Kapitel 2: Kräuterbuchexzerpt - "Minze"
Heilpflanzen jeglicher Art, ob die klassischen Wald- und Wiesenkräuter, Nachtschattengewächse an verborgenen Orten, Pilze auf bemoosten Flächen, Flechten, Wurzeln, Blüten und Samen, sie alle sind Teil meines heimlichen Vergnügens und auch wenn ich mit gehobenen Brauen und kühlem Tone meinem Meister gerne das aberwitzige Versprechen abgebe
nicht am nächstbesten, unbekannten Pilzhut zu knabbern, so zeigt dieser kleine Scherz doch, dass er meine Leidenschaft nur allzu deutlich erkannt hat. Ich möchte sie alle,
alle kennen. Mit "kennen" meine ich nicht nur die Namen und ihre Wirkungsweise herabrasseln können, sondern wissen wo sie wachsen, wie lange sie brauchen, um ihre volle und beste Wirkungsphase erreicht zu haben, woher sie womöglich kommen, was ihnen bekommt, was wiederum nicht, welchen Teil der Pflanze ich in welcher Zubereitung am besten für meine Zwecke nutzen kann und in welchen Mischverhältnissen sich ihr wundersamer "Zauber" in den Phiolen, Salbentiegeln und Teebechern ausbreitet.
Derartiges Wissen kann man sich recht gut selber, durch die ein oder andere Forschungsreihe, aneignen aber warum sollte ich stets meine Zeit damit verschwenden, das Rad neu zu erfinden, wenn es in den meisten Fällen bereits recht gute Lektüre zu finden gibt? Der Hort des Wissens ist nun noch näher an unsere Türe gerückt, beziehungsweise eher andersherum und ich bekomme genug Zeit, um mich dort ausgiebig umzusehen oder gar einzulesen. Auf einem dieser Lektüre-Beutezüge fiel mir das Büchlein zur Minze in die Hand, dessen Autor leider nicht vermerkt war. Durchaus informativer Natur hat das Werk mich dazu angeregt, meine eigenen Notizen mit dem bereitgestellten Wissen abzugleichen und somit ergibt sich der folgende, kleine Kräuterexzerpt als knappe Übersicht zum umfangreichen Thema "Minze":
Die Minzgewächse
Oftmals nur als reines Würz- oder Teekraut bekannt, sind die Minzgewächse und allen voran ihr bekanntester Vertreter, die Pfefferminze, sehr wirksame Heilpflanzen. Um sie ein wenig näher kennenzulernen und die Wirkweisen besser zu verstehen, ist es unabdingbar mit der Einordnung zu beginnen, um ihren Platz in der Pflanzenwelt zu konkretisieren:
Die Minze gehört in all ihrer Artenvielfalt zur Familie der Lippenblütler und damit ist sie nicht alleine, denn weitere, zahlreiche Duft- und Gewürzpflanzen, die reich an den sogenannten ätherischen Ölen sind, sind ebenfalls Teil dieser Großfamilie. Sowohl an den gemäßigt warmen, weder allzu heißen, noch besonders schnee- und eisreichen Küsten haben die meisten ihre Heimat, wurden jedoch im Laufe der Jahrhunderte besonders in den Gärten diverser Glaubensgemeinschaften oder auf dem Bauernfelde kultiviert und sind nun fast überall in unseren Gefilden und nicht nur auf Gerimor zu finden. Der Stängel der Lippenblütler ist vierkantig, die meist ungestielten, dicht gedrängten Einzelblüten stehen quirlförmig in den Achseln von Hochblättern. Die asymmetrischen Blüten haben eine aus drei Blütenblättern gebildete Unter- sowie eine aus zwei Blütenblättern entstandene, mehr oder minder gewölbte Oberlippe. Der glocken- oder auch röhrenförmige Kelch läuft meist in fünf Zähne aus. Die Früchte bestehen aus vier Nüsschen, die je einen Samen enthalten.
Hierbei ist die Nähe der Minze zu anderen, bekannten Duftgewächsen wie dem Lavendel, Ysop oder gar beliebten Gewürzen wie Thymian, Rosmarin und Salbei sehr auffällig. Besonders optisch eindeutig aber ist die Verwandtschaft zur Melisse und der Taubnessel, nachdem man oft geneigt ist, sich an den Blättern zu orientieren und jene sind hierbei auch relativ ähnlich gestaltet. Zudem bestechen gerade die Melisse und die Minze durch ihre frische, herbe Art, die manchmal gar etwas aromatisch Kühlendes mit sich bringt.
Doch zurück zu den Minzen, denn jene Gattung ist nicht selbst schon artenreich genug, sie neigt auch weiterhin stark zur Kreuzungsfreudigkeit, weshalb immer wieder neue Minzgewächse, unter Anderem Apfelminze, Pfefferminze, Speerminze, Rossminze oder Wasserminze, um nur einige wenige zu nennen, entstehen. Diese Vielfalt ist erfreulich, bringt jedoch auch den kleinen Wermutstropfen mit sich: dass die Minzen damit noch schwerer zu bestimmen sind, als aufgrund ihrer unzähligen Lippenblütlerverwandten eh schon. Dennoch gibt es ein paar klare Punkte, an welche man sich bei der grundlegenden Minzbestimmung halten kann:
Die Blüten sind meist violett und stehen entweder stockwerkartig in dichten Quirlen oder, bei den hohen Arten, in endständigen Scheinähren. Die Höhe bei den Minzgewächsen variiert zwischen etwa einem halben bis gar einem ganzen Meter, die Blätter sind kreuzweise gegenständig und mal breit eiförmig oder ganz klar lanzettlich, oftmals ist der Rand zackig gesägt oder zumindest eingekerbt. In den meisten Fällen ist der Stängel sehr aufrecht, oben verzweigt, bisweilen behaart und dezent rötlich überlaufen. Die Blütenfarbfülle reicht bei den verschiedenen Minzen von hell-violett über rosa bis gar rein weißlich. Die Kelche sind fünfzähnig, die Kronen röhrig, Ober- und Unterlippen gleichen einander. Auch im Geruch und Geschmack haben die Minzen allesamt eine gewaltige Gemeinsamkeit, denn jene sind stets sehr frisch und kühlend, können jedoch auch als brennend empfunden werden, besonders wenn die empfindlichen Schleimhäute betroffen werden.
Die meisten Minzen sind ihrer Grundherkunft treu geblieben und bevorzugen auch heute noch feuchte bis regelrecht nasse und vor allem nährstoffreiche Standorte. Dort spürt man sie gut auf und gerade im hohen Sommer von Cirmiasum bis Searum ist es sinnvoll, die Blätter und blühenden Triebe zu sammeln und ob ihrer starken, ätherischen Öle getrennt von anderen Pflanzen zu trocknen und zu lagern.
Jene werden sich bezahlt machen, wenn es gilt Appetitlosigkeit, Magen- und Darmungleichgewicht, Übelkeit, Blähungen und Unterleibskrämpfe aber auch kopflastige Leiden wie Kopfschmerzen, Nervosität, Schlaflosigkeit und einen angehenden Katarrh, insbesondere dabei den Schwindel und den Schnupfen, zu bekämpfen. Selbstredend dass dabei die vielfältige Pflanze sicher nicht immer gleich verwendet wird, sondern sowohl innerlich als Tee und Mundwässerchen, doch auch äußerlich im Bade, den Salben oder gar im Bereich der köstlichen Küche angewandt werden kann.
In diesem Zuge muss man jedoch auch eindringlich darauf hinweisen, dass man die Heilkraft der Minze nicht bei schweren Leber- und Galleleiden nutzen möge und vor allem nicht bei sehr kleinen Kindern und Säuglingen, da die starken Öle in ihrer brennenden Art den jungen Geschöpfen im wahrsten Sinne des Wortes den Atem rauben und für Krämpfe in der Kehle sorgen können. Ebenfalls muss belehrt werden, dass das Flohkraut, auch ein Minzgewächs, nicht in der Schwangerschaft genutzt werden darf, denn dessen gute Floh- und Mückenabwehr kommt nicht von ungefähr, sondern von einem schwachen aber wirksamen Gift im Inneren der unscheinbaren Pflanze, welches aufgrund der bunten Kreuzungsfreude der Minzen den Weg hinein gefunden hat.
Eine der bekanntesten Kreuzungen ist im übrigen unsere beliebte Pfefferminze, jene wird meist nicht durch Bestäubung verbreitet, vermehrt sich aber sehr stark durch ihre Ausläufer. Sie ist eine frostharte Staude, wurzelt flach und kann ihre Ausläufer sowohl über als auch unter der Erde auf Wanderschaft gehen lassen. Ansonsten entspricht sie hinsichtlich Größe, rötlicher Stielbehaarung und den kreuzweise gegenständig angeordneten Laubblättern ganz dem klassischen, bereits beschrieben Bild der Minze. Die Blüten sind schwach violett bis rosafarben.
Man kann die Pfefferminze sowohl im Garten, als auch im Topf ziehen, doch aufgrund der Ausläufe würde ich beinahe letztere Variante empfehlen. Dafür nimmt man eine Jungpflanze und setzt sie im Frühjahr ein. Wie bereits beschrieben, lassen sich die Blätter und Triebe den ganzen Sommer ernten und sowohl frisch verwenden, als auch trocknen. Für einen köstlichen und gegen den Schnupfen höchst wirksamen Pfefferminztee benötigt man daher auch nur einen gut gehäuften Teelöffel getrockneter Blätter, die zwischen den Fingern zerrieben und in eine Tasse gegeben werden. Der Teebecher wird alsdann mit kochendem Wasser gefüllt und abgedeckt etwa eine Viertelstunde lang ziehen gelassen. Dann siebt man die Blätter sorgfältig ab und fertig ist ein schmackhafter, aromatischer Pfefferminztee.
Mit zwei größeren Löffeln der Pfefferminzblätter lässt sich auch ein sehr wirksames Inhalationsbad gegen hartnäckigen Husten und Schnupfen herstellen aber auch schlechten Atem besiegen zwei kleine Löffel Pfefferminz in einer Gurgellösung.
Kurz nach dieser Beschreibung driftet der Autor allerdings in eine, in meinen Augen eher unspannende, Beschreibung über diverse Sagen- und Mythenpassagen im Bezug auf die Minze ab und lamentiert darüber, dass es dermaßen viele Rezepte gibt, dass er (oder
sie?... wahrscheinlich eher eine
sie!) ein ganzes Kochbuch damit füllen könnte.
Abgesehen von diesem weniger ruhmreichen Ende aber ist der Aufsatz durchaus eine Bereicherung meines Wissens und hat mich dazu animiert, mir - abgesehen von dem spannenden Thema "Salbenherstellung" - eine weitere, persönliche Aufgabe zu stellen:
Ich bin mir nicht sicher, wann der nächste Heilkraut-Exzerpt in meine Kladde rutscht, doch jener wird dann ganz und gar aus meiner Feder stammen und ich weiß jetzt schon welche Pflanze er behandeln wird.
Die Schönste, in meiner kleinen Welt:
Das Veilchen.

am 09.Rabenmond des Jahres 260