Seite 1 von 1

Neue Zeiten, neue Verpflichtungen... Mutter sein

Verfasst: Mittwoch 5. Juli 2017, 21:39
von Liska Erlengrund
Es war absurd.
Völlig wahnsinnig.
Total verrückt.


Da lag dieses kleine Wesen und atmete ruhig und friedlich. Fühlte sich so beschützt und geborgen und vertraute alles und jedem um sich herum. Lebte und liebte. Bedingungslos. Und ahnte wohl kaum, wie grausam und schlecht die Welt sein mochte dort draussen.
Dass es bereits Kämpfe in den eigenen Wänden gab, konnte dieser kleine Wurm wohl kaum ahnen. Essen und schlafen beherrschten derzeit den Tagesrhythmus, neben dem Vollmachen der Windeln. Der kleine Wirbelwind war abgeflaut zu einem müden und friedlichen Wesen, das seine Kraft sammelte für das nächste Aufbegehren.

Es war alles viel zu gut gelaufen. Die Schwangerschaft, die Geburt, sogar die erste Nacht. Und trotzdem ließ sie die Angst nicht los. Dass irgendetwas schief gehen würde, irgendeine Entscheidung falsch sein könnte und alles durcheinander brachte. Sie hatte sich auf dieses Abenteuer eingelassen, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Das Typische, wenn man ihren Charakter betrachtete: Immer auf Risiken aus und den höchsten Einsatz bietend. Was früher in Form von Goldmünzen und Schnapsflaschen auf den Tischen landete beim Kartenspiel, war heute einer ganz anderen Art von Wetteinsatz gewichen. Stabilität, Treue, Beständigkeit. Das Leben war schon fast furchtbar bieder geworden durch die Entscheidungen der letzten Zeit. Selbst das Streiten war schon fast Etwas, dem sie aus dem Weg ging. Ohne den nötigen Alkohol im Blut und der stetigen Wut von damals war es schlichtweg auch nicht wichtig.
Sie vermisste manchmal die alten Zeiten. Das Herumstreunern. Die Ziellosigkeit, die aber auch Freiheit sein konnte. Wo es noch kein Gefühl der Reue oder Verantwortung gab. Doch jedes Herz wurde älter und auch jeder Verstand reifte mit der Zeit, mochte es manchmal auch länger dauern. Sie wusste, dass sie mehr gewonnen als verloren hatte mit ihren Entscheidungen. Es war weitaus besser, Leute um sich herum zu haben, die sich sorgten anstatt einen übers Ohr zu hauen.

Und trotzdem hatte sie auch Angst. War es wirklich die richtige Entscheidung gewesen, sich diesem Abenteuer zu stellen? Diesem kleinen Wesen eine Mutter zu sein? Sie war verwirrt über die eigenen Gefühle, die sie noch nicht richtig einzuordnen vermochte. Tief im Inneren war da dieses fest gewobene Band zu dem kleinen Wurm, der so lange in ihr drin sich entwickelt hatte. Und doch schien ihr so fremd, was dort in der Wiege lag und vor sich hinschlummerte. Konnte sie wirklich so etwas wie eine Mutter sein? Sie kannte nicht einmal die üblichen Wiegelieder... neben der Tatsache, dass sie auch nicht wirklich singen konnte. Was wusste sie eigentlich über Kinder? Dass sie laut und nervig waren, viel zu viele Fragen stellten und in vielerlei Hinsicht auch frech und dreist. Und würde der kleine Wurm da auch nur halb so viel Temperament haben wie sie, so wusste sie schon, wie oft Grenzen ausgetestet werden würde.
Und was, wenn sie die Grenzen zu eng ziehen würde? Würde ihr kleiner Wurm dann auch einfach abhauen? Hinaus in die Welt und weit weg von dem, was sich Familie schimpfte? So viele Fragen, die sie plagten, kaum das alles real geworden war. Und noch wusste das kleine Wesen nichts davon, sondern freute sich still und genügsam über die Nähe zur Mutter, wenn diese mal wieder nicht schlafen konnte und den kleinen Wurm herumtrug.

Da war er nun. Der kleine Wirbelwind, der so heftigst das Treten geübt hatte, als er noch nicht auf der Welt war. Der kleine Flaum auf dem Schopf wurde langsam aber sicher heller. Es würde die Farbe des Vaters bekommen. Kein Rotschopf. Vielleicht war das ein Zeichen, dass alles anders werden würde. Dass diesmal das Wort in seiner Bedeutung blieb, was es hieß: Familie.

Sie waren nun eine Familie. Eine neue Aufgabe war dazugekommen, derer sie sich noch nicht so weit fühlte. Doch wie immer hatte sie eben den Einsatz gemacht, ohne nachzudenken oder groß abzuwägen. Nun galt es, den Gewinn weise zu nutzen.
Ein kleiner Wirbelwind war auf der Welt... und sie trug den Namen Isaja.

Verfasst: Sonntag 15. Oktober 2017, 19:48
von Liska Erlengrund
Lippen flattern lassen, aufquietschen... in die Haare greifen. Und wenn mal nicht geschlafen und nicht die Stimme freudig ausprobiert wurde, so schrie mittlerweile der Wurm aus vollem Halse nach Milch oder einer neuen Windel. Man konnte nicht einmal vortäuschen, dies zu überhören und sie wettete darauf, dass selbst die Seeleute auf dem Kutter noch das Gebrüll der Kleinen hören konnten. Wie schade, dass die mal nicht die Brust geben können zum Füttern...

Es war erstaunlich... der kleine Wurm mauserte sich, wuchs und gedieh und begann schon eifrig nun, die Welt zu erkunden. Zwar zunächst mit den Fingern und ganz viel angenuckelten Dingen, aber das würde sich auch bald weiter entwickeln. Sie hob den Kopf, erkannte die Stimmen der Eltern und reagierte darauf. Ein kluges, gesundes Kind... wenn da nicht die angespannte Stimmung der Mutter gewesen wäre.
Sie fragte sich, wie es sein konnte, dass Isaja so... lebensfroh war. Dass sie so quietschte und zahnlos aufzugrinsen begann. Fidelias erfreute sich an dem Würmlein und dessen Entwicklung, während bei ihr die Freude darüber sich in Grenzen hielt. Viel mehr hatte sie die letzten Sommer- und Herbsttage genutzt, um Stunden durch den Wald zu streifen, immer wieder ein Kraut abzupfend oder Blüten einzustecken. Das Rascheln des Laubes, das Knacken der Äste, der Wind, der durch die nunmehr blattlosen Baumwipfel pfiff und rauschte... das waren die Geräusche, die ihr Ruhe gaben und ein wenig Frieden schenkten. Die Lust, nach Hause zu kehren, war mäßig, doch irgendwann spannte der Oberkörper so sehr, dass es keinen Ausweg mehr gab. Wieviel man doch nicht erzählt bekam, wenn es um das Pflegen eines Kindes ging. Und wieviel auch davon den eigenen Körper betraf.

Die Ruhe in Bajard hatte sich mit den Erzählungen Marikas verpufft. Sie wollte endlich einmal die Sache mit der Bürgerwehr angehen, auch wenn dies eigentlich in erster Linie Zunftangelegenheit war. Doch die Gespräche in der Schwesternschaft füllten sie wieder mit Tatendrang, sich dort einzumischen. Es war etwas Anderes als nur Mutter zu sein. Anders, als nur Seifenlaugen aufzusetzen und Kräuter für den Winter gescheit zu verpacken. Die Ideen dazu reiften erst, nahmen leise in ihrem Schopf Platz. Doch auch der Kreis der Schwestern war größer geworden und man musste eine Einigung finden. Manchmal wunderte sie sich selbst darüber, wie viel stoischer sie das noch ertrug. Da half es doch manches Mal, dass sie bei bestimmten Wörtern doch reizbar wie eh und je wurde. Es bestätigte, dass sie noch immer tief in sich eine Lisarias war, die sich nicht den Mund verbieten ließ und gern aussprach, was sie dachte.

3 Monate... drei verdammte Monate schon, an dem sich ein neuer Rhythmus eingeschlichen hatte. Sie fürchtete sich vor dem Winter, wo sie öfter Zuhause sein müsste als ihr lieb war. Vielleicht würde sie sich mit der Hütte beschäftigen, die den Schwestern von Vefa geblieben war im Wald. Dort musste einiges gerichtet werden und man war sich noch nicht gänzlich einig, wie man diese nutzen könnte. Du suchst nach Fluchten... Sie fragte sich, ob das normal war... ob man so sehr lieben und gleichzeitig sich so fürchten konnte. Vielleicht würde sie Majalin dazu mal fragen.

Vielleicht auch nicht.