Weißer Marmor und schillernde Blüten
Verfasst: Montag 5. Juni 2017, 10:13
Der Anfang einer Reise...
- Immer wieder strichen ihre weichen Fingerspitzen über den den Rand der aus Metall geformten Wanne. In einer gewundenen Kurve wurde dieser gebogen, sodass ihre Hand darunter greifen musste, um sich des Endes der Schmiedearbeit für das verträumte Spiel bedienen zu können. Am'erie empfand einen freudvollen Frieden darin ihren Körper in heißes Wasser zu legen, es mit pflegender Stutenmlich oder Badeölen zu vermengen. Die Düfte liebkosten ihre Nase, die Substanzen streichelten ihre Haut wie kostbarer Samt. Manchmal gar war es wie ein süßliches Kitzeln, wenn sie ihre Zehen herausstreckte oder ihre Knie unter die Wasseroberfläche brachte. So oft, wie auch an diesem Tage, saß sie schlichtweg dort in diesem ansonsten fast leeren Raum und genoss die Stille, die wie eine zart gewobene Melodie an ihre spitzen Ohren drang. Ganz und gar verbunden mit sich und ihrer Umgebung war die Gelegenheit darin zu versinken ein kostbarer Schatz. Unter einem lieblichen Seufzen lehnte sie ihren Nacken zurück an den Wannenrand und spürte dabei, wie die unteren goldenen Härchen im Nacken feucht wurden. Ihre goldenen Locken hatte sie locker mit einer Stecknadel aus reich gemaserten Wurzelholz hochgesteckt. Der Blick aus ihren runden, azurblauen Augen hatte in diesen Stunden stets etwas, an dem er sich festhalten konnte und das ihr in all den Jahren noch niemals zu banal geworden war: Ein Buntglasfenster, eingelassen in eine Öffnung in der steinernen Mauer ihres Familienhauses. Zusammengesetzt aus vielen einzelnen, kleinen Glasscheiben ergab sich durch eingelassene Bleiruten ein fast schon grafisches Bild, eine eigene für sich stehende Form der schaffenden Kunst. Es war nicht groß, vielleicht nicht ganz einen Meter und lief nach oben spitz zusammen. Doch war es eines der wunderbarsten Kunstwerke, die sich in diesem Heim befanden. Zumindest für Am'erie. Jede einzelne eingeschlossene Luftblase im Glas, jeder Pinselstrich der dunkel aufgetragenen Konturlinien, jede Span der Bleiruten... sie konnte es bereits vor ihrem inneren Auge in jedem Detail rekonstruieren. Die Türme des Palastes. Die Dächer Ered Luins. Es war ein Bild geschaffen aus einer Mischung von Wahrhaftigkeit und Fantasie, von Erinnerungen und Dichtung. Realität und Traum. Das Bildnis offenbarte niemanden ein Geheimnis, vielmehr wollte es eines schaffen und festhalten. Eingelassen in einen metallenen Rahmen war es nur mit einem Haken zu verschließen oder auch in einer leicht geöffneten Position zu halten. Ein Schauder wäre es gewesen, hätte ein Luftstoß das Glas gegen eine Kante geschlagen. Und so war es der jungen Elfe möglich auch hinaus zu horchen, dem Zirpen der Vögel zu lauschen, die den baldigen Sonnenuntergang begrüßten. Ab und an setzte sich ein Vögelchen auf den Sims, trällerte sein Lied und entschwand flatternd hinaus in die klaren Lüfte.
„Ich werde es vermissen... das Fenster...“, wisperte sie leise und spürte wie ihr Bruder ihr einen Kuss auf den Schopf setzte und ahnte, wie seine Lippen danach zu einem schwachen Lächeln aufgehen würden. Er war schon immer geschickt darin gewesen sich so lautlos zu bewegen, dass selbst Schnee unter seinen Sohlen nicht brach. Doch so tief verwurzelt war ihr Lied in geschwisterlicher Zuneigung und dem geteilten Blut, dass er ihr nichts mehr vormachen konnte. „Wir werden dich vermissen, Goldkehlchen. Du wirst deine Erinnerungen bald mit neuen Bildern füllen und dieses dort darin wiederfinden. Du wirst die Türme berühren können, im Lied der Ahnen tanzen.“ Da wurde die junge Elfe sich bewusst, dass ihre Finger noch immer mit der unteren Kante des Wannenrandes spielten und ließ es bleiben. Ihr Bruder wusste, wie gerne seine Schwester Dinge berührte, sie spüren und begreifen wollte, als würde ein auch nur kurzer Kontakt die Erinnerung in ihrer Seele festhalten, über alle Zeit hinaus. Manchen Dingen versprach dies Unsterblichkeit. Zart verengten sich ihre Augen, als sie nach dem bunten Licht im Glas suchte.
„Ich habe es mir gewünscht, nicht wahr? Wenn meine nith vorüber ist nach Ered Luin zu reisen, meinem Seelentier zu folgen. Sie locken mich ganz fürchterlich, folgen mir in meine Träume. Und doch liebe ich es auch hier, bei euch zu sein.“
„Ich streife immer wieder zurück zu dieser Höhle in der Ferne. Aber dich ruft der Wind, mein Goldkehlchen. Wie die Schwalben solltest du dich auf den tragenden Wind fallen lassen und die Flügel weit spreizen. Auch wenn du zu scheu bist dir das immer einzugestehen.“ Und unrecht hatte er nicht. Am'erie war zufrieden darin ein Nest zu haben und sich den schönen Dingen zu widmen. Eine Befriedigung fand sie darin in ihrer Jugend das Weben und Nähen zu lernen und sich auch jetzt noch darin mit Zuneigung zu üben. Ein Traum aus Stoffen, aus einzelnen Fäden. Etwas so Vergängliches wie eine pflanzliche Faser, ein Faden Seide, wurde zu etwas prachtvollen für Jahrzehnte. Geschenkte Zeit. Eingefangene Träume. Empfanges Glück. Eine schöne Kleidung war Wohltat für Körper und Seele, war ein Symbol, das nicht für einen Stand sprach, aber für den Sinn der Schönheit und des Selbstbildnisses. Deshalb pflegte Am'erie sich mit Bädern und Ölen, mit Salben und Parfümen. Sie kämmte ihre goldenen Locken und freute sich über die Handgriffe ihrer Mutter, wenn sie ihr langes Haar flocht und steckte. Die eigene Erscheinung zu pflegen empfand sie nicht als Eitelkeit, es erschien ihr als Widmung, als Dank an ihr Sein, die Schöpfung ihres hohen Volkes.
„Als Kinder spielten wir im Nebelwald und jagten die Lichter, doch war es mehr als tanzten wir mit ihnen und lauschten den Gesang unserer Geschwister, der überall so gegenwärtig war.“ So entsann sie sich der alten Tage, ehe ihre Eltern eine Aufgabe in der Ferne fanden, in welcher sie der Gemeinschaft dienlich waren. Auch sie hatten vor alsbald Heim zu kehren, zurück zu ihrem Geburtsort. Doch ihre Tochter würde ihnen vorausgehen um zu lernen und ihrem Seelentier zu folgen. So war es vereinbart, als sie hundert Jahre alt wurde...
Und so drückte sie sich mit ihren Händen am Wannenrand ab und ließ das lauwarm gewordene Wasser an ihrer golden schimmernden Haut herablaufen. Zunächst in kleinen Bächen, dann waren es nur noch kleine Rinnsale, die um ihre weichen doch wenig üppig ausgeprägten Kurven flossen und sich auf ihren schlanken, langen Gliedmaßen verloren. Noch während sie die Nadel aus ihrem Haar zog und die goldenen Kaskaden sich auf ihrem schmalen Rücken ausbreiteten stieg sie aus der Wanne und ging auf das Fenster zu. Nur um es dann behutsam zu öffnen und auf den Horizont hinaus zu blicken.
„Ich will mich ein letztes Mal umsehen und Abschied nehmen.“ Und so stieg sie mit den Knien voran auf die steinerne Fensterbank. Zunächst noch streifte der Wind kühl ihre Haut, doch bald glitt er über ihr feines Federkleid hinweg.
Auf ihrer Brust und Kehle waren die Federn aus Gold.
Goldkehlchen.
- Immer wieder strichen ihre weichen Fingerspitzen über den den Rand der aus Metall geformten Wanne. In einer gewundenen Kurve wurde dieser gebogen, sodass ihre Hand darunter greifen musste, um sich des Endes der Schmiedearbeit für das verträumte Spiel bedienen zu können. Am'erie empfand einen freudvollen Frieden darin ihren Körper in heißes Wasser zu legen, es mit pflegender Stutenmlich oder Badeölen zu vermengen. Die Düfte liebkosten ihre Nase, die Substanzen streichelten ihre Haut wie kostbarer Samt. Manchmal gar war es wie ein süßliches Kitzeln, wenn sie ihre Zehen herausstreckte oder ihre Knie unter die Wasseroberfläche brachte. So oft, wie auch an diesem Tage, saß sie schlichtweg dort in diesem ansonsten fast leeren Raum und genoss die Stille, die wie eine zart gewobene Melodie an ihre spitzen Ohren drang. Ganz und gar verbunden mit sich und ihrer Umgebung war die Gelegenheit darin zu versinken ein kostbarer Schatz. Unter einem lieblichen Seufzen lehnte sie ihren Nacken zurück an den Wannenrand und spürte dabei, wie die unteren goldenen Härchen im Nacken feucht wurden. Ihre goldenen Locken hatte sie locker mit einer Stecknadel aus reich gemaserten Wurzelholz hochgesteckt. Der Blick aus ihren runden, azurblauen Augen hatte in diesen Stunden stets etwas, an dem er sich festhalten konnte und das ihr in all den Jahren noch niemals zu banal geworden war: Ein Buntglasfenster, eingelassen in eine Öffnung in der steinernen Mauer ihres Familienhauses. Zusammengesetzt aus vielen einzelnen, kleinen Glasscheiben ergab sich durch eingelassene Bleiruten ein fast schon grafisches Bild, eine eigene für sich stehende Form der schaffenden Kunst. Es war nicht groß, vielleicht nicht ganz einen Meter und lief nach oben spitz zusammen. Doch war es eines der wunderbarsten Kunstwerke, die sich in diesem Heim befanden. Zumindest für Am'erie. Jede einzelne eingeschlossene Luftblase im Glas, jeder Pinselstrich der dunkel aufgetragenen Konturlinien, jede Span der Bleiruten... sie konnte es bereits vor ihrem inneren Auge in jedem Detail rekonstruieren. Die Türme des Palastes. Die Dächer Ered Luins. Es war ein Bild geschaffen aus einer Mischung von Wahrhaftigkeit und Fantasie, von Erinnerungen und Dichtung. Realität und Traum. Das Bildnis offenbarte niemanden ein Geheimnis, vielmehr wollte es eines schaffen und festhalten. Eingelassen in einen metallenen Rahmen war es nur mit einem Haken zu verschließen oder auch in einer leicht geöffneten Position zu halten. Ein Schauder wäre es gewesen, hätte ein Luftstoß das Glas gegen eine Kante geschlagen. Und so war es der jungen Elfe möglich auch hinaus zu horchen, dem Zirpen der Vögel zu lauschen, die den baldigen Sonnenuntergang begrüßten. Ab und an setzte sich ein Vögelchen auf den Sims, trällerte sein Lied und entschwand flatternd hinaus in die klaren Lüfte.