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Perzeption durch Knopfaugen.

Verfasst: Donnerstag 20. April 2017, 13:12
von Lyx Landerwal
Vergangenheit


"Oink, Oink, Oink! Schau' Lyx, ich bin ein kleines Schweinchen! Oink! Du schaust ja gar nicht!". Das beschauliche Örtchen Siebenlauten war am Vortag von einem kräftigen Schauer überrascht worden und so hing noch am Morgen des Folgetages dieser frische Geruch von Regen und Erde in der Luft. Die unbefestigten Wege waren aufgeschlämmt und das kleine Mädchen, das mit penetranter Stimme die Morgenstille durchbrach, rollte sich unter vollem Körpereinsatz in einer Schlammpfütze. Der rothaarige Junge - er war ein paar Jahre älter - hätte an einem anderen Tag vielleicht hinter ihr hergejagt, Fangen oder Verstecken gespielt, doch heute saß er nur zusammengesunken am Wegesrand und beobachtete seine Schwester. "Halt die Klappe, Lynn! Verstehst du nicht, dass ich gleich fort muss?". Sie verstand es nicht; wie auch, wenn selbst er, der Ältere, nicht so recht begreifen konnte, was in seinem Leben vorging. "Ich bin schon alt genug um zu arbeiten und muss einen Beruf lernen, deshalb muss ich in eine andere Stadt. Du wirst mich dann eine ganze Weile nicht mehr sehen". Zumindest waren das die Worte, die er immer und immer wieder von den Eltern vernommen hatte und inzwischen hatten sie sich gut genug in sein Gedächtnis eingebrannt, dass er sie problemlos wiedergeben konnte.

Auf allen Vieren näherte sich das Mädchen und Lyx konnte gerade noch verhindern, dass sie die schlammbeschmutzten Arme um ihn schlang, was gleichwohl eine gehörige Tracht Prügel für ihn bedeutet hätte, waren für die Reise doch gesondert feine Kleider erworben worden. "Du bist mies im Verstecken Lyx, ich finde dich immer. Versteck' dich nur, ich krieg' dich!", versprach sie mit einem Lachen, spuckte ihm kurzerhand auf die Wange und lief dann quer durch die saftige Wiesenlandschaft aus seiner Sichtweite. Ohne Wut entfernte er den geschwisterlichen Speichel von seiner Haut und erhob sich mit einem leisen Seufzen. Der letzte Tag seiner Kindheit neigte sich dem Ende zu und es war an der Zeit, zum Haus zurückzukehren. Auf dem Rückweg konnte er bereits aus der Entfernung die Umrisse einer Kutsche ausmachen und so verlangsamte er seine Schrittgeschwindigkeit immer weiter. Bedauerlicherweise konnte er gar nicht so langsam werden, um dem Lauf der Zeit auch nur annähernd die Stirn zu bieten und so gesellte er sich schließlich zu seinen Eltern, die gerade mit dem Kutscher sprachen.

Der großgewachsene Mann war mit strengen Gesichtszügen ausgestattet und widmete dem Jungen keinerlei Aufmerksamkeit, während er den Eltern erklärte wohin genau er den Nachwuchs kutschieren würde und was es der Familie kosten würde, die gesamte Ausbildung in der Zunft der Schreiber, Chronisten und Geschichtenerzähler zu finanzieren. Nachdem alle Einzelheiten geklärt und der Vater einen Vertrag mit dem offiziellen Siegel der Kanzlei Knopf unterschrieben hatte, folgte ein tränenreicher Abschied und das gegenseitige Versprechen, regelmäßig Briefe zu schreiben. Ehe Lyx sich versah, saß er schon neben dem Kutscher und die holprige Fahrt nahm ihren Anfang. Es dauerte eine ganze Weile bis er den Mut zusammengekratzt hatte, um seine junge Stimme zu erheben. "Ist .. ist Herr Knopf ein netter Mann?". Außer einem Augenkontakt, der nur den Bruchteil einer Sekunde andauerte, erhielt er keine Antwort. Die restliche Fahrt war von Unsicherheit und drückendem Schweigen bestimmt.

Verfasst: Sonntag 23. April 2017, 23:44
von Lyx Landerwal
Gegenwart


Trotz der unmittelbaren Nähe zum rauschenden Meer musste man den salzigen, penetranten Geruch der in der Luft lag den alten Seemännern, die an diesem Abend Lyx' Gesellschaft darstellten, zuschreiben. Manche von ihnen waren derart aufgedunsen - der Begriff 'Seebär' kam einem ohne weiteres in den Sinn - dass der Schreiber voll und ganz davon überzeugt war, sie müssten allesamt auf dem Wasser obenauf schwimmen und waren vor allem deswegen schon so lange im Geschäft, weil sie durch eben jenen Zustand vor dem Ertrinken gefeit waren. Bei Schiffbruch, so dachte er, würden sie einfach abwarten und sich zurück an die Küste treiben lassen. So oder so, ihr Angebot auf einen Schnaps hatte er jedenfalls nicht abgelehnt. Das lag einerseits an der schlichten Tatsache, dass er nicht unhöflich erscheinen wollte. Auf der anderen Seite würde er für das anschließende Treffen ein wenig Mut brauchen und so kam der Rachenputzer gerade recht.

Der Rothaarige stellte ernsthaft in Frage, wie auch nur ein einziges Schiff jemals den richtigen Kurs fand, bedachte man die Menge an Schnaps die gerade noch in den seemännischen Hälsen ihr Ende gefunden hatte. Es war nicht verwunderlich, dass er selbst ein wenig wackelig auf den Beinen unterwegs war, zumal er nur den dumpfen Laternenschein zur Erleuchtung hatte und sich außerdem noch über den unebenen Waldboden quälen musste. Ein Beobachter wäre zu dem Entschluss gekommen, dass der nächtliche Wanderer kein bestimmtes Ziel anstrebte, wechselte er doch dermaßen oft und scheinbar spontan die Richtung. Gut einen halben Stundenlauf torkelte er durch diverse Waldstücke, bis er schließlich eine abgerissene Gestalt mit dunklem Haar auf einem umgefallenen Baumstamm sitzen sah. Begleitet von einem erleichterten Lächeln nahm er Platz.

"Was hast du da?", erkundigte sich das männliche Wesen an seiner Seite und nahm ihm die Laterne ab, um den Inhalt seiner anderen Hand besser auszuleuchten. Blassgrüner Stoff, ganz offensichtlich ein Kleidungsstück. "Du hast es gestohlen, nicht wahr? Du musst es zurückgeben, weißt du denn nicht, was sonst passiert? Natürlich weißt du es. Sei nicht dumm." Der Rothaarige ließ den Zeigefinger behutsam über das messingfarbene Band in der Mitte gleiten, dermaßen vorsichtig, als würde er fürchten es anderenfalls zu beschädigen. Ein wenig gequält war sein Gesichtsausdruck, als er schließlich den Blick in das schlecht beleuchtete Antlitz seines Sitznachbarns richtete. "Du wirst ihm doch nichts verraten, oder?". Direkter Blickkontakt, bittender Unterton und ein unsicheres Lächeln, das schon wenige Momente später in seiner Position zu Eis gefror, als er eine eindringliche und gehässige Stimme an seiner linken Ohrmuschel vernahm. "Mir was nicht verraten, Landerwal?"

Verfasst: Sonntag 30. April 2017, 01:10
von Lyx Landerwal
Gegenwart


Der Inhalt der kleinen Glasfläschchen hatte seiner unruhigen Seele tatsächlich zu einem bitter nötigen Schlaf verholfen, der beinahe den gesamten Folgetag andauerte. Die durchschwitzten Laken und die Tatsache, dass das Kissen neben dem Bett auf dem Boden lag, erzählten dennoch von einer mehr als unsteten Rast. In einer idealen Welt hätte Lyx nun einfach die Augen wieder ge- und verschlossen, doch das imaginäre Blut an seinen Händen brannte mehr und mehr auf der Haut. Ein weiteres Fläschchen wurde geöffnet und die Lippen um die Öffnung gelegt, bis der dickflüssige Sirup vollständig den Weg seine Kehle hinunter zurückgelegt hatte. Unsicherheit herrschte bei ihm darüber, ob es der Wirkstoff oder doch viel eher der Geschmack nach Fürsorge war, der ihm zu diesen dunklen Stunden Trost schenkte. Er schmatzte. Letzteres. Definitiv letzteres.

Am heutigen Abend erlebte er einen dieser Momente, bei dem man sich - plötzlich und ohne Erinnerung an den Weg - an einem anderen Ort wiederfand. Man konnte am Boden noch immer deutlich erkennen, dass die Erde an dieser Stelle vor kurzem aufgewühlt worden war; allerdings war der Fleck zumindest halb von einem Hagebuttenstrauch verdeckt, was ihn wiederum zu der Erkenntnis führte, dass nur er als Eingeweihter diese Stelle so gut erkannte und es einem unbeteiligten Beobachter gänzlich anders ergehen würde. Wachsame Blicke, nach links, nach rechts, eigentlich in jede erdenkliche Richtung, erst dann ließ sich der Schreiber auf die Knie herabfallen und begann mit beiden Händen im Erdreich zu buddeln. Die Bestattung war eine hektische Affekthandlung gewesen und so war da noch in einer Hinsicht Nachholbedarf.

Grotesk. Anders konnte man die Szene kaum beschreiben, wie er da im Erdreich kniete und die bleiche Hand, die da aus dem Erdreich herausragte, fest mit beiden Händen umschlossen hielt. Er würde niemals wissen, welchen Umfang sein Wirken gehabt hatte. Niemals wissen, welchen Namen das Mädchen trug, was sie beruflich getan hatte, ob sie verheiratet war oder Kinder geboren hatte. Sanft strich er über die zierlichen, eiskalten Finger und säuberte in dessen Zuge noch mit einer gewissen Geistesabwesenheit ihre Fingernägel von eventuellen Erdkrusten. Der Rotschopf schnappte nach Luft, wie er einen kleinen Stich im Herzen fühlte, als das gesamte Ausmaß an Reue über ihn hereinbrach. Aus den Augenwinkeln konnte er dabei eine Gestalt erkennen, die sich hinter einem Baumstamm versteckte und ihn unverhohlen beobachtete, gleichzeitig von dem Geschehen aber zu verängstigt schien, um sich auch nur einen Schritt zu nähern. Lyx hatte weder Zeit noch Nerven um sich in diesem Augenblick mit dem Störenfried zu beschäftigen und übte noch einmal sanften Druck auf die leblose Hand aus, bevor sie dann mit Kraftaufwand zurück unter die Erde gedrückt wurde. Übrig blieb nur sein Flüstern, das schon Herzschläge danach vom Wind davongetragen worden war: "Es tut mir Leid."

Verfasst: Donnerstag 18. Mai 2017, 23:11
von Lyx Landerwal
Vergangenheit


Schlechte Angewohnheiten sitzen tief. Auch wenn die Eltern ihm sehr deutlich gemacht hatten, dass ein solches Verhalten in einer Kanzlei nichts zu suchen hatte, knabberte er unentwegt an seinen Fingernägeln herum, die schon zu unschönen Stümpfen verkommen waren. Und während er die kleinen Stückchen mit der Zunge in seiner Mundhöhle hin und her schob, starrte er unentwegt zur großen Türe, als könnte er sie dadurch dazu bewegen, sich zu öffnen. Nachdem er die Kutsche verlassen hatte, wurde er in dieses kleine Zimmer - welches aus wenig mehr als Tisch und Sessel bestand - geführt und verweilte dort mittlerweile fast einen ganzen Stundenlauf. Auf den Sessel, der nur auf einer Seite des Tisches zu finden war, traute er sich nicht zu setzen und so stand er da und wartete. Der Boden des Raumes bestand aus etwa achtunddreißig Holzdielen und siebenundneunzig Eisennägeln, stellte er während der Wartezeit fest.

Als die Türe sich nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete, musste der erwähnte Untergrund auch direkt zeigen, aus welchem Holz er geschnitzt war. Ein massiver Mann, der umgangssprachlich wohl wenig charmant als fett zu bezeichnen wäre, trat bis hinter den Tisch und ließ sich in die Polsterung des Sessels fallen. Obwohl er einen recht jungen Eindruck machte, waren nur spärliche Haarbüschel auf seinem Kopf zu finden. Die Kleidung war ordentlich und einzig der Hosenträger, dessen Zweck wohl war, seinen Bauch in Zaum zu halten, fiel ins Auge. Zumindest solange er nicht den Mund öffnete und die diversen abgebrochenen Zähne in seinem Mund zur Schau stellte. Ja, die Erscheinung war grobschlächtig und einschüchternd, weshalb es umso schockierender war mit welcher Herzlichkeit er schließlich die Worte an den zukünftigen Lehrjungen richtete.

"Mein Name ist Geralt Resl, allerdings nennen mich alle hier nur den Kollegen Resl. Tu' das ruhig auch. Ich werde dir hier alles beibringen und zeigen. Interessierst du dich für die Hühnerhaltung? Falls ja, werden wir uns bestens verstehen. Du wirst sehen, dass wir hier in der Kanzlei einen sehr angenehmen Umgang untereinander haben; die Ausnahme bildet dabei der Herr Knopf. Du solltest ihm stets mit dem größten Respekt begegnen und ihn am besten nur behelligen, wenn er dich anspricht. Ich will, dass du dir das gut einprägst Lyx, denn deine Ausbildung hier hängt davon ab: Betritt niemals sein Zimmer, wenn du nicht dazu aufgefordert wurdest. Niemals." Nach den ersten Worten kehrte Schweigen ein und erst als der Rotschopf mit unsicherem Lächeln nickte, wurde dieses teils zahnlos erwidert. "Sehr gut! Am wichtigsten bei der Hühnerhaltung ist natürlich die Rasse. Je nachdem ob man sie fett haben will wegen dem Fleisch, oder doch eher mehr Eier ernten will, sollte man sich für eine davon entscheiden. Ich selbst halte die Altflussdorfer Hühner, die sind ein guter Mittelweg. Bei denen gibt es allerdings einiges zu beachten - du schreibst ja noch gar nicht, hol dir Pergament und Tinte aus dem Nebenraum!". Er lachte, Lyx lachte, doch es handelte sich nicht um einen Scherz und so fand er sich wenig später vor dem Zettel und seinen Notizen zur Hühnerhaltung wieder.

Verfasst: Mittwoch 26. Juli 2017, 16:56
von Lyx Landerwal
Vergangenheit & Gegenwart


Wie hatte er nur so blind sein können? Jetzt, genau in diesem Moment, waren seine Erinnerungen wieder so fürchterlich frisch und er sah vor seinem inneren Auge, wie die Tinktur den Weg in den Weinbecher fand. Und auch wenn er nicht daran denken wollte, wusste er haargenau, welchen weiteren Verlauf die Geschichte nehmen würde. Nichtsahnend griff er nach dem Gefäß und nahm mehrere, tiefe Schlücke. Ja, damals hatte er sich tatsächlich über den bitteren Geschmack gewundert, aber Weinkenner war er nie und würde er nun auch niemals werden. Bitter war auch das Gefühl nach dem ewig langen, inneren Konflikt zu unterliegen.

In den ersten Tagen war von den Wirkungen des Giftes noch nichts zu bemerken; leichtes Unwohlsein war immerhin kein Grund sich den Kopf zu zerbrechen. Auch die Fieberschübe wurden als vorübergehende Erscheinung abgetan, ebenso wie das Husten, das von Tag zu Tag schlimmer wurde. Als Lyx dann schließlich das Schiff betreten hatte und schon am ersten Abend vom Wellengang dermaßen durchgebeutelt worden war, hatte ihn sämtliche Kraft verlassen und er verkroch sich hinter den Fässern der Fracht. Spätestens als er beim Husten in die offene Hand die ersten Blutstropfen vorfand, wusste er woran er war. Höchstpersönlich hatte er das Gift aus einem anderen Grund besorgt und da er so genau über die Substanz Bescheid wusste, war ihm auch klar, dass bereits jede Rettung zu spät kam.

In den letzten Atemzügen hatte er das Glück von Menschen umgeben zu sein, die ihm etwas bedeuteten und alles in ihrer Macht befindliche taten, ihn noch aus den Klauen des Todes zu erretten. Ihre Stimmen konnte er nur noch dumpf vernehmen, während das gehässige Gelächter einer bekannten Stimme hell und klar wie Nadeln in sein Trommelfell stach. "Wir machen die Dinge auf meine Weise, oder gar nicht. Ich habe es dir gesagt, Landerwal, aber du wolltest ja nicht hören. Siehst du, wohin es dich gebracht hat?". Doch noch während er verspottet wurde, begann das grelle, göttliche Licht sich auszubreiten und riss seinen Kontrahenten mit gnadenloser Härte aus dieser Welt. Herr Knopf war tot und die erleichternde Gewissheit, alleine vor die Götter zu treten, brachte den rothaarigen Schreiber ein letztes Mal zum Lächeln. Ein letzter Atemzug und Lyx Landerwal war gestorben. Für immer!