vor Gelächter, "Und ich kauf dir das auch noch ab!"
Nun musste er selber lachen.
"Das sagt doch schon alles.. zugetraut hätte ich dir das sogar glatt."
Nein... Nein, hier würde sie sich die Ruhe zu nehmen wissen, die sie so oft vermisste, um neue Kraft zu finden, wenn die Welt draußen ihr wieder alles abverlangte. Nein - kein Schreibtisch mehr, der ihr das Bett ersetzte. Sie würde ihre eigenen Ecken haben, und die Menschen um sich, die sie liebte. "Meins." Sie sah Adrenalon an, die stille Hoffnung: "Unser."
-
Darna von Hohenfels
Die Verhandlung
Sie sagten ihr alles nochmal ins Gesicht, worüber sie sich auch schon aufgeregt hatte. Warum sie nicht gleich Hilfe geholt oder bescheid gesagt hatte, als Jenkins auftauchte. Was ihr Unterschlupf ausgerechnet auf rahaler Boden zu suchen hatte. Was das sollte, dort auch noch Kinder unterzubringen. Aber auf sie hörte Viola ja nicht, oder suchte immer neue Ausflüchte, um ihren Kopf durchzusetzen. Und welches Recht hätte sie auch gehabt, sie zu beschneiden? Gar keins. Sie hatte es auch nicht mehr anders gewollt, seit der Auseinandersetzung mit Leif und dem Clan. "Schützling". "Freundin." Als was immer man Viola bezeichnen konnte, sie war im Grunde völlig ungebunden und genoß Narrenfreiheit.
Daß sowas dann dabei rausgekommen war, versetzte ihr mehr als einen Stich.
Neben ihr saß ihr Vater, und damit nicht nur die Sorge, was er womöglich vom Gericht denken würde, sondern mehr noch: die Sorge, womit sich seine Tochter bittschön abgab. Einem ehemaligen Gossenkind, die nun getötet und die Tat zu vertuschen versucht hatte... ein erwachsen werdendes Mädchen, die nichts Schlimmes darin sah, auf dem beanspruchten Gebiet Rahals zu leben, denen das Prinzip des Bürgertums völlig fremd schien, verantwortungslos nach seinen Definitionen - Definitionen, die auch die ihren waren.
Das stand hier vor Gericht, ja? Eine Tagediebin, die gemeingefährlich zu werden drohte?
"Möchte jemand der Anwesenden noch etwas über die Angeklagte äußern?
"Bei wem jetzt nichts geht, bei dem geht was verkehrt. Zeit, daß sich was dreht."
Sie stand auf. "Meine Person, so es gestattet sei, hohes Gericht." Antarian rollte mit den Augen. Wäre es nicht so ernst gewesen, hätte sie geschmunzelt. Aber es war ihr ernst. Jedes Wort.
"Die immens gefährliche Gedankenlosigkeit, die sich aus dem Verhalten der Angeklagten herauslesen lässt, ist mir bewusst." Gedankenlosigkeit - das war noch nett ausgedrückt, und sie überhörte auch Rafaels zynisch anmutendes "Ach?". Himmel, wusste Viola, wie tief sie im Dreck steckte? Begriff sie das, außer einfach nur Angst vor dem Strick zu haben? Es war zu hoffen. Denn sie verbrauchte grad einen Gutteil ihres Kontos an Pluspunkten.
"Doch möchte ich dem hohen Gericht auch erneut vor Augen halten, daß über eine Person befunden wird, die in der Vergangenheit einiges tat, was einiges über sie aussagt, aber sicher keine Nähe zu Rahal. Neben ihrer Zeit als Wache von Lady Eileen von Hohenfels wurde ihr Mitwirken an der Seite der Befreier Berchgards erwähnt, sie wirkte mit bei der Befreiung seiner Hoheit, als finstere Wesenheiten wertvolle Edelsteine in ihren Besitz zu bringen suchten - und nicht zuletzt hat auch meine Person Viola ihr Leben mit zu verdanken, als sie eine Gruppe verdienter Leute in den Erdhöhlen von Lameriast unterstützte und wegweisend führte."
Hinterher erst fiel ihr auf, daß sie noch Violas Erkundung im Schloß vergessen hatte, als man dort noch Arkorither hätte erwarten müssen - selbst für Rafael, der mit auf der Richterbank saß, hatte Viola Kopf und Kragen riskiert. Es war allen bekannt, und doch...
Und wenn sie sonst nichts gedreht hatte, dann nur den Blickwinkel ihres Vaters, der nun Viola erneut musterte, mit etwas anderen Augen. Es kam auf die Perspektive an?
"Sie werden dir genügend übrig lassen für die Rosskur", raunte Allerich ihr zu, "Und nicht zuletzt wird sie es dann deinen Worten zu verdanken haben."
Etwas erstaunt sah sie ihn an - ehe sie erleichtert nachdenklich lächelte. Ja, sie schien die Gesellschaft oberflächlich betrachtet fragwürdiger Gestalten anzuziehen. Und sie hoffte, immer zu wissen, warum sie sie aus guten Gründen nicht nur duldete, sondern behutsam an die Hand zu nehmen versuchte.
Behutsam? Inneres Seufzen. Vielleicht war es bei Viola zu behutsam gewesen. Deutlich nicht mehr vielleicht war die Zeit für "behutsam" vorbei. Das schien nicht nur sie so zu sehen.
"Das Gericht kam zu einem einstimmigen Urteil.
Die Angeklagte wird des Mordes an dem Mann namens Jenkin Dregbert für nicht schuldig befunden, es handelt sich vor den Augen des Gerichts um einen Unfall..."
Sie selber furchte sogar kurz die Stirn, als ihr im nächsten Moment klar wurde, daß es hier nicht um den Anstrich der Worte ging - Tötung war ein Schwerstverbrechen, trotzdem wollte das Gericht sie darin nicht belasten müssen. Also wurde das Kind irgendwie anders genannt. Langsam kannte sie das Spiel, für andere würde es wohl ewig unverständlich bleiben. Sie hörte weiter zu:
"Das Gericht sieht jedoch den Fall des versuchten Betruges für gegeben.
Die Angeklagte versuchte, die Ermittlungen in diesem Fall zu unterwandern ob ihrer Taten und dies zeigt einen deutlichen Hang zu Verantwortungslosigkeit auf. Ihr momentanter Wohnort unterstreicht diesen Eindruck."
"Übersetzung: Aber glaub ja nicht, daß du ungeschoren davonkommst und dies ein Freispruch wäre."
"Der Angeklagten wird somit auferlegt, sich selbst und die ihr anvertrauten Kinder aus dem Einzugsbereich Rahals herauszubringen, bevor sie gar selbst die dortigen Gesetzmässigkeiten sich persönlich zu eigen machen."
"Übersetzung: Wir wollen nicht, daß du in Rahal lebst, und schaff die Kinder da weg, bevor die Mistleute da doch noch ihre Flossen nach ausstrecken."
Langsam gefiel ihr das Urteil immer besser.
"Das Gericht unterstellt die hier Angeklagte der Obhut und Erziehung der Freifrau von Elbenau."
"Übersetzung: Darna passt jetzt auf dich auf, basta."
A...ha... Hatten sie das Thema nicht schon mal? Irgendwie kam selbst das ihr entgegen und irgendwie...
"Das Gericht befindet weiterhin die Notwendigkeit die Angeklagte zur Abarbeitung ihrer Schuldigkeit unter die Order der temorianischen Kirche zu stellen. Bis zum Ende dieses Jahres wird sie der Kirche unter der Order seiner Hochwürden übergeben, auf dass sie Dienste durchführe nach Order seiner Hochwürden van Sareth.
Das Gericht ist hiermit geschlossen."
"Übersetzung: Und wenn nicht mal die Kirche noch dahinter dich besser erzogen kriegt, ist wohl alle Liebesmüh vergebens. Außerdem darf man sich jetzt fragen, wer hier bestraft wird."
Sie wusste nicht, ob sie grinsen oder geschockt sein sollte. Sie wusste aber, daß der Warnschuß vor den Bug deutlicher nicht mehr ging. Sie wusste, daß das Gericht nun versuchte, um das alles eine Leine zu legen und es auf einen besseren Weg zu zerren.
Sie wusste das...
"Hochwürden van Sareth, Freifrau von Elbenau - sie untersteht somit eurer Obhut."
"Danke, Hoheit", sagte sie leise, als er vorbeiging. Es hatte sich alles gefügt, und nicht einmal irgendwelches Gefeilsche und Absprechen vorher gebraucht. Strafe, aber keine gnadenlose - auch wenn es Viola so vorkommen mochte.
Eine Angst einzig blieb zurück.
"Viola... lass mich nie schreiben müssen, daß ich deine Erziehung nicht gewährleisten kann. Treibe mich nie dazu, mich von dir distanzieren zu müssen. Nun steht mein Name für dein Handeln gerade. Nun also doch Mündel. Richterlich verordnet."
Sie sagten ihr alles nochmal ins Gesicht, worüber sie sich auch schon aufgeregt hatte. Warum sie nicht gleich Hilfe geholt oder bescheid gesagt hatte, als Jenkins auftauchte. Was ihr Unterschlupf ausgerechnet auf rahaler Boden zu suchen hatte. Was das sollte, dort auch noch Kinder unterzubringen. Aber auf sie hörte Viola ja nicht, oder suchte immer neue Ausflüchte, um ihren Kopf durchzusetzen. Und welches Recht hätte sie auch gehabt, sie zu beschneiden? Gar keins. Sie hatte es auch nicht mehr anders gewollt, seit der Auseinandersetzung mit Leif und dem Clan. "Schützling". "Freundin." Als was immer man Viola bezeichnen konnte, sie war im Grunde völlig ungebunden und genoß Narrenfreiheit.
Daß sowas dann dabei rausgekommen war, versetzte ihr mehr als einen Stich.
Neben ihr saß ihr Vater, und damit nicht nur die Sorge, was er womöglich vom Gericht denken würde, sondern mehr noch: die Sorge, womit sich seine Tochter bittschön abgab. Einem ehemaligen Gossenkind, die nun getötet und die Tat zu vertuschen versucht hatte... ein erwachsen werdendes Mädchen, die nichts Schlimmes darin sah, auf dem beanspruchten Gebiet Rahals zu leben, denen das Prinzip des Bürgertums völlig fremd schien, verantwortungslos nach seinen Definitionen - Definitionen, die auch die ihren waren.
Das stand hier vor Gericht, ja? Eine Tagediebin, die gemeingefährlich zu werden drohte?
"Möchte jemand der Anwesenden noch etwas über die Angeklagte äußern?
"Bei wem jetzt nichts geht, bei dem geht was verkehrt. Zeit, daß sich was dreht."
Sie stand auf. "Meine Person, so es gestattet sei, hohes Gericht." Antarian rollte mit den Augen. Wäre es nicht so ernst gewesen, hätte sie geschmunzelt. Aber es war ihr ernst. Jedes Wort.
"Die immens gefährliche Gedankenlosigkeit, die sich aus dem Verhalten der Angeklagten herauslesen lässt, ist mir bewusst." Gedankenlosigkeit - das war noch nett ausgedrückt, und sie überhörte auch Rafaels zynisch anmutendes "Ach?". Himmel, wusste Viola, wie tief sie im Dreck steckte? Begriff sie das, außer einfach nur Angst vor dem Strick zu haben? Es war zu hoffen. Denn sie verbrauchte grad einen Gutteil ihres Kontos an Pluspunkten.
"Doch möchte ich dem hohen Gericht auch erneut vor Augen halten, daß über eine Person befunden wird, die in der Vergangenheit einiges tat, was einiges über sie aussagt, aber sicher keine Nähe zu Rahal. Neben ihrer Zeit als Wache von Lady Eileen von Hohenfels wurde ihr Mitwirken an der Seite der Befreier Berchgards erwähnt, sie wirkte mit bei der Befreiung seiner Hoheit, als finstere Wesenheiten wertvolle Edelsteine in ihren Besitz zu bringen suchten - und nicht zuletzt hat auch meine Person Viola ihr Leben mit zu verdanken, als sie eine Gruppe verdienter Leute in den Erdhöhlen von Lameriast unterstützte und wegweisend führte."
Hinterher erst fiel ihr auf, daß sie noch Violas Erkundung im Schloß vergessen hatte, als man dort noch Arkorither hätte erwarten müssen - selbst für Rafael, der mit auf der Richterbank saß, hatte Viola Kopf und Kragen riskiert. Es war allen bekannt, und doch...
Und wenn sie sonst nichts gedreht hatte, dann nur den Blickwinkel ihres Vaters, der nun Viola erneut musterte, mit etwas anderen Augen. Es kam auf die Perspektive an?
"Sie werden dir genügend übrig lassen für die Rosskur", raunte Allerich ihr zu, "Und nicht zuletzt wird sie es dann deinen Worten zu verdanken haben."
Etwas erstaunt sah sie ihn an - ehe sie erleichtert nachdenklich lächelte. Ja, sie schien die Gesellschaft oberflächlich betrachtet fragwürdiger Gestalten anzuziehen. Und sie hoffte, immer zu wissen, warum sie sie aus guten Gründen nicht nur duldete, sondern behutsam an die Hand zu nehmen versuchte.
Behutsam? Inneres Seufzen. Vielleicht war es bei Viola zu behutsam gewesen. Deutlich nicht mehr vielleicht war die Zeit für "behutsam" vorbei. Das schien nicht nur sie so zu sehen.
"Das Gericht kam zu einem einstimmigen Urteil.
Die Angeklagte wird des Mordes an dem Mann namens Jenkin Dregbert für nicht schuldig befunden, es handelt sich vor den Augen des Gerichts um einen Unfall..."
Sie selber furchte sogar kurz die Stirn, als ihr im nächsten Moment klar wurde, daß es hier nicht um den Anstrich der Worte ging - Tötung war ein Schwerstverbrechen, trotzdem wollte das Gericht sie darin nicht belasten müssen. Also wurde das Kind irgendwie anders genannt. Langsam kannte sie das Spiel, für andere würde es wohl ewig unverständlich bleiben. Sie hörte weiter zu:
"Das Gericht sieht jedoch den Fall des versuchten Betruges für gegeben.
Die Angeklagte versuchte, die Ermittlungen in diesem Fall zu unterwandern ob ihrer Taten und dies zeigt einen deutlichen Hang zu Verantwortungslosigkeit auf. Ihr momentanter Wohnort unterstreicht diesen Eindruck."
"Übersetzung: Aber glaub ja nicht, daß du ungeschoren davonkommst und dies ein Freispruch wäre."
"Der Angeklagten wird somit auferlegt, sich selbst und die ihr anvertrauten Kinder aus dem Einzugsbereich Rahals herauszubringen, bevor sie gar selbst die dortigen Gesetzmässigkeiten sich persönlich zu eigen machen."
"Übersetzung: Wir wollen nicht, daß du in Rahal lebst, und schaff die Kinder da weg, bevor die Mistleute da doch noch ihre Flossen nach ausstrecken."
Langsam gefiel ihr das Urteil immer besser.
"Das Gericht unterstellt die hier Angeklagte der Obhut und Erziehung der Freifrau von Elbenau."
"Übersetzung: Darna passt jetzt auf dich auf, basta."
A...ha... Hatten sie das Thema nicht schon mal? Irgendwie kam selbst das ihr entgegen und irgendwie...
"Das Gericht befindet weiterhin die Notwendigkeit die Angeklagte zur Abarbeitung ihrer Schuldigkeit unter die Order der temorianischen Kirche zu stellen. Bis zum Ende dieses Jahres wird sie der Kirche unter der Order seiner Hochwürden übergeben, auf dass sie Dienste durchführe nach Order seiner Hochwürden van Sareth.
Das Gericht ist hiermit geschlossen."
"Übersetzung: Und wenn nicht mal die Kirche noch dahinter dich besser erzogen kriegt, ist wohl alle Liebesmüh vergebens. Außerdem darf man sich jetzt fragen, wer hier bestraft wird."
Sie wusste nicht, ob sie grinsen oder geschockt sein sollte. Sie wusste aber, daß der Warnschuß vor den Bug deutlicher nicht mehr ging. Sie wusste, daß das Gericht nun versuchte, um das alles eine Leine zu legen und es auf einen besseren Weg zu zerren.
Sie wusste das...
"Hochwürden van Sareth, Freifrau von Elbenau - sie untersteht somit eurer Obhut."
"Danke, Hoheit", sagte sie leise, als er vorbeiging. Es hatte sich alles gefügt, und nicht einmal irgendwelches Gefeilsche und Absprechen vorher gebraucht. Strafe, aber keine gnadenlose - auch wenn es Viola so vorkommen mochte.
Eine Angst einzig blieb zurück.
"Viola... lass mich nie schreiben müssen, daß ich deine Erziehung nicht gewährleisten kann. Treibe mich nie dazu, mich von dir distanzieren zu müssen. Nun steht mein Name für dein Handeln gerade. Nun also doch Mündel. Richterlich verordnet."
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Darna von Hohenfels
Das Haus ordentlich vermöbelt
Plötzlich stand Meister Pendri wie versprochen vor der Tür. Endlich, endlich! Seit mehr als einem Monat nun schlief jeder unter diesem Dach auf improvisierten Lagern aus Stroh, Fellen und Decken. Alles wirkte sonst so kahl, daß es ihr inzwischen die Laune verhagelt hatte, wenn das Gespräch auf die mangelnde Möblierung gekommen war. Vorbei, endlich vorbei.
Der Raum, wo später die Bibliothek sein sollte, vollgestellt fast von oben bis unten mit Schränken, Kisten, Kommoden...
"Alles, was sich auseinanderbauen ließ, ist in diesen großen Kisten verstaut."
Auseinandergebaut - das hieß, daß man es ja auch wieder zusammensetzen musste. Nach zwei Nächten der Totenwache für Degenhard im Kloster und Dingen, die tagsüber noch zu erledigen waren, schienen ihre Augenringe irgendwo bei den Knien zu enden. Trotzdem war sie schon wenige Minuten nach dem Eintreffen der Möbel so aufgekratzt, wie beim ersten Betreten des fertigen Hauses. Irgendwo in all dem Durcheinder war ihr Bett...
mitten in der Nacht
"Ich stehe sehr früh auf, Euer Hochgeboren."
Irritiert sah sie ihre Magd an. "Das ist schön für Euch, Shaya."
"Wenn ich Euch dann noch wach vorfinde, gibt es Tee."
Tee. Sie wusste, das müsste mehr bedeuten, als nur einen Tee zum Frühstück, irgendwas war da, aber darüber konnte sie sich Gedanken machen, wenn die beiden Bänke ihren Platz auf der Terasse gefunden hatten. Wenn sie an die Bibliothek dachte, grauste es ihr. Die ganzen Bücherregale, gute Güte. Das würde sie auf keinen Fall heute mehr anfangen.
noch später in der Nacht
In der Gesindestube wurde mit einem Brummen die Decke weiter über den Kopf gezogen. Draußen verzog Darna das Gesicht, nachdem der Einlageboden etwas lauter als gewollt in seine Halterung gerutscht war. Aber daß die Regale so leicht zusammenzusetzen waren, hatte sie so nicht erwartet. Und stabil schien es auch. Das zweite bekäme sie dann schon sicher fast ohne Probleme hin. Mal ausprobieren...
NOCH später
Nun waren es doch sowieso nur noch zwei Regale. Dann konnte sie auch die dummen Kisten wegräumen, dann sähe alles wenigstens wieder ordentlich aus. Ach herrje, und Vaters Bett musste sie ja noch aufbauen. Es erleichterte sie enorm, daß er nun nicht auf dieser improvisierten Pritsche würde schlafen müssen.
bei Tageslicht betrachtet
Hatte gestern Abend hier noch alles kreuz und quer voller Möbel gestanden?!?!
Plötzlich stand Meister Pendri wie versprochen vor der Tür. Endlich, endlich! Seit mehr als einem Monat nun schlief jeder unter diesem Dach auf improvisierten Lagern aus Stroh, Fellen und Decken. Alles wirkte sonst so kahl, daß es ihr inzwischen die Laune verhagelt hatte, wenn das Gespräch auf die mangelnde Möblierung gekommen war. Vorbei, endlich vorbei.
Der Raum, wo später die Bibliothek sein sollte, vollgestellt fast von oben bis unten mit Schränken, Kisten, Kommoden...
"Alles, was sich auseinanderbauen ließ, ist in diesen großen Kisten verstaut."
Auseinandergebaut - das hieß, daß man es ja auch wieder zusammensetzen musste. Nach zwei Nächten der Totenwache für Degenhard im Kloster und Dingen, die tagsüber noch zu erledigen waren, schienen ihre Augenringe irgendwo bei den Knien zu enden. Trotzdem war sie schon wenige Minuten nach dem Eintreffen der Möbel so aufgekratzt, wie beim ersten Betreten des fertigen Hauses. Irgendwo in all dem Durcheinder war ihr Bett...
mitten in der Nacht
"Ich stehe sehr früh auf, Euer Hochgeboren."
Irritiert sah sie ihre Magd an. "Das ist schön für Euch, Shaya."
"Wenn ich Euch dann noch wach vorfinde, gibt es Tee."
Tee. Sie wusste, das müsste mehr bedeuten, als nur einen Tee zum Frühstück, irgendwas war da, aber darüber konnte sie sich Gedanken machen, wenn die beiden Bänke ihren Platz auf der Terasse gefunden hatten. Wenn sie an die Bibliothek dachte, grauste es ihr. Die ganzen Bücherregale, gute Güte. Das würde sie auf keinen Fall heute mehr anfangen.
noch später in der Nacht
In der Gesindestube wurde mit einem Brummen die Decke weiter über den Kopf gezogen. Draußen verzog Darna das Gesicht, nachdem der Einlageboden etwas lauter als gewollt in seine Halterung gerutscht war. Aber daß die Regale so leicht zusammenzusetzen waren, hatte sie so nicht erwartet. Und stabil schien es auch. Das zweite bekäme sie dann schon sicher fast ohne Probleme hin. Mal ausprobieren...
NOCH später
Nun waren es doch sowieso nur noch zwei Regale. Dann konnte sie auch die dummen Kisten wegräumen, dann sähe alles wenigstens wieder ordentlich aus. Ach herrje, und Vaters Bett musste sie ja noch aufbauen. Es erleichterte sie enorm, daß er nun nicht auf dieser improvisierten Pritsche würde schlafen müssen.
bei Tageslicht betrachtet
Hatte gestern Abend hier noch alles kreuz und quer voller Möbel gestanden?!?!
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Darna von Hohenfels
Der Herrin Segen
Es war eine tiefe, innige Zufriedenheit, ihre Hochwürden Victoria Mecandis bei der Segnung zu beobachten. Wenige schmale Phiolen hatte sie dem Wasser entnommen, das die Wurzeln des heiligen Baumes speiste, einen winzigen Teil seiner Kraft hoffentlich mit der Göttin Wohlwollen auf den Boden ihres Hauses zu übertragen.
Viel hatte sie dem Lichtbaum und auch speziell diesem Wasser bereits zu verdanken - unter der Anklage der Hexerei stehend, hatte sie auf Geheiß ihrer Heiligkeit einen kleinen Schluck davon getrunken, und das Licht Temoras hatte den zweifelnden Menschen von ihrer Unschuld gekündet.
Mit einem dünnen Film dieses kostbaren Naß hatte sie auch eine Kastanienfrucht zu benetzen gewagt... aus jener Kastanie war der junge Baum gewachsen, der nun ein Stückchen vor der Tür seine Äste ausbreitete.
"Temora, du gütige und gerechte Herrin, Tugendbringerin und Lichtbringerin dieser Welt, du seist gepriesen", begann ihre Hochwürden auf den Stufen des Hauses den Segen zu sprechen. Neben ihr die Steintafel, in die seit Anbeginn die letzten Worte des Gedichtes eingraviert waren, unter dessen Leitgedanken Darna die Errichtung in die Wege geleitet und begleitet hatte. Sie senkte andächtig leicht den Kopf, so wie auch Selissa, Shaya und Savea lauschten.
"Herrin Temora, du bist unsere schützende Mutter, unter den deinen Schwingen segne dieses Haus, gütige Herrin, in dem die Familie derer von Elbenau ihren Wohnsitz findet. Umgib dieses Haus mit dem deinem mächtigen Schutz, so daß nichts böses und kein Schaden in jenes dringen kann.
Möge der deine Segen, gütige Herrin Temora, dieses Haus schützen vor Zerstörung, Unwetter, Krankheit, Zwietracht und vor allem, was Unheil bringen könnte über die, die in diesen Mauern Leben dürfen."
Tropfen für Tropfen aus den zwei Phiolen verteilte Victoria in dem Haus, durch das sie zuvor geführt worden war, alle Türen standen ihr offen, und dem Gebäude als Ganzem und jedem Raum widmete sie seinem Zwecke gemäß segnende Worte:
"Gesegnet seien alle Räume dieses Hauses. Mögest du jeden mit deiner geheimnisvollen Gegenwart erfüllen, so daß jeder von ihnen von deinem Licht durchdrungen sei und alle erfüllt werden mit dem Geist der Zufriedenheit. Keine dunkle Macht niste sich je in einem dieser Zimmer ein. Wenn negatives auftaucht, soll alles so bald wie möglich in deinem Namen, oh gütige Herrin Temora, entlarvt werden. Die deine Kraft des Lichtes wende alles immer wieder zum Guten."
Victoria lauschend entsann sie sich an Viola, die nach einem Kampf in Bajard einer klerikalen Macht wegen nächtelang unter Alpträumen gelitten hatte. Würde sie nun also hier zumindest leichter ruhigen Schlaf finden?
"Herrin, ich bitte dich darum", bekräftigte sie in Gedanken die Worte, flüsterte sie leise, um den Vorgang der Segnung nicht zu stören.
"Gesegnet sei jenes Wohnzimmer. Hier drin soll deine Liebe fliessen, das man hier als Kinder des Lichtes das Leben miteinander teilen und ebenso auch feiern kann. Möge Gebet und Spiel, Gespräche, gute Konfliktkultur, Humor und Entspannung nie fremd sein in diesen Wänden."
Gute Konfliktkultur... Sie kämpfte gegen ein Schmunzeln an, als sie an Savea und Zyran denken musste, verbunden mit dem Kommentar: "Das üben wir noch."
"Gesegnet sei die Küche. Gesegnet seien Kräuter und Gewürze, alle Töpfe und Pfannen, die gebraucht werden, um die Speisen zuzubereiten. Möge die krankmachende Wurzel von Groll und Bitterkeit nie das Essen und die Gemeinschaft vergiften. Gesegnet seien alle Speisen jenes Raumes, daß diese nie von Gift durchzogen seien."
Ihre Hochwürden schien die Sache wirklich gründlich zu machen, und Darna war mehr als dankbar darum. Mochte sie bei "gesegneten Gewürzen" auch noch belustigt an menekanischen Pfeffer denken, sie hatte zu viele Giftanschläge erlebt, um dergleichen jemals wieder auf eine leichte Schulter zu nehmen.
"Temora, schütze uns gegen die abartige Heimtücke unserer Feinde."
"Gesegnet sei jener Baderaum. Lass uns über aller äußeren Pflege des Leibes die Hygiene der Seele und des Geistes nie vergessen, oh gütige Herrin."
Vor Darnas geistigem Auge tauchte ein unterirdischer Gebetsraum auf, ein Becken mit eiskaltem Wasser und einem Altar, die strenge Geiststimme der Wächter dieses Ortes: "Reinige dich!" - ja, auch diese Lektion wollte gelernt und verinnerlicht sein.
"Schenke den Geist von Gesundheit und Reinheit allen die hier wohnen und lehre uns, unseren Körper zu ehren und zu lieben. Danke, daß uns der Glaube sagt, daß wir uns im Spiegel als deine Abbilder erkennen. Wandle uns durch dein heiliges Licht immer vollkommener in das, was wir in dir sind und werden dürfen."
Die Terasse... das stetige Plätschern des Wassers im Brunnen und die üppig arangierten Pflanzen waren stets erfrischende Erholung, wo ihr die Bibliothek ruhige Behaglichkeit schenkte. Auch hier fanden geweihtes Wasser wie fürbittende Worte her:
"Gesegnet seien alle Räume, in denen wir unsere freie Zeit gestalten, wo Vorräte lagern, wo Sachen aufbewahrt oder für andere genutzt werden. Schütze alles vor Feuer, Wasser und anderen schlechten Unwettereinflüssen."
Ja, mit dem Brunnen hatte Zyran auch schon Bekanntschaft gemacht, als er betrunken zur Räson gebracht werden sollte... sie raunte zu Savea, halb belustigt, halb mahnend: "Ist ein Eimer Wasser über den Kopf auch ein Unwettereinfluß?", und erhielt die ebenso leise Antwort: "Nein Milady.. das zählt vermutlich zur Reinigung."
"So hoffe ich nun, daß alle Räumlichkeiten einen Segen erhalten haben", meinte Victoria, als tatsächlich nichts mehr vergessen schien. Darna neigte respektvoll ihren Kopf:
"Dank und aufrichtigsten Respekt für Euer Werk und die Gunst der Ritterlichen, Euer Hochwürden - in meinem Namen wie auch derer, die hier leben."
Dankesworte erklangen aufrichtig von allen der Anwesenden und Victoria nickte zufrieden: "So möge jenes Haus nun unter dem Schutze der Herrin stehen."
"Klingt beruhigend", murmelte Savea.
Die Zeit würde zeigen, ob es sich je bewährt machen musste, daß der Boden kein heiliger wäre wie das Kloster der Göttin, doch "mehr" als nur vier Wände und ein Dach...
Als kleines Dankeschön und in Bezug auf den geistlichen Gehalt von Gedichten legte Darna später noch eine Abschrift des Hausspruches in das Empfangsbüro des Klosters.
"Dies Haus ist mein und doch nicht mein,
wird nach mir eines anderen sein..."
[url=http://galerie.alathair.de/displayimage.php?album=167&pos=1]Haussegnung 1[/url]
[url=http://galerie.alathair.de/displayimage.php?album=167&pos=0]Haussegnung 2[/url]
Es war eine tiefe, innige Zufriedenheit, ihre Hochwürden Victoria Mecandis bei der Segnung zu beobachten. Wenige schmale Phiolen hatte sie dem Wasser entnommen, das die Wurzeln des heiligen Baumes speiste, einen winzigen Teil seiner Kraft hoffentlich mit der Göttin Wohlwollen auf den Boden ihres Hauses zu übertragen.
Viel hatte sie dem Lichtbaum und auch speziell diesem Wasser bereits zu verdanken - unter der Anklage der Hexerei stehend, hatte sie auf Geheiß ihrer Heiligkeit einen kleinen Schluck davon getrunken, und das Licht Temoras hatte den zweifelnden Menschen von ihrer Unschuld gekündet.
Mit einem dünnen Film dieses kostbaren Naß hatte sie auch eine Kastanienfrucht zu benetzen gewagt... aus jener Kastanie war der junge Baum gewachsen, der nun ein Stückchen vor der Tür seine Äste ausbreitete.
"Temora, du gütige und gerechte Herrin, Tugendbringerin und Lichtbringerin dieser Welt, du seist gepriesen", begann ihre Hochwürden auf den Stufen des Hauses den Segen zu sprechen. Neben ihr die Steintafel, in die seit Anbeginn die letzten Worte des Gedichtes eingraviert waren, unter dessen Leitgedanken Darna die Errichtung in die Wege geleitet und begleitet hatte. Sie senkte andächtig leicht den Kopf, so wie auch Selissa, Shaya und Savea lauschten.
"Herrin Temora, du bist unsere schützende Mutter, unter den deinen Schwingen segne dieses Haus, gütige Herrin, in dem die Familie derer von Elbenau ihren Wohnsitz findet. Umgib dieses Haus mit dem deinem mächtigen Schutz, so daß nichts böses und kein Schaden in jenes dringen kann.
Möge der deine Segen, gütige Herrin Temora, dieses Haus schützen vor Zerstörung, Unwetter, Krankheit, Zwietracht und vor allem, was Unheil bringen könnte über die, die in diesen Mauern Leben dürfen."
Tropfen für Tropfen aus den zwei Phiolen verteilte Victoria in dem Haus, durch das sie zuvor geführt worden war, alle Türen standen ihr offen, und dem Gebäude als Ganzem und jedem Raum widmete sie seinem Zwecke gemäß segnende Worte:
"Gesegnet seien alle Räume dieses Hauses. Mögest du jeden mit deiner geheimnisvollen Gegenwart erfüllen, so daß jeder von ihnen von deinem Licht durchdrungen sei und alle erfüllt werden mit dem Geist der Zufriedenheit. Keine dunkle Macht niste sich je in einem dieser Zimmer ein. Wenn negatives auftaucht, soll alles so bald wie möglich in deinem Namen, oh gütige Herrin Temora, entlarvt werden. Die deine Kraft des Lichtes wende alles immer wieder zum Guten."
Victoria lauschend entsann sie sich an Viola, die nach einem Kampf in Bajard einer klerikalen Macht wegen nächtelang unter Alpträumen gelitten hatte. Würde sie nun also hier zumindest leichter ruhigen Schlaf finden?
"Herrin, ich bitte dich darum", bekräftigte sie in Gedanken die Worte, flüsterte sie leise, um den Vorgang der Segnung nicht zu stören.
"Gesegnet sei jenes Wohnzimmer. Hier drin soll deine Liebe fliessen, das man hier als Kinder des Lichtes das Leben miteinander teilen und ebenso auch feiern kann. Möge Gebet und Spiel, Gespräche, gute Konfliktkultur, Humor und Entspannung nie fremd sein in diesen Wänden."
Gute Konfliktkultur... Sie kämpfte gegen ein Schmunzeln an, als sie an Savea und Zyran denken musste, verbunden mit dem Kommentar: "Das üben wir noch."
"Gesegnet sei die Küche. Gesegnet seien Kräuter und Gewürze, alle Töpfe und Pfannen, die gebraucht werden, um die Speisen zuzubereiten. Möge die krankmachende Wurzel von Groll und Bitterkeit nie das Essen und die Gemeinschaft vergiften. Gesegnet seien alle Speisen jenes Raumes, daß diese nie von Gift durchzogen seien."
Ihre Hochwürden schien die Sache wirklich gründlich zu machen, und Darna war mehr als dankbar darum. Mochte sie bei "gesegneten Gewürzen" auch noch belustigt an menekanischen Pfeffer denken, sie hatte zu viele Giftanschläge erlebt, um dergleichen jemals wieder auf eine leichte Schulter zu nehmen.
"Temora, schütze uns gegen die abartige Heimtücke unserer Feinde."
"Gesegnet sei jener Baderaum. Lass uns über aller äußeren Pflege des Leibes die Hygiene der Seele und des Geistes nie vergessen, oh gütige Herrin."
Vor Darnas geistigem Auge tauchte ein unterirdischer Gebetsraum auf, ein Becken mit eiskaltem Wasser und einem Altar, die strenge Geiststimme der Wächter dieses Ortes: "Reinige dich!" - ja, auch diese Lektion wollte gelernt und verinnerlicht sein.
"Schenke den Geist von Gesundheit und Reinheit allen die hier wohnen und lehre uns, unseren Körper zu ehren und zu lieben. Danke, daß uns der Glaube sagt, daß wir uns im Spiegel als deine Abbilder erkennen. Wandle uns durch dein heiliges Licht immer vollkommener in das, was wir in dir sind und werden dürfen."
Die Terasse... das stetige Plätschern des Wassers im Brunnen und die üppig arangierten Pflanzen waren stets erfrischende Erholung, wo ihr die Bibliothek ruhige Behaglichkeit schenkte. Auch hier fanden geweihtes Wasser wie fürbittende Worte her:
"Gesegnet seien alle Räume, in denen wir unsere freie Zeit gestalten, wo Vorräte lagern, wo Sachen aufbewahrt oder für andere genutzt werden. Schütze alles vor Feuer, Wasser und anderen schlechten Unwettereinflüssen."
Ja, mit dem Brunnen hatte Zyran auch schon Bekanntschaft gemacht, als er betrunken zur Räson gebracht werden sollte... sie raunte zu Savea, halb belustigt, halb mahnend: "Ist ein Eimer Wasser über den Kopf auch ein Unwettereinfluß?", und erhielt die ebenso leise Antwort: "Nein Milady.. das zählt vermutlich zur Reinigung."
"So hoffe ich nun, daß alle Räumlichkeiten einen Segen erhalten haben", meinte Victoria, als tatsächlich nichts mehr vergessen schien. Darna neigte respektvoll ihren Kopf:
"Dank und aufrichtigsten Respekt für Euer Werk und die Gunst der Ritterlichen, Euer Hochwürden - in meinem Namen wie auch derer, die hier leben."
Dankesworte erklangen aufrichtig von allen der Anwesenden und Victoria nickte zufrieden: "So möge jenes Haus nun unter dem Schutze der Herrin stehen."
"Klingt beruhigend", murmelte Savea.
Die Zeit würde zeigen, ob es sich je bewährt machen musste, daß der Boden kein heiliger wäre wie das Kloster der Göttin, doch "mehr" als nur vier Wände und ein Dach...
Als kleines Dankeschön und in Bezug auf den geistlichen Gehalt von Gedichten legte Darna später noch eine Abschrift des Hausspruches in das Empfangsbüro des Klosters.
"Dies Haus ist mein und doch nicht mein,
wird nach mir eines anderen sein..."
[url=http://galerie.alathair.de/displayimage.php?album=167&pos=1]Haussegnung 1[/url]
[url=http://galerie.alathair.de/displayimage.php?album=167&pos=0]Haussegnung 2[/url]
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Zyran Mondin
Die Brust war stolz geschwellt, selbst wenn niemand zugegen war, um diesen Anblick zu genießen. So musste sich ein Köter fühlen, den man an einem Gelage höchster Genüsse teilhaben ließ. So, oder etwas schlechter. Zyran schien vor Stolz platzen zu wollen, als er seine eigene Situation nun nochmals bedachte. Ein eigenes Pferd, ein Mustang zudem, dazu ein kleines Stück schön gearbeiteten Metalls – diese beiden Dinge gaben dem jungen Mann, was gehütet werden würde wie der größte Schatz eines Fürsten, für das er einzustehen bereit war: Halt und Zugehörigkeit. Noch zogen die alten Narben am Leib und erinnerten ihn an das, was sein Leben einst bestimmte – die Zufriedenheit jedoch drängte diese Unruhe beiseite.
Er würde sie nicht enttäuschen. Niemanden mehr enttäuschen.
Es war eine schwierige Arbeit, doch führte er sie mit solcher Inbrunst aus, dass ein Scheitern nicht im Bereich des Möglichen zu liegen schien. Das Messer glitt nur leicht über das Holz, trotzdem war die Arbeit bereits eindeutig zu erkennen. Zyran hatte den Gutteil des Abends und der Nacht mit diesem Bogen verbracht und augenscheinlich würde ihn nichts davon abhalten, auch noch den anbrechenden Morgen darin zu investieren. Sauberkeit und Ordnung in allem – dies war er ihnen schuldig.
Wie einfach es doch gekommen war. Nur ein Gespräch, nur eine Frage. Es war nicht feierlich, es war niemand anwesend, der ihm hätte gratulieren können oder wollen. Schöner hätte es nicht sein können. Jetzt lag es hinter ihm. Der Ring ruhte an der Hand und das ungewohnte Gewicht erinnerte Zyran immer wieder daran, dass eine solche Träumerei auch Wirklichkeit sein konnte. Dieses Gefühl hielt ihn jedoch nicht davon ab, hin und wieder einen kurzen Blick zu riskieren auf die Hand, welche nun geschmückt wurde durch das tiefe Rot eines metallischen Beweises ewiger Verbundenheit und Loyalität. Da war keine Angst vor einer falschen Entscheidung mehr.
Zyran betrachtete die Hände eines Mannes, dessen Körper eine sehr eigene Geschichte erzählte über die Schule des Lebens.
Er hatte die Schatten von Loyalität und Gehorsam erlebt und vielleicht war es diese Erfahrung, die ihn in diesen letzten Stunden der weichenden Nacht ohne Unterlass weiterarbeiten ließ am Beweis seiner neu gefundenen Stärke. Das Holz war duldsam, die Hand ruhig und das Auge geschärft. Noch ein Streifen des Geweihs, ein akzentuieren der Klinge unter dem steigenden Hirsch – und das Werk war vollendet.
Auf leisen Sohlen schlich Zyran die Treppe hinauf und lehnte die einsatzbereite Waffe an die Wand neben der Tür der Gemächer Darnas. Ein sehr besonderer Bogen, dessen dunkles Holz knapp über dem von feinem Leder umwickelten Griffstück geziert wurde durch das Wappen derer von Elbenau in all seinen Facetten. Keine Andeutung sondern fast schon pedantische Ausarbeitung.
Er würde niemanden enttäuschen. Niemals wieder.
Er würde sie nicht enttäuschen. Niemanden mehr enttäuschen.
Es war eine schwierige Arbeit, doch führte er sie mit solcher Inbrunst aus, dass ein Scheitern nicht im Bereich des Möglichen zu liegen schien. Das Messer glitt nur leicht über das Holz, trotzdem war die Arbeit bereits eindeutig zu erkennen. Zyran hatte den Gutteil des Abends und der Nacht mit diesem Bogen verbracht und augenscheinlich würde ihn nichts davon abhalten, auch noch den anbrechenden Morgen darin zu investieren. Sauberkeit und Ordnung in allem – dies war er ihnen schuldig.
Wie einfach es doch gekommen war. Nur ein Gespräch, nur eine Frage. Es war nicht feierlich, es war niemand anwesend, der ihm hätte gratulieren können oder wollen. Schöner hätte es nicht sein können. Jetzt lag es hinter ihm. Der Ring ruhte an der Hand und das ungewohnte Gewicht erinnerte Zyran immer wieder daran, dass eine solche Träumerei auch Wirklichkeit sein konnte. Dieses Gefühl hielt ihn jedoch nicht davon ab, hin und wieder einen kurzen Blick zu riskieren auf die Hand, welche nun geschmückt wurde durch das tiefe Rot eines metallischen Beweises ewiger Verbundenheit und Loyalität. Da war keine Angst vor einer falschen Entscheidung mehr.
Zyran betrachtete die Hände eines Mannes, dessen Körper eine sehr eigene Geschichte erzählte über die Schule des Lebens.
Er hatte die Schatten von Loyalität und Gehorsam erlebt und vielleicht war es diese Erfahrung, die ihn in diesen letzten Stunden der weichenden Nacht ohne Unterlass weiterarbeiten ließ am Beweis seiner neu gefundenen Stärke. Das Holz war duldsam, die Hand ruhig und das Auge geschärft. Noch ein Streifen des Geweihs, ein akzentuieren der Klinge unter dem steigenden Hirsch – und das Werk war vollendet.
Auf leisen Sohlen schlich Zyran die Treppe hinauf und lehnte die einsatzbereite Waffe an die Wand neben der Tür der Gemächer Darnas. Ein sehr besonderer Bogen, dessen dunkles Holz knapp über dem von feinem Leder umwickelten Griffstück geziert wurde durch das Wappen derer von Elbenau in all seinen Facetten. Keine Andeutung sondern fast schon pedantische Ausarbeitung.
Er würde niemanden enttäuschen. Niemals wieder.
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Darna von Hohenfels
Ein Ort lärmender Geschäftigkeit
Sie hatte gleich wieder ins Kloster gewollt und hier nur nach der Post sehen, als sie innehielt und die Stirn furchte. Invasion? Völlig flüchtig, doch das Herz zusammenziehend, musste sie an den Mob einfacher Leute denken, die sie erst eingekerkert und dann auf einem Scheiterhaufen wissen wollten... doch diese Menschen hier schienen ruhig und betriebsam. Sie blickte zu ihnen herüber, merklich verwirrt, und einer der Männer kam zu ihr herüber, verneigte sich.
"Die Herren...", begrüßte sie mit höflichem Nicken, irritiert, "Die Streitbare mit euch."
"Fuchs und Adlers Segen mit Euch, Euer Hochgeboren. Wir hätten dann jetzt alles zusammen. Der Boden ist gut, nicht zu feucht trotz Regen, wir können dann auch gleich mit dem Aufschütten des Fundaments anfangen."
Sie verkniff es sich, die Hand vor die Stirn zu hauen, hatte Maurermeister Hangremann nun auch wiedererkannt. Die Handwerker, ja, du liebe Güte. Die Pläne waren schon lange fertig, und die ganzen Verletzungen, Probleme, gar Todesfälle hatten sie so sehr abgelenkt, daß sie überhaupt nicht mehr an die bestellten Leute gedacht hatte.
"Hoffentlich sind nicht schon die nächsten tot, wenn es fertig ist", fuhr es ihr kurz so völlig bitter durch die Gedanken, daß es ihr selber weh tat. Himmel, bitte nicht. "Du wirst eine alte Zynikerin."
"Ja...", sagte sie abgelenkt und sah sich etwas ziellos um, ehe sie sich bei dem skeptischen Blick des Baumeisters sammelte und so tat, als habe sie den totalen Überblick und die Ruhe weg. "Sehr schön, danke. Es sind ja auch genügend Materialien vorhanden, daß ihr sinnvoll zu Werke gehen könnt?"
"Ja, Hochgeboren."
"Benötigt ihr noch irgendwas?"
"Nein, Hochgeboren."
Sie nickte. Hinten begannen drei Männer bereits, Stöcke mit Leinen im Boden zu verankern, um die Grundfläche des neuen Nebengebäudes zu markieren. Sie sah sich nochmal um.
"Soll ich irgendwas absperren lassen, damit euch da niemand reinrennt."
Der Baumeister schmunzelte und neigte dankend den Kopf. "Überlasst das ruhig uns, Hochgeboren."
Sie erlaubte sich ein etwas erleichtertes Durchatmen und nickte. "Gut. ... Gut. Ich muß dann auch wieder weiter, man braucht mich im Kloster."
"Sicher, Euer Hochgeboren."
Neben allem Wirbel nahm dies also nun doch auch noch seinen Beginn. Ein Nebengebäude, mit einer kleinen Werkstatt für Shaya, mit einem Gruppenraum, daß Männer und Frauen endlich problemlos getrennt schlafen konnten, und zwei geräumige Gästezimmer oben. Einfach, beschaulich, aber hoffentlich gemütlich.
Sie drehte sich nochmal um, furchte die Stirn: "Meister Hangremann?"
"Ja, Hochgeboren?"
"Wie waren wir jetzt eigentlich nochmal mit dem Stall verblieben?"
Der Maurer kratzte sich unter der Mütze. "Euer Hochgeboren wollte den ja nicht durchgehend zweigeschössig... aber dann waren wir bei Problemen mit dem Dach hängen geblieben."
"Ach, stimmt ja."
Sie ließ den Blick schweifen. Ja, jetzt wo Rafael noch den Stall angebaut hatte - wenn nun noch ein größerer daneben käme... wieder furchte sie die Stirn. Das würde doch hoffnungslos zugebaut wirken, oder? Sie seufzte leicht. War es also soweit, sie vermisste die weiten Wiesen und Felder Elbenaus. "Ihr seht ja selbst, daß es hier doch langsam recht eng wird, Meister..."
"Ja, Hochgeboren. Ich schaue, was sich da machen lässt. Aber trocken sollen es die Tier ja auch haben."
Sie nickte. Nickte nochmal. Und ging ins Haus - dafür hatte sie jetzt nicht auch noch den Kopf frei.
Sie hatte gleich wieder ins Kloster gewollt und hier nur nach der Post sehen, als sie innehielt und die Stirn furchte. Invasion? Völlig flüchtig, doch das Herz zusammenziehend, musste sie an den Mob einfacher Leute denken, die sie erst eingekerkert und dann auf einem Scheiterhaufen wissen wollten... doch diese Menschen hier schienen ruhig und betriebsam. Sie blickte zu ihnen herüber, merklich verwirrt, und einer der Männer kam zu ihr herüber, verneigte sich.
"Die Herren...", begrüßte sie mit höflichem Nicken, irritiert, "Die Streitbare mit euch."
"Fuchs und Adlers Segen mit Euch, Euer Hochgeboren. Wir hätten dann jetzt alles zusammen. Der Boden ist gut, nicht zu feucht trotz Regen, wir können dann auch gleich mit dem Aufschütten des Fundaments anfangen."
Sie verkniff es sich, die Hand vor die Stirn zu hauen, hatte Maurermeister Hangremann nun auch wiedererkannt. Die Handwerker, ja, du liebe Güte. Die Pläne waren schon lange fertig, und die ganzen Verletzungen, Probleme, gar Todesfälle hatten sie so sehr abgelenkt, daß sie überhaupt nicht mehr an die bestellten Leute gedacht hatte.
"Hoffentlich sind nicht schon die nächsten tot, wenn es fertig ist", fuhr es ihr kurz so völlig bitter durch die Gedanken, daß es ihr selber weh tat. Himmel, bitte nicht. "Du wirst eine alte Zynikerin."
"Ja...", sagte sie abgelenkt und sah sich etwas ziellos um, ehe sie sich bei dem skeptischen Blick des Baumeisters sammelte und so tat, als habe sie den totalen Überblick und die Ruhe weg. "Sehr schön, danke. Es sind ja auch genügend Materialien vorhanden, daß ihr sinnvoll zu Werke gehen könnt?"
"Ja, Hochgeboren."
"Benötigt ihr noch irgendwas?"
"Nein, Hochgeboren."
Sie nickte. Hinten begannen drei Männer bereits, Stöcke mit Leinen im Boden zu verankern, um die Grundfläche des neuen Nebengebäudes zu markieren. Sie sah sich nochmal um.
"Soll ich irgendwas absperren lassen, damit euch da niemand reinrennt."
Der Baumeister schmunzelte und neigte dankend den Kopf. "Überlasst das ruhig uns, Hochgeboren."
Sie erlaubte sich ein etwas erleichtertes Durchatmen und nickte. "Gut. ... Gut. Ich muß dann auch wieder weiter, man braucht mich im Kloster."
"Sicher, Euer Hochgeboren."
Neben allem Wirbel nahm dies also nun doch auch noch seinen Beginn. Ein Nebengebäude, mit einer kleinen Werkstatt für Shaya, mit einem Gruppenraum, daß Männer und Frauen endlich problemlos getrennt schlafen konnten, und zwei geräumige Gästezimmer oben. Einfach, beschaulich, aber hoffentlich gemütlich.
Sie drehte sich nochmal um, furchte die Stirn: "Meister Hangremann?"
"Ja, Hochgeboren?"
"Wie waren wir jetzt eigentlich nochmal mit dem Stall verblieben?"
Der Maurer kratzte sich unter der Mütze. "Euer Hochgeboren wollte den ja nicht durchgehend zweigeschössig... aber dann waren wir bei Problemen mit dem Dach hängen geblieben."
"Ach, stimmt ja."
Sie ließ den Blick schweifen. Ja, jetzt wo Rafael noch den Stall angebaut hatte - wenn nun noch ein größerer daneben käme... wieder furchte sie die Stirn. Das würde doch hoffnungslos zugebaut wirken, oder? Sie seufzte leicht. War es also soweit, sie vermisste die weiten Wiesen und Felder Elbenaus. "Ihr seht ja selbst, daß es hier doch langsam recht eng wird, Meister..."
"Ja, Hochgeboren. Ich schaue, was sich da machen lässt. Aber trocken sollen es die Tier ja auch haben."
Sie nickte. Nickte nochmal. Und ging ins Haus - dafür hatte sie jetzt nicht auch noch den Kopf frei.
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Darna von Hohenfels
"Eckhardt, die Rahaler kommen!"
So lange war es ruhig gewesen, doch nun... war irgendwie alles, wie immer. Es war, wie sie es kannte, seit sie Gerimor kannte. Krieg. Rahal. Reichsbürger, die in den Kerkern von Rahal oder gar den Letharen saßen und weit mehr auf die Götter als auf die Menschen vertrauen mussten, um lebend da wieder rauszukommen.
Einige Dinge waren anders als früher: Sie war nicht mehr in der Position, sich selber in einer wahnwitzigen Austauschaktion nach Rahal zu begeben, sie regte sich über ihre Knappin auf, die kopflos da hin rannte. Leah war nun eine ähnlich massive Schelte entgegen geweht, wie ihr damals, und sie beneidete sie nicht darum, es wirkte nur... vertraut und fremd, ein anderer Blickwinkel.
"Wie habt Ihr das damals ausgehalten?"
"Gar nicht. Aber ich wusste, wofür ich es tat."
Und auch jetzt, nach den Berichten, daß Farion gefangen genommen wurde, es schon der zweite Tag offener Gefechte war, schaltete sich ein Teil ihres Verstandes ein, der gnadenlos nur nach Notwendigkeiten urteilte, doch es galt, Menschen zu schützen und Vorsorge zu treffen:
"Adrian, sorge bitte dafür, daß alle hier ihre notwendigsten Sachen packen und was ihnen persönlich wertvoll ist, und es ins Stadthaus schaffen, bis das hier vorbei ist.
Leah und ich werden Quartier im Kloster beziehen, um auf Abruf zur Verfügung zu stehen."
"Wenn es nötig ist, eine - verzeih ich weiss du willst das als allerletztes hören - Schwangere gen Rahal zu irgendwelchen Einsätzen zu entsenden damit sie etwaiges Forschungsmaterial über menschliche Fortpflanzung erhalten.."
"Unfug, aber ich kann mehr tun, als für Gefechte in die erste Reihe gestellt zu werden", erwiderte sie etwas unwirsch. Es hielten sie alle für wahnsinnig, oder? Doch Adrian atmete endlich durch und nickte bedächtig.
Sie packte nur etwas Wechselkleidung ein und machte sich mit Leah auf den Weg ins Kloster. Es wurde noch eine lange Nacht, und langsam bekam sie das Gefühl, daß sie zusehen musste, jede ruhige Minute zu nutzen, um Leah mit geistlicher Lehre vollzustopfen... denn der Mensch, der aufrechte und überzeugte Geist in ihr, der Ritter werden sollte, wuchs nun schneller, als erwartet. Und es galt, während dieses Erstarkens zu verhindern, daß sie zu starr wurde, um sich selber noch zu beugen, wenn es einfach notwendig war.
"Ich pflege diese Prinzipien als 'Baum und Halm' zu benennen, und beide sind Teil von der Lehre der Demut."
Ein heikles Thema, diese Lehre mit ihren jüngsten Erlebnissen bei den Letharen zu verknüpfen, doch ihre Knappin musste zudem lernen, daß alles, was man erlebte, als Lehre verstanden werden konnte und alles, was man tat und ließ, unter dem Licht der Tugenden stand.
Am nächsten Morgen wanderte sie nach dem Gebet durch die gerade ruhigen Gänge. Ihr Haus, evakuiert. So heikel es immer wieder gewesen war, daß Freund wie Feind verhältnismäßig ungehindert zum Anwesen gelangen konnte, diesmal schien es unverantwortlicher Wahnsinn, außerhalb der Stadtmauern zu bleiben. Varuna war schon schwächlich genug besetzt, und sie hoffte, daß Valentina den Wahnsinn dieser Ausdünnung begriff und nicht versuchen würde, das unbefestigte Adoran als Sitz zu halten.
Doch das war nur ein kurzer Gedankensprung, der hinter den Vorstellungen verblasste, was es bedeutete, wenn das Anwesen unter die Wucht feindlicher anrückender Truppen geriet. Sie schluckte, als sie an all die Dinge dachte, die dort inzwischen lagen und standen und an denen einfach ihr Herz hing. Krimskrams, Tand... sie schluckte. Die Dinge, die im Sockel der Statue ruhten. Die Werke ihrer Bibliothek. Die Rüstung von Karggosch, ihr erster Silberanderthalbhänder, der im Nebengebäude lag. Und war es nur das dumme Messingschild von ihrem alten Gardebüro... draußen die Kastanie... wieder ein schweres Schlucken. Alles nichts, was neben einem Menschen wahrlich Wert besaß, doch zog sie in Betracht, dies alles als Raub von Flamme und Axt zu sehen, hatte sie das Gefühl, ihr werde an den Wurzeln gerissen.
"Und kamen noch einmal, trügrisches Hoffen,
zu friedlichem Land.
Tür stand uns offen...
bei jenen, die nicht unser Leiden gekannt.
Sie kamen, sie winkten, sie reichten uns Brot -
sie luden die Not
am warmen Herde zu sich als Gast.
Scheune und Stroh rief Müde zur Rast.
Doch wir konnten nicht bleiben...
Wir hörten durch Sturm und das Flockentreiben
das Glockenlied unserer Türme noch; und hörten doch
das Dröhnen des Krieges, der hinter uns zog.
Und am Wegkreuz bog,
leuchtend, mit ausgebreiteten Armen -
das Kreuz der Mutter und Tochter Erbarmen.
Wir konnten nicht halten, wir konnten nicht knien.
Sie kamen hinter uns, unsre Herzen nur schrien:
Oh blickt nach uns hin!
Wir wandern, wir wandern, endloser Zug,
Volk, das die Geißel des Krieges schlug,
entwurzelter Wald, von der Glut getragen...
doch wohin nur? Wohin?"
(Gedicht etwas abgewandelt Teil von "Wagen an Wagen", Agnes Miegel)
Ja, wohin nur... "Man wird es noch sehen, nicht wahr? Oder...?", fragte Leah leise. "Der Krieg verfolgt uns, doch wir dürfen nicht fliehen, Leah", erwiderte sie ebenso leise, "Denn wohin? Während sie immer mehr Raum gewinnen..."
Während sie in den morgendlich kühlen Gängen des Klosters stand und in eine unbestimmte Ferne blickte, festigte sich in ihr einen Moment etwas, daß sie sich entschlossen fühlte, diesen Ort, dieses ganze Umland, zu verteidigen und nicht einen fußbreit zu weichen, nicht ihnen, nicht diesem Feind. Fester als Granit.
Eine mahnende Stimme in ihrem Hinterkopf: "...oder biegsam wie der Halm sich selber unter der Gewalt des Sturmes zu beugen, um nicht gebrochen zu werden und sich hernach wieder aufrichten zu können" - ihre eigenen Worte. Was würde es diesmal brauchen? Man würde wohl doch abwarten und sehen müssen, wie stark der Sturm werde, sollten sie an den Ästen rütteln, dem würde sie nicht nachgeben. Doch das Haus würde geräumt werden - vorsorglich. Ein Schritt zurück, nur um den Fuß fester in den Boden zu rammen.
So lange war es ruhig gewesen, doch nun... war irgendwie alles, wie immer. Es war, wie sie es kannte, seit sie Gerimor kannte. Krieg. Rahal. Reichsbürger, die in den Kerkern von Rahal oder gar den Letharen saßen und weit mehr auf die Götter als auf die Menschen vertrauen mussten, um lebend da wieder rauszukommen.
Einige Dinge waren anders als früher: Sie war nicht mehr in der Position, sich selber in einer wahnwitzigen Austauschaktion nach Rahal zu begeben, sie regte sich über ihre Knappin auf, die kopflos da hin rannte. Leah war nun eine ähnlich massive Schelte entgegen geweht, wie ihr damals, und sie beneidete sie nicht darum, es wirkte nur... vertraut und fremd, ein anderer Blickwinkel.
"Wie habt Ihr das damals ausgehalten?"
"Gar nicht. Aber ich wusste, wofür ich es tat."
Und auch jetzt, nach den Berichten, daß Farion gefangen genommen wurde, es schon der zweite Tag offener Gefechte war, schaltete sich ein Teil ihres Verstandes ein, der gnadenlos nur nach Notwendigkeiten urteilte, doch es galt, Menschen zu schützen und Vorsorge zu treffen:
"Adrian, sorge bitte dafür, daß alle hier ihre notwendigsten Sachen packen und was ihnen persönlich wertvoll ist, und es ins Stadthaus schaffen, bis das hier vorbei ist.
Leah und ich werden Quartier im Kloster beziehen, um auf Abruf zur Verfügung zu stehen."
"Wenn es nötig ist, eine - verzeih ich weiss du willst das als allerletztes hören - Schwangere gen Rahal zu irgendwelchen Einsätzen zu entsenden damit sie etwaiges Forschungsmaterial über menschliche Fortpflanzung erhalten.."
"Unfug, aber ich kann mehr tun, als für Gefechte in die erste Reihe gestellt zu werden", erwiderte sie etwas unwirsch. Es hielten sie alle für wahnsinnig, oder? Doch Adrian atmete endlich durch und nickte bedächtig.
Sie packte nur etwas Wechselkleidung ein und machte sich mit Leah auf den Weg ins Kloster. Es wurde noch eine lange Nacht, und langsam bekam sie das Gefühl, daß sie zusehen musste, jede ruhige Minute zu nutzen, um Leah mit geistlicher Lehre vollzustopfen... denn der Mensch, der aufrechte und überzeugte Geist in ihr, der Ritter werden sollte, wuchs nun schneller, als erwartet. Und es galt, während dieses Erstarkens zu verhindern, daß sie zu starr wurde, um sich selber noch zu beugen, wenn es einfach notwendig war.
"Ich pflege diese Prinzipien als 'Baum und Halm' zu benennen, und beide sind Teil von der Lehre der Demut."
Ein heikles Thema, diese Lehre mit ihren jüngsten Erlebnissen bei den Letharen zu verknüpfen, doch ihre Knappin musste zudem lernen, daß alles, was man erlebte, als Lehre verstanden werden konnte und alles, was man tat und ließ, unter dem Licht der Tugenden stand.
Am nächsten Morgen wanderte sie nach dem Gebet durch die gerade ruhigen Gänge. Ihr Haus, evakuiert. So heikel es immer wieder gewesen war, daß Freund wie Feind verhältnismäßig ungehindert zum Anwesen gelangen konnte, diesmal schien es unverantwortlicher Wahnsinn, außerhalb der Stadtmauern zu bleiben. Varuna war schon schwächlich genug besetzt, und sie hoffte, daß Valentina den Wahnsinn dieser Ausdünnung begriff und nicht versuchen würde, das unbefestigte Adoran als Sitz zu halten.
Doch das war nur ein kurzer Gedankensprung, der hinter den Vorstellungen verblasste, was es bedeutete, wenn das Anwesen unter die Wucht feindlicher anrückender Truppen geriet. Sie schluckte, als sie an all die Dinge dachte, die dort inzwischen lagen und standen und an denen einfach ihr Herz hing. Krimskrams, Tand... sie schluckte. Die Dinge, die im Sockel der Statue ruhten. Die Werke ihrer Bibliothek. Die Rüstung von Karggosch, ihr erster Silberanderthalbhänder, der im Nebengebäude lag. Und war es nur das dumme Messingschild von ihrem alten Gardebüro... draußen die Kastanie... wieder ein schweres Schlucken. Alles nichts, was neben einem Menschen wahrlich Wert besaß, doch zog sie in Betracht, dies alles als Raub von Flamme und Axt zu sehen, hatte sie das Gefühl, ihr werde an den Wurzeln gerissen.
"Und kamen noch einmal, trügrisches Hoffen,
zu friedlichem Land.
Tür stand uns offen...
bei jenen, die nicht unser Leiden gekannt.
Sie kamen, sie winkten, sie reichten uns Brot -
sie luden die Not
am warmen Herde zu sich als Gast.
Scheune und Stroh rief Müde zur Rast.
Doch wir konnten nicht bleiben...
Wir hörten durch Sturm und das Flockentreiben
das Glockenlied unserer Türme noch; und hörten doch
das Dröhnen des Krieges, der hinter uns zog.
Und am Wegkreuz bog,
leuchtend, mit ausgebreiteten Armen -
das Kreuz der Mutter und Tochter Erbarmen.
Wir konnten nicht halten, wir konnten nicht knien.
Sie kamen hinter uns, unsre Herzen nur schrien:
Oh blickt nach uns hin!
Wir wandern, wir wandern, endloser Zug,
Volk, das die Geißel des Krieges schlug,
entwurzelter Wald, von der Glut getragen...
doch wohin nur? Wohin?"
(Gedicht etwas abgewandelt Teil von "Wagen an Wagen", Agnes Miegel)
Ja, wohin nur... "Man wird es noch sehen, nicht wahr? Oder...?", fragte Leah leise. "Der Krieg verfolgt uns, doch wir dürfen nicht fliehen, Leah", erwiderte sie ebenso leise, "Denn wohin? Während sie immer mehr Raum gewinnen..."
Während sie in den morgendlich kühlen Gängen des Klosters stand und in eine unbestimmte Ferne blickte, festigte sich in ihr einen Moment etwas, daß sie sich entschlossen fühlte, diesen Ort, dieses ganze Umland, zu verteidigen und nicht einen fußbreit zu weichen, nicht ihnen, nicht diesem Feind. Fester als Granit.
Eine mahnende Stimme in ihrem Hinterkopf: "...oder biegsam wie der Halm sich selber unter der Gewalt des Sturmes zu beugen, um nicht gebrochen zu werden und sich hernach wieder aufrichten zu können" - ihre eigenen Worte. Was würde es diesmal brauchen? Man würde wohl doch abwarten und sehen müssen, wie stark der Sturm werde, sollten sie an den Ästen rütteln, dem würde sie nicht nachgeben. Doch das Haus würde geräumt werden - vorsorglich. Ein Schritt zurück, nur um den Fuß fester in den Boden zu rammen.
Zuletzt geändert von Darna von Hohenfels am Dienstag 10. Februar 2009, 19:34, insgesamt 1-mal geändert.
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Darna von Hohenfels
Glück im Unglück
„Ich weiß es nicht, verdammt noch eins!“ Wütend schmiß Anselm seine Mütze auf den Boden.
„Ist doch immer das Gleiche mit den Pfeffersäcken. Erst groß rumtönen, und mit Geld lässt sich alles kaufen und lösen... und dann wird doch der Schwanz eingekniffen“, brummte Wiedbert und ließ das Winkelmaß nachlässig über den Tisch schliddern. „Und die gekauften Lakaien können eh zusehen, wo sie bleiben.“ Düster starrten Meister und Geselle vor sich hin und zu dem Bau an der Straße. „In drei Wochen würd das Ding stehen. Maximal fünf, wenns Wetter nicht hält.“
„Tjoa, stattdessen sitzen wir morgen auf der Straße.“
„Der zahlt doch bestimmt nicht mal mehr den letzten ausstehenden Lohn dann.“
„Dann hetz ich ihm... weiß nicht. Irgendwen hetz ich ihm dann auf den Hals. Das kann er mit uns nicht machen.“
Einer der Maurer trat hinzu, deutete anklagend auf die Mauer mit den Durchbrüchen in der Wand, die später durch Gitter geschlossen werden sollten: „Was ist denn jetzt?! Wir haben uns extra beeilt, daß der Mörtel noch aushärten kann, bevor es wieder regnet!“
„Nix ist.“
„Quatsch nicht, Meister! Der lässt uns nicht wirklich sitzen?!“
„Doch. Hier ist der Brief.“ Ein Schreiben wurde achtlos dem Maurer vor die Brust geworfen. Mühsam versuchte der Mann die verschnörkelten Zeichen zu deuten, schnaufte. „Investi-was? Das versteht doch kein richtiger Mensch.“
„Da steht, daß der Herr sich-edel-gekauft van Hasingen mit seiner Söhnemannsbrut zuviel davon gehört hat, daß hier die Wehranlagen der ach so schönen neuen Stadt lückenhaft sind, daß sich die Piraten bereits die Finger lecken sollen, daß es an Wachen so sehr mangelt, daß schon andere Regimenter hierher geholt werden und daß ein gefürchteter Drache die Grafschaft verwüstet und auch vor Adoran nicht halt machen wird. Und damit lohnt in seinen Augen die... IN-VES-TI-TION nicht, auch nur eine weitere Münze dafür aufzuwenden, das Kontor hier wenigstens noch fertig zu stellen! Und erst recht nicht, mit seinem Gesocks hierher zu ziehen!“
„Wenigstens einen Vorteil hat das Ganze also, die kommen nicht auch noch her“, brummte Wiedbert.
„Sollen sie mal! Dann kann ich dem wenigstens mal direkt erzählen, was ich von ihm und solchen Pfeffersäcken halte! Erst schuften wir uns hier in elender Plackerei den Arsch ab und es heißt 'schnell, schnell, schnell!', und jetzt lässt man uns hier einfach mit dem Kram sitzen!“
„Wieso lässt er es nicht immerhin fertig bauen und verkauft das Haus dann, dammich?“
„Und welcher Idiot würde es kaufen, wenn schon er selber abspringt?“
„Ach die lügen doch, sobald sie das Maul aufmachen, irgendwem seiner Spießgesellen hätte er den Braten doch noch schmackhaft machen mögen.“
„Weißte was, wär ich Händler, ich würd hier auch nicht her wollen!“
Finster sah Anselm auf den Bau. Wiedbert kratzte sich im Nacken.
„Also, rein für die Stadt gesehen ist es wirklich schön gelegen. Und... solide gearbeitet haben wir auch!“
„Ja, und was hilft uns das nun?“, fauchte sein Meister zurück. „Wir können hier entweder wie die Deppen noch ein paar Tage auf der Baustelle hocken und auf unser Geld warten, oder wir fangen schon morgen an, uns was Neues zu suchen.“
Wiedbert seufzte. „Pfeffersäcke. Immer das Gleiche“, und fügte leiser an: „Denen sollte man die hochtrabenden Titel da hin stopfen, wo keine Sonne scheint. Keine Verantwortung gegenüber den Kleinen, wenns nach denen geht, kann nach ihnen das Panthervieh die Welt zerreißen... Unsereins trägt Lumpen – aber die da SIND Lumpen!“
„Schimpf nicht zu laut, landest noch wegen Adelsbeleidigung im Knast, fehlt noch.“
„Harch.“
„Ich weiß es nicht, verdammt noch eins!“ Wütend schmiß Anselm seine Mütze auf den Boden.
„Ist doch immer das Gleiche mit den Pfeffersäcken. Erst groß rumtönen, und mit Geld lässt sich alles kaufen und lösen... und dann wird doch der Schwanz eingekniffen“, brummte Wiedbert und ließ das Winkelmaß nachlässig über den Tisch schliddern. „Und die gekauften Lakaien können eh zusehen, wo sie bleiben.“ Düster starrten Meister und Geselle vor sich hin und zu dem Bau an der Straße. „In drei Wochen würd das Ding stehen. Maximal fünf, wenns Wetter nicht hält.“
„Tjoa, stattdessen sitzen wir morgen auf der Straße.“
„Der zahlt doch bestimmt nicht mal mehr den letzten ausstehenden Lohn dann.“
„Dann hetz ich ihm... weiß nicht. Irgendwen hetz ich ihm dann auf den Hals. Das kann er mit uns nicht machen.“
Einer der Maurer trat hinzu, deutete anklagend auf die Mauer mit den Durchbrüchen in der Wand, die später durch Gitter geschlossen werden sollten: „Was ist denn jetzt?! Wir haben uns extra beeilt, daß der Mörtel noch aushärten kann, bevor es wieder regnet!“
„Nix ist.“
„Quatsch nicht, Meister! Der lässt uns nicht wirklich sitzen?!“
„Doch. Hier ist der Brief.“ Ein Schreiben wurde achtlos dem Maurer vor die Brust geworfen. Mühsam versuchte der Mann die verschnörkelten Zeichen zu deuten, schnaufte. „Investi-was? Das versteht doch kein richtiger Mensch.“
„Da steht, daß der Herr sich-edel-gekauft van Hasingen mit seiner Söhnemannsbrut zuviel davon gehört hat, daß hier die Wehranlagen der ach so schönen neuen Stadt lückenhaft sind, daß sich die Piraten bereits die Finger lecken sollen, daß es an Wachen so sehr mangelt, daß schon andere Regimenter hierher geholt werden und daß ein gefürchteter Drache die Grafschaft verwüstet und auch vor Adoran nicht halt machen wird. Und damit lohnt in seinen Augen die... IN-VES-TI-TION nicht, auch nur eine weitere Münze dafür aufzuwenden, das Kontor hier wenigstens noch fertig zu stellen! Und erst recht nicht, mit seinem Gesocks hierher zu ziehen!“
„Wenigstens einen Vorteil hat das Ganze also, die kommen nicht auch noch her“, brummte Wiedbert.
„Sollen sie mal! Dann kann ich dem wenigstens mal direkt erzählen, was ich von ihm und solchen Pfeffersäcken halte! Erst schuften wir uns hier in elender Plackerei den Arsch ab und es heißt 'schnell, schnell, schnell!', und jetzt lässt man uns hier einfach mit dem Kram sitzen!“
„Wieso lässt er es nicht immerhin fertig bauen und verkauft das Haus dann, dammich?“
„Und welcher Idiot würde es kaufen, wenn schon er selber abspringt?“
„Ach die lügen doch, sobald sie das Maul aufmachen, irgendwem seiner Spießgesellen hätte er den Braten doch noch schmackhaft machen mögen.“
„Weißte was, wär ich Händler, ich würd hier auch nicht her wollen!“
Finster sah Anselm auf den Bau. Wiedbert kratzte sich im Nacken.
„Also, rein für die Stadt gesehen ist es wirklich schön gelegen. Und... solide gearbeitet haben wir auch!“
„Ja, und was hilft uns das nun?“, fauchte sein Meister zurück. „Wir können hier entweder wie die Deppen noch ein paar Tage auf der Baustelle hocken und auf unser Geld warten, oder wir fangen schon morgen an, uns was Neues zu suchen.“
Wiedbert seufzte. „Pfeffersäcke. Immer das Gleiche“, und fügte leiser an: „Denen sollte man die hochtrabenden Titel da hin stopfen, wo keine Sonne scheint. Keine Verantwortung gegenüber den Kleinen, wenns nach denen geht, kann nach ihnen das Panthervieh die Welt zerreißen... Unsereins trägt Lumpen – aber die da SIND Lumpen!“
„Schimpf nicht zu laut, landest noch wegen Adelsbeleidigung im Knast, fehlt noch.“
„Harch.“