Dunkle Erinnerungen...
Verfasst: Freitag 5. Mai 2006, 02:59
Dunkelheit...
Leise knisterte das Stroh, als Llynya Nemeton sich mit offenen Augen auf ihrer Schlafstätte auf den Rücken drehte. Sehnsuchtsvoll seufzte sie in die Finsternis ihrer Kammer und versuchte sich zu erinnern wie sie nur in diese Situation gekommen war.
Erinnerungen...
Vater... Lavrans Nemeton entstammte dem Geschlecht, das man auf der kleinen Insel Skog, etwas westlich von Gerimor, die Lagmannssöhne nannte. Lavrans hatte sich bereits in jungen Jahren verheiratet; er war erst 19 Jahre alt gewesen, und er war zwei Jahre älter als seine Frau. Als Heranwachsender war er im Gefolge des Königs gewesen und hatte eine gute Erziehung genossen; aber nach seiner Heirat lebte er ruhig auf seinem Gehöft Maelienydd, denn Edmee, seine Frau, war etwas scheu und fühlte sich nicht wohl unter den Menschen östlich im Lande.
Im übrigen waren die Leute auf Maelienydd sehr geachtet und auch beliebt, hauptsächlich Lavrans, denn er war als ein starker und mutiger Mann bekannt, aber auch als friedliebend, ruhig und rechtschaffen, gleichmäßig in seinem Tun und Lassen, von höfischem Wesen; er war ein besonders tüchtiger Landwirt und ein großer Weidmann, sehr hitzig in der Jagd auf Wolf und Bär und alle Arten von Raubwild. Er vereinigte in wenigen Jahren viele Ländereien unter seinen Händen, aber er war ein guter und hilfsbereiter Hausvater gegen seine Pächter. Lavrans hatte schulterlanges blondes Haar und einen kurzen Bart. Seine Haut war braun und von Wind und Wetter gegerbt. Seine Augen jedoch waren von dunklem tiefen blau.
Von Edmee bekamen die Leute nicht viel zu sehen, waren sich jedoch darüber einig, dass sie die schönste Frau der ganzen Insel sei. Schön war sie immer gewesen, doch man sagte, dass sie an Anmut gewonnen hatte, da sie sich verheiratet hatte. Ihr Haar war schwarz wie die Nacht, ebenso ihre Augen mit einem stillen Leuchten darin. Ihre vollen und roten Lippen hoben sich deutlich von ihrer blassen Haut ab.
Llynya wurde in einer gewittrigen Nacht geboren. Lange hatte die zierliche Mutter in den Wehen gekämpft und man befürchtete, dass Edmee den Morgen nicht mehr sehen würde. So beteten Lavrans und alle Bediensteten des Hofes die ganze Nacht zu Temora für ihre Güte und wider aller Erwartungen erstarkte Llynyas Mutter und blühte unter dem Segen des Kindes vollkommen auf.
Mutter... Eine von Llynyas ersten Erinnerungen war das sanfte Gesicht ihrer Mutter, das liebevoll auf sie herabblickte. Ihre schwarzen langen Haare umrahmten ihr Gesicht und fielen auf sie herab. Ihre roten Lippen umspielte ein Lächeln. Ihre schlanken und blassen Finger spielten mit ihren kleinen Händen.
Erinnerungen...
Abermals seufzte Llynya in die Dunkelheit hinein, als sie sich des Gesichts ihrer Mutter erinnerte. Bald würde der Morgen dämmern und ein weiterer Tag der Demütigungen und Schmach beginnen. Sie rollte sich zur Seite und zog sich ihre Knie bis unter das Kinn hoch. Wie lang war sie nun schon hier? Zwei Jahre? Drei Jahre? Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Ihr früheres Leben mit ihren Eltern schien ihr viel kürzer zu sein. Die Zeit vergeht schnell, wenn man glücklich ist...
Rasch wuchs Llynya zu einem fröhlichen und glücklichen Kind heran. Ihre Haare waren ebenso nachtschwarz, wie die der Mutter, ihre Augen von demselben tiefen und dunklem blau, wie das des Vaters. In ihrem dritten Lebensjahr erhielt Llynya ihre Tätowierung in Form einer Schlange, die sich von ihrer Stirn bis hinab auf ihren Nasenrücken zog – das Zeichen der Familie Nemeton. Stunden spielte sie als Kind auf dem Hof und auf den Feldern mit den Tieren des Hofes, stets ein leises Lied und ein Lächeln auf den Lippen.
Tiere... Sie waren schon immer ihr Anker gewesen. In den sanften Augen einer Kuh, in den treuen Blicken eines Hundes, in dem selbstbewussten Willen einer Katze oder in den freien Gedanken eines Pferdes lag Llynyas Seele und Verständnis.
Erinnerungen...
Langsam wurde es heller. Llynya hasste die Dunkelheit und dennoch mochte sie diese um vieles mehr als das Licht des Tages. Licht bedeutete endlose Arbeit, der Geruch von Alkohol und Schmerzen. Sehr langsam richtete sie sich auf ihrem Lager aus Stroh auf und starrte in Richtung der Tür, wohl wissend, dass sie abgeschlossen war. Mit erschöpften Fingern zog sie sich die Schuhe an.
Alles hatte sich an einem Tag verändert. Ein Tag, der ihr zukünftiges Leben für immer auf den Kopf stellen würde. Der dunkelste Tag, der die scheinbar endlose Finsternis nach sich zog.
Llynya kehrte von einem Ausritt zurück. Sie war zu jener Zeit 13 Jahre alt. Mit Entsetzen erblickte sie eine schwarze Rauchwolke, die sich von Maelienydd wie eine Schlange in den Himmel wand. Ausgerechnet eine Schlange... Sie spornte ihr Pferd zu einem gestreckten Galopp an. Schreckliche Gedanken schossen ihr durch den Kopf. In ihrem Herzen wusste sie, dass es bereits zu spät war... Zu spät für ihre Eltern, ihren Hof, sie selbst, ihre Seele. Dennoch jagte sie in wilder Verzweiflung auf das Gehöft zu, Tränen liefen ihr aus den Augen. Schon von der Entfernung konnte sie die Verwüstung sehen, das Wohnhaus und die Felder standen in Flammen. Der Stall war aufgebrochen und viele ihrer Tiere lagen in einer Blutlache am Boden. „Vater... Mutter...“, immer wieder schrie sie nach ihnen, während sie dem Hof immer näher kam. Als sie das aufgebrochene Tor erreichte, sprang sie vom Pferd und rannte auf den Hofplatz. Nur das Knistern des Feuers war zu hören. Llynya eilte in Richtung des Wohnhauses und riss die noch nicht brennende Tür auf. Zum letzten Mal erblickte sie ihre Eltern. Beide lagen in einer dunklen Blutlache auf dem Boden, aus dessen Ritzen Feuer schlug. Lavrans hielt in seiner Rechten noch eine Axt umklammert, seine linke Hand umfasste die Hand seiner Frau Edmee. Sie waren bereits tot, ihre Gesichter entspannt und doch so fremd. Llynya schien es, als hätten sie ihre Körper verlassen und nur die leeren Hüllen zurückgelassen. Llynyas laute Schreie hallten über den Hof, das Feld, bis zum nahen Wald. Das Feuer griff nach ihrem Rock und sie wünschte sich nichts sehnlicher als nun in diesem unterzugehen. Ein Balken stürzte in den Raum und versperrte ihr die Sicht auf ihre Eltern. Sie wollte zu ihnen, bei ihnen sein, neben ihnen sterben. Gerade als sie das Haus betreten wollte, spürte sie einen harten Schlag auf den Hinterkopf. Dann Dunkelheit...
Erinnerungen...
Eine einsame Träne rann Llynya über die Wange und tropfte von ihrem Kinn, als sie ihrer Eltern gedachte. Das war nun über drei Jahre her... Der Tod ihrer Eltern war tragisch, aber nichts hatte sie darauf vorbereitet, was folgen sollte. Ein Sonnenstrahl fiel durch ein Loch in der Wand und traf auf ihr Lager auf Stroh, wo er zu einem goldenen Stern in dem düsteren Zimmer wurde.
Als es wieder heller wurde und sie die Augen öffnen konnte, spürte sie zunächst nur den Schmerz in ihrem Kopf. Er dröhnte, pochte und brannte. Dann nahm sie langsam Schemen um sich herum wahr. Ein düsteres Zimmer... ein Hocker... eine Tür. Es dauerte noch einige Minuten ehe sie es schafft ihren Oberkörper in eine aufrechte Position zu bringen ohne, dass sie vom Schwindelgefühl übermannt wurde. Dann blickte sie sich langsam in dem dämmrigen Raum um. Sie lag auf einem muffigen Strohlager am Boden, der Boden selbst war nur festgetretene Erde. Die Wände bestanden aus Holzbohlen, die allerdings recht stabil auf einige Holzbalken genagelt waren. Fenster hatte der Raum keine. Auf dem kleinen dreibeinigen Hocker lag eine Scheibe Brot und ein Krug Wasser. Schnell lief Llynya zur Tür, nur um nach dem plötzlichen Aufstehen kurz davor zusammenzubrechen und nur noch bunte Punkte vor ihren Augen tanzen zu sehen. Sie griff blind nach der Türklinke. Verschlossen... Wer hatte sie in dieser Kammer eingeschlossen? Was war nur geschehen? Sie legte ihr Gesicht in die Hände und begann übermannt von der Erinnerung an die letzten Geschehnisse zu schluchzen. Sie weinte so lange bis sie keine Tränen mehr in sich hatte und ihr schlecht wurde. Dann rollte sie sich am Boden neben der Tür zusammen und schlief vor Erschöpfung wieder ein.
Das nächste Mal wurde Llynya von einem unsanften Tritt in die Seiten geweckt. Als sie die Augen öffnete, sah sie ein paar schwere Stiefel, in welchen eine abgenutzte braune Hose steckte. Und es stank nach einer widerlichen Mischung aus Schnaps, Bier und Wein. Langsam blickte sie an der Person hoch. „Hör mir gut zu, Gör! Ich hab dein Leben gerettet und wennste hier brav arbeitest, kriegste auch was zu essen dafür, hörste mich?“, sprach er in einer tiefen, lallenden Stimme. Das braune Hemd war ebenso abgenutzt wie die Hose und spannte sich über einen mächtigen Bierbauch. Der Mann war wohl um die 50 Jahre alt mit einigen tiefen Falten im Gesicht. Ein dichter Bart umrahmte seine wulstigen Lippen. Seine braunen Haare lagen in fettigen Strähnen an seinem Kopf. Ängstlich blickte Llynya zu jenem Mann, der wie sie erst sehr viel später erfuhr Tikus Fanion hieß, hoch. Jener zerrte sie auf die Beine und schleppte sie nach draußen. Llynya erblickte einen ungepflegten Hofplatz, einen zerfallenden Stall und einige verkümmerte Tiere auf nackten Weiden. Die Felder waren unbestellt und es stank. „Hier haste ma was zu tun, Gör!“, fuhr der Mann sie an und mit diesen Worten machte er sich auf Richtung Veranda, wo er sich mit einer Flasche Schnaps hinsetzte und sie beobachtete. Llynya begann zu arbeiten...
So ging es nun Tag um Tag. Sie wurde aus dem ehemaligen Geräteraum gezerrt, arbeitete den ganzen Tag und wurde am Abend wieder darin eingeschlossen. Niemals wurden ihre Fragen beantwortet, was denn in Maelienydd geschehen war, was sie denn nur verbrochen hatte... Fragte sie zu lange, oder arbeitete nicht soviel oder so gut wie Tikus Fanion es wünschte, oder hatte er auch nur einen schlechten Tag hagelte es Schläge. Am Schlimmsten war jedoch der immerwährende Gestank von Alkohol, der von Tikus Fanion ausging und sich scheinbar in alles, was er berührte oder nur ansah, einsog. Jeden Abend weinte Llynya sich in den Schlaf, nichts verstehend, alles vermissend.
Im ersten Jahr durfte sie sich niemals außerhalb seines Blickfeldes aufhalten, aber nachdem sie ihm immer gehorsam folgte und nicht mehr widersprach, gestattete er ihr eines Tages mit ihm die Ruine des Gehöfts Maelienydd zu besuchen, damit sie um ihre Eltern trauern könnte. Langsam ging Llynya auf ihre Vergangenheit zu, die wie das Haus in dem sie gewohnt hatte, zu einer Ruine aus verkohlten Balken bestand. Tikus war zurückgeblieben, sie spürte aber seinen Blick auf ihrem Rücken. Sie fühlte noch die heiße Asche auf ihrem Haupt, als sie vor der ehemaligen Schwelle niederkniete und zu Temora für die Seelen ihrer Eltern betete. Von ihnen war jetzt wohl nicht viel mehr übrig als Staub und Erde. Die Körper zerfallen, wie Häuser zerfallen, aus denen die Menschen fortgezogen sind. Sie dachte an ihre lieben Toten – an deren Mienen und deren Stimmen und Lächeln und Gewohnheiten und Tun und Lassen –; sie selbst waren in jenes andere Land hinübergegangen, es war so schmerzlich, an ihre Gestalten zu denken; es war wie die Erinnerung an das eigene Heim, wenn man wusste, dass es jetzt öde stand und dass die verfaulenden Balken zusammenstürzten. Lang kniete sie dort und hielt ihre Gedanken an Bilder des Todes und an den Verfall zeitlicher Dinge. Und sie vermochte nicht, ihre Seele so weit zu erheben, dass sie einen Schimmer jenes Landes erblickte, wo die Toten waren, wo alle Liebe, Güte und Treue schließlich hinfloss und währte. Ihr aber halfen auch die Gedanken daran nicht. Ihr war, als müsse, wenn ihr müder Leib endlich unter einem Stein verfaulte, immer noch ihre unruhige Seele irgendwo in der Nähe umherflattern, so wie ein unseliges Gespenst klagend um die zusammengesunkenen Häuser dieses öden Hofes irrt. Wenig später kam Tikus und zerrte sie zurück auf seinen Hof.
Erinnerungen...
Wütend ballte Llynya eine Hand zur Faust. Wie sie diesen Mann hasste, diesen nach Alkohol-stinkenden, brutalen und widerlichen Sack! Alle Fluchtversuche waren vergeblich gewesen, hatte er sie doch immer wieder eingefangen und anschließend verprügelt.
Schon hörte sie seine schweren Schritte auf dem Platz draußen immer näher kommen. Unendlicher Hass... Ein Riegel wurde zurückgeschoben. Unendlicher Hass... Die Tür wurde geöffnet und sie sah seinen Schemen gegen das Licht der aufgehenden Sonne. Unendlicher Hass...
„Nun, heut issn ganz besonderer Tag, Gör!“, brummte er. Eine Schwall von Alkoholgeruch schlug Llynya entgegen. „Nachdem du ja heut 17 Jahre wirst, biste ja alt genug dirn Mann zu nehmen.“ Er machte eine kurze Pause, in der sich Gedanken im Llynyas Kopf überschlugen. „Mich.“ Breit grinste er sie an. Das konnte doch nicht... Wie immer packte er sie am Handgelenk und zerrte sie aus dem kleinen Hüttchen. Doch anstatt sie wie sonst immer in Richtung Scheune zu ziehen, schlug er den Weg zu seinem Wohnhaus ein. Panik keimte in Llynya auf. Sie begann zu weinen, zu schreien... Es half nichts. Unerbittlich hielt er in einem eisernen Griff ihr Handgelenk umklammert. Er schleifte sie über die Stufen, die zur Schwelle führten. Weiter schleifte er sie durch den dreckigen Flur in sein Schlafzimmer. In dem Haus war der Gestank des Alkohols noch viel schlimmer. Im Schlafzimmer angekommen, warf er sie aufs Bett und machte sich an seiner Hose zu schaffen. Irgendeinen Ausweg suchend, durchsuchte Llynya das Zimmer mit Blicken. Wenn ihr nur nicht so schlecht wäre... Tikus packte sie und zerriss ihr Hemd. Llynya schrie auf und hielt die Hände vor sich. Da! Neben dem Nachtkästchen blitzte etwas... ein Messer! Er packt ihren Kopf und drückte seine Lippen auf die Ihren. Llynya meinte, sie müsse sich übergeben. Mit der Hand tastete sie den Boden ab, immer wieder entglitt das Messer ihren Fingern. Tikus riss sich das Hemd vom Leib und warf sich auf sie. „Das gefällt dir, was?“, keuchte er. Ihre Hand schloss sich um den Griff des Messers. Unendlicher Hass... Sie riss ihren Arm nach oben und stieß zu. Das Messer bohrte sich tief in seine Schulter. Llynya konnte seinen ungläubigen Blick sehen. Er fiel zur Seite und sah sie an. Llynya zog das Messer wieder heraus. Unendlicher Hass... Der Geruch... Wieder rammte sie das Messer in seinen zuckenden Körper. Unendlicher Hass... Der Geruch... Seine Hände... Sie riss das Messer heraus und stieß es wieder in ihn hinein. Unendlicher Hass... Der Geruch... Seine Hände... Extase... Wieder und wieder fuhr das Messer in seinen Körper. Sein Blut benetzte ihre Kleider, ihre nackte Brust, ihr Gesicht. Noch nie hatte Llynya sich so frei gefühlt! Als sein Blick brach und seine Seele schwand, sah sie ihm in die Augen. Einige Minuten saß sie nur da und blickte auf seine Leiche, während sein Blut ihren Körper hinablief. Dann fiel sie vom Bett und übergab sich. Von Krämpfen geschüttelt taumelte sie aus dem Haus. Was hatte sie nur getan? Am Hofplatz verlor sie das Bewusstsein.
Sie erwachte am Abend. Die Sonne ging gerade unter. Langsam richtet sich Llynya auf. An ihren Händen, an ihrer Kleidung, überall auf ihrer Haut klebte sein getrocknetes Blut. Es schien sich durch ihre Poren in sie hineinzusaugen. Abermals übergab sie sich. Dann sprang sie, noch immer von Krämpfen geschüttelt und von dem Entsetzen über ihre Tat aufgeschreckt, auf und begann zu rennen. Über die Felder, über die Wiesen, durch den Wald rannte sie und konnte nicht anhalten bis es vollkommen dunkel war. An einem kleinen Weiher im Wald brach sie keuchend zusammen. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, sah nur Tikus brechenden Blick. Irgendwann schlief sie ein und wurde von Alpträumen geplagt, durchlebte immer wieder Tikus` Ermordung. Am Morgen erwachte sie mit zerschlagenen Gliedern und einem kranken Geist. Sie ging in den kleinen Weiher und wusch sich mehrere Stunden bis sie das Gefühl hatte, sein Geruch, sein Blut würden nicht mehr an ihrem Körper haften. Sie wusste nicht, was genau mit ihr geschehen war, sie wusste nur, dass sie weg musste, weg von diesem Geruch, diesem Ort, dieser Insel. Irgendwo neu anfangen und um Vergebung bitten... wen auch immer! Sie machte sich auf den Weg. Einige Tage irrte sie herum bis sie eine Hafenstadt fand. Der Kapitän gewährte ihr für die Überfahrt statt zu zahlen, das Schiffsdeck zu schrubben und zu kochen. Das machte Llynya nichts, sie war Schlimmeres gewohnt. Auf dem Schiff, wenn der salzige Geruch des Meeres ihr ins Gesicht schlug, fühlte sie sich frei und nicht mehr so krank. Dennoch lag immerwährend ein dunkler Schatten auf ihrer Seele und ihrem Geist. Vielleicht wäre es doch besser gewesen in dem Feuer zu vergehen...
Bereits wenige Tage später legte das Schiff in Bajard an und Llynya setzte das erste Mal Fuss auf Gerimor, ihre Gedanken immer bei den Erinnerungen...
Leise knisterte das Stroh, als Llynya Nemeton sich mit offenen Augen auf ihrer Schlafstätte auf den Rücken drehte. Sehnsuchtsvoll seufzte sie in die Finsternis ihrer Kammer und versuchte sich zu erinnern wie sie nur in diese Situation gekommen war.
Erinnerungen...
Vater... Lavrans Nemeton entstammte dem Geschlecht, das man auf der kleinen Insel Skog, etwas westlich von Gerimor, die Lagmannssöhne nannte. Lavrans hatte sich bereits in jungen Jahren verheiratet; er war erst 19 Jahre alt gewesen, und er war zwei Jahre älter als seine Frau. Als Heranwachsender war er im Gefolge des Königs gewesen und hatte eine gute Erziehung genossen; aber nach seiner Heirat lebte er ruhig auf seinem Gehöft Maelienydd, denn Edmee, seine Frau, war etwas scheu und fühlte sich nicht wohl unter den Menschen östlich im Lande.
Im übrigen waren die Leute auf Maelienydd sehr geachtet und auch beliebt, hauptsächlich Lavrans, denn er war als ein starker und mutiger Mann bekannt, aber auch als friedliebend, ruhig und rechtschaffen, gleichmäßig in seinem Tun und Lassen, von höfischem Wesen; er war ein besonders tüchtiger Landwirt und ein großer Weidmann, sehr hitzig in der Jagd auf Wolf und Bär und alle Arten von Raubwild. Er vereinigte in wenigen Jahren viele Ländereien unter seinen Händen, aber er war ein guter und hilfsbereiter Hausvater gegen seine Pächter. Lavrans hatte schulterlanges blondes Haar und einen kurzen Bart. Seine Haut war braun und von Wind und Wetter gegerbt. Seine Augen jedoch waren von dunklem tiefen blau.
Von Edmee bekamen die Leute nicht viel zu sehen, waren sich jedoch darüber einig, dass sie die schönste Frau der ganzen Insel sei. Schön war sie immer gewesen, doch man sagte, dass sie an Anmut gewonnen hatte, da sie sich verheiratet hatte. Ihr Haar war schwarz wie die Nacht, ebenso ihre Augen mit einem stillen Leuchten darin. Ihre vollen und roten Lippen hoben sich deutlich von ihrer blassen Haut ab.
Llynya wurde in einer gewittrigen Nacht geboren. Lange hatte die zierliche Mutter in den Wehen gekämpft und man befürchtete, dass Edmee den Morgen nicht mehr sehen würde. So beteten Lavrans und alle Bediensteten des Hofes die ganze Nacht zu Temora für ihre Güte und wider aller Erwartungen erstarkte Llynyas Mutter und blühte unter dem Segen des Kindes vollkommen auf.
Mutter... Eine von Llynyas ersten Erinnerungen war das sanfte Gesicht ihrer Mutter, das liebevoll auf sie herabblickte. Ihre schwarzen langen Haare umrahmten ihr Gesicht und fielen auf sie herab. Ihre roten Lippen umspielte ein Lächeln. Ihre schlanken und blassen Finger spielten mit ihren kleinen Händen.
Erinnerungen...
Abermals seufzte Llynya in die Dunkelheit hinein, als sie sich des Gesichts ihrer Mutter erinnerte. Bald würde der Morgen dämmern und ein weiterer Tag der Demütigungen und Schmach beginnen. Sie rollte sich zur Seite und zog sich ihre Knie bis unter das Kinn hoch. Wie lang war sie nun schon hier? Zwei Jahre? Drei Jahre? Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Ihr früheres Leben mit ihren Eltern schien ihr viel kürzer zu sein. Die Zeit vergeht schnell, wenn man glücklich ist...
Rasch wuchs Llynya zu einem fröhlichen und glücklichen Kind heran. Ihre Haare waren ebenso nachtschwarz, wie die der Mutter, ihre Augen von demselben tiefen und dunklem blau, wie das des Vaters. In ihrem dritten Lebensjahr erhielt Llynya ihre Tätowierung in Form einer Schlange, die sich von ihrer Stirn bis hinab auf ihren Nasenrücken zog – das Zeichen der Familie Nemeton. Stunden spielte sie als Kind auf dem Hof und auf den Feldern mit den Tieren des Hofes, stets ein leises Lied und ein Lächeln auf den Lippen.
Tiere... Sie waren schon immer ihr Anker gewesen. In den sanften Augen einer Kuh, in den treuen Blicken eines Hundes, in dem selbstbewussten Willen einer Katze oder in den freien Gedanken eines Pferdes lag Llynyas Seele und Verständnis.
Erinnerungen...
Langsam wurde es heller. Llynya hasste die Dunkelheit und dennoch mochte sie diese um vieles mehr als das Licht des Tages. Licht bedeutete endlose Arbeit, der Geruch von Alkohol und Schmerzen. Sehr langsam richtete sie sich auf ihrem Lager aus Stroh auf und starrte in Richtung der Tür, wohl wissend, dass sie abgeschlossen war. Mit erschöpften Fingern zog sie sich die Schuhe an.
Alles hatte sich an einem Tag verändert. Ein Tag, der ihr zukünftiges Leben für immer auf den Kopf stellen würde. Der dunkelste Tag, der die scheinbar endlose Finsternis nach sich zog.
Llynya kehrte von einem Ausritt zurück. Sie war zu jener Zeit 13 Jahre alt. Mit Entsetzen erblickte sie eine schwarze Rauchwolke, die sich von Maelienydd wie eine Schlange in den Himmel wand. Ausgerechnet eine Schlange... Sie spornte ihr Pferd zu einem gestreckten Galopp an. Schreckliche Gedanken schossen ihr durch den Kopf. In ihrem Herzen wusste sie, dass es bereits zu spät war... Zu spät für ihre Eltern, ihren Hof, sie selbst, ihre Seele. Dennoch jagte sie in wilder Verzweiflung auf das Gehöft zu, Tränen liefen ihr aus den Augen. Schon von der Entfernung konnte sie die Verwüstung sehen, das Wohnhaus und die Felder standen in Flammen. Der Stall war aufgebrochen und viele ihrer Tiere lagen in einer Blutlache am Boden. „Vater... Mutter...“, immer wieder schrie sie nach ihnen, während sie dem Hof immer näher kam. Als sie das aufgebrochene Tor erreichte, sprang sie vom Pferd und rannte auf den Hofplatz. Nur das Knistern des Feuers war zu hören. Llynya eilte in Richtung des Wohnhauses und riss die noch nicht brennende Tür auf. Zum letzten Mal erblickte sie ihre Eltern. Beide lagen in einer dunklen Blutlache auf dem Boden, aus dessen Ritzen Feuer schlug. Lavrans hielt in seiner Rechten noch eine Axt umklammert, seine linke Hand umfasste die Hand seiner Frau Edmee. Sie waren bereits tot, ihre Gesichter entspannt und doch so fremd. Llynya schien es, als hätten sie ihre Körper verlassen und nur die leeren Hüllen zurückgelassen. Llynyas laute Schreie hallten über den Hof, das Feld, bis zum nahen Wald. Das Feuer griff nach ihrem Rock und sie wünschte sich nichts sehnlicher als nun in diesem unterzugehen. Ein Balken stürzte in den Raum und versperrte ihr die Sicht auf ihre Eltern. Sie wollte zu ihnen, bei ihnen sein, neben ihnen sterben. Gerade als sie das Haus betreten wollte, spürte sie einen harten Schlag auf den Hinterkopf. Dann Dunkelheit...
Erinnerungen...
Eine einsame Träne rann Llynya über die Wange und tropfte von ihrem Kinn, als sie ihrer Eltern gedachte. Das war nun über drei Jahre her... Der Tod ihrer Eltern war tragisch, aber nichts hatte sie darauf vorbereitet, was folgen sollte. Ein Sonnenstrahl fiel durch ein Loch in der Wand und traf auf ihr Lager auf Stroh, wo er zu einem goldenen Stern in dem düsteren Zimmer wurde.
Als es wieder heller wurde und sie die Augen öffnen konnte, spürte sie zunächst nur den Schmerz in ihrem Kopf. Er dröhnte, pochte und brannte. Dann nahm sie langsam Schemen um sich herum wahr. Ein düsteres Zimmer... ein Hocker... eine Tür. Es dauerte noch einige Minuten ehe sie es schafft ihren Oberkörper in eine aufrechte Position zu bringen ohne, dass sie vom Schwindelgefühl übermannt wurde. Dann blickte sie sich langsam in dem dämmrigen Raum um. Sie lag auf einem muffigen Strohlager am Boden, der Boden selbst war nur festgetretene Erde. Die Wände bestanden aus Holzbohlen, die allerdings recht stabil auf einige Holzbalken genagelt waren. Fenster hatte der Raum keine. Auf dem kleinen dreibeinigen Hocker lag eine Scheibe Brot und ein Krug Wasser. Schnell lief Llynya zur Tür, nur um nach dem plötzlichen Aufstehen kurz davor zusammenzubrechen und nur noch bunte Punkte vor ihren Augen tanzen zu sehen. Sie griff blind nach der Türklinke. Verschlossen... Wer hatte sie in dieser Kammer eingeschlossen? Was war nur geschehen? Sie legte ihr Gesicht in die Hände und begann übermannt von der Erinnerung an die letzten Geschehnisse zu schluchzen. Sie weinte so lange bis sie keine Tränen mehr in sich hatte und ihr schlecht wurde. Dann rollte sie sich am Boden neben der Tür zusammen und schlief vor Erschöpfung wieder ein.
Das nächste Mal wurde Llynya von einem unsanften Tritt in die Seiten geweckt. Als sie die Augen öffnete, sah sie ein paar schwere Stiefel, in welchen eine abgenutzte braune Hose steckte. Und es stank nach einer widerlichen Mischung aus Schnaps, Bier und Wein. Langsam blickte sie an der Person hoch. „Hör mir gut zu, Gör! Ich hab dein Leben gerettet und wennste hier brav arbeitest, kriegste auch was zu essen dafür, hörste mich?“, sprach er in einer tiefen, lallenden Stimme. Das braune Hemd war ebenso abgenutzt wie die Hose und spannte sich über einen mächtigen Bierbauch. Der Mann war wohl um die 50 Jahre alt mit einigen tiefen Falten im Gesicht. Ein dichter Bart umrahmte seine wulstigen Lippen. Seine braunen Haare lagen in fettigen Strähnen an seinem Kopf. Ängstlich blickte Llynya zu jenem Mann, der wie sie erst sehr viel später erfuhr Tikus Fanion hieß, hoch. Jener zerrte sie auf die Beine und schleppte sie nach draußen. Llynya erblickte einen ungepflegten Hofplatz, einen zerfallenden Stall und einige verkümmerte Tiere auf nackten Weiden. Die Felder waren unbestellt und es stank. „Hier haste ma was zu tun, Gör!“, fuhr der Mann sie an und mit diesen Worten machte er sich auf Richtung Veranda, wo er sich mit einer Flasche Schnaps hinsetzte und sie beobachtete. Llynya begann zu arbeiten...
So ging es nun Tag um Tag. Sie wurde aus dem ehemaligen Geräteraum gezerrt, arbeitete den ganzen Tag und wurde am Abend wieder darin eingeschlossen. Niemals wurden ihre Fragen beantwortet, was denn in Maelienydd geschehen war, was sie denn nur verbrochen hatte... Fragte sie zu lange, oder arbeitete nicht soviel oder so gut wie Tikus Fanion es wünschte, oder hatte er auch nur einen schlechten Tag hagelte es Schläge. Am Schlimmsten war jedoch der immerwährende Gestank von Alkohol, der von Tikus Fanion ausging und sich scheinbar in alles, was er berührte oder nur ansah, einsog. Jeden Abend weinte Llynya sich in den Schlaf, nichts verstehend, alles vermissend.
Im ersten Jahr durfte sie sich niemals außerhalb seines Blickfeldes aufhalten, aber nachdem sie ihm immer gehorsam folgte und nicht mehr widersprach, gestattete er ihr eines Tages mit ihm die Ruine des Gehöfts Maelienydd zu besuchen, damit sie um ihre Eltern trauern könnte. Langsam ging Llynya auf ihre Vergangenheit zu, die wie das Haus in dem sie gewohnt hatte, zu einer Ruine aus verkohlten Balken bestand. Tikus war zurückgeblieben, sie spürte aber seinen Blick auf ihrem Rücken. Sie fühlte noch die heiße Asche auf ihrem Haupt, als sie vor der ehemaligen Schwelle niederkniete und zu Temora für die Seelen ihrer Eltern betete. Von ihnen war jetzt wohl nicht viel mehr übrig als Staub und Erde. Die Körper zerfallen, wie Häuser zerfallen, aus denen die Menschen fortgezogen sind. Sie dachte an ihre lieben Toten – an deren Mienen und deren Stimmen und Lächeln und Gewohnheiten und Tun und Lassen –; sie selbst waren in jenes andere Land hinübergegangen, es war so schmerzlich, an ihre Gestalten zu denken; es war wie die Erinnerung an das eigene Heim, wenn man wusste, dass es jetzt öde stand und dass die verfaulenden Balken zusammenstürzten. Lang kniete sie dort und hielt ihre Gedanken an Bilder des Todes und an den Verfall zeitlicher Dinge. Und sie vermochte nicht, ihre Seele so weit zu erheben, dass sie einen Schimmer jenes Landes erblickte, wo die Toten waren, wo alle Liebe, Güte und Treue schließlich hinfloss und währte. Ihr aber halfen auch die Gedanken daran nicht. Ihr war, als müsse, wenn ihr müder Leib endlich unter einem Stein verfaulte, immer noch ihre unruhige Seele irgendwo in der Nähe umherflattern, so wie ein unseliges Gespenst klagend um die zusammengesunkenen Häuser dieses öden Hofes irrt. Wenig später kam Tikus und zerrte sie zurück auf seinen Hof.
Erinnerungen...
Wütend ballte Llynya eine Hand zur Faust. Wie sie diesen Mann hasste, diesen nach Alkohol-stinkenden, brutalen und widerlichen Sack! Alle Fluchtversuche waren vergeblich gewesen, hatte er sie doch immer wieder eingefangen und anschließend verprügelt.
Schon hörte sie seine schweren Schritte auf dem Platz draußen immer näher kommen. Unendlicher Hass... Ein Riegel wurde zurückgeschoben. Unendlicher Hass... Die Tür wurde geöffnet und sie sah seinen Schemen gegen das Licht der aufgehenden Sonne. Unendlicher Hass...
„Nun, heut issn ganz besonderer Tag, Gör!“, brummte er. Eine Schwall von Alkoholgeruch schlug Llynya entgegen. „Nachdem du ja heut 17 Jahre wirst, biste ja alt genug dirn Mann zu nehmen.“ Er machte eine kurze Pause, in der sich Gedanken im Llynyas Kopf überschlugen. „Mich.“ Breit grinste er sie an. Das konnte doch nicht... Wie immer packte er sie am Handgelenk und zerrte sie aus dem kleinen Hüttchen. Doch anstatt sie wie sonst immer in Richtung Scheune zu ziehen, schlug er den Weg zu seinem Wohnhaus ein. Panik keimte in Llynya auf. Sie begann zu weinen, zu schreien... Es half nichts. Unerbittlich hielt er in einem eisernen Griff ihr Handgelenk umklammert. Er schleifte sie über die Stufen, die zur Schwelle führten. Weiter schleifte er sie durch den dreckigen Flur in sein Schlafzimmer. In dem Haus war der Gestank des Alkohols noch viel schlimmer. Im Schlafzimmer angekommen, warf er sie aufs Bett und machte sich an seiner Hose zu schaffen. Irgendeinen Ausweg suchend, durchsuchte Llynya das Zimmer mit Blicken. Wenn ihr nur nicht so schlecht wäre... Tikus packte sie und zerriss ihr Hemd. Llynya schrie auf und hielt die Hände vor sich. Da! Neben dem Nachtkästchen blitzte etwas... ein Messer! Er packt ihren Kopf und drückte seine Lippen auf die Ihren. Llynya meinte, sie müsse sich übergeben. Mit der Hand tastete sie den Boden ab, immer wieder entglitt das Messer ihren Fingern. Tikus riss sich das Hemd vom Leib und warf sich auf sie. „Das gefällt dir, was?“, keuchte er. Ihre Hand schloss sich um den Griff des Messers. Unendlicher Hass... Sie riss ihren Arm nach oben und stieß zu. Das Messer bohrte sich tief in seine Schulter. Llynya konnte seinen ungläubigen Blick sehen. Er fiel zur Seite und sah sie an. Llynya zog das Messer wieder heraus. Unendlicher Hass... Der Geruch... Wieder rammte sie das Messer in seinen zuckenden Körper. Unendlicher Hass... Der Geruch... Seine Hände... Sie riss das Messer heraus und stieß es wieder in ihn hinein. Unendlicher Hass... Der Geruch... Seine Hände... Extase... Wieder und wieder fuhr das Messer in seinen Körper. Sein Blut benetzte ihre Kleider, ihre nackte Brust, ihr Gesicht. Noch nie hatte Llynya sich so frei gefühlt! Als sein Blick brach und seine Seele schwand, sah sie ihm in die Augen. Einige Minuten saß sie nur da und blickte auf seine Leiche, während sein Blut ihren Körper hinablief. Dann fiel sie vom Bett und übergab sich. Von Krämpfen geschüttelt taumelte sie aus dem Haus. Was hatte sie nur getan? Am Hofplatz verlor sie das Bewusstsein.
Sie erwachte am Abend. Die Sonne ging gerade unter. Langsam richtet sich Llynya auf. An ihren Händen, an ihrer Kleidung, überall auf ihrer Haut klebte sein getrocknetes Blut. Es schien sich durch ihre Poren in sie hineinzusaugen. Abermals übergab sie sich. Dann sprang sie, noch immer von Krämpfen geschüttelt und von dem Entsetzen über ihre Tat aufgeschreckt, auf und begann zu rennen. Über die Felder, über die Wiesen, durch den Wald rannte sie und konnte nicht anhalten bis es vollkommen dunkel war. An einem kleinen Weiher im Wald brach sie keuchend zusammen. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, sah nur Tikus brechenden Blick. Irgendwann schlief sie ein und wurde von Alpträumen geplagt, durchlebte immer wieder Tikus` Ermordung. Am Morgen erwachte sie mit zerschlagenen Gliedern und einem kranken Geist. Sie ging in den kleinen Weiher und wusch sich mehrere Stunden bis sie das Gefühl hatte, sein Geruch, sein Blut würden nicht mehr an ihrem Körper haften. Sie wusste nicht, was genau mit ihr geschehen war, sie wusste nur, dass sie weg musste, weg von diesem Geruch, diesem Ort, dieser Insel. Irgendwo neu anfangen und um Vergebung bitten... wen auch immer! Sie machte sich auf den Weg. Einige Tage irrte sie herum bis sie eine Hafenstadt fand. Der Kapitän gewährte ihr für die Überfahrt statt zu zahlen, das Schiffsdeck zu schrubben und zu kochen. Das machte Llynya nichts, sie war Schlimmeres gewohnt. Auf dem Schiff, wenn der salzige Geruch des Meeres ihr ins Gesicht schlug, fühlte sie sich frei und nicht mehr so krank. Dennoch lag immerwährend ein dunkler Schatten auf ihrer Seele und ihrem Geist. Vielleicht wäre es doch besser gewesen in dem Feuer zu vergehen...
Bereits wenige Tage später legte das Schiff in Bajard an und Llynya setzte das erste Mal Fuss auf Gerimor, ihre Gedanken immer bei den Erinnerungen...