Seite 1 von 1

Die Wahrheit auf dem Grund einer Flasche

Verfasst: Montag 4. September 2017, 18:51
von Varg Nymane
„Fürchte dich nicht davor langsam zu gehen … fürchte dich nur davor stehen zu bleiben.“ Es sind Worte über die dieser Mann in der letzten Zeit öfter nachdachte, wann immer ein kurzer Moment des abklingenden Rausches und die damit einhergehenden Plagegeister wie Kopfschmerzen und Übelkeit, ihm überhaupt ein Denken ermöglichten. Er bezweifelte nicht, dass sein Leben schon unlängst zum Stillstand gekommen war. Viele Wochen und Monde waberten in einem ähnlich sinnlosen, trägen Nebel an ihm vorbei der sich nur für die kurzen schmerzvollen Momente lichtete, in dem er aus einem Rausch erwachte um den nächsten vorzubereiten. Es hatte derer schon viel zu Viele gegeben und auf eine merkwürdige Art und Weise half es und gleichzeitig jedoch auch wieder nicht. Wie bei vielen Menschen die diesen Punkt erreichten oder vor ihm erreicht hatten, hatte auch sein Verhalten einen Grund. Manche tranken aus Lebenslust, andere aus Abhängigkeit und wieder andere – so wie er – zum Vergessen. Tatsächlich stellte er fest, dass er vergaß. Menschen, Namen, Gesichter … Ereignisse die für ihn einmal bedeutsam gewesen sind. Sie alle verblassten mit jedem Blick auf den Grund einer neuen Flasche Schnaps, eines neuen Bieres oder Weines. Wurden zu einer immer diffuseren Masse von Bildern, die durcheinanderwirbelten und deren zeitlicher Ablauf schon schwer noch im richtigen Zusammenhang zu setzen waren und immer undeutlicher wurden bis sie irgendwann ganz verblassten und verschwanden … aber … das Gefühl blieb und das war das eigentliche Problem. Das Gefühl des Schmerzes und des Verlustes blieb.



[img]http://fs5.directupload.net/images/170911/mjzibiik.jpg[/img]




Unermüdlich kämpfte es sich immer wieder nach vorn, wann immer die betäubende Wirkung des Alkohols nachließ. Und es erinnerte ihn mit drängender Intensität daran, was es zu tun galt um nicht mehr so empfinden zu müssen. Gewiss … klügere und weisere Menschen hätten und haben ihn vermutlich schon gesagt, dass dies nur ein Weglaufen war. Eine Flucht die erst in seinem kalten modrigen Grab ein Ende finden würde, denn vor sich Selbst und seiner Vergangenheit fortzulaufen, war ein aussichtsloses Unterfangen. Doch was wussten schon solche Menschen davon? Menschen, die große Reden schwangen und die Taten und Leben von anderen mit ihren extravaganten Worten be- und verurteilten … die von außen auf die Leben anderer blickten ohne ein Teil davon zu sein und keine Ahnung davon hatten, was diejenigen über die sie urteilten, verloren hatten? Dieser Mann glaubte, dass die von jenen Menschen erteilten Ratschläge, genauso wertlos waren wie sie selbst. Sie würden ihn nicht verändern und sie würden auch seine Uhr nicht wieder zum Schlagen bringen. Im Moment glaubt er vermutlich, dass absolut nichts dies vermag.



[URL=http://www.directupload.net][img]http://fs5.directupload.net/images/170904/n239a9zn.jpg[/img][/URL]




Dieses Land, Gerimor, die ach so bedeutende Insel auf denen die Geburtsstätte der Götter liegt und über die das restliche Land immer wieder mal mehr oder weniger ehrfürchtig sprach – er wusste nicht wieso er hergekommen ist. Wieso ihn seine Füße gerade auf dieses Schiff getragen hatten. Vermutlich war es nicht einmal eine besonders bewusste Entscheidung gewesen. Er war ein Vagabund … ein Abtrünniger … ein Verräter. Jemand der nie lange an einem Ort blieb und mehr als nur einen flüchtigen Ortswechsel hinter sich hatte. Am Anfang hatte man ihn noch gejagt, doch als das erste Blut geflossen war, wurde man vorsichtiger und mittlerweile war es Monate - oder doch nur Wochen? – her seit er sich das letzte Mal, seiner wertlosen Haut erwehren musste. Zu seinem Glück, gelang es ihm stets niemanden am Leben zu lassen, welcher davon hätte berichten können, wie schlecht seine körperliche Verfassung mittlerweile geworden ist. Er war nicht einmal mehr der Schatten eines Schattens seines früheren seins und sich ziemlich sicher, dass er einen weiteren Mordanschlag nicht überstehen würde. Der letzte war schon mehr als knapp gewesen und hatte ihm ein paar weitere Narben eingebracht. Vielleicht … hatte man inzwischen beschlossen, dass er den ganzen Aufwand mittlerweile nicht mehr wert war, vielleicht hatte man seine Spur verloren oder vielleicht wartete man auch nur auf den nächsten günstigen Moment. Möglichkeiten gab es viele, das wusste er und wenn er eines in seinem Leben gelernt hatte dann, dass man nie darauf hoffen sollte, dass es schon irgendwie von allein gut gehen würde.



[URL=http://www.directupload.net][img]http://fs5.directupload.net/images/170904/ulixjrfc.jpg[/img][/URL]




Aber mit jeder weiteren geleerten Flasche wurde auch dies ihm zusehends egaler, zumindest redete er sich dies ein. Ebenso wie sich dieser Mann einredete, dass er seine neue glorreiche Stellung als Rattenfänger für dieses Kaff Bajard in dem er nun Unterschlupf gefunden hatte, lediglich ausführte, weil es ihm das nötige Kleingeld für den nächsten Rausch einbrachte. Auch die vielen körperlichen Übungen, die er trotz seines Zustandes noch jeden Tag absolvierte und sich somit seinen kräftigen Körperbau erhielt, wurden als „alte Angewohnheiten“ abgetan. Gewisslich war es ein Teil der Wahrheit. Wer einmal ein Leben führte, wie er es getan hatte, verinnerlicht einige Dinge so sehr, dass sie ein Teil von ihm werden über den man nicht mehr nachdenken musste. Doch der andere Teil, jener welcher dieser Mann aktiv leugnete, war ein schwacher Glimmer von einem unbestimmten, ungelenkten und rohen Überlebenswillen, der seine Taten und propagierten Einstellungen Lügen strafte und dessen Ursache er sich nicht im geringstem erklären konnte. Vielleicht war es einfach nur der vielbeschworene Überlebenswille, welcher jeder Kreatur innewohnte, aber vielleicht war es auch mehr. Aber er ist weit davon entfernt, der genauen Ursache auf den Grund zu gehen. Es interessiert ihn nicht, mehr über sich selbst zu erfahren, denn er glaubt alles Wichtige bereits zu wissen und sieht nicht, dass dies vermutlich genau der Grund für den Stillstand ist, den sein Leben erreicht hat. Stattdessen gibt es im Moment nur 2 Dinge von größerer oder kleinerer Wichtigkeit. Nämlich die Frage nach dem nächsten Rausch und die woher er das Geld dafür bekommen sollte …

Verfasst: Montag 11. September 2017, 18:37
von Varg Nymane
Mit einem schwachen Flackern, warf die weit heruntergebrannte Kerze ihr warmes Licht auf den Stapel an Pergamenten, der wie Felle eines Nachtlagers auf dem kleinen schmalen Tisch ausgebreitet lag. Müde, von dem viel zu reichlichen Verzehr alkoholischer Getränke gezeichnete Augen, hefteten sich auf die immer wieder verschwimmenden Buchstabenreihen und versuchten dem geschriebenen Wörtern die darin verborgene Sinnhaftigkeit zu entlocken. 4 Tage … 4 kurze Tage hatte dieser Mann Zeit, die Gesetze, Geographie, Religion, Hierarchie und Gebräuche der Region zu studieren, bevor er sich einem Test in eben diesen Feldern stellen musste. Dieser Test wird über den Bürgerschaftsantrag für Berchgard entscheiden und dieser wiederum ob er an die Ausbildung zur Leibwache teilnehmen durfte. Entnervt ließ er das Blatt sinken, dass seine kräftigen Hände gepackt hielten und griff zu der ebenfalls auf dem Tisch bereitstehenden Flasche Bier. „… und erscheint nüchtern.“ hallten die Worte der beiden Soldaten nach, mit denen er am Adoraner Tor gesprochen hatte. Nüchtern … wann war er dies eigentlich das letzte Mal vollends gewesen? Er wusste es nicht mehr…
Bild


Überhaupt fragte dieser Mann sich – nicht zum ersten Mal am heutigen Abend – wie bei allen dunklen Geistern, er überhaupt so schnell in eine so unliebsame Situation geraten konnte? Er wollte in Deckung bleiben, „unsichtbar“ sein, keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen und erst recht keine Verantwortung tragen müssen. Alles was er wollte war … Der Blick des Mannes fiel auf die fast leere Flasche des Hopfengebräus, welche auf den hölzernen Platten des Tisches stand. Sein Blick leerte sich, wie der Inhalt der Flaschen, wenn sie den Weg zu seinen Lippen gefunden hatten und er starrte einfach nur vor sich hin. In seinem benebelten Geist formten sich die Bilder, erst kürzlich vergangener Ereignisse, welche aufgrund dessen noch erstaunlich klar vorhanden waren.

Der Mann erinnerte sich daran, wie er die dunkle Mine zu Adoran betrat, weil er nach vorangegangener, erfolgloser Suche nach einem Rüst- und Waffenschmied, hoffte er würde einen solchen finden wenn er nur dem Metall folgen würde, welches aus der Mine gefördert wurde. Stattdessen fand er nur die zerbrechlich wirkende Gestalt von Theodora Vempri, Uhrmacherin und Geschmeide-Schmiedin, sowie Besitzerin des Berchgarder Ladens in dessen Keller er nun saß. Sie hatte ihm erklärt, dass die Lichtenthaler Schmiede ihm eh nicht das verkaufen würden wonach er suchte, da diese per Gesetz angehalten waren Waffen und Rüstwehr nur an Reichsbürger zu verkaufen. Bürokratie … er sollte noch lernen, dass sie sich wie ein unersättlicher Wurm in faulem Obst, durch dieses ganze Land fraß. Er fragte sich, ob dieser Moment der Scheidepunkt für ihn gewesen ist. Einer jener Punkte im Leben an denen man unbewusst eine wichtige Entscheidung traf, die sich in einer sehr viel einfacheren, viel banaleren Entscheidung verstecken konnte. In seinem Fall war es die Entscheidung gewesen, der zerbrechlich wirkenden Frau zu helfen, die vielen Erze nach Hause zu tragen, die sie bisher gefördert hatte oder weiter gen Bajard zu ziehen und dort nach einem Schmied zu suchen, der ihm die Dinge herstellte die er brauchen würde – so wie er es eigentlich vorgehabt hatte. Doch er entschied sich für ersteres und folgte der kleineren Frau nach Berchgard. Als sie die Kettenglieder einer Rüstung zurechtbog und einige einfache Waffen aus Silber herstellte lernte er, dass sie offenbar eine sehr pragmatisch veranlagte Frau war. Als sie darüber sprachen, dass sie ihm diese Dinge nicht für Gold verkaufte, sondern eher auslieh lernte er, dass sie trotz dessen eine loyale und gesetzestreue Frau war. Und als sie ihm anbot, für sie und ihren Laden als Wache zu arbeiten, dafür Kost und Logis zu erhalten und die Möglichkeit zu bekommen, die Leihgaben abzuarbeiten lernte er, dass sie geschäftstüchtig und sehr überzeugend sein konnte. Noch ehe er mit seinem nur langsam arbeitenden Verstand vollständig begriffen hatte, was es alles bedeuten würde diese Stellung anzunehmen, hatte er schon zugesagt. Und nun saß er hier, im Keller des Uhrwerks und versuchte Gesetze, Geographie und Hierarchie von Lichtenthal auswendig zu lernen um ein „Bürger Berchgards“ zu werden.

Bild


Der kräftige Leib des Mannes lehnte sich, unter einem protestierenden Knarzen des einfachen hölzernen Stuhles auf dem er saß, zurück. Der Blick der graublauen Augen fuhr zu dem in Schatten gehüllten Schemen seiner Schwertscheide, welche an der kalten Kellermauer lehnte. Schwach glänzte das Metall des Schwertknaufs und fing seinen Blick ein. Mit einer ihm selbst überraschenden Deutlichkeit wurde ihm bewusst, dass er sie geradeheraus belogen hatte. Natürlich hatte sie ihn nach seiner Vergangenheit befragt und genauso selbstverständlich hatte er nur das nötigste erzählt. Sie hatte schnell begriffen, dass er nicht viel davon Preis geben würde, auch wenn sie ihm nicht wie jemand erschien, der so schnell aufgeben würde. Doch auf ihre Frage ob seine Vergangenheit sie den Kopf kosten könnte, hatte er deutlich und entschieden mit „Nein“ geantwortet. Er wusste, dass es gelogen war, doch welche andere Wahl hatte er? Alles andere hätte nur ein Schicksal bedeutet, dessen Verlauf sich immer noch mit überwältigender Bildhaftigkeit in seinem Geist formen konnte, obwohl er Monate daran gearbeitet hatte, es in den Fluten des Alkohols zu ersäufen. Er bemerkte die Tränen nicht, die über seine Wangen liefen als er in einem Anflug ungezügelten Zorns, nach der Bierflasche griff und sie gegen die Wand schmetterte, wo sie in unzählige Teile zerbarst und den restlichen Inhalt auf dem kalten Stein verteilte. Er wollte es nicht hören, das Geräusch wie hölzern schwere Falltüren nach unten klappten, um dem knarzen eines sich spannenden Seils Platz zu machen. Das gurgelnde Geräusch zweier Leiber, aus denen das Leben langsam herausgepresst wurde. Er glaubte noch immer die kräftigen Hände zu spüren, welche ihn festhielten damit er nicht dazwischen ging. Die heruntergebrannte Kerze flackerte im Kampf um die letzten Reste des benötigten Bienenwachses, bis die kleine Flamme schließlich erstarb und den Raum der Dunkelheit übergab – ähnlich wie die Personen in seinen Gedanken. Eine Dunkelheit, die diesen Mann umschloss während er sein Haupt auf seine verschränkten Arme bettete und seinen unruhigen Geist der lähmenden Wirkung des Alkohols überließ, welcher in gewohnter Intensität durch seine Adern strömte …


Bild