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Warten.

Verfasst: Donnerstag 13. Juli 2017, 11:03
von Lille Kiems
Aufstehen…
Irgendwie die Kopfschmerzen besiegen…
Mh.. diese Robe geht noch

- ich muss mal wieder waschen -
Frühstück? …nein, ist ja eh nichts Frisches da
Außerdem hab ich keine Zeit zum Abwaschen… bestimmt nicht
Meine Stute sieht gesund aus, wie gut, dass der Stallknecht sich fürsorglich um sie kümmert
Aufschliessen, das Schild umdrehen, die Fenster öffnen

Warten.
Fingerbruch, Triefnase, Schramme und wieder eine Schwangere…
Wieso kann sie nicht woanders hingehen wo ich nicht sehen muss wie glücklich sie ist?

Warten.
Den Eintopf von gestern aufwärmen, den Linei mir gebracht hat
- Ihr Junge ist krank ich sollte sie freistellen -
Esme freut sich darüber und schenkt mir ein freudiges Schwanzwedeln…
Warum eigentlich? Weil ich ihren Napf fülle, sowie die Fässer dieser Stadt?
Wie gut, dass die Herren Rahals, es sind fast immer Männer, nicht mit dem Schwanz wedeln wenn sie ihre Tränke abholen

Warten.
Verbandwechsel, mal wieder eine Ogerbeere im Kompott, Sonnenbrand
Ein Fass hiervon, ein paar Fläschchen davon

- meine Vorräte schwinden, ich sollte wieder mischen -
Warten.

Es ist spät, hat die Glocke zwei oder drei Mal geschlagen?
Keine Bettpatienten, auch sonst niemand…
Ich laufe neben Dragora her, soll sie im Mondlicht etwas grasen

- vielleicht mal wieder ein Ausritt? Ein freier Tag? -
Wohin? Warum? Den Kopf frei bekommen von dieser Leere?
Schattenwinkel macht seinem Namen alle Ehre. Nirgends Licht, nicht um die Uhrzeit, außer hinten auf den Zinnen der Burg.
Was bewachen sie nochmal? Achja.. die Bewohner Wetteraus…

- Mal wieder in die Burg, aufräumen -
Obwohl... es muss ja jemand Unordnung schaffen, damit man sie beseitigen kann…
Ich bringe meine Stute zum Stall, ihr Futter steht bereit und der Knecht begrüßt erst sie, dann mich müde, habe ihn geweckt.
Sie freut sich bei ihm zu sein

Zuhause. Haus. Höhle.

Mein Körper spricht mit mir aber ich habe keine Lust zuzuhören
Ich habe fast alles geleert bis auf den Anisschnaps, aber ich würde eher sterben als ihn anzurühren…
Er muss ja was zu trinken haben wenn er wieder kommt und er riecht viel zu sehr nach ihm

Warten.
Eine halbe Flasche billiger Fusel, eine Kerze, das Sofa, unser Sofa und das flackernde Licht auf dem gestickten Drachen vor meiner Nase…
Eine Nase die ich auch schielend kaum noch sehe, so schmal ist sie geworden

- ich sollte was essen -
Statt nach oben zu gehen, schlage ich den Weg nach unten in den Keller ein, zum schlafen…
Warten.
Der hochprozentige Alkohol hilft mir wegzudämmern, schaltet meinen Körper aus

Nichts, Dämmerung, grauer Nebel über Waldboden, Wurzelwerk, Tiere begrüßen den Morgen, aber warum rufen sie so laut?
Unheilvolles Tosen, der Wind bringt das Laub ringsum zum flüstern, rascheln, warnendes Zischen…

Die Wurzeln winden sich, greifen nach meinen nackten Füßen
Unwirklich geht die Sonne überall dem auf und legt einen goldenen Schimmer… einen orangenen…

Ein rotes Züngeln… Feuer… und Blut auf die sich krümmenden Wurzeln.. Leiber
Es sind keine Waldbewohner die rufen, es sind die Schreie von Leidenden


Ich strecke meine Hände nach ihnen aus, ich muss ihnen helfen, das ist doch meine Pflicht?
Meine Finger sind fest verschnürt, von Bandagen gefesselt und zu kleinen unnützen Klumpen zusammengepresst - Bin ich verletzt? -
Hilflos blicke ich wieder zu Boden…


Der Griff einer Waffe, geborsten, blutig, der gebrochene Stiel eines Hammers… seines Hammers

Wie eine Schaufel voller geblendeter, ängstlicher Regenwürmer, die aus ihrer schützenden Erde gerissen wurden, winden sich Sterbende um mich herum…

Der Körper vor mir bewegt sich nun nicht mehr, aber das Zucken des Feuerscheins lässt den Drachen auf seiner Haut sich genauso elend krümmen wie die anderen bemitleidenswerten Kreaturen in deren Mitte ich stehe
Schwarze Strähnen, blutverklebt, schweissnass umrahmen das markante Gesicht, auf welchem ich zuerst die Narbe entdecke. Alles ist verschwommen, mein Blick wandert die Narbe herab zu den tiefen braunen Augen hin…


Sie starren mich an, anklagend und panisch aufgerissen… "Warum kommst du so spät?"

- Zu Spät -

Wieder diese Schreie, aber nicht aus seinem Mund... schrill, furchtvoll, verzweifelt…



Ich erwache nassgeschwitzt von dem Grauen geweckt, dass ich in die Dunkelheit brülle und die Kellerwände mir zurückwerfen
„Dir tut alles weh“ will mein Überbleibsel von Existenz mir sagen, aber ich höre wieder nicht zu, denn der Klang der vergangenen Nächte, wird von der heutigen genährt und hat sich in diesem Raum eingenistet
Er ist lauter als jedes Signal, dass von innen heraus versucht zu flüstern…


- Ja, es ist fast zu spät -

Ich stehe auf, die Kerze in der Wandhalterung ist beinahe herunter gebrannt, also habe ich doch geschlafen?
Meine Füße tragen mich über den kalten Steinboden auf das Bärenfell im Raum gegenüber und ich sehe in den Spiegel


Wer bist du? Warum siehst du mich so erschrocken an, als hättest du einen Geist gesehen?
Er antwortet nicht... noch nicht...

Warten.

Verfasst: Freitag 20. Oktober 2017, 00:00
von Lille Kiems
Stille und Asche

Es ist so still, doch strengt man sich an, hört man es noch flüstern.

Ein leises Pochen als kümmerliche Erinnerung daran was mal war, an das Lodern und Pulsieren, das Brennen und Verzehren. Es ist das was zurück bleibt wenn das Feuer geht, was alles in Brand steckte und man nicht davor gefeit war sich mitreißen zu lassen, selbst hochentzündlich und glühend vom Wunsch zusammen zu etwas Großem zu verschmelzen.


Sowas sind lebendige Flammen, welche in erster Linie nicht vernichten sondern anstecken und alles zu einem großen Signalfeuer wachsen lassen, das jeder sehen kann und einem Wegweiser ist in der Dunkelheit. Ein unvergleichliches Inferno, das sich einen Herd sucht und ihn hell erleuchtet, bis zum Himmel züngelt und gar unendliche Nahrung zu haben scheint, so mutig dass man meinen möchte es greift nach den Sternen und will sich jene mit einverleiben.

So ein Drachenodem, meint man, überlebe alles. Er hat immerhin schon Steine in seinem Weg geschmolzen, knorrige alte Gestalten pulverisiert, ist übergesprungen wenn Täler und Flüsse ihm den Pfad versperrten und hat so jeden Widersacher verschlungen.

Was aber wenn man dem Feuer die Luft abschnürt? Ihm dem Wald nimmt in dem es roden könnte um Platz für Großes zu schaffen und selbst der kleinsten Ästchen beraubt, an die es sich klammern könnte um zu existieren. Es gibt solche die versuchen es in eine Laterne zu schließen, es um seiner selbst wegen zu bewahren ohne zu verstehen, dass es hinter Glas und von kaum mehr als Gebeten genährt, eher eine Rauchschwade ist als ein Feuer. Eingesperrt und kontrolliert darf es schwächlich züngeln, unerkennbar für jene die den Flammen als Zunder oder Nahrung dienten, aber auch allzu leicht zu übersehen für solche die zuvor einem Leuchtfeuer folgten.

Behütet auf einem Docht sitzend der spärlich mit Öl getränkt ist, hat es dort wo es vorher wütete Brachland, kalten Stein und ausgebrannte Ruinen hinterlassen. Ohne seine Wärme ist was dort hätte wachsen können zu Kälte und Bedeutungslosigkeit verdammt.

Unter Ruß und Asche liegt dann alles verborgen was sich vormals mit ihm zu den Sternen erhob und funkenschlagend von Wipfel zu Wipfel übersprang, wurde gedämpft, erstickt, beschmutzt und wertlos.


Jetzt wo das Licht des Feuers fehlt, trauen sich fahle Sonnenstrahlen kaum nachzusehen was sie noch erblicken können und wenn doch, so sehen sie nichts weiter als winzige Schatten hinter den Ascheberglein. Über dieses Schlachtfeld voller Gräber weht nur noch der Wind, der sich erst anmaßte jedes noch so leidenschaftliche Feuer zu ersticken und nun über die Fläche heult, weil er nichts mehr findet an dem er sich verfangen könnte um dort weiteren Schaden anzurichten.

Unter den staubigen Überresten vergangener Brände klopft es immer leiser…

Verfasst: Donnerstag 2. November 2017, 23:13
von Lille Kiems
Namen


Geboren als niemand, aufgezogen in Einsamkeit und ohne die Wärme einer Mutter oder eines Vaters zu kennen, verraten und geschändet hatte sie sich an den Haaren aus dem eigenen Blut gezogen und wissend, dass sie ohne Hilfe den nächsten Winter nicht würde überstehen können, in die unbekannte Zivilisation gewagt.

Dort wurde sie das erste Mal in ihrem Leben nach ihrem Namen gefragt und es bedurfte einigen Grübelns um sich zu entsinnen, dass ihr vermeintlicher Bruder sie manchmal ‚Lille Skugari‘ gerufen hatte.


Kleiner Schatten


Als eben solcher betrat sie Gerimor, mit nichts außer den Grundkenntnissen die sie über das Verarzten von Tieren und dem Überlebenskampf im Wald wusste.
Mit der Zeit kamen viele Menschen, beeinflussten sie, lehrten sie und prägten ihre Entwicklung, hier rief man sie Lille, so hatte sie sich vorgestellt, auch wenn andre ihre Namen von Eltern bekamen und sie sich ihren aus dem abfälligen Ruf des Mannes ableitete, der sie spärlich ernährt hatte und später aus Feigheit an die Männer verraten hatte, die ihr fast das Leben genommen hatten.


Von der Insel in die Stadt, von einer unbedeutenden Kräutermischerin zur Leiterin eines Hospitals hatte sie es geschafft, alles in der Hoffnung sich eine Grundlage für ein Leben zu schaffen, dass, so träumte sie, irgendwann einmal so etwas wie eine Familie für sie bereithalten würde. Sie wollte Kinder, wollte ein sicheres, liebevolles Zuhause für sie schaffen, ihnen etwas anderes bieten als das was sie selbst durchlitten hatte. Sie mit Würde, Stolz, Geborgenheit groß werden lassen.

Dann wurde das Leben des ‚kleinen Schattens‘ von Licht durchflutet, es ließ sie die ewig ersehnte Wärme spüren und trug sie inmitten von Menschen die sie Familie nennen sollte. Sie verschmolz mit ihm, er wurde ein Teil von ihr und andersherum ebenso… dann teilte er seinen Namen, seine Wurzeln mit ihr, gab ihr das was ihre Eltern hätten tun sollen.
Lille Dracones
Das war Sicherheit, Gemeinschaft, Vertrauen und Loyalität zueinander. Mit ihm wusste sie, würde sie eine starke Familie gründen können, Kinder die eine große Zukunft haben würden gebären können, zur Ruhe kommen und endlich mal die Waffen gegen die Hinterhalte des Lebens ruhen lassen.
Sie hatte Feuer gefangen an diesem Drachen, aber nicht nur Leidenschaft, ihr Herz, ihre Kraft, ihre Seele standen entflammt von ihm und dem Band dass sie zueinander geschmiedet hatten.


Dann war er fort, ging einen Umweg und verließ den Pfad neben ihr. Es wurde kalt und sie bemerkte dass alles was an ihr Feuer gefangen hatte nur noch schwach glomm, zu Kohle gebrannt war und ohne seinen Funken zu erlöschen drohte.


Als er heimkehrte fühlte sie die Flammen erneut lodern, doch statt sie in Brand zu setzen, streifte er sie nur, ging weiter und ließ sie stehen… da erkaltete sie ganz. Wie ausgebranntes Holz spürte sie sich zerfallen und die Teile die sie ihn hatte bereitwillig in Flammen setzen lassen, die sie ihm willentlich hingab um es ihn ‚Sein‘ nennen zu lassen, wehten seinen kühlen Schritten als Aschefetzen hinterher.


Wo kein Feuer mehr ist und seine Nahrung verzehrt, da können auch keine Schatten geworfen werden. Sie war nun nicht einmal mehr der Schatten von ihm, geschweige denn von sich selbst, denn er war freiwillig in vollkommene Schwärze getreten und hatte sein Licht gegen die Dunkelheit eingetauscht. Alles was von ihr übrig blieb war verkümmert und ‚Klein‘…


Lille