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Ordnung ist das halbe Leben
Verfasst: Samstag 4. November 2017, 01:03
von Naemi Erlenhain
Naemis Notizen
*Auch wenn Naemi gerade erst in Rahal angekommen war, ihr die Knie von der Überfahrt noch Weich waren und sie zur See auch kaum mal ein Auge schliessen konnte, Schlafen konnte der schneeweisse Strubbelkopf auch zu später Stunde noch nicht. Zu viele Dinge hatten sich am Tag ihrer Ankunft ereignet. Ordnung war ihr wichtig, dazu gehörte auch Ordnung im Oberstübchen. Entsprechend fand sie erst dann Ruhe, als sie die wichtigen Ereignisse des Tages in schriftlicher Form festgehalten hatte.*
4ter Rabenmond 260
• Nach meiner Ankunft in Rahal wurde ich nicht wie vorgesehen direkt von Arina in Empfang genommen. Scheinbar war mein Schiff bedeutend schneller unterwegs als der Brief von Mutter. Immerhin verringerten sich meine Besitztümer während der Warterei am Hafen nicht noch mehr.
• Nach einigen Stunden wurde ich dann doch noch abgeholt. Arinas Aufmachung habe ich anders in Erinnerung, ihren *an der Stelle wurde ein Wort durchgestrichen* Tom habe ich mir offenbar falsch vorgestellt
• Ich kam nicht umhin, eine gewisse Aufregung bei meiner Schwester festzustellen, scheinbar ging nicht nur ich davon aus, dass sie in Rahal lebt, sondern auch Mutter.
• Tom kann ich noch nicht wirklich beurteilen, seine konsequent aufgetragene… Lockerheit? Ist jedenfalls gewöhnungsbedürftig. Ich fürchte jedoch er gehört zu den erträglicheren Bewohnern dieser Insel, oder zumindest fühlt er sich verpflichtet, sich mir gegenüber etwas anständiger zu benehmen. Kennen Piraten die Bedeutung des Wortes «Pflicht»?
• Ihren Wohnort werde ich für mich behalten, in der Heimat würde diese Kunde wohl nur Mutters Gemüt erregen, ich denke ich muss allgemein noch ein besseres Gefühl dafür bekommen, wer Rin nun genau ist. Was ich vorher schon wusste, ergibt nur bedingt einen Reim mit den Dingen, die ich heute erfuhr. Der hinter ihr liegende Weg ist nachvollziehbar, es ist nur schwer abzusehen, wohin er führt. Ich fand es beruhigend, zu erfahren dass sie der Garde in Rahal beitreten will.
• La Cabeza finde ich seltsam und ich bin froh, hier nur während absehbarer Zeit Zuhause zu sein. Hitze bekommt mir nicht, Seeluft hatte ich für die nächsten Jahre eigentlich schon genug. Skorpione und Spinnen scheinen das nicht so zu sehen, die kleinen Krabbler scheinen mit Vorliebe meinen Weg zu kreuzen. Ich will nicht Wissen, von welchem Wahn genau die Baumeister dieses Leuchtturms besessen waren. Anstatt eine anständige Brücke zu bauen, muss man einen umgefallenen Baumstamm queren um zum Leuchtturm zu gelangen.
• Rahal wiederum hat meine Vorstellungen übertroffen. So bin ich nun froh um den Schubser, raus aus dem Elternhaus, hinein in die weite Welt. Ich sollte künftig etwas weniger Lesen und mir mehr Ansehen.
• Auf dem Marktplatz in Rahal traf ich auf Elea Falon. Ich bemerkte gleich zu Beginn und auch jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, dass ich mich mit den genauen Bezeichnungen und den angemessenen Verhaltensweisen gegenüber Würdenträgern des Reiches wirklich schlecht auskenne. Ein Versäumnis, welches ich baldmöglichst bereinigen sollte. Wenn mich ihr Alter nicht täuscht, gehört sie jedoch nicht zu den höheren Würdenträgern, vielleicht erklärt sich daraus ihre Nachsicht. Ich sollte es in Zukunft unterlassen, derlei vermeidbare Fehler zu begehen. Ich hätte entsprechende Lektüre auf der Überfahrt lesen können. Elea war jedoch in mehrfacher Hinsicht Hilfreich und so weiss ich nun, wie ich mich auf das Gespräch mit dem Statthalter Rahals vorbereiten und mit den örtlichen Gepflogenheiten vertraut machen kann. Einen nützlichen Hinweis was meine Profession angeht konnte sie mir auch geben.
• Es fällt mir erst jetzt auf, dass ich keine Vereinbarung mit Mutter getroffen habe, was die Dauer meines Aufenthalts angeht oder briefliche Meldungen meinerseits. Ich vermute aber dass es sie es begrüssen wird, wenn solch Meldung vorerst ausbleibt.
Verfasst: Mittwoch 8. November 2017, 00:41
von Naemi Erlenhain
Naemis Notizen
*Ein wahres Gewitter tobte in Naemis Kopf. Noch war nicht einmal eine Woche vergangen, seitdem sie in Rahal vom Schiff gegangen war. Sie wusste, dass mit ihrer Ankunft grosse Veränderungen in ihr Leben Einkehr halten würden. Doch nicht nur hatte sie deren Ausmass völlig unterschätzt, auch die Natur dieser Veränderungen war weit entfernt von jeder Vorstellung. Mit vom Vorabend noch brummendem Kopf und brennendem Magen machte sie es sich ein weiteres mal in der Grotte unter dem Leuchtturm bequem. Zu äusserst später Stunde erst kehrte sie ein, als bei ihren vorübergehenden Gastgebern vorerst Ruhe eingekehrt war. Die Niederlassung in Rahal rückte langsam in greifbare Nähe, es war wohl eine der letzten Nächte auf der Insel, so ging der Blick noch einmal durch den ihr weiterhin so Fremd erscheinenden Raum, ehe sie im Kerzenschein zum Federkiel griff. Der Lebensweise der beiden konnte sie zu teilen etwas abgewinnen und zumindest der ausgedehnte Badebereich hatte gegenüber einem einfachen Waschzuber offensichtliche Vorteile. Ob nun wegen dem Brummschädel oder einem vorübergehenden Anflug von Lockerheit. Aufs erneute liess der weisse Wuschelkopf ihre eigentlich höchst privaten Notizen offen in der Grotte liegen, nachdem sie für die vergangenen Tage zumindest das wichtigste festgehalten hatte. Rin wiederum würde eine offensichtliche Erinnerungsnote Naemis vorfinden. Auf leisen Füssen bewegte sie sich zu der beiden «Schlafzimmer» und band ihr an feinem Faden ein kleines Zettelchen um den grossen Zeh: «Tempel, 8te Stunde nach dem Mittag»*
7ter Rabenmond 260
• Die letzten Tage waren eigentlich fürchterlich. Erst schlief ich vor 2 Tagen viel zu lange in den Tag hinein und wurde den ganzen Tag dieses schummrige Gefühl nicht los. Entweder rebelliert mein Körper gegen die Luft in der Grotte, oder es ist tatsächlich das höchst gewöhnungsbedürftige Klima der Insel. Jedenfalls waren sich Rin und Tom hier einig, was sie sonst selten sind. Zugegeben, dem Tag ging eine lange Nacht voraus, ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal so lange und tief geschlafen habe.
• Tags darauf liess ich mich dann auch noch darauf ein, mit den beiden die örtliche Taverne zu besuchen. Erschossene Möwe. Ich weiss nicht warum dem Inselvolk solch derbe Bezeichnungen zusagen. Ich erinnere mich nur noch daran, wie ich anscheinend selbst auf die Idee kam, ein Getränk mit «Papagei» im Namen zu probieren. Der Rest des Abends will zumindest im Moment nicht zu mir zurückkehren. Als ob die fehlenden Erinnerungen nicht verstörend genug wären, wachte ich Heute erst auf, als die Sonne den Zenit bereits überschritten hatte.
• Der brummende Schädel vom Vortag wurde noch übertrumpft und paarte sich Heute mit Schmerzen in sämtlichen Gliedern. Die Übelkeit und der tobende Magen zeichnen mir ein Bild, dass mich über diese Lücke in meinen Erinnerungen dann doch wieder etwas Glücklich sein lässt.
• Meine durch und durch Nasse und mit Sand nur so verdreckte Kleidung kann ich mir nicht erklären, Glücklicherweise konnte ich sie ohne grosse Mühe wieder auf Vordermann bringen. Das Nachthemd wiederum, welches mir Rin noch Tage zuvor gab, war jedoch nirgends zu finden. *an dieser Stelle sind mehrere Zeilen durchstrichen*
• Rins Leben scheint einem Drahtseilakt zu gleichen. Die beiden sind Lebenskünstler. Ich kann nachvollziehen, warum sie so sind und vermutlich sollte ich mir eine, wenn auch kleine, Scheibe davon abschneiden. Zudem sollte ich in meiner Wortwahl trotz der übertrieben zur Schau gestellten Lebensfreude und Lockerheit etwas vorsichtiger sein. Ich habe es binnen weniger Stundenläufe geschafft, bei beiden in ein Fettnäpfchen zu treten. Mutter hielt mir öfters vor, ich wäre manchmal etwas unbedacht und gar taktlos. Doch weder will ich bei den beiden alte Wunden aufkratzen, noch möchte ich erfahren wie Reaktionär ein Pirat wirklich sein kann. Vielleicht wäre es gar angebracht… *das Schriftbild geht dann ins unleserliche über*
• Morgen geht es dann endlich zum Tempel, ich sollte zusehen, die Insel nach dem Aufstehen schnellstmöglich zu verlassen. Während des Unterrichts brauche ich einen klaren Kopf und danach gilt es, das Schreiben für den Statthalter aufzusetzen. In Rahal sollte mein Tag auf jeden Fall ruhiger verlaufen.
• In Rahal begegnete ich derweil noch einigen interessanten Personen. Der Umgang scheint mir oftmals einfacher als erwartet oder man nimmt auf offenbar neue Bewohner der Gegend eine gewisse Rücksicht. Jedenfalls habe ich weder mit der Garde noch den örtlichen Handwerkern schlechte Erfahrungen machen können. Nur der Efeu, der aus dem Boden kroch, war mir nicht ganz Geheuer, doch ich bin mir nach wie vor nicht sicher ob er auf meinen brummenden Schädel – oder den wie ich vermute, liedkundigen, Mann zurückzuführen ist.
• Rin hat mich auch noch bei der Handwerkszunft vorbeigebracht, ich werde dort das vorhandene Labor nutzen dürfen und scheinbar gibt es auch einen erfahrenen Alchemisten, der mir zur Seite stehen würde. Es beruhigt mich ungemein, nicht gänzlich auf mich allein gestellt zu sein. Die wenigen Notizen die ich bei Alfred mitgehen liess, werden mir sicherlich alsbald keine Fragen mehr beantworten können.
Verfasst: Freitag 17. November 2017, 11:17
von Naemi Erlenhain
Naemis Notizen
*Die bisherigen Erlebnisse, verschiedene getroffene Persönlichkeiten und das Wissen darum, dass sie ihr Leben nun zum ersten Mal wirklich selbst in den Händen hatte, gingen nicht Spurlos an ihr vorbei. Dunkle Augenringe hatten sich in den letzten Tagen ihren Platz auf dem Antlitz erfochten und sie dachten nicht im Traum daran, den gewonnenen Boden kampflos aufzugeben. Ein etwas gar stark ausgeprägtes Pflichtbewusstsein gepaart mit schlichter Gottesfürchtigkeit hatten sie in einen fast Konstanten zustand innerer Unruhe gebracht. Sie hetzte herum und versuchte möglichst vieles zu erledigen, den Ansprüchen ihrer Mitmenschen gerecht zu werden und schlussendlich auch IHM zu gefallen. Immerhin konnte sie bisher bei den meisten Persönlichkeiten, mit denen sie zu tun hatte, nach einigen Anläufen halbwegs schlaue Sätze bilden und war auch in der Lage, ihre Worte zu verstehen, war sie erstmal aus der anfänglichen Starre befreit, welche Würdenträger oder sonstige, imposante Personen bei ihr auslösten. Nicht zuletzt galt es auch noch, die Kenntnisse der Alchemie zu vertiefen. Tage waren manchmal eindeutig zu kurz.
Sie hatte dem Rum vorerst abgeschworen. Sie hätte wissen müssen, dass ihre Toleranz praktisch nicht vorhanden war. Immerhin war sie nun um eine Erfahrung reicher. Frustration weg zu trinken hörte sich um einiges besser an, als es in Tat und Wahrheit war. Nachdem sie sich ein neues Büchlein für ihre Notizen geholt und die bestehenden Einträge erneut erfasst hatte – das alte war cabezianischer Vorsicht und Unordnung geopfert worden – ging sie dazu über ein weiteres Mal die aktuellen Ereignisse festzuhalten. Die Feder absetzend, besah sie sich die neuen Seiten. Das Schriftbild war befremdend. Seufzend wurde das Buch zur Seite gelegt und sie legte sich schlafen*
17ter Rabenmond 260
• Ich habe mich mit Scharfschütze Wolfseiche getroffen und werde den auszubildenden Schützen des Reiches in naher Zeit einen Unterricht zur Erstversorgung im Feld geben. Ich sollte dafür noch einmal über die danach gemachten Notizen schauen und mir nicht nur den genauen Inhalt überlegen, sondern auch einen Weg finden, der die Teilnehmenden dann nicht zum Einschlafen bringt. Erneut war der Umgang mit einem Würdenträger des Reiches angenehmer als ich es mir vorstellte – ich sollte trotzdem zu passender Zeit dafür sorgen, dass ich mich in den entsprechenden Umgangsformen unterweisen lasse.
• Von den vielen Ratschlägen die ich an diesem wie auch schon an anderen Abenden erhielt, empfand ich den Beitritt zur Garde als weniger attraktiv. Bei der Vorstellung, schwerstverletzte Gardisten im Lazarett zu behandeln, zieht sich mein Magen zusammen. Da Heilkundige scheinbar nicht sonderlich Zahlreich zu finden sind, sollte ich vorbereitet sein, falls man jenen Dienst trotzdem von mir verlangt. Wo möglich, werde ich mich weiterhin einfach als Alchemistin bezeichnen.
• Ich habe nun bereits Zugriff auf zwei Labore, nachdem mir auch im Faro ein Stübchen eingerichtet wurde – wenn auch ein recht kleines. Trotzdem kann ich es nicht erwarten mich in Rahal niederzulassen. Im Faro fehlt mir die Stille und trotz einer Aussprache mit den beiden Karnickel ist der Leuchtturm weiterhin keine Lösung von Dauer. Die ewigen Schiffsreisen nach Rahal zehren an meinen Kräften und ich kann Rins Gold auch besser ausgeben. Entsprechend hoffe ich auf einen gnädigen, bald gesunden Statthalter.
• Ich habe inzwischen auch einige Vorräte an verschiedensten Zutaten für meine Studien. Einige davon selber gesammelt, ein Grossteil davon verdanke ich aber der Grosszügigkeit meiner Gastgeber. Ich vermute es ist den beiden ganz recht, wenn ich beschäftigt bin. Vielleicht empfinden sie... meine Abwesenheit ähnlich wie ich die Abwesenheit jeglicher Mitmenschen empfinde. Wenn ich mich in Rahal niedergelassen habe, werden meine Besuche auf der Insel bestimmt seltener – wie selten wird sich noch zeigen. Der neue Mantel soll mir eine Erinnerung sein, an die Insel selbst und auch daran, hin und wieder vorbeizuschauen.
• Trotz dem besseren Verhältnis erwische ich mich weiterhin dabei, wie manchmal Zweifel in mir aufsteigen. Einerseits weiss ich nicht ob die beiden mich gleich behandeln würden, wenn ich aus freien Stücken nach Gerimor gekommen wäre. Andererseits wird mir eben jene Behandlung manchmal zu viel. Ich mag es kaum aufschreiben, doch ich denke es ja auch. Jede Goldmünze welche die beiden für mich ausgeben, bringen mich schlussendlich zum Schweigen, mit etwas Rechenkunst könnte man den Zeitwert pro Krone gar ausrechnen, insbesondere mit Bezug auf meine Studien. Dabei komme ich mir manchmal vor wie ein verzogener Balg reicher Eltern. Ich sollte wirklich lernen, hin und wieder meine Gedankengänge abzuwürgen.
• So sehr mich da der Gedanke an das eigene Haus in Rahal erfreut, ist auch diese Sache etwas zu kompliziert. Ich bin um die damit verbundene Distanz zu den beiden sicherlich in vergleichbarem Mass froh wie die beiden es sind. Das Zimmer, welches sie dort beziehen wollen, dient wohl in erster Linie der Gewissensberuhigung, immerhin scheint der Arm des Gesetzes den beiden etwas Respekt einzuflössen. Ich habe mich vom Gedanken getrennt, dass das Haus schlussendlich auch nur ihren Zwecken dienen soll – ich kann mir schlecht vorstellen, dass sie dadurch wirklich beabsichtigen, mehr Zeit in Rahal zu verbringen als sie es ohnehin schon tun. Erneut: Ich sollte wirklich lernen, meine Gedankengänge des Öfteren abzuwürgen.
• Ich werde in nächster Zeit hin und wieder die Hafentaverne in Rahal besuchen. Scharfschütze Wolfseiche erwähnte die Honorable Société und meinte, dass ich dort womöglich ganz gut hineinpassen würde. Der Name der Gesellschaft erinnerte mich an den Dialekt des bisher angenehmsten Inselbewohners und scheinbar gibt es in ihren Reihen mindestens einen davon, gar einen Namensvettern Jean's. Ein bunter, scheinbar eher lose verbundener Haufen, der mir womöglich zu einem etwas erweiterten Horizont und etwas Abwechslung verhelfen könnte.
Verfasst: Mittwoch 22. November 2017, 17:23
von Naemi Erlenhain
Naemis Notizen
*Sie war ausser sich vor Freude und hatte es den Abend über fast nicht geschafft, ihrer Begeisterung nur in erträglicher Form Ausdruck zu verleihen. Nach dem einzigen schlecht zu bewertenden Ereignis – einem Abendessen welches vor allem aus Aalen bestand – liess sie, zurück in ihrem Zimmerchen, einen etwas länger anhaltenden Schrei der Begeisterung aus. Sie hatte im Verlauf des Tages die abwegigsten, plötzlichen auftauchenden Ideen erfolgreich im Keim erstickt. Dem Statthalter um den Hals fallen, den Faro, nein am besten die ganze Insel anzünden, Tom dahintreten, wo es weh tat, seine Laute in Stücke schlagen. Sie war guter Dinge und Vorfreude war jemandem wie ihr eine besondere Qual.
Trotz der noch anhaltenden Müdigkeit und deren Hinterlassenschaften im Gesicht - Schlaf war weiterhin Mangelware – setzte sie zu sich zu später Stunde noch an ihr Notizbuch. Heute war es nicht der übertriebene Fleiss oder das Pflichtbewusstsein, es war reine Freude, welche sie noch stundenlang wachhielt. Das Schriftbild auf den Seiten war... eigenartig. Ein steter Wechsel, teilweise kaum lesbar, selbst das Pergament wurde von kurzen Ausbrüchen ihrer Gefühle in Mitleidenschaft gezogen. Ein Wunder, dass sie an jenem Abend nicht einfach platzte*
21ter Rabenmond 260
• Ein Meilenstein liegt hinter mir und meine Zukunft in Rahal ist in greifbarer Nähe! Das Gespräch mit dem Statthalter Rahals war, wie so vieles in den letzten Wochen, angenehmer als ich es erwartet hatte. Mache ich mir zu viele Sorgen? Sein Humor war wiederum eine Seite an ihm, die mich eiskalt erwischt hat und ich weiss nun, wie es sich anfühlt, wenn einem das Herz in die Hose rutscht.
• Offenbar fand er Gefallen daran, dass ich mich gründlich vorbereitet hatte und meine Teilnahme an den beiden Unterrichten wurde mehr als Zufriedenstellend bewertet. Ich mache mir eben doch nicht zu viele Sorgen! *Hier findet sich ein Tintenkleks auf der Seite, das Pergament ist durchstochen*
• Eine passende Behausung fand ich noch am selben Abend. Die Dinge, die ich am Leuchtturm auf Cabeza nicht vermissen werde, überwiegen klar, so werde ich mich sputen und MEIN EIGENES HAUS EINRICHTEN! EIN RICHTIGES LABOR *wieder ein Tintenkleks, das Pergament ist sichtlich beschädigt*
• Mit dem Guten muss man auch das Schlechte nehmen. Ich bin mir nach wie vor nicht sicher, zu welchem von beiden Tom gehört. Dafür, dass er so gerne Sprüche raushaut, hat er manchmal ein dünnes Fell. Die Distanz wird mir gut tun. Mit einer Flasche Rum kann man seine Laune glücklicherweise jederzeit zum Guten wenden.
• Meine Experimente in der Alchemie machen Fortschritte. Ich kann gar mit giftigen Reagenzien Versuche unternehmen, ohne dass es mir danach Speiübel ist, oder mich die Müdigkeit übermannt. Gar konnte ich einen Handel abschliessen und erste Erzeugnisse an eine Bäuerin verkaufen. Ich muss bei Gelegenheit nachfragen ob mein Gebräu die Erwartungen erfüllte.
• Zur offensichtlichen Freude Rins habe ich neben meinen Experimenten auch etwas rudimentärere Methoden genauer Untersucht. Ich sehe den Sinn und Zweck von Salben und Seifen, kann aber nicht verstehen warum jemand, der sich regelmässig mit letzterer wäscht, auch noch Duftwässerchen braucht. Selbst Räucherstäbchen sind offenbar heiss begehrt, schliesslich stinken nicht nur Ferkel, sondern auch deren Stallungen. Einerseits kann ich mich mit diesen Dingen bei Rin revanchieren, andererseits werde ich deren Herstellung eindeutig von meinem Nervenkostüm abhängig machen. Jedenfalls werde ich einen Teufel tun und Kunden in derlei Dingen beraten.
• Die Vorbereitung des Unterrichts schiebe ich erfolgreich vor mich her, ich sollte bei nächster Gelegenheit eine ruhige Stunde nutzen, ehe es zu spät ist! Pflicht, Naemi. Pflicht.
• Das Gespräch mit Fräulein Shianna und Ben über Alchemie war... interessant. Ich hatte mir bis dahin nicht wirklich überlegt, wie ich mir die Alchemie eigentlich genau vorstelle, ich habe einfach versucht und dabei auch viel zu wenig aufgeschrieben. Ich habe meine Erklärungsversuche des Abends festgehalten, muss es mir aber bei Gelegenheit nochmals anschauen. Jedenfalls habe ich damit eine Grundlage, auf der ich aufbauen kann.
Verfasst: Samstag 25. November 2017, 22:40
von Naemi Erlenhain
Studien zur Alchemie
*Der Abend in der Hafentaverne war entspannender als die Abende in der Grotte auf Cabeza. Trotz dem seichten, steten Gefühl der Pflicht, IHM zu gefallen, konnte Naemi sich nach einiger Zeit entspannen. Viel mehr als Zufall war es nicht, dass ihre Arbeit an diesem Abend auf offene Ohren stiess und zum Gesprächsthema wurde. Auch ein Umstand, den es in Cabeza eigentlich so nicht gab.
Quelle jenes Interesses war dann gar eine Metallarbeiterin, die offenbar keinerlei Wissen mitbrachte bezüglich der Thematik. Trotz reichlich Wein und Papagei kam der Drang in Naemi auf, ihr die Alchemie verständlich zu machen. Der rauschende Kopf kam ihr dabei weniger in die Quere, als sie es erwartet hätte. Jener Drang sollte sie auch am nächsten Morgen nicht verlassen. Das innere Feuer, die für viele rätselhafte Kunst der Alchemie besser zu verstehen, sollte als erstes dazu führen, dass sie ihre grundgelegenen Methoden festhielt. Nach dem Frühstück fiel es ihr zwar hin und wieder schwer, sich an die Worte des Vorabends zu erinnern, welche trotz all dem Wein erstaunlich leicht ihren Mund verliessen. Einige Stundenläufe sollte es dauern, bis sie schliesslich vor ihrem Erstlingswerk sass.*
Alchemie für Laien
Oder: Der Versuch, etwas zu erklären, was man selbst noch nicht gänzlich versteht – Einer trinkfesten Handwerkerin gewidmet
Verfasst von Naemi Erlenhain, im Rabenmond 260.
Ein paar einführende Worte
Wenn man die Wirkungsweise von Tränken oder Mixturen zu erklären versucht, muss man sich zuerst in Erinnerung rufen, wo die Grenzen der Alchemie liegen. Man trinkt den Trank entweder selbst, oder man wirft ihn auf einen Widersacher. Mit dem Wissen, dass die Wirkung des Trankes immer nur auf den Trinkenden, oder den Beworfenen wirkt, bleibt man vom Fehler verschont, eine Erklärung anderswo zu suchen, als eben beim Ziel oder Anwender des Trankes. Die Wirkung befindet sich im Fläschchen, nirgendwo sonst.
Hier soll aber nicht die Wirkung einer bestimmten Mixtur erklärt, vielmehr soll ein Einblick in die Arbeit eines Alchemisten gegeben werden, als Fundament für ein Verständnis dieses eher schwer zugänglichen Handwerks.
Von Mehl und Wasser
Viele der Zutaten, welche ein Alchemist verwendet, sind den meisten Bewohnern Gerimors ein Begriff. Sie wachsen auf den Wäldern, wo sie gesammelt werden, auf den Feldern die durch die Bauern bestellt werden, oder werden in den Minen geschürft. Man findet sie in Sümpfen, Höhlen, an der Sonne und im Schatten, im Trockenen oder im Wasser. Gar finden sich Reagenzien, welche die widerwärtigen Kreaturen in den Tiefen der Insel mit sich führen. Als Hab und Gut, oder gar als Teil deren Leib.
Die Zutaten haben grösstenteils die Gemeinsamkeit, dass man kaum auf die Idee käme, sie sich auf einen Teller zu legen. Der blosse Gedanke daran erregt gar Übelkeit und dass mit gutem Grund. Erze, die Überreste irgendwelcher Kreaturen, Gestein oder Pflanzen, von denen man gar weiss, dass sie nicht geniessbar sind. Und doch wird von manch Bewohner Gerimors auf Alchemie zurückgegriffen.
Da sich diese Schrift an jene richten soll, die sich für Alchemie interessieren, sie aber nicht verstehen, will ich versuchen einfache Anschauungsbeispiele zu verwenden, welche man aus dem Alltag kennt. Natürlich entsprechen diese nicht gänzlich der Wahrheit, vermitteln aber den Kern der Alchemie.
Kaum jemand ist nicht in der Lage, ein Brot zu backen. Zumindest weiss ein jeder, woraus ein Brot besteht und kennt die notwendigen Arbeitsschritte im Groben. Man mischt im mindesten Mehl mit Wasser und achtet auf die richtigen Verhältnisse. Man führt dem entstandenen Teig Hitze zu und erhält ein Brot. Doch Wasser alleine stillt keinen Hunger. Mehl, noch weniger der Weizen auf dem Feld, ist nicht gerade bekömmlich. Selbst auf den Teig treffen diese Aussagen noch zu. Eine Magenverstimmung mag das mindeste sein, wenn man sich die Umstände des Backens nicht aufhalsen will.
Die Herstellung eines Trankes geht ähnlich vor sich. Als Beispiel der Fledermausflügel, der oft genannt wird um den Vorteil des Nichtwissens herauszustellen. Die schiere Vorstellung, einen Fledermausflügel im Mörser zu zerstossen und dies einen Trank zu nennen, erscheint nicht nur dem Laien unangenehm. Die Meinungen der Alchemisten und Heilkundigen mag in den Details auseinandergehen, denn sie sind es, die nicht nur in der Küche stehen, sondern auch an der Mühle. Jede alchemistische Zutat wird auf das nützliche reduziert, bevor man sie in den Trank mischt. Man entfernt zum Beispiel alles, bis auf die Haut des Flügels. Man reinigt und trocknet sie, bevor man sie im Mörser zerreibt. Weitere, eventuell notwendige Arbeitsschritte, je nach Zutat ganz unterschiedlicher Art, werden aus Gründen der Einfachheit hier weggelassen. Für eine andere Mixtur ist es vielleicht nicht die Haut selbst, welche man verwendet, je nachdem, welche Wirkung der Trank haben soll. Ebenso ein Punkt, der an dieser Stelle nicht wichtig ist.
Da jede Mixtur mindestens aus zwei Reagenzien besteht, neben Hitze und in vielen Fällen Wasser, trinkt man trotzdem weder zerriebenen Fledermausflügel oder die Haut eines eben solchen. In der Kombination mit Trauben zum Beispiel, erhält man einen Federtrank. Ähnlich wie aus Wasser und Mehl entsteht daraus der "Teig" der Alchemie. Der genaue Blick verrät, dass als Beispiel die zerriebene Haut der Fledermausflügel, zusammen mit den ebenso zerriebenen Kernen der Trauben das Mehl ergeben, welches nur noch wenig mit dem Getreide auf dem Feld gemeinsam hat. Weiterhin nicht bekömmlich, muss man das Pulver mit Wasser mischen und der Hitze zuführen. Rein des Geschmackes wegen kann man natürlich den ohnehin schon vorhandenen Traubensaft hinzufügen, so der Trank erstmal in seiner Grundform vorhanden ist.
Eine genauere, etwas seltsame Küche
Natürlich bestehen Unterschiede zwischen der Arbeit im Labor und in der Küche. Die Verhältnisse zwischen den Zutaten müssen genauer abgewogen werden. Kaum ein Alchemist würde bloss nach Augenmass Wasser zum Mehl geben, sondern es Tropfenweise über längere Zeit hinzufügen. Erfahrung spielt natürlich ebenso eine Rolle, doch lehrt eben jene oft, dass sie einen auch Täuschen kann. Die Hitze muss über einen bestimmten Zeitraum auf die Mischung wirken und muss in ihrer Intensität genau richtig sein. Entsprechend kann ein Alchemist nicht mal eben unter Eile seine Auftragsbücher abarbeiten.
Alchemie braucht Zeit, die sich nicht verringern lässt. So mag manch einer mag das Stück Fleisch auf dem Teller blutiger als der andere, ein alchemistischer Trank jedoch entfaltet seine bestmögliche Wirkung nur, wenn er so erzeugt wird, wie er es nun mal muss. Die Vorlieben des Nutzenden interessieren weder den Alchemisten, noch die Alchemie selbst, sie sind schlichtweg nicht relevant. Die Wege dorthin mögen bei anderen Alchemisten nicht dieselben sein, die Resultate gehen aber kaum auseinander, jedenfalls nicht bei guten Alchemisten.
Ebenso lässt man den alchemistischen Teig nicht einfach ein paar Stunden aufgehen und schiebt ihn in den Ofen. Es hat wohl jeder Alchemist seine etwas eigenen Methoden, den meisten ist aber die bereits erwähnte Genauigkeit gemeinsam. Man wartet die richtige Zeit oder Hitze ab, bis man eine Zutat zur anderen gibt, man fügt sie nur in kleinen Teilen hinzu und beobachtet die sich entwickelnde Mixtur sorgfältig.
So schult eine angehende Alchemistin, wie ich es bin, vor allem die ruhige Hand, das scharfe Auge und die Geduld, neben dem Wissen um die Unzahl an Reagenzien. Nicht zuletzt spielen aber auch Nase und Gaumen eine Rolle, so kann euch ein Alchemist zwar kaum die genauen Zutaten einer Mixtur nennen, doch wenige Tropfen genügen, um die Wirkung des Trankes zu erraten, ohne dass selbige Eintritt. Der eigentliche Vorgang, der eigentliche Kern der Alchemie, oft durch geräuschvolles Aufbrodeln, Schäumen oder Qualmen begleitet, muss genau beobachtet werden, die Ohren helfen, die mit der Zeit eingeprägten Geräusche zu erkennen und darin feine Nuancen zu unterscheiden. Hat man sich zuvor auch nur eine kleine Ungenauigkeit geleistet, ist im mindesten die Wirkung des Trankes beeinträchtigt, wenn er denn nicht gar weggeschüttet werden muss. Eben jener Kern ist es, den man nicht abschliessend erklären kann, sozusagen die Veränderung des Mehlklumpens hin zum luftigen Brot.